Jesaja 53

Aus Die Offene Bibel

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Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
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Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Jesaja 53)

1 Wer hat Glauben geschenkt
Dem, was wir gehört haben?
Die Macht ⸂unseres Gottes⸃
Wem ist sie enthüllt?

2 So wie ein junger Spross
So trieb er aus vor ihm
So wie eine Wurzel aus trockenem Land –

Denn er hatte
Keine Gestalt
Keine Schönheit
Dass wir ihn angesehen hätten
Kein Aussehen
Dass er uns gefallen hätte:

3 Ein Verachteter
Von den Leuten verlassen
Ein Mann von Schmerzen
Mit der Krankheit vertraut
So wie jemand
Vor dem man sein Gesicht
Verhüllt.
Ein Verachteter.
Geringgeschätzt
Haben wir ihn.

4 Es ist wahr:
Unsere Krankheiten
Hat er
Uns
Abgenommen
Unsere Schmerzen
Hat er
Getragen.

Wir –
Wir hielten ihn für
Geschlagen, für
Von Gott getroffen und
Gedemütigt.

5 Er –
Er ist durchbohrt
Wegen unseres
Unrechts
Zerstört
Wegen unserer
Vergehen.

Damit
Wir wieder ins Lot
Zurück kommen
War unsere Züchtigung
Auf ihm,
Bei seinen Wunden
War Heilung für uns.

6 Wir alle –
Wie Vieh
Irrten wir umher
Jeder ging
Seinen eigenen
Weg.

⸂Gott⸃ lässt
Ihn
Unser aller Sünden
Treffen.

7 Er wurde misshandelt, er –
Er ließ sich demütigen
Und er öffnete seinen Mund nicht
Wie das Schaf
Wenn es zum Schlachten gebracht wird
Verstummt
Wie das Mutterschaf
Vor seinen Scherern
Verstummt
Und er öffnete seinen Mund nicht.

8 Durch Bedrängnis
Durch Verurteilung
Weggenommen
Wurde er –
Wen kümmert es
Von seinen Zeitgenossen
Dass er abgeschnitten
Wurde
Vom Land der Lebenden?

Des Unrechts meines Volkes wegen wurde er
Geschlagen
9 Dann errichtete man sein Grab
Bei Frevlern
Bei einem Reichen
Als er starb –
Wo er doch keine Gewalttat verübt hatte
Und kein Betrug in seinem Mund war.

10⸂Unser Gott⸃ wollte seine Zerstörung
Er ließ ihn krank werden
Ach, wenn
Er selbst ein Schuldopfer
Gestellt
So sieht er Nachkommen
Und ein langes Leben,
Doch was
⸂Unser Gott⸃ will, gelingt
Durch seine Hand.

11 Aus seines Lebens Elend
Sieht er
Und wird satt
In seinem Begreifen
Er macht gerecht
Gerecht
Für die vielen
Mein Diener –
Und ihre Vergehen:
Er
Trägt sie.

12 Deshalb teile ich ihm zu
Bei den Vielen
Und mit Mächtigen
Teilt er Beute,
Weil er sich selbst
Ausgeliefert hat
Dem Tod,
Und weil er gezählt wurde
Zu den Untreuen.

Er –
Den Vielen
Hat er abgenommen
Ihre Verfehlung,
Und die Untreuen:
Er tritt für sie ein.

Anmerkungen

Studienfassung (Jesaja 53)

1„Wer hat geglaubt (glaubt, hätte geglaubt, hat vertraut auf) die Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte)a an uns (von uns)b,
und JHWHs Macht (Arm) - {an} wem (an wem) ist (wurde) sie enthüllt (offenbar)?
2 Er wuchs wie ein junger Spross vor ihm (vor seinen Augen, vor unseren Augen, trieb empor)c,
wie ein Schössling (eine Wurzel)d aus trockenem (dürrem) Land (Boden).
Er hatte ([Drum] hatte er; [Denn] er hatte) keine Gestalt und keine Schönheit (keinen Schmuck),e dass wir ihn [gerne] angesehen (genossen) hätten (ansehen hätten können),
und kein Aussehen, dass er uns gefallen hätte (hätte können):
3[Er ist (war)] verachtet (ein Verachteter) und von dem Menschen (Männern)f verlassen (fernbleibend/missachtet, ein von den Menschen Verlassener/Fernbleibender/Missachteter],
ein Mensch (Mann)f von Schmerzen (Leiden) und mit der Krankheit (dem Übel, dem Leiden) Vertrauter(von Krankheit Gedemütigter, mit Krankheit Gestrafter),g
wie jemand, vor dem man das Gesicht verhüllt.h
Er war [ist] ein Verachteteri. Wir haben ihn nicht geschätzt (geachtet).
4 Es ist wahr (sicherlich, jedoch, dennoch): Unsere Krankheiten – er hat sie getragen (unter unseren Krankheiten hat er gelitten, unsere Krankheiten hat er auf sich geladen);
unsere Schmerzen (Leiden) – er hat sie gestemmt (ertragen, erduldet).j
Wir hielten ihn für geschlagen,
für von Gott getroffen und gedemütigt (geplagt).
5Er ist verwundet (durchbohrt)k wegen (durch, in Folge) unseres Unrechts (Sünde, abtrünnigen Verhaltens),
zerstört (verletzt, zerrüttet)l wegen (durch, in Folge) unserer Vergehen (Schuld).
Für unser Wohlergehen (Frieden, Heil) traf ihn unsere Züchtigung,m
durch seine (bei seinen) Wunden gab es Heilung für unsn.
6 Wir alleo hatten uns verlaufen wie Schafe (Vieh),
jeder ging seinen eigenen Weg (in seine Richtung, in eine andere Richtung)p.
Doch (und darum) JHWH lässt ihn treffen (bürdet ihm auf, bekämpft ihn mit)q unserer aller Sünden (was wir alle verschuldet haben).
7 Er wurde getrieben (misshandelt) und er war gedemütigt (wurde gedemütigt, ließ sich demütigen, wurde geplagt, erniedrigte sich),
und er öffnete seinen Mund nicht –
wie das Schaf (Lamm) zum Schlachten gebracht wird,
und wie ein Mutterschaf (Schaf) vorr
8 Ohne [ordnungsgemäße] Verhaftung (Bedrängnis) und Verurteilung wurde er weggennommen (nach/durch Haft und Urteil wurde er fortgerafft; aus Bedrängnis und Verbrechen wurde er herausgeholt; aus dem Gefängnis und dem Gericht wurde er fortgeführt).s
Wer kümmert sich um seine Generation (wer denkt an sein Schicksal; bei seinen Zeitgenossen – wen kümmert es)t?
Ach (dass er, denn) abgeschnitten (weggerrissen) wurde er vom Land der Lebenden.
Wegen des Unrechts meines (seines)u Volkes wurde er geschlagen (erschlagen, verprügelt))v.
9 Dann gab manw ihm bei Frevlernx sein Grab
und (doch) bei einem Reicheny nach seinem Todz,
obwohl (weil)aa er keine Gewalttat verübt hatte
und kein Betrug in seinem Mund war.
10 Dennoch wollte JHWH seine Zerstörung, er ließ ihn leiden (krank werden).“

[Doch auch] wenn (weil, obwohl) duab sein Leben als (er sein Leben als; er sich sich selbst als; er selbst eine; seine Seele eine) Schuldtilgung (Schuldopfer) einsetzt (eingesetzt hast/hättest),
wird (würde) er Nachkommen sehen, wird (würde) er lange leben.
Und (aber) was JHWH will, gelingt durch seine Hand (durch ihn)ac.
11 Aus dem Elend (mehr als das Elend / die Mühe / das Leid; wegen des Elends; nach dem [Ende des] Elends) seines Lebens (seiner selbst, seiner Seele, seines innersten Elends) sieht erad,
er wird satt in seinem Begreifen.
Er macht gerecht (erklärt für gerecht, gibt recht): gerecht (im Recht, rechtschaffen) für die Vielen [ist er], mein Dienerae
– und ihre Vergehen (Schuld, Schuldfolge): Er trägt sie.
12 Deshalb teile ich ihm zu bei den Vielen (Großen),
und mit Mächtigen teilt er Beute,af
weil er sich selbst dem Tod ausgeliefert hat
und zu den Untreuen (Sündern, Abtrünnigen) gezählt wurde.
Er, er hat den Vielen ihre Verfehlung abgenommen,
und für die Untreuen (Sünder, Abtrünnigen) lässt er sich treffen (lässt er sich aufbürden, kämpft er, bittet er dringlich)ag.

Anmerkungen

adie Kunde (das Gehörte, Offenbarte, Verkündigte) - wg. dem folgenden Sticho („Wem ist JHWHs Macht enthüllt“ -> JHWHs Tun wird gerade als verborgen vorgestellt) sind die „theologischeren“ Alternativen „Offenbartes“ und „Verkündigtes“ eher unwahrscheinlich; vgl. Kaiser 1959, S. 95; KBL3, S. 1439. (Zurück zu v.1)
bDie Identität des „wir“ in Vers 1–6 ist unklar. Zwei mögliche Deutungen sind Identifizierungen mit dem Volk Israel oder mit benachbarten Völkern. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891.) Siehe auch die Fußnote zu „Diener“ in Jes52,13. (Zurück zu v.1)
cvor ihm - BHS vermutet einen Überlieferungsfehler und hält לְפָנֵינוּ vor uns, vor unseren Augen für urspünglich. So z.B. auch Barré 2000, S. 25; Kaiser 1959, S. 86. Anders Allen 1971; Driver 1937; Ehrlich 1912; Gordon 1970; North 1964, die übersetzen mit „gerade(wegs) nach oben“ („right up“): vor sich bezieht sich ihnen zufolge auf den Wachsenden selbst, vor sich selbst hinaufziehen soll dann meinen: „emporschießen, emporwachsen“. Diese Deutung ist plausibel; da aber die wörtliche Übersetzung mit „vor ihm“ immer noch weitaus mehr Anhänger hat, haben auch wir diese Lösung gewählt. (Zurück zu v.2)
d„Schössling“ nach Baltzer 1999; Blenkinsopp 2002; Edel 1964; vgl. auch ZLH, S. 882 ad loc.. (Zurück zu v.2)
ekeine Gestalt und keine Schönheit - Hendiadyoin. Das Hendiadyoin (=Ausdruck eines Konzeptes durch zwei durch „und“ verbundene Wörter) ist im (adjektiv-armen) Hebräisch sehr viel häufiger als im Deutschen und fungiert oft ähnlich der deutschen Konstruktion [Adjektiv-Substantiv] oder dem deutsche Wortbildungsmodell „Komposition“ (=Wortzusammensetzung, z.B. „Gast“ + „Arbeiter“ = „Gastarbeiter)“; sinngemäß daher statt „Gestalt und Schönheit“: „schöne Gestalt“. (Zurück zu v.2)
fGenerisches Maskulinum (zu v.3)
gIn der wissenschaftlichen Literatur werden verschiedene sprachliche Deutungen des hebräischen Textes diskutiert (vgl. CDCH 147). Neben der von uns gewählten Übersetzung werden auch ידע II (demütigen) und ידע IV (strafen) vorgeschlagen. Beides ist aber nicht allgemein anerkannt. (Zurück zu v.3)
hW. Und [er war] wie ein Verbergen der Gesichter (des Gesichts) vor ihm (uns). Wer Subjekt des Gesicht-Verbergens ist und ob er sein Gesicht vor „ihm“=dem Gottesknecht oder dem nicht identifizierten „uns“ verbirgt, ist im heb. Text nicht ausgedrückt. Möglich wären die Deutungen: (a) Impersonal: Man verbirgt sein Gesicht vor ihm; (b) Wir verbergen unsere Gesichter vor ihm; (c) Gott verbirgt sein Gesicht vor ihm; (d) Er verbirg sein Gesicht vor uns.
Rein sprachlich betrachtet am naheliegendsten - da dann das Fehlen eines expliziten Subjekts keiner ad-hoc-Erklärung bedarf - ist (a). Dass aber die Rede vom „Verbergen des Gesichtes“ in der Bibel ein häufiges Idiom für den „Gnaden-Entzug JHWHs“ ist (JHWH verbirgt sein Gesicht vor X = JHWH schaut X nicht mehr gnädig an; vgl. Friedman 1977, bes. 146f), spricht für (c). Der Gottesknecht ist die „konzentrierte Gesichtsverbergung“; er wirkt wirkt wie der Inbegriff dessen, was das Gesichts-verbergen JHWHs mit sich bringt - nämlich Schmerzen, Krankheit, Missachtung und Geringschätzung.

Die meisten Übersetzungen und Kommentare übersetzen so wie wir. (Ausnahmen: JPS 1985/1999 übersetzt: „As one who hid his face from us“ und Buber: „wie wenn das Antlitz sich vor uns verbergen muß“.)
Möglicherweise liegt hier eine Anspielung auf Aussatz vor. (Vgl. Berlin/Brettler 2005, S. 891; Lev 13,45ff.)

(Zurück zu v.3)
iTextkritik: eine Handschrift: „und wir haben ihn ausgeplündert“ (Zurück zu v.3)
jIn V. 4a-c finden sich einige sprachliche Auffälligkeiten. (1) Die Objekte unsere Krankheiten und unsere Leiden sind hier emphatisch (->Emphase) vorangestellt; (2) Sticho a steht ein redundantes Pronomen er, das so eigentlich schon in der Flexionsendung von er hat getragen enthalten wäre; streng wörtlich also: „Jedoch unsere Krankheiten: Er, er hat sie getragen“. (3) Ähnlich ist in Sticho b ist das unsere Leiden überflüssigerweise noch einmal enthalten in er hat sie ertragen - streng wörtlich also „unsere Leiden, sie hat er ertragen“ - und (4) wird in Sticho c das wir ebenfalls durch ein redundantes Pronomen ausgedrückt; streng wörtlich also: „und wir, wir hielten ihn...“.
Durch diese doppelte Hervorhebung von „unsere Krankheiten“ und „unsere Leiden“ und die Betonung von „er“, „sie“ und „wir“ wird sprachlich eine doppelte Gegensätzlichkeit markiert: (a) Die Tatsache, dass er nicht etwa seine, sondern unsere Leiden trug und (b) dass er sie selbst auf sich geladen hat, während wir dachten, er sei mit ihnen von Gott gestraft worden.
Daher am sinngemäßesten etwas wie: „Dabei waren es unsere Krankheiten, die er auf sich geladen hat - unsere Leiden hat er erduldet! - während wir dachten, er sei von Gott geschlagen“ (vgl. ähnlich Edel 1964, S. 128; Joachimsen 2011, S. 109-112; North 1964, S. 238f; Paul 2012, S. 404. Sehr gut die Üss. von Baltzer 1999 („Fürwahr, unsere Krankheit hat jener getragen, / und unsere Leiden - er hat sie aufgeladen! / Wir aber haben ihn für einen gehalten...“) und North 1964 („But ours were the sicknesses that he bore / ours the sorrows he carried; / while we supposed him stricken, / smitten by God, and afflicted.“). (Zurück zu v.4)
kTextkritik: BHS, Baltzer 1999, S. 518 u.a. punktieren mit Aq und Tg Jes um von מְחֹלָל durchbohrt, verwundet nach מְחֻלָּל entweiht, da חלל II verwunden, durchbohren in der Regel die tödliche Verwundung meint, der Gottesknecht aber ja offensichtlich „lebend leidet.“ MT ist beizubehalten; das Wort kann vereinzelt auch allgemein für das Verwunden stehen. (Zurück zu v.5)
l„verletzt“ nach Joachimsen 2011; Watts 1987; „zerrüttet“ nach ZLH, S. 172. (Zurück zu v.5)
mWörtlich: „Die Züchtigung unseres Heils (Glücks, Friedens) auf ihm“. (Zurück zu v.5)
nOder: „an seinen Wunden wurde er für uns geheilt“ (vgl. die jüdische Übersetzung JPS 1917). Der hebräische Text ist an dieser Stelle sprachlich mehrdeutig. Fast alle Kommentare und Übersetzungen deuten das Verben als impersonales Passiv: „es war Heilung, es gab Heilung“ (gut K/D + Westermann 1966: „Durch seine Striemen ward uns Heilung“); vgl. Joachimsen 2011, S. 116f.
Die genaue Bedeutung des Verses ist unklar. Die meisten Übersetzungen umschreiben diesen Satz mit einer freieren Formulierung im Sinne von „durch seine Wunden wurden wir geheilt“ (vgl. JPS 1985/1999).br> (Zurück zu v.5)
oWir alle: „Wir“ wird hier extra (unnötigerweise) gesetzt und zudem noch beschwert durch „wir alle“, um den Gegensatz zw. Sticho ab und Sticho c zu betonen: Dass JHWH unsere Sünden auf ihn treffen ließ, weil wir alle uns wie Schafe verlaufen hatten. Zusätzlich wird dies dadurch verstärkt, dass exakt das selbe Wort (כֻּלָּֽנוּ) - im hebräischen Text das erste des Verses - als letztes Wort des Verses noch einmal wiederholt wird: „die Sünden von uns allen“. Dorthinein spielt außerdem, dass Sticho 2 noch einmal emphatisch (->Emphase) das אִישׁ jeder dem Satz voransteht. Wollte man das im Dt. einigermaßen nachahmen, etwa so: „Wir, allesamt, hatten uns wie Vieh verlaufen; / jeder [von uns] lief in eine andere Richtung, / und auf ihn ließ Gott treffen die Sünden von uns allen (Zurück zu v.6)
pEhrlich 1912 und Paul 2012 wollen diesen Ausdruck nach Jes 56,11 als einen Ausdruck für „seinen eigenen materiellen Interessen nachgehen“ deuten. Der Parallelismus macht aber deutlich, dass „jeder wendete sich (ging) auf seinem Weg“ hier als ein alternativer Ausdruck für das „Umherirren“ zu lesen ist, daher vielleicht näher am Sinn: „jeder lief in eine andere Richtung“. (Zurück zu v.6)
qVgl. Vers 12. (Zurück zu v.6)
rdas hebräische Wort für „vor“ (לִפְנֵ֥י) hat bisweilen einen drohenden Unterton (vgl. z.B. Dahood 1965, S. 133f; Sabottka 1972, S. 32) und ist daher hier höchst treffend: Auch der Scherer wird als etwas Schreckliches für die Schafe dargestellt und kann daher sinnvoll mit der Schlachtung parallelisiert werden.</ref seinen Scherern verstummt. Und er öffnete seinen Mund nicht.<ref>Textkritik: Manche Exegeten vermuten, dass der letzte Sticho nicht ursprünglich ist, sondern als Schreibfehler (Dittographie) zu streichen ist, so z.B. BHS („prb“), Box/Driver, Budde, Driver, Duhm, Giesebrecht, Haller, Kaiser, Lagarde, Marti, Stark, Volz u.a. Allerdings sind Wiederholungen in Deuterojesaja nicht selten, so dass das wohl nicht nötig ist (so auch North 1964, S. 229). Ohne die Verdoppelung wäre der Text zwar etwas sprachlich glatter, was aber bei diesem insgesamt sprachlich komplexen Text eher für die Ursprünglichkeit der Wiederholung sprechen dürfte. (Zurück zu v.7)
sDie Übersetzung dieses Verses wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert. Vgl. Childs 2001, S. 416 und Kraus 1990, S. 150. (Zurück zu v.8)
tDie wörtliche Übersetzung ist inhaltlich unklar. Es werden darum zwei verschiedene Arten diskutiert, diesen Vers anders zu deuten.


1. „Wer denkt an sein Schicksal“: Hierzu muss man „Schicksal“ als eine sonst unbelegte weitere Bedeutung von dôr postulieren (analog zu Akk. dûru and Arab dauru), so z.B. Blenkinsopp 2002, S. 345; Driver 1968, S. 95; Ehrlich 1912, S. 192 (!); Hermisson 1996, S. 8.9; Kaiser 1959, S. 85; North 1964, S. 230; Nyberg 1942, S. 53; Paul 2012, S. 102.408; Soggin 1975; Watts 1987.
2. „Bei seinen Zeitgenossen – wen kümmert es“: Hier muss man entweder eine Textverderbnis annehmen oder אֶת als bei/neben übersetzen, was beides ebenfalls nicht unproblematisch ist.


Die JPS 1985/1999 übersetzt: „Who could describe his abode?“ (Zurück zu v.8)
uTextkritik: Die hebräischen Handschriften unterscheiden sich an dieser Stelle. Besser in den Kontext passt „seines Volkes“ (NET Bible). Da bedeutet jedoch nicht, dass sie ursprünglich sein muss, da es sich um die leichter zu erklärende Lesart handelt. (Zurück zu v.8)
vTextkritik: Wörtlich Wegen des Unrechts meines Volkes [war] ihm ein Schlag; ungrammatisch. Lies mit BHS, Blenkinsopp, Box/Driver, Driver, Duhm, Elliger, Hermisson, Paul, Schenker, Westermann, Whybry, Ziegler nach Syr, VUL, 1QIsaa statt נֶגַע ein Schlag besser נֻגַּע er wurde geschlagen und nach LXX statt לָֽמו ihm besser לַמָּוֶת zu Tode, also er wurde zu Tode geprügelt oder – wenn hyperbatisch gedeutet – er wurde schrecklich verprügelt. (Zurück zu v.8)
wTextkritik: MT hat „er gab“; viele lesen daher statt וַיִּתֵּן er gab וַיֻּתַּן es wurde gegeben. Das ist unnötig, 3. Pers. sg. mask. kann im Hebräischen auch als impersonaler Singular verwendet werden: „Man gab...“ (vgl. GKC §144d; Joachimsen 2011, S. 132; North 1964, S. 231; Soggin 1975, S. 348). Zum Sinn vgl. Barré 2001, S. 20: „V. 9ab meint nicht, dass der Knecht begraben worden wäre oder dass sein Grab gegraben worden wäre. Diese Bedeutung hat der Ausdruck ntn qeber nie. Es meint vielmehr, dass ein Grab (oder ein Begräbnisort) angelegt oder jemandem zugewiesen wird.“ (Zurück zu v.9)
xEin nicht-standesgemäßes Begräbnis galt im Alten Israel als ein schwerer Fluch; das Begräbnis bei Frevlern stimmt also gut zusammen mit dem furchtbaren Leben des Gottesknechts; aus diesem Grund ist im hebräischen Text bei Frevlern auch emphatisch (->Emphase) vorangestellt. (Zurück zu v.9)
yViele Kommentare nehmen an dieser Stelle eine Text-Verderbnis an und schlagen verschiedene Konjekturen vor, z.B. „[Man gab ihm] sein Grabmal bei Übeltätern.“ (Ehrlich 1912; Ziegler 1958, S. 174; zu weiteren Vertretern siehe Joachimsen 2011, S. 132). Hierüber gibt es jedoch keinen wissenschaftlichen Konsens (Childs 2001, S. 417). Eine Änderung wäre an dieser Stelle zwar aus inhaltlichen Gründen erfreulich, denn „Reiche“ wurden in Felsengräbern begraben, „Frevler“ entweder gar nicht oder mit Erdbegräbnis, so dass man nicht gleichzeitig bei „Frevlern und Reichen“ begraben werden kann. Andererseits lässt sich dies aber textkritisch nicht belegen, und gerade bei wünschenswerten Eingriffen in den Text ist besondere Vorsicht geboten. (Zurück zu v.9)
zWörtlich: nach seinen Toden (Pl. von „Tod“); vermutlich (bedeutungsloser, in der hebräischen Poesie typischer) N-Shift; vgl. z.B. Alexander 1865, S. 301. Alternativ zu erklären als abstrakter Plural mit Sg.-Bedeutung (North 1964, S. 231); übersetze: „nach seinem Tod“.
Textkritik: Viele wollen emendieren zu von בְּמֹתָיו nach seinem Tod zu בָּמָתוׂ sein Grabmal (BHS; Barré 2001; Barthélemy 1986, S. 400; Blenkinsopp 2002; Driver 1968, S. 95f; Ehrlich 1912; Paul 2012; Soggin 1975, S. 348; Westermann 1966; Ziegler 1958, S. 174) (Zurück zu v.9)
aaZu על mit dem Sinn „obwohl“ vgl. noch Ijob 16,17 (North 1964, S. 231); Esra 10,2 (Paul 2012, S. 409); so fast alle Üss. (Zurück zu v.9)
abStatt „du“ ließe sich auch „sie“ übersetzen (so z.B. LEB); dann: „Wenn seine Seele eine Schuldtilgung einsetzt“. Die meisten Exegeten nehmen eine Textverderbnis an und ändern entweder in „ihn“ oder nehmen größere Änderungen am Text vor. Beides ist jedoch unnötig, wenn man den Wechsel der Sprecher von dem „Wir“ zu JHWH bereits an dieser Stelle ansetzt (so U. Schmidt 2014, 227 und 232). Diese Lösung hat zwar die Schwierigkeit, dass der Name JHWH in Stichto d in der dritten Person steht, aber es gibt auch andere Bibelstellen mit demselben Phänomen (233, Fußnote 50).
Inhaltliche Aussage ist dann: Auch wenn dieser Tod dir als Schuldtilgung zugute kommt, so sorgt JHWH dennoch für das Wohlergehen dieses seines Getreuen – und schenkt ihm somit trotz seines Todes neue Zukunft. (Zurück zu v.10)
acAnalog dem Akkadischen (vgl. CAD 13, S. 192) und dem Ugaritischen (vgl. Tropper § 82.411) fungiert das Hebräische בְּיָד oft nur als „verstärktes בְּ(KBL3, S. 371) zum Ausdruck der Mediation; also ein stärkeres „durch ihn“. (Zurück zu v.10)
adEinige Handschriften und alte Übersetzungen bezeugen „sieht er Licht“. Viele Exegeten schließen sich dem an (z.B. Baltzer 1999; Blenkinsopp 2002; Paul 2012; Schenker 2001), andere nicht (z.B. Childs 2001, 409; U. Schmidt 2013, 227; Seeligmann 2004). (Zurück zu v.11)
aeOder: „Er wird satt. In seinem Begreifen macht er gerecht, der Gerechte, für die Vielen, mein Diener.“
Zu עַבְדִּי (mein Diener, mein Knecht) siehe die Fußnote in Jes52,13. (Zurück zu v.11)
afDie JPS 1985/1999 übersetzt: „Assuredly, I will give him the many as his portion, He shall receive the multitude as his spoil.“ (Zurück zu v.12)
agAn dieser Stelle steht dasselbe Wort wie in Vers 6 (פָּגַע), das sowohl „angreifen“ als auch „dringlich bitten“ bedeuten kann. (Zurück zu v.12)