תֹּהוּ: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Offene Bibel

Wechseln zu: Navigation, Suche
Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
Zeile 19: Zeile 19:
===Zu Gen 1,2===
===Zu Gen 1,2===


Dabei gibt es in Gen 1,2 eigentlich überhaupt keine Indizien, die eine Bedeutung „formlos“ nahelegen; die Indizien weisen vielmehr dahin, {{hebr}}תֹהוּ וָבֹהוּ{{hebr ende}} entsprechend der Bedeutung (5) von {{hebr}}תֹּהוּ{{hebr ende}} zu deuten:  
Dabei gibt es in Gen 1,2 eigentlich überhaupt keine Indizien, die eine Bedeutung „formlos“ nahelegen; die Indizien weisen vielmehr dahin, {{hebr}}תֹהוּ וָבֹהוּ{{hebr ende}} entsprechend der obigen Bedeutung (5) von {{hebr}}תֹּהוּ{{hebr ende}} zu deuten:  


# Da ist zunächst der Kontext der Stelle:
# Da ist zunächst der Kontext der Stelle:
Zeile 25: Zeile 25:
## Der weitere Kontext ist Gen 1. Dort wird der Ausgangszustand der Welt offenbar so vorgestellt, dass die Welt aus Wasser besteht und Gott zunächst einmal das Wasser in zwei Teile trennen muss, um einen Himmel schaffen zu können (V. 6-8) und dann das restliche Wasser verlagern muss, damit überhaupt trockenes Land (das Gott dann als „Erde“ benennt) sichtbar werden kann (V. 9-10). Vor Vers 9 gibt es also offenbar noch gar keine „Erde“.  
## Der weitere Kontext ist Gen 1. Dort wird der Ausgangszustand der Welt offenbar so vorgestellt, dass die Welt aus Wasser besteht und Gott zunächst einmal das Wasser in zwei Teile trennen muss, um einen Himmel schaffen zu können (V. 6-8) und dann das restliche Wasser verlagern muss, damit überhaupt trockenes Land (das Gott dann als „Erde“ benennt) sichtbar werden kann (V. 9-10). Vor Vers 9 gibt es also offenbar noch gar keine „Erde“.  
## Ein noch weiterer Kontext ist die Bibel. Dort haben wir mehrere Paralleltexte zu Gen 1; z.B. den Schöpfungspsalm Ps 104, wo unter anderem wieder davon berichtet wird, dass Gott erst den Fluten kommandieren muss, sich von über der Erde fortzuziehen, damit die Erde entstehen kann (damit „die Berge sich heben und die Täler sich senken“ können, V. 8 - die Verse beziehen sich also ganz offensichtlich nicht auf die Sündflut, wie gelegentlich behauptet wurde).  
## Ein noch weiterer Kontext ist die Bibel. Dort haben wir mehrere Paralleltexte zu Gen 1; z.B. den Schöpfungspsalm Ps 104, wo unter anderem wieder davon berichtet wird, dass Gott erst den Fluten kommandieren muss, sich von über der Erde fortzuziehen, damit die Erde entstehen kann (damit „die Berge sich heben und die Täler sich senken“ können, V. 8 - die Verse beziehen sich also ganz offensichtlich nicht auf die Sündflut, wie gelegentlich behauptet wurde).  
# Dafür spricht weiterhin die Tatsache, dass es mehrere mit Gen 1 vergleichbare Kosmogonien gibt, in denen ebenfalls das häufige Motiv zu finden ist, dass die Schöpfung ihren Anfang nimmt mit einer Urflut, aus der heraus dann entweder erst Götter oder aber die Erde entstehen muss; vgl. z.B. das Enuma Elisch (wo am Anfang Tiamat und Apsu - die Göttinnen von Urwasser und Unterwasser - stehen), diverse Sargsprüche im Ägyptischen (No. 80 (COS 1.8) 657 (COS 1.12); 714 (COS 1.2)) oder das ägyptische Papyrus Brehmer-Rhind (COS 1.9); außerdem die in Philos „Phoinikia“ teilweise überlieferte phönizische Kosmogonie, an deren Anfang ein „finsteres, vom Sturm getriebenes, nasses Chaos“ (Schedl 1964, S. 249) steht.  
# Dafür spricht weiterhin die Tatsache, dass es mehrere mit Gen 1 vergleichbare Kosmogonien gibt, in denen ebenfalls das häufige Motiv zu finden ist, dass die Schöpfung ihren Anfang nimmt mit einer Urflut, aus der heraus dann entweder erst Götter oder aber die Erde entstehen muss; vgl. z.B. das Enuma Elisch (wo am Anfang Tiamat und Apsu - die Göttinnen von Urwasser und Unterwasser - stehen), diverse Sargsprüche im Ägyptischen (No. 80 (COS 1.8) 657 (COS 1.12); 714 (COS 1.2)) oder das ägyptische Papyrus Brehmer-Rhind (COS 1.9); außerdem die in Philos „Phoinikia“ teilweise überlieferte phönizische Kosmogonie, an deren Anfang ein „finsteres, vom Sturm getriebenes, nasses Chaos“ (Schedl 1964, S. 249) steht.


==={{hebr}}בֹהוּ{{hebr ende}}===
==={{hebr}}בֹהוּ{{hebr ende}}===

Version vom 26. September 2013, 13:43 Uhr

zurück zur Vokabelliste AT

Prolegomena[Bearbeiten]

Dass das Wort תֹּהוּ mehr als viele andere Wörter in den Fokus von Bibelexegeten gerückt ist, liegt vor allem daran, dass es unter anderem auch in Gen 1,2 im Syntagma תֹהוּ וָבֹהוּ verwendet wird; die Auslegungen dieser Stelle sind dann stark in die Lexikologie des Begriffs mit eingeflossen.
Es ist daher nötig, zuvor auf diese Stelle einzugehen, um einen klaren Blick für die Worbedeutung zu bekommen.

Lexikologiegeschichtliches[Bearbeiten]

Ursprünglich wurde תֹּהוּ in Wörterbüchern gelistet mit den Bedeutungen (1) Verwüstung , (2) Wüste, (3) Leere, (4) Sinnlosigkeit und (5) Nichts; so z.B. in GesThes III, S. 1495; Tregelles, S. 857; SS, S. 839 (Gen 1,2 wird von diesen entweder zu Bed. (1) oder (2) gezählt).
Schon bald wurde jedoch Gen 1,2 stärker als andere Stellen berücksichtigt. Eine Auslegung dieser Stelle sah häufig in etwa so aus wie noch heute die von Sasson 1992 oder Cassuto 2005, die in ihrer Auslegung nicht zunächst von der Wortbedeutung ausgehen, sondern vom Kontext des Syntagmas und eine daraus abgeleitete Bedeutung dann in das Syntagma תֹהוּ וָבֹהוּ zurücklesen.a
An älteren Kommentaren vgl. z.B. den merkwürdigen Argumentationsgang in Dillmann 1882, S. 17: „Zwar תֹהוּ [...] Wüste, Oede ist im hebr. in verschiedenen Bedeutungen immer gebräuchlich geblieben, aber בֹהוּ [...] Leere kommt nur noch Jer 4,23 und Jes 34,11, und zwar ganz offenbar aus der Schöpfungserzählung entlehnt, vor. Zu diesem Begriff der gestaltlosen Masse kommen hinzu...“ (meine Emphase); ähnlich eindrücklichen die Argumentationssprünge in Driver 1905, S. 4 und Skinner 1910, S. 16f.

Wie merkwürdig diese zusätzliche Bedeutung (6) „Chaos“ sich in die Reihe der Bedeutungen von תֹּהוּ einfügt, sieht man dann z.B. in Lexika wie Fürst/Davidson: „1. Zerstörung, v.a. gesagt vom primitiven Chaos zur Zeit, als die Erde entstand Gen 1,2, =בֹהוּ“ oder König, der doch tatsächlich „Wüste“ gleichsetzt mit „eine der Ausgestaltung und Organisation entbehrende Masse“, um die Bedeutung in seinem Lexikon unterbringen zu können.
Seit dieser Zeit aber findet sich etwas ähnliches wie „Chaos“ immer wieder in den Wörterbüchern und Kommentaren. BDB z.B. listet zu „formlos“ dann nicht mehr nur Gen 1,2, sondern auch noch Jer 4,23; Jes 34,11; Jes 45,18 (und Jes 24,10, das sie dann aber dennoch übersetzen mit „leerer Raum“).

Auch mit den Kognaten beißt sich diese Bedeutung. Angeführt werden i.d.R. das QH תּוֹהוּ „Nichtigkeit, Nichts, Ödnis“, das MH תּוֹהוּ „Erstarrung, Ödnis“, das arabische tîh „Wüste“ und das ugaritische thw „Wüste“ - von „formlos“ keine Spur.

Zu Gen 1,2[Bearbeiten]

Dabei gibt es in Gen 1,2 eigentlich überhaupt keine Indizien, die eine Bedeutung „formlos“ nahelegen; die Indizien weisen vielmehr dahin, תֹהוּ וָבֹהוּ entsprechend der obigen Bedeutung (5) von תֹּהוּ zu deuten:

  1. Da ist zunächst der Kontext der Stelle:
    1. Der nächste Kontext ist zunächst einmal V. 2. In diesem ist davon die Rede, dass (a) die Erde X ist, (b) dass es finster über dem Wasser ist und (c) dass ein starker Wind über dem Wasser weht. Es wird also offenbar etwas von der Erde ausgesagt, das es sinnvoll macht, im selben Vers ansonsten nur noch vom Wasser zu sprechen.
    2. Der weitere Kontext ist Gen 1. Dort wird der Ausgangszustand der Welt offenbar so vorgestellt, dass die Welt aus Wasser besteht und Gott zunächst einmal das Wasser in zwei Teile trennen muss, um einen Himmel schaffen zu können (V. 6-8) und dann das restliche Wasser verlagern muss, damit überhaupt trockenes Land (das Gott dann als „Erde“ benennt) sichtbar werden kann (V. 9-10). Vor Vers 9 gibt es also offenbar noch gar keine „Erde“.
    3. Ein noch weiterer Kontext ist die Bibel. Dort haben wir mehrere Paralleltexte zu Gen 1; z.B. den Schöpfungspsalm Ps 104, wo unter anderem wieder davon berichtet wird, dass Gott erst den Fluten kommandieren muss, sich von über der Erde fortzuziehen, damit die Erde entstehen kann (damit „die Berge sich heben und die Täler sich senken“ können, V. 8 - die Verse beziehen sich also ganz offensichtlich nicht auf die Sündflut, wie gelegentlich behauptet wurde).
  2. Dafür spricht weiterhin die Tatsache, dass es mehrere mit Gen 1 vergleichbare Kosmogonien gibt, in denen ebenfalls das häufige Motiv zu finden ist, dass die Schöpfung ihren Anfang nimmt mit einer Urflut, aus der heraus dann entweder erst Götter oder aber die Erde entstehen muss; vgl. z.B. das Enuma Elisch (wo am Anfang Tiamat und Apsu - die Göttinnen von Urwasser und Unterwasser - stehen), diverse Sargsprüche im Ägyptischen (No. 80 (COS 1.8) 657 (COS 1.12); 714 (COS 1.2)) oder das ägyptische Papyrus Brehmer-Rhind (COS 1.9); außerdem die in Philos „Phoinikia“ teilweise überlieferte phönizische Kosmogonie, an deren Anfang ein „finsteres, vom Sturm getriebenes, nasses Chaos“ (Schedl 1964, S. 249) steht.

בֹהוּ[Bearbeiten]

Die Etymologie von בֹהוּ dagegen ist rätselhaft, obwohl einige Vorschläge gemacht wurden, die aber sämtlich nicht wirklich überzeugen können. Es wird aber ausschließlich verwendet entweder in Kombination mit (Gen 1,1; Jer 4,23) oder im Parallelismus zu תֹהוּ (Jes 34,11), weshalb viele Exegeten davon ausgehen, dass es mindestens etwas sehr ähnliches bedeuten muss wie תֹהוּ. In diese Richtung weisen auch Vulgata, Aquila und Theodotion (VUL: „leer und leer“; Aq: „leer/nichts (κένωμα kann beides bedeuten) und nichts“, Th: „nichts und nichts“), die beide Worte mit je etwa gleichen Begriffen übersetzen. Außerdem Targum Onkelos, der Gen 1,1 und Jer 4,23 je gleich übersetzt, in Jes 34,11 dagegen mit seiner תֹהוּ-Übersetzung für diese beiden Versen nicht תֹהוּ, sondern בֹהוּ übersetzt. Vergleichbar sind außerdem LXX und Symmachos (LXX: „unsichtbar und ungeformt“; Sym: „unbereitet und ungeschieden“). All diese Übersetzungen fassen also תֹהוּ וָבֹהוּ als einen Gegenbegriff zum Geschaffen-Sein auf.

תֹהוּ וָבֹהוּ[Bearbeiten]

All diese Indizien weisen recht eindeutig in die selbe Richtung: תֹהוּ וָבֹהוּ bezeichnet in Gen 1,2 den Zustand der Erde, dass es sie am Anfang noch überhaupt nicht gibt; nur Urflut und Wassermassen, die von Gott erst umgelagert werden müssen, damit etwas wie eine „Erde“ überhaupt erst zum Vorschein kommen kann.
Vgl. auch Galling 1950, S. 149: „Mit Tohuwabohu will P das absolut Nichtige zeichnen. Etwa: 'Die Erde aber war vordem in der Existenz einer Nicht-Existenz gewesen.“ Vgl. auch Rottzoll 1992, S. 254, der - leider unkommentiert - übersetzt mit „ein Nichts und Gar-Nichts.“

Machen wir schließlich noch die Gegenprobe und gleichen diese Bedeutung mit Jer 4,23 und Jes 34,11 ab, ergibt sich, dass sie auch dort Sinn ergibt:

  • Jer 4,23: „Ich blickte zur Erde - sie war nicht da! Ich blickte zum Himmel - da war kein Licht! (V. 25: Ich blickte mich um - kein Mensch war mehr da! Selbst die Vögel waren verschwunden!)“
  • Jes 34,11: „Nur noch Pelikan und Igel werden dort [=in Edom] wohnen; Eule und Rabe werden dort hausen! Die Messschnur des Nichts wird er darüber ausspannen und das Senkblei der Nichtigkeit. [V. 12: Kein Adeliger wird mehr da sein, den man zum Königtum berufen könnte; ihre Fürsten werden nicht mehr sein.]“

Jes 24,10[Bearbeiten]

Auch für die Bedeutung „verwüstet“ bleibt damit nur noch Jes 24,10. Der Inhalt des Beginns von Jes 24 ist aber eine Ausfaltung des Drohwortes in V. 3, dass das Land gänzlich geleert und geplündert werden werde: V. 6 handelt davon, dass die Land durch einen Fluch „verzehrt“ worden sei und die Bewohner des Landes „dahingeschwunden“ sind; V. 8f sprechen von der Nicht-Vorhandenheit von Musik und in V. 10 wird תֹּהוּ ausgesagt von einer verödeten Stadt, deren Häuser leer stehen und verschlossen sind. Es ist daher wohl sinnvoller, תֹּהוּ auch hier „nicht-vorhanden“ bedeuten zu lassen: „Die zerschlagene Stadt ist dahin.“

Damit kann wohl sowohl die Bedeutung „wüst, formlos, chaotisch“ als auch die Bedeutung „zerstört, verwüstet“ in unserem Wörterbuch gestrichen werden; der Wörterbucheintrag lautet daher wie folgt:

Wörterbucheintrag[Bearbeiten]

  1. Wüste - Dtn 32,10; Ijob 12,24; Ps 107,40; Jes 45,18
  2. Sinn- und Nutzloses/Sinn- und Nutzlosigkeit - 1Sam 12,21; Jes 29,21; Jes 41,29; Jes 44,9; Jes 45,18; Jes 49,4; Jes 59,4
  3. das Nichts/die Nicht-Vorhandenheit - Gen 1,2; Ijob 6,18; Ijob 26,7; Jes 24,10; Jes 40,17; Jes 40,23; Jes 34,11; Jer 4,23


aso bei Cassuto 2005, S. 22: „In der Sprache - wie in der Chemie - kann ein Komplex auch Eigenschaften besitzen, die seine einzelnen Elemente nicht besitzen. [...] Der Sinn des Idioms kann nur aus dem Kontext abgeletet werden“ (Meine Übersetzung); Sasson 1992, S. 188: „Weil תֹהוּ hier mit בֹהוּ zusammenhängt, darf die Phrase תֹהוּ וָבֹהוּ nicht wie ein Merismus behandelt werden - nicht mal wie ein Hendiadyoin (wie das Speiser und Westermann vorgeschlagen haben) -, sondern es muss wie ein farrago [„Mischmasch“] verstanden werden, in dem zwei Wörter - für gewöhnlich alliterative Wörter - kombiniert werden und so eine Bedeutung ergeben, die eine andere ist als die ihrer Konstituenten.“ (meine Übersetzung). Für Sasson ist die Bedeutung von תֹהוּ וָבֹהוּ daher „Kuddelmuddel“, für Cassuto bezeichnet es den Zustand der Erde, in dem alles „vermischt, unorganisiert, konfus und leblos“ und in dem die Erde unter Wasser steht (S. 23). (Zurück zu )