Amos 3

Aus Die Offene Bibel

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Lesefassung (Amos 3)

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Anmerkungen

Studienfassung (Amos 3)

1 Hört diesen Spruch,
Den gesprochen hat JHWHa
Über Euch, (Söhne Israels=) Israeliten,
Über die ganze Sippe,b
Die ich aus Ägypten herausgeführt habe {folgendermaßen}:
2 „Nur ihr wart mir vertrautc
Unter allen Sippen der Erde,
Deswegen suche ich heim an euch
Alle eure Sünden.“

3 Gehen zwei gemeinsam (in Einigkeit?),
Außer wenn sie sich getroffen haben (sich verabredet haben, ohne einig zu sein)?d
4 Brüllt der Löwe im Gestrüpp (Wald)
Aber Beute gibt es nicht für ihn (hat er nicht vor sich?)?e
(Gibt=) Erhebt ein Leu (junger Löwe?)f seine Stimme aus seiner Höhle,g
außer wenn er gefangen hat?
5 Stürzt sich ein Vogel in die Falle [auf] der Erde (fällt ein Vogel auf {die Falle} die Erde),h
Aber einen Jäger (eine Falle, ein Wurfholz?, einen Köder? ein Stellholz?)h gibt es nicht für ihn?
Springt die Falleh von der Erde (wird die Falle von der Erde gehoben),i
Und hat gefangen keinen Fang?
6 Wird etwa geblasen (oder wird geblasen...)j in der Stadt eine Schofar,k
Und das Volk erzittert (fürchtet sich) nicht!?
Geschieht etwa (Oder geschieht...) ein Unglück (Schlechtes/Böses) in der Stadt
Und JHWH hat es nicht gemacht (machte nichts=reagierte nicht darauf?)!?l

7 Wahrlich!, (Jedoch:, Allerdings)m nicht macht der Herr JHWH (ein Gesprochenes=) irgendetwas,
Ohne offenbart zu haben sein Geheimnis (seinen Ratschluss) seinen Dienern (Sklaven), den Propheten.
8 Brüllt der Löwe (Der Löwe brüllt,)
Wer fürchtete sich [dann] nicht?
Spricht der Herr JHWH (Der Herr JHWH spricht),
Wer prophezeite [dann] nicht?


9 Lasst es hören {über} den Palästen in Ashdoth und {über} den Palästen im Land Ägypten und sagt (sprecht): Versammelt euch auf den Bergen Samarias und seht die große Verwirrung (Bestürzung, Panik) in seiner Mitte und die Unterdrückung in ihrem Inneren (ihrer Mitte). 10 Und nicht verstehen sie zu tun das Rechte, Spruch JHWHs, die Aufhäufenden (sie, die anhäuften) von Gewalt und Bedrückung. 11 Deshalb, so spricht der Herr JHWH: Ein Feind (Gegner) hat das Land umzingelt (ist um das Land herum), er wirft deine Macht nieder (reißt herunter, stürzt), und deine Paläste werden geplündert. 12 So spricht JHWH: Wie errettet der Hirte aus dem Maul des Löwen zwei Unterschenkel und Ohrzipfel, so werden errettet die Söhne Israels, die sitzen in Samaria in der Ecke des Lagers und auf dem Damast des Ruhebettes. 13 hört und bezeugt dem Haus Jakobs, Spruch des Herrn JHWH, Gott der Heerscharen (Zebaot). 14 Denn (Führwahr) am Tag suche ich heim die Sünden Israels an ihm und ich suche heim auf den Altären Bet-Els und es werden zerbrechen die Hörner des Altars und zu Boden (auf die Erde) fallen. 15 Ich zerschlage (zertrümmere) dein Winterhaus zusammen mit (samt) deinem Sommerhaus und deine Elfenbeinhäuser werden zugrunde (verloren) gehen und deine vielen Häuser werden verschwinden. Spruch JHWHs.

Anmerkungen

V. 2 ist der zentrale Satz des Abschnittes Vv. 1-8: In V. 1 wird er ausführlich eingeführt mit doppeltem dabar („Spruch, den gesprochen hat“) und dreifacher Adressierung (1: „euch“, 2. „Isareliten“, 3: „die ganze Sippe, die ich aus Israel herausgeführt habe“), deren letzte im Spruch selbst aufgegriffen wird („ihr allein unter allen Sippen der Erde). Und der ganze Abschnitt Vv. 3-8 dient wohl dazu, diesen Satz noch einmal nachträglich zu legitimieren und abzustützen, indem erstens in Vv. 3-6 nachgewiesen wird, dass das Unglück, das Israel begegnet, letztlich tatsächlich auf JHWH zurückzuführen ist (6cd), und in Vv. 7-8 Amos selbst als echter Prophet ausgewiesen wird, der deshalb um Gottes Ratschluss weiß, weil erstens Gott seinen Propheten all seine Geheimnisse offenbart (V. 7), und der deshalb prophezeien muss, weil das Prophezeien nach Gottes Selbstkundgabe so selbstverständlich und natürlich ist wie das Erschrecken nach dem Brüllen eines Löwen (V. 8).n
Vv. 3-6 sind dabei „gemein“, könnte man sagen: Die Strategie, mit der erreicht werden soll, dass dem Ziel des Abschnittes, V. 6cd, von den Hörern zugestimmt wird, ist nicht etwa stringente Logik, sondern eine Art „rhetorisches Einlullen“: Im Staccato-Stil werden der Hörerschaft sechs rhetorische Fragen zu Binsenweisheiten an den Kopf geworfen, die sie nur verneinen kann, um dann unvermittelt in 6cd einen theologischen Spitzensatz ans Ende dieser Fragereihe zu mogeln. Auf diese Doppelzeile muss hier noch kurz gesondert eingegangen werden, da auch sie häufig als eine theologische Trivialität abgetan wurde; z.B. von Mittmann 1971, S. 137:

„Aber sprach Amos damit nicht eine Binsenwahrheit aus, die damals kaum jemand in Zweifel zog und die er darum weder zu beweisen noch zu verteidigen brauchte? [...] So schon Marti [...] und Sellin [...] und noch schärfer Weiser [...]: ‚Ein solches Unterfangen hieße Eulen nach Athen tragen.‘ [...] Wo und wie käme denn diese konkrete Spitze in dem zeitlos prinzipiellen Satz des Amos zum Vorschein? Hätten nicht auch jene Zeitgenossen ihn vorbehaltlos unterschreiben können [...]?“

Überraschenderweise ist das verfehlt; es gibt verblüffend wenige Stellen in der Bibel, die JHWH eine Art Pan-Kausalität zuschreiben würden, und noch weniger Stellen, die ihn auch für alles Übel, das einem Menschen oder einer ganzen Gemeinschaft begegnet, verantwortlich zu machen scheinen. Primär sind dies Dtn 32,39; 1 Sam 2,6f.; Ijob 1,21; 2,10; Pred 7,14; Jes 45,7; Klg 3,38 und eben dieser Vers (vgl. dazu bes. Lindström 1983). Doch die meisten lassen sich schnell abtun: Dtn 32,39 spricht nicht von Pan-Kausalität, sondern davon, dass niemand Gott übermachten könne, 1 Sam 2,6f. ist distributiv zu verstehen (also nicht: „Alles töten und lebendig-Machen geht auf Gottes Kappe“, sondern „wen auch immer Gott töten und wen er lebendig machen will, den tötet er auch und den macht er auch lebendig“); Ijob 1,21; 2,10 sprechen nur von dem konkretem Übel, das Ijob begegnet und das in seinem Ausmaß klar auf Gott zurückführbar ist. Pred 7,14 muss im Kontext des Kohelet-Buches gelesen werden; s. dort. Damit bleiben Am 3,6; Jes 45,7 und Klg 3,38, von denen Am 3,6 sehr wahrscheinlich der älteste Vers ist und wo auch Am 4,6-13 nahelegen, dass dieses theologische Modell hier vorausgesetzt wird. Daneben und mit diesem theologischen Modell unvermittelt findet sich in der Bibel häufiger ein ganz anderes Modell: Übel, das begegnet, ist nicht Gottes Werk, sondern darauf zurückzuführen, dass Gott gerade „schläft“ und sich erst wieder „erheben muss“, „fern ist“ und sich erst wieder „nahen muss“, „sein Gesicht vor jemanden verbirgt“ – ihn also ignoriert, indem er gerade nicht gnädig auf ihn sieht – und ihn daher erst wieder „ansehen muss“ und Ähnliches (s. z.B. Dtn 31,17f.20; 1Sam 1,11; Ps 10,12; 13,2; 22,25; 27,9; 35,22f.; 42,10; 44,24f.; 59,5f.; 69,18; 88,15; 102,3; 104,29; 143,7; Jes 8,17; 49,14; 54,8; 59,2; 64,6; Jer 33,5; Klg 5,20; Ez 39,23f.29; Mic 3,4 u.ö.). Gott ist in der Bibel also sehr häufig gerade nicht der verantwortlich für alles Übel, sondern dieses muss sozusagen „hinter seinem Rücken“ geschehen. Andernfalls gilt die Regel: „Gott behütet den Weg der Gerechten, der Weg der Bösen aber verdirbt“ (Ps 1,6). Nicht so aber in Am 3,6: Nach diesem Vers geschähe alles Übel in einer Stadt gerade deshalb, weil JHWH es verursacht. Sinnvoll daher Eidevall 2017, S. 127: „I suggest that v. 6[cd] should be read as a bold affirmation of a ‚truth‘ that was far from self-evident [...]. Indeed, the rhetorical question in v. 6b seems to have been designed to persuade the addressees to accept a provocative and unsettling perspective.“ Der theologische Spitzensatz in Am 3,2 muss also abgestützt werden mit einem zweiten theologischen Spitzensatz, der ebenfalls einen festen Platz in der jüdischen und christlichen Theologiegeschichte erhalten sollte.


aden JHWH gesprochen hat - Die 1. Pers. des Vbs. in 1d zeigt, dass bereits hier JHWH spricht – wie in Am 2,4 und wie noch häufig (s. zu Am 2,4) also wieder von sich in der 3. Pers. (Zurück zu v.1)
bSippe = soziale Größe des alten Israel. Die Keimzelle der altisraelitischen Gesellschaft ist die „Familie“ (wörtl.: das „Haus“). Eine Stufe darüber steht die „Sippe“ – die „Großfamilie“ –, von denen es im Alten Israel etwa 60 Stück gab und von denen jede zu bevölkerungsreichen Zeiten wohl durchschnittlich etwa 10.000 Mitglieder hatte (vgl. Andersen 1969, S. 35). Noch eine Stufe darüber stehen die „zwölf Stämme“ (vgl. näher Verwandschaft (AT) (Wibilex)). Dass Israel hier als „Großfamilie“ bezeichnet wird, ist ganz ungewöhnlich; vgl. aber ähnlich die Verse Sach 14,(16.)17f., auf die schon Kimchi verwiesen hat. Andersen/Freedman 1989, S. 381 halten dies für eine „Downgrading“-Strategie: „It [...] places Israel beside all of the other nations (‚families‘) as members of a larger unit, a single tribe. It corresponds to the pictures in chaps. 1-2, where [all nations] are listet [...] to constitute one regional entity, all equally under the jurisdiction of the one God.“ (Zurück zu v.1)
cihr wart mir vertraut - meist: „ich kannte euch“; heb. jada´ („kennen“) hier als Begriff der Fürsorge wie noch in Ps 1,6; 144,3 und wahrscheinlich Hos 2,22. Raschi übersetzt daher mit „ich liebte“. Vgl. ähnlich im Gr. Joh 10,14f.; 1 Kor 8,3. (Zurück zu v.2)
dsich treffen (verabreden, einig sein) - Alle drei Varianten sind schon lange im Umlauf, z.B. de Wette 1858: „außer wenn sie sich eingefunden haben“ = NeÜ „ohne sich begegnet zu sein“, Keil 1866=: „ohne wenn sie sich verabredet haben“, Justi 1820: „wenn sie nicht einig sind“ = LUT 84: „sie seien denn einig untereinander“ (auch noch SLT). (1) bereits bei Theod, (2) bereits bei Aq, alle drei auch schon bei Eliezer von Beaugency, obwohl dieser nicht sehr klar differenziert. H-R („ohne einander zu kennen“) folgt LXX, die anders als MT und alle anderen Vrs. noda´u statt no´adu gelesen hat.
Variante (3) gehört eigentlich gar nicht zur Wortbedeutung, sondern wird von Zeile a in Zeile b „hinein-übersetzt“. Für das Wort in Z. a wird diese Bed. dabei i.d.R. abgeleitet aus Gen 22,6.8.19 und Ps 133,1 (so z.B. Gordis 1979/80, S. 219; Shapiro 1982, S. 328); doch während dies dort wohl mitgehört werden kann, gehört es sicher nicht eigentlich zur Wortbedeutung dieses Wortes. Gegen (1) hat z.B. Garrett 2008, S. 83 kürzlich wieder eingewandt, dass der Nifal von ja´ad stets vereinbarte und nie zufällige Treffen bezeichne, aber das ist so sicher nicht richtig. Im Gegenteil ist die Wortbedeutung „verabreden“ nur sicher in Ijob 2,11 und sehr wahrscheinlich in Neh 6,2; alle anderen Vorkommen lassen keinen Schluss über zufällig vs. verabredet zu. Das abgeleitete Substantiv bezeichnet allerdings sogar eine Rinderherde (Ps 68,31), einen Bienenschwarm (Ri 14,8) und auch die „Rotte Korachs“, die sich „zusammenrottet“ (Num 16,11 und häufig). (1) und (2) sind also sicher mindestens gleichermaßen möglich. Hier wurde so übersetzt, dass die Üs. am besten zur üblichen Deutung des Abschnitts passt (s. die Anmerkungen), s. aber auch die FN zu V. 7. (Zurück zu v.3)
eBeute gibt es nicht (hat er nicht vor sich) - 4b.d werden häufig so verstanden, dass 4b vom Gebrüll vor und 4d vom Gebrüll nach der Jagd spreche. So schon Kimchi, der fabuliert, Löwen brüllten bei der Jagd, um ihre Beutetiere in Angststarre zu versetzen (ähnlich Ibn Ezra). Daher häufig entsprechende Üss., z.B. Brandscheidt 2002, S. 4: „ohne daß er Beute vor sich hat.“, GN: „wenn er kein Beutetier vor sich sieht“. Aber richtig bereits Raschi: „Wenn ein Löwe seine Beute gefangen hat, brüllt er regelmäßig; nicht aber brüllt er, wenn er [noch] nichts gefangen hat.“ Zu den Zeiten, da Löwen brüllen, vgl. Hope 1991, S. 202f. Hinzu kommt, dass das Subst. terep von tarap „reißen, zerfleischen“ kommt und entsprechend häufig speziell das „bereits Gerissene“ bezeichnet; s. Gen 49,9; Ijob 29,17; Ps 76,4; 124,6; Jes 5,29; 31,4; Nah 2,13; daher wohl sinnvoll HER05: „wenn er keine Beute gemacht hat“; R-S „eh er seine Beute hat“, TAF: „ohne daß er zerfleischt hat.“ (Zurück zu v.4)
fLeu (junger Löwe) - „junger Löwe“ ist die Standard-Üs., aber wohl irreführend. Während erstens das Standardwort für Löwe – `arjeh – von gez. „`arwe“ („wildes Tier“) kommt und den Löwen i.A. bezeichnet, kommt kefir etymologisch von kafar („stark sein“) und bezeichnet wohl eher gerade den voll im Saft stehenden Löwen denn das Löwenjunge (das gur `arjeh heißt). Entsprechend weißt Hope 1991 zur Stelle auch richtig darauf hin, dass gerade die jüngeren Löwen die aktivsten Jäger sind, und schlägt daher als passendere Üss. „Jagdlöwe“ und „Killer-Löwe“ vor. Zweitens sind die beiden Worte noch öfter Wechselbegriffe, ohne dass die us. Bed. der Worte irgendetwas austragen würde, s. noch Ps 17,12; Jes 31,4; Mi 5,7 und v.a. Ijob 4,10; Ez 19,2; Nah 2,12. „Junger Löwe“ weckt also sicher die falschen Assoziationen und sollte nicht als Üs. gewählt werden. (Zurück zu v.4)
gHöhle - An sich leben Löwen nicht in Höhlen; dies gehört aber zur fixen „Löwen-Mythologie“ der Antike und ist daher unproblematisch: Auch Nah 2,12 fragt nach dem Ort der „Höhle des Löwen“, Ps 104,20-22 schildert den Löwen als nachtaktives Tier (was gleichfalls nicht für Löwen gilt), das sich tagsüber in seine Höhle zurückzieht, in Hld 4,8 wird er gleichfalls Gebirgshöhlen verortet. Das ist nicht nur in Israel so. Im ägyptischen Akenaten-Hymnus etwa ist der Löwe ebenfalls ein nachtaktives Höhlentier und im äg. Spruch zum Schutz des Horus ein nachtaktives Gebirgstier (s. COS 1.28; TUAT II/3, S. 369). Und ebenso im Griechischen; Herodot etwa berichtet von Löwen, die nachts vom Gebirge herabkommen, um Kamele zu rauben (Hdt 7.125f.), Xenophon behauptet gerade in seinem Traktat über die Jagd, Löwen hätten ihren Lebensraum im Gebirge (Kyn 11.1), und natürlich wohnen auch der kithaironische und der nemeische Löwe, die Herkules erschlug, in einer Gebirgshöhle (Apollodorus 24,9-10; 2.5,1; Diodorus Siculus 4.11.3f.). Auch der jüdische „Löwe von Bei Ilai(s. zu Am 1,2) wohnt ja im „höchsten Haus“, vermutlich also ebenfalls einem Gebirge. (Zurück zu v.4)
h
Links: Ägyptische Darstellungen des Vogelfangs, Grafik bei Wilkinson 1847: The Manners and Customs of the Ancient Egyptians I/3, S. 38.
Rechts: Rekonstruktion eines äg. Klappnetzes, Grafik bei Schäfer 1919: Ägyptischer Vogelfang, S. 179.
Unsichere Doppelzeile. S. noch zu die FN zu V. 7. Die Rede ist wahrscheinlich wegen 5c von einem Klappnetz, s. rechts.
In Zz. a-c steht jeweils ein Wort, das i.d.R. und häufig „Falle“ bedeutet, nämlich pach in Z. a.c und moqesch in Z. b. Auf den ersten Blick daher: „Fällt ein Vogel in die Falle (pach) am Boden, / aber eine Falle (moqesch) gibt es nicht für ihn? // Steigt die Falle (pach) von der Erde, / aber einen Fang hat sie nicht gefangen?“ Das macht schwerlich Sinn. So aber z.B. sinngemäß NeÜ: „Wird ein Vogel im Bodennetz gefangen, ohne dass es aufgestellt ist?“.
Unsicher ist außerdem der Text:
(1) In LXX fehlt das erste pach; die große Mehrheit der Exegeten streicht daher dieses Wort. BHQ will einmal mehr „den MT verteidigen“ und nimmt daher an: „It is far more likely that G did not understand the working of the trapping method and therefore omitted the word here“; aber tatsächlich wird hier nach den üblichen Wortbedeutungen kein Fallenmechanismus beschrieben, sondern schlicht gesagt: „Ein Vogel geht in keine Falle, wenn es keine Falle gibt“ – ein zwar sinnloser, aber sicher nicht für LXX zu schwer verständlicher Text. Viel besser lässt sich dies durch Haplographie erklären, die durchaus schon in der Vorlage von LXX geschehen sein könnte. Die externe Evidenz ist aber nur mit LXX als Zeuge recht schwach; auch die LXX-Derivate VUL und Syr stützen ja MT.
(2) Alle alten Vrs. – LXX, Aq, Sym, Theod, Tg, VUL, Syr – übersetzen moqesch nicht mit „Falle“, sondern mit „Jäger“, was nicht moqesch, sondern joqesch voraussetzt. Ganz merkwürdig wird dies trotz dieser sehr starken externen Evidenz von fast allen Exegeten ignoriert; stattdessen wird häufig moqesch eine andere Bed. gegeben: Meist „Wurfholz, Bumerang“, mit dem die alten Ägypter in der Tat Vögel jagdten (so z.B. Marti, Sellin, Driver 1934, Maag, Wolff, Mittmann 1971, Smith) oder „Lockspeise, Köder“ (so z.B. Rudolph, Soggin, Andersen/Freedman, Paul, Niehaus, Garrett, Bons 2014, S. 43; Eidevall); gelegentlich auch „Stellholz“ (z.B. Junker 1956, S. 326; Brandscheidt 2002, S. 4). All diese Sonderbedeutungen sind aber allein aus speziell diesem Kontext erschlossen und es lässt sich sonst mit nichts stützen, dass das häufige moqesch diese Sonderbed. hätte.
(3) Der Vogel nafal ´al die Falle am Boden oder (nach LXX:) den Boden. Fast stets würde dies heißen: „auf die Falle am Boden / auf den Boden fallen/stürzen“. Exegeten wie Snaith, Andersen/Freedman, Paul u.a. verweisen daher z.B. auf Gen 24,64; 2 Kön 5,21, wo „vom Pferd/vom Wagen gesprungen“ wird und auf die häufigeren Ausdrücke nafal `arṣah „sich auf den Boden werfen(=„auf die Knie fallen“) und nafal ´al sawwar(jmdm) um den Hals fallen“, wonach dann hier vom Vogel angenommen werden könnte, dass er „sich auf die Falle/Lockspeise stürzt“. Das ist möglich, ist aber als Sprachgebrauch doch ungewöhnlich. Vielleicht soll hier auch schon im Verb das dann noch folgende Schicksal des Vogels – der Tod – zum Ausdruck kommen.
Angesichts dieser Optionen ist am wahrscheinlichsten dies, dass in der Tat joqesch statt moqesch im Urtext stand (die Verschreibung wäre leicht erklärlich; pach und moqesch statt joqesch sind ein festes Wortpaar; s. noch Jos 23,13; Ps 69,23; 140,6; 141,9; Jes 8,14), der aber sonst mit MT übereinstimmte; also: „Stürzt sich ein Vogel in die Falle auf der Erde / aber einen Jäger [der diese aufgestellt hätte] gibt es nicht für ihn?“
Von hier aus erklären sich jedenfalls auch die ziemlich unterschiedlichen anderen dt. Üss.:
(1) statt „Stürzt sich ein Vogel auf die Falle auf der Erde“ übersetzen mit „Fällt etwa ein Vogel zur Erde“ , HER05, LUT (anders noch LUT 1912), PAT, R-S, ZÜR 31 (anders ZÜR 07);
(2a) „Jäger“: LUT 1545; LUT 1912: „... da kein Vogler ist?“; (2b) „Wurfholz“: , HER05: „... wenn niemand nach ihm geworfen hat“; H-R: „.... ohne daß ihn ein Wurfholz getroffen“, R-S: „wenn nicht ein Wurfholz für ihn dagewesen“; ZÜR 31: „es treffe ihn denn das Wurfholz“; (2c) „Köder“: GN: „... wenn kein Köder ausgelegt ist“; SLT: „...wenn ihm kein Köder gelegt worden ist?“; (2d) „Stellholz“: B-R: „... und war kein Schnellholz daran“, ZÜR 07: „... wenn da kein Stellholz ist für ihn“. (zu v.5)
ivon der Erde springen (gehoben werden) - gemeint ist wahrscheinlich der Schnappmechanismus, mit dem Klappnetze fangen (s. vorige FN). In älteren Üss. war die Alternativ-Üs. die gebräuchlichere. Sie ist nicht gleich wahrscheinlich, aber immerhin möglich: Das „Aufsteigen“ der Falle stünde dann für das Aufgehoben werden derselben durch den Jäger, was (wie nafal, s. vorige FN) dann auf das künftige Geschick des Vogels vorausweisen würde. So z.B. Dahl 1795 („Wird wohl die Schlinge von der Erde weggenommen“); Justi 1820 („Hebt man das Garn wohl von der Erde auf“); Michaelis 1782 („Wird das Netz wieder aufgenommen“); Moldenhawer 1787 („Nimmt man die Schlinge weg“); Schröder 1829 („Und nimmt man wohl das Garn vom Boden auf“). Entscheidender ist, dass nafal („fallen“) in 5a und ´alah („aufsteigen“) in 5c einen Gegensatz bilden. (Zurück zu v.5)
jWird etwa (Oder wird) - Nach fünf rhetorischen Fragen, die mit der Fragepartikel ha- eingeleitet wurden, folgen nun in V. 6 zwei mit `im eingeleitete Fragen. `im kann sowohl „gewöhnliche“ Fragepartikel sein (wie z.B. 1 Kön 1,27; Ijob 39,13; Jes 29,16 u.ö.) als auch als Fortsetzung von ha- in Disjunktivfragen verwendet werden (haA ... `im B, „Gilt A oder B?“; z.B. Jos 5,13; Ri 9,2; 1 Kön 22,15). `im kann außerdem ha- fortsetzen, ohne disjunktive Bed. zu haben und leitet dann wohl (bisweilen?) etwas emphatischere Fragen ein (s. z.B. Gen 17,17: „Sollte einem Hundertjährigen noch [ein Kind] geboren werden? Und sollte wohl gar Sara, die Neunzigjährige, [dieses Kind] gebären!?“; Gen 37,8: „Sollst du unser König sein? Sollst du wohl gar über uns herrschen!?“; Num 11,22: „Soll Vieh geschlachtet werden? Sollen wohl gar alle Fische des Meeres gesammelt werden!?“; Ri 11,25: „Hat Balak je mit Israel Streit gehabt? Hat er sich wohl gar je mit Israel bekriegt!?“ u.ö.).
Die genaue Funktion der Fortsetzung von mehreren ha- Fragen durch mehrere `im-Fragen ist nicht klar. (1) Sehr wahrscheinlich falsch ist eine Deutung, die sich mittlerweile in der neueren Amos-Exegese eingebürgert hat: Nach dem ausuferenden Frageteil mit fünf ha-Fragen sei offenbar auch das ´im ausufernd und demgemäß also eine doppelte disjunktive Fragepartikel („Gilt A oder B oder etwa C“; s. bes. Soggin 1987; Paul 1991), weshalb dann verschiedentlich 6ab in der Üs. mit „oder“ eingeleitet wird (z.B. auch Wolff 1969, Rudolph 1971, Jeremias 1995, Smith 1998). Dabei macht der Inhalt der Fragen aber ja sehr klar, dass es sich hier mitnichten um disjunktive Fragen handelt; das Brüllen des Löwen, das Blasen der Schofar und das Geschehen von Übel sind ja keine Alternativen. Bleiben also die Optionen, dass die Fragen in V. 6 schlicht anders formulierte Fragen sind oder dass sie emphatischere Fragen sein sollen als die in Vv. 3-5. Die Struktur von Vv. 3-6 (s. die Anmerkungen) und auch die Tatsache, dass mit 6cd mit dem vorherigen Muster gebrochen und auf einmal über JHWH gesprochen wird, legt nahe, dass V. 6 in der Tat der Höhepunkt dieser ersten langen Fragereihe sein soll; etwas näher liegt daher die zweite Alternative. (Zurück zu v.6)
kSchofar - ein als Instrument verwendetes Widderhorn; in vielen us. Kontexten verwendet; u.a. aber, um Bewohner einer Stadt vor Gefahr zu warnen (s. Jer 6,1; Ez 33,6; Hos 5,8). (Zurück zu v.6)
lZu dieser Z. s. die nächste FN und die Anmerkungen. (Zurück zu v.6)
mJa!, (Jedoch:, Allerdings) - heb. ki, auch hier meist übersetzt mit „denn“. Wie Vv. 3-6 aber V. 7 begründen sollten, ist ganz unklar. Das heb. ki hat viele verschiedene Bedeutungen und Funktionen; drei andere bieten sich hier weit mehr an: (1) Restriktives ki: „Allerdings“. V. 7 sollte dann nur V. 6cd einschränken: „Kein Unglück geschieht in einer Stadt, das nicht von JHWH verursacht würde; allerdings warnt er dann auch immer durch seine Propheten vor.“ So explizit m.W. nur Moldenhawer 1787: „Wenn aber Jehova, der Herr, dergleichen thun will, so offenbaret er seinen Entschluß seinen Knechten, den Propheten.“ (2) Emphatisches ki, das V. 7 überhaupt nicht mit Vv. 3-6 verknüpft, sondern nur das folgende bekräftigt: „Wahrlich!, [es gilt absolut]: ...“ (wie z.B. 1 Kön 1,13.17.30). So viele neuere Exegeten, daher hier als Primär-Üs. gewählt.
(3) Schließlich möglich ist eine dritte Option, für die aber etwas ausgeholt werden muss: Adversatives ki („Nein!, aber...“); vgl. z.B. Ijob 22,2: „Kann ein Mensch Gott nützen? ki (Nein!, aber) der Weise nützt sich selbst!“; Ps 130,3f.: „Würdest du auf Ungerechtigkeiten achten – Herr, wer könnte dann bestehen? ki (Niemand! Jedoch:) bei dir ist Vergebung!“ u.ö.; zu dieser Verwendung und ähnlichen Bspp. vgl. Schoors 1981, S. 252f. So m.W. niemand, doch erwägenswert ist es durchaus. Tatsächlich sind Vv. 3-6 nämlich sehr viel weniger klar, als es zunächst den Anschein hat. Durch die Bank hält man mindestens Vv. 3-6b für selbstverständliche Fragen, die natürlich die Antwort „Nein“ provozieren sollen: „Gehen zwei gemeinsam, außer wenn sie sich getroffen haben? – Nein! Und brüllt der Löwe im Gestrüpp, aber Beute gibt es nicht für ihn? – Nein!“ usw. Strenggenommen ist die korrekte Antwort aber jeweils: „Naja... manchmal schon“, oder sogar: „Ja, meistens schon.“ Zwei Menschen können sehr wohl gemeinsam gehen, ohne sich unterwegs getroffen zu haben – nämlich, wenn sie gemeinsam losgelaufen sind. Nach den diversen Übersetzungsvarianten wäre die zu erwartende Antwort sogar noch mehr: „Ja, meistens.“: „Gehen zwei gemeinsam, außer wenn sie sich verabredet haben? – Ja, oft.“ Oder: „Sind zwei einen Sinnes, ohne sich abgesprochen zu haben? – Natürlich, das kommt vor.“ Löwen brüllen eigentlich sogar gerade dann nicht, bevor oder nachdem sie Beute gemacht haben (vgl. wieder Hope 1991). Eine Schofar wird nicht nur in gefährlichen Situationen geblasen und führt daher nicht automatisch zum Erschrecken ihrer Hörer; der Tg fügt daher extra ein: „Wird etwa geblasen in der Stadt eine Schofar, wenn man es nicht erwartet“, was Kimchi erklärt mit: „... weil die Schofar häufig in der Stadt geblasen wird, die Leute dann aber nicht zittern; z.B. bei freudigen Anlässen.“ V. 5 ist textlich unsicher (s. dort), aber nach den meisten Varianten wäre auch hier die korrekte Antwort: „Naja... manchmal schon“: „Stürzt sich ein Vogel auf die Falle auf der Erde / Fällt ein Vogel zur Erde, wenn gerade kein Jäger da ist? – Ja, sogar in der Regel; Fallen sollen ja gerade den Jäger überflüssig machen.“ Oder: „Schnappt eine Falle zu, ohne dass sie Fang gemacht hätte?“ – Wer schon einmal eine Mausefalle aufgestellt hat, wird wissen, dass auch hier die korrekte Antwort ist: „Ja, sogar häufig“. Noch deutlicher in dieser Variante: „Wird eine Falle aufgehoben, ohne dass sie Fang gemacht hätte? – Natürlich; immer dann, wenn man sie an einen (anderen) Ort stellen will.“ Selbst 6cd ist vermutlich alles andere als eine Binsenweisheit (s. die Anmerkungen); wahrscheinlich ist auch hier die richtige Antwort: „Ja, sogar meistens.“
Es ist also immerhin möglich, dass Vv. 2-8 so zu deuten sind: Nach sieben bewusst schlechten Beispielen für regelmäßige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge nimmt V. 7 den Faden auf: „Aber beim Verhältnis von Gott zum Propheten ist dies anders: Gott tut wirklich nie etwas, ohne dies vorher seinen Knechten zu offenbaren“, und V. 8 macht weiter: „Brüllt der Löwe, wer fürchtete sich dann nicht [dies schließlich gilt doch wirklich, liebe Zuhörer]? Und entsprechend dann: Spricht der Herr JHWH, wer prophezeite dann nicht?“ Anders als bei unregelmäßigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen gelten hier also andere Maßstäbe: Gott tut stets all seine Pläne den Propheten kund, und diese geben diese auch stets ausnahmslos weiter. So aber niemand; in der LF sollte daher auch dann die Primär-Üs. gewählt werden, wenn diese Deutung vorzuziehen wäre. (Zurück zu v.7)
nTatsächlich ist die Gliederung von Vv. 2-8 ziemlich umstritten; bes. umstritten ist, ob Vv. 3-8 ein Abschnitt ist oder zerfällt (1) in die drei Abschnitte Vv. 3-6, V. 7, V. 8, (2) in die zwei Abschnitte Vv. 3-6 und V. 8, während V. 7 als nachträgliche Ergänzung zu V. 6 als sekundärer Vers zu ignorieren sei, (3) in die beiden Abschnitte Vv. 3-6 und Vv. 7-8, (4) in den einen Abschnitt Vv. 3-6.8 oder (5) in den einen Abschnitt Vv. 3-8.
Am wahrscheinlichsten ist (3): Vv. 3-6 sind auf mehrere Weisen in der Formulierung miteinander verklammert: Zunächst beginnt in Vv. 3-5 jeder Vordersatz der Fragen mit der Fragepartikel ha-, während die der beiden Fragen in V. 6 mit `im eingeleitet werden (s. FN 1 zu V. 6). Gleichzeitig wird in den Nachsätzen von 3,3-5b aber alterniert: 3b: bilti `im X („außer wenn X“) – 4b: wX `en lo („aber X gäbe es nicht für ihn“) – 4d: bilti `im X („außer wenn X“) – 5b: wX `en lah („aber X gäbe es nicht für ihn“). Ab V. 5cd – also noch vor dem Wechsel zu `im – beginnt dann eine Dreierreihe von Nachsätzen mit w X lo Y („und X tut nicht Y“). In V. 8 stehen zwar auch zwei Fragen mit Vorder- und Nachsatz. Zwischen den ersten sieben und diesen Fragen ist aber mit V. 7 ein aus dem Rahmen fallender Vers eingeschaltet, der die beiden Fragegruppen deutlich voneinander trennt, und die Fragen selbst sind erstens wieder anders konstruiert als die vorangehenden und zweitens v.a. Wort- statt Satzfragen (die erwartete Antwort ist also nicht „Nein“, sondern „Niemand“). Da die „Löwen-Doppelzeile“ in 8ab aber deutlich an V. 4 anknüpft, ist es insgesamt am wahrscheinlichsten, dass Vv. 3-6 und V. 8 zu zwei unterschiedlichen Unterabschnitten des selben Abschnitts gehören; V. 6 wäre der durch den Wechsel zu `im markierte Höhepunkt dieser ersten Fragereihe. V. 7 ist ein Brückenvers, der mit „denn“ oder „allerdings“ (s. dort) an 3-6 anschließt, mit seiner Aussage aber 8cd vorbereitet. (Zurück zum Text: n)