Psalm 6

Aus Die Offene Bibel

Wechseln zu: Navigation, Suche

Syntax OK

SF zuverlässig.png
Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
Kann-erstellt-werden.png
Status: Lesefassung kann erstellt werden – Wer möchte, ist zum Einstellen einer ersten Übertragung in die Lesefassung eingeladen, die später als Grundlage für Verbesserungen dient (Weitere Bibelstellen zum Übertragen). Auf der Diskussionsseite ist Platz für Rückfragen und konstruktive Anmerkungen.

Anmerkungen

Studienfassung (Psalm 6)

1Für den Chorleiter (Dirigenten, Singenden, Musizierenden).
Zum Saitenspiel (auf Saiteninstrumenten) [vorzutragen] von Basstimmena
Ein Psalm (begleitetes Lied) von (für, über, nach Art von) David.


2 JHWH, nicht in deinem Zornb strafe (züchtige) mich

Und nicht in deinem Grimmb züchtige mich.

3 Sei mir gnädig (erbarme dich meiner), JHWH, denn ich [bin] schwach (ermattet)c.

Rette mich (heile mich), JHWH, denn erschrocken sind (es zittern, es vergehen)d meine Knochen (ich)d

4 Und meine Seele (mein Leben) ist sehr erschrocken (vergeht sehr)d.
Und du, JHWH, wie lange [noch] (bis wann)...?e


5 Kehre um, JHWH!f Retteg meine Seele (mich)h!

Errette (hilf)g mich um deiner Barmherzigkeit (Huld, Liebe, Güte) willeni!
6 Denn es ist kein (findet nicht statt) dich-Loben (Gedenken an dich) im Totenreich (Tod)j

Und wer wird dich preisen im Scheol?jk


7 Ich bin ermüdet durch mein Schluchzen (Seufzen),l

ich überflute (lasse schwimmen)m jede Nachtn[mit meinen Tränen]o mein Bett,

mit meinen Tränen weiche ich [jede Nacht]p mein Lager auf.m
8 Schwach geworden (dunkel geworden, geeitert, angeschwollen, hochmütig?)q vor Kummer (Gram) sind meine Augen,r

Ich bin gealtert wegen (sie sind gealtert wegen)s all meiner Feinde (wegen all meinem Leid/meiner Not).


9 Weicht von mir, all [ihr] Frevlert!

{Ja!,} (denn)u gehört (erhört) hat JHWH den Klang meines Weinensv,

10 Gehört (erhört) hat JHWH mein Bittenv;

JHWH wird mein Gebet (Bittgebet)v annehmenw:
11 All meine Feinde werden (sollen) sich schämen (zunichte werden)x und sehr erschrecken (vergehen)x,

Sie werden (sollen) umkehren (von mir ablassen, wieder?, sterben?)x[und] sich plötzlich schämen (zunichte werden)x.

Anmerkungen

Psalm 6 gehört zur Gattung der sogenannten „Klagelieder eines Einzelnen“, genauer zu der der „Feindklagen eines Einzelnen“. Die meisten der typischen Bestandteile dieser Psalmgattung sind deutlich erkennbar:
V. 1 ist die „Überschrift“. Diese wurden nachträglich von Redaktoren hinzugefügt; über ihren Sinn weiß man immer noch nichts Genaueres und auch die Bedeutung der einzelnen Vokabeln ist hier wie meist unklar. Doch da es sich um nachträgliche Hinzufügungen handelt, wirkt sich das glücklicherweise nicht allzu nachteilig auf das Verständnis des Psalms im Ganzen aus.
V. 2 beginnt mit der sog. „Anrufung“ / „Invokation“, die einzig aus dem Gottesnamen besteht: „JHWH!“ - was typisch für die alttestamentliche, aber ungewöhnlich in der altorientalischen Literatur ist (vgl. z.B. Stummer 1922, S. 13).
Darauf folgt in Vv. 2-4 zunächst vierfach die „Bitte“ - JHWH möge den Psalmisten „nicht strafen“, „nicht züchtigen“, ihm „gnädig sein“ und ihn „retten“. Daran schließen sich drei Gründe an, mit denen an JHWH appelliert wird: Der Beter „ist schwach“ und (zweimal:)ihm ist angst“.
So sehr ist ihm angst, dass in V. 4b beinahe schon die „Klage“ aus ihm hervorbrechen will, die er jedoch noch zurückhalten kann, um in Vv. 5f einen weiteren „Bitt“-Abschnitt anfügen zu können: JHWH möge sich „umwenden(d.h. sich dem Beter gnädig zuwenden), ihn „retten“ und „erretten“. Und wieder fügt er gleich Argumente für dieses Rettungshandeln an: Er appelliert an JHWHs Barmherzigkeit und weist darauf hin: Sollte JHWH dem Beter nicht helfen und er gar sterben, so würde JHWH ja einen Anbeter verlieren, denn: „Im Totenreich lobt man dich nicht“.

Diese beiden ersten Strophen sind durch Wortspiele kunstvoll gestaltet: Das „schwach“ in V. 3a meint genauer „so traurig, dass ich dem Tode nahe bin“; die doppelt verwendete Vokabel „erschrecken“ in Vv. 3b.4a kann auch „vergehen“ bedeuten und das „rette mich“ in V. 3b ist wörtlich „Heile mich“. Ähnlich bedeutet „Retten“ und „Erretten“ in V. 5 gleichzeitig „Herausziehen“. Beide Vokabeln wecken so die Assoziation, dass der Psalmist sich bereits in der Unterwelt befindet (s. FN h). V. 6 stellt den Bezug zur Unterwelt schließlich eindeutig her. Durch diese Wortspiele wird zwischen den Zeilen eine Entwicklung dargestellt: In Strophe 1 stellt sich der Psalmist dar als einer, der verschmachtet, dem Tod in Riesenschritten entgegeneilt; in Strophe 2 dann als jemand, der bereits gestorben ist und darauf wartet, dass Gott ihn auferweckt. Ähnliches findet sich noch häufiger in den Psalmen und darf nicht wörtlich verstanden werden. Das Sterben und Gestorbensein ist eine beliebte Metapher für ein sonst nicht näher bestimmtes Leid im Allgemeinen (s. z.B. Ps 9,14; 18,5-7; 30,4; 116,3-6 u.ö.). Bis hier lässt sich also noch nicht einmal erkennen, worunter der Psalmist eigentlich leidet.

In Vv. 7f folgt der Abschnitt der „Klage“: Die dreimalige Rede vom Weinen und die zweimalige von den schwach gewordenen Augen haben alle in etwa die selbe Bedeutung: Ihm geht es schlecht, furchtbar schlecht. Mit dem letzten Wort der dritten Strophe wird endlich ausgesprochen, worunter der Beter eigentlich leidet: Ihm geht es schlecht bäkol-tsoräraj, „wegen all meiner Feinde“.
Vv. 9-11: Doch kaum hat er diese Feinde genannt, sind sie schon kein Problem mehr: Selbstbewusst kann er ihnen entgegenrufen: „Weicht von mir, alle Frevler!“ Nachdem er sein Gebet gesprochen hat, ist er sich plötzlich sicher, dass all seine Feinde „sich schämen“, „sehr erschrecken“, „umkehren“ und „sich plötzlich schämen“ werden (V. 11). Auch dieser Stimmungsumschwung ist typisch für die Klagelieder des Einzelnen. Man nennt ihn das „Motiv der Erhörungsgewissheit“: Wie alle Klagelieder ist auch Psalm 6 aus einem „zielgerichteten Vertrauensparadigma“ (Markschies 1991, S. 397) gesprochen; der Beter kann sich sicher sein, dass JHWH ihn erhören (V. 10b) wird, sobald er sein Gebet „gehört(Vv. 9b.10a) hat. Und damit ist das Ziel des Psalmengebets erreicht: Betend hat er Gott auf sein Unglück hingewiesen und kann nun darauf vertrauen, dass dieser handeln wird.

Der letzte Vers ist stilistisch eng an die erste Strophe angelehnt: Wie nach V. 4a der Psalmist „sehr erschrocken“ ist, so werden nach V. 11a die Frevler „sehr erschrecken“. Und ebenso, wie in Vv. 3b.4a ungewöhnlicherweise dieselbe Vokabel wiederholt wird (erschrecken), wird auch in Vv. 11ab dieselbe Vokabel wiederholt (sich schämen). Selbst das Wortspiel wird wieder aufgegriffen: Mindestens „sich schämen“ und „erschrecken“, möglicherweise auch „umkehren(s. FN y) könnten sich ebenso auf den Tod der Frevler beziehen, wie in der ersten Strophe „schwach sein“ und „erschrecken“ die Assoziation des Sterbens weckte. Es wird ganz deutlich: JHWHs Erhörung wird eine Umkehrung der Verhältnisse zur Folge haben. So wie aktuell der Beter unter den Frevlern zu leiden hat, werden dereinst die Frevler leiden.

aFür den Chorleiter + Zum Seitenspiel + Bassstimmen - Wie bei den meisten Psalmen sind auch hier die Bedeutungen der Begriffe im Titel unklar; die Primärübersetzungen sind die, die sich am häufigsten in den dt. Üss. finden.
Die heb. Entsprechung der Üs. „von Bassstimmen“ findet sich auch im Titel von Ps 12,1. Wegen 1 Chr 15,20f., wo sich das Wort neben `alamot findet, was oft als „Jungfrauenweise“=„hohe Gesangsstimme“ gedeutet wird, geht man häufig davon aus, dass er etwas mit der musikalischen Begleitung oder Vortragsweise des Psalms zu tun habe und schließt davon dann z.B. auf die Bedeutungen „Für die Bassstimme“ (so z.B. Craigie 1983), „in der achten Tonart“ (so z.B. Werner 1959, S. 384-388) oder „[zu spielen] auf der achtseitigen Harfe“ (so z.B. Kraus 1961, S. XXVIII). (Zurück zu v.1)
btFN: nicht in deinem Zorn/Grimm - die beiden Negationspartikeln nicht sind durch die Präpositionalphrasen in deinem Zorn bzw. in deinem Grimm von den Verben getrennt. Das ist sehr untypisch im Hebräischen. Vermutlich handelt es sich hier aber um eine bedeutungslose Wortstellungsvariante und das „nicht“ bezieht sich doch auf die Verben, auf denen auch der Fokus der Sätze liegt. Die Funktion der PPs ist es, den Beweggrund JHWHs für die Bestrafung des Psalmisten anzugeben: „Strafe mich nicht aus Zorn“, und dann besser: „Strafe mich nicht trotz deines Zorns“, „Auch wenn du zornig bist, JHWH - strafe mich nicht!“ (Bratcher/Reyburn 1991, S. 59; ähnlich z.B. BFC, GN, PdV).
(Einige (z.B. Broyles 1989, S. 180) gehen jedoch davon aus, dass durch diese Wortstellung der Nachdruck nicht auf die Verben, sd. auf die PPs gelegt werden soll („nicht im Zorn/Grimm strafe mich, [sondern nach dem Maßstab des Rechts (d.i. „fair“)]“; s. Jer 10,24). Nach V. 3 ist aber der Gegensatz zu V. 2 („nicht im Zorn“) nicht „nach Gerechtigkeit“, sondern „[strafe mich nicht, sondern] erbarme dich meiner!“; sicher liegt der Fokus also dennoch auf den Verben (vgl. z.B. König 1927, S. 619).)
Anm. d. Üs. (S.W.): Wenn wir in V. 3 עֲצָמָֽי `atsamaj („meine Knochen“) als עצְמִי `atsmi („mein Gebein“) vokalisierten, ließe sich die Wortstellungsvariante damit erklären, dass so in Vv. 2f ein Endreim herbeigeführt werden soll: tokicheni („strafe mich“), täjasreni („züchtige mich“), ani („ich“), `atsmi („mein Gebein“). „Mein Gebein“ wäre dann ein kollektiver Singular mit der Bedeutung „meine Gebeine“, das deshalb mit Pluralverb konstruiert wurde und wegen diesem Pluralverb von den Masoreten fälschlicherweise als Plural vokalisiert wurde. (zu v.2)
cschwach - Viele Üss. und Lexika: „welk“, aber das wäre überwörtlich (wenn denn „welken“ überhaupt wirklich die Primärbedeutung von amal ist). Besser trifft die Bedeutung sinngemäß wohl ein wörtlich verstandenes „todtraurig“, „so traurig, dass ich dem Tode nahe bin“; s. z.B. Jes 24,4.7: „Es trauert und verdorrt die Erde; es amal und verdorrt die Welt; es amal die Höhen der Erde. ... Es trauert die Rebe, es amal der Wein; es seufzen alle, die fröhlichen Herzens [waren].“; Hos 4,3: „Deshalb wird trauern das Land und es amal alle, die darin wohnen. Die Tiere des Feldes, die Vögel des Himmels und die Fische des Meeres werden dahingerafft.“ u.ö. (Zurück zu v.3)
derschrocken sind (es zittern, es vergehen) meine Knochen (ich) (V. 3) + meine Seele (mein Leben) ist sehr erschrocken (vergeht sehr) (V. 4) - Das heißt wohl: „Ich bin erschrocken; / ja, sehr erschrocken!“. Ebenso wie (fast stets) „Seele“ steht im Hebräischen auch „Knochen“ öfter pars pro toto für den ganzen Menschen (vgl. z.B. Dalglish 1962, S. 143; s. z.B. Ps 35,9f: „Und meine Seele soll sich freuen wegen JHWH... All meine Knochen sollen sagen: JHWH, wer ist wie du?). oder „sie sind verdorrt“ (beide Vorschläge finden sich noch heute in der BHS).
  1. Alternativ wird oft von einer anderen Bedeutung des Verbs für „erschrecken“ ausgegangen. Dieses könnte nämlich auch
    1. „zittern“ bedeuten (s. Ez 7,27); dann müsste man von einer Antanaklasis ausgehen: „Meine Knochen zittern (=Ich zittere) / und meine Seele ist (=ich bin) sehr erschrocken“. So z.B. Alexander 1850; Goldingay 2006; Houston/Moore/Waltke 2014; Terrien 2003.
    2. „vergehen“, bedeuten; vgl. Ges18 und s. Ps 83,18; 90,7; 104,29; Zef 1,18; ws. auch Jes 13,8. Dann
      1. entweder ebenfalls Antanaklasis: „Meine Gebeine (=ich) vergehen / und meine Seele (=ich) ist sehr erschrocken“. So Airoldi 1968; wohl auch Buttenwieser 1938.
      2. oder beides als „vergehen“: „Meine Gebeine (=ich) vergehen / und meine Seele (=ich) vergeht sehr“. So Gowen 1929.
Ein hebräischer Leser hätte den Vers vermutlich zumindest zunächst nach unserer Deutung verstanden: Für Alternative (1) müsste man den Text ändern, bei (2.1) und (2.2.1) müsste man eine Antanaklasis annehmen, was sich zwar gar nicht selten findet, aber immer heißt: Der Text muss „gegen den Strich gelesen werden“; bei (2.2.2) stört das „sehr“.--> (zu v.3 / zu v.4)
eUnd du, JHWH, wie lange [noch]...? - Beinahe bricht aus dem Psalmist hier ein verzweifelter Vorwurf hervor, den er gerade noch zurückhalten kann (Aposiopese). Das ist daran erkennbar, dass solche Vorwürfe anderswo im AT mit „Wie lange (denn noch)...?“ eingeleitet sind (Beispiele: Ps 13,2f; Ps 74,10; Ps 80,5; Ps 94,3; Hab 1,2; ebenso abgebrochen in Ps 90,13). (Zurück zu v.4)
fKehre um, JHWH - Begegnendes Unheil führte man im Alten Israel oft darauf zurück, dass der zornige Gott sich von Betroffenen „abgewandt“ habe; entsprechend ist „Wende dich [mir wieder zu]“ hier gleichbedeutend mit „Sei mir gnädig“ in V. 3. Sinnvoll daher Buttenwieser 1938: „Cease from thine anger!“; GN: „Lass ab von deinem Zorn!“ (Zurück zu v.5)
gRette + Errette (hilf) - Wortspiel im Hebräischen: Der Psalmist verwendet in Vv. 3.5 drei unterschiedliche Verben, die sich alle in der Bedeutung „retten“ treffen. Den beiden Verben in V. 5 ist zusätzlich die Bedeutung „herausziehen /-reißen“ gemeinsam. Dahinter steht Folgendes: Im Alten Israel stellte man sich die Unterwelt als den tiefsten Ort des Kosmos vor; daher sprach man von ihr z.B. als dem „Brunnen“, der „Grube“, dem „Schacht“ oder der „Zisterne“ (vgl. z.B. Oesterley 1911, S. 139f; Schorch 2000, S. 97f) und davon, dass man zu ihr „hinabstieg“ oder aus ihr wieder „emporgezogen“ wurde. Von diesem Totenreich spricht V. 6; liest man also Vv. 5 und 6 zusammen, entsteht - gelesen nach dieser zweiten Bedeutung - der Eindruck, der Psalmist habe sich sogar bereits in diesem Totenreich befunden und JHWH habe ihn nach seinem Tod wiederbelebt. (zu v.5)
hmeine Seele (mich) - „Seele“ im Heb. fast stets Wechselbegriff für „Ich“; übersetze: „Rette mich!“ (Zurück zu v.5)
ium deiner Barmherzigkeit (Huld, Liebe, Güte) willen - mehrdeutig:
  1. Das Wort für „um...willen“ hat zwar (1) meist auch im Heb. die Bed. „um...willen“, kann aber (2) auch den Beweggrund bezeichnen, aus dem jemand etwas tut (s. z.B. Ps 25,7; 44,27: „um deiner Huld/Barmherzigkeit willen“ = „aus Huld“; vgl. ad loc. Bratcher/Reyburn 1991, S.61; THAT I, S. 605f) und wird in dieser Bedeutung fast stets verwendet, um an einen Charakterzug Gottes zu appellieren; funktional entspräche dem im Dt. daher eher „Errette mich, du Barmherziger“, wie z.B. häufig Fürbitten formuliert sind.
  2. chesed (hier: „Barmherzigkeit“) meint häufig die „Bundestreue“ und wird derart nicht nur von Gott ausgesagt, der mit den Menschen seinen Bund geschlossen hat, sondern auch von den Menschen, mit denen Gott diesen Bund geschlossen hat (s. z.B. Hos 12,7). läma`an chasdeka ließe sich daher auch übersetzen als „um [meiner] Bundestreue zu dir willen“, und V. 6 würde dann näher spezifizieren, was damit gemeint ist: Der Psalmist könnte im Totenreich seiner Bündnispflicht des JHWH-Preises nicht nachkommen - es läge also ganz im Interesse Gottes, den Psalmisten zu retten. So aber nur Broyles 1989, S. 182f; Ehrlich 1905, S. 11.
Deutung (1) liegt näher, da - wie an den angeführten Stellen zu sehen ist - dieses läma`an [Charakterzug Gottes] ein häufiger Zug in Bitten ist; es könnte aber auch hier sein, dass bewusst mehrdeutig formuliert ist und auf diese kunstvolle Weise gleich zwei Gründe für JHWHs Rettungshandeln vorgebracht werden sollen. (Zurück zu v.5)
jTotenreich + Scheol: Nicht: „Hölle“ o.Ä., die alttestamentliche Vorstellung vom Leben nach dem Tod ist eine ganz andere als die christliche und eher mit der griechischen Vorstellung des Hades zu vergleichen: Ein Schattenreich, in das fast alle Gestorbenen als Schattengestalten hinabfahren, um dann nie wieder daraus zu entkommen. (zu v.6)
kZum Argument in V. 6, JHWH möge doch den Psalmisten retten, weil er mit dessen Tod ja einen Anbeter verlöre, s. z.B. Ps 30,10; 88,11-13; Jes 38,17f) und das Argument wird in Jes 48,9-11 sogar ähnlich von JHWH selbst angewandt. (Zurück zu v.6)
ltFN: Schluchzen trifft es besser als das häufig gefundene „Seufzen“. Sowohl beim Verb als auch beim Nomen passt diese Bedeutung an sämtlichen Stellen wesentlich besser. So z. St. Dahood 1965; Houston/Moore/Waltke 2014; BBE, EVD, NCV, NLT. (Zurück zu v.7)
mtFN: überflute (lasse schwimmen) + weiche auf - zur Deutung der Bedeutung des ersten Verbs als „überfluten“ statt „schwimmen lassen“ vgl. Bosworth 2013, S. 39; von Soden 1991, S. 165f; zur Deutung des zweiten Verbs als „aufweichen“ von Soden 1991, S. 166. (zu v.7)
ntFN: jede Nacht statt „die ganze Nacht“; diese iterative Deutung fordert die Verbform (Yiqtol). (Zurück zu v.7)
otFN: [mit meinen Tränen] - Brachylogie aus Zeile 3; vgl. auch Goldingay 2006, S. 138. (Zurück zu v.7)
ptFN: [jede Nacht] - Brachylogie aus Zeile 2; vgl. auch Goldingay 2006, S. 138. (Zurück zu v.7)
qSchwach geworden (dunkel geworden, geeitert, angeschwollen, hochmütig?) - Bed. unsicher (-> Tris legomenon); sonst nur noch in Ps 31,10f. Für eine Übersicht über ältere Deutungen vgl. Zolli 1951; am sinnvollsten abzuleiten von arab. ghatha („dünn/schwach werden; eitern“; vgl. z.B. Klein 1987, S. 489); daher: „Mein Auge ist schwach geworden (ZLH 635) / geeitert (Lambert 1899, S. 1899, S. 393)“. Zum Sinn vgl. FN j zu Ps 13,5. (Zurück zu v.8)
rtFN: meine Augen - W. „mein Auge“; kollektiver Singular, vgl. z.B. Houston/Moore/Waltke 2014, S. 51. (Zurück zu v.8)
sTextkritik: ich bin gealtert wegen (sie sind gealtert wegen) - Heb. „sie sind gealtert“; die Rede von den „gealterten Augen“ aber ist recht schwierig. Viele übersetzen daher freier als „sind schwach/matt geworden“ (vgl. auch hier zum Sinn FN j zu Ps 13,5), was aber wohl nicht in der Wortbedeutung liegen kann. LXX, Syr, Aq, Sym, Hier hatten offenbar einheitlich stattdessen den Text „ich bin gealtert“ vorliegen; diese Lesart ist sicher vorzuziehen. (Zurück zu v.8)
tFrevler - stehende Wendung im Hebräischen; W.: „alle Tuenden von Frevel“.
Erst in diesem Vers wird offenbar, was eigentlich genau das Leid ist, das der Beter die vorigen acht Verse hindurch beklagt hat: Er wird von frevlerischen Feinden bedrängt. (Zurück zu v.9)
utFN: {Ja!,} (denn) - emphatisches ki, im Dt. nicht zu übersetzen. (Zurück zu v.9)
vKlang meines Weinens + Bitten + Gebet (Bittgebet) - Die Aufeinanderfolge dieser drei Begriffe verdichtet eine Progression von unartikuliert nach artikuliert: qol („Klang“) bezeichnet primär das rein Akustische (das „Geräusch“) – der „Klang des Weinens“ sind also die unartikulierten Klagelaute –; tehinna („Bitten“) meint den Akt der flehenden Hinwendung im Gebet und täfilla ist eine Psalmgattung – das „Bitt-/Klagegebet“. (Zurück zu v.9 / zu v.10)
wJHWH wird mein Gebet annehmen - Oder Vergangenheit:

Gehört hat JHWH den Klang meines Weinens,

Gehört hat JHWH mein Bitten,
JHWH hat mein Gebet angenommen.
Der Tempuswechsel in V. 10b wäre dann ein bedeutungsloser, rein stilistischer Tempuswechsel (-> T-Shift; so z.B. de Hoop 2009, S. 458f.; NET) und man müsste davon ausgehen, dass zwischen Vv. 2-8 und Vv. 9-11 eine gewisse Zeitspanne vergangen ist, in der JHWH die Bitte des Psalmisten gewähren konnte (so z.B. Schmidt 1934, S. 11). Aber wesentlich glatter ist es doch, die beiden „Gehört hat“ als Vergangenheit zu fassen und das „Annehmen wird“ als Futur: Der Psalmist hat sein Gebet gesprochen und Gott hat es gehört, und nun kann sich der Psalmist voll Zuversicht gegen seine Feinde wenden, da er sich sicher sein kann, nun auch bald von Gott erhört zu werden (so z.B. Alter 2007; Duhm 1899, S. 22; Olshausen 1853; Perowne 1880). (Zurück zu v.10)
xsich schämen (zunichte werden) + erschrecken (vergehen) + umkehren (von mir ablassen, wieder?, sterben?) - Wortspiel im Hebräischen: Die Wörter für „schämen“, „erschrecken“ und evt. auch „zurückweichen“ treffen sich in der sekundären Bedeutung „sterben“; es scheint also, als habe die Erhörung des Psalmisten durch Gott die Vernichtung der Feinde zur Folge (vgl. z.B. die Üs. von Achenbach 2004, S. 584: „Zuschanden und zerstieben gar sehr werden all meine Feinde“; zu „zurückweichen“ vgl. Dahood 1965, S. 39; s. noch Ijob 1,21; 30,23; 34,15; Ps 9,18; Pred 3,20; 12,7 – doch nie (wie hier) ohne Ortsangabe)). S. dazu noch die Anmerkungen.
umkehren: Gemeint ist wohl: Von mir ablassen und gleich einem geschlagenen Heer abziehen. Theoretisch ließe es sich außerdem mit „wieder“ übersetzen: „Sie werden sich plötzlich wieder schämen“ (so z.B. Duhm 1899), doch das ist unwahrscheinlich. Nicht: „beschämt umkehren“; im verbalen Hendiadyoin spezifiziert das erste das zweite Verb, nicht aber umgekehrt. (zu v.11)