Michael Holmes beantwortete Fragen zum SBLGNT

Über das Blog Evangelical Textual Criticism bekam ich letzte Woche mit, dass Michael Holmes, der Herausgeber des neuen Griechischen Neuen Testaments der SBL, auf Facebook Fragen zum SBLGNT beantworten würde. Mit etwas Verspätung habe ich heute nach den Antworten geschaut. Das Ergebnis ist hier zu finden. In einem Blogeintrag ist er noch einmal auf die drei interessantesten Fragen eingegangen.
Holmes berichtet, er habe 13 Monate an der neuen Ausgabe gearbeitet. Der Text entstand, weil die Society of Biblical Literature eine kritische NT-Ausgabe mit freierem Urheberrecht erstellen wollte. Die schwierigsten Entscheidungen hatte er in Lk 22-24 zu treffen, wo er in Lk 22,19–20, 24,40, 24,51 und 24,52 Klammern setzte; außerdem sonst nur noch in Eph 1:1 (Die Ortsbezeichnung "in Ephesus") und Kol 1:20 (Die Lesart "durch ihn". Zur seltenen Klammersetzung s.a. Fußnote 16 der Einleitung der Ausgabe). (Für den Markusschluss verwendete Holmes Doppelklammern.)
 
Wahl der Textgrundlagen
Ich freue mich besonders, dass er auch recht ausführlich auf meine Frage nach der Wahl der vier zugrunde gelegten älteren Editionen eingegangen ist.
Der Westcott-Hort-Text wurde als Klassiker und Urvater heutiger kritischer Editionen (NA, UBS) ausgewählt. Während Tischendorf zu viel Gewicht auf den von ihm entdeckten Codex Sinaiticus legte, von Sodens textkritische Theorie fehlerbehaftet war und die Arbeit von Vogels, Merk, Bover davon beeinflusst war, bot sich die Edition von Tregelles als hochwertige Alternative an. Die frühen Nestle-Ausgaben waren Westcott/Hort offenbar zu ähnlich, um noch separat berücksichtigt zu werden.
Der Mehrheitstext wird durch die Ausgabe von Robinson-Pierpont repräsentiert; seine Berücksichtigung war Holmes wichtig, weil Holmes ihm an manchen Stellen den Vorzug als Originallesart geben würde. Außerdem gilt der Text noch heute in der orthodoxen Kirche als maßgebend.
Der NIV-Text wurde als urheberrechtlich sichere Lösung dem NA27 vorgezogen; dieser wurde jedoch an allen ca. 235 abweichenden Stellen im Apparatus berücksichtigt. Da die Auswahl an modernen Alternativen relativ eingeschränkt war, galt die Textgrundlange der beliebten englischen Übersetzung NIV (New International Version) als gute Wahl, die alle Abweichungen dokumentiert und von einer "international group of respected scholars" herausgegeben wurde.
 
Wichtige Unterschiede zwischen SBLGNT und dem UBS/NA-Text
Als einige der wichtigen Unterschiede zwischen dem SBLGNT und dem NA27-Text nennt Holmes Mk 14,70 (hier schließt er "καὶ ἡ λαλιά σου ὁμοιάζει" am Versende mit ein); Mt 19,9, "the divorce text" (hier behält er "καὶ ὁ ἀπολελυμένην γαμήσας μοιχᾶται" - "wer eine geschiedene Frau heiratet, begeht Ehebruch"); und das Ende des Römerbriefs, "where instead of NA’s verses 16:23-25-26-27, the SBLGNT edition prints 16:23-24". Hier nimmt er also ein kürzeres Ende (V. 24) anstatt des längeren Endes (Vv. 25-27) an, das er weglässt. Sein Kommentar: "These are the sorts of places where different perceptions of the history of the transmission of the text are more evident."
 
Gegen Vorzug des byzantinischen Texttyps (Mehrheitstext)
Auf Anfrage eines Diskussionsteilnehmers lehnt Holmes die Theorie ab, der byzantinische Texttyp müsse zuverlässiger sein; abgenutzte Manuskripte seien kopiert und entsorgt worden, weshalb es erst MT-Zeugen aus dem 4. Jh. gibt. Dagegen seien fehlerhafte Kopien (andere Texttypen) erhalten, weil man sie weggeworfen hätte.
Er identifiziert das logische Problem dieser Argumentation - die einen Zeugen wurden abgeschrieben, entsorgt und sind verloren, die fehlerhaften Kopien wurden entsorgt und sind deshalb erhalten? In jedem Fall hätten aber die Kirchenväter ausschließlich aus dem alexandrinischen Texttyp zitiert; von keinem einzigen sei ein Zitat aus dem byzantinischen Text belegt.
 
Holmes erwähnt am Rande, dass Wieland Willker (Uni Bremen) den SBL-Text bezüglich der Evangelien analysiert habe.