Daniel 9, 24-27 Jahrwochenprophezeiung

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Liebe Forummitglieder, bin ganz neu hier, weil ich für ein Buch viele Bibelzitate benutzen möchte und nun über das Lizenzproblem stolpere.

Beim Stöbern sehe ich im "Lexikon" zur Prophezeiung in Daniel 9, 24-27 einen Kommentar, zu dem ich Fragen habe. Aus Daniel 12, 11 soll sich die Dauer eines "Daniel-Jahres" von 368,6 Tagen ergeben, weil für die dort genannten 1290 Tage ein Bezug zu 3,5 Jahren nach Daniel 12, 7 bestehen soll. Dort ist aber gar nicht von Jahren, sondern vom vieldeutigen Zeitbegriff καιρος die Rede, wenn ich mir die Septuaginta ansehe (hebräisch kann ich leider nicht und mein altgriechisch ist sehr bescheiden). Paßt das überhaupt?

Was haltet ihr aber von folgender Überlegung?

70 * 7 Jahrwochen sind 490 Jahre. Nehmen wir als Startzeitpunkt 458 v. Chr. an, dann kommen wir bei 32/33 n. Chr. an. Das könnte die letzte Erscheinung des auferstandenen Jesus zur Bekehrung des Saulus zum Paulus gewesen sein (1. Korintherbrief 15, 8). Eine Jahrwoche (7 Jahre) früher erscheint ein Gesalbter bzw. Messias/Christus, der ohne eigenes Verschulden während der letzten Jahrwoche getötet wird.

Was aber ist an 458 v. Chr. besonders? Das ist das siebte Regierungsjahr des Königs Artaxerxes (Esra 7, 7), in dem er Esra beauftragt, nach Jerusalem zu gehen und die Worte und Gesetze Esras Gottes aufzuschreiben (Esra 7, 1-2 und 25). Esra packt die religiöse Verdorbenheit vor Ort endlich konsequent an und beginnt mit dem Aufbau von Gerechtigkeit (= das ideale Jerusalem). Und er kümmert sich um nichts geringeres als die BIBEL!

Jesus wird das nach den 70 Jahrwochen als "ewige Gerechtigkeit" vollenden. Uns fehlt hier der Blick für das Wesentliche! Es geht nun nicht um profane Eckpunkte, sondern um viel mehr (vgl. z. B. Johannesevangelium 2, 18-22: Jesus ist der wahre Tempel, nicht der für Menschen so imposante Herodianische Tempel). Tempel, Jerusalem, Israel usw. können also profane oder metaphorische Bedeutung haben.

LG & danke für Meinungen, Ulrich

Heja,
Also zunächst mal, was der entsprechende Abschnitt, auf den du verweist, auf der Hauptseite des Lexikons zu suchen hat, weiß ich auch nicht, das gehört dort sicher nicht hin. Ich habe ihn jetzt mal auf die Seite "Jahrwoche" verschoben, falls du ihn suchst.

Dann: Dan 9 hat (wie auch den besagten Lexikonabschnitt) der Benutzer Bibelleser erstellt, Dan 12 der Benutzer topseeser. Ich kann zu beiden Kapiteln daher nicht viel sagen. Aber was ich sagen kann, ist erstens, dass im Heb. von Dan 12,11 ein ähnlich unbestimmter Zeitbegriff steht (moed, "Zeit" oder "Festzeit"), anscheinend also "für eine Zeit, Zeiten und eine Hälfte". Und ich kann sagen, dass in LXX der zweite Begriff im Genitiv steht: "für eine Zeit der Zeiten und eine halbe Zeit". Dass hier von 3,5 Jahren die Rede sein soll, kann ich keiner der beiden Versionen so direkt entnehmen. Ich kann dir zweitens sagen, dass Dan 9,24-27 eine extrem dunkle Stelle ist, zu der es zig Auslegungen gibt. Was Bibelleser da berechnet, ist eine von vielen möglichen Berechnungen, und ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob es eine der Rechnungen ist, die man ernster nehmen darf - er gibt ja leider gar keine Sekundärliteratur an. Ich weiß zum Beispiel nicht mal, ob man für die Abfassungszeit des Danielbuchs annehmen darf, dass mit einer durchschnittlichen Jahreslänge von 365,25 Tagen gerechnet wird; im Alten Orient und im Alten Judentum waren nämlich unterschiedliche Jahreskonzeptionen im Umlauf, und wenn ich das richtig im Kopf habe, war im nachexilischen Judentum nicht ein Sonnen-, sondern ein Mondkalender gebräuchlich, nach dem das dann schon von vornherein die falsche Berechnungsbasis wäre.

Beide Kapitel haben ohnehin den Status "in Arbeit", da hat also bisher noch nicht einmal ein Zweiter korrekturgelesen, was bei der Offenen Bibel aber fest zu den Qualitätssicherungsabläufen gehört. Ich würde dir daher jetzt erst mal raten, gib lieber nicht so viel auf die Berechnungen auf der Kapitelseite von Dan 9 und auf der Lexikonseite zu "Jahrwoche". Möglich, dass das etwas ist, das sich so auch in einem ordentlichen Kommentar findet, möglich aber auch, dass das eine Privattheorie des Nutzers Bibelleser ist, den ich nicht kenne - so was findet sich auf Offene Bibel manchmal nämlich auch, was einer der Gründe dafür war, dass wir die Zweitleser-Regel eingeführt haben.

Äh, Dan 12,7, sry. :)

Vielen besten Dank für die schnellen und ausführlichen Hinweise! In der Online-LXX der Bibelgesellschaft steht der zweite Zeitbegriff nicht im Genitiv, sondern Akkusativ Plural (reguläre O-Deklination, Endung -oυς). Da Dan 9 und insbesondere eine Kommentierung den Bearbeitenden sicher noch Kopfzerbrechen bereiten wird, möchte ich auf eine lesenswerte Sekundärliteratur hinweisen, über die ich gestolpert bin und die mich auf meine provokante Frage gebracht hat:

Seth Erlandsson: Die siebzig „Jahrwochen“ in Daniel 9,24-27. Übersetzer: David Edvardsen. Original aus Biblicum 2009/1, hrsg. von Stiftelsen Biblicum. in: Theologische Handreichung und Information. Hrsg. vom Dozentenkollegium des Lutherischen Theologischen Seminars Leipzig. 28. Jahrgang, April 2010, Nr. 2, S. 7-15. Online: http://elfk.de/html/docs/wp-content/uploads/2018/02/thi_2010_2.pdf zuletzt am 13.02.2021

Der schwedische Alttestamentler Erlandsson referiert für die Bibelstelle etliche Deutungen, die ihn nicht definitiv überzeugen. Unter anderem auch eine jüdische Auslegung, die auf die Makkabäerzeit (171 v. Chr.) deutet. Das dürfte Hintergrund für die These sein, die der Benutzer Bibelleser vertritt. Es sollte bitte erwähnt werden, daß es noch andere Thesen gibt und seine nicht unumstritten ist!

Erlandsson diskutiert als eine von zwei verschiedenen Gruppen (1. "Dispensionalisten" - mit einigen zusätzlichen krausen Ideen, 2. "viele bekannte konservative Exegeten" - wohl vernünftiger) vorgeschlagene Möglichkeit das Jahr 458 v. Chr. als "Starttermin". Sein Hauptargument gegen diese These ist seine feste Annahme, daß das Kyros-Edikt von 538 v. Chr. der Startpunkt sein müsse. Und genau hier glaube ich, daß Erlandsson die Bibelredaktion des Esra als prägenden religiösen Wendepunkt übersieht oder unterschätzt!

Das Problem der Jahreskonzeptionen erwähnt Erlandsson in seinem Beitrag nicht. Ich empfinde auch die vier Jahreszeiten bestimmend für ein der Schöpfung entsprechendes Jahr. Warum sollte eine Prophezeiung auf eine vorübergehende Mode artifizieller Mondkalenderjahre zurückgreifen? Trotzdem sicherlich ein wichtiger Gedanke, der bei Deutungsversuchen bedacht werden sollte.

Aus Erlandssons Sicht bleibt die Stelle schwierig zu deuten. Er bringt allerdings viele Argumente, daß sie auf Jesus Christus hindeuten dürfte. Daher habe ich mir das Jahr 458 v. Chr. näher angesehen und finde es durchaus interessant.

Das mit der Septuaginta stimmt; ich gestehe, ich habe jetzt einfach schnell in die erste Ausgabe geschaut, die ich zur Hand hatte; das war der byz. Text. Verzeih :)

Und das will ich außerdem noch eben sagen: Ein Fall wie deiner - Lizenzprobleme bei der Bibelverwendung - ist ursprünglich sogar der Hauptgrund dafür gewesen, dass wir mit der Offenen Bibel angefangen haben; exakt dafür ist sie da (mittlerweile gibts noch ne ganze Reihe anderer Gründe). Aber bis sie sich gut für so etwas verwenden lässt, wird leider noch etwas Wasser den Main runterfließen; so ne Bibelübersetzung von Ehrenamtlichen mit unseren Qualitätsstandards dauert sehr lange... :)
Wenn du so lange nicht Zeit hast, schau dir vielleicht mal die Leonberger Bibel an ( https://www.causamundi.de/shop/page?p=bible ); Daniel z.B. und ohnehin das ganze NT sind da schon fertig übersetzt.

Und zum Kalender: Wenn dich das interessiert, forsch mal ein bisschen, Kalenderauseinandersetzungen sind ein ziemlich häufiges, aus heutiger Sicht super merkwürdiges und gerade darum super spannendes Phänomen. Anfangen könntest du auf WiBiLex: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwo...

Danke für deine Tipps! Ich werde mich aber doch lieber der Menge-Bibel bedienen, weil ich mich in einer Weise äußern möchte, die Kirchenvertretern gar nicht gefallen wird.
Zum Thema Kalender hab ich mir den spannenden Link angeschaut. Das ist allerdings für mich etwas zu viel.
In meinem Brotberuf befasse ich mich im Labor mit dem Nachweis von Infektionskrankheiten (und Antibiotikaresistenzen). Da könnte ich euch schon eher etwas beitragen, wenngleich historischen Schilderungen sehr vieldeutig sein dürften. Fragt mich bitte nicht nach Lepra, schwitz ...