Der Kommentar - Plädoyer für einen Paradigmenwechsel

Schon seit längerem ist als erweiterter Teil der Offenen Bibel auch ein wissenschaftlicher Kommentar zur Bibel geplant. Wie die Übersetzung selbst soll er von Mitgliedern der Gemeinschaft nach dem Wikipedia-Prinzip eingestellt, ergänzt und verbessert werden. Bisher gibt es allerdings nur einen eher überblicksartigen Kommentar zu einer Perikope aus Jakobus 4. Die tatsächliche Konzeption des Kommentars steckt noch in den Kinderschuhen, eine Diskussion hat noch nicht begonnen.
Vor einigen Tagen hat nun Wolfgang diese konzeptionelle Diskussion um den Kommentarteil angestoßen. Ich persönlich habe mich bisher mit meinem Beitrag zurückgehalten, weil nach meinem Empfinden erst einige grundsätzlichere Fragen geklärt werden müssen. Das Mammutprojekt eines Bibelkommentars steht, vor allem als Gemeinschafts- und Wikiprojekt, vor zahlreichen Herausforderungen. Wenn der Kommentar tatsächlich als "eklektischer Superkommentar" umgesetzt werden soll, sind einige nennenswerte:

  • Es muss ein gemeinsames Format (in Arbeit), eine wenigstens grundsätzlich gemeinsame theologische/exegetische Linie, eine gemeinsame Vorgehensweise geschaffen werden.
  • Wissenschaftliche (!) Kommentare schreiben sich nicht von selbst. In der Regel würde der Kommentar wohl entweder aus Seminar- und Hausarbeiten, oder aus gemeinfreien Werken oder dem Predigtalltag gespeist. Dabei werden verschiedene Autoren auf verschiedene Sachverhalte eingehen, verschiedene Schwerpunkte setzen, verschieden genau arbeiten, verschieden verständlich schreiben, verschieden mit der Ursprache umgehen. Dies in ein einheitliches Format zu bekommen, stelle ich mir sehr schwierig, wenn nicht unmöglich vor. Ganz abgesehen davon wäre ein Kommentar nur so gut wie sein Autor (oder dessen Zeitaufwand).
  • Die editoriale Moderation des Kommentars wird unglaublich viel Manpower beanspruchen. Wikipedia wird ein Witz dagegen sein. Von Schreibern gar nicht zu sprechen - und von dem Aufwand der Formatierung ebenso wenig. Ein kleines Beispiel: Stellt euch mal vor, wie schön es sein würde, zwei ähnliche Kommentare - vielleicht zu sich überschneidenden Versen derselben Perikope - zu einem zu verarbeiten. Der Aufwand wird so hoch sein wie die Neuverfassung.  
  • Wer wird zu diesem redaktionellen Aufwand bereit sein, wenn er nicht dafür bezahlt wird?

 
Für mich hat sich der zunächst noch so viel versprechend klingende Gedanke eines Offene-Bibel-Kommentars zu einem monströsen, totgeborenen Ding der Unmöglichkeit entwickelt. Was tun wir stattdessen? Den Kommentar aufgeben? Meiner Meinung nach wird das nicht nötig sein. Ich schlage stattdessen einen Wechsel der Denkrichtung vor:

  • Wer sagt, dass der Kommentar moderiert, editiert und einem gemeinsamen Format angepasst werden muss?
  • Wer sagt, dass wir genau einen Kommentar zu einer beliebigen Perikope (oder Vers) brauchen?
  • Wer sagt, dass dieser professionelle Ansprüche erfüllen muss? (Tut Wikipedia das? Trotzdem ist es die erfolgreichste Enzyklopädie der Welt!)

 
Meine Meinung: Umdenken. Wir brauchen nicht einen professionellen Ansprüchen genügenden Kommentar, wir brauchen eine Möglichkeit, unseren Text zu erklären und zu kommentieren. Machen wir doch aus dem Kommentar eine exegetische Materialsammlung. Machen wir doch aus den Kapitel-Kommentarseiten Kategorien, auf denen alle eingestellten Kommentare zum Kapitel oder einzelnen Perikopen verlinkt sind. Lassen wir die Leute doch ihre Seminararbeiten einstellen, ohne erst umfassende Überarbeitungen zu verlangen. Selbst gemeinfreie Kommentare könnte man ohne großes Federnlesen einstellen und so das Angebot bereichern.
Meinen hypothetischen Philemon-Kommentar würde ich dann z.B. im eigenen Namensraum einstellen und in die Kategorie Philemon einordnen. Auf der Seite Kommentar zu Philemon wären dann alle Werke verlinkt, die als Kommentar zum Thema eingestellt wurden.
Besonders gelungene (oder tatsächlich OB-offizielle) Kommentare könnten als lesenswert markiert und hervorgehoben werden. Denkbar wäre auch eine aus empfohlenen Kommentarteilen zusammengestellte Laien- oder technische Kommentarreihe beliebigen Umfangs und vieles mehr. Ihr könnt euch sicher vorstellen, in welche Richtung sich das entwickeln könnte.
Schließt mein Vorschlag den Kommentar in seiner jetzigen Form aus? Nur soweit, wie ich einen eklektischen Kommentar ablehne. Mein Vorschlag zwingt uns eben nicht dazu, alle Kräfte auf die Synthese zu konzentrieren. Pluralität und Bandbreite bieten ein womöglich viel größeres Informationspotenzial als der "Ultimative Kommentar zur Offenen Bibel". Übrigens sind wir ja mit der Möglichkeit individueller Lesefassungen einen sehr ähnlichen Weg gegangen.
Wer ist außer mir dafür?  

Kommentare

"Wir brauchen nicht einen professionellen Ansprüchen genügenden Kommentar, wir brauchen eine Möglichkeit, unseren Text zu erklären und zu kommentieren."
Danke, das ist ein erkenntnisleitender Satz. Meine Versuche waren weniger auf einen eklektischen Superkommentar ausgerichtet, als auf eine Sammlung, die zwar indifferent (, an meherern Stellen gleichzeitig und mit Wiederholungen) wachsen kann, aber trotzdem nicht reine Materialsammlung/ -verlinkung ist.
Ich gebe dir vollkommen recht, dass ein überprüfter, eklektischer Kommentar ein Monster für die derzeitige Anzahl von Mitarbeitern ist. Deshalb lass uns ruhig klein starten. Einen Bereich zum Verlinken von Material und externen Kommentaren finde gut und wichtig, trotzdem kann ich mich noch nicht ganz von meiner Vision lösen, einen (im Sinne von einheitlich) Onlinekommentar zu haben.
An einem Punkt möchte ich besonders festhalten, nämlich den zweigeteilten Kommentar. Nicht, weil ich jemanden ausgrenzen will, sondern  weil ich immer wieder kommuniziert kriege, dass die beiden Fassungen der Übersetzung so gut sind, weil man sich seinen "Level" aussuchen kann. Außerdem nehmen wir so auch Nichttheologen mit in das Ringen um Textverständnis und Erkenntnis mit hinein, ohne ihnen immer nur Bröckchen vorwerfen zu müssen.
Ich möchte wenigstens einen Minimalkonsenz haben, was die Eignung der verlinkten, kopierten und selbst geschriebenen Texte für "Laien" angeht. Es sollten sich auf jeden Fall noch ein paar andere hier zu Wort melden...

Ich stimme Ben zu bei den Problemen mit einem einheitlichen Kommentar. Eine Offene Sammlung von Kommentaren zu einzelnen Perikopen wäre erst einmal eine einfacher zu bewerkstelligende Sache, gäbe einen Überblick über verschiedene Zugänge und Auslegungen des Textes, und könnte, später einmal, als Materialbasis für einen tatsächlich einheitlichen Kommentar genutzt werden. Aber diesen Schritt würde ich in die Zukunft verschieben. Wobei sicherlich auch die Gefahr besteht, daß das Ganze zu einem Hausarbeitsdump wird, wo sich unsortiert gute und schlechte Hausarbeiten mit guten und schlechten Ideen gleichberechtigt nebeneinander finden, was das Auffinden guter Texte erschweren würde. Weniger ein Problem, aber auch zu bedenken, ist die Frage nach Namenskonventionen: Wenn 30 Hausarbeiten zur Sturmstillungsperikope bei Mk kommen, wie benennt man die? Nach den Atoren? Nach inhaltlichen Gesichtspunkten? Mit fortlaufenden Nummern? Die Versangeabe kann es ja schlecht sein ;)

@Wolfgang: Die Idee mit dem zweigeteilten Kommentar hatte ich tatsächlich übersehen. Das klingt ziemlich interessant, wenn es darum geht, dass der SF-Kommentar wissenschaftlich-technisch, der LF-Kommentar laien- und anwendungsfreundlicher wird.
Der eklektische Kommentar sollte, wie auch tonnerkiller gesagt hat, am besten aus vorhandenem Material, das die Anforderungen erfüllt, zusammengestellt werden (bei Bedarf natürlich editiert). Ich bin auch völlig deiner Meinung, dass es diesen weiterhin geben darf und sollte. Bloß wäre das Zukunftsmusik. Bis dahin sollten wir aber die Tore öffnen und die von mir vorgeschlagene Materialsammlung zulassen.
 
@tonnerkiller: Die Frage nach der Sortierung wäre eine Detailfrage. Mein Vorschlag wäre eine Kategorisierung nach Kapitel, wie ich bereits skizziert habe: Jeder Kommentar, der einen Teil von Johannes 10 kommentiert, kommt in die Kategorie "Kommentar Johannes 10", liegt aber im Namespace des Nutzers (später kann man das vielleicht pro Vers machen, so dass in der geplanten Einzelversansicht alle relevanten KOmmentare angezeigt werden. Darüber hinaus könnte man über Tags nachdenken (wie auch immer man das in MediaWiki verwirklichen kann). Tags könnten auch Autoren, exegetischen Schwerpunkt, Schwerpunktthema und Abfassungszeit beinhalten. Wenn man einigermaßen darauf schaut, dass brauchbare Kommentare auch brauchbar verlinkt sind, sollte das eigentlich ganz gut funktionieren.
 
@Wolfgang: Bitte erklär nochmal genauer, worauf sich dein letzter Absatz bezog.

@ Ben: Whow, mit deinem Vorschlag hätten wir direkt mehr als 1200 neue Kategorien! Außerdem wird die Sache mit dem eigenen Namespace etwas schwierig zu realisieren, da das vermutlich kaum benutzerfreundlich zu lösen ist. Ich suche mal nach einem passenden Addon. Prinzipiell finde ich die Idee mit dem Benutzernamespace gut, da so unmittelbar klar wird, das das erstmal nichts Offizielles ist.
Die Tagfrage ist ganz einfach: Man nennt sie in Mediawiki Kategorien. Warum nicht Kategorien wie "Abfassungszeit 500-400 v.Chr.", "Schuld" oder "Engel". Tags sind ja im Grunde nichts anderes als Kategorien. Andere Frage: Brauchen wir das bei der recht guten Suchfunktion?
Tonnerkillers Bedenken zum gleichgberechtigten Nebeneinanderstehen von guten und schlechten Arbeiten finde ich wirklich bedenkenswert. Wenn wir eine Art von einem nutzergenerierten Ranking machen, müssen wir das bei dem Kategorienansatz von Ben allerdings direkt auf den Seiten selbst machen, sodass man sich nicht direkt in der Kommentarübersicht einen Überblick verschaffen kann. Sollte es also parallel dazu eine Listung auf der "Kommentar:Buch Kapitel"-Seite geben? Und wenn ja, brauchen wir die Kategorien? Ich sehe durchaus die Vorteile von Kategorien, die ihre Seiten selbst finden und man nicht zwei Seiten bearbeiten muss, vielleicht ist hier eine Doppelstruktur angebracht? Vielleicht eine, wo alles kategorisiert wird und die guten auf die "Kommentar:Buch Kapitel"-Seite kommen? Was meint ihr dazu?
@Ben: Ähm, hat sich inzwischen erledigt, es ging mir nur darum mich für das Konzept mit zwei Kommentararten stark zu machen.
 
 

Ok, an diese Masse an Kategorien hatte ich nicht gedacht. Dann reicht es vielleicht für die nächsten Jahre erstmal, wenn man seinen Kommentar einfach auf der Kommentarseite eines Kapitels verlinkt. Oder sollten wir vielleicht sogar nur eine Kommentarseite pro Buch machen? 

Eine Kommentarseite pro Buch ist mit Sicherheit in viel Fällen zu wenig. Man denke nur an die Psalmen oder auch an Jesaja Wenn da nur zwei Kommentare pro Kapitel verlinkt werden wird das irre viel. Allein das Inhaltsverzeichnis der Psalmern würde nicht auf einen Monitor mit einer normale Auflösung passen.
Man könnte allerdings durchaus die Links auf Kommentarseiten auf die Buchseiten packen (hinter die Statusübersicht), das generiert sich automatisch und verschwendet auf den Kapitelseiten keinen Platz mehr. Dazu müssten wir aber meiner Meinung nach auf Olafs Buchnavigationsleisten warten, um kurze Klickwege zu gewährleisten. Natürlich kann amn auch in dieser Leiste direkt zum Kommentar verlinken. (Der Platz dort oben ist einfach nicht gut, solange noch nichts da ist, und selbst wenn, sieht es irgendwie fehl am Platz aus.)