Gute Bibelübersetzung nach N.T. Wright

In dem Artikel "Lost and Found in Translation: From 1611 to 2011" (etwa: "Beim Übersetzen verloren gegangen und wieder gefunden: Von 1611 [Erscheinungsjahr der King-James-Bibel] bis 2011") beschreibt der bekannte englische Neutestamentler N.T. Wright pointiert die Verständnisbrücke, die von den Autoren und Erstlesern der biblischen Schriften zu heutigen Lesern geschlagen werden muss, und was eine gute Bibelübersetzung ausmacht.
Am Beispiel des Wortes "Christus" geht er etwa darauf ein, dass viele Menschen heute es vielleicht für Jesu Nachnamen halten würden, oder für einen Beinamen, der seine Göttlichkeit signalisiert. Im jüdischen Kontext seiner Zeit bezeichnete der Titel "Christus" aber den angekündigten, gesalbten König und Nachkommen Davids, der die Welt regieren und Gottes Gerechtigkeit verbreiten würde. Jesus wurde von seinen Jüngern - und nach ihnen allen Christen - für diesen versprochenen Retter gehalten! Eine Übersetzung als "Christus" - die latinisierte Form des griechischen "Christos", der Übersetzung von Hebräisch "Meschiach", was "Gesalbter" heißt (mit einer Salbung wurden israelitische Könige in ihr Amt eingesetzt) - wäre also nicht zielführend. Wright schlägt stattdessen vor, das Wort im NT je nach Kontext als "Messias", "König" oder "Gesalbter" zu übersetzen.
Wright nennt es ein Problem, dass Übersetzungen die ursprüngliche Bedeutung zwangsläufig verzerren. Doch nicht zu übersetzen, oder bestehende Übersetzungen nicht regelmäßig auf den neusten Stand zu bringen, ist nach seinen Worten eine andere und vielleicht schlimmere Verzerrung.
Translations must be concerned with accuracy, but there are at least two sorts of accuracy. The first sort, which a good Lexicon will assist, is the technical accuracy of making sure that every possible nuance of every word, phrase, sentence and paragraph has been rendered into the new language.
But there is a second sort of accuracy, perhaps deeper than this: the accuracy of flavour and feel. It is possible, in translation as in life, to gain the whole world and lose your own soul - to render everything with a wooden, clunky, lifeless "accuracy" from which the one thing that really matters has somehow escaped, producing a gilded cage from which the precious bird has flown.
Diesen zweiten Ansatz hält er für essenziell bei der Übersetzung des Neuen Testaments, um seine Dynamik und Dramatik angemessen übertragen zu können. Das Problem etwa an der King-James-Übersetzung sei, dass sie immer den gleichen gehobenen, magisterialen Stil habe. Dieser passt für Wright vielleicht bei der Übersetzung von Lukas, der Apostelgeschichte oder des Hebräerbriefs. Doch z.B. Markus wirke ständig in Eile, gehetzt diktiert. Viele Paulusbriefe mit Ausnahme des Römerbriefes seien eben Briefe, die in Eile geschrieben wurden. Seine Briefe seien keine polierten philosophischen Traktate. Eine Übersetzung muss seiner Meinung nach auch dieser stilistischen Variation gerecht werden. Je mehr Übersetzungen es gibt, desto vollständiger könnte das Bild werden.
Ich finde es sehr interessant, dass Wrights "zwei Sorten von Genauigkeit" recht genau mit den Ansätzen der Offenen Bibel übereinstimmen: Die Studienfassung sorgt für lexikalische, technische Genauigkeit und überträgt jedes Detail des Grundtexts. Sie will dokumentieren, erst in zweiter Linie kommunizieren, und kann deshalb kompliziert sein. Die Lesefassung ist dann zuständig für Eleganz und übersetzerisches Fingerspitzengefühl. Sie soll die Stimmung der biblischen Texte kommunizieren, soll eine Brücke in die heutige Welt schlagen. Hier müssen wir uns ganz genau überlegen, wie wir den Text auf einfache Weise verständlich und leicht zugänglich machen, ohne dabei "den Vogel aus dem Käfig entkommen zu lassen".
Ich selbst habe übrigens auch gerade eine Brücke schlagen müssen. Wright nennt nämlich nicht nur zwei, sondern drei Beispiele dafür, wie das Wort "Christus" heute missverstanden wird. Aber im Deutschen wird "Christus" eben nicht wie "Christ" auf Englisch auch einmal als Kraftausdruck gebraucht (zum Glück!). Bei einer nur losen Zusammenfassung habe ich aber den Vorteil, dass ich solche Hürden einfach umgehen kann, indem ich sie auslasse. Bei der Bibelübersetzung geht das nicht.
Deshalb mag ich die Offene Bibel: Als digitale Übersetzung können wir wichtige Wörter wie "Christus" für jeden verständlich übertragen, ohne dabei Kompromisse mit der Genauigkeit der Übersetzung hinnehmen zu müssen. Andere Übersetzungen wie "Messias" oder "König" können wir einfach in eine Klammer hinter das Wort stellen. Weniger Platz nimmt eine Fußnote ein, die dank unserer Techniker direkt angezeigt wird, wenn man die Maus darüber hält. So können wir das Wort zusätzlich noch erklären. Am praktischsten ist aber sicherlich die Möglichkeit der Offenen Bibel, wichtige häufige Wörter, wie "JHWH" oder eben auch "Christus", so abzusetzen, dass sie unterstrichelt angezeigt werden und man, wenn man die Maus über das Wort hält, direkt eine Erklärung angezeigt bekommt. So kann man sich das manuelle Setzen einer Fußnote ersparen.
Wrights eigene englische Übersetzung des Neuen Testaments soll im September diesen Jahres erscheinen.