Neue wissenschaftliche Urtext-Ausgabe des Neuen Testaments

Die Society of Biblical Literature hat am 29. Oktober 2010 eine neue, wissenschaftliche edierte Urtext-Ausgabe des griechischen Neuen Testaments veröffentlicht:

SBL Greek New Testament

Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Nestle/Aland und dem neuen SBLGNT:

  • An mehr als 540 Stellen unterscheidet sich das SBLGNT vom 1975 erstellten Haupttext von Nestle/Aland. Mein erster Eindruck ist, dass dies teilweise an unterschiedlichen wissenschaftlichen Einschätzungen liegt und teilweise an neuen Handschriftenfunden seit 1975. Ein vergleichender Blick in diese Ausgabe scheint sich beim Arbeiten mit griechischen Bibeltexten in jedem Fall zu lohnen.
  • Das SBLGNT gibt es auch kostenlos in zahlreichen elektronischen Formaten (SWORD, BibleWorks, Logos, einfache Textdatei, XML, OSIS, iPhone, demnächst auch PDF). Es ist die einzige aktuelle, wissenschaftliche Urtext-Ausgabe des Neuen Testaments, die in Freier Bibel-Software verwendet werden kann.
  • Der Apparat des SBLGNT zeigt Unterschiede zu verschiedenen wissenschaftlichen Editionen. Das ist ganz praktisch als übersichtliche Ergänzung zum Nestle/Aland-Apparat, der Handschriften nennt, aber natürlich kein Ersatz.
  • Beide Ausgaben verwenden dieselbe Verseinteilung.
  • Beide Ausgaben verwenden Akzente und Zeichensetzung, unterscheiden sich aber im Detail in den konkreten orthografischen Entscheidungen.

Update: Inzwischen habe ich mir viele Stellen angesehen, an denen sich das SBLGNT von Nestle/Aland unterscheidet.

  • In fast allen Fällen sind beide Entscheidungen wissenschaftlich gut begründbar. Es handelt sich oft um Fälle, die in der wissenschaftlichen Literarur aus gutem Grund umstritten sind. (Während Nestle/Aland einen starken Fokus auf äußerer Textkritik hat, scheint das SBLGNT manchmal sehr stark an innerer Textkritik orientiert zu sein.)
  • Viele Unterschiede haben keinen Einfluss auf die Übersetzung. (Beispiel Lukas 5,13: εἰπών und λέγων sind ebenso synonym.)
  • Viele Unterschiede haben keinen echten Einfluss auf die Bedeutung des Textes. (Beispiel Lukas 5,15: "große Menschenmengen kamen zusammen, um zu hören und [durch ihn] geheilt zu werden")
  • Von den inhaltlich interessanten Stellen werden viele in dem Lukaskommentar von Michael Wolter diskutiert, den ich sehr für sein oft sorgfältig abgewogenes Urteil schätze. Manchmal hält er den Nestle/Aland-Text für richtig, an anderen für falsch, und an wieder anderen Stellen hält er die Frage für nicht entscheidbar. Insgesamt stimmt das SBLGNT ebensooft mit ihm überein wie Nestle/Aland - von den sehr vielen Stellen abgesehen, die keinen inhaltichen Unterschied machen und an denen Michael Wolter ohne Diskussion dem Nestle/Aland-Text als "norma pendens" (zu überprüfende Norm) folgt.
  • Die Edition Critica Maior (ECM), die der demnächst erscheinenden 28. Auflage von Nestle/Aland zugrunde liegen wird, enthält zahlreiche Änderungen gegenüber der (noch) aktuellen 27. Auflage. Das SBLGNT entscheidet sich teilweise mit der ECM gegen NA27, teilweise aber auch mit NA27 gegen die ECM.
  • Besonders erwähnenswert ist Lukas 24,36: Ist καὶ λέγει αὐτοῖς Εἰρήνη ὑμῖν ("und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!") teil des ursprünglichen Textes (NA) oder aus Joh 20,19ff eingewandert (SBLGNT)? Die äußere Textkritik spricht wiederum für NA, bei der innere Textkritik spricht für das SBLGNT.
  • Ebenfalls besonders erwähnenswert ist Markus 14,41: Hat Jesus Mitleid (σπλαγχνισθεὶς, NA27) oder wird er wütend (ὀργισθεὶς, SBLGNT)? Die äußere Textkritik spricht für NA, bei der innere Textkritik ist auf den ersten Blick beides begründbar.

Kommentare

Bist mir sooo zuvorgekommen. Aber dann muss ich weniger schreiben! ;-) 
Die Versuchung ist natürlich groß darüber nachzudenken, inwieweit das SBL-GNT in unsere Übersetzung einfließen sollte. Ein Vorteil wäre, dass der Urtext freier verfügbar wäre. So ließe sich einerseits leichter übersetzen (und ggfs. analysieren), andererseits auch über einen zweisprachigen/interlinearen Text nachdenken. Der Nachteil wäre, dass wir noch nicht genau wissen, wie gut die Ausgabe ist (abgesehen davon, dass NA27 schon etwas ältlich ist und der erste von mir gefundene Bericht durchaus positiv ist). Außerdem muss man fragen, wie viel Akzeptanz eine Übersetzung finden würde, die auf einer anderen als der Standard-Textgrundlage beruht.
Ach ja: Die Edition beruht auf den Ausgaben von Westcott/Hort, Tregelles (beide 19. Jh.), der Mehrheitstext-Ausgabe von Robinson-Pierpont und der textkritischen Grundlage der englischen NIV. Auf den ersten Blick erscheint diese Wahl etwas willkürlich. Weiß dazu jemand mehr? Klar ist natürlich, dass man sowohl verschiedene Familien repräsentieren als auch Urheberrechtsprobleme umgehen wollte.
HIer ist übrigens auch die Lizenz: http://www.sblgnt.com/license/
 

Bisher sind wird bei der Textkritik ja so verfahren, dass wir Abweichungen von Nestle/Aland in einer Fußnote erklären und begründen.

Eine neue Regel könnte sein, dass man für die erste Rohübersetzung entweder Nestle/Aland oder das SBLGNT verwenden darf, oder aber auch eigene textkritische Entscheidungen, sofern man diese dokumentiert und begründet. Im Laufe der Arbeit an dem Text sollen dann alle Fälle, in denen es sich zwischen Nestle/Aland und dem SBLGNT inhaltlich relevante Unterschiede gibt, diskutiert und in einer Fußnote dokumentiert werden. Soweit Unterschiede zwischen Nestle/Aland und der Edition Critica Maior bekannt sind sollten auch diese diskutiert und dokumentiert werden.

Ach ja: Dass der Apparat des SBLGNT vor allem diese vier Ausgaben auflistet, liegt wahrscheinlich wirklich an der rechtlichen Verfügbarkeit der Texte. Da aber an den wenigen Stellen, wo sich die NIV von Nestle/Aland unterscheidet, letzterer ebenfalls dokumentiert ist, kann man mit einem Blick auf die Kürzel "NIV" und "NA" recht einfach die Unterschiede zu Nestle/Aland erkennen. Bei den inhaltlichen Entscheidungen spielten nicht nur die anderen 4-5 Urtext-Ausgaben eine Rolle, sondern auch die aktuelle wissenschaftliche Diskussion.