Was ist mit der Textkritik?

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Textkritische Entscheidungen können auf die Aussage eines Textes ja teilweise starke Auswirkungen haben...

[vgl. zum Beispiel den Text von Jesaja 9,2:

Eine Übersetzung ohne textkritische Vorarbeit müsste lauten: Vermehrt hast du das Volk, nicht groß gemacht hast du die Freude.

oder, unter Nichtbeachtung der Akzente:
Vermehrt hast du das Volk nicht, [aber] groß gemacht hast du die Freude.

Stattdessen übersetzt die Zürcher Bibel mit dem Qere (לוֹ):
Du hast die Nation zahlreich werden lassen, hast die Freude für sie gross gemacht.

Und mit der gängigen Konjektur הַגִילָה = הַגּוֹי לֹא erhält man:
Luther 1984: Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.
Elberfelder: Du vermehrst den Jubel, du machst die Freude groß. ]

...wie wollt ihr / sollen wir mit solchen Unklarheiten umgehen? Werden in Zweifelsfällen mehrere Übersetzungen angegeben? Nach welchen Kriterien sind textkritische Entscheidungen zu fällen? Wie sind sie zu kennzeichnen?
(falls dazu schon irgendwo was steht, entschuldigt meine Unkenntnis, ich hab vergeblich gesucht...)

Erstmal herzlich willkommen!

In der Studienfassung werden alle sinnvollen, möglichen Übersetzungsmöglichkeiten zusammengetragen, auch die Textkritik betreffenden.

Solche textkritischen Probleme können in Fußnoten (bei recht eindeutigen Sachen (meine Meinung)) und bei Stellen, wie Du sie anführtst auch in den Bemerkungen (wieder meine Meinung) von einfachen Anmerkungen, bis zu längeren Erklärungen auftauchen. Wobei gerade eine solche Vielfalt an (Übersetzungs-)Traditionen auch schon in den Kommentar* könnte.

Bei den Anmerkungen/Fußnoten solltestDu im Zweifelsfall immer daran denken, dass bei der später aus der Studienfassung entstehenden Lesefassung auch Laien mitarbeiten. Also versuche am besten einen Spagat aus wissenschaftlich korrekt und trotzdem verständlich.

Wenn die Studienfassung (evtl. unter Zuhilfenahmne des Kommentars) einem Laien und einem Theologen erklären kann, warum die Lutherübersetzung so anders klingt, als die Zürcher, dann ist das schon mal was. Die selber übersetzten Varianten kommen dann alle in die Studienfassung rein.

Wie das mit dem unvokalisierten Text ist, haben wir noch gar nicht besprochen, allerdings denke ich, dass wir uns grundsätzlich an die wissenschaftlich edierten Ausgaben halten sollten, und die BHS hat die Vokale. Wenn Du so ein Crack bist, dass Du solche Techniken beherrscht, dann kannst Du gerne auch Anmerkungen dazu schreiben (und eben begründen, warum das an der Stelle so wichtig ist, dass Du den Masoreten nicht folgst.

Die Kriterien der textkritischen Entscheidungen sind die allgemeinen, die Du auch in einer Seminararbeit anwendest. Es ist nur wichtig, dass Du einen Eingriff in die edierten Quellen (sprich in einer Übersetzungsvariante im Text der Studienfassung) in den Fußnoten oder Bemerkungen begründest, damit es andere nachvollziehen können und sich eine eigene Meinung bilden können.

Mal schauen, was die anderen meinen.

PS: Zur Unkenntnis: Das ist normal. Dadurch, dass die Offene Bibel noch ein junges Projekt ist, sind die Informationen noch nicht zentral gebündelt und auch noch nicht alle Eventualitäten besprochen. Wir arbeiten gerade an einem neuen Design, in dessen Fahrwasser auch die Navigation überarbeitet werden soll und die zentralen Dinge leichter gefunden werden. Wenn Du Vorschläge dazu hast, immer her damit.

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*Um den Kommentar und dessen Richtlinien haben wir uns bis jetzt noch gar nicht gekümmert, weil erstmal anderes wichtiger war. Ich werde demnächt nochmal den WiMi ansprechen, der die Idee dazu hatte.