Ist die Offene Bibel konfessionell unabhängig oder interreligiös?

Die christlichen Konfessionen folgen unabhängig von der Auslegung einzelner christlicher Exegeten der christlichen Tradition in ihrem Schriftverständnis. Eine Alternative dazu ist eine unabhängige Sichtweise unter Berücksichtigung der jüdischen Perspektive. Bisher war der ökumenische, überkonfessionelle gemeinsame Nenner aller hier Mitarbeitenden das christliche Bekenntnis unabhängig vom Gemeindehintergrund der Einzelnen.
Wenn wir nun den hebräischen Wortlaut aus jüdischer Perspektive mitberücksichtigen wollen, wäre es da nicht nur konsequent, auch Menschen jüdischen Glaubens mit ihrer Sichtweise auf das Alte Testament zum Mitarbeiten einzuladen. Schließlich wären sie allein kompetent für die autentische jüdische Auslegung. Voraussetzung dafür wäre aber eine Änderung der gemeinsamen Grundlagen einer möglichen Mitarbeit von ökumenisch/überkonfessionell zu interreligiös. Wäre eine solcher Wechsel  von überkonfessionell /ökumenischer Perspektive zu interreligiöser Sichtweise  allgemeiner Konsens?

Du kommst vom "Geist" in Gen 1 her, oder? Die Mitarbeit steht natürlich allen Menschen offen. Unabhängig davon, ob Juden sich beteiligen oder nicht - die jüdische Perspektive auf den Text ist auch für christliche Ausleger unverzichtbar.
Die Offene Bibel ist schon von ihrem Umfang her, aber natürlich auch aufgrund der Mitarbeiterzusammensetzung ein hauptsächlich christliches Projekt. Gerade das Alte Testament wurde aber schon vor den Christen von Juden ausgelegt, hat sich wie kein zweiter Faktor auf die jüdische Kultur ausgewirkt. In dieser Kultur tief verwurzelt waren dann auch Jesus und die meisten neutestamentlichen Autoren.
Die jüdische Perspektive ist deshalb auch für Christen in allen Teilen der Bibel relevant. Im Alten Testament hilft sie schon dabei zu verstehen, wie spätere Teile auf frühere zurückgreifen, aber auch die vorchristliche Auslegung wird an Stellen wie Gen 1,2 nicht unwesentlich sein. Im Neuen Testament ist die historische jüdische Perspektive für Christen unabdingbar, um sich in das (theologische) Weltbild der Autoren hineinzuversetzen.
Ein Beispiel ist 3. Mose 18,5. Der Vers liefert in der jüdischen Theologie wichtige Stichworte zu den Themen Bundessegen, Werkgerechtigkeit und ewiges Leben. Die Stelle und ihr Denken durchdringt nicht nur den halben Pentateuch, sondern wird im Alten Testament auch in Nehemia und Hesekiel wieder aufgegriffen. Sie wird auch in zahlreichen zwischentestamentlichen Schriften erneut aufgegriffen und gleich zweimal im Neuen Testament zitiert (Gal und Röm, mit möglichen weiteren Anspielungen). Der Ausleger profitiert nicht nur vom Vergleich der atl. Stellen und ihrer Dynamik, sondern auch von ihrer in den zwischentestamentlichen jüdischen Schriften erkennbaren frühjüdischen Auslegung. Nur aus dieser Gesamtperspektive lässt sich überhaupt der Versuch unternehmen zu verstehen, was Paulus damit in Gal 3,14 und Röm 10,8 sagen möchte. Also: Nur wer die jüdische Perspektive berücksichtigt, kann die Bedeutung dieser Stelle in der Bibel begreifen. Daher ist diese Perspektive auch für die Offene Bibel relevant.
Ein anderes Beispiel ist der Kreuzigungspsalm 22. Auch in der modernen christlichen Exegese gibt es (aus meiner hermeneutischen Perspektive: erfreulicherweise) noch Ausleger, die in diesem Psalm eine echte Vorschattung auf die Kreuzigung sehen. Die jüdische Auslegung geht mit dem Psalm natürlich ganz anders um - nur dass niemand weiß, wie alt die jüdische Auslegung wirklich ist. Ist sie älter als die christliche, oder eine spätere Reaktion auf die christliche Interpretation? Ganz wichtig ist dieser hermeneutische Streit bei einer verzwickten textkritischen Frage in V. 17. Die lectio difficilior spiegelt die jüdische Perspektive wieder - aber was, wenn das eine spätere Änderung ist, um die christliche Auslegung auf Jesus hin unmöglich zu machen? Auch hier ist es ganz wichtig, vom jüdischen Denken her an den Text zu gehen.

Demnach könntest du es dir vorstellen, dass glaubensmäßig zum Judentum gehörende Ausleger oder Auslegerinnen hier bei Offene Bibel mitarbeiten.
Das wäre nach meinem Erkenntnissand durchaus im Einklang mit dem -laut Satzung- Zweck des Vereins:
§ 3 (Zweck des Vereins)
(1) Zweck des Vereins ist:
(a) die Förderung der Religion
(2) Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch das Zugänglichmachen einer am
wissenschaftlichen Erkenntnisstand orientierten Bibelübersetzung und inhaltlich bezogener weiterer
Bibelkommentare, Texte, Medien und Programme. In diesem Rahmen soll die religiöse und
philosophischer Beschäftigung sowie die Kunst und Kultur, die Wissenschaft und die Forschung im
Zusammenhang mit der Bibel, zu ihren Inhalten und zu ihrer Sprache, zu ihrer Entstehungszeit und
zu ihrer Rezeptionsgeschichte bis in die Gegenwart gefördert werden.
Lediglich bei § 3 (3) sollte man eine Anpassung vornehmen und den Begriff konfessionell durch religiös ersetzen.
3) Der Verein ist religiös und parteipolitisch unabhängig und ungebunden.
Der Begriff konfessionell würde nämlich zu stark den Focus auf die christliche Religion mit ihren verschiedenen Konfessionen legen. Schließlich ist das Judentum, ob orthodox oder Reformjudentum, keine Konfession des Christentums  sondern eine eigenständige Religion.
 

Ich glaube, "überkonfessionell" ist hier schon immer eher wie "interreligiös" verstanden worden. Z.B. spricht die Seite "JHWH" von den "  christlichen und jüdischen Konfessionen  " und das Judentum wird einfach in einem Atemzug mit der römisch-katholischen, der altkatholischen, der reformierten und der orthodoxen Konfession genannt. Woher das ursprünglich kommt, weiß ich nicht, aber implizit ist bei "konfessionell unabhängig" "interreligiös" immer mitgedacht gewesen, glaube ich - obwohl dieser Sprachgebrauch tatsächlich falsch zu sein scheint (unter "nicht-christliche Konfessionen" versteht man bisweilen christlich geprägte Sekten, nie aber andere Religionen, soweit ich sehe). 

Das wird aber potentiell hier zur Mitarbeit eingeladene jüdische Gläubige nicht sehr freuen, wenn sie wie Anhänger einer christliche Untergruppierung behandelt werden. Schon um ihretwillen sollte man, auch wenn es schon immer falsch gemacht wurde, nun dann eben abändern und die entsprechend falsche Formulierung  "konfessionell" ersetzen z.B. in der Satzung §3 (3) Der Verein ist religiös und parteipolitisch unabhängig und ungebunden.
Der Begriff  "christliche und jüdische Konfessionen" dagegen ist voll korrekt. So wie es christliche Konfessionen gibt, gibt es auch jüdische Konfessionen (hauptsächlich orthodoxe und Reformjuden).

Soll ich jetzt den Gartenschlauch mit kaltem Wasser holen um euch beiden mal wieder abzukühlen, oder wird es so gehen?* ;)
Also: Die Offene Bibel steht allen Mitarbeitenden offen (ja, wir haben/hatten[?] auch einen Atheisten mit an Bord) und ich würde mich riesig freuen (hab ich auch schon mehrfach erwähnt), wenn Menschen jüdischenGlaubens bei uns mitarbeiten würden. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung, ob man die unterschiedlichen Richtungen im Judentum Konfessionen nennt, oder Denominationen oder einfach Richtungen. Es ist schön, wenn wir um Korrektheit ringen, aber bitte gesittet.
"Bisher war der ökumenische, überkonfessionelle gemeinsame Nenner aller hier Mitarbeitenden das christliche Bekenntnis unabhängig vom Gemeindehintergrund der Einzelnen." (Aaron)
Ich muss dir leider widersprechen. Das christliche Bekenntnis war mitnichten der gemeinsame Nenner. Der gemeinsame Nenner sollte eigentlich der Wille eine möglichst (wissenschaftlich) korrekte Bibelübersetzung zu erstellen gewesen sein. Wissenschaftlich nach heutigen Maßstäben. Ob es nun historisch-kritisch, tiefenpsychologisch, feministisch, befreiungstheologisch,... ist. Das gehört natürlich alles gut gegeneinander abgewogen. (Ja, jetzt könnte dieser Kommentar auch beim anderenthread stehen, ich weiß.)
Die Fußnote ist deshalb wichtig und richtig, da sich unsere Übersetzung von allen gängigen Bibelübersetzungen fundamental unterscheidet und weil die Heilig-Geist-Deutung weit verbreitet ist. Persönlich würde ich den Hinweis auf den Charakter der OfBi weglassen, aber ich kann damit leben. Dass es diese Deutung gibt, heisst aber nicht, dass wir deshalb die Wissenschaftlichkeit über Bord werfen müssen.
Auch eine Interpreation des Alten Testaments durch eine neutestamentliche oder kirchenhistorisch/kirchenpolitische Brille lehne ich ab. Erstmal der Text, und dann, wenn es nicht anders geht eine Fußnote.
Insofern, Aaron, gebe ich dir völlig recht: "Überkonfessionell" ist eigentlich das falsche Wort, es müsste irgendwie sowas wie "nicht gebunden an eine Religion, Konfession oder Weltanschauung" heißen, denn "interreligiös" würde immer noch die Atheisten ausschließen. Für die Satzung halte ich den Vorschlag "Der Verein ist religiös und parteipolitisch unabhängig und ungebunden." auf den ersten Blick für in Ordnung. Allerdings würde ich damit warten, bis wir eh zum Notar müssen, da jede Satzungsänderung mit Kosten und Aufwand verbunden ist.
So und jetzt hoffe ich, dass ihr beiden euch ein wenig beruhigen könnt. Weder geht das christliche Abendland durch strikte Trennung einer Übersetzung von kirchlicher Tradition  verlohren, noch durch die Trennung einer Übersetzung von einer Religiösen Anschauung.
Als letzte Bitte: Legt nicht jedes Wort auf die Goldwage, ich liege hier halbkrank zu Hause und konnte es einfach nicht mehr mit ansehen...
 
*das bezieht sich vor allem auf diesen Thread, aber ich antworte lieber hier.

Danke für die Klärungen trotz Krankheit und gute Besserung :)

@Wolfgang Danke für die Klarstellung. Mein Engagement für die Offene Bibel geschah bisher unter der Voraussetzung, dass es sich dabei um ein ökumenisches Projekt handelt. So steht es jedenfalls im Eingangstext Zitat: "Als ökumenisches Mitmach-Projekt arbeiten wir gemeinsam an neuen Bibelübersetzungen."
Deine diesbezügliche Klarstellung, dass das nicht so ist, muss ich jetzt erst mal überschlafen. Danach werde ich für mich eine klare Entscheidung treffen, die deinem Wunsch nach Beruhigung entspricht.

Hallo,
Entschuldigung für die später Antwort. Ich hatte eine extrem stressige Woche.
Ich sehe die Offene Bibel nicht als religös absolut neutral. Schließlich meint „Bibel“ für uns alles, was in einer christlichen Konfession oder im Judentum als Bibel gilt. Unabhängig davon sind aber Menschen aller Religionen und Welteinschauungen eingeladen, bei uns mitzuarbeiten.
Die Worte „Ökumene“, „Konfession“ und „Denomination“ werden alle meistens rein inner-christlich verwendet werden. Beim Wort „Ökumene“ gibt es aber auch ein Verständnis, dass das Judentum (und eventuell sogar den Islam) mit einbezieht. Der Duden definiert „Denomination“ als christlich, „Konfession“ dagegen als allgemeiner. Wikipedia macht es umgekehrt.
Ich arbeite hier explizit in meiner Eigenschaft als evangelischer Christ mit. Dabei ist der Respekt gegenüber unserer jüdischen Schwesterreligion Teil meiner chsitlichen Identität – gerade auch beim Blick auf die Bibel. Diese Haltung teile ich mit sehr vielen anderen Christen.
Eine EKD-Denkschrift schreibt zu hierzu:
„»Das christlich-jüdische Verhältnis ist dadurch einzigartig, daß Juden und Christen die Schrift gemeinsam haben, die die Bibel Jesu, seiner Jünger und der neutestamentlichen Autoren ist.« (Studie II, 3.2.2). Dies ist in der Vergangenheit kaum gewürdigt worden und blieb deshalb folgenlos. Die jüdische Schriftauslegung zum Beispiel schien den Christen ohne theologische Bedeutung, da die Juden Christus als den für sie entscheidenden Schlüssel zur Auslegung der Schrift ablehnten. […] Es war Hochmut, zu meinen, die Juden, die seit mehr als 2000 Jahren mit der Schrift umgehen, hätten den Christen nichts zu sagen.“ (S. 205)
„Im Rahmen ihres zweiteiligen Kanons hat die christliche Kirche die Jüdische Bibel – ihr »Altes Testament« – stets von Christus her und auf Christus hin verstanden. Ohne Zweifel wird damit eine Perspektive eingenommen, die nicht aus dem Alten Testament selbst hervorgeht, sondern vom Neuen Testament her an das Alte herangetragen wird. […] Für Christen kann es nur ein Gewinn sein, zu erfahren, wie Jüdinnen und Juden die Schrift deuten und in ihrem Leben darauf antworten: Die jüdische Bibel und das jüdische Volk gehören zusammen.“ (S. 206)
„Die Einheit zwischen Altem und Neuem Testament tritt klarer hervor, wenn man vermeidet, alttestamentliche Texte ausschließlich in christologischer Perspektive zu lesen.“ (S. 207)