Die besten Kommentare zum Markus-Evangelium

Ja, welche Kommentare gibt es zum Markusevangelium, und welche sind am besten geeignet für die Arbeit mit unserer Bibelübersetzung? Es gibt natürlich Kommentare mit ganz unterschiedlichen Ansätzen. Ein Gros der Kommentare, die z. B. bei der Predigtvorbereitung oder zum persönlichen Bibelstudium beliebt sind, taugen zur Bibelübersetzung nicht viel. Ihre große Stärke ist es, dass sie den Bibeltext erklären und theologisch anwenden. Diese Ausrichtung verhindert aber auch, dass sie auf das eingehen können, was uns wirklich interessiert, nämlich die Analyse der Textstruktur und die lexikalische Erklärung wichtiger Begriffe.
Solche Informationen findet man am ehesten in den langen, akademischen Kommentaren. Für unsere Arbeit sind diese daher am besten geeignet. Gelegentlich sogar noch hilfreicher sind Kommentare, die ganz gezielt für Übersetzer geschrieben sind oder den Stand der exegetischen Forschung zusammenfassen wollen. Ebenfalls interessant sind Kommentare, die sich auf einen bestimmten Aspekt des Textes oder das Erforschen eines bestimmten Themas konzentrieren.
Nach einem Überblick über die mir bekannten Kommentare gehe ich anschließend noch darauf ein, welche ich letztlich gekauft habe. Bitte beachtet dabei, dass ich (außer einigen der Gruppen 2) keinen der Kommentare schon wirklich benutzt und nur in einigen der Gruppe 1 etwas geblättert habe. Diese Liste ist also alles andere als eine informierte Bewertung, sondern eher eine Bibliographie mit Kurzwertungen, die sich auf dritte Meinungen verlassen. Vielleicht komme ich später noch dazu, genauere Infos zu einigen der Kommentare nachzureichen. Am Ende interessiert mich auch: Welche Kommentare habt ihr schon benutzt? Wie würden eure Empfehlungen aussehen? Habe ich welche vergessen? Gibt es „den“ besten Kommentar?
 
1. Exegetische Kommentare zum Markusevangelium
Bei der Wahl akademischer Kommentare für die Exegese oder Übersetzung gilt: Exegetische und möglichst ausführliche Kommentare erhalten erst einmal den Vorzug! Zudem sollten sie aktuell sein (lies: am besten max. 20 Jahre alt, 30 sind akzeptabel, älter am besten nur bei Klassikern). Optimalerweise verteilen sich die ausgewählten Kommentare auf ein repräsentatives theologisches Spektrum. Die folgende Liste sollte alle langen deutschen und englischen exegetischen Kommentare von etwa über 700 Seiten Länge enthalten, deren erste Auflage spätestens 1980 erschien. Sortiert grob nach Alter und Einfluss:
Collins (Hermeneia), 2007: Eine katholische Kommentierung, an der keiner vorbeikommt, der sich mit dem Markusevangelium befasst. Ausführlich, momentan kritischer Standard. Besonders stark in Einleitungs- und Hintergrundfragen.
France (New International Greek Testament Commentary), 2002: gründliches, evangelikales Standardwerk. Dem Format der Reihe entsprechend stark in der Textanalyse. In der Einleitung beschränkt er sich auf eine Besprechung der wesentlichen Fragen.
Guelich (Mk 1-8), 1989/Evans (9-16; Word Biblical Commentary), 2001: Exegetisch ausführlich. Viel gepriesenes, eher konservatives evangelisches Werk. Der erste WBC-Band von Guelich gilt als exzellent. Nach dessen Tod verfasste Craig Evans den zweiten Teil. Band 1 ist allerdings nicht mehr ganz frisch. Das Format der Reihe ist leider dafür bekannt, grundsätzlich zu knappen Raum für Erklärungen zu lassen.
Marcus, 2 Bde. (Anchor Bible), 2000/2009: Von einem protestantischen Exegeten aus jüdischer Familie stammt der aktuellste Zweibänder. Offenbar lohnenswert und als guter Allrounder gehandelt. Marcus konzentriert sich stark auf die theologische Interpretation sowie jüdische bzw. AT-Hintergründe (wobei er teils nach Meinung der Rezensenten gelegentlich zu viel hineinzulesen scheint). Er versteht Markus als stark durch die jüdische Revolte im 1. Jh. beeinflusst. Der Schwerpunkt der Reihe (und auch dieses Auslegers) ist v.a. theologisch, erst in zweiter Linie exegetisch.
Pesch, 2 Bde. (Herders theologischer Kommentar zum NT), 1976/1977: Trotz des sehr reifen Alters gibt es keinen neueren deutschen Kommentar, der ähnlich ausführlich ist. Die katholische Reihe ist für exzellente exegetische Kommentare bekannt, insbesondere in den Evangelien. Nur noch antiquarisch erhältlich.
Mann (Anchor Bible), 1986: Der Vorgänger des neueren Kommentars von Joel Marcus, zu dem im Netz wenig zu finden ist. Gegner der klassischen Zweiquellen-Hypothese. Er gilt als konservativer und wird von manchen offenbar immer noch gerne herangezogen. Wie bei Marcus gilt, dass der Kommentar nicht schwerpunktmäßig den griechischen Text analysiert. Mit der wohl ausführlichsten Einleitung. Antiquarisch günstig zu haben.
Gnilka, 2 Bde. (Evangelisch-katholischer Kommentar), 1978/1979: Etwa so alt wie Pesch. Vorteil: Der (katholische) Kommentar ist in einer preiswerten Studienausgabe zu haben, Nachteil: Die Reihe geht ebenfalls eher auf Theologie und Hintergründe ein, als eine gründliche Textanalyse zu liefern.
Lane (New International Commentary), 1974. Ebenfalls aus den 1970ern, galt dieser leserliche und ausführliche, evangelisch-konservative Kommentar im englischen Sprachraum lange als DIE Referenz. Bei bestcommentaries.com ist er weiterhin Spitzenreiter.
Gundry, Mark: A Commentary on His Apology for the Cross, 1993. Dieser unabhängig von einer Serie erschienene Kommentar wurde mir empfohlen. Soweit ich weiß, konservativ evangelikal, scheint Gundry in Einleitungsfragen sehr simple Lösungen zu vertreten und geht auf viele komplexe interpretative Probleme (oder auf abweichende Meinungen) dann auch nicht ein. Allerdings ist er exegetisch offenbar so gründlich wie kaum ein zweiter. Für die 2. Auflage 2000 wurde der über 1100 S. starke Kommentar in 2 Bände aufgeteilt.
Stein (Baker Exegetical Commentary), 2008: Evangelikaler Kommentar mit klassischen Positionen, der von Predigern geschätzt wird. Nach einer Rezension auf bookreviews.org könnte er methodisch etwas ausgewogener vorgehen, wenn er neuere exegetische Methoden wie Narrativkritik und Reader-Response Criticism zugunsten der Redaktionskritik vernachlässigt. Die Reihe ist eher für den Prediger konzipiert, aber mitunter exegetisch sehr lohnenswert. Von Steins Kommentar habe ich diesbezüglich nichts gelesen, aber das muss nicht heißen, dass er ein schlechter Exeget ist.
Focant, L’évangile selon Marc, 2004. Engl. The Gospel according to Mark: A Commentary, 2012. Narrativkritischer Kommentar eines katholischen belgischen Neutestamentlers, der offenbar gut genug ist, um als einer unter wenigen französischen Kommentaren ins Englische übersetzt worden zu sein. 
Auch die unten erwähnten kürzeren Kommentare von Boring (NTL), Edwards (PNTC), Donahue (SP) und Moloney könnten sich als nützliche exegetische Dialogpartner erweisen.
 
2. Kommentare mit besonderer Zielrichtung
Beale/Carson (Hg.), Commentary on the New Testament Use of the Old Testament, 2007. Kommentiert, wie der Name schon sagt, die vielfältigen Verwendungen des NT im AT. Nützlich und empfehlenswert, aber nicht unbedingt notwendig.
Strack/Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament: aus Talmud und Midrasch. Das Evangelium nach Markus, Lukas und Johannes und die Apostelgeschichte, 1924. 2. von 4 Bänden, wobei der erste (1922) Matthäus und die synoptischen Parallelen in den anderen Evangelien abdeckt. Zeigt den jüdischen Hintergrund des NT. Galt lange Zeit als Standardwerk, ist inzwischen aber in vielen Bereichen deutlich überholt. Zumindest die Erstauflagen der vier Bände sind inzwischen gemeinfrei (1955 erschien ein 5. und offenbar irgendwann ein 6.)
Blight, Exegetical Summary (Mk 1-8), 2012. Toll: Sehr aktuell, liefert dieser Kommentar eine Übersicht über die exegetischen Fragestellungen und dazu vertretene Positionen. Fängt schon bei der Gliederung an! Leider ohne eigene Einleitung, zudem wird der 2. Band wohl noch auf sich warten lassen. Als „One-Stop-Solution“ vermutlich bestens geeignet.
Bratcher/Nida (UBS New Testament Handbook), 1993. Allgemeinverständlich erklärt diese Reihe wichtige Übersetzungsfragen zum Text, ohne die exegetische Diskussion direkt anzusprechen. Kann sich als Referenz als hilfreich erweisen, wenn man sonst wenig exegetische Hilfsmittel hat.
Haubeck/von Siebenthal, Neuer Sprachlicher Schlüssel zum NT. Gesamtausgabe 2007. Er schlüsselt griechische Konstruktionen zu jeder Stelle auf und macht kontextspezifische Übersetzungsvorschläge, an schwierigen Stellen auch mit sehr gelungenen Formulierungsvorschlägen. Mit kurzer Grammatik und Wörterbuch im Anhang. Linguistisch solide und sehr empfehlenswert.
Metzger, A Textual Commentary on the Greek NT, 2. Auflage 1994. Nicht mehr ganz frisch, aber immer noch eine gewichtige Stimme bei textkritischen Entscheidungen. Metzger gehörte zu dem Komitee, das die textkritischen Entscheidungen für den maßgeblichen Nestle-Aland-Text traf.
Willker, An Online Textual Commentary on the Greek Gospels: Mark, 10. Auflage 2013. Willker ist nach meinen Informationen zumindest kein akademisch aktiver Theologe. Sein sehr ausführlicher Internet-Kommentar zur Textbezeugung wird jedoch auch von führenden Textkritikern gelobt.
Witherington, A Socio-Rhetorical Commentary, 2001. Offenbar einer der besseren der Reihe, die sich auf soziale und rhetorische Analyse konzentriert, aber nicht primär exegetisch ausgerichtet ist.
 
3. Kürzere Kommentare
Darunter sind ebenfalls hervorragende Kommentare. Aufgrund ihrer Kompaktheit werden sie jedoch nur an wichtigen Stellen exegetische Ausführungen enthalten, aber den Text nicht systematisch untersuchen. Oft kann man mittellangen und kurzen Kommentaren nur entnehmen, ob man den Text richtig oder falsch interpretiert (aber nicht: übersetzt) hat. Besonders mit den Kommentaren von Boring, Dschulnigg oder Bayer würde ich selbst gerne einmal arbeiten.
 
Kommentare mittlerer Länge (ca. 400-700 S.)
Bayer (Historisch-theologische Auslegung), 2008. Relativ neue, evangelikale deutsche Auslegungsreihe, mittellang.
Black (Abingdon New Testament Commentary), 2011.
Boring (New Testament Library), 2006. Hoch geschätzter, protestantisch-liberaler Kommentar, der von einem großen Abstand des Evangelisten zum historischen Jesus ausgeht. 
Donahue (Sacra Pagina), 2002: Katholische Serie.
Dschulnigg (Theologischer Kommentar), 2007
Eckey, Das Markus-Evangelium, 1998. Eckey hat im Alter bis zu seinem kürzlichen Tod noch einige Kommentare zu Büchern des NT veröffentlicht. Seinem Galater-Kommentar nach zu schließen, handelt es sich dabei um Alterswerke, die die Forschung (insbesondere die englischsprachige!) der letzten Jahrzehnte nicht mehr berücksichtigen. Eckey geht selten exegetisch ins Detail, scheint aber für seine Auslegungen anerkannt zu werden.
Edwards (Pillar New Testament Commentary), 2001. Repräsentativer Vertreter der predigtorientierten evangelikalen Reihe mit herausragendem Ruf.
Ernst (RNT), 1981. Ebenfalls katholische Reihe.
Hooker (Black's), 1991.
van Iersel, Mark: A Reader-Response Commentary, 1998
Maier, Edition C, 1995. Um genau zu sein, müsste der Maier wegen seiner Länge eigentlich in die ausführlichste Kategorie, ich sortiere ihn jedoch wegen des Formats und der eher an Laien gerichteten Ausrichtung der evangelikalen Reihe weiter unten ein.
Moloney, The Gospel of Mark: A Commentary, 2012. Offenbar der neuste hier erfasste Kommentar.
 
Bemerkenswerte kürzere Kommentare (unter 400 S.)
Beavis (Paideia Commentaries), 2011; geht offenbar vor allem auf den kulturellen Kontext und Markus' Theologie ein.
Brooks (New American Commentary), 1991.
Dormeyer, Das Markusevangelium, 2005.
Healy (Catholic Commentary on Sacred Scripture), 2008.
Lührmann (Handbuch zum NT), 1987.
Schenke, Das Markusevangelium: Literarische Eigenarten – Text und Kommentierung, 2005.
Schweizer (NTD), 1983.
 
4. Meine Kaufentscheidung
Für das Markusprojekt hatte ich ein Buch-Budget und wollte mir 3-5 repräsentative Kommentare zulegen. Alternativlos waren für mich die Markuskommentare von Adela Yarbro Collins (Herm, $60 bei half.com) und Richard France (NIGTC, mit Studentenrabatt $34 bei logos.com) als gegenwärtige exegetische Standardwerke. Damit standen schon eine liberale und ein evangelikaler Vertreter fest. Somit fehlte mir noch wenigstens ein aktueller Zweibänder und wenigstens ein deutscher Kommentar.
Bei den Zweibändern lief es auf Joel Marcus (AB) oder die beiden Bände der WBC-Reihe hinaus. Marcus ist neuer, aber die AB-Reihe hat nicht unbedingt einen exegetischen Schwerpunkt, zudem bekamen Guelich und Evans gefühlt die besseren Bewertungen (s.o.) – also wurden es die (je $22,70 bei Logos.com mit Studentenrabatt).
Bei den deutschen Kommentaren hatte ich die Wahl zwischen Gnilka und Pesch. Obwohl beide heute noch rezipiert werden, scheint Pesch doch besser zu unserem Anliegen zu passen (Glücksgriff bei abebooks.de: beide Bände für 23,50€ inkl. Versand).
Es war nicht geplant, aber als die Exegetical Summary bei Logos heruntergesetzt war, kam auch die in den Wagen ($27). Und als ich gerade Manns Kommentar auf Amazon.com gebraucht für $9 einschl. Versand gefunden habe, habe ich ihn auch einfach mal bestellt.
Beim Markusprojekt arbeite ich zudem mit allen angeführten Spezialkommentaren bis auf das UBS-Handbuch und den Socio-Rhetorical Commentary.
 
Schließlich möchte ich noch auf unsere Sekundärliteratur-Seite zu Markus verweisen, wo mehrere Kommentare im Volltext verlinkt sind. Aber jetzt interessiert mich eure Meinung: Was sind die besten Markus-Kommentare? Was haltet ihr von meinen Kriterien? Würdet ihr mir zustimmen? Welche habe ich übersehen?
UPDATE 18.12.13: Ernst und Hooker ergänzt, zudem viele Links zu Google Books. UPDATE 29.12.13: Focant als signifikanten längeren Kommentar ergänzt.

Kommentare

Ich finde Lührmann (HNT) hat ein lobendes Wort verdient. Ich sehe mich nicht im Stande zu rezensieren, oder ein Urteil abzugeben, aber bei der Übersetzung von Markus 13 hat sich sein Kommentar als zuverlässiger, philologisch genauer Begleiter erwiesen, der für kleines Geld zu haben ist.
Viele Grüße, Pedentim.
 
PS: zu Gnilka: Ich hab ihn schon lange und er geht mir auf die Nerven. Nie erfahre ich, was ich wissen möchte.

Danke für die Hinweise! Wie ist Lührmann denn so, wenn man nach Details sucht? 

Textkritik: wo es wirklich wichtig ist, dort aber gut begründet: so zu Mk, 10,1. 
Diskussion was andere schont gemeint haben: Nein.
Ermüdende Beschreibungen von Gelehrten-Schlachten, die lange schon geschlagen wurden, fehlen.
Viel Wissenswertes zum Umfeld des Evanggeliums wird mitgeteilt, Referenzen zum AT, zur jüdisch-hellenistischen Umwelt etc..
Charakteristisch scheint mr zu sein, dass der innere Zusammenhang des Evangeliums, genau nachgezeichnet wird. Der Autor ist klar in der Darstellung, aber vorsichtig uim Urteil, so möchte ich meinen Eindruck zusammenfassen.
Viele Grüße, Pedentim.

Wier haben vor einigen Jahren nach Kommentaren gesucht, die wir uns zur Hochzeit haben schenken lassen. Dabei haben wir versucht, jeweils nur mit einem einzigen Kommentar auszukommen. Daraus ergab sich für uns der besondere Fokus, dass uns Kommentare besonders gefielen, die auch andere exegetischer Positionen darstellen. Bei Markus haben wir uns Collins schenken lassen uns sind damit sehr zufrieden.

Gerade bin ich auf den 2012 auf Englisch erschienen Kommentar von Focant gestoßen - und habe ihn gleich bei den ausführlichen Kommentaren ergänzt. Bisher habe ich mich auf deutsche und englische Kommentare beschränkt – kennt noch jemand signifikante Werke aus anderen Sprachen (französisch, spanisch, italienisch, ...), die wir mit aufnehmen können?