Am 4,2

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Hi :)
Ich dachte mir, ich versuche mal, das Forum auf eine neue Art zu nutzen. Ich stoße immer wieder auf Übersetzungsfragen, die ich nicht allein entscheiden mag. Ich will gerne mal versuchen, eine davon hiermit dem Schwarm vorzulegen und zu sehen, ob es gut ist, wenn sich der ganze Schwarm dazu äußern kann; vielleicht ist das ja ne gute Methode.

Hier mein Beispiel: In Am 4,2 gibt es drei unsichere Wörter. Ich kenne vier verschiedene Übersetzungsvorschläge aus der Sekundärliteratur. Einer davon ist seit 1795 nicht mehr vertreten worden, gerade diesen finde ich aber am wahrscheinlichsten. Das passiert gar nicht so selten. In der Bibelexegese werden an vielen Stellen so viele verschiedene Übersetzungsvarianten nebeneinander diskutiert, dass manche davon einfach eine Zeit lang einfach nicht erwähnt werden und dann "einfach so" in Vergessenheit geraten. Oder aber sie sind so unwahrscheinlich, dass sie *deshalb* nicht rezipiert werden und in Vergessenheit geraten. Jedenfalls traue ich mich gerade deshalb hier nicht, mich diesem alten/veralteten (?) Vorschlag hier eigenmächtig anzuschließen.
Schaut mal nicht auf die Seite Am 4; ich will versuchen, die vier Vorschläge hier "neutralisiert" nebeneinanderzustellen, sodass ihr euer Votum abgeben könnt, ohne vom Alter und/oder der Zahl der Vertreter der Lösungsvorschläge beeinflusst zu sein.

Kurz zum Kontext: In Am 4 wird eine Gruppe von Israelit:innen kritisiert, die metaphorisch als "Kühe Baschans" angesprochen werden. Welche Israelit:innen das genau sein sollen, ist auch umstritten, aber immerhin wissen wir, dass das Baschangebirge sprichwörtlich für seine fetten Weiden war, sehr wahrscheinlich geht es also Israelit:innen, denen es besonders gut ging (wie das auch sonst bei den Israelit:innen ist, die Amos kritisiert). Und diesen "Kühen Baschans" wird hier ein schlimmes Geschick angekündigt:

Hört dieses Wort, / ihr Kühe vom Baschan,
die ihr Schwache bedrückt, / Arme misshandelt
und zu deren Herren sprecht: / "Bring! Wir wollen trinken!"
Der Herr JHWH schwört bei seiner Heiligkeit: / "Ja, siehe, Tagen werden über euch kommen,
da werdet ihr weggetragen (oder: erhöht, hochgehoben) werden an ṣinnot / und eure Nachkommen an sirot dugah!".

Die drei unsicheren Begriffe sind also das feminine ṣinnot (das zugrundeliegende Sg. wäre ṣen oder ṣinnah), das feminine sirot (Sg. sir) und dugah. "sirot dugah" ist eine hebräische Genitivverbindung, die verschiedenes bedeuten kann; im Deutschen stellt man sich am besten vor, dass es "dugah-sirot" sind. Also z.B. ein heb. "Texte Sebastian" müsste man sich im deutschen denken als "Sebastian-Texte", also entweder "Texte von Sebastian", "für Sebastian" oder sonst irgendwie "mit Sebastian verbunden".

Zu den einzelnen Worten:
(1) "dugah" kennen wir sonst nicht mehr im Hebräischen, wir müssen es daher ableiten von mutmaßlich verwandten Worten. Vorgeschlagen wurde (a), dass es verwandt ist mit dem heb. "dag" ("Fisch") und dass das Wortbildungsmuster "1u2ah" daraus einen Abstraktbegriff macht, also "Fischerei". Oder (b) es ist verwandt mit dem arabischen "duga" ("schwarz, dunkel")
(2) "ṣen" / "ṣinnah" gibt es im Hebräischen. (a) "ṣinnah" ist der "Schild" (die Waffe), (b) daneben gibt es "ṣen" ("Stachel"), das aber maskulin ist, so dass der Plural eigentlich "ṣinnim" lauten würde. (c) Aus dem späteren Aramäisch kennen wir außerdem ein fem. "ṣinna`" ("Korb").
(3) "sir" gibt es ebenfalls im hebräischen, nämlich (a) ein sowohl mask. als auch fem. "sir" mit der Bed. "Topf, Kessel" und (b) ein maskulines "sir" mit der Bedeutung "Dorn".

Aus diesen verschiedenen Alternativen lassen sich folgende Übersetzungsvarianten konstruieren, die in der Sekundärliteratur alle schon vertreten wurden:
(a) "Ihr werdet hochgehoben werden auf Schilden und eure Nachkommen in Fischerei-Töpfen."
(b) Es gibt im Heb. das grammatische Phänomen, dass maskuline Begriffe zum Femininum umgeformt werden, wenn ausgedrückt werden soll, dass das, was mit dem Wort bezeichnet wird, künstlich verfertigt ist. Also: "Ihr werdet getragen werden an (künstlichen) Stacheln und eure Nachkommen an (künstlichen) Fischerei-Dornen."
Zu denken wäre dann an Angelhaken, an denen gefangene Fische transportiert wurden. Die gebräuchlichen Worte für Angelhaken im Heb. sind aber "ḥakkah" und "ḥaḥ". Letzteres heißt ebenfalls ursprünglich "Dorn", *dieses* "Dorn" hat sich dann also wirklich entwickelt zu einem Fachbegriff für Angelhaken. Man könnte/müsste also annehmen, dass exakt das Selbe auch mit "ṣen" und "sir" passiert wäre, so dass es im Heb. drei Begriffe gäbe, die alle "Dorn" oder "Stachel" bedeuten und sekundär alle auch für Angelhaken verwendet werden können.
(c) Eine Mischung aus (a) und (b): "Ihr werdet fortgetragen werden in Körben und eure Nachkommen an Fischerei-Dornen" (=Angelhaken).
Bei (b) und (c) müsste man also an den Transport von gefangenen Fischen denken. Hier könnt ihr euch mal drei Darstellungen von solchen Fisch-Transporten aus dem alten Ägypten ansehen: https://offene-bibel.de/wiki/Datei:Fischtransport.jpg . Gefangene Fische wurden also wirklich an Haken oder in Körben transportiert.
(d) Im Heb. gibt es außerdem das Phänomen, dass maskuline Begriffe zum Femininum umgeformt werden, wenn das Wort als Kollektivbegriff verwendet werden soll. Das maskuline "dag" ist z.B. "der Fisch", das feminine "dagah" der "Fischschwarm", wörtlich "das Gefisch". Das feminine "ṣen" ("Stachel") und "sir" ("Dorn") könnten also Kollektivbegriffe sein und dornige/stachlige Gegenden bezeichnen: "Ihr werdet fortgetragen werden in Gestachel und eure Nachkommen in finsteres Dorngestrüpp".

Bei (a)-(c) würde also jeweils mit der "Kuh-Metapher" gebrochen und neu eine Fisch-Metapher in den Text eingeführt; die Rede wäre von poetischer Gerechtigkeit: Gerade ihnen, die "trinken" wollten, werden nun fortgeschleppt wie Fische auf dem Trockenen. Bei (d) waltete nach wie vor die Kuh-Metapher, auch hier gäbe es poetische Gerechtigkeit: Gerade sie, die auf den fruchtbaren Baschanweiden grasten, werden nun stattdessen in Gestachel und Dorngestrüpp getragen werden.

Ich habe meinen Favoriten. Aber ich hätte hier wirklich sehr gerne mindestens eine oder vielleicht sogar mehrere zweite Meinungen. Habt ihr Lust, mal abzustimmen?

Vielen Dank für Deine Herleitung! Ich habe dabei viel gelernt! Du hast es wirklich geschafft, die Varianten sehr objektiv darzustellen. Ich finde aus Deiner Herleitung und aus inhaltlichen Gesichtspunkten d) am überzeugendsten, dass die „Kühe” von der fetten Weide ins Dornengestrüpp getragen werden.