Neue Kriterien für die Lesefassung

In den letzten Wochen haben wir an einer Neufassung der Übersetzungskriterien für die Lesefassung gearbeitet. Beteiligt haben sich hauptsächlich Sebastian, Ben und ich.
Nun möchte ich unser Ergebnis noch einmal zur abschließenden Diskussion vorstellen.
Zum translationswissenschaftlichen Vorgehen siehe mein letzter Blog-Post.
Unsere Neufassung setzt definierte Übersetzungszwecke voraus, die wir ja bereits offiziell in die Kriterien übernommen haben. Wir schlagen aber eine kleine Umformulierung beim ersten Zweck vor, um ein potenzielles Missverständnis zu vermeiden.
Es folgt nun der Vorschlag. (Einige letzte Umformulierungen sind inhaltlich, aber noch nicht sprachlich mit Ben und Sebastian abgestimmt.)

Unsere Lesefassung soll primär den folgenden drei Zwecken dienen (das schließt eine Verwendung für andere Zwecke natürlich nicht aus):

  • 1. Die Lesefassung soll die Anliegen der Bibeltexte verständlich machen für Menschen, die daran ein aktives Interesse haben, die aber über die Allgemeinbildung hinaus über kein bibelkundliches oder theologisches Vorwissen verfügen.
  • 2. Die Lesefassung soll gut vorlesbar sein (z.B. für Gottesdienste und Andachten). Wo Bibeltexte als Gebete oder Segenstexte geeignet sind, soll unsere Lesefassung diesen Gebrauch ermöglichen.
  • 3. Einzelne Abschnitte sollen in anderen Texten und auf Websites verwendet werden können und daher möglichst selbsterklärend sein.

Daraus ergeben sich folgende Kriterien, an denen die Qualität einer Lesefassung gemessen werden kann:

  • (1) Genauigkeit: Die Lesefassung soll die Anliegen des Urtextes möglichst genau kommunizieren.
    • (a) Hierbei folgen Lesefassung und Studienfassung gemeinsam der plausibelsten wissenschaftlichen Deutung. [Fußnote: Besagt diese plausibelste wissenschaftliche Deutung, dass das Anliegen des Urtextes unklar ist, verwenden wir eine unauffällige und gut etablierte Übersetzung. Bei mehreren ungefähr gleich plausiblen Deutungen bevorzugen wir tendenziell eher die vorsichtigere Deutung vor einer inhaltlich zugespitzten Interpretation. In beiden Fällen setzen wir eine allgemeinverständliche Fußnote mit einem kurzen Hinweis auf das Problem.]
    • (b) Eine relativ wörtliche Übersetzung ohne freie Umformulierungen wird angestrebt, so lange die anderen Kriterien dem nicht entgegenstehen (z.B. Verständlichkeit, inhaltlich genaue Wiedergabe in aktuellem Hochdeutsch, gute Vorlesbarkeit...) [Fußnote: Siehe auch Kategorie Terminologie.]
  • (2) Verständlichkeit: Die Lesefassung soll für Menschen mit normaler Allgemeinbildung (aber ohne bibelkundliches oder theologisches Vorwissen) verständlich sein.
    • (a) Biblisch-theologische Fachsprache wird, so weit möglich, vermieden.[Fußnote: Siehe auch Wortliste zur Qualitätsicherung.] Der kulturelle Kontext soll aber sichtbar bleiben, d.h.: keine anachronistischen Modernisierungen (wie z.B. "Euro" statt "Drachmen")
    • (b) Wo nötig, werden für das Verständnis des Textes wichtige Informationen in Fußnoten erläutert (z.B. biblisches Spezial-Vokabular, kulturgeschichtlicher Kontext, bibelkundliche Zusammenhänge, Mehrdeutigkeiten im Urtext...)
    • (c) In sich abgeschlossenen Textabschnitten sollten nach Möglichkeit so übersetzt werden, dass sie aus sich selbst heraus sprachlich verständlich sind (denn dies erleichtert das Zitieren aus der Lesefassung).
  • (3) Aktuelles Hochdeutsch: Die Lesefassung verwendet aktuelles, angenehm (vor-)lesbares Hochdeutsch.
    • (a) Stil und Gattung der Übersetzung sind so gewählt, dass sie die Anliegen des Urtextes möglichst gut kommunizieren. Eine direkte Übereinstimmung mit Stil und Gattung des Urtextes wird angestrebt, sofern sie ohne Konflikt mit den anderen Kriterien möglich ist.
    • (b) Eine hohe literarische Qualität ist erstrebenswert - insbesondere bei Bibelstellen, die auch im Urtext in gehobener Sprache formuliert sind.
    • (c) Gebete und Segenstexte sind so übersetzt, dass sie liturgisch verwendet werden können.
    • (d) An einigen Stellen ist es angemessen, dass die Übersetzung inhaltliche Deutungsoffenheiten des Urtextes abbildet (z.B. in einem Psalmenlied, das von Menschen in verschiedenen Lebenssituationen gut gemeinsam rezipierbar ist.)
  • (4) Formales:
    • (a) Die Übersetzung orientiert sich an den etablierten Versgrenzen.
    • (b) Die Sinnabschnitte sind durch Zwischenüberschriften markiert.

Kommentare

Ich habe gestern mit Wolfgang telefoniert. Er ist mit den neuen Kriterien einverstanden.
Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine Einigung mit Ben und Sebastian auf den Zweck der Wortliste. Dann können wir die neuen Kriterien übernehmen.

Gibt es noch Diskussionsbedarf zu der Wortliste? Nein, oder? Wollen wir die LF-Kriterien dann mal veröffentlichen?
Außerdem merke ich gerade an der Anfrage von Skriptor, dass wir uns dringend an die Übersetzungskriterien der SF machen sollten. Olaf, hast du demnächst mal Zeit, das anzuleiern? Oder jemand anderes? Sonst stroße ich das vielleicht mal an; aber nur, wenn ich weiß, dass hier auch ein paar Leute da sind, die Zeit und Lust haben, da mitzudiskutieren. Sonst würde das nur wieder eine Totgeburt.
 

Ich habe die Kriterien jetzt veröffentlicht.
Ich halte es ebenfalls für sehr wichtig, bald an die Kriterien der Studienfassung zu gehen. Da ich wenig Zeit habe, würde ich es sehr begrüßen, wenn du das ans Laufen bringst.
Die noch austehende Arbeit an der Methodik für die Lesefassung hängt ja mit der Studienfassung zusammen, deshalb ist es gut, das verschränkt anzugehen:
1. a) Was sind mögliche Anwendungszwecke der Studienfassung? Welche davon sind uns besonders wichtig? Welche Leute haben wir dabei im Blick?
b) Welche Grundlagen für die Erstellung der Lesefassung benötigen wir? Lassen sich diese mit der Studienfassung abdecken?
c) Was definieren wir als Haupt-Zweck der Studienfassung? Was als Neben-Zweck?
2. a) Welche Eigenschaften muss die Studienfassung dann haben?
b) … in welcher Gewichtung?
c) Welche konkreten Kriterien leiten wir daraus ab?
3. a) Welche konkreten Methoden der Qualitätssicherung für die Studienfassung wenden wir an?
b) … für die Lesefassung … ?
 

Vielen Dank für deine Initiative! 
Lass uns dazu einen neuen Thread im Forum eröffnen, oder?