Community, Spenden und Prämien: Die Finanzierung von elementaryOS

Vor kurzem habe ich mit einigen Rechenbeispielen gezeigt, dass die Offene Bibel höchstwahrscheinlich dauerhaft auf Finanzierung angewiesen ist, wenn es irgendwann einmal fertig werden soll mit der Übersetzung. Ein Projekt wie unseres muss aber kreativ sein, um dazu Geldquellen zu erschließen.

Dies ist der zweite Beitrag in einer Reihe, in der ich untersuche, wie andere Open-Source-Projekte vorgehen, die wie wir kein Produkt verkaufen können, aber dennoch dessen Entwicklung finanzieren wollen. Im ersten Blog habe ich den freien Windows-Nachbau ReactOS vorgestellt.

Fallstudie #2 ist elementaryOS. Das ist eine Linux-Distribution, die von einer kleinen, aber engagierten Community entwickelt wird. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist das ästhetische und durchdachte Design. elementaryOS ist ziemlich beliebt; bei DistroWatch ist das Projekt zurzeit die 7.-beliebteste Linux-Distribution. Vor kurzer Zeit erschien die Version "Freya" des Ubuntu-Derivats.

Für unsere Zwecke sind zwei Dinge interessant: 1. Woher das Kapital kommt und und 2. Wie es eingesetzt wird.

1. Geldquellen
Es gibt keinen kommerziellen Geldgeber. Die Community trägt also die gesamte Entwicklung. Das ist bemerkenswert, weil das kaum einer anderen Linux-Distribution gelingt. Von rund 30 elementary-Entwicklern arbeiten offenbar zwei vollzeitlich. (Quelle 1) (Quelle 2)

Die genauen Einnahmen, deren Quellen und Verteilung macht das Projekt leider nicht öffentlich. Ich konnte beispielsweise nicht herausfinden, ob die beiden erwähnten Vollzeit-Entwickler tatsächlich mit den gleich vorgestellten Methoden finanziert werden. Es gibt offenbar nur drei Einnahmequellen:

Gleich auf der Homepage des Projekts findet sich die erste. Wer das System herunterladen will, der kann auf einen von vier Download-Knöpfen drücken: Auf dem ersten steht $10, auf dem zweiten $25, auf dem dritten $50. Wer nicht zahlen möchte, muss auf den vierten Knopf "Andere" klicken und "0" eingeben. Davon mag man halten, was man will, es scheint zu funktionieren.

Zweitens hat elementaryOS einen Webstore, wo man T-Shirts und andere Fan-Utensilien bestellen und damit die Entwickler unterstützen kann (Hat die Offene Bibel übrigens auch!).

Die dritte Einnahmequelle finde ich am spannendsten. Über den Webdienst Patreon können Unterstützer ein Spendenabo abschließen. Daneben sind auch einmalige Spenden möglich. Der Clou: Auf Patreon.com kann man, ähnlich wie auf den bekannten Crowdfunding-Seiten, Finanzierungsziele und Belohnungen für Unterstützer ausschreiben. elementaryOS schickt zum Beispiel allen Gönnern von $15/Monat oder mehr ein T-Shirt. Als Ziele hat man Summen angegeben, mit denen man Entwickler teil- oder vollzeit bezahlen könnte.

Als ich vor 2 Wochen zum ersten Mal nachschaute, hatte elementaryOS gerade einmal 80 Dauerspender, die zusammen gut $500 aufbrachten. Jetzt (26.4.15) sind es immerhin schon 107, die monatlich $737 spenden. Es scheint sich einiges zu tun, seit man vor kurzem "Freya" veröffentlicht hat.
 
2. Wie das Geld eingesetzt wird
Hier könnten wir uns vielleicht etwas abschauen: Offenbar fließt das gesammelte Geld zu großen Teilen in Prämien für Entwickler. Dazu benutzt man bountysource.com – schreibt dort beispielsweise für Bugfixes Geldsummen aus. Soweit ich verstehe, steht es jedem offen, die Prämien einzufordern – aber auch eigene auszuschreiben. Das gibt Unterstützern die Möglichkeit, selbst zu steuern, wofür ihre Spende benutzt wird, aber auch, wie viel ihnen eine neue Funktion wert ist.
 
Fazit: Was wir mitnehmen können
Der Ansatz mit den Prämien, die sich jeder Entwickler sichern und die jeder Spender ausschreiben kann, ist sehr spannend. Er erlaubt eine flexible Entwicklung, die ohne Festangestellte auskommt und von der hoffentlich auch die beteiligten Programmierer etwas haben. Etwas in der Art würde ich sehr gerne hier mal ausprobieren.

Das Beispiel zeigt auch, dass relativ wenige finanzielle Unterstützer, die sich einer Sache verschrieben haben, einiges bewegen können. Mit gut 100 Dauerspendern, monatlich $700 garantierten Einnahmen (+X aus einmaligen Spenden und Verkaufserlösen) und einem überzeugenden Produkt schafft es das unabhängige FOSS-Projekt, mit den großen Linux-Distributionen zu konkurrieren. Diese Zahlen wirken auf mich nicht unerreichbar. Die Frage ist, ob wir eine ähnliche Begeisterung auslösen könnten. Bei uns gibt es ja noch vergleichsweise wenig vorzuweisen, und schon gar kein Hochglanz-Produkt, das man sich herunterladen kann. Aber es sagt ja andererseits auch keiner, dass wir uns allein auf Community-Spenden verlassen müssten...

Für mich ist auch die Webseite ein Lehrstück in übersichtlichem Webdesign. Sie präsentiert nicht nur das Projekt im besten Licht, Sie macht auch das Spenden und die Mitarbeit sehr leicht.
Was meint ihr? 

Kommentare

Hallo Ben,
hast du meine Antwort auf deinen vorletzten Blog-Artikel gesehen?dieser Blog-Artikel aus dem Open-Source-Projekt R- hat einige Links zu Studien, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt werden.
Was denkst du - ist das vielleicht der Grund, warum das Markus-Projekt bei seinem Hauptziel (aktive Community vergrößern) weniger erfolgreich war als erhofft? Oder war es ein Problem der Umsetzung, dass sich klar benennen lässt und dass wir bei weiteren Projekten, wie ja von dir angedacht, auf jeden Fall vermeiden können?
Liebe Grüße, Olaf

Meinst du deinen Kommentar zu dem Foren-Thread, wo wir uns über mögliche Pläne ausgesprochen haben? Ja, und ich war sehr ermutigt. Wenn du einen anderen meinst, vermutlich auch, aber dann bräuchte ich einen kurzen Hinweis. :-) 
Danke für den Link. Es ist natürlich eine interessante Hypothese, dass ehrenamtliche Mitarbeiter, einmal bezahlt, dieselbe Arbeit nicht mehr so leicht ehrenamtlich machen werden. Da könnte sehr viel dran sein. In meinem Fall kann ich nur sagen: Es wäre für mich momentan die einzige Möglichkeit, hier ernsthaft weiterzuarbeiten. Ich habe ja auch eine Familie, mit der ich meine Freizeit verbringen möchte und die ich mit meiner Arbeitszeit ernähren muss. In diesem Fall hängt es aber eher mit der seit dem Studium geänderten privaten Situation zusammen als mit der Motivation, mich ehrenamtlich zu beteiligen. Die Motivation zum Übersetzen ist freilich momentan auch nicht die höchste - das liegt aber daran, dass mir beim Rechnen die Ausmaße unseres Vorhabens bewusst geworden sind.
 
Ich kann schwer den Finger darauf legen, warum die Offene Bibel so langsam wächst - das Markusprojekt war ja letztlich nur Symptom. Es könnte zum einen an uns liegen, etwa: 
 - Unsere Vision überzeugt nicht. (Was können wir tun, um sie zu verbessern bzw. besser zu präsentieren?)
 - Unser Produkt überzeugt nicht. (Daran arbeiten wir ja fast unausgesetzt.)
 - Bei unserem Führungspersonal, unseren Entscheidungsstrukturen oder unserer Zusammenarbeit liegt irgendwo der Wurm. 
 
All diese Faktoren könnten zu einem gewissen Grad zutreffen. Ich glaube eher, dass es an den Anforderungen liegt, die mit der Mitarbeit verbunden sind: 
 - Wenig praktischer, unmittelbarer Nutzen für die Übersetzer
 - Hoher Zeitaufwand, der mit gründlicher Arbeit verbunden ist.
 - Potenzielle Übersetzer fühlen sich überfordert oder unterqualifiziert. (Auch dem wirken wir schon seit Jahren entgegen. Ich vermute, wir können das nicht ganz abstellen...)
Einige Umstände kommen noch dazu, die uns von Open-Source-Software unterscheiden: 
 - Die Mitarbeiter können durch ihre Mitarbeit kaum ihre Karriere fördern.
 - Es ist weniger selbstverständlich, dass man sich für die Open-Source-Bewegung einsetzt.
 - Im Vergleich ist die mögliche Mitarbeitergruppe kleiner, die Qualifikation für volle Mitarbeit dabei höher, der Arbeitsaufwand ebenfalls.
Wenn dazu noch die Außendarstellung (gerade die aktuell noch alte Webseite) und der frühe Stand des Projekts kommen, ist es klar, dass es für niemanden besonders verlockend ist, hier Stunden ihrer Freizeit zu investieren. DIe Offene Bibel kann meines Erachtens nur zwei verschiedene Typen von fachlich geeigneten, möglichen Übersetzern anziehen: 
1. Diejenigen, die sich insbesondere für Bibelübersetzung bzw. ihre eigenen exegetischen Fähigkeiten als Theologien interessieren.
2. Diejenigen, die sich insbesondere für die Open-Source-Idee begeistern können und deshalb mitarbeiten.
Nun vermute ich zweierlei: Erstens, dass Gruppe 2 leichter zu motivieren ist, aber möglicherweise nicht so viel leisten könnte wie Gruppe 1, die ja auch fachlich interessiert ist. Zweitens, dass sich Gruppe 1 möglicherweise durch finanzielle Anreize zur (langfristigen) Mitarbeit bewegen ließe. Ich kenne viele junge Theologen, die die Offene Bibel an sich toll finden, aber keine Zeit zur Mitarbeit finden können/andere Prioritäten setzen (müssen) - man kennt das ja, ganz normal. Die Aussicht auf eine Art Belohnung hat die Macht, solche Prioritäten zu verändern, und könnte so allen Beteiligten nutzen.
Trotz der berechtigten Bedenken, die der von dir verlinkte Artikel erhebt - haben wir eine andere Wahl? Ich sehe unser Projektziel ohne den Einsatz von Finanzen ernsthaft gefährdet. (Ohne mich jetzt gleich auf den Weg von elementaryOS festlegen zu wollen.)
Mich hat übrigens ermutigt, dass der Link zu meinem letzten Blogpost auf Facebook ein erstaunlich großes Echo hervorgerufen hat (ist öffentlich einsehbar). Die meisten Äußerungen haben sich nicht speziell auf dieses Thema bezogen, aber es wurde deutlich, dass unsere Community ein echtes Interesse daran hat, das Arbeitstempo zu erhöhen.

Hallo Ben,
ich stimme Deinen Gedanken und Überlegungen zu. Allerdings weiß ich nicht so recht, ob elementaryOS wirklich ein übertragbares Modell für hiesige Verhältnisse ist. Ich habe den Eindruck, das speziell im anglo-amerikanischen Raum die Bereitschaft, mit Spenden gute Ideen zu unterstützen, größer ist als hierzulande, wo es eine doch große Zurückhaltung gibt, für Online-Inhalte zu zahlen.
Dienste wie Patreon (die ja aus Amerika kommen) nutzen z.B. dort viele (Nachwuchs-)Künstler, um beispielsweise die erste Tournee als Singer/Songwriter finanziell sicherzustellen. Das Konzept ist also eine Art Mäzenatentum aus der Cloud. Bountysource kannte ich noch nicht.
Nichtsdestotrotz sind beide Ansätze gut und brauchbar. Wie alles an zündenden Ideen, die von jenseits des großen Teiches kommen, wird es wohl eine Weile dauern, bis sie hier bei uns auch anfangen, Leute für eine fan-based Finanzierung zu begeistern.
Ich finds gut, dass Du an dem Thema dran bist! Und nichts spricht dagegen, dass sich die OfBi in diesem Bereich breit aufstellt.
Den langen Atem werden wir trotzdem brauchen... :-)
Uli

Danke für die Ermutigung, Uli! Ich hatte schon ganz ähnliche Gedanken, was die Umsetzbarkeit in Deutschland angeht. Ich vermute, dass es in unserem Fall am besten funktionieren wird, verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten auszuprobieren. Klar ist aber auch, dass man vorher wissen muss, was man damit anstellen möchte.
Damit die Community das diskutieren kann, will ich noch ein paar weitere Finanzierungsmodelle von Open-Source-Projekten vorstellen. Ich glaube, wir können davon viel lernen.
Ein anderer Grund dafür, dass solche Webdienste wie Patreon in den Staaten besser funktionieren, ist das primitive Bankennetz in den Vereinigten Staaten. Bei vielen Banken sind Überweisungen von Konto zu Konto gar nicht oder nur gegen horrende Gebühren möglich. Stattdessen schreiben die Leute Schecks (!). Es ist also gar nicht so selbstverständlich wie in Deutschland, dass man einfach mal schnell per Onlinebanking einen Dauerauftrag erstellt... Das heißt aber auch, dass man in Deutschland die Chance hat, so etwas eigenständig aufzuziehen. Eine schicke Seite mit einer Kampagne, die um Daueraufträge wirbt, könnte beispielsweise denselben Effekt haben, aber bei uns besser funktionieren.