Jesaja 53: Unterschied zwischen den Versionen

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{{S|1}} Wer hat geglaubt (glaubt, hätte geglaubt) die Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte)<ref>''die Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte)'' - wg. dem folgenden Sticho („Wem ist JHWHs Macht enthüllt“ -> JHWHs Tun wird gerade als ''verborgen'' vorgestellt) sind die „theologischeren“ Alternativen „Offenbartes“ und „Verkündigtes“ eher unwahrscheinlich; vgl. [http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051851_00095.html?sort=sortTitle+asc&subjectRVK=%7BTheologie+und+Religionswissenschaften%7D&mode=simple&person_str=%7BKaiser%2C+Otto%7D Kaiser 1959, S. 95]; KBL3, S. 1439.</ref> an uns (von uns)<ref>Die Identität des „wir“ in Vers 1–6 ist unklar. Zwei mögliche Deutungen sind Identifizierungen mit dem Volk Israel oder mit benachbarten Völkern. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891.) Siehe auch die Fußnote zu „Diener“ in [[Jesaja 52#s13|Jes52,13]].</ref>,{{Par|Johannes|12|38}} {{Par|Römer|10|16}}
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{{S|1}} Wer hat geglaubt (glaubt, hätte geglaubt, hat vertraut auf) die Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte)<ref>''die Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte)'' - wg. dem folgenden Sticho („Wem ist JHWHs Macht enthüllt“ -> JHWHs Tun wird gerade als ''verborgen'' vorgestellt) sind die „theologischeren“ Alternativen „Offenbartes“ und „Verkündigtes“ eher unwahrscheinlich; vgl. [http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051851_00095.html?sort=sortTitle+asc&subjectRVK=%7BTheologie+und+Religionswissenschaften%7D&mode=simple&person_str=%7BKaiser%2C+Otto%7D Kaiser 1959, S. 95]; KBL3, S. 1439.</ref> an uns (von uns)<ref>Die Identität des „wir“ in Vers 1–6 ist unklar. Zwei mögliche Deutungen sind Identifizierungen mit dem Volk Israel oder mit benachbarten Völkern. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891.) Siehe auch die Fußnote zu „Diener“ in [[Jesaja 52#s13|Jes52,13]].</ref>,{{Par|Johannes|12|38}} {{Par|Römer|10|16}}
 
und JHWHs Macht (Arm) - {an} wem (an wem) ist (wurde) sie enthüllt (offenbar)?  
 
und JHWHs Macht (Arm) - {an} wem (an wem) ist (wurde) sie enthüllt (offenbar)?  
{{S|2}} Er trieb aus wie ein junger Spross vor ihm (vor seinen Augen, vor unseren Augen, trieb empor)<ref>''vor ihm'' - BHS schlägt vor, zu emendieren nach {{hebr}}לְפָנֵינוּ{{hebr ende}} ''vor uns, vor unseren Augen''. So z.B. auch Barré 2000, S. 25; [http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051851_00086.html?sort=sortTitle+asc&subjectRVK=%7BTheologie+und+Religionswissenschaften%7D&person_str=%7BKaiser%2C+Otto%7D&mode=simple Kaiser 1959, S. 86]. Anders Allen 1971; Driver 1937; [http://archive.org/stream/randglossenzurhe3v4ehrl#page/190/mode/2up Ehrlich 1912]; Gordon 1970; North 1964, die übersetzen mit „gerade(wegs) nach oben“ („right up“): ''vor sich'' bezieht sich ihnen zufolge auf den Wachsenden selbst, ''vor sich selbst hinaufziehen'' soll dann meinen: „emporschießen, emporwachsen“. Vorzuziehen ist vermutlich letzteres; weitaus mehr Anhänger hat aber hat aber immer noch die wörtliche Übersetzung mit „vor ihm“, weshalb auch wir hier diese Lösung gewählt haben.</ref>,
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{{S|2}} Er wuchs wie ein junger Spross vor ihm (vor seinen Augen, vor unseren Augen, trieb empor)<ref>''vor ihm'' - BHS vermutet einen Überlieferungsfehler und hält {{hebr}}לְפָנֵינוּ{{hebr ende}} ''vor uns, vor unseren Augen'' für urspünglich. So z.B. auch Barré 2000, S. 25; [http://digi20.digitale-sammlungen.de/de/fs1/object/display/bsb00051851_00086.html?sort=sortTitle+asc&subjectRVK=%7BTheologie+und+Religionswissenschaften%7D&person_str=%7BKaiser%2C+Otto%7D&mode=simple Kaiser 1959, S. 86]. Anders Allen 1971; Driver 1937; [http://archive.org/stream/randglossenzurhe3v4ehrl#page/190/mode/2up Ehrlich 1912]; Gordon 1970; North 1964, die übersetzen mit „gerade(wegs) nach oben“ („right up“): ''vor sich'' bezieht sich ihnen zufolge auf den Wachsenden selbst, ''vor sich selbst hinaufziehen'' soll dann meinen: „emporschießen, emporwachsen“. Diese Deutung ist plausibel; da aber immer noch die wörtliche Übersetzung mit „vor ihm“ immer noch weitaus mehr Anhänger hat, haben auch wir diese Lösung gewählt.</ref>,
wie eine Wurzel (Schössling)<ref>„Schössling“ nach Baltzer 1999; Blenkinsopp 2002; Edel 1964; vgl. auch ZLH, S. 882 ''ad loc.''.</ref> aus trockenem (dürrem) Land (Boden).{{Par|Jesaja|11|1}}
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wie Schössling (eine Wurzel)<ref>„Schössling“ nach Baltzer 1999; Blenkinsopp 2002; Edel 1964; vgl. auch ZLH, S. 882 ''ad loc.''.</ref> aus trockenem (dürrem) Land (Boden).{{Par|Jesaja|11|1}}
Denn er hatte keine Gestalt und keine Schönheit (keinen Schmuck),<ref>''keine Gestalt und keine Schönheit'' - Hendiadyoin. Das Hendiadyoin (=Ausdruck eines Konzeptes durch zwei durch „und“ verbundene Wörter) ist im (adjektiv-armen) Hebräisch sehr viel häufiger als im Deutschen und fungiert oft ähnlich der deutschen Konstruktion [Adjektiv-Substantiv] oder dem deutsche Wortbildungsmodell „Komposition“ (=Wortzusammensetzung, z.B. „Gast“ + „Arbeiter“ = „Gastarbeiter)“; sinngemäß daher statt „Gestalt und Schönheit“: „schöne Gestalt“.</ref> dass wir ihn angesehen (genossen, [gerne] angesehen) hätten (ansehen hätten können),  
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Er hatte ([Drum] hatte er; [Denn] er hatte) keine Gestalt und keine Schönheit (keinen Schmuck),<ref>''keine Gestalt und keine Schönheit'' - Hendiadyoin. Das Hendiadyoin (=Ausdruck eines Konzeptes durch zwei durch „und“ verbundene Wörter) ist im (adjektiv-armen) Hebräisch sehr viel häufiger als im Deutschen und fungiert oft ähnlich der deutschen Konstruktion [Adjektiv-Substantiv] oder dem deutsche Wortbildungsmodell „Komposition“ (=Wortzusammensetzung, z.B. „Gast“ + „Arbeiter“ = „Gastarbeiter)“; sinngemäß daher statt „Gestalt und Schönheit“: „schöne Gestalt“.</ref> dass wir ihn [gerne] angesehen (genossen) hätten (ansehen hätten können),  
 
und kein Aussehen, dass er uns gefallen hätte (hätte können):  
 
und kein Aussehen, dass er uns gefallen hätte (hätte können):  
{{S|3}} Ein Verachteter, von den Leuten verlassen (getrennt),  
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{{S|3}} [Er ist (war)] verachtet (ein Verachteter) und von dem Menschen (Männern)<ref name="generischesmaskulinum">[[Generisches Maskulinum]]</ref> verlassen (fernbleibend/missachtet, ein von den Menschen Verlassener/Fernbleibender/Missachteter],
ein Mann von Schmerzen (Leiden), und er war mit der Krankheit (dem Übel, dem Leiden) vertraut<ref>andere Handschriften: „ein mit der Krankheit Vertrauter“</ref>,
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ein Mensch (Mann)<ref name="generischesmaskulinum"/> von Schmerzen (Leiden) und mit der Krankheit (dem Übel, dem Leiden) Vertrauter(von Krankheit Gedemütigter, mit Krankheit Gestrafter),<ref>In der wissenschaftlichen Literatur werden verschiedene sprachliche Deutungen des hebräischen Textes diskutiert (vgl. CDCH 147). Neben der von uns gewählten Übersetzung werden auch {{hebr}}ידע{{hebr ende}} II (''demütigen'') und {{hebr}}ידע{{hebr ende}} IV (''strafen'') vorgeschlagen. Beides ist aber nicht allgemein anerkannt und wird in der neueren Literatur kaum rezipiert.</ref>
wie jemand, vor dem man das Gesicht verhüllt,<ref>Die JPS 1985/1999 übersetzt: „As one who hid his face from us“. Möglicherweise liegt hier eine Anspielung auf Aussatz vor. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891; Lev 13,45ff.) </ref>  
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wie jemand, vor dem man das Gesicht verhüllt.<ref>W. ''Und [er war] wie ein Verbergen der Gesichter (des Gesichts) vor ihm (uns)''. Wer Subjekt des Gesicht-Verbergens ist und ob er sein Gesicht vor „ihm“=dem Gottesknecht oder dem nicht identifizierten „uns“ verbirgt, ist im heb. Text nicht ausgedrückt. Möglich wären die Deutungen: (a) Impersonal: ''Man'' verbirgt sein Gesicht vor ''ihm''; (b) ''Wir'' verbergen unsere Gesichter vor ''ihm''; (c) ''Gott'' verbirgt sein Gesicht vor ''ihm''; (d) ''Er'' verbirg sein Gesicht vor ''uns''.<br /> Rein sprachlich betrachtet am naheliegendsten - da dann das Fehlen eines expliziten Subjekts keiner ad-hoc-Erklärung bedarf - ist (a). Dass aber die Rede vom „Verbergen des Gesichtes“ in der Bibel ein häufiges Idiom für den „Gnaden-Entzug JHWHs“ ist (JHWH verbirg sein Gesicht vor X = JHWH schaut X nicht mehr gnädig an; vgl. [http://kb.osu.edu/dspace/bitstream/handle/1811/58582/HAR_v1_139.pdf?sequence=1 Friedman 1977], bes. 146f), spricht für (c). Der Gottesknecht ist die „konzentrierte Gesichtsverbergung“; er wirkt wirkt wie der Inbegriff dessen, was das Gesichts-verbergen JHWHs mit sich bringt - nämlich Schmerzen, Krankheit, Missachtung und Geringschätzung.<br>
ein Verachteter<ref>eine Handschrift: „und wir haben ihn ausgeplündert“</ref>. Wir haben ihn nicht geschätzt (geachtet).
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Die meisten Übersetzungen und Kommentare übersetzen so wie wir. (Ausnahmen: JPS 1985/1999 übersetzt: „As one who hid his face from us“ und Buber: „wie wenn das Antlitz sich vor uns verbergen muß“.)
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<br>Möglicherweise liegt hier eine Anspielung auf Aussatz vor. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891; Lev 13,45ff.)  
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Er war [ist] ein Verachteter<ref>eine Handschrift: „und wir haben ihn ausgeplündert“</ref>. Wir haben ihn nicht geschätzt (geachtet).
 
{{S|4}} Es ist wahr (sicherlich, jedoch, dennoch): Unsere Krankheiten - er hat sie getragen (unter unseren Krankheiten hat er gelitten, unsere Krankheiten hat er auf sich geladen);  
 
{{S|4}} Es ist wahr (sicherlich, jedoch, dennoch): Unsere Krankheiten - er hat sie getragen (unter unseren Krankheiten hat er gelitten, unsere Krankheiten hat er auf sich geladen);  
 
unsere Schmerzen (Leiden) - er hat sie getragen (ertragen, erduldet).<ref>In V. 4a-c finden sich einige sprachliche Auffälligkeiten. (1) Die Objekte ''unsere Krankheiten'' und ''unsere Leiden'' sind hier emphatisch (->Emphase) vorangestellt; (2) Sticho a steht ein redundantes Pronomen ''er'', das so eigentlich schon in der Flexionsendung von ''er hat getragen'' enthalten wäre; streng wörtlich also: „Jedoch unsere Krankheiten: Er, er hat sie getragen“. (3) Ähnlich ist in Sticho b ist das ''unsere Leiden'' überflüssigerweise noch einmal enthalten in ''er hat ''sie'' ertragen'' - streng wörtlich also „unsere Leiden, sie hat er ertragen“ - und (4) wird in Sticho c das ''wir'' ebenfalls durch ein redundantes Pronomen ausgedrückt; streng wörtlich also: „und wir, wir hielten ihn...“.<br /> Durch diese doppelte Hervorhebung von „unsere Krankheiten“ und „unsere Leiden“ und die Betonung von „er“, „sie“ und „wir“ wird sprachlich eine doppelte Gegensätzlichkeit markiert: (a) Die Tatsache, dass ''er'' nicht etwa ''seine'', sondern ''unsere'' Leiden trug und (b) dass ''er'' sie ''selbst'' auf sich geladen hat, während ''wir'' dachten, er sei mit ihnen ''von Gott'' gestraft worden.<br />Daher am sinngemäßesten etwas wie: „Dabei waren es ''unsere'' Krankheiten, die ''er'' auf ''sich'' geladen hat - ''unsere Leiden'' hat er erduldet! - während ''wir'' dachten, er sei ''von Gott'' geschlagen“ (vgl. ähnlich Edel 1964, S. 128; Joachimsen 2011, S. 109-112; North 1964, S. 238f; Paul 2012, S. 404. Sehr gut die Üss. von Baltzer 1999 („Fürwahr, ''unsere'' Krankheit hat jener getragen, / und ''unsere'' Leiden - er hat sie aufgeladen! / Wir aber haben ihn für einen gehalten...“) und North 1964 („But ours were the sicknesses that he bore / ours the sorrows he carried; / while we supposed him stricken, / smitten by God, and afflicted.“).</ref>{{Par|Matthäus|8|17}}
 
unsere Schmerzen (Leiden) - er hat sie getragen (ertragen, erduldet).<ref>In V. 4a-c finden sich einige sprachliche Auffälligkeiten. (1) Die Objekte ''unsere Krankheiten'' und ''unsere Leiden'' sind hier emphatisch (->Emphase) vorangestellt; (2) Sticho a steht ein redundantes Pronomen ''er'', das so eigentlich schon in der Flexionsendung von ''er hat getragen'' enthalten wäre; streng wörtlich also: „Jedoch unsere Krankheiten: Er, er hat sie getragen“. (3) Ähnlich ist in Sticho b ist das ''unsere Leiden'' überflüssigerweise noch einmal enthalten in ''er hat ''sie'' ertragen'' - streng wörtlich also „unsere Leiden, sie hat er ertragen“ - und (4) wird in Sticho c das ''wir'' ebenfalls durch ein redundantes Pronomen ausgedrückt; streng wörtlich also: „und wir, wir hielten ihn...“.<br /> Durch diese doppelte Hervorhebung von „unsere Krankheiten“ und „unsere Leiden“ und die Betonung von „er“, „sie“ und „wir“ wird sprachlich eine doppelte Gegensätzlichkeit markiert: (a) Die Tatsache, dass ''er'' nicht etwa ''seine'', sondern ''unsere'' Leiden trug und (b) dass ''er'' sie ''selbst'' auf sich geladen hat, während ''wir'' dachten, er sei mit ihnen ''von Gott'' gestraft worden.<br />Daher am sinngemäßesten etwas wie: „Dabei waren es ''unsere'' Krankheiten, die ''er'' auf ''sich'' geladen hat - ''unsere Leiden'' hat er erduldet! - während ''wir'' dachten, er sei ''von Gott'' geschlagen“ (vgl. ähnlich Edel 1964, S. 128; Joachimsen 2011, S. 109-112; North 1964, S. 238f; Paul 2012, S. 404. Sehr gut die Üss. von Baltzer 1999 („Fürwahr, ''unsere'' Krankheit hat jener getragen, / und ''unsere'' Leiden - er hat sie aufgeladen! / Wir aber haben ihn für einen gehalten...“) und North 1964 („But ours were the sicknesses that he bore / ours the sorrows he carried; / while we supposed him stricken, / smitten by God, and afflicted.“).</ref>{{Par|Matthäus|8|17}}

Version vom 4. Mai 2014, 14:26 Uhr

Syntax ungeprüft

SF zuverlässig.png
Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
Folgt-später.png
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Jesaja 53)

1 Wer hat Glauben geschenkt
Dem, was wir gehört haben?
Die Macht ⸂unseres Gottes⸃
Wem ist sie enthüllt?

2 So wie ein junger Spross
So trieb er aus vor ihm
So wie eine Wurzel aus trockenem Land –

Denn er hatte
Keine Gestalt
Keine Schönheit
Dass wir ihn angesehen hätten
Kein Aussehen
Dass er uns gefallen hätte:

3 Ein Verachteter
Von den Leuten verlassen
Ein Mann von Schmerzen
Mit der Krankheit vertraut
So wie jemand
Vor dem man sein Gesicht
Verhüllt.
Ein Verachteter.
Geringgeschätzt
Haben wir ihn.

4 Es ist wahr:
Unsere Krankheiten
Hat er
Uns
Abgenommen
Unsere Schmerzen
Hat er
Getragen.

Wir –
Wir hielten ihn für
Geschlagen, für
Von Gott getroffen und
Gedemütigt.

5 Er –
Er ist durchbohrt
Wegen unseres
Unrechts
Zerstört
Wegen unserer
Vergehen.

Damit
Wir wieder ins Lot
Zurück kommen
War unsere Züchtigung
Auf ihm,
Bei seinen Wunden
War Heilung für uns.

6 Wir alle –
Wie Vieh
Irrten wir umher
Jeder ging
Seinen eigenen
Weg.

⸂Gott⸃ lässt
Ihn
Unser aller Sünden
Treffen.

7 Er wurde misshandelt, er –
Er ließ sich demütigen
Und er öffnete seinen Mund nicht
Wie das Schaf
Wenn es zum Schlachten gebracht wird
Verstummt
Wie das Mutterschaf
Vor seinen Scherern
Verstummt
Und er öffnete seinen Mund nicht.

8 Durch Bedrängnis
Durch Verurteilung
Weggenommen
Wurde er –
Wen kümmert es
Von seinen Zeitgenossen
Dass er abgeschnitten
Wurde
Vom Land der Lebenden?

Des Unrechts meines Volkes wegen wurde er
Geschlagen
9 Dann errichtete man sein Grab
Bei Frevlern
Bei einem Reichen
Als er starb –
Wo er doch keine Gewalttat verübt hatte
Und kein Betrug in seinem Mund war.

10⸂Unser Gott⸃ wollte seine Zerstörung
Er ließ ihn krank werden
Ach, wenn
Er selbst ein Schuldopfer
Gestellt
So sieht er Nachkommen
Und ein langes Leben,
Doch was
⸂Unser Gott⸃ will, gelingt
Durch seine Hand.

11 Aus seines Lebens Elend
Sieht er
Und wird satt
In seinem Begreifen
Er macht gerecht
Gerecht
Für die vielen
Mein Diener –
Und ihre Vergehen:
Er
Trägt sie.

12 Deshalb teile ich ihm zu
Bei den Vielen
Und mit Mächtigen
Teilt er Beute,
Weil er sich selbst
Ausgeliefert hat
Dem Tod,
Und weil er gezählt wurde
Zu den Untreuen.

Er –
Den Vielen
Hat er abgenommen
Ihre Verfehlung,
Und die Untreuen:
Er tritt für sie ein.

Anmerkungen

Studienfassung (Jesaja 53)

1 Wer hat geglaubt (glaubt, hätte geglaubt, hat vertraut auf) die Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte)a an uns (von uns)b,
und JHWHs Macht (Arm) - {an} wem (an wem) ist (wurde) sie enthüllt (offenbar)?
2 Er wuchs wie ein junger Spross vor ihm (vor seinen Augen, vor unseren Augen, trieb empor)c,
wie Schössling (eine Wurzel)d aus trockenem (dürrem) Land (Boden).
Er hatte ([Drum] hatte er; [Denn] er hatte) keine Gestalt und keine Schönheit (keinen Schmuck),e dass wir ihn [gerne] angesehen (genossen) hätten (ansehen hätten können),
und kein Aussehen, dass er uns gefallen hätte (hätte können):
3[Er ist (war)] verachtet (ein Verachteter) und von dem Menschen (Männern)f verlassen (fernbleibend/missachtet, ein von den Menschen Verlassener/Fernbleibender/Missachteter],
ein Mensch (Mann)f von Schmerzen (Leiden) und mit der Krankheit (dem Übel, dem Leiden) Vertrauter(von Krankheit Gedemütigter, mit Krankheit Gestrafter),g
wie jemand, vor dem man das Gesicht verhüllt.h
Er war [ist] ein Verachteteri. Wir haben ihn nicht geschätzt (geachtet).
4 Es ist wahr (sicherlich, jedoch, dennoch): Unsere Krankheiten - er hat sie getragen (unter unseren Krankheiten hat er gelitten, unsere Krankheiten hat er auf sich geladen);
unsere Schmerzen (Leiden) - er hat sie getragen (ertragen, erduldet).j
Wir hielten ihn für geschlagen,
für von Gott getroffen und gedemütigt (geplagt).
5Er ist verwundet (durchbohrt)k wegen unseres Unrechts (unserer Sünde, unseres abtrünnigen Verhaltens),
zerstört (verletzt, zerrüttet)l wegen (durch) unserer Vergehen (Schuld, Schuldfolge).
Damit wir wieder ins Lot kommen (Frieden haben, Heil haben), traf ihn unsere Züchtigung,m
bei seinen Wunden gab es Heilung für unsn.
6 Wir alle irrten wie Vieh umher,
jeder ging seinen eigenen Weg.
JHWH lässt ihn treffen (bekämpft ihn mit)o unserer aller Sünden (was wir alle verschuldet haben).
7 Er wurde misshandelt, und er ließ sich demütigen (wurde gedemütigt, wurde geplagt, demütigte sich),
und er öffnete seinen Mund nicht,
wie das Schaf, wenn es zum Schlachten gebracht wird,
und wie ein Mutterschaf vor seinen Scherern verstummt.
Und er öffnete seinen Mund nicht.
8 Durch Bedrängnis (aus Gefangenschaft, ohne Gegenwehr) und durch Verurteilung (aus Verbrechen, ohne Urteil)p wurde er weggenommen.
Wen kümmert es von seinen Zeitgenossen (wer denkt an sein Schicksal)q,
dass er abgeschnitten (weggerissen) wurde vom Land der Lebenden?r
Wegen des Unrechts meines (seines)s Volkes wurde er geschlagen.
9 Dann errichtete man bei Frevlern sein Grab
und (doch) bei einem Reichen, als er starbt,
obwohl (weil) er keine Gewalttat verübt hatte
und kein Betrug in seinem Mund war.
10 JHWH wollte seine Zerstörung, er ließ ihn krank werdenu.
Wenn (weil, obwohl) er selbst (er sich selbst als, du sein Leben als, er sein Leben als)v ein Schuldopfer gestellt hat (hätte),
wird (würde) er Nachkommen sehen, er wird (würde) lange leben.
Doch was JHWH will, gelingt durch seine Hand.
11 Aus dem Elend (mehr als das Elend, wegen des Elends, nach dem [Ende des] Elends) seines Lebens (seiner selbst, seiner Seele, seines innersten Elends) sieht erw,
er wird satt in seinem Begreifen.
Er macht gerecht (erklärt für gerecht, gibt recht): gerecht (im Recht, rechtschaffen) für die Vielen [ist er], mein Dienerx
– und ihre Vergehen (Schuld, Schuldfolge): Er trägt sie.
12 Deshalb teile ich ihm zu bei den Vielen (Großen),
und mit Mächtigen teilt er Beute,y
weil er sich selbst dem Tod ausgeliefert hat
und zu den Untreuen (Sündern, Abtrünnigen) gezählt wurde.
Er, er hat den Vielen ihre Verfehlung abgenommen,
und für die Untreuen (Sünder, Abtrünnigen) tritt er ein (kämpft er, bittet er dringlich)z.

Anmerkungen

adie Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte) - wg. dem folgenden Sticho („Wem ist JHWHs Macht enthüllt“ -> JHWHs Tun wird gerade als verborgen vorgestellt) sind die „theologischeren“ Alternativen „Offenbartes“ und „Verkündigtes“ eher unwahrscheinlich; vgl. Kaiser 1959, S. 95; KBL3, S. 1439. (Zurück zu v.1)
bDie Identität des „wir“ in Vers 1–6 ist unklar. Zwei mögliche Deutungen sind Identifizierungen mit dem Volk Israel oder mit benachbarten Völkern. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891.) Siehe auch die Fußnote zu „Diener“ in Jes52,13. (Zurück zu v.1)
cvor ihm - BHS vermutet einen Überlieferungsfehler und hält לְפָנֵינוּ vor uns, vor unseren Augen für urspünglich. So z.B. auch Barré 2000, S. 25; Kaiser 1959, S. 86. Anders Allen 1971; Driver 1937; Ehrlich 1912; Gordon 1970; North 1964, die übersetzen mit „gerade(wegs) nach oben“ („right up“): vor sich bezieht sich ihnen zufolge auf den Wachsenden selbst, vor sich selbst hinaufziehen soll dann meinen: „emporschießen, emporwachsen“. Diese Deutung ist plausibel; da aber immer noch die wörtliche Übersetzung mit „vor ihm“ immer noch weitaus mehr Anhänger hat, haben auch wir diese Lösung gewählt. (Zurück zu v.2)
d„Schössling“ nach Baltzer 1999; Blenkinsopp 2002; Edel 1964; vgl. auch ZLH, S. 882 ad loc.. (Zurück zu v.2)
ekeine Gestalt und keine Schönheit - Hendiadyoin. Das Hendiadyoin (=Ausdruck eines Konzeptes durch zwei durch „und“ verbundene Wörter) ist im (adjektiv-armen) Hebräisch sehr viel häufiger als im Deutschen und fungiert oft ähnlich der deutschen Konstruktion [Adjektiv-Substantiv] oder dem deutsche Wortbildungsmodell „Komposition“ (=Wortzusammensetzung, z.B. „Gast“ + „Arbeiter“ = „Gastarbeiter)“; sinngemäß daher statt „Gestalt und Schönheit“: „schöne Gestalt“. (Zurück zu v.2)
fGenerisches Maskulinum (zu v.3)
gIn der wissenschaftlichen Literatur werden verschiedene sprachliche Deutungen des hebräischen Textes diskutiert (vgl. CDCH 147). Neben der von uns gewählten Übersetzung werden auch ידע II (demütigen) und ידע IV (strafen) vorgeschlagen. Beides ist aber nicht allgemein anerkannt und wird in der neueren Literatur kaum rezipiert. (Zurück zu v.3)
hW. Und [er war] wie ein Verbergen der Gesichter (des Gesichts) vor ihm (uns). Wer Subjekt des Gesicht-Verbergens ist und ob er sein Gesicht vor „ihm“=dem Gottesknecht oder dem nicht identifizierten „uns“ verbirgt, ist im heb. Text nicht ausgedrückt. Möglich wären die Deutungen: (a) Impersonal: Man verbirgt sein Gesicht vor ihm; (b) Wir verbergen unsere Gesichter vor ihm; (c) Gott verbirgt sein Gesicht vor ihm; (d) Er verbirg sein Gesicht vor uns.
Rein sprachlich betrachtet am naheliegendsten - da dann das Fehlen eines expliziten Subjekts keiner ad-hoc-Erklärung bedarf - ist (a). Dass aber die Rede vom „Verbergen des Gesichtes“ in der Bibel ein häufiges Idiom für den „Gnaden-Entzug JHWHs“ ist (JHWH verbirg sein Gesicht vor X = JHWH schaut X nicht mehr gnädig an; vgl. Friedman 1977, bes. 146f), spricht für (c). Der Gottesknecht ist die „konzentrierte Gesichtsverbergung“; er wirkt wirkt wie der Inbegriff dessen, was das Gesichts-verbergen JHWHs mit sich bringt - nämlich Schmerzen, Krankheit, Missachtung und Geringschätzung.

Die meisten Übersetzungen und Kommentare übersetzen so wie wir. (Ausnahmen: JPS 1985/1999 übersetzt: „As one who hid his face from us“ und Buber: „wie wenn das Antlitz sich vor uns verbergen muß“.)
Möglicherweise liegt hier eine Anspielung auf Aussatz vor. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891; Lev 13,45ff.)

(Zurück zu v.3)
ieine Handschrift: „und wir haben ihn ausgeplündert“ (Zurück zu v.3)
jIn V. 4a-c finden sich einige sprachliche Auffälligkeiten. (1) Die Objekte unsere Krankheiten und unsere Leiden sind hier emphatisch (->Emphase) vorangestellt; (2) Sticho a steht ein redundantes Pronomen er, das so eigentlich schon in der Flexionsendung von er hat getragen enthalten wäre; streng wörtlich also: „Jedoch unsere Krankheiten: Er, er hat sie getragen“. (3) Ähnlich ist in Sticho b ist das unsere Leiden überflüssigerweise noch einmal enthalten in er hat sie ertragen - streng wörtlich also „unsere Leiden, sie hat er ertragen“ - und (4) wird in Sticho c das wir ebenfalls durch ein redundantes Pronomen ausgedrückt; streng wörtlich also: „und wir, wir hielten ihn...“.
Durch diese doppelte Hervorhebung von „unsere Krankheiten“ und „unsere Leiden“ und die Betonung von „er“, „sie“ und „wir“ wird sprachlich eine doppelte Gegensätzlichkeit markiert: (a) Die Tatsache, dass er nicht etwa seine, sondern unsere Leiden trug und (b) dass er sie selbst auf sich geladen hat, während wir dachten, er sei mit ihnen von Gott gestraft worden.
Daher am sinngemäßesten etwas wie: „Dabei waren es unsere Krankheiten, die er auf sich geladen hat - unsere Leiden hat er erduldet! - während wir dachten, er sei von Gott geschlagen“ (vgl. ähnlich Edel 1964, S. 128; Joachimsen 2011, S. 109-112; North 1964, S. 238f; Paul 2012, S. 404. Sehr gut die Üss. von Baltzer 1999 („Fürwahr, unsere Krankheit hat jener getragen, / und unsere Leiden - er hat sie aufgeladen! / Wir aber haben ihn für einen gehalten...“) und North 1964 („But ours were the sicknesses that he bore / ours the sorrows he carried; / while we supposed him stricken, / smitten by God, and afflicted.“). (Zurück zu v.4)
kTextkritik: BHS, Baltzer 1999, S. 518 u.a. punktieren mit Aq und Tg Jes um von מְחֹלָל durchbohrt, verwundet nach מְחֻלָּל entweiht, da חלל II verwunden, durchbohren in der Regel die tödliche Verwundung meint, der Gottesknecht aber ja offensichtlich „lebend leidet.“ MT ist beizubehalten; das Wort kann vereinzelt auch allgemein für das Verwunden stehen. (Zurück zu v.5)
l„verletzt“ nach Joachimsen 2011; Watts 1987; „zerrüttet“ nach ZLH, S. 172. (Zurück zu v.5)
mWörtlich: „Die Züchtigung unseres Heils (Glücks, Friedens) auf ihm“. (Zurück zu v.5)
nOder: „an seinen Wunden wurde er für uns geheilt“ (vgl. die jüdische Übersetzung JPS 1917). Der hebräische Text ist an dieser Stelle mehrdeutig. Die genaue Bedeutung des Verses ist unklar. Die meisten Übersetzungen umschreiben diesen Satz mit einer freieren Formulierung im Sinne von „durch seine Wunden wurden wir geheilt“ (vgl. JPS 1985/1999). (Zurück zu v.5)
oVgl. Vers 12. (Zurück zu v.6)
pDie Übersetzung dieses Verses wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Vgl. Childs 2001, S. 416 und Kraus 1990, S. 150. (Zurück zu v.8)
qDer hebräische Text lässt sich auch übersetzen als „Wer bedenkt seine Familie/seine Zeitgenossen?“ oder deuten im Sinne von „Wen kümmert es, ob er Nachkommen hat?“. Die JPS 1985/1999 übersetzt: „Who could describe his abode?“ (Zurück zu v.8)
rOder: „Denn er wurde abgeschnitten vom Land der Lebenden.“ (Zurück zu v.8)
sDie hebräischen Handschriften unterscheiden sich an dieser Stelle. Besser in den Kontext passt „seines Volkes“ (NET Bible). Da bedeutet jedoch nicht, dass sie ursprünglich sein muss, da es sich um die leichter zu erklärende Lesart handelt. (Zurück zu v.8)
tWörtlich: „bei seinen Toden“. Viele Kommentare nehmen an dieser Stelle eine Text-Verderbnis an und schlagen verschiedene Konjekturen vor, z.B. „bei Übeltätern seine Grube“. Hierüber gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Konsens (Childs 2001, S. 417). (Zurück zu v.9)
uDer masoretische Text ist an dieser Stelle nicht übersetzbar. Eine Handschrift bezeugt „und er durchbohrte ihn“. In der wissenschaftlichen Literatur werden die Textkorrekturen „er ließ ihn krank werden“ und „er heilte ihn“ diskutiert. (Zurück zu v.10)
vDie genaue Bedeutung dieses sprachlich mehrdeutigen Verses ist unklar und wird in der wissenschaftlichen Literatur kontrovers diskutiert. (Zurück zu v.10)
wEinige Handschriften und alte Übersetzungen bezeugen „sieht er Licht“. (Zurück zu v.11)
xOder: „Er wird satt. In seinem Begreifen macht er gerecht, der Gerechte, für die Vielen, mein Diener.“
Zu עַבְדִּי (mein Diener, mein Knecht) siehe die Fußnote in Jes52,13. (Zurück zu v.11)
yDie JPS 1985/1999 übersetzt: „Assuredly, I will give him the many as his portion, He shall receive the multitude as his spoil.“ (Zurück zu v.12)
zAn dieser Stelle steht dasselbe Wort wie in Vers 6 (פָּגַע), das sowohl „angreifen“ als auch „dringlich bitten“ bedeuten kann. (Zurück zu v.12)