Was die Offene Bibel von ReactOS lernen kann

Es gibt Open-Source-Projekte, die eine mit der Offenen Bibel vergleichbare Entwicklung nehmen. Dabei finden sie kreative Wege, ihre Arbeit zu finanzieren. In einer Reihe kurzer Fallstudien möchte ich solche Projekte vorstellen. Fallstudie #1: ReactOS.
 
Diese Meldung auf heise.de hat vor einiger Zeit mein Interesse geweckt. Es geht um das Open-Source-Projekt ReactOS, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine freie und voll kompatible Alternative zu Microsoft Windows zu schaffen. Fallen uns da etwa Parallelen auf zu einem anderen Projekt, das uns allen am Herzen liegt?
 
ReactOS arbeitet seit 1996 an einem freien Windows-Kernel, hat aber erst 8 Jahre später eine grafische Oberfläche entwickelt. Seit 2009 gibt es einen Förderverein. Seit 2013 versucht man sich an Fundraising und konnte schließlich letzten Sommer auf Indiegogo $25.000 sammeln. Damit hat man einen Entwickler angestellt und Stipendien für Nachwuchsprogrammierer eingerichtet.
 
Inzwischen bewirbt sich das Projekt als das erste Betriebssystem, das direkt von seiner Community kontrolliert wird. Die Förderer der Indiegogo-Kampagne durften abstimmen, welche Programme als nächstes in dem freien System zum Laufen gebracht werden sollten. Es blieb auch nicht bei der Kampagne: Zurzeit schreibt der Verein mehrere Entwickler-Stellen aus. Offenbar ist weiter Geld vorhanden.

ReactOS ist ein Open-Source-Projekt, das sich eine beinahe unmögliche Aufgabe vorgenommen hat und für das sich möglicherweise nur eine kleine Zielgruppe interessiert. Dennoch hat die Community es geschafft, ihrem Ziel mit cleverem Fundraisung und Community-Arbeit deutlich näher zu kommen. Das macht mir Mut. Gleichzeitig können wir einiges davon lernen.
 
Rasch einige Parallelen:
 - Eine freie Alternative zu etwas Etabliertem.
 - Das Projekt führt lange ein Nischendasein (seit 1996! Ermutigend: Jetzt wird langsam etwas daraus).
 - Es ist auf die freiwillige Zusammenarbeit von Fachkräften angewiesen.
 - Förderung durch einen deutschen Verein.
 - Beide Projekte haben in jüngerer Zeit versucht, mithilfe bezahlter Arbeit ein Schritt voranzukommen.
 
Unterschiede:
 - Es gibt vermutlich eine größere Ziel- und definitiv eine größere potentielle Mitarbeitergruppe. Die Community scheint ein paar Köpfe größer zu sein als unsere.
 - Die Offene Bibel hat den Vorteil, dass wir zwar neue Wege gehen, aber nichts ganz neu erfinden müssen. Gleichzeitig besteht der Nachteil, dass wir dadurch eine kleinere Marktlücke haben.
 - Der ReactOS-Verein finanziert die Entwicklung durch Anstellung eines Entwicklers sowie Stipendien direkt. Ein Weg für die Offene Bibel?
 - Bei uns ist seit dem Markusprojekt wenig passiert. Bei ReactOS scheint das Fundraising seit zu langfristigem Erfolg zu führen.
 
Fazit:
Obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Branchen stammen – im Ansatz sind sich beide Projekte sehr ähnlich. Die positive Entwicklung von ReactOS macht Mut, dass auch die Offene Bibel irgendwann wirklich nutzbar werden kann! Aber es wäre doch toll, wenn wir gleichzeitig eine ähnlich lange Vorlaufzeit, wahrscheinlich von Jahrzehnten, vermeiden könnten, oder? Bezahlte Arbeit kann dazu ein Schlüssel sein, das haben wir aus dem Markusprojekt gelernt, und das zeigt auch das Projekt ReactOS. Ich halte es jedoch für fraglich, ob wir momentan das Mobilisierungspotenzial hätten, um das durch Crowdfunding zu erreichen. Zum Glück gibt es Alternativen – welche, das werde ich hoffentlich demnächst schreiben.