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Amos 1

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Lesefassung (Amos 1)

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Anmerkungen

Studienfassung (Amos 1)

1 Worte des Amos,a
welcher war unter den Hirten (Schafzüchtern, Herdenverwaltern)b von Tekoa,c
welche er sah (welcher sah)d über Israel (in den Tagen von=) zur Zeit von Usija, dem König von Juda, und (in den Tagen von=) zur Zeit von Jerobeam, dem Sohn von Joasch, dem König von Israel,e zwei Jahre vor dem Erdbeben.f

2 {Und} Er sprach:

[Wenn] JHWH vom Zion her brüllt (brüllen wird)
Und von Jerusalem her seine Stimme (gibt/geben wird =) erschallen lassen wird,
Dann vertrocknen (werden vertrocken/klagen; JHWH wird ... brüllen, sodass vertrocken/klagen)g die Auen der Hirten
Und verdorrt (und es wird verdorren) der Gipfel des Karmel.“h


3 So spricht JHWH:
„Wegeni drei Vergehen von Damaskus
Und wegen vierj werde ich es nicht widerrufen (rückgängig machen, zurückkehren lassen, sie nicht zurücknehmen, [die Sache] nicht ruhen lassen),k
Weili sie Gilead mit eisernem Dreschschlitten gedroschenl haben:
4 Ich werde schicken Feuer in das Haus Hasaëls
Und es wird fressen die Festungen (Paläste) Ben-Hadadsm
5 Und ich werde den Riegel von Damaskus zerbrechen;n
Und ich werde (den=) die Bewohner (den Thronenden?)o von Bikat-Awenp ausrotten
Und den Szepter-Halter aus Bet-Eden,p
Und das Volk von Aram wird nach Kirp deportiert werden“,q
Spricht JHWH.


6 So spricht JHWH:
„Wegeni drei Vergehen von Gazar
Und wegeni vierj werde ich es nicht widerrufen (rückgängig machen, zurückkehren lassen, sie nicht zurücknehmen, [die Sache] nicht ruhen lassen),k
Weili sie (eine komplette Exulantenschaft exiliert haben=) ganze Gebiete exilierten,
Um sie an Edom auszuliefern (indem sie sie Edom [schutzlos] preisgaben):s
7 Ich werde schicken Feuer an die Mauer von Gaza
Und es wird fressen seine Festungen (Paläste);
8 Und ich werde (den=) die Bewohner (den Thronenden?)o von Aschdodr ausrotten
Und den, der das Szepter hält, aus Aschkelon;r
Und ich werde ausstrecken meine Handt gegen Ekronr
Und die Übriggebliebenen der Philister werden zugrunde gehen“,
Spricht der Herr JHWH.


9 So spricht JHWH:
„Wegeni drei Vergehen von Tyrus
Und wegeni vierj werde ich es nicht widerrufen (rückgängig machen, zurückkehren lassen, sie nicht zurücknehmen, [die Sache] nicht ruhen lassen),k
Weili sie (eine komplette Exulantenschaft=) ganze Gebiete an Edom auslieferten (Edom schutzlos preisgaben)s
Und nicht des Bündnisses von Brüdernu gedachten:
10 Ich werde schicken Feuer an die Mauer von Tyrus
Und es wird fressen seine Festungen (Paläste).“


11 So spricht JHWH:
„Wegeni drei Vergehen von Edom
Und wegeni vierj werde ich es nicht widerrufen (rückgängig machen, zurückkehren lassen, sie nicht zurücknehmen, [die Sache] nicht ruhen lassen),k
Weili es seinen Bruder mit dem Schwert verfolgte
Und (seine Freunde=) seine Verbündeten (sein Erbarmen, seine Gebärmutter, dessen Frauen)v vernichtete
Und für immer bewahrte seinen Zorn (weil sein Zorn wütete/wachte, er in seinem Zorn zerriss/wütete/wachte)w
Und seinen Grimm, [weil es] diesen stets behütete (weil sein Grimm stets wachte):
 12 Ich werde schicken Feuer nach Teman
Und es wird fressen die Festungen (Paläste) von Bozra.“


  13 So spricht JHWH:
„Wegeni drei Vergehen der (Söhne Ammons=) Ammoniter
Und wegeni vierj werde ich es nicht widerrufen (rückgängig machen, zurückkehren lassen, sie nicht zurücknehmen, [die Sache] nicht ruhen lassen),k
Weili sie die Schwangeren in Gilead aufgeschlitzt (die Berge/Plateaus von Gilead durchbrochen) haben,x
Um ihre Grenzen zu erweitern (und so ihre Grenze erweiterten):
14 Ich werde anzünden ein Feuer an der Mauer von Rabba
Und es wird fressen ihre Festungen (Paläste)
Im Gebrüll am Tag der Schlacht,
Im Sturm am Tag des Ungewitters,
15 Und ihr König (Milkom?)y wird ins Exil gehen,
Er (seine Priester?)y und seine Obersten mitsammen“,
Spricht JHWH.

Anmerkungen

Zu Am 1,1 und dem Anliegen des ganzen Amosbuches s. die Einführung auf der Seite Amos.

Der Sinn von Am 1,2 vor dem ersten Großabschnitt Am 1,3-2,16 ist nicht gleich ganz klar. Am wahrscheinlichsten ist, dass mit diesem Vers kurz das Folgende vorbereitet wird, indem die Macht des (brüllenden) Sprechens Gottes betont wird: Er brüllt auf und die ganze Welt verdorrt. Wehe also denen, die im Folgenden von Gott verurteilt werden!

Am 1,3-2,16 ist der erste Großabschnitt des Amosbuches und bietet Amos´ acht sog. „Völkersprüche“. Solche Völkersprüche finden sich v.a. als Fremd-Völkersprüche immer wieder in der Bibel; bes. gehäuft etwa in Jes 13-23; Jer 46-51 und Ez 25-32. Die Völkersprüche des Amosbuches haben unter diesen eine Sonderstellung, weil sie deutlich kulminieren in zwei Völkersprüchen, die gegen das eigene Volk gerichtet sind. Im Kontext des Amosbuches sind diese Völkersprüche die Antwort auf die erste Frage: Wie konnte Gott zulassen, dass die Assyrer all die umliegenden Nationen, die doch entweder mit Israel und Juda verwandt oder verbündet waren, übermannen konnte? Die Antwort ist jeweils: Er hat es nicht nur zugelassen, sondern verursacht, und die jeweilige Nation hat es sich stets selbst zuzuschreiben. Und in diese Reihe schuldiger Nationen gehört auch Juda und Israel, obwohl auf Israel ab Kapitel 3 noch ausführlichst eingegangen werden wird.
Die ersten sieben Völkersprüche sind dabei ziemlich streng nach zwei verwandten Schemata gebaut; der letzte über Israel dagegen hat eine abgewandelte und bereits hier in Am 1-2 deutlich erweiterte Form:

Schema A
Schema B
1. Einleitung: „So spricht JHWH“
2. Formel: „Wegen dreier Vergehen ... und wegen vierer ...“
3. Kurze Anschuldigung: „Weil...“
4. Ausführliches Strafurteil
5. Schlussformel: „sagt JHWH“
1. Einleitung: „So spricht JHWH“
2. Formel: „Wegen dreier Vergehen ... und wegen vierer ...“
3. Ausführliche Anschuldigung: „Weil...“
4. Kurzes Strafurteil: Strafe durch Feuer

Durch die Abfolge dieser beiden Schemata zerfällt Am 1,3-2,16 in vier Zweiergruppen (vgl. z.B. Gordis 1979/80, S. 203; Steinmann 1992, S. 687):

Am 1,3-5: Damaskus
Am 1,6-8: Gaza
Schema A
Am 1,9-10: Tyrus
Am 1,11-12: Edom
Schema B
Am 1,13-15: Ammon
Am 2,1-3: Moab
Schema A
Am 2,4-5: Juda
Am 2,6-16: Israel
Schema B
Schema B*

In jeder dieser Zweiergruppe wird sowohl ein Nachbar Judas als auch ein Nachbar Israels genannt – (1) Damaskus (Israel) + Gaza (Juda), (2) Tyrus (Israel) + Edom (Juda), (3) Ammon (Israel) + Moab (Juda) –, bevor dann im vierten Zweierpaar schließlich Juda und Israel selbst Thema sind:

Völkersprüche Amos.png

Wenig überraschend fallen die Sprüche gegen Juda und Israel hierbei aus dem Rahmen: Während Damaskus, Gaza, Tyrus, Edom, Ammon und Moab Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, hat Juda sich an Gott vergangen und die Bürger Israels haben sich einer Vielzahl sozialer Vergehen an ihren Mitbürgern schuldig gemacht (vgl. z.B. Noble 1993, S. 69). Der Spruch gegen Israel fällt außerdem wie gesagt wegen seiner relativen Überlänge aus dem Rahmen der anderen Sprüche und ist damit klar das Ziel und das Finale dieser Spruchreihe: Primärer Adressat des Amos ist Israel, was sich in Am 3-6 fortsetzen wird.

Kapitel 1 verurteilt also zunächst vergangene Kriegsverbrechen anderer Länder. Spannend dabei ist, dass von den meisten der verurteilten Verbrechen noch häufiger in der Bibel und in anderen altorientalischen Schriften die Rede ist, dass sie dort aber durchgehend nicht verurteilt werden (vgl. zum folgenden bes. Kessler 2018; Wazana 2013):
In Am 1,3-5 wird der Stadt Damaskus stellvertretend für die Aramäer dafür verurteilt, dass sie „Gilead mit eisernem Dreschschlitten gedroschen haben“. Die Region Gilead war häufig Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Israel und Aram; wegen der Nennung von „Hasael“ wird hier aber sicher angespielt auf die Eroberung Gileads durch denselben, die in 2 Kön 10,32f. berichtet wird. Wegen dieses Vergehens im 9. Jhd. also wird Gott die Vernichtung Arams veranlassen. Dass Gilead „mit einem Dreschschlitten gedroschen wurde“ ist wahrscheinlich ein Bild dafür, dass ganze Städte „dem Erdboden gleichgemacht wurden“; s. zum selben Bild Jes 41,15f.; Jer 51,33; Mi 4,13, wo dies nicht etwa verurteilt, sondern gar von Gott verheißen wird. Und dennoch, in Am 1,4-5 wird dafür den Aramäern eine Strafe angekündigt, nämlich wird Gott nun seinerseits ihre Städte dem Erdboden gleichmachen (4-5a) und die Bevölkerung vom Erdboden verschwinden lassen (5b-d). Gemeint ist hier sicher die Deportation der Aramäer durch die Assyrer um 733-732, von der 2 Kön 16,9 berichten; s.o.
In Am 1,6-8 und Am 1,9-10 wird der Stadt Gaza stellvertretend für die Philister und der Stadt Tyrus stellvertretend für die Phönizier das Selbe vorgeworfen: Dass sie „ganze Gebiete exilierten, um sie an Edom auszuliefern“. Den Phöniziern wird außerdem Vertragsbrüchigkeit vorgeworfen (zu denken ist hier wohl an das Bündnis zwischen König Hiram I. von Tyrus und David und Salomo, s. 2 Sam 5,11; 1 Kön 5,15ff., bes. V. 26; auch 1 Kön 9,12f.. Auch die Heirat des israelitischen Königs Jerobeam mit der Phönizierin Isebel (s. 16,31 u.ö.) im 9. Jhd. v. Chr. setzt natürlich ein Bündnis zwischen Phönizien und Israel voraus). Der konkrete historische Hintergrund dieser Untaten lässt sich aus diesen knapp formulierten Passagen nicht erschließen (obwohl man im ersten Fall gut an 2 Chr 28,18 denken kann, wo von der philistäischen Eroberung mehrerer judäischer Städte um oder kurz vor 734 v. Chr. berichtet wird), die Tat an sich war aber ganz üblich: Sehr ähnlich wird auch in Joel 4,6f. den Philistern und den Phöniziern Menschenhandel vorgeworfen, in Ez 27,13 noch einmal nur den Phöniziern. Von den Philistern (und den Arabern) noch einmal berichtet wird es außerdem in 2 Chr 21,17f.. In Joel 4,6f. und Ez 27,13 aber ist das Verurteilenswerte daran klar, dass es Israeliten waren, die hier verkauft worden; der Akt selbst war im Alten Orient und auch in Israel selbst durchaus nicht verurteilenswert.z Im Pentateuch finden sich denn auch eine ganze Reihe von Geboten für gottgemäße Versklavung von Kriegsgefangenen, z.B. in Ex 12,44 oder Dtn 20,13f.. Dass auch der Weiterverkauf nichts Ungewöhnliches war, zeigt Dtn 21,10-14, wo einzig für den Spezialfall, dass man eine weibliche Kriegsgefangene geheiratet und dann aber wieder entlassen habe, der Verkauf verboten wird. Mit der Strafe Gottes, von der Vv. 7f.10 sprechen, ist jedenfalls wahrscheinlich die Unterwerfung dieser vier philistäischen Städte durch Tiglat-Pileser um 734 v. Chr. und die von Tyrus 733 v. Chr. gemeint.
In Am 1,11-12 wird auch den Edomitern Vertragsbrüchigkeit vorgeworfen. Dass Vertragsbrüchigkeit in der Tat ganz objektiv eine Untat war, ist klar; fragen wir aber danach, was hier der konkrete historische Hintergrund sein könnte, verschwindet diese Klarheit. Von den israelitisch-edomitischen Verhältnissen überliefert sind in der Bibel nämlich nur mehrere Gelegenheiten, bei denen Edom von Israel erobert und später dann wieder unabhängig wurde (Edom wäre danach im Verhältnis Israel – Edom also stets die unterlegene Partei gewesen). Von den bekannten Ereignissen aus der jüngeren Vergangenheit kommen hier nur die in Frage, die in 2 Kön 16,6 und 2 Chr 28,17 berichtet werden. Danach hätte Edom sich die Kriegswirren in den Jahren 734-732 zunutze gemacht, um edomitische Gebiete zurückzuerobern, die sich erst wenige Jahre zuvor Amazjah und Usija mit einiger Grausamkeit angeeignet hatten (s. 2 Kön 14,7; 2 Chr 25,11f.; 2 Kön 14,22). Dass ein solcher „Vertragsbruch“ von Edom, das wie gesagt stets als unterlegen und nie als gleichberechtigter „Bruder“ (=Verbündeter) und „Freund“ (=Bundesgenosse) erscheint, hier als verurteilenswerte Untat dargestellt würde, wäre nun wirklich überraschend. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass viele Exegeten vermuten, dass entweder auch hier der historische Hintergrund schlicht unbekannt ist, oder dass der Edom-Abschnitt erst später ins Amos-Buch eingefügt wurde und mit dem Vertrag der aus dem 6. Jhd. v. Chr. gemeint ist, von dem Jer 27 berichtet und dessen Bruch durch die Edomiter in vielen nachexilischen Texten verdammt wird (s. z.B. die Anmerkungen zu Obadja). Mit der Strafe jedenfalls gemeint ist sehr wahrscheinlich auch hier die Eroberung Edoms durch die Assyrer um 733 v. Chr.
Der Abschnitt Am 1,13-15 dagegen ist wieder relativ unproblematisch und passt gut ins Muster der Abschnitte 1,3-5.6-8.9-10: Wie in 1,3-5 wird hier den Ammonitern vorgeworfen, sie hätten „die Schwangeren Gileads aufgeschlitzt, um ihre Grenzen zu erweitern.“aa Welche konkrete Untat hier gemeint ist, lässt sich aus dieser knappen Notiz wieder nicht erschließen; Gilead war Gegenstand ständiger Auseinandersetzungen zwischen Israel und Ammon (s. Ri 10,7f.; 11,4-13; 1 Sam 11,9-11; Jer 49,1 (der Stamm Gad siedelte in Gilead)). Die Untaten an sich waren aber auch wieder sehr üblich für Kriegszeiten: Vom „Aufschlitzen Schwangerer“ sprechen allein in der Bibel 2 Kön 8,12; 15,16; Hos 14,1; Entsprechendes ist auch überliefert von den Assyrern, den Arabern und den Griechen. Im letzten Vers, Hos 14,1, ist dies gar JHWHs Strafe an Samaria, auch dies ist also eher kein Kriegsverbrechen im eigentlichen Sinn – und wird hier dennoch verurteilt, nämlich sehr wahrscheinlich ebenfalls wieder mit der Eroberung Ammons durch die Assyrer um 733 v. Chr.

(Fortsetzung bei Amos 2)


aAmos - Ein sprechender Name (wie alle heb. Namen); Bed.: „Er [d.h. JHWH] hat getragen“ i.S.v. „unterstützt“, s. Jes 46,3, zum Namen s. DAHPN. Im Midrasch Leviticus, Midrasch Kohelet und in der Pesikta de Rab Kahana (xvi) findet sich eine alternative, sicher falsche, aber schöne Deutung: Der Name sei abzuleiten von ´amas „schwer sein“ und Amos habe diesen Namen, weil er eine „schwere Zunge“ gehabt habe: „Rabbi Pinchas sagte: ‚Er hieß Amos, weil er (von schwerer Zunge=) ein Stotterer war.‘ Die Leute riefen: ‚Gott hat diese Welt verlassen und sein Geist musste sich gerade auf diesen Stotterer niederlassen!?‘“. (Zurück zu v.1)
bHirte (Schafzüchter, Herdenverwalter) - Etwas unsicheres Wort, üs. am besten mit „Hirte“.
Genauer: Heb. noqdim; in der Bibel sonst nur noch in 2 Kön 3,4. Wegen verwandten Wörtern in verwandten Sprachen (s. z.B. Watson 2018, S. 322f.) ist klar, dass ein noqed etwas mit Viehzucht und vielleicht noch spezieller mit Schafzucht zu tun hat. Weil aber in anderen Texten gelegentlich auch von wohlhabenden noqdim die Rede ist – in 2 Kön 3,4 ist es ja sogar ein König, der als noqed bezeichnet wird –, gehen einige davon aus, dass ein noqed nicht ein einfacher Hirte ist, sondern eine Art „Oberhirte“, ein „Herden-Verwalter“ (s. ausführlich Lang 2006; z.B. auch Dietrich/Loretz 1977; Eidevall 2017, S. 94). Amos wäre dann ein recht wohlhabender und einflussreicher Mann. Deutsche Üss. übersetzen i.d.R. wahlweise mit „Hirte“ (z.B. SLT) „Schafhirte“ (z.B. EÜ) oder „Schafzüchter“ (z.B. LUT); möglicherweise soll Letzteres ein Ausdruck für Amos „Oberhirtentum“ sein (so jedenfalls recht sicher „Herdenbesitzer“ von MEN und TEXT und „Viehhalter“ von B-R).
Sehr viel spricht allerdings nicht für diese hohe Stellung des Amos; offensichtlich gibt es ja im kleinen Dorf Tekoa (s. gleich) mehrere nokdim; auch verwandte Texte sprechen nicht sehr dafür – wenn z.B. König Šulgi in Šulgi A,5 von sich sagt: „Ein na-gada (=noqed), ein sipa (= ‚Hirte‘) ... bin ich“, wird man daraus doch wohl eher nicht ableiten können, dass „ein na-gada etwas dem sipa Vor- / Übergeordnetes ist“ (Lang 2006, S. 332). Auch das aram. Kognat ngd bezeichnet sicher den „gewöhnlichen“ Hirten, der seine Herde „leitet“ (ngd), und auch die alten Üss. übersetzen schlicht mit „Hirte“ (so Quinta, Aq, Sym, Vul; auch Ibn Ezra, Kimchi. Vielleicht aber anders Tg: „Herdenbesitzer“. Theod („in Nokedim“) und LXX („in Nakkarim“; auch drei heb. MSs bei Kennicott und De Rossi haben nkrm statt nkdm) halten das Wort offenbar für einen Stadtnamen und transkribieren schlicht). (Zurück zu v.1)
cTekoa - Ein kleines Dorf südlich von Jerusalem. (Zurück zu v.1)
dwelcher war..., welche er sah (welcher sah) - Lautspiel: ˀašer-hajah – ˀašer ḥazah. Das den zweiten Relativsatz einleitende ˀašer („welche(r)) könnte sich sowohl auf die „Worte“ zurückbeziehen („die Worte, welche er sah“) oder mit absolutem ḥazah („sehen“ i.S.v. „ein Seher sein“) auf Amos („Amos, der sah = der ein Seher war“). Variante 1 z.B. in EÜ („Die Worte, die Amos ... über Israel geschaut hat“), Variante 2 z.B. in NL („Das sind die Worte von Amos. ... Er sah Visionen über Israel...“). Im Hebräischen lassen sich durchaus auch prophetische Worte „sehen“ – s. Jes 2,1; Mi 1,1. Dort sind es aber natürlich die „Worte JHWHs“, die Jesaja / Micha „sahen“; hier dagegen die „Worte des Amos“. Aber dass diese „Worte des Amos“ letztlich natürlich ebenfalls „Worte JHWHs“ sind, ist ja klar. Absolutes ḥazah i.S.v. „Seher sein“ dagegen findet sich sonst nie. Etwas mehr spricht daher für Variante 1. (Zurück zu v.1)
eZu Usija, Juda, Jerobeam und Israel s. die Anmerkungen. (Zurück zu v.1)
fErdbeben waren recht häufig in Israel; welches genau gemeint ist, lässt sich heute nicht mehr erkennen. Auch Sach 14,5 spricht aber von einem großen Erdbeben zur Zeit von Usija. (Zurück zu v.1)
gWenn... dann - Die Tempusfolge Yiqtol (2ab) - Weqatal (2cd) lässt sich am natürlichsten als Folgesatzgefüge auflösen. Meist wird aufgrund des Yiqtol 2ab futurisch übersetzt und 2cd dann als konsekutive Nebensätze: „JHWH wird brüllen, sodass vertrocken werden“. Möglich, und sinnvoller (s. die Anmerkungen) ist aber die iterative Deutung des Yiqtols („Wann immer JHWH brüllt, gilt immer: es vertrocknen...“); so z.B. Mays 1969b, S. 20f.; Weippert 1985, S. 17; Wolff 1969, S. 145; so auch MEN.
Weil sich ein direkter Zusammenhang zwischen dem Brüllen JHWHs und dem Vertrocknen der Natur nicht erkennen lässt, übersetzen dennoch einige als bloße Satzreihe (z.B. Eidevall 2017: „YHWH roars from Zion, and from Jerusalem he utters his voice; the pastures of the shepherds dry up, and the top of Carmel withers.“). Auf eine sehr klare Parallele hat aber z.B. Möller 2003, S. 161f. hingewiesen: In der akkadischen „Fabel vom Fuchs“ rühmt dieser sich: „Auf mein schreckliches Bellen hin trocknen Berge und Flüsse aus!“. Ähnlich sind ja auch 2 Sam 22,16 (=Ps 18,16), wo wegen JHWHs Schelten der Meeresgrund sichtbar wird, oder Ps 104,7, wo Wasser vor „der Stimme seines Donnerns“ fliehen, oder Ps 148,8 und Sir 43,16f., wo natürlich Naturphänomene Gottes Wort gehorchen. Ein ganz ähnliches Bild findet sich auch später in b.Chul 59b, wo vom sagenumwobenen „Löwen von Bei Ilai“ berichtet wird: „[Als er auf Kaiser Hadrian losstürmte] und noch vierhundert Parasangen entfernt war, brüllte er einmal, und alle Schwangeren hatten Fehlgeburten und die Mauern von Rom stürzten ein. Als er noch dreihundert Parasangen entfernt war, brüllte er ein weiteres Mal, und die Backenzähne und Schneidezähne der Männer fielen aus und [Hadrian] fiel von seinem Thron.“ (Zurück zu v.2)
hKarmel - ein Berg in Israel, sprichwörtlich für seine Fruchtbarkeit und die Bewaldung seines Gipfels. (Zurück zu v.2)
iIm Dt. nicht gut erkennbar: „Wegen“ und „Weil“ sind im Heb. jeweils die selbe Präposition; z.B. in Am 1,3 macht das recht sicher, dass 3abc als Trikolon zusammenzunehmen sind: `al ... we`al ... `al, „Weil... und weil...: Weil...“. (zu v.3 / zu v.6 / zu v.9 / zu v.11 / zu v.13)
jwegen drei Vergehen ... und wegen vier - Die Bed. dieser Einleitungsformel ist leider ganz unklar. Sie erinnert sehr an die „Zahlensprüche“, wie sie z.B. in weisheitlicher Literatur wie Spr 6,16; 30,15ff. und Sir 25,9; 26,5; Sir 50,27f., aber auch andernorts in der Bibel begegnen. Formal am nächsten steht dieser Formel Ijob 33,14 (Verbalsatz + paralleler Satz mit verbaler Ellipse und Ballastvariante). Üblicherweise jedoch hat ein Zahlenspruch die Form: X / X+1 – Ausführung von X+1; z.B. eben in Ijob 33,14-28: „In einer Weise redet Gott / und in zweien, ohne dass man es merkt...“, worauf in Vv. 15-28 diese zwei Weisen des Redens Gottes ausgeführt werden. In Am 1-2 aber werden vier Vergehen nur in der Edom- und der Israel-Strophe aufgezählt, in den anderen steht jeweils nur eines.
Verschiedenste Vorschläge sind gemacht worden, um dies zu erklären; überzeugend ist keiner davon. Z.B.: Die jeweilige Strophe impliziere zwar vier Vergehen, ausgeführt werde aber jeweils nur das letzte und schlimmste dieser vier (z.B. Wolff 1969), oder: der Zahlenspruch sei hier nicht wirklich ein Zahlenspruch, sondern spreche von einer unbestimmten Anzahl ausreichend vieler Vergehen (ähnlich dem Dt. „so drei, vier Vergehen“; vgl. Am 4,8), um dann aber dennoch nur eines auszuführen (z.B. van Hoonacker 1908; daher Dahl 1795: „Weil vielfach sündigte X“), oder: 3 und 4 sei zueinanderzuaddieren, 7 stehe dann als symbolische Zahl dafür, dass das Maß nun voll ist (z.B. Garrett 2008), oder: 3+4 ergebe 7, gemeint seien damit sowohl die sieben Einzelsünden der Nationen vor der Israelstrophe und die sieben Sünden Israels in der Israel-Strophe (z.B. Weiss 1967b) usw. Der Sinn der Amos'schen Zahlensprüche muss aktuell als unerklärt gelten. (Zurück zu v.3 / zu v.6 / zu v.9 / zu v.11 / zu v.13)
kich werde es nicht widerrufen (rückgängig machen, zurückkehren lassen, sie nicht zurücknehmen, [die Sache] nicht ruhen lassen) - ebenfalls unerklärt ist der zweite Teil der Einleitungsformel der Amos'schen Völkersprüche. Unklar ist nämlich, worauf das pronominale Suffix „ihn/es“ sich bezieht und wie demzufolge das Verb zu deuten ist. Vorschläge: (1) Am häufigsten und noch am besten vertretbar: Das Suffix bezieht sich allgemein auf das im Folgenden ausgeführte Urteil Gottes, das „nicht zurückgenommen“ wird (vgl. zur Formulierung Num 23,20; Est 8,5.8; Jes 43,13, vgl. HER05: „ich widerrufe es nicht“), (2) ähnlich, ebenfalls häufig: es bezieht sich auf die Strafe Gottes, die „nicht abgewendet“ wird (van Ess: „ich halte die Strafe nicht zurück“), (3) auf „die (machtvolle) Stimme“ Gottes aus V. 2, die die Bestrafung der Nationen in Gang setzt und deren Sprechen „nicht rückgängig gemacht“ wird (z.B. Hayes 1988, Andersen/Freedman 1989), (4) auf den Zorn Gottes, der „nicht zurückgehalten“ wird (z.B. Harper 1905, Knieriem 1977), (5) auf die jeweilige Nation, die JHWH nicht „in seine Vasallenschaft zurückkehren“ lässt (z.B. Barré 1986, Stuart 1987), (6) auf das Vergehen, das Gott „nicht beilegen“ und also übergehen wird (Gordis 1979/1980, S. 202; vgl. NL: „ich werde nicht länger darüber hinwegsehen“, PAT: „ich verzeihe es nicht“) u.s.w. (Zurück zu v.3 / zu v.6 / zu v.9 / zu v.11 / zu v.13)
lmit eisernem Dreschschlitten dreschen - gebräuchliche Metapher für die Vernichtung einer Stadt, einer Region o.Ä. (s. Jes 41,15f.; Jer 51,33; Mi 4,13). Der „Dreschschlitten“ war ein schweres Brett, in dessen Unterseite scharfkantige Steine o.Ä. eingelassen waren und mit dem auf der Tenne Getreide gedroschen wurde, s. Wikipedia: Dreschschlitten. (Zurück zu v.3)
mHasaël und Ben-Hadad waren zwei aramäische Könige; Hasaël nämlich in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts (842-803 v. Chr.), Ben-Hadad (ein häufigerer Name unter den aramäischen Königen) meint hier sicher dessen Sohn, Ben-Hadad II. (803-775 v. Chr.; zur Thronfolge in Damaskus vgl. Damaskus (AT) (WiBiLex)). „Haus Hasaëls“ || „Festungen Ben-Hadads“ ist übrigens ein sog. N-Shift, ein häufiges Stilmittel im Heb., bei dem in zwei zusammengehörigen Halbzeilen ein Sg.-Ausdruck im Parallelismus mit einem Pl.-Ausdruck steht. (Zurück zu v.4)
nden Riegel zerbrechen - nämlich den Riegel des Stadttores; ich werde also die Stadt erobern. Mögliche historische Hintergründe dieser Drohung sind entweder die Eroberung von Damaskus durch den israelitischen König Jerobeam (s. 2 Kön 14,28), was gut an die Abfolge „Hasaël - Ben-Hadad“ anschlösse, oder die Unterwerfung von Damaskus durch die Assyrer, was am besten zur Rede von der Deportation der Aramäer nach Kir passt (s. die Anmerkungen). Welche Eroberung hier in 5a gemeint ist, ist aber eigentlich nicht wichtig; entscheidend: Arams Vergehen werden vergolten werden. (Zurück zu v.5)
o(den=) die Bewohner (den Thronenden?) - Heb. joscheb, von jaschab „wohnen, sitzen“, prima vista also „die Wohnenden“ (kollektiver Sg.). „Die Bewohner“ aber nur in älteren Üss., in neueren Üss. und Kommentaren geht man wegen dem parallelen 5c davon aus, dass „sitzen“ hier „thronen“ bedeuten müsse und daher in 5b ebenso wie in 5c von „Herrschern“ die Rede ist. Daher z.B. LUT 84, ZÜR 31: „die Bewohner“ vs. LUT 17, ZÜR 07 „der, der dort thront / auf dem Thron sitzt“. Doch dies ist nicht ganz unproblematisch, weshalb in der OfBi besser der klassischen Üs. gefolgt werden sollte.
Genauer: Rudolph 1971, S. 126 etwa verweist als Parallelen auf Ps 2,4; 9,8; 29,10 und Jes 10,13. An den ersten drei Stellen wird die Bed. aber dadurch klar, dass hier je ein besonderer Ort des „Sitzens“ genannt wird – Ps 2,4: „JHWH sitzt/thront im Himmel“, Ps 29,10: „JHWH sitzt/thront auf ewig / aufgerichtet hat er zum Gericht seinen Thron“, Ps 29,10: „JHWH sitzt/thront über der Flut, / JHWH sitzt/thront (als) König ewiglich“; die Stellen legen also nicht nahe, dass jaschab wirklich eine Sonderbedeutung „thronen“ haben muss, sondern „sitzen im Himmel / auf einem Thron / als König über der Flut“ ist einfach nur in diesem Kontext natürlich „Thronen“. Die einzige Stelle, an der wie hier ohne einen solchen Kontext nur aus dem Wort klar werden müsste, dass „sitzen“ die Bed. „thronen“ haben soll, ist Jes 10,13: „Ich stieß als Gewaltiger Sitzende=Thronende herab.“ Doch offenbar ist der Text hier nicht in Ordnung. LXX und Syr haben „ich werde erschüttern bewohnte Städte“, Tg: „die Bewohner von starken Städten“, Qere, einige MSs und VUL lesen כביר kabir „gewaltig“ statt כאביר ke´abir „als Gewaltiger“ (in 1QJesa fehlt gerade dieses Wort). Jes 10,13 ist damit eine denkbar unsichere Basis, um auf ihr eine neue Spezialbedeutung dieses so breit belegten Wortes joscheb als „Sitzer“ > „Throner“ > „Herrscher“ aufruhen zu lassen – und „ich rotte den Bewohner von Bikat-Awen aus“ ist ja einwandfrei, wenn es auch keinen so schönen Parallelismus mit „den Szepter-Halter aus Bet-Eden“ ergibt. (Zurück zu v.5 / zu v.8)
pBikat-Awen, Bet-Eden und Kir sind unbekannte Orte. Die ersten beiden sind sprechende Ortsnamen: „Sündental“ und „Lusthausen“ (so z.B. Wolff 1969, B-R). Vielleicht sind es daher herabsetzende Verballhornungen anderer Ortsnamen (wie „Bet-Awen“ statt „Bet-El“, also „Sündenhausen“ statt „Gotteshausen“ in Hos 5,8; 10,5), vielleicht aber auch nur sonst unbekannte aramäische Städte oder Regionen. Für eine Übersicht über verschiedenste ältere Identifikationen s. Harper 1905, S. 19f.; hier folgen nur die aktuell verbreitetsten: Bei Bet-Eden spricht viel dafür, dass es identisch ist mit dem in assyr. Texten bezeugten Bit Adini am Euphrat, also im Osten Arams (vgl. bes. Malamat 1957). Einige (z.B. Paul 1991, S. 54) gehen daher davon aus, dass hier ein „räumlicher Merismus“ angezielt sei und dann mit Bet-Eden / Bit-Adini im Osten Arams und Biqat-Awen, das demzufolge am Libanon im Westen Arams liegen müsse, „ganz Aram von Ost bis West“ umschrieben werden solle. Identifiziert wird es seit dem 18. Jhd. gemeinhin mit dem Bekaa-Tal (von arab. wadi al-biqa`, „das Tal-Wadi“; zu biqa` vgl. Fischer 2008, S. 290f. Das „Bekaa-Tal“ ist etymologisch gesehen also eigentlich das „Tal-Tal“) zwischen Libanon und Antilibanon, ursprünglich aber deshalb, weil in der Nähe ein weiterer Ort liegt, der noch heute „Eden“ heißt (vgl. zu dieser Identifikation z.B. Steiner 2009, S. 509-512). Doch das ist ganz hypothetisch, und gerade biqat („Tal“) ist ja der unproblematische Teil des Ortsnamens; in Frage steht, welcher Name mit ´awen („Sünde“) verballhornt (?) wird und welches Tal demzufolge hier gemeint ist. Vielleicht ist dies wie gesagt auch gar keine Verballhornung; LXX und Syr etwa gehen von einer anderen Vokalisation aus als MT: „die Eben On“ / „das Tal von Aon“.
Kir dagegen ist mehrfach belegt, auch hier ist aber nicht bekannt, wo dieser Ort liegt. Dass er in Jes 22,6 zusammen mit Elam genannt wird, könnte auf den Osten Arams weisen; mehr Indizien gibt es bisher nicht. Entscheidend ist aber, dass Kir erstens nach Am 9,7 für die Aramäer eine ähnliche Rolle spielte wie Ägypten für die Israeliten, nämlich als Ort, aus dem sie von Gott herausgeführt wurden, und dass zweitens die Aramäer nach 2 Kön 16,9 in der Tat in den 730ern v. Chr. durch die Assyrer nach Kir deportiert wurden. (zu v.5)
qZur Kolometrie von Vv. 4f.: Meist wird 4ab als Bikolon zusammengenommen. Weil gleichzeitig 5bc auch nach der masoretischen Akzentuierung klar zusammengehören (vgl. auch Tsumura 1988), macht 5ad einigen Üss. Schwierigkeiten; verschiedene Kolometrien und auch einige Zeilen-Umstellungen wurden vorgeschlagen (noch Mays 1969b und Christensen 1974 z.B. wollen mit einigen älteren Forschern 5d nach 5a verschieben). Wenn aber klar ist, dass 4ab und 5bc zusammengehören, ist die Sache gar nicht mehr sehr schwierig: 4ab.5a und 5b-d sind jeweils ein Trikolon; das erste spricht von Architektur („Haus“, „Paläste“, „Stadttor“), das zweite von Menschen („Bewohner/Herrscher“, „Szepter-Träger“, „Volk“). (Zurück zu v.5)
rGaza, Aschdod, Aschkelon und Ekron waren vier der fünf größten Städte der („Pentapolis“) Philistäa (s. Jos 13,3; 1 Sam 6,4.17). Wie in Jer 25,20; 47,5.7; Zef 2,4; Sach 9,5f. fehlt Gath, die fünfte Stadt (zu dieser vgl. z.B. Levine 2012). Das deutet vermutlich hin auf eine Verfassungszeit des Verses entweder nach der Eroberung Gaths durch Usija (s. 2 Chr 26,6) oder eher nach 712/711 v. Chr., da in diesem Jahr der assyrische König Sargon vielleicht Gath zerstört hat (Gimtu“, gemeinsam genannt mit Aschdod. Denn wäre der Grund die Eroberung durch Usija, wäre die Nennung der Stadt Aschod, die Usija ja ebenfalls eroberte, schwer verständlich). Doch das Fehlen Gaths kann verschiedenste Gründe haben; z.B. auch schlicht poetische, oder es könnte inbegriffen sein im „Rest der Philister“ in 8d. (Zurück zu v.6 / zu v.8)
sVon welchem historischen Ereignis Vv. 6.9 sprechen, ist unbekannt. Dass Gaza (=Philistäa) und Tyrus (=Phönizien) Gebiete eroberten und dann die gefangengenommene Bevölkerung als Sklaven verkauften (oder auch nur als Zwischenhändler anderer Eroberer fungierten), ist sehr gut möglich; Sklavenhandel war damals durchaus üblich und gerade Gaza und Tyrus waren zwei Handelshochburgen. Von Gaza führte außerdem eine Handelsroute direkt nach Edom; Tyrus und Gaza handelten eifrig untereinander – man kann sich also sehr gut vorstellen, dass Tyrus Sklaven nach Gaza verschiffte und Gaza diese (und eigene) Sklaven nach Edom verkauften, wo sie dann zum Beispiel in den edomitischen Kupfermienen arbeiten hätten müssen (vgl. z.B. Smith 1998; Schütte 2016, S. 30f.). In Joel 4,6f. wird sehr ähnlich den Phöniziern und Philistern vorgeworfen, sie hätten gemeinsam Sklaven nach Griechenland verkauft, in Ez 27,13 noch einmal nur den Phöniziern.
Dass eine solche Exilierung kompletter Exulantenschaften aber in der Bibel sonst nirgends erwähnt worden sein soll, hat zurecht viele Forscher verwirrt. Ist der historische Hintergrund der syrisch-ephraimitische Krieg (s. die Anmerkungen), könnte man annehmen, dass der historische Hintergrund die Eroberung judäischer Städte durch die Philister ist, von der 2 Chr 28,18 spricht, und ist es wahr, dass auch Tyrus/Phönizien beteiligt war am aramäisch-israelitischen Feldzug gegen Jerusalem (s. die Anmerkungen), könnte man annehmen, dass auch die Tyrer bei dieser Gelegenheit die Einwohner ganzer Gebiete gefangen nahmen.
Indes ist es gar nicht notwendig, dass Vv. 6.9 tatsächlich von Sklavenhandel sprechen; gut möglich wäre theoretisch auch, dass die Philister und die Phönizier nur mitschuldig gemacht werden an der Gefangennahme „vieler Gefangener“ durch die Edomiter in 2 Chr 28,17, weil sie durch ihre Angriffe auf Juda dieses den Edomitern schutzlos preisgaben (zu sagar nicht i.S.v. „aushändigen“ wie z.B. 1 Sam 23,12, sondern i.S.v. „schutzlos preisgeben“ s. Ps 78,48.50.62 („jmdn dem Hagel/der Pest/dem Schwert preisgeben“); Klg 2,7 („Der Herr gab die Mauern ihrer Burgen dem Feind preis“)). Doch dann passte dieser Vorwurf nicht sehr gut in die Reihe der Vorwürfe an die anderen Nationen. (Zurück zu v.6 / zu v.9)
tmeine Hand ausstrecken - um zu bestrafen; ein häufiges Bild in der Bibel. (Zurück zu v.8)
uMit Bündnis zwischen Brüdern gemeint ist vielleicht das Bündnis zwischen König Hiram I. von Tyrus und David und Salomo, s. 2 Sam 5,11; 1 Kön 5,15ff., bes. V. 26; auch 1 Kön 9,12f.. Auch die Heirat des israelitischen Königs Jerobeam mit der Phönizierin Isebel (s. 16,31 u.ö.) im 9. Jhd. v. Chr. setzt natürlich ein Bündnis zwischen Phönizien und Israel voraus. „Brüder“ ist in Kontexten wie diesem ein terminus technicus für Bündnispartnern, s. auch V. 11. (Zurück zu v.9)
vtFN: (seine Freunde=) seine Verbündeten (sein Erbarmen, seine Gebärmutter, dessen Frauen) - (1) prima vista klar „sein Erbarmen“; so auch fast alle dt. Üss. (2) racham steht aber auch oft für den Mutterschoß. Aq und Sym übersetzen daher mit „Eingeweide“, LXX mit „Gebärmutter“. Auch Hieronymus gibt dies in seinem Kommentar als Alternative an und erklärt diese Alternative so, wie sich das auch bei ma. jüdischen Auslegern findet: „R. Juda sagte: ‚Als Esau [=der Vorfahre der Edomiter] gerade geboren werden sollte, verletzte er die Gebärmutter seiner [und seines Bruders Jakob, des Vorfahren der Israeliten] Mutter [Rebekkah], so dass sie nicht mehr fähig sein würde, weitere Kinder zu bekommen.‘“ (Midrasch Tanchuma, Ki Teitzei 4). (3) Wegen dieser Bed. kann es in Ri 5,30 metonymisch für gebärfähige Frauen stehen. Deshalb LUT 1545: „daß er ihre Schwangeren umgebracht hat“; so auch Paul 1991, Garrett 2008. Beliebt ist diese ziemlich fernliegende Deutung deshalb, weil dann V. 11 sehr stark V. 13 entsprechen würde. (4) Noch besser aber Fishbane 1970; Fishbane 1972; Gordis 1979, S. 211; Barré 1985; Kessler 2018, S. 216 und NET: Im Aram. ist rchm häufiger der „Freund, Verwandte“ und kann daher wie ach „Bruder“ auch für Bündnispartner stehen, z.B. in in der aram. Inschrift Sef iii 8 und in 1Q20 xii 21. Das Verb radap („verfolgen“) bildet häufig gemeinsamm mit einem Wort für „töten“ eine Doppelverbformel (sehr gut Barré 1985); kann man die aram. Bed. „Bündnispartner“ von rchm auch hier annehmen, ist daher die natürlichste Bed. dieser Doppelzeile sicher die in der Primärüs.: „Weil er seinen Verbündeten verfolgte und seinen Bündnispartner vernichtete“. Dass so viele Üss. statt „vernichten“ das wenig passende „ersticken“ wählen („weil er sein Erbarmen erstickte“, so z.B. ELB, HER05, H-R, MEN, NEÜ, PAT, R-S, SLT, ZÜR), ist merkwürdig und wohl eine reine Traditionsübersetzung. (Zurück zu v.11)
wbewachen und bewahren: Häufige Doppelverbformel; für gewöhnlich entweder in Verbindung mit göttlichen Geboten oder dem Bund mit Gott, s. Dtn 33,9; Ps 105,45; 119,34, oder vom umsichtigen oder behüteten Leben, s. Ps 12,8; 140,5; Spr 2,11; 4,6. Edom bewahrt und behütet gerade nicht den Bund mit seinem Bruder, sondern seinen Zorn und seinen Grimm.
Textkritik: Im MT: wajjitrop, „(sein Zorn) zerfleischte“. LXX, VUL, Syr und wohl auch Aq, Sym und Theod setzen stattdessen wajjittor „er bewachte seinen Zorn“ von ntr I „bewachen, behüten“ (wie Hld 1,6) oder „in seinem Zorn war er nachtragend“ von ntr II „nachtragend sein“ (wie Nah 1,2) voraus (zu Aq, Sym, Theod: Diese stützen wohl nicht MT, wie es meist heißt: ἤγρευσεν, „er fing/erjagte in seinem Zorn“. Dem liegt wahrscheinlich ebenfalls ein ויטר zugrunde, das durch das üblichere ויצר ersetzt wurde (נטר ist die seltenere aram. Variante des gebräuchlicheren נצר) und dann als ויצד von צוד „jagen“ verlesen wurde. Gr. agreuo ist auch in Ijob 10,16 LXX und Spr 6,26 LXX die Üs. von tsud). Tg hat „er tötete in seinem Zorn“. Das könnte sowohl eine freie Wiedergabe von MT als auch von ויטר / ויצר oder ויצד sein; Tg ist also für die Textkritik nicht brauchbar. MT ist damit der einzige Textzeuge, der sicher wajjitrop bezeugt; dagegen stehen zwei Zeugnisse unterschiedlichen Charakters für ויטר von insgesamt sechs Textzeugen. Viele Exegeten halten daher sinnvoller wajjitor für ursprünglich; andere verweisen dagegen auf Ijob 16,9 (ähnlich Ijob 18,4), wo sicher „Zorn zerfleischt“. Die Üss. sind gespalten: wajjittor halten für ursprünglich EÜ, H-R, HER05, R-S, TEXT, ZÜR 31 („er hielt an seinem Groll fest“, „verharrte in seinem Zorn“, von ntr I), auch LUT 1912-2017 („er wütete in seinem Zorn“, von ntr II); wajjitrop dagegen B-R, ELB, LUT 1545, SLT, TAF, TUR, van Ess, ZÜR 07 („sein Zorn zerfleischt“). (Zurück zu v.11)
xSchwangere aufschlitzen (Berge/Plateaus durchbrechen) - eine verbreitete Kriegspraxis, s. 2 Kön 8,12; 15,16; Hos 14,1. Den Sinn dieser Handlung erklärt gut Raschi: „Sie zerschlitzten ihre Schwangeren, so dass kein Erbe übrig bliebe, der ihnen das Gebiet streitig hätte machen können“.
tFN: Die „Schwangeren“ sind im Heb. die harot, Pl. von harah, was auch aussieht wie ein fem. Pl. von har („Berg“ (mask.), Pl.: harim). Gilead war eine teilweise sehr bergige Gegend und heißt daher in Ob 20 gar „Vormauer der Israeliten“. Das Verb baqa´ („etwas durchbrechen, zerschlitzen“) wird in dieser Bed. (Lebewesen aufschlitzen“) eigentlich im Piel verwendet (s. 2 Kön 2,24; 8,12; 15,16; Hos 13,8), hier aber steht es im Qal. Im Qal wird es eigentlich nur in zwei Bedd. verwendet: (1) „das Meer spalten“ oder „einen Felsen spalten“ (Ex 14,16; Ri 15,19; Neh 9,11; Ps 78,13; 141,7; Pred 10,9; Jes 48,21; 63,12) oder (2) „an einem Ort einbrechen, bei Menschen durchbrechen“ (2 Sam 23,16; 1 Chr 11,18; 2 Chr 21,17; 32,1; dies auch im Hifil: 2 Kön 3,26; Jes 7,6); Ausnahme ist nur Ez 29,7, wo Ägypten metaphorisch als Schilfrohr dargestellt wird. Immer wieder haben daher Ausleger angenommen, dass harot hier eigentlich ein Gebiet bezeichnen müsse („weil sie ins [GEBIET] von Gilead eingebrochen sind, um ihre Grenzen zu erweitern“): Eine heb. Handschrift bei Kennicott hat hare („die Berge von“) statt harot („Schwangere“), David Kimchi und Abravanel glauben, harot werde hier verwendet wie harim („Berge“), Driver 1938, S. 261; Reider 1954, S 279; Saydon 1961, S. 256f. nehmen aufgrund des Arabischen ein fem. Wort har II an, das „steiniges Land, Felsplateaus“ bedeute und eine gebräuchliche Umschreibung für Gilead sei („das ‚steinige Land‘, d.h. Gilead“), obwohl es so nur in diesem Vers belegt sei. Auch R-S hat daher „dass sie das Bergland Gileads eroberten“. Aber all dies ist unnötig; der Vers an sich hat ja gute Parallelen (s.o.) und dass das Verb diese Bed. auch im Qal haben kann, zeigt ja Ez 29,7. (Zurück zu v.13)
yTextkritik: Die Konsonanten mlkm werden von MT, VL und Tg als malkam („ihr König“) vokalisiert, von LXX, Aq, Sym, Vul und Syr dagegen als milkom („Milkom“, der Gott der Ammoniter). LXX und Syr haben außerdem statt „er“, das auch von 4QXIIg, VUL und Tg gestützt wird, in 15b „seine Priester“, setzen also כהניו statt הוא voraus. Letzteres ist wohl aus Jer 49,3 hier eingedrungen; die Vokalisierung von mlkm als milkom lag nach diesem Eindringen umso näher. (zu v.15)
zVielleicht ist übrigens auch gar nicht von Menschenhandel die Rede, sondern von Exilierung, wie z.B. der Sohn des aram. König Panammuwa (Mitte 8. Jhd.) diesen damit rühmt, dass er „Töchter es Ostens nach Westen und Töchter des Westens nach Osten“ verschleppt habe. Text bei Younger 1986, S. 95. (Zurück zum Text: z)
aaDass Gilead hier als israelitisches Gebiet gesehen wird, ist klar, da sowohl den Aramäern als auch den Ammonitern Untaten gegen Gilead vorgeworfen werden. Auch die auf der Seite Amos zitierte assyrische Inschrift rechnet ja Gilead Israel zu. Wenige Jahre zuvor gehörte Gilead noch zu Aram (s. zu Vv. 1,3-5); dass Am 1,13-15 nicht die politische Situation zu Lebzeiten des Amos im Blick hat, ist daher klar. (Zurück zum Text: aa)