Rache

Aus Die Offene Bibel

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Altes Testament

Wörter für Rache/ Rächen

Im Alten Testament finden sich nur wenige Wurzeln, die mit Rache übersetzt werden können. Die prominenteste davon ist נקם. Andere in Frage kommende Wurzeln sind etwa נחם , ריב, בקש, דרש und נאל. Sie haben zwar alle gewisse Berührungspunkte mit נקם, reichen jedoch jede für sich nicht nahe genug an die gesuchte Bedeutung heran. נחם beispielsweise wird zwar von Gesenius noch mit „Rache üben“ übersetzt, spätere Wörterbücher übersetzen jedoch anders.a Zusätzlich kann Hendrik Peels nachweisen, dass die Übersetzung mit Rache an den alttestamentlichen Stellen schlicht inkorrekt sind.b

Auch die anderen Wurzeln sind laut Peelsc und Jörg Jeremiasd auszuschließen.

So verbleibet die Wurzel נקם, die im Alten Testament in drei Formen auftaucht. In Verbform, in der substantivierten Form נָקָם und in einer erweiterten Form: נְקָמָה. Zusammengenommen tritt die Wurzel \RL{נקם} mit ihren Derivaten im Alten Testament 79 mal auf, davon 35 mal das Verb, 17 mal נָקָם und 27 mal נְקָמָה. Eine besondere Häufung findet sich in Jeremia mit 18 Belegen und in Ezechiel mit 12 Belegen.

Bedeutung von ‫ נָקָם ,נקם‬und ‫נְקמָה‬

(Der Nachfolgende Text ist nach einer Einzelexegese aller Belegstellen im Pentateuch und Ps 94,1-3 entstanden)

Die Bedeutung von נקם und seinen Derivaten schillert. Es lässt sich jedoch unumwunden feststellen, dass die überwiegende Zahl von Belegstellen im Pentateuch keinesfalls das meint, was im deutschen Begriff Rache mitschwingt. Eine ausufernde Selbstjustiz ist im Pentateuch allenfalls im Lamechlied festzustellen, was vom Text selbst schon negativ beurteilt wird. Die übersteigerte Rache des Lamechlied stellt selbst im Kontext des gesamten Alten Testaments eine Ausnahme dar. Sie begegnet dem Leser nur noch in Ez 25, Jer 20 und Ps 44 und wird dort nur an Feinden geübt. Die negative Konnotation versteht sich auch hier von selbst. Auffällig ist bei der Durchsicht der נקם-Texte, die sich auf menschliches Handeln beziehen, dass die Maßlosigkeit in der Kritik steht, nicht das selbst in die Hand genommene Recht.e Jene Texte, die unbefangen von menschlicher Rache sprechen gehören laut Jeremias "kaum zufällig zu den ältesten [Belegen]".f Genauer untersucht wurde von diesen alten, unbefangen mit Rache umgehenden Texten Ex 21, 20. Die Rache taucht hier als Rechtsmittel auf und ist daher mit dem deutschen Rachebegriff kaum zu fassen. Jedoch ist ein geregeltes Racherecht dort sinnvoll, wo (noch) keine familienübergreifenden Rechtsinstanzen geschaffen waren, an die man sich wenden konnte. Rache ist also bis in die Abfassungszeit des Bundesbuches hinein, in dem auch mündlich tradierte Gesetze.g verarbeitet wurden, ein Rechtsmittel.

Auffällig ist, dass die Androhung von Rache gleich zwei Mal zum Lebensschutz angewendet wird. Die von Gott in Gen 4, 15 angedrohte siebenfältige Rache und die Festsetzung von Rache als Strafe bei vorsätzlicherh Tötung eines Sklaven schützt das Leben von Kain und den Sklaven in besonderer Weise. Sie stellt so noch einmal heraus, dass das Beenden eines Lebens - und sei es das eines Vogelfreien oder Sklaven - ein schwerwiegendes Delikt ist, wonach nur durch drastische Maßnahmen die Gerechtigkeit wiederhergestellt werden kann.

Der Gedanke der Wiederherstellung der Gerechtigkeit scheint insgesamt bedeutend zu sein, denn auch in den neueren Texte klingt dieses Element an. Westermann geht sogar davon aus, dass „Wiederherstellung“ die ursprüngliche Bedeutung נקם ist.i

Je jünger die Texte jedoch werden, desto mehr tritt der Mensch als Subjekt der Rache zurück und Gott tritt in den Vordergrund. Rache wird theologisch aufgeladen. Gott ist es, der Rache für sein Volkj, an seinem Volkk und für den Einzelnenl nimmt, er wird zum Gott der Gerechtigkeit. Er allein hat die Hoheit über die Gerechtigkeit und damit auch allein das Recht zur Wiederherstellung derselben. Deshalb kommt ihm allein das Recht auf Rache zu.m

Die ersten zaghaften Versuche der Begrenzung menschlicher Rache sind in Lev 19, 18 zu finden. Hier wird die Rache innerhalb des Volkes verboten, was eine Ausweitung des Brauches war, einen Mord innerhalb der Familie nicht zu rächen, sondern den Schuldigen zu verbannen.n Auch so konnte die Blutschuld, die der Mörder durch den Mord über sich und den Sippenverband gebracht hatteo von der Sippe genommen werden. Die Rache hat also die Funktion Gerechtigkeit wiederherzustellen.

In Nachbarkulturen waren sogar Personennamen mit verwandten Wurzeln verwoben, wie etwa Niqmija-Haddu „Mein Rächer ist Haddu“.p Auch hier übernimmt die Androhung von - in diesem Fall göttlicher - Rache eine Schutzfunktion, im Speziellen für einen geliebten Sohn. Freilich lässt sich so eine Nutzung nicht verallgemeinern, im Alten Testament ist zumindest kein Jude mit einer solchen Namenskombination zu finden. Zu dem Schutzaspekt von Rache kommt noch ein zweiter hinzu: Rache rettet und befreit.q Ohne diesen Teilaspekt wäre beispielsweise Psalm 94 mit dem Ruf nach dem „Gott der Rache“ nicht zu verstehen.

Doch auch die gewalttätige Dimension der Rache sollte neben den unerwartet positiven Aspekten nicht verschwiegen werden. נקם ist immer mit Gewalt verknüpft, egal ob sie von Menschen oder von Gott ausgeübt wird. Ob Lamech nun unter seinen Gegnern aus Rache ein Blutbad anrichtet, die Rache über den Sklavenmörder kommt, oder Gott die Missetaten Midians rächt, die Rache ist und bleibt gewalttätig. Das geht sogar so weit, dass sich in Psalm 58 der Gerechte über die Rache freut und seine Füße im Blut des Gottlosen badet.

Die Durchführung der Rache wird im Pentateuch allerdings selten beschrieben,r meist bleibt es in den Texten bei der Ankündigung von Rache.

Auch wenn im Pentateuch kein einziger Beleg von נקם explizit Blutrache meint, schwingt dieses Konzept trotzdem mit. Vielfach wird נקם einfach ohne weitere Exegese der betreffenden Stelle mit Blutrache gleichgesetzt. Es ist jedoch festzuhalten, dass das Konzept der alttestamentlichen Blutrache auch mit נקם bzw. im Besonderen mit נִקְמַת דַּם umschrieben werden kann. Die Blutrache gehört in ihrer ursprünglichen Konzeption, also rein familiär bestimmt, in die vorstaatliche Zeit.s Danach wurde sie jedoch durch die institutionalisierte Todesstrafe im Rahmen des Strafrechts ersetzt.t
aKöhler-Baumgartner schlägt „sich Trost verschaffen“ vor. (Zurück zum Text: a)
bVgl. Peels, e vengeance of God, S. 18. (Zurück zum Text: b)
cVgl. Peels, e vengeance of God, S. 18-19. (Zurück zum Text: c)
dVgl. Jeremias, „JHWH - ein Go der „Rache““, S. 92. (Zurück zum Text: d)
eVgl. Jeremias, „JHWH - ein Go der „Rache““, S. 91. (Zurück zum Text: e)
fVgl. Jeremias, „JHWH - ein Go der „Rache““, S. 91. (Zurück zum Text: f)
g Dazu gehört auch Ex 21, 20, vgl. Jackson, „Law, Wisdom and Narrative“, S. 36. (Zurück zum Text: g)
hDas trifft auch auf Körperverletzung mit Todesfolge zu. Vgl. Dohmen, Exodus 19-40, S. 165. (Zurück zum Text: h)
iVgl. Westermann, „Rache“,in: BHH, Sp. 1546. (Zurück zum Text: i)
jZ.B. Num 31: Rache an den Midiantitern. (Zurück zum Text: j)
kZ.B. Lev 26. (Zurück zum Text: k)
lZ.B. Gen 4; Jer 11,20. (Zurück zum Text: l)
mDies vertraten in der Extremform die Qumranessener, vgl. LipinskiLipiński, Edward: Semitic Languages. Outline of a Comparative Grammar. Leuven 1997., „‫ ,in: TWATJenni, Ernst/Claus Westermann: Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament. München - Zürich, 1971-9. ,“נקם‬Sp. 610. (Zurück zum Text: m)
nVgl. LipinskiLipiński, Edward: Semitic Languages. Outline of a Comparative Grammar. Leuven 1997., „‫ ,in: TWATJenni, Ernst/Claus Westermann: Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament. München - Zürich, 1971-9. ,“נקם‬Sp. 609. (Zurück zum Text: n)
oVgl. Koch, „Gibt es ein Vergeltungsdogma im Alten Testament?“, S. 157. (Zurück zum Text: o)
pVgl. LipinskiLipiński, Edward: Semitic Languages. Outline of a Comparative Grammar. Leuven 1997., „‫ ,in: TWATJenni, Ernst/Claus Westermann: Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament. München - Zürich, 1971-9. ,“נקם‬Sp. 611. (Zurück zum Text: p)
qVgl. Jeremias, „JHWH - ein Gott der „Rache““, S. 92. (Zurück zum Text: q)
rVgl. Achenbach, Die Vollendung der Tora, S. 615. (Zurück zum Text: r)
sVgl. Westermann, „Rache“,in: BHH, Sp. 1546. (Zurück zum Text: s)
tVgl. Peels, e vengeance of God, S. 80. (Zurück zum Text: t)