Amos 3: Unterschied zwischen den Versionen

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{{S|4}} Brüllt der Löwe im Gestrüpp (Wald)
 
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_Aber Beute gibt es nicht für ihn (hat er nicht vor sich?)?<ref>''Beute gibt es nicht (hat er nicht vor sich)'' - 4b.d werden häufig so verstanden, dass 4b vom Gebrüll vor und 4d vom Gebrüll nach der Jagd spreche. So schon Kimchi, der fabuliert, Löwen brüllten bei der Jagd, um ihre Beutetiere in Angststarre zu versetzen (ähnlich Ibn Ezra). Daher häufig entsprechende Üss., z.B. Brandscheidt 2002, S. 4: „ohne daß er Beute vor sich hat.“, GN: „wenn er kein Beutetier vor sich sieht“. Aber richtig bereits Raschi: „Wenn ein Löwe seine Beute gefangen hat, brüllt er regelmäßig; nicht aber brüllt er, wenn er [noch] nichts gefangen hat.“ Zu den Zeiten, da Löwen brüllen, vgl. Hope 1991, S. 202f. Hinzu kommt, dass das Subst. ''terep'' von ''tarap'' „reißen, zerfleischen“ kommt und entsprechend häufig speziell das „bereits Gerissene“ bezeichnet; s. [[Genesis 49#s9 |Gen 49,9]]; [[Ijob 29#s17 |Ijob 29,17]]; [[Psalm 76#s4 |Ps 76,4]]; [[Psalm 124#s6 |124,6]]; [[Jesaja 5#s29 |Jes 5,29]]; [[Jesaja 31#s4 |31,4]]; [[Nahum 2#s13 |Nah 2,13]]; daher wohl sinnvoll HER05: „wenn er keine Beute gemacht hat“; R-S „eh er seine Beute hat“, TAF: „ohne daß er zerfleischt hat.“</ref>
 
_Aber Beute gibt es nicht für ihn (hat er nicht vor sich?)?<ref>''Beute gibt es nicht (hat er nicht vor sich)'' - 4b.d werden häufig so verstanden, dass 4b vom Gebrüll vor und 4d vom Gebrüll nach der Jagd spreche. So schon Kimchi, der fabuliert, Löwen brüllten bei der Jagd, um ihre Beutetiere in Angststarre zu versetzen (ähnlich Ibn Ezra). Daher häufig entsprechende Üss., z.B. Brandscheidt 2002, S. 4: „ohne daß er Beute vor sich hat.“, GN: „wenn er kein Beutetier vor sich sieht“. Aber richtig bereits Raschi: „Wenn ein Löwe seine Beute gefangen hat, brüllt er regelmäßig; nicht aber brüllt er, wenn er [noch] nichts gefangen hat.“ Zu den Zeiten, da Löwen brüllen, vgl. Hope 1991, S. 202f. Hinzu kommt, dass das Subst. ''terep'' von ''tarap'' „reißen, zerfleischen“ kommt und entsprechend häufig speziell das „bereits Gerissene“ bezeichnet; s. [[Genesis 49#s9 |Gen 49,9]]; [[Ijob 29#s17 |Ijob 29,17]]; [[Psalm 76#s4 |Ps 76,4]]; [[Psalm 124#s6 |124,6]]; [[Jesaja 5#s29 |Jes 5,29]]; [[Jesaja 31#s4 |31,4]]; [[Nahum 2#s13 |Nah 2,13]]; daher wohl sinnvoll HER05: „wenn er keine Beute gemacht hat“; R-S „eh er seine Beute hat“, TAF: „ohne daß er zerfleischt hat.“</ref>
(Gibt=) Erhebt ein Leu (junger Löwe?)<ref>''Leu (junger Löwe)'' - „junger Löwe“ ist die Standard-Üs., aber wohl irreführend. Während erstens das Standardwort für Löwe – ''`arjeh'' – von gez. `arwe“ („wildes Tier“) kommt und den Löwen i.A. bezeichnet, kommt ''kefir'' etymologisch von ''kafar'' („stark sein“) und bezeichnet wohl eher gerade den voll im Saft stehenden Löwen denn das Löwenjunge (das ''gur `arjeh'' heißt). Entsprechend weißt Hope 1991 zur Stelle auch richtig darauf hin, dass gerade die jüngeren Löwen die aktivsten Jäger sind, und schlägt daher als passendere Üss. „Jagdlöwe“ und „Killer-Löwe“ vor. Zweitens sind die beiden Worte noch öfter Wechselbegriffe, ohne dass die us. Bed. der Worte irgendetwas austragen würde, s. noch [[Psalm 17#s12 |Ps 17,12]]; [[Jesaja 31#s4 |Jes 31,4]]; [[Micha 5#s7 |Mi 5,7]] und v.a. [[Ijob 4#s10 |Ijob 4,10]]; [[Ezechiel 19#s2 |Ez 19,2]]; [[Nahum 2#s12 |Nah 2,12]]. „Junger Löwe“ weckt also sicher die falschen Assoziationen und sollte nicht als Üs. gewählt werden.</ref> seine Stimme aus seiner Höhle,<ref>''Höhle'' - An sich leben Löwen nicht in Höhlen; dies gehört aber zur fixen „Löwen-Mythologie“ der Antike und ist daher unproblematisch: Auch [[Nahum 2#s12 |Nah 2,12]] fragt nach dem Ort der „Höhle des Löwen“, [[Psalm 104#s20 |Ps 104,20-22]] schildert den Löwen als nachtaktives Tier (was gleichfalls nicht für Löwen gilt), das sich tagsüber in seine Höhle zurückzieht, in [[Hohelied 4#s8 |Hld 4,8]] wird er gleichfalls Gebirgshöhlen verortet, wie auch  [[Deuteronomium 33#s22 |Dtn 33,22]] Dan bezeichnet als einen „Löwen, der vom Baschangebirge herab- / aus dem Baschangebirge hervorspringt“. Das ist nicht nur in Israel so. Im ägyptischen Akenaten-Hymnus etwa ist der Löwe ebenfalls ein nachtaktives Höhlentier und im äg. Spruch zum Schutz des Horus ein nachtaktives Gebirgstier (s. COS 1.28; TUAT II/3, S. 369). Und ebenso im Griechischen; Herodot etwa berichtet von Löwen, die nachts vom Gebirge herabkommen, um Kamele zu rauben (Hdt 7.125f.), Xenophon behauptet gerade in seinem Traktat über die Jagd, Löwen hätten ihren Lebensraum im Gebirge (Kyn 11.1), und natürlich wohnen auch der kithaironische und der nemeische Löwe, die Herkules erschlug, in einer Gebirgshöhle (Apollodorus 24,9-10; 2.5,1; Diodorus Siculus 4.11.3f.). Auch der jüdische „Löwe von ''Bei Ilai''“ (s. zu [[Amos 1#s2 |Am 1,2]]) wohnt ja im „höchsten Haus“, vermutlich also ebenfalls einem Gebirge.</ref>  
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(Gibt=) Erhebt ein Leu (junger Löwe?)<ref>''Leu (junger Löwe)'' - „junger Löwe“ ist die Standard-Üs., aber wohl irreführend. Während erstens das Standardwort für Löwe – ''`arjeh'' – von gez. ''`arwe'' („wildes Tier“) kommt und den Löwen i.A. bezeichnet, kommt das hier verwendete ''kefir'' etymologisch von ''kafar'' („stark sein“) und bezeichnet wohl eher gerade den voll im Saft stehenden Löwen denn das Löwenjunge (das ''gur `arjeh'' heißt). Entsprechend weist Hope 1991 zur Stelle auch richtig darauf hin, dass gerade die jüngeren Löwen die aktivsten Jäger sind, und schlägt daher als passendere Üss. „Jagdlöwe“ und „Killer-Löwe“ vor. Zweitens sind die beiden Worte noch öfter Wechselbegriffe, ohne dass die us. Bed. der Worte irgendetwas austragen würde, s. noch [[Psalm 17#s12 |Ps 17,12]]; [[Jesaja 31#s4 |Jes 31,4]]; [[Micha 5#s7 |Mi 5,7]] und v.a. [[Ijob 4#s10 |Ijob 4,10]]; [[Ezechiel 19#s2 |Ez 19,2]]; [[Nahum 2#s12 |Nah 2,12]]. „Junger Löwe“ weckt also sicher die falschen Assoziationen und sollte nicht als Üs. gewählt werden.</ref> seine Stimme aus seiner Höhle,<ref>''Höhle'' - An sich leben Löwen nicht in Höhlen; dies gehört aber zur fixen „Löwen-Mythologie“ der Antike und ist daher unproblematisch: Auch [[Nahum 2#s12 |Nah 2,12]] fragt nach dem Ort der „Höhle des Löwen“, [[Psalm 104#s20 |Ps 104,20-22]] schildert den Löwen als nachtaktives Tier (was gleichfalls nicht für Löwen gilt), das sich tagsüber in seine Höhle zurückzieht, in [[Hohelied 4#s8 |Hld 4,8]] wird er gleichfalls Gebirgshöhlen verortet, wie auch  [[Deuteronomium 33#s22 |Dtn 33,22]] Dan bezeichnet als einen „Löwen, der vom Baschangebirge herab- / aus dem Baschangebirge hervorspringt“. Das ist nicht nur in Israel so. Im ägyptischen Akenaten-Hymnus etwa ist der Löwe ebenfalls ein nachtaktives Höhlentier und im äg. Spruch zum Schutz des Horus ein nachtaktives Gebirgstier (s. COS 1.28; TUAT II/3, S. 369). Und ebenso im Griechischen; Herodot etwa berichtet von Löwen, die nachts vom Gebirge herabkommen, um Kamele zu rauben (Hdt 7.125f.), Xenophon behauptet gerade in seinem Traktat über die Jagd, Löwen hätten ihren Lebensraum im Gebirge (Kyn 11.1), und natürlich wohnen auch der kithaironische und der nemeische Löwe, die Herkules erschlug, in einer Gebirgshöhle (Apollodorus 24,9-10; 2.5,1; Diodorus Siculus 4.11.3f.). Auch der jüdische „Löwe von ''Bei Ilai''“ (s. zu [[Amos 1#s2 |Am 1,2]]) wohnt ja im „höchsten Haus“, vermutlich also ebenfalls einem Gebirge.</ref>  
 
_außer wenn er gefangen hat?
 
_außer wenn er gefangen hat?
 
{{S|5}} Stürzt sich ein Vogel in die Falle [auf] der Erde (fällt ein Vogel auf {die Falle} die Erde),<ref name="V 5">[[Datei:Vogelfang.jpg|mini|rechts|Links: Ägyptische Darstellungen des Vogelfangs, Grafik bei Wilkinson 1847: The Manners and Customs of the Ancient Egyptians I/3, S. 38.<br />Rechts: Rekonstruktion eines äg. Klappnetzes, Grafik leicht bearbeitet nach Schäfer 1919: Ägyptischer Vogelfang, S. 179.]]Unsichere Doppelzeile. Die Rede ist wahrscheinlich wegen 5c von einem Klappnetz, s. rechts. Auf dieses wird in Zz. a-c mit zwei unterschiedlichen Wörtern Bezug genommen, nämlich ''pach'' in Z. a.c und ''moqesch'' in Z. b. Vgl. zu diesen Wörtern am besten Driver 1954, S. 131-136. Nach dem Wortlaut des MT lautet der Text daher vermutlich: „Fällt ein Vogel in die Falle (''pach'') am Boden, / aber einen Schnapper (''moqesch'') gibt es nicht für ihn? // Steigt die Falle (''pach'') von der Erde, / aber einen Fang hat sie nicht gefangen?“ Das macht aber schwerlich Sinn; wird differenziert zwischen ''pach'' und ''moqesch'', müsste der „Schnapper“ von der Erde steigen, nicht die ganze „Falle“. In älteren Kommentaren und Üss. hat man für „steigt die Falle“ häufig übersetzt „wird sie (vom Jäger) hochgehoben“ (nachdem sie einen Fang gemacht hat); so übersetzt kann der Text auch nach dem Wortlaut des MT Sinn machen. So z.B. Dahl 1795 („Wird wohl die Schlinge von der Erde weggenommen“); Justi 1820 („Hebt man das Garn wohl von der Erde auf“); Michaelis 1782 („Wird das Netz wieder aufgenommen“); Moldenhawer 1787 („Nimmt man die Schlinge weg“); Schröder 1829 („Und nimmt man wohl das Garn vom Boden auf“).<br />'''Textkritik''': Dieser Wortlaut ist aber wohl nicht der ursprüngliche:<br />(1) In LXX fehlt das erste ''pach''; die große Mehrheit der Exegeten streicht daher dieses Wort. Allerdings ist die externe Evidenz mit nur LXX als Zeugen recht schwach; auch die LXX-Derivate VUL und Syr stützen ja MT.<br />(2) Wichtiger: ''Alle'' alten Vrs. – LXX, Aq, Sym, Theod, Tg, VUL, Syr – übersetzen ''moqesch'' nicht mit „Falle“, sondern mit „Jäger“, was nicht ''moqesch'', sondern ''joqesch'' voraussetzt. Ganz merkwürdig wird dies trotz dieser sehr starken Evidenz von fast allen Exegeten ignoriert; stattdessen wird häufig ''moqesch'' eine andere Bed. gegeben: Meist „Wurfholz, Bumerang“, mit dem die alten Ägypter in der Tat Vögel jagdten (so z.B. Marti, Sellin, Driver 1934 (nicht mehr 1954), Maag, Wolff, Mittmann 1971, Smith) oder „Lockspeise, Köder“ (so z.B. Rudolph, Soggin, Andersen/Freedman, Paul, Niehaus, Garrett, Bons 2014, S. 43; Eidevall); gelegentlich auch „Stellholz“ (z.B. Junker 1956, S. 326; Brandscheidt 2002, S. 4). All diese Sonderbedeutungen sind aber allein aus speziell diesem Kontext erschlossen und es lässt sich sonst mit nichts stützen, dass das häufige ''moqesch'' diese Sonderbed. hätte. Die Etymologie spricht dagegen (s. Driver 1954), sofern nicht „Wurfholz“ im Heb. als „Herunterschläger“ bezeichnet worden sein sollte.<br />(3) Der Vogel ''nafal ´al'' die Falle am Boden oder (nach LXX:) den Boden. Fast stets würde dies heißen: „auf die Falle am Boden / auf den Boden fallen/stürzen“. Exegeten wie Snaith, Andersen/Freedman, Paul u.a. verweisen daher z.B. auf [[Genesis 24#s64 |Gen 24,64]]; [[2 Könige 5#s21 |2 Kön 5,21]], wo „vom Pferd/vom Wagen ''gesprungen''“ wird und auf die häufigeren Ausdrücke ''nafal `arṣah'' „sich auf den Boden ''werfen''“ (=„auf die Knie fallen“) und ''nafal ´al sawwar'' „(jmdm) um den Hals fallen“, wonach dann hier vom Vogel angenommen werden könnte, dass er „sich auf die Falle/Lockspeise ''stürzt''“. Das ist möglich, ist aber als Sprachgebrauch doch ungewöhnlich. Vielleicht soll hier auch schon im Verb das dann noch folgende Schicksal des Vogels – der Tod – zum Ausdruck kommen.<br />Angesichts dieser Optionen ist '''am wahrscheinlichsten''' dies, dass in der Tat ''joqesch'' statt ''moqesch'' im Urtext stand (die Verschreibung wäre leicht erklärlich; ''pach'' und ''moqesch'' statt ''joqesch'' sind ein festes Wortpaar; s. noch [[Josua 23#s13 |Jos 23,13]]; [[Psalm 69#s23 |Ps 69,23]]; [[Psalm 140#s6 |140,6]]; [[Psalm 141#s9 |141,9]]; [[Jesaja 8#s14 |Jes 8,14]]), der aber sonst mit MT übereinstimmte; also: „Stürzt sich ein Vogel in die Falle auf der Erde / aber einen Jäger [der diese aufgestellt hätte] gibt es nicht für ihn?“<br />Von hier aus erklären sich jedenfalls auch die ziemlich unterschiedlichen '''anderen dt. Üss.''':<br />(1) statt „Stürzt sich ein Vogel auf die Falle auf der Erde“ übersetzen mit „Fällt etwa ein Vogel zur Erde“ EÜ, HER05, LUT (anders noch LUT 1912), PAT, R-S, ZÜR 31 (anders ZÜR 07);<br />
 
{{S|5}} Stürzt sich ein Vogel in die Falle [auf] der Erde (fällt ein Vogel auf {die Falle} die Erde),<ref name="V 5">[[Datei:Vogelfang.jpg|mini|rechts|Links: Ägyptische Darstellungen des Vogelfangs, Grafik bei Wilkinson 1847: The Manners and Customs of the Ancient Egyptians I/3, S. 38.<br />Rechts: Rekonstruktion eines äg. Klappnetzes, Grafik leicht bearbeitet nach Schäfer 1919: Ägyptischer Vogelfang, S. 179.]]Unsichere Doppelzeile. Die Rede ist wahrscheinlich wegen 5c von einem Klappnetz, s. rechts. Auf dieses wird in Zz. a-c mit zwei unterschiedlichen Wörtern Bezug genommen, nämlich ''pach'' in Z. a.c und ''moqesch'' in Z. b. Vgl. zu diesen Wörtern am besten Driver 1954, S. 131-136. Nach dem Wortlaut des MT lautet der Text daher vermutlich: „Fällt ein Vogel in die Falle (''pach'') am Boden, / aber einen Schnapper (''moqesch'') gibt es nicht für ihn? // Steigt die Falle (''pach'') von der Erde, / aber einen Fang hat sie nicht gefangen?“ Das macht aber schwerlich Sinn; wird differenziert zwischen ''pach'' und ''moqesch'', müsste der „Schnapper“ von der Erde steigen, nicht die ganze „Falle“. In älteren Kommentaren und Üss. hat man für „steigt die Falle“ häufig übersetzt „wird sie (vom Jäger) hochgehoben“ (nachdem sie einen Fang gemacht hat); so übersetzt kann der Text auch nach dem Wortlaut des MT Sinn machen. So z.B. Dahl 1795 („Wird wohl die Schlinge von der Erde weggenommen“); Justi 1820 („Hebt man das Garn wohl von der Erde auf“); Michaelis 1782 („Wird das Netz wieder aufgenommen“); Moldenhawer 1787 („Nimmt man die Schlinge weg“); Schröder 1829 („Und nimmt man wohl das Garn vom Boden auf“).<br />'''Textkritik''': Dieser Wortlaut ist aber wohl nicht der ursprüngliche:<br />(1) In LXX fehlt das erste ''pach''; die große Mehrheit der Exegeten streicht daher dieses Wort. Allerdings ist die externe Evidenz mit nur LXX als Zeugen recht schwach; auch die LXX-Derivate VUL und Syr stützen ja MT.<br />(2) Wichtiger: ''Alle'' alten Vrs. – LXX, Aq, Sym, Theod, Tg, VUL, Syr – übersetzen ''moqesch'' nicht mit „Falle“, sondern mit „Jäger“, was nicht ''moqesch'', sondern ''joqesch'' voraussetzt. Ganz merkwürdig wird dies trotz dieser sehr starken Evidenz von fast allen Exegeten ignoriert; stattdessen wird häufig ''moqesch'' eine andere Bed. gegeben: Meist „Wurfholz, Bumerang“, mit dem die alten Ägypter in der Tat Vögel jagdten (so z.B. Marti, Sellin, Driver 1934 (nicht mehr 1954), Maag, Wolff, Mittmann 1971, Smith) oder „Lockspeise, Köder“ (so z.B. Rudolph, Soggin, Andersen/Freedman, Paul, Niehaus, Garrett, Bons 2014, S. 43; Eidevall); gelegentlich auch „Stellholz“ (z.B. Junker 1956, S. 326; Brandscheidt 2002, S. 4). All diese Sonderbedeutungen sind aber allein aus speziell diesem Kontext erschlossen und es lässt sich sonst mit nichts stützen, dass das häufige ''moqesch'' diese Sonderbed. hätte. Die Etymologie spricht dagegen (s. Driver 1954), sofern nicht „Wurfholz“ im Heb. als „Herunterschläger“ bezeichnet worden sein sollte.<br />(3) Der Vogel ''nafal ´al'' die Falle am Boden oder (nach LXX:) den Boden. Fast stets würde dies heißen: „auf die Falle am Boden / auf den Boden fallen/stürzen“. Exegeten wie Snaith, Andersen/Freedman, Paul u.a. verweisen daher z.B. auf [[Genesis 24#s64 |Gen 24,64]]; [[2 Könige 5#s21 |2 Kön 5,21]], wo „vom Pferd/vom Wagen ''gesprungen''“ wird und auf die häufigeren Ausdrücke ''nafal `arṣah'' „sich auf den Boden ''werfen''“ (=„auf die Knie fallen“) und ''nafal ´al sawwar'' „(jmdm) um den Hals fallen“, wonach dann hier vom Vogel angenommen werden könnte, dass er „sich auf die Falle/Lockspeise ''stürzt''“. Das ist möglich, ist aber als Sprachgebrauch doch ungewöhnlich. Vielleicht soll hier auch schon im Verb das dann noch folgende Schicksal des Vogels – der Tod – zum Ausdruck kommen.<br />Angesichts dieser Optionen ist '''am wahrscheinlichsten''' dies, dass in der Tat ''joqesch'' statt ''moqesch'' im Urtext stand (die Verschreibung wäre leicht erklärlich; ''pach'' und ''moqesch'' statt ''joqesch'' sind ein festes Wortpaar; s. noch [[Josua 23#s13 |Jos 23,13]]; [[Psalm 69#s23 |Ps 69,23]]; [[Psalm 140#s6 |140,6]]; [[Psalm 141#s9 |141,9]]; [[Jesaja 8#s14 |Jes 8,14]]), der aber sonst mit MT übereinstimmte; also: „Stürzt sich ein Vogel in die Falle auf der Erde / aber einen Jäger [der diese aufgestellt hätte] gibt es nicht für ihn?“<br />Von hier aus erklären sich jedenfalls auch die ziemlich unterschiedlichen '''anderen dt. Üss.''':<br />(1) statt „Stürzt sich ein Vogel auf die Falle auf der Erde“ übersetzen mit „Fällt etwa ein Vogel zur Erde“ EÜ, HER05, LUT (anders noch LUT 1912), PAT, R-S, ZÜR 31 (anders ZÜR 07);<br />

Version vom 1. August 2021, 07:26 Uhr

Syntax ungeprüft

SF zuverlässig.png
Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
Kann-erstellt-werden.png
Status: Lesefassung kann erstellt werden – Wer möchte, ist zum Einstellen einer ersten Übertragung in die Lesefassung eingeladen, die später als Grundlage für Verbesserungen dient (Weitere Bibelstellen zum Übertragen). Auf der Diskussionsseite ist Platz für Rückfragen und konstruktive Anmerkungen.

Anmerkungen

Studienfassung (Amos 3)

1 Hört diesen Spruch,
Den gesprochen hat JHWHa
Über Euch, (Söhne Israels=) Israeliten,
Über die ganze Sippe,b
Die ich aus Ägypten herausgeführt habe {folgendermaßen}:
2 „Nur ihr wart mir vertrautc
Unter allen Sippen der Erde,
Deswegen suche ich heim an euch
Alle eure Sünden.“

3 Gehen zwei gemeinsam (in Einigkeit?),
Außer wenn sie sich getroffen haben (sich verabredet haben, ohne einig zu sein)?d
4 Brüllt der Löwe im Gestrüpp (Wald)
Aber Beute gibt es nicht für ihn (hat er nicht vor sich?)?e
(Gibt=) Erhebt ein Leu (junger Löwe?)f seine Stimme aus seiner Höhle,g
außer wenn er gefangen hat?
5 Stürzt sich ein Vogel in die Falle [auf] der Erde (fällt ein Vogel auf {die Falle} die Erde),h
Aber einen Jäger (einen Schnappmechanismus, ein Wurfholz?, einen Köder? ein Stellholz?)h gibt es nicht für ihn?
Springt die Falleh von der Erde (wird die Falle von der Erde gehoben),
Und hat gefangen keinen Fang?
6 Wird etwa geblasen (oder wird geblasen...)i in der Stadt eine Schofar,j
Und das Volk erzittert (fürchtet sich) nicht!?
Geschieht etwa (Oder geschieht...) ein Unglück (Schlechtes/Böses) in der Stadt
Und JHWH hat es nicht gemacht (machte nichts=reagierte nicht darauf?)!?k

7 Wahrlich!, (Jedoch:, Allerdings)l nicht macht der Herr JHWH (ein Gesprochenes=) irgendetwas,
Ohne offenbart zu haben sein Geheimnis (seinen Ratschluss) seinen Dienern (Sklaven), den Propheten.
8 Brüllt der Löwe (Der Löwe brüllt,)
Wer fürchtete sich [dann] nicht?
Spricht der Herr JHWH (Der Herr JHWH spricht),
Wer prophezeite [dann] nicht?


9 Lasst es hören über den (auf den, von den, die) Festungen (Palästen) in Aschdod
Und über den (auf den, von den, die) Festungen (Palästen) im Land Ägyptenm
Und sprecht (ruft): „Versammelt euch auf den Bergen Samariasn
Und seht die vielen (großen) Tumulte (Bestürzungen, Panik)o in ihrer Mitte
Und die Unterdrückungen (die Unterdrückten) in ihrem Inneren!
10 Sie verstehen nicht (sind unfähig) zu tun das Rechte – Spruch JHWHs –,
[Sie,] die aufhäufen Gewalt und Misshandlung in ihren Festungen (Palästen).“p
11 Deshalb spricht der Herr JHWH so:
„Ein Feind (Gegner) umzingle (und das rings um?) das Land!q
Er er wird deine Pracht (Macht, dein Bollwerk) von dir herunterbringen,r
und deine Festungen (Paläste) werden geplündert!“

12 So spricht JHWH:
„Wie rettet (herausreißt) der Hirte aus dem Maul des Löwen
Zwei Beine (Schenkel) oder einen Ohrzipfel,s
So werden ‚gerettet‘ (herausgerissen) die (Söhne Israels=) Israeliten,
Die sitzen (wohnen) in Samaria
In der (wie die/mit der) Ecke (am Rand) des Bettes und am (wie der/mit dem) Rand (?, Damast?) des Divans.“t


13 Hört und bezeugt dem (zeugt gegen das, warnt das) Haus Jakobsu
Spruch des Herrn JHWH, des Gottes der Heerscharen:
14 „Wahrlich ({Wahrlich}), am Tag, [an dem] ich heimsuche die Sünden Israels an ihm,v
Suche ich [sie auch] heim an den Altären Bethels („Haus der Gottheit“):
{Und} Es werden abgehauen die Hörner des Altarsw
Und zu Boden (auf die Erde) fallen,
15 Und ich werde zerschlagen das Winterhaus samt dem Sommerhausx
Und zugrunde gehen werden die Elfenbeinhäuser
Und verschwinden werden die vielen (großen) Häuser (‚Häuser‘)!y – Spruch JHWHs.“

Anmerkungen

V. 2 ist der zentrale Satz des Abschnittes Vv. 1-8: In V. 1 wird er ausführlich eingeführt mit doppeltem dabar („Spruch, den gesprochen hat“) und dreifacher Adressierung (1: „euch“, 2. „Isareliten“, 3: „die ganze Sippe, die ich aus Israel herausgeführt habe“), deren letzte im Spruch selbst aufgegriffen wird („ihr allein unter allen Sippen der Erde). Und der ganze Abschnitt Vv. 3-8 dient wohl dazu, diesen Satz noch einmal nachträglich zu legitimieren und abzustützen. V. 2 nämlich gibt eine zweite Antwort auf die zweite der drei zentralen Fragen des Amosbuches: Warum hat Gott zugelassen, dass gerade seiner auserwählten Nation Israel so übel mitgespielt wird? – Gerade deshalb. Vergehen gegen den Willen Gottes wiegen doppelt schwer bei dieser Nation, an der JHWH wieder und wieder heilvoll gehandelt hat und der er wieder und wieder seinen Willen kundgetan hat (s. noch einmal Am 2,9-11).
Vv. 3-8 stützt dabei V. 2 ab durch eine lange Fragereihe in Vv. 3-6 und eine kurze in V. 8, die in V. 7 eine eigene Einleitung hat: Das Übel, das in Israel geschah, ist wirklich auf Gott zurückzuführen (Vv. 3-6) und Amos ist wirklich bevollmächtigt, diese Wahrheit zu verkünden (Vv. 7-8).
In Vv. 3-6 bedient sich Amos dafür einer etwas gemeinen rhetorischen Strategie: Vv. 6cd, das Ziel des Abschnittes, wird nicht etwa logisch stringent nachgewiesen, sondern die Zuhörerschaft wird in Vv. 3-6b mit einer Reihe von rhetorischen Fragen, auf die sich nicht anders denn mit „Nein“ antworten lässt, eingelullt, um dann unvermittelt den theologischen Spitzensatz in 6cd ans Ende dieser Reihe zu mogeln: Alles Übel in einer Stadt ist letztlich wirklich auf JHWH zurückzuführen. Ähnlich dienen Vv. 7-8 dazu, Amos selbst als echten Prophet auszuweisen, der deshalb um Gottes Ratschluss weiß, weil erstens Gott seinen Propheten all seine Geheimnisse offenbart (V. 7), und der deshalb prophezeien muss, weil das Prophezeien nach Gottes Selbstkundgabe so selbstverständlich und natürlich ist wie das Erschrecken nach dem Brüllen eines Löwen (V. 8). Die rhetorische Frage in 8ab hätte dann eine ähnliche Funktion wie die Fragenreihe in 3-6b.z

Vv. 9-12 schließen eng an den vorangehenden Abschnitt an. Ungenannte Dritte werden hier nämlich dazu aufgefordert, die Rolle von JHWHs Herolden zu übernehmen, die JHWHs Gutachten über den sittlichen Zustand Israels wortgetreu verkündigen und auch noch Aschdod und Ägypten zu Mitzeugen machen sollen. Diese „Dritten“, Aschdod und Ägypten geraten so also geradezu in die Rolle von Propheten, die JHWHs Blick auf die Dinge wortgemäß weitergeben.
Wer diese „Dritten“ sind, ist gar nicht klar; die einzig identifizierbaren Adressaten wären ja die Israeliten aus V. 1. Vergleichbare Aufrufe an nur selten identifizierbare Dritte finden sich aber noch häufiger v.a. im Jeremia-Buch (s. Jer 4,5.15f.; 5,20; 31,10; 46,14; 48,19f.; 50,2. Ähnlich auch Jes 40,9f.), gut möglich also, dass es sich hier nur um ein Stilmittel handelt, mit dem einem prophetischen Wort zusätzliches Gewicht verliehen wird, indem fingierte Herolde mit der Verbreitung dieses Wortes beauftragt werden.
Wie dem auch sei: Nachdem JHWH in Vv. 9-10 bereits der Jury ihre Gutachterrolle vorweggenommen hat, wird er nun in V. 11 auch noch zum Richter und verkündet sein doppeltes Urteil. Nur die Rolle der Exekutive bleibt einem anderen überlassen: Zum Ersten verurteilt Gott Israel nämlich zu einem allgegenwärtigen Feind (V. 11) und zum Zweiten zu einer fast vollständigen Vernichtung durch denselben (V. 12).

Vv. 13-15 ist dann noch einmal das Selbe in Kurzfassung: V. 13 ist die Ernennung unbekannter Dritter zu Herolden und Zeugen, Vv. 14-15 bieten nach V. 11 und V. 12 einen dritten Urteilsspruch, diesmal gegen die unterschiedlichen „Häuser“ Israels: Verschwinden werden das Winterhaus, das Sommerhaus, die Elfenbeinhäuser und das Gotteshaus; kurz: all die vielen Häuser Israels. Wohl nicht von ungefähr wird hier gerade mit einem Urteil über die „Häuser“ geschlossen: Dies nämlich ist eine Bezeichnung für die einzelnen „Familien“, die eine „Sippe“ konstituieren (s. FN b). Die ganze „Sippe Israel“ (V. 1) wird also entwurzelt werden.


aden JHWH gesprochen hat - Die 1. Pers. des Vbs. in 1d zeigt, dass bereits hier JHWH spricht – wie in Am 2,4 und wie noch häufig (s. zu Am 2,4) also wieder von sich in der 3. Pers. (Zurück zu v.1)
bSippe = soziale Größe des alten Israel. Die Keimzelle der altisraelitischen Gesellschaft ist die „Familie“ (wörtl.: das „Haus“). Eine Stufe darüber steht die „Sippe“ – die „Großfamilie“ –, von denen es im Alten Israel etwa 60 Stück gab und von denen jede zu bevölkerungsreichen Zeiten wohl durchschnittlich etwa 10.000 Mitglieder hatte (vgl. Andersen 1969, S. 35). Noch eine Stufe darüber stehen die „zwölf Stämme“ (vgl. näher Verwandschaft (AT) (Wibilex)). Dass Israel hier als „Großfamilie“ bezeichnet wird, ist ganz ungewöhnlich; vgl. aber ähnlich die Verse Sach 14,(16.)17f., auf die schon Kimchi verwiesen hat. Andersen/Freedman 1989, S. 381 halten dies für eine „Downgrading“-Strategie: „It [...] places Israel beside all of the other nations (‚families‘) as members of a larger unit, a single tribe. It corresponds to the pictures in chaps. 1-2, where [all nations] are listet [...] to constitute one regional entity, all equally under the jurisdiction of the one God.“ (Zurück zu v.1)
cihr wart mir vertraut - meist: „ich kannte euch“; heb. jada´ („kennen“) hier als Begriff der Fürsorge wie noch in Ps 1,6; 144,3 und wahrscheinlich Hos 2,22. Raschi übersetzt daher mit „ich liebte“. Vgl. ähnlich im Gr. Joh 10,14f.; 1 Kor 8,3. (Zurück zu v.2)
dsich treffen (verabreden, einig sein) - Alle drei Varianten sind schon lange im Umlauf, z.B. de Wette 1858: „außer wenn sie sich eingefunden haben“ = NeÜ „ohne sich begegnet zu sein“, Keil 1866=: „ohne wenn sie sich verabredet haben“, Justi 1820: „wenn sie nicht einig sind“ = LUT 84: „sie seien denn einig untereinander“ (auch noch SLT). (1) bereits bei Theod, (2) bereits bei Aq, alle drei auch schon bei Eliezer von Beaugency, obwohl dieser nicht sehr klar differenziert. H-R („ohne einander zu kennen“) folgt LXX, die anders als MT und alle anderen Vrs. noda´u statt no´adu gelesen hat.
Variante (3) gehört eigentlich gar nicht zur Wortbedeutung, sondern wird von Zeile a in Zeile b „hinein-übersetzt“. Für das Wort in Z. a wird diese Bed. dabei i.d.R. abgeleitet aus Gen 22,6.8.19 und Ps 133,1 (so z.B. Gordis 1979/80, S. 219; Shapiro 1982, S. 328); doch während dies dort wohl mitgehört werden kann, gehört es sicher nicht eigentlich zur Wortbedeutung dieses Wortes. Gegen (1) hat z.B. Garrett 2008, S. 83 kürzlich wieder eingewandt, dass der Nifal von ja´ad stets vereinbarte und nie zufällige Treffen bezeichne, aber das ist so sicher nicht richtig. Im Gegenteil ist die Wortbedeutung „verabreden“ nur sicher in Ijob 2,11 und sehr wahrscheinlich in Neh 6,2; alle anderen Vorkommen lassen keinen Schluss über zufällig vs. verabredet zu. Das abgeleitete Substantiv bezeichnet allerdings sogar eine Rinderherde (Ps 68,31), einen Bienenschwarm (Ri 14,8) und auch die „Rotte Korachs“, die sich „zusammenrottet“ (Num 16,11 und häufig). (1) und (2) sind also sicher mindestens gleichermaßen möglich. Hier wurde so übersetzt, dass die Üs. am besten zur üblichen Deutung des Abschnitts passt (s. die Anmerkungen). (Zurück zu v.3)
eBeute gibt es nicht (hat er nicht vor sich) - 4b.d werden häufig so verstanden, dass 4b vom Gebrüll vor und 4d vom Gebrüll nach der Jagd spreche. So schon Kimchi, der fabuliert, Löwen brüllten bei der Jagd, um ihre Beutetiere in Angststarre zu versetzen (ähnlich Ibn Ezra). Daher häufig entsprechende Üss., z.B. Brandscheidt 2002, S. 4: „ohne daß er Beute vor sich hat.“, GN: „wenn er kein Beutetier vor sich sieht“. Aber richtig bereits Raschi: „Wenn ein Löwe seine Beute gefangen hat, brüllt er regelmäßig; nicht aber brüllt er, wenn er [noch] nichts gefangen hat.“ Zu den Zeiten, da Löwen brüllen, vgl. Hope 1991, S. 202f. Hinzu kommt, dass das Subst. terep von tarap „reißen, zerfleischen“ kommt und entsprechend häufig speziell das „bereits Gerissene“ bezeichnet; s. Gen 49,9; Ijob 29,17; Ps 76,4; 124,6; Jes 5,29; 31,4; Nah 2,13; daher wohl sinnvoll HER05: „wenn er keine Beute gemacht hat“; R-S „eh er seine Beute hat“, TAF: „ohne daß er zerfleischt hat.“ (Zurück zu v.4)
fLeu (junger Löwe) - „junger Löwe“ ist die Standard-Üs., aber wohl irreführend. Während erstens das Standardwort für Löwe – `arjeh – von gez. `arwe („wildes Tier“) kommt und den Löwen i.A. bezeichnet, kommt das hier verwendete kefir etymologisch von kafar („stark sein“) und bezeichnet wohl eher gerade den voll im Saft stehenden Löwen denn das Löwenjunge (das gur `arjeh heißt). Entsprechend weist Hope 1991 zur Stelle auch richtig darauf hin, dass gerade die jüngeren Löwen die aktivsten Jäger sind, und schlägt daher als passendere Üss. „Jagdlöwe“ und „Killer-Löwe“ vor. Zweitens sind die beiden Worte noch öfter Wechselbegriffe, ohne dass die us. Bed. der Worte irgendetwas austragen würde, s. noch Ps 17,12; Jes 31,4; Mi 5,7 und v.a. Ijob 4,10; Ez 19,2; Nah 2,12. „Junger Löwe“ weckt also sicher die falschen Assoziationen und sollte nicht als Üs. gewählt werden. (Zurück zu v.4)
gHöhle - An sich leben Löwen nicht in Höhlen; dies gehört aber zur fixen „Löwen-Mythologie“ der Antike und ist daher unproblematisch: Auch Nah 2,12 fragt nach dem Ort der „Höhle des Löwen“, Ps 104,20-22 schildert den Löwen als nachtaktives Tier (was gleichfalls nicht für Löwen gilt), das sich tagsüber in seine Höhle zurückzieht, in Hld 4,8 wird er gleichfalls Gebirgshöhlen verortet, wie auch Dtn 33,22 Dan bezeichnet als einen „Löwen, der vom Baschangebirge herab- / aus dem Baschangebirge hervorspringt“. Das ist nicht nur in Israel so. Im ägyptischen Akenaten-Hymnus etwa ist der Löwe ebenfalls ein nachtaktives Höhlentier und im äg. Spruch zum Schutz des Horus ein nachtaktives Gebirgstier (s. COS 1.28; TUAT II/3, S. 369). Und ebenso im Griechischen; Herodot etwa berichtet von Löwen, die nachts vom Gebirge herabkommen, um Kamele zu rauben (Hdt 7.125f.), Xenophon behauptet gerade in seinem Traktat über die Jagd, Löwen hätten ihren Lebensraum im Gebirge (Kyn 11.1), und natürlich wohnen auch der kithaironische und der nemeische Löwe, die Herkules erschlug, in einer Gebirgshöhle (Apollodorus 24,9-10; 2.5,1; Diodorus Siculus 4.11.3f.). Auch der jüdische „Löwe von Bei Ilai(s. zu Am 1,2) wohnt ja im „höchsten Haus“, vermutlich also ebenfalls einem Gebirge. (Zurück zu v.4)
h
Links: Ägyptische Darstellungen des Vogelfangs, Grafik bei Wilkinson 1847: The Manners and Customs of the Ancient Egyptians I/3, S. 38.
Rechts: Rekonstruktion eines äg. Klappnetzes, Grafik leicht bearbeitet nach Schäfer 1919: Ägyptischer Vogelfang, S. 179.
Unsichere Doppelzeile. Die Rede ist wahrscheinlich wegen 5c von einem Klappnetz, s. rechts. Auf dieses wird in Zz. a-c mit zwei unterschiedlichen Wörtern Bezug genommen, nämlich pach in Z. a.c und moqesch in Z. b. Vgl. zu diesen Wörtern am besten Driver 1954, S. 131-136. Nach dem Wortlaut des MT lautet der Text daher vermutlich: „Fällt ein Vogel in die Falle (pach) am Boden, / aber einen Schnapper (moqesch) gibt es nicht für ihn? // Steigt die Falle (pach) von der Erde, / aber einen Fang hat sie nicht gefangen?“ Das macht aber schwerlich Sinn; wird differenziert zwischen pach und moqesch, müsste der „Schnapper“ von der Erde steigen, nicht die ganze „Falle“. In älteren Kommentaren und Üss. hat man für „steigt die Falle“ häufig übersetzt „wird sie (vom Jäger) hochgehoben“ (nachdem sie einen Fang gemacht hat); so übersetzt kann der Text auch nach dem Wortlaut des MT Sinn machen. So z.B. Dahl 1795 („Wird wohl die Schlinge von der Erde weggenommen“); Justi 1820 („Hebt man das Garn wohl von der Erde auf“); Michaelis 1782 („Wird das Netz wieder aufgenommen“); Moldenhawer 1787 („Nimmt man die Schlinge weg“); Schröder 1829 („Und nimmt man wohl das Garn vom Boden auf“).
Textkritik: Dieser Wortlaut ist aber wohl nicht der ursprüngliche:
(1) In LXX fehlt das erste pach; die große Mehrheit der Exegeten streicht daher dieses Wort. Allerdings ist die externe Evidenz mit nur LXX als Zeugen recht schwach; auch die LXX-Derivate VUL und Syr stützen ja MT.
(2) Wichtiger: Alle alten Vrs. – LXX, Aq, Sym, Theod, Tg, VUL, Syr – übersetzen moqesch nicht mit „Falle“, sondern mit „Jäger“, was nicht moqesch, sondern joqesch voraussetzt. Ganz merkwürdig wird dies trotz dieser sehr starken Evidenz von fast allen Exegeten ignoriert; stattdessen wird häufig moqesch eine andere Bed. gegeben: Meist „Wurfholz, Bumerang“, mit dem die alten Ägypter in der Tat Vögel jagdten (so z.B. Marti, Sellin, Driver 1934 (nicht mehr 1954), Maag, Wolff, Mittmann 1971, Smith) oder „Lockspeise, Köder“ (so z.B. Rudolph, Soggin, Andersen/Freedman, Paul, Niehaus, Garrett, Bons 2014, S. 43; Eidevall); gelegentlich auch „Stellholz“ (z.B. Junker 1956, S. 326; Brandscheidt 2002, S. 4). All diese Sonderbedeutungen sind aber allein aus speziell diesem Kontext erschlossen und es lässt sich sonst mit nichts stützen, dass das häufige moqesch diese Sonderbed. hätte. Die Etymologie spricht dagegen (s. Driver 1954), sofern nicht „Wurfholz“ im Heb. als „Herunterschläger“ bezeichnet worden sein sollte.
(3) Der Vogel nafal ´al die Falle am Boden oder (nach LXX:) den Boden. Fast stets würde dies heißen: „auf die Falle am Boden / auf den Boden fallen/stürzen“. Exegeten wie Snaith, Andersen/Freedman, Paul u.a. verweisen daher z.B. auf Gen 24,64; 2 Kön 5,21, wo „vom Pferd/vom Wagen gesprungen“ wird und auf die häufigeren Ausdrücke nafal `arṣah „sich auf den Boden werfen(=„auf die Knie fallen“) und nafal ´al sawwar(jmdm) um den Hals fallen“, wonach dann hier vom Vogel angenommen werden könnte, dass er „sich auf die Falle/Lockspeise stürzt“. Das ist möglich, ist aber als Sprachgebrauch doch ungewöhnlich. Vielleicht soll hier auch schon im Verb das dann noch folgende Schicksal des Vogels – der Tod – zum Ausdruck kommen.
Angesichts dieser Optionen ist am wahrscheinlichsten dies, dass in der Tat joqesch statt moqesch im Urtext stand (die Verschreibung wäre leicht erklärlich; pach und moqesch statt joqesch sind ein festes Wortpaar; s. noch Jos 23,13; Ps 69,23; 140,6; 141,9; Jes 8,14), der aber sonst mit MT übereinstimmte; also: „Stürzt sich ein Vogel in die Falle auf der Erde / aber einen Jäger [der diese aufgestellt hätte] gibt es nicht für ihn?“
Von hier aus erklären sich jedenfalls auch die ziemlich unterschiedlichen anderen dt. Üss.:
(1) statt „Stürzt sich ein Vogel auf die Falle auf der Erde“ übersetzen mit „Fällt etwa ein Vogel zur Erde“ , HER05, LUT (anders noch LUT 1912), PAT, R-S, ZÜR 31 (anders ZÜR 07);
(2a) „Jäger“: LUT 1545; LUT 1912: „... da kein Vogler ist?“; (2b) „Wurfholz“: , HER05: „... wenn niemand nach ihm geworfen hat“; H-R: „.... ohne daß ihn ein Wurfholz getroffen“, R-S: „wenn nicht ein Wurfholz für ihn dagewesen“; ZÜR 31: „es treffe ihn denn das Wurfholz“; (2c) „Köder“: GN: „... wenn kein Köder ausgelegt ist“; SLT: „...wenn ihm kein Köder gelegt worden ist?“; (2d) „Stellholz“: B-R: „... und war kein Schnellholz daran“, ZÜR 07: „... wenn da kein Stellholz ist für ihn“. (zu v.5)
iWird etwa (Oder wird) - Nach fünf rhetorischen Fragen, die mit der Fragepartikel ha- eingeleitet wurden, folgen nun in V. 6 zwei mit `im eingeleitete Fragen. `im kann sowohl „gewöhnliche“ Fragepartikel sein (wie z.B. 1 Kön 1,27; Ijob 39,13; Jes 29,16 u.ö.) als auch als Fortsetzung von ha- in Disjunktivfragen verwendet werden (haA ... `im B, „Gilt A oder B?“; z.B. Jos 5,13; Ri 9,2; 1 Kön 22,15). `im kann außerdem ha- fortsetzen, ohne disjunktive Bed. zu haben und leitet dann wohl (bisweilen?) etwas emphatischere Fragen ein (s. z.B. Gen 17,17: „Sollte einem Hundertjährigen noch [ein Kind] geboren werden? Und sollte wohl gar Sara, die Neunzigjährige, [dieses Kind] gebären!?“; Gen 37,8: „Sollst du unser König sein? Sollst du wohl gar über uns herrschen!?“; Num 11,22: „Soll Vieh geschlachtet werden? Sollen wohl gar alle Fische des Meeres gesammelt werden!?“; Ri 11,25: „Hat Balak je mit Israel Streit gehabt? Hat er sich wohl gar je mit Israel bekriegt!?“ u.ö.).
Die genaue Funktion der Fortsetzung von mehreren ha- Fragen durch mehrere `im-Fragen ist nicht klar. (1) Sehr wahrscheinlich falsch ist eine Deutung, die sich mittlerweile in der neueren Amos-Exegese eingebürgert hat: Nach dem ausuferenden Frageteil mit fünf ha-Fragen sei offenbar auch das ´im ausufernd und demgemäß also eine doppelte disjunktive Fragepartikel („Gilt A oder B oder etwa C“; s. bes. Soggin 1987; Paul 1991), weshalb dann verschiedentlich 6ab in der Üs. mit „oder“ eingeleitet wird (z.B. auch Wolff 1969, Rudolph 1971, Jeremias 1995, Smith 1998). Dabei macht der Inhalt der Fragen aber ja sehr klar, dass es sich hier mitnichten um disjunktive Fragen handelt; das Brüllen des Löwen, das Blasen der Schofar und das Geschehen von Übel sind ja keine Alternativen. Bleiben also die Optionen, dass die Fragen in V. 6 schlicht anders formulierte Fragen sind oder dass sie emphatischere Fragen sein sollen als die in Vv. 3-5. Die Struktur von Vv. 3-6 (s. die Anmerkungen) und auch die Tatsache, dass mit 6cd mit dem vorherigen Muster gebrochen und auf einmal über JHWH gesprochen wird, legt nahe, dass V. 6 in der Tat der Höhepunkt dieser ersten langen Fragereihe sein soll; etwas näher liegt daher die zweite Alternative. (Zurück zu v.6)
jSchofar - ein als Instrument verwendetes Widderhorn; in vielen us. Kontexten verwendet; u.a. aber, um Bewohner einer Stadt vor Gefahr zu warnen (s. Jer 6,1; Ez 33,6; Hos 5,8). (Zurück zu v.6)
kEin theologischer Spitzensatz und mitnichten eine „Binsenweisheit“ (Mittmann 1971, S. 137). Es gibt verblüffend wenige Stellen in der Bibel, die JHWH eine Art Pan-Kausalität zuschreiben würden, und noch weniger Stellen, die ihn auch für alles Übel, das einem Menschen oder einer ganzen Gemeinschaft begegnet, verantwortlich machen, wie das hier der Fall zu sein scheint. Primär sind dies neben diesem Vers nur Dtn 32,39; 1 Sam 2,6f.; Ijob 1,21; 2,10; Pred 7,14; Jes 45,7 und Klg 3,38; und bei den meisten täuscht dieser Eindruck (vgl. dazu bes. Lindström 1983): Letztlich bleiben von diesen nach einer kritischen Sichtung höchstens Am 3,6, Jes 45,7 und Klg 3,38 übrig, von denen Am 3,8 dann mit Abstand der älteste Vers wäre. Viel verbreiteter ist in der Bibel nämlich ein sehr anderes theologisches Modell: Übel, das begegnet, ist nicht Gottes Werk, sondern darauf zurückzuführen, dass Gott gerade „schläft“ und sich erst wieder „erheben muss“, „fern ist“ und sich erst wieder „nahen muss“, „sein Gesicht vor jemanden verbirgt“ – ihn also ignoriert, indem er gerade nicht gnädig auf ihn sieht – und ihn daher erst wieder „ansehen muss“ und Ähnliches (s. z.B. Dtn 31,17f.20; 1Sam 1,11; Ps 10,12; 13,2; 22,25; 27,9; 35,22f.; 42,10; 44,24f.; 59,5f.; 69,18; 88,15; 102,3; 104,29; 143,7; Jes 8,17; 49,14; 54,8; 59,2; 64,6; Jer 33,5; Klg 5,20; Ez 39,23f.29; Mic 3,4 u.ö.). Gott ist in der Bibel also sehr häufig gerade nicht verantwortlich für alles Übel, sondern dieses muss sozusagen „hinter seinem Rücken“ geschehen. Sinnvoll daher Eidevall 2017, S. 127: „I suggest that v. 6[cd] should be read as a bold affirmation of a ‚truth‘ that was far from self-evident [...]. Indeed, the rhetorical question in v. 6[cd] seems to have been designed to persuade the addressees to accept a provocative and unsettling perspective.“ (Zurück zu v.6)
lJa!, (Jedoch:, Allerdings) - heb. ki, auch hier meist übersetzt mit „denn“. Wie Vv. 3-6 aber V. 7 begründen sollten, ist ganz unklar. Das heb. ki hat viele verschiedene Bedeutungen und Funktionen; drei andere bieten sich hier weit mehr an: (1) Restriktives ki: „Allerdings“. V. 7 sollte dann nur V. 6cd einschränken: „Kein Unglück geschieht in einer Stadt, das nicht von JHWH verursacht würde; allerdings warnt er dann auch immer durch seine Propheten vor.“ So explizit m.W. nur Moldenhawer 1787: „Wenn aber Jehova, der Herr, dergleichen thun will, so offenbaret er seinen Entschluß seinen Knechten, den Propheten.“ (2) Emphatisches ki, das V. 7 überhaupt nicht mit Vv. 3-6 verknüpft, sondern nur das folgende bekräftigt: „Wahrlich!, [es gilt absolut]: ...“ (wie z.B. 1 Kön 1,13.17.30). So viele neuere Exegeten, daher hier als Primär-Üs. gewählt. (3) Schließlich möglich ist eine dritte Option: Adversatives ki („Nein!, aber...“); vgl. z.B. Ijob 22,2: „Kann ein Mensch Gott nützen? ki (Nein!, aber) der Weise nützt sich selbst!“; Ps 130,3f.: „Würdest du auf Ungerechtigkeiten achten – Herr, wer könnte dann bestehen? ki (Niemand! Jedoch:) bei dir ist Vergebung!“ u.ö.; zu dieser Verwendung und ähnlichen Bspp. vgl. Schoors 1981, S. 252f. So m.W. niemand, doch erwägenswert ist es durchaus; s. die Anmerkungen. (Zurück zu v.7)
mZum plötzlichen Einbezug Angesprochener s. die Anmerkungen. Speziell Aschdod und Ägypten wurden vielleicht aus geschichtlichen Gründen gewählt: Auf die Unterdrückung der Israeliten durch Ägypten hatte bereits V. 2 angespielt; die Philister waren ähnlich Erzfeinde der Israeliten und die kriegerischen Auseinandersetzungen mit ihnen bestimmte einen großen Teil der Regentschaften von Saul (s. 1 Sam 13; 31) und David (z.B. 2 Sam 21,15-22; 2 Sam 23,8-17); in der Samson-Erzählung (Ri 13-16) sind sie die Hauptfeinde der Israeliten. Als solche wären diese „klassischen Bedrücker“ Israels „Fachleute in puncto Bedrückung“ (Rudolph 1971, S. 163) – und selbst diese müssten dann also zugestehen, dass Israel außerordentlich bedrückerisch war. Hinzu kommt ein Wortspiel: miṣrajm („Ägypten“) erinnert an `oṣrim („sie, die aufhäufen“) und `aschdod an schod („Gewalt“) in V. 10b (gut Paul 1991, S. 117; ähnlich schon Abravanel); Ägypten und Aschdod sollen also sozusagen sich selbst im verderbten Israel wiederfinden. Ähnlich wird dann in V. 11 mit dem „Feind“ (ṣar) auf Tyrus (ṣor) und mit dem unklaren d'mescheq ´areß in V. 12 sicher auf das `ereṣ dammeßeq (das „Land Damaskus“ wie in CD A vi 5.19; xiv 21) angespielt, so dass Israel, um das es in diesem Abschnitt geht, auch im Text tatsächlich „von Feinden umzingelt“ ist (S. V. 11). (Zurück zu v.9)
nBerge Samarias - d.h. den Bergen um den, auf den die israelitische Hauptstadt Samaria erbaut war. (Zurück zu v.9)
oTumulte, wie sie bes. im Krieg ausbrachen (s. 1 Sam 14,20; 2 Chr 15,5f.; wohl auch Spr 15,16 („Tumult (durch Krieg) wg. dem Schatz“, s. V. 17)), besonders wenn Gott seine Hand im Spiel hat (Dtn 7,23; 1 Sam 5,9.11) und wie sie besonders für den „Tag JHWHs“ vorausgesagt wurden, an dem JHWH endgültig gegen ein Volk vorging (s. Jes 22,5; Ez 7,7; Sach 14,13). In Israel herrschen Zustände wie im Krieg – und zwar, wie die nächste Zeile wahrscheinlich macht („Unterdrückungen“; zum Wort vgl. Fleischer 1989, S. 89: Opfer einer ´aschaq-Tag sind fast stets Arme, an denen Reiche Eigentumsdelikte vergehen), einem Krieg zwischen Arm und Reich. Die Früchte dieses Kriegs werden dann im nächsten Vers als „unrecht gewonnen“ und durch „Gewalt“ und „Misshandlung“ näher bestimmt. (Zurück zu v.9)
pGewalt und Misshandlung in Festungen aufhäufen, wo „normale Menschen“ Schätze sammeln würden. Ein kleines Wortspiel, durch das einmal mehr die Untaten der Israeliten mit ihrem Reichtum in Zusammenhang gebracht werden. Für ein ganz ähnliches Wortspiel vgl. Ps 55,10f.. Schön dann NL: „Ihre Paläste sind vollgestopft mit Gewalt und Grausamkeit“. Alternativ wie Tg: „Ihre Lager sind gefüllt mit geraubtem Gut und sie haben Beute in ihren Festungen“ (ähnlich schon Raschi und Ibn Ezra); angehäuft werden also wirkliche Reichtümer, die ungerecht gewonnen wurden und daher hier bildlich selbst als „Gewalt und Misshandlung“ bezeichnet werden. So viele Üss., die dafür aber das Wortspiel eliminieren; z.B. NeÜ: „Mit Misshandlung und Gewalt sammeln sie Schätze in ihren Palästen“; auch GN, HfA, , LUT, SLT, TAF u.a.
Der Vers könnte übrigens einen sehr konkreten Hintergrund haben: Das späte 9. und frühe 8. Jhd. war eine Blütezeit für Israel; im ganzen Land wurden daher an Handelsknoten – bisweilen selbst in kleinen peripheren Ortschaften – große Lager- oder Markthallen errichtet (der genaue Zweck dieser Strukturen ist noch nicht gesichert), die, um Macht und Reichtum des Königs von Israel zu demonstrieren, auch besonders prunkvoll gestaltet waren (vgl. Bar/Shalev 2017, S. 137-139). Durch sie waren die Armen, die von der Hand in den Mund lebten und den größten Teil der israelitischen Bevölkerung ausmachten, ständig mit „Palästen“ konfrontiert, in denen Güter über Güter angehäuft waren. (Zurück zu v.10)
qDer Urteilsspruch Gottes.
Textkritik: Lies mit fast allen Üss. und Kommentare nach Syr js(w)bb („er umzingle“) statt wsb(j)b („und rings um“), obwohl die Konsonanten des MT auch durch LXX und VUL gestützt werden. Der Einwand von Ehrlich 1912b, S. 236 und CTAT III:649, dass für diese Bed. das Wort im Qal stehen müsste (wie 2 Kön 3,25; 6,15; Pred 9,14 u.ö.) statt dann wie hier im Piel, ist wahrscheinlich nicht richtig, s. Ps 7,8, obwohl dies keine Belagerungssituation ist. Der Text in MT kann jedenfalls kaum richtig sein; auch als „Aposiopese des Zorns“ (Rosenmüller, dann eben: „Ein Feind! Und [das] rings um das Land!“) erforderte ein l- nach präpositionalem sabib (wie z.B. Ri 7,21) oder noch besser ein -t, das wegen dem folgenden h- ausgefallen wäre (וסבבת הארץ, vgl. Ps 27,6). (Zurück zu v.11)
rFast ebenso Spr 21,22. Dennoch nicht: „Er wird dein Bollwerk niederreißen“, wie dort viele und auch die alten Vrs. übersetzen (so z.B. hier auch Eidevall 2017; Reider 1992, S. 81; auch GN, HfA, LEB, NeÜ, NL, ZÜR). Hierfür würde ein anderes Vb. verwendet (z.B. nataṣ wie 2 Chr 36,19); Hifil von jarad heißt häufig und sehr regelmäßig „X (von Y) herunternehmen/herunterbringen“. Entsprechend viele Üss.: „Er wird deine Festungsmauer von dir hinabstürzen“ oder „Er wird deine Macht von dir hinabstürzen“, was dann einmal wörtlich, einmal metaphorisch das Selbe besagen müsste: Der Feind wird Israels Verteidigungsanlagen (als das, was Israel „mächtig“ macht), so zerstören, dass es vom Berg hinabstürzt. Besser ist ´oz in der seltenen Bed. „Pracht“ zu nehmen (wie bes. deutlich in 1 Chr 16,27; Ps 96,6; auch Ps 63,3; Spr 31,(22.)25); dann wie Keil 1866: „Herabstürzen wird er von dir deine Pracht“, H-R: „Er wird dich deiner Pracht entkleiden“, R-S: „Mit deinem Glanz geht's zu Ende“; w. „Er wird deine Pracht (=die Reichtümer, die du angehäuft hast) von dir (die du auf einem Berg liegst) herunterbringen).“ In Spr 21,22 dagegen: „Der Weise ersteigt die Stadt der Helden und bringt herab (=plündert) die Kraft ihres Vertrauens (=die Kraft, auf die sie vertrauen)“, sc. „die Feder ist schärfer als das Schwert“. (Zurück zu v.11)
sDas taten Hirten im Alten Israel tatsächlich: Die Herden, die sie hüteten, waren i.d.R. nicht ihre eigenen. Ging ein Tier verloren, mussten sie es zahlen, es sei denn, sie konnten einen Beweis vorlegen, dass es getötet worden oder an einer Seuche gestorben war. S. Ex 22,9.12; auch im Gesetz des Hammurabi, §266: „Wenn in einer Viehhürde eine Viehepidemie entsteht oder ein Löwe tötet, so soll der Hirte vor Gott einen Reinigungseid leisten [d.h. vor Gott schwören, er sei nicht verantwortlich], und der Eigentümer der Viehhürde die in der Viehhürde gestorbenen Tiere ihm abnehmen.“ (TUAT). In Gen 31,38f. unterstreicht Jakob, wie gut er als Hirte war, mit dem Hinweis darauf, dass er „Zerrissenes“ aus eigener Tasche bezahlt habe. Das selbe Bild findet sich auch in Ijob 29,17. (Zurück zu v.12)
t
Assyrischer König auf seiner Couch.
Grafik in Rawlinson 1864: The Five Great Monarchies of the Ancient Eastern World II , S. 107.
Rand (Damast) der Couch - Das hier mit „Rand“ übersetzte Wort ist unbekannt. Klar ist nur, dass mindestens mit dem Klang des Wortes (demescheq) auf Damaskus (dameßeq) angespielt ist. Im Schriftbild der Konsonanten entsprechen sich die beiden Wörter sogar exakt: דמשק. Will man nur sinngemäß übersetzen, sollte man in der LF das allgemeine „Rand“ wählen (wie TAF), will man das Wortspiel mit „Damaskus“ transportieren, mit „Damast“ (wie ZÜR), obwohl das Wort sicher nicht „Damast“ bedeutet.
Gemeint sind natürlich Prachtbetten der Reichen; die meisten Israeliten schliefen auf ihren Mänteln oder auf Ledermatten. Zur Sitte, auf seinem Bett zu sitzen, s. den Relief-Ausschnitt rechts. Wahrscheinlich ist auch, dass diese Darstellung die Bewohner Samariens verächtlich machen soll; vgl. die sehr entsprechende Darstellung Assurbanipals in Dio Chrysostomus LXII 5f.: „[Er war unfähig, Truppen zu führen.] Im Gegenteil flüchtete er sich immer wieder in Frauengemächer, um zu sitzen auf goldenem Bett unter purpurnen Bettvorhängen, ... mit einer Stimme, die schriller war als die eines Eunuchen.“ Stark übersetzt dann Struensee: „So werden etwa einige von den Einwohnern Samariens gerettet werden; irgend in einer Ecke des Bettes, in einem Winkel der Sponde.“
Genauer lautet der Text: „Die Israeliten, die sitzen (wohnten?) in (b) Samaria in (b) der Ecke eines Bettes und in (b) demescheq eines Divans.“ „In (b) demescheq eines Divans“ ist zu kurz, um eine eigene Zeile zu sein und hängt daher sicher vom selben Wort ab wie „in der Ecke eines Bettes“. Entweder also von „gerettet werden“ oder von „sitzen“; entweder ist also aufzulösen: (1) „Die in Samaria Wohnenden werden gerettet wie die / mit der Ecke eines Bettes und wie der / mit dem demescheq eines Divans“ oder (2) „Es werden gerettet werden die, die in Samarien sitzen in der Ecke eines Bettes und auf dem demescheq eines Divans“, oder aber (3) die Wortfügung „demescheq Divan“ ist keine Genitivkonstruktion, dann „Es werden gerettet werden die, die in Samarien sitzen in der Ecke eines Bettes und in demescheq [auf] dem / [ist] ein Divan.“ Nach Auflösung (1) und (2) wäre demescheq also ein Parallelbegriff von „Ecke“ und nach (3) von „Samaria“. Von hier aus sind verschiedenste Vorschläge zur Bedeutung oder zur Textkorrektur von demescheq gemacht worden; hier nur die verbreitetsten:
(1) Am häufigsten geht man davon aus, dass das Wort abgeleitet sei von „Damaskus“ und also irgendeinen damaszenischen Stoff bezeichne, der wie das dt. „Damast“ nach diesem Ort benannt war (so z.B. Gordis 1979/80, S. 220). Einige ältere Exegeten verwiesen dafür früher auf das arab. dimaqso („Seide“, daher MEN: „mit dem Seidengewebe ihres Ruhebettes“), doch dieses Wort ist ein false friend mit einer anderen Etymologie. Dennoch könnte ein anderer Stoff gemeint sein, für den es dann nur keinen Beleg gibt, wie es grundsätzlich keinen Beleg dafür gibt, dass Damaskus ein Zentrum für Textilverarbeitung war. Dass das Wort mit Schin statt Sin geschrieben worden sein soll, könnte daran liegen, dass der Begriff in einem Dialektraum geprägt worden war, in dem man „Damaskus“ mit Schin sprach (vgl. zu einem ähnlichen dialektalen Ausspracheunterschied Ri 12,6), aber dies ist eine weitere hypothetische Annahme, die man für diese Deutung machen muss. Dennoch von hier aus viele Üss.: „Auf dem Damast ihres Bettes“ (z.B. B-R, ELB, , H-R, LUT, R-S, SLT, ZÜR).
(2) Ebenfalls häufig: Man geht erstens davon aus, dass der Text irgendwann einmal in aramäischer Kursivschrift geschrieben war und so dmšq mit dbšt („Kamelhöcker“) verschrieben werden konnte, und zweitens davon, dass zwei Sitzpolster auf einem Bett bildlich als dessen „Kamelhöcker“ bezeichnet wurden (so bes. Mittmann 1976, S. 1567; auch schon Budde, Marti, Gressmann), also: „die auf dem / am Polster ihres Divans sitzen“. Das ist ziemlich spekulationsfreudig, so aber dennoch z.B. HER05, PAT.
(3) Man geht grundsätzlich davon aus, dass demescheq offenbar ein Parallelbegriff von „Rand/Ecke“ ist und also wohl ein Komplementärbegriff dazu sein muss (so bes. Gese 1962, S. 431), also z.B. „am Fußende der Liege und am Kopfstück des Bettes“ (Wolff). Aber „Rand/Ecke“ ist das häufige heb. pe`ah, das kein terminus technicus ist, sondern allgemein irgendeinen Rand oder irgendeine Ecke bezeichnet. Soll präzisiert werden, welcher Rand oder welche Ecke, wird das Wort ergänzt. pe`ah eignet sich also nicht zur Bezeichnung eines Bettteils, für das es ein komplementäres Bettteil geben könnte. So dennoch schon TAF.
Bett mit Löwenbeinen aus dem Grab des Tutankhamun
(4) Man nimmmt an, dass wbdmšq die falsche Zusammenziehung der beiden Wörter wbd mšq (ubad mischoq „und ein Teil des Beins“) seien und lässt die beiden Phrasen dann vom Verb „retten“ abhängen: So, wie der Hirte nur einzelne Körperteile seiner Tiere „rettet“, so werden auch die Israeliten gerettet: Entweder „nur noch mit einer Ecke des Bettes und einem Bruchstück eines Beins des Bettes“ oder „in Gestalt dieser Ecke und dieses Bruchstücks“ (so bes. Rabinowitz 1961; auch Moeller 1964; Willi-Plein 1971, S. 23f.; Pfeifer 1988; Paul 1991; Smith 1998; Möller 2003, S. 240; Eidevall 2017; so lösen z.B. auch Gordis 1979/80 und schon Eliezer von Beaugency auf). Verschiedentlich ist eingewandt worden, dass schoq nur die Beine von Lebewesen bezeichne, aber an sich wäre das leicht erklärlich: Zum einen wurden besonders in Ägypten Prachtmöbel sehr häufig mit Tierfüßen gestaltet (s. die schöne Sammlung von Fotografien von Harcombe; z.B. auch rechts das Bett des Tutankhamun); man könnte davon ausgehen, dass hier an ein solches Prachtbett gedacht wird. Zum anderen könnten hier auch nur durch dieses Wortspiel die Beine des Bettes noch mehr mit den zwei Schenkeln parallelisiert wird, die der Hirte aus dem Maul des Löwen rettet. Sprachlich wäre das also wohl schon möglich, aber das Bild „gerettet werden [nur] mit Bettbruchstücken“ oder sogar „in Form von Bettbruchstücken“ ist schon sehr schief. Zudem: Paul 1991, S. 120 versucht, diese Deutung zusätzlich mit dem Hinweis darauf zu stützen, dass jaschab b... nicht „sitzen auf (einem Möbel)“, sondern nur „wohnen in“ oder „sitzen an (einem Ort)“ bedeuten könne und daher die beiden letzten Phrasen notwendig abhängen müssten von „gerettet werden“, aber das ist falsch, s. 4Q491 Frg. 11 i 12 / 4Q491c 5 (jaschab b einem Thron) und wohl auch Ps 1,1, wenn moschab = „Sitz“ wie 1 Sam 20,25 und nicht „Sitzkreis“. o.Ä.; und richtig dann Rudolph 1971, S. 164: Die Parallele in Am 6,4 macht es schon sehr wahrscheinlich, dass die beiden Phrasen von jaschab abhängen.
(5) Schließlich wäre natürlich auch möglich, die Punktierung von dmš/ßq zu ignorieren und das letzte Wort „Bett“ als adverbialen Akkusativ des Ortes aufzulösen: „Die, die sitzen in (b) Samaria am (b) Rand des Bettes und in (b) Damaskus [auf dem] Divan.“ (so Niehaus 1992, S. 385; ähnlich Tur-Sinai 1954, S. 61f.: „So sollen die Israeliten gerettet werden: Die, die in Samaria wohnen, mit [nur] der Ecke eines Bettes und [die, die] in Damaskus [wohnen, mit der Ecke] eines Divans.“). Warum dann aber nur das letzte Wort ohne Präp., sondern als adv. Akk. (Niehaus) oder brachylogisch (Tur-Sinai) konstruiert worden sein soll und warum überhaupt dieser Abschnitt über Samaria mit einem kurzen Seitenhieb gegen die Aramäer schließen soll, wäre so schwer erklärlich, dass diese Auflösung erwartbar wenig Anhänger hat.
Kurz: Keine dieser Optionen ist wirklich überzeugend; die Stelle ist bisher unerklärt. (Zurück zu v.12)
uHaus Jakobs - häufiger Wechselbegriff für das Nordreich Israel; s. in Am noch Am 9,8 und nur mit „Jakob“ Am 6,8; 7,2.5; 8,7. (Zurück zu v.13)
van ihm - sc. „am Haus Jakob“. Was das konkret heißt, wird erst in V. 15 ausgeführt, denn zuvor wird in 14bc geschildert, wie es aussehen wird, dass Gott sie auch an den Altären Bethels heimsuchen wird. Vv. 14-15 sind also kreuzweise konstruiert: Heimsuchung am Haus Jakobs (14a) - Heimsuchung an Beth-El (dem „Haus der Gottheit“, 14b) - Zerstörung Beth-Els (14cd) - Zerstörung der Häuser des Hauses Jakob (15). (Zurück zu v.14)
w
Altar aus Beersheba, 8. Jhd.
Bild von Tamarah, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
Altäre im Alten Israel hatten „Hörner“ wie z.B. der rechts Abgebildete. An diese Hörner wurde das sühnende Opferblut geschmiert (s. z.B. Lev 4,7), und flüchtete man sich in einen Tempel und berührte diese Hörner, hatte man eine Art Kirchenasyl (s. Ex 21,12-14 mit 1 Kön 1,50; 2,28). „Thus the destruction of the altar and its horns actually symbolizes the end of the sanctuary, immunity, and expiation for the people.“ (Paul 1991, S. 124). Der Altar im Singular meint wahrscheinlich den Hauptaltar der Kultstätte Bethel, das Zentrum des religiösen Kults um Samaria. (Zurück zu v.14)
xWinterhaus und Sommerhaus - Offenbar hatten besonders vermögende Israeliten zwei Häuser für die jeweilige Jahreszeit; s. Jer 36,22 vom König. Vgl. auch die Inschrift KAI 216, in der der aramäische König Bar-Rakib (spätes 8. Jhd.) berichtet: „Meine Vorfahren, die Könige von Samal, hatten kein gutes Haus: Sie hatten [nur] das Haus von Kilamu[wa]. Das war ihr Winterhaus und es war [außerdem ihr] Sommerhaus. Doch ich habe [auch noch] dieses Haus gebaut!“ (Üs. nach Younger 1986, S. 101). (Zurück zu v.15)
ydie vielen Häuser (‚Häuser‘) könnte sich tatsächlich nicht nur auf Sommerhaus, Winterhaus und die Elfenbeinhäuser beziehen, sondern auch noch Bethel, das „Haus der Gottheit“, einschließen. Dann würde mit dieser Zeile alles Vorige also noch einmal zusammengefasst, was 15c zu einem starken Abschluss des Abschnitts machte. So aber m.W. niemand. (Zurück zu v.15)
zSo jedenfalls die meisten Kommentare. Möglich ist auch ein anderes Verständnis von Vv. 3-8, das ich (S.W.) so aber nie vertreten gefunden habe. Nämlich dieses: In Vv. 3-8 soll nur auf rhetorisch sehr umständliche Weise Amos als echter Prophet ausgewiesen werden. Vv. 3-6 enthielten dann eine Reihe von „schlechten“ rhetorischen Fragen. Streng genommen ist dies nämlich wirklich so und die Fragen in 3-6 erfordern durchaus nicht automatisch die Antwort „Nein!“, sondern entweder „Naja... manchmal schon!“ oder sogar „Doch, und zwar regelmäßig!“ Zwei Menschen können sehr wohl gemeinsam gehen, ohne sich unterwegs getroffen oder vorher verabredet zu haben – nämlich, wenn sie gemeinsam losgelaufen sind. Löwen brüllen eigentlich sogar gerade dann nicht, bevor oder nachdem sie Beute gemacht haben (vgl. wieder Hope 1991). Eine Schofar wird nicht nur in gefährlichen Situationen geblasen und führt daher nicht automatisch zum Erschrecken ihrer Hörer; der Tg fügt daher extra ein: „Wird etwa geblasen in der Stadt eine Schofar, wenn man es nicht erwartet“, was Kimchi erklärt mit: „... weil die Schofar häufig in der Stadt geblasen wird, die Leute dann aber nicht zittern; z.B. bei freudigen Anlässen.“ Und auch Gottes Urheberschaft allen Übels in einer Stadt ist für die Hörer des Amos und die Leser des Amosbuches alles andere als selbstverständlich, s. die FN zum Vers. Und ohnehin ist es ja einer der Hauptgegenstände des Amosbuches, dass Übel in der Stadt allgegenwärtig ist und dass dieses Üble gerade nicht Gottes Willen entspricht. Schließlich zu V. 5: Wer schon einmal eine Mausefalle aufgestellt hat, wird wissen, dass diese sehr wohl häufig zuschnappen, auch wenn sich keine Maus darin befindet; das selbe wird wohl für antike Vogelfallen gelten, die auf dem selben mechanischen Prinzip beruhen. In 5ab ist leider der Text unsicher, aber auch hier ist nach der textkritisch wahrscheinlichsten Textvariante klar, dass sie nicht automatisch mit „Nein“ zu beantworten ist: Fallen machen es ja gerade überflüssig, dass ein Fallensteller zum Fang anwesend ist. Noch mehr nach der der LXX-Variante: Ein Vogel landet oder fällt ja ständig zu Boden, auch wenn kein Jäger (oder Wurfholz) dafür verantwortlich ist.
Sieht man von V. 5ab ab, sind die rhetorischen Fragen also alle nicht sehr gut; die zu erwartende Reaktion wäre jeweils: „Gehen wohl zwei gemeinsam, außer wenn sie sich verabredet haben? – Ja, oft.“ Ok, aber: „Brüllt wohl ein Löwe im Wald, ohne Beute zu haben? – Natürlich; eigentlich brüllt er sogar nur dann.“ usw. Vv. 3-6 würden also sämtlich bewusst schlechte Beispiele für einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang bringen, um dann aber in V. 7 einen echten und regelmäßigen aufzustellen: „Aber (s. FN zu V. 7) beim Verhältnis von Gott zum Propheten ist dies anders: Gott tut wirklich nie etwas, ohne dies vorher seinen Propheten zu offenbaren“, und V. 8 macht weiter: „Brüllt der Löwe, wer fürchtete sich dann nicht [dies schließlich gilt doch wirklich, liebe Zuhörer]? Und entsprechend dann: Spricht der Herr JHWH, wer prophezeite dann nicht?“ Anders als bei unregelmäßigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen gelten hier also andere Maßstäbe: Gott tut stets all seine Pläne den Propheten kund, und diese geben diese auch stets ausnahmslos weiter. (Zurück zum Text: z)