Benutzer:Sebastian Walter/Einleitung zur persönlichen Fassung: Unterschied zwischen den Versionen

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(1.6) Gleichzeitig hat man „interne Parallelismen“ entdeckt, bei denen nicht ''Vershälften'' parallel sind, sondern Glieder ''innerhalb'' von Vershälften, nicht-benachbarte „externe Parallelismen“ (Robinson 1947, S. 28), die man noch weiter untergliedert hat in „Nah-Parallelismen“ und „distante Parallelismen“ (z.B. Heim 2018, S. 29-32; Pardee 1988, S. 168-192; Reymond 2004, S. 19; ähnlich Couey 2015, S. 100-107.111-121; Watson 1986, S. 187-189). Andere Forscher:innen haben diese „Nah-Parallelismen“ genauer untersucht und v.a. gegliedert in Formen, die man als „Kreuzparallelismen“ (ABAB), „Schweif-Parallelismen“ (ABBA) und „Chiasmen“ (ABCBA) bezeichnen könnte, aber auch dies scheint mir wieder eine unangemessene Einengung zu sein. Zwei Beispiele:
(1.6) Gleichzeitig hat man „interne Parallelismen“ entdeckt, bei denen nicht ''Vershälften'' parallel sind, sondern Glieder ''innerhalb'' von Vershälften, nicht-benachbarte „externe Parallelismen“ (Robinson 1947, S. 28), die man noch weiter untergliedert hat in „Nah-Parallelismen“ und „distante Parallelismen“ (z.B. Heim 2018, S. 29-32; Pardee 1988, S. 168-192; Reymond 2004, S. 19; ähnlich Couey 2015, S. 100-107.111-121; Watson 1986, S. 187-189). Andere Forscher:innen haben diese „Nah-Parallelismen“ genauer untersucht und v.a. gegliedert in Formen, die man als „Kreuzparallelismen“ (ABAB), „Schweif-Parallelismen“ (ABBA) und „Chiasmen“ (ABCBA) bezeichnen könnte, aber auch dies scheint mir wieder eine unangemessene Einengung zu sein. Zwei Beispiele:
: „'''a''' Gebt JHWH, ihr Söhne der Starken,<br />'''b''' Gebt JHWH Herrlichkeit und Stärke!<br />'''c''' Gebt JHWH die Herrlichkeit seines Namens;<br />'''d''' Betet JHWH an in heiliger Pracht!<br />'''e''' Die Stimme JHWHs ist auf den Wassern,<br />'''f''' Der Gott der Herrlichkeit donnert,<br />'''g''' JHWH auf großen Wassern!“ (Ps 29,1-3)
: „'''a''' Gebt JHWH, ihr Söhne der Starken,<br />'''b''' Gebt JHWH Herrlichkeit und Stärke!<br />'''c''' Gebt JHWH die Herrlichkeit seines Namens;<br />'''d''' Betet JHWH an in heiliger Pracht!<br />'''e''' Die Stimme JHWHs ist auf den Wassern,<br />'''f''' Der Gott der Herrlichkeit donnert,<br />'''g''' JHWH auf großen Wassern!“ (Ps 29,1-3)
Man ''könnte'' hiervon ausgehend versuchen, Kolon a-d zu Analysieren als eine Art unreinen Schweif-Parallelismus ABBC und die drei letzen Zeilen als Trikolon aus zwei verschränkten Bikola (DE-D-E). Mit einer solchen Analyse verliert man aber aus dem Blick, dass zwischen Kolon a und bc natürlich ''trotzdem'' enge Bezüge herrschen, dass Kolon d trotz anderer Formulierung eng auf diese drei Kola bezogen ist, weil es sie reformuliert, und dass in Kolon c und f das Wort „Herrlichkeit“ wiederholt wird.<br />
Man ''könnte'' hiervon ausgehend versuchen, Kolon a-d zu Analysieren als eine Art unreinen Schweif-Parallelismus ABBC und die drei letzen Zeilen als Trikolon aus zwei verschränkten Bikola (DE-D-E). Mit einer solchen Analyse verliert man aber aus dem Blick, dass zwischen Kolon a und bc natürlich trotzdem enge Bezüge herrschen, dass Kolon d trotz anderer Formulierung eng auf diese drei Kola bezogen ist, weil es sie alle reformuliert, und dass in Kolon c und f das Wort „Herrlichkeit“ wiederholt wird.<br />
: „'''a''' Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine<br />'''b''' Und deine Fundamente mit Saphiren<br />'''c''' Und ich mache rubinen deine Zinnen<br />'''d''' Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen<br />'''e''' Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“ ((Jes 54,11f.)
: „'''a''' Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine<br />'''b''' Und deine Fundamente mit Saphiren<br />'''c''' Und ich mache rubinen deine Zinnen<br />'''d''' Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen<br />'''e''' Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“ ((Jes 54,11f.)
Klassisch würde man Kolon ab als Bikolon und Kolon c-e als Trikolon analysieren. Damit gerät aus dem Blick, wie kunstvoll diese Zeilen gebaut sind: a und b einerseits und c und de andererseits sind zwar wirklich durch Ellipsen aufeinander bezogen (also AABBB). Gleichzeitig aber sind erstens natürlich alle Kola dadurch verwoben, dass in jedem Kolon ein Bestandteil Zions und der Name eines Edelsteins steht (also AAAAA), zweitens sind a und c einerseits und b und de andererseits grammatisch äquivalent gebaut (also ABABB), drittens stehen lexikalisch Kolon b gegen Kolon c („Fundamente“ vs. „Zinnen“ > [unten] vs. [oben]) und Kolon d gegen Kolon e („Tor“ vs. „Grenzen“, für ähnliche Gegensätze s. Hld 8,9 [„Tür“ vs. „Mauer“]; Jes 60,18; Jer 51,58 [„Tor“ vs. „Mauer“]) (also ABBCC), und viertens sind sowohl Kolon a als auch Kolon e sowohl beigeordnete Glieder in dieser fünfgliedrigen Reihung als auch Kola b-d übergeordnet, da Fundamente, Zinnen und israelitische Tore aus „Steinen“ bestehen und da „Grenzen“ mehrdeutig ist und sowohl auf die Wälle als auch auf das ''Gebiet'' Zions, in dem Fundamente, Zinnen und Tore liegen, referieren kann (also ABBBA).<br />
Klassisch würde man Kolon ab als Bikolon und Kolon c-e als Trikolon analysieren. Damit gerät aus dem Blick, wie kunstvoll diese Zeilen gebaut sind: a und b einerseits und c und de andererseits sind zwar wirklich durch Ellipsen aufeinander bezogen (also AABBB). Gleichzeitig aber sind erstens natürlich alle Kola dadurch verwoben, dass in jedem Kolon ein Bestandteil Zions und der Name eines Edelsteins steht (also AAAAA), zweitens sind a und c einerseits und b und de andererseits grammatisch äquivalent gebaut (also ABABB), drittens stehen lexikalisch Kolon b gegen Kolon c („Fundamente“ vs. „Zinnen“ > [unten] vs. [oben]) und Kolon d gegen Kolon e („Tor“ vs. „Grenzen“, für ähnliche Gegensätze s. Hld 8,9 [„Tür“ vs. „Mauer“]; Jes 60,18; Jer 51,58 [„Tor“ vs. „Mauer“]) (also ABBCC), und viertens sind sowohl Kolon a als auch Kolon e sowohl beigeordnete Glieder in dieser fünfgliedrigen Reihung als auch Kola b-d übergeordnet, da Fundamente, Zinnen und israelitische Tore aus „Steinen“ bestehen und da „Grenzen“ mehrdeutig ist und sowohl auf die Wälle als auch auf das ''Gebiet'' Zions, in dem Fundamente, Zinnen und Tore liegen, referieren kann (also ABBBA).<br />
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(b) Die zweite Interpretation ist komplizierter, es ist aber diese Interpretation, die ich durchaus für richtig halte. Unter neureren Akzentoforschern wird sie nur vertreten von Janis (1987); er grift damit aber zurück auf viele ältere Akzentforscher wie Ackermann (1893); Hirt (1762); Japhet (1896); Sancke (1740); Spanier (1927); Wasmuth (1664) und Weimar (1709).<br />
(b) Die zweite Interpretation ist komplizierter, es ist aber diese Interpretation, die ich durchaus für richtig halte. Unter neureren Akzentoforschern wird sie nur vertreten von Janis (1987); er grift damit aber zurück auf viele ältere Akzentforscher wie Ackermann (1893); Hirt (1762); Japhet (1896); Sancke (1740); Spanier (1927); Wasmuth (1664) und Weimar (1709).<br />
Sehr grob zusammenfassen lässt es sich so: Äußerungen bestehen ''in der Aussprache'' nicht aus „Hauptsätzen“, „Nebensätzen“, „Phrasen“ usw., sondern aus „Intonationsphrasengruppen“ (G), „Intonationsphrasen“ (I) und „prosodischen Phrasen“ (P).<ref>Das ist stark vereinfacht. Tatsächlich würde man, wenn ich richtig sehe, in der neueren Linguistik überwiegend nicht von „Intonationsphrasengruppen“ vs. „Intonationsphrasen“ sprechen, sondern von „terminalen“ vs. „nicht-terminalen Intonationsphrasen“. Auch hier habe ich die Terminologie abgewandelt, um diese komplexen Phänomene leichter nachvollziehbar zu machen.</ref> Man spreche sich etwa einmal die Äußerung vor:
Sehr grob zusammenfassen lässt es sich so: Äußerungen bestehen ''in der Aussprache'' nicht aus „Hauptsätzen“, „Nebensätzen“, „Phrasen“ usw., sondern aus „Intonationsphrasengruppen“ (G), „Intonationsphrasen“ (I) und „prosodischen Phrasen“ (P). Man spreche sich etwa einmal die Äußerung vor:


: ''Arpaksad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Heber. Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren: Der Name des einen war Peleg, denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt. Und der Name seines Bruders war Joktan.'' (Gen 10,24f.)
: ''Arpaksad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Heber. Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren: Der Name des einen war Peleg, denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt. Und der Name seines Bruders war Joktan.'' (Gen 10,24f.)
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: '''S1''': ''Arpaksad zeugte Schelach''<br />'''S2''' ''und Schelach zeugte Heber''.<br />'''S3''' Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren:''<br />'''S4''': ''Der Name des einen war Peleg,''<br />'''S5''' ''denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt.''<br />'''S6''': Und der Name seines Bruders war Joktan.''  
: '''S1''': ''Arpaksad zeugte Schelach''<br />'''S2''' ''und Schelach zeugte Heber''.<br />'''S3''' Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren:''<br />'''S4''': ''Der Name des einen war Peleg,''<br />'''S5''' ''denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt.''<br />'''S6''': Und der Name seines Bruders war Joktan.''  


„Phrasiert“, also „in der Aussprache durch Betonungen und Sprechpausen gegliedert“, wird aber anders:
„Phrasiert“, also „in der Aussprache durch Betonungen, End-Dehnungen, Sprechpausen und Neu-Einsätze gegliedert“, wird aber anders:


: '''G<sub>1</sub>''' ''[Àrpaksad]''<sub>P1</sub> ''[zeugte Schélach]''<sub>P2</sub> |<sub>I1</sub>
: '''G<sub>1</sub>''' ''[Àrpaksad]''<sub>P1</sub> ''[zeugte Schélach]''<sub>P2</sub> |<sub>I1</sub>
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: '''G<sub>4</sub>''' ''[Und der Name seines Brùders]''<sub>P9</sub> ''[war Jóktan.]''<sub>P10</sub> |<sub>I6</sub>
: '''G<sub>4</sub>''' ''[Und der Name seines Brùders]''<sub>P9</sub> ''[war Jóktan.]''<sub>P10</sub> |<sub>I6</sub>


In jeder Sprache ist es so, dass Äußerungen gegliedert werden in Intonationsphrasen und prosodische Phrasen. Intonationsphrasen entsprechen dabei grob der syntaktischen Größe des einfachen Satzes, prosodische Phrasen grob der syntaktischen der Phrase. Jede prosodische Phrase hat neben Wortakzenten (wie in ''der Name seines Bruders'' der Wortakzent auf ''-a-'' in ''Name'' und auf ''-u-'' in ''Bruders'') auch einen noch stärkeren „Phrasenakzent“ (weshalb in dieser Phrase ''Bruders'' stärker betont wird als ''Name''), und jede Intonationsphrase hat neben Wortakzenten und Phrasenakzenten auch einen noch stärkeren „Intonationsphrasenakzent“ (weshalb in dieser Intonationsphrase ''Joktan'' noch stärker betont wird als ''Bruders''). Nach jeder prosodischen Phrase macht man außerdem eine Sprechpause, nach jeder Intonationsphrase eine noch längere Sprechpause. Dies sind sprachliche Universalien.<br />Im Deutschen und Bibelhebräischen ist es außerdem so, dass mehrere Intonationsphrasen zu Intonationsphrasengruppen zusammengeschlossen werden können, die dann dominiert werden von jeweils einem noch stärkeren Intonationsphrasengruppen-Akzent und nach denen noch längere Sprechpausen gemacht werden. Im Beispiel oben zum Beispiel hängen Intonationsphrase 1 und Intonationsphrase 2 in der Phrasierung miteinander enger zusammen als mit Intonationsphrase 3, weil ihre beiden parallelen Sätze einen Konjunktivsatz bilden. Ähnlich hängen Intonationsphrase 4 und Intonationsphrase 5 miteinander enger zusammen als mit Intonationsphrase 6, weil ihre beiden Sätze in einem Hauptsatz-Nebensatz-Gefüge verbunden sind. Ob auch dies eine sprachliche Universalie ist, vermag ich nicht zu sagen; das Phänomen von Intonationsphrasengruppen habe ich in Literatur zur Prosodieforschung noch nicht thematisiert gefunden (auch nicht bei Janis; ich bin bei einer Analyse der Akzentuierung selbst darauf gestoßen). Dass es dieses Phänomen im Deutschen gibt, lässt sich aber ja leicht durch Nachsprechen nachvollziehen.<br />Entscheidend nun: Im Hebräischen gibt es dieses Phänomen ebenfalls; es lässt sich nämlich aus der Akzentuierung ablesen: Die 18 trennenden Akzente lassen sich erstens grob gliedern in „stark trennende Hauptakzente“ (D<sub>s</sub>) und „schwach trennende Vorakzente“ (D<sub>v</sub>). Und zweitens lassen sich zwei regelmäßige Akzentfolgen bilden: Eine Akzentfolge nur der stark trennenden Hauptakzente und eine Akzentfolge der stark trennenden Hauptakzente ''und'' der schwach trennenden Vorakzente (s. [[Die masoretischen Akzente#Akzentfolge des tiberischen Prosa-Systems |Akzentfolge des tiberischen Prosa-Systems]]; zum leichteren Verständnis verwende ich unten andere Indizes als dort). Akzentuiert wurde dann so, dass biblische Verse zunächst aufgegliedert wurden in Intonationsphrasengruppen, diese dann in Intonationsphrasen und diese dann wiederum in prosodische Phrasen, und dass dann in drei Durchgängen von hinten nach vorne nach den regulären Akzentfolgen zunächst die Intonationsphrasengruppen mit starken Hauptakzenten markiert wurden, dann die Intonationsphrasen ebenfalls mit starken Hauptakzenten und zuletzt die prosodischen Phrasen sowohl mit starken Hauptakzenten als auch mit schwachen Vorakzenten. Wäre Gen 10,24f. nur ein Vers (die Gliederung in biblische Verse ist älter als die masoretische Akzentuierung), hätte man also zunächst gegliedert und akzentuiert:
In jeder Sprache ist es nämlich so, dass Äußerungen gegliedert werden mindestens in Intonationsphrasen und prosodische Phrasen. Intonationsphrasen entsprechen dabei grob der syntaktischen Größe des einfachen Satzes, prosodische Phrasen grob der syntaktischen der Phrase. Jede prosodische Phrase hat neben Wortakzenten (wie in ''der Name seines Bruders'' der Wortakzent auf ''-a-'' in ''Name'' und auf ''-u-'' in ''Bruders'') auch einen noch stärkeren „Phrasenakzent“ (weshalb in dieser Phrase ''Bruders'' stärker betont wird als ''Name''), und jede Intonationsphrase hat neben Wortakzenten und Phrasenakzenten auch einen noch stärkeren „Intonationsphrasenakzent“ (weshalb in dieser Intonationsphrase ''Joktan'' noch stärker betont wird als ''Bruders''). Nach jeder prosodischen Phrase macht man außerdem eine Sprechpause, nach jeder Intonationsphrase eine noch längere Sprechpause. Dies sind sprachliche Universalien.<br />Mindestens im Deutschen und Bibelhebräischen ist es außerdem so, dass mehrere Intonationsphrasen zu Intonationsphrasengruppen zusammengeschlossen werden können, die dann dominiert werden von jeweils einem noch stärkeren Intonationsphrasengruppen-Akzent und nach denen noch längere Sprechpausen gemacht werden.<ref>Das ist stark vereinfacht. Tatsächlich würde man, wenn ich richtig sehe, in der neueren Linguistik überwiegend nicht von „Intonationsphrasengruppen“ vs. „Intonationsphrasen“ sprechen, sondern von „terminalen“ vs. „nicht-terminalen Intonationsphrasen“. Auch hier habe ich die Terminologie abgewandelt, um diese komplexen Phänomene leichter nachvollziehbar zu machen. Die Unterscheidung in „Intonationsphrasen“ vs. „Intonationsphrasengruppen“ findet sich übrigens bei Janis nicht; m.W. ist es bisher unerkannt, dass hebräische Akzente auch diese Ebene markieren.</ref> Im Beispiel oben zum Beispiel hängen Intonationsphrase 1 und Intonationsphrase 2 in der Phrasierung miteinander enger zusammen als mit Intonationsphrase 3, weil ihre beiden parallelen Sätze einen Konjunktivsatz bilden. Ähnlich hängen Intonationsphrase 4 und Intonationsphrase 5 miteinander enger zusammen als mit Intonationsphrase 6, weil ihre beiden Sätze in einem Hauptsatz-Nebensatz-Gefüge verbunden sind. Dass es dieses Phänomen im Deutschen gibt, lässt sich aber ja leicht durch Nachsprechen nachvollziehen.<br />Entscheidend nun: Im Hebräischen gibt es dieses Phänomen ebenfalls; es lässt sich nämlich aus der Akzentuierung ablesen: Die 18 trennenden Akzente lassen sich erstens grob gliedern in „stark trennende Hauptakzente“ (D<sub>s</sub>) und „schwach trennende Vorakzente“ (D<sub>v</sub>). Und zweitens lassen sich zwei regelmäßige Akzentfolgen bilden: Eine Akzentfolge nur der stark trennenden Hauptakzente und eine Akzentfolge der stark trennenden Hauptakzente ''und'' der schwach trennenden Vorakzente (s. [[Die masoretischen Akzente#Akzentfolge des tiberischen Prosa-Systems |Akzentfolge des tiberischen Prosa-Systems]]; zum leichteren Verständnis verwende ich unten andere Indizes als dort). Akzentuiert wurde dann so, dass biblische Verse zunächst aufgegliedert wurden in Intonationsphrasengruppen, diese dann in Intonationsphrasen und diese dann wiederum in prosodische Phrasen, und dass dann in drei Durchgängen von hinten nach vorne nach den regulären Akzentfolgen zunächst die Intonationsphrasengruppen mit starken Hauptakzenten markiert wurden, dann die Intonationsphrasen ebenfalls mit starken Hauptakzenten und zuletzt die prosodischen Phrasen sowohl mit starken Hauptakzenten als auch mit schwachen Vorakzenten. Wäre Gen 10,24f. nur ein Vers (die Gliederung in biblische Verse ist älter als die masoretische Akzentuierung), hätte man also zunächst gegliedert und akzentuiert:


: '''G1''': ''Arpaksad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Heber.'' |<sub>D3s</sub>
: '''G1''': ''Arpaksad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Heber.'' |<sub>D3s</sub>

Version vom 17. Juli 2022, 15:22 Uhr

<header /> In der alttestamentlichen Wissenschaft ist in den letzten Jahren vieles in Bewegung gekommen. Einige von diesen neueren Erkenntnissen und Akzentsetzungen haben mich bewogen, hier mit einer eigenen Übersetzung zu beginnen. Zuvorderst sind dies (1) Neue Erkenntnisse über das Wesen biblischer Poesie (2) und biblischer Prosa und (3) neue Theorien zur antiken Deklamation biblischer Texte. Diese seien hier eingangs kurz erläutert.

Biblische Poesie[Bearbeiten]

(1.1) Biblische Poesie ist Poesie im Vollsinn.
Diese Aussage ist nicht selbstverständlich; in der Bibelwissenschaft galt lange und gilt noch heute überwiegend, dass die biblische Poesie eine Art „Poesie auf Schwundstufe“ sei: Ihr einziges Charakteristikum sei der sog. „Parallelismus membrorum“. In der klassischen Konzeption von Robert Lowth (18. Jhd.) heißt das: Poetische Verse in der Bibel bestehen regulär aus jeweils zwei oder drei Halbzeilen (im Folgenden: „Kola“, Einzahl: „Kolon“), die entweder

  • (a) das Gleiche sagen: „synonymer Parallelismus“, z.B.: „Darum werden Gesetzlose im Gericht nicht bestehen / und Sünder [werden] im Rat der Gerechten [nicht bestehen].“ (Ps 1,5)
  • (b) Gegenteiliges sagen: „antithetischer Parallelismus“, z.B.: „JHWH kennt=behütet den Weg der Gerechten, / der Weg der Gesetzlosen aber wird verderben.“ (Ps 1,6)
  • (c) nur grammatisch ähnlich gebaut sind: „synthetischer Parallelismus“, z.B. „(Wie glücklich der Mann, der) dem Rat der Frevler nicht folgte / und auf dem Weg der Übeltäter nicht stand / und im Kreis der Spötter nicht saß!“ (Ps 1,1)

Neue Entwicklungen der Forschung in diesem Zusammenhang sind: (1.1.1) Auch bei den Texten, die klar „Poesie“ sind, sind nicht viele Kola derart „parallel“ (so bes. James Kugel).

(1.2) In der Bibelwissenschaft hat man u.a. deshalb neben diesen drei Formen des Parallelismus nach weiteren gesucht – und sie gefunden: Mittlerweile kennt man in der Bibelwissenschaft z.B. „emblematische Parallelismen“, „Gabelparallelismen“, „Gender-Parallelismen“, „konsequentielle Parallelismen“, „Parallelismen der größeren Präzision“ usw. (was das jeweils heißen soll, braucht uns hier nicht zu bekümmern); man hat weiters sogar den „synthetischen Parallelismus“ aufgeteilt in den „syntaktischen Parallelismus“ und den „synthetischen Parallelismus“ im Vollsinn, was so viel heißen soll wie: „eigentlich gar nicht parallele, aber irgendwie doch verwandte Kola“; und schließlich hat man noch gesehen, dass Vershälften nicht nur semantisch oder grammatisch parallel sein müssen, sondern z.B. auch (zusätzlich) lautlich („phonologische Parallelisen“) oder lexikalisch („Wortpaar-Parallelismen“) parallel sein können. Vgl. zu diesen Entwicklungen bes. die Schriften von Adele Berlin, Wilfred Watson und z.B. Dobbs-Allsopp 2015, S. 148f.; Gaines 2015, S. 37-51.

(1.3) Eine erste Reaktion auf diese Entwicklungen waren verwandte Bestrebungen, diese Vielzahl an neuen Parallelismen wieder zu reduzieren. James Kugel etwa dampfte alle Parallelismen daher ein auf die Formel „A, and what's more, B“ (1981, S. 58), d.h. ein Kolon B führe irgendwie Kolon A fort. Ähnlich hat Alter versucht, alle Parallelismen unter dem gemeinsamen Nenner zusammenzubringen, Parallelismus sei eine Technik, bei der ein Kolon B ein Kolon A präzisiere oder intensiviere (1985, S. 19). Burden hat 1986, S. 173 diese beiden Tendenzen einander als Alternativen gegenübergestellt: War zuvor die grundlegende Streitfrage, ob bestimmend für die biblische Poesie Metrum oder Parallelismus sei, war es nun die, ob bestimmend eine literarische Technik des Parallelismus sei oder viele. Burden entscheidet sich für Letzteres:
„Kugel (1981: 58) remarks: ‚Biblical parallelism is of one sort, ‚A, and what's more, B,‘ or a hundred sorts; but it is not three‘. [...] I, however, opt for ‚a hundred sorts‘, since there is a great variety of possibilities. [...A] systematic investigation of every book of the Old Testament is necessary to enable us to evaluate the full measure of parallelism as a literary device. [...] The whole range of structural, grammatical, syntactic, semantic and phonetic aspects must also be carefully considered.“

(1.4) Zeitgleich dazu wurde die bibelwissenschaftliche Parallelismus-Idee zunächst in der Linguistik und dann in der allgemeinen Literaturwissenschaft rezipiert und dort anders weiterentwickelt: Etwa seit den 30er Jahren wird „Poesie“ dort häufig verstanden als Kompositionen, in denen die Form(ulierung) bedeutsam ist. „Dichtung“ zeichnet sich also zuvorderst aus durch die besondere „Dichte“ poetischer Texte, d.h. dadurch, (a) dass diese Texte Gewebe sind, in denen alle Text-Elemente – Laute, Wörter, Wortfügungen, Ausdrücke, ... – durch Verstrebungen und Verwebungen im Text aufeinander bezogen sein können, (b) insofern sich entweder gleiche oder variante Text-Elemente feststellen lassen, (c) und dass Hörer:innen und Leser:innen von Dichtung nicht nur Wort- und Satzsemantik, sondern außerdem diese verschiedensten Bezüge zwischen Text-Elementen als bedeutsam auffassen. Für ein Bsp. s. gleich; zur Idee s. z.B. die unten aufgeführten Schriften von Tynjanov, Jakobson, Lotman, Schulte/Sasse, Eagle, Shapiro, Riffaterre, Küper usw.

(1.5) In den neueren Literaturwissenschaften sind es diese unterschiedlichsten und nicht systematisierbaren Textbezüge, die man als „Parallelismus“ bezeichnet. Diese Idee aus den neueren Literaturwissenschaften ist neuerdings in die Bibelwissenschaft zurückgewandert: Anders als z.B. Berlin und Watson sprechen neuerdings viele Bibelwissenschaftler nicht mehr von „Parallelismen“, sondern z.B. von „unterschiedlichen Balancen“ (Fitzgerald 1991, S. 204: lautliche, morphologische, metrische, semantische, syntaktische und weitere Balancen), „unterschiedlichen Rekurrenzen“ (Nel 1992; Nel 1993; danach Weber 2006, S. 142-145: Rekurrenzen auf phonologischer, prosodischer, morphologischer, lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene), „unterschiedlichsten Wiederholungen“ (Majewski 2020, S. 209: sonorische, morphologische, lexikalische, syntaktische, semantische, logische, temporale „Ähnlichkeiten“); „unterschiedlichsten Korrespondenzen“ (Teeter 2022, S. 459-461: sämtliche logische Relationen zwischen Zeilen, Relationen in der Gestaltung von Kola – morphologisch, lexikalisch und semantisch – und sämtliche lexikalisch-semantische Relationen) oder von „unterschiedlichen Kohäsions-Stiftern“ (Ayars 2018, z.B. S. 39: grammatisch-syntaktische Wiederholung, lexiko-grammatische Wiederholung, lexiko-grammatische Kollokation, lexiko-semantische Wiederholung, lexiko-semantische Kollokation, Koreferenten, Konjunktionen, Ellipsen).
Mit dieser Neuformulierung lässt sich biblische Poesie weit genauer erfassen. Bei einem Vers

ma´neh rak jašib ḥemah
wedebar-´aṣb ja´leh `ap
„Eine sanfte Antwort verwandelt den Zorn,
aber ein kränkendes Wort erregt den Grimm“ (Spr 15,1)

etwa lässt sich danach nicht nur beobachten, dass in beiden „Halbzeilen“ Gegensätzliches steht und man es also mit einem „antithetischen Parallelismus“ zu tun hat, und dass sie grammatisch gleich gebaut sind und man es also außerdem mit einem „grammatischen Parallelismus“ zu tun hat, sondern z.B. auch, dass die Worte „Antwort“ und „Wort“ und „Grimm“ und „Zorn“ einander entsprechen und dass die Lautfolgen ma´neh rak („eine sanfte Antwort“) und ja´leh `ap („erregt den Zorn“) auch aufgrund der identischen Lautfolgen a´ – e – a lautlich aufeinander bezogen sind, und sodann lassen sich all diese Bezüge als Basis einer Interpretation nehmen.

(1.6) Gleichzeitig hat man „interne Parallelismen“ entdeckt, bei denen nicht Vershälften parallel sind, sondern Glieder innerhalb von Vershälften, nicht-benachbarte „externe Parallelismen“ (Robinson 1947, S. 28), die man noch weiter untergliedert hat in „Nah-Parallelismen“ und „distante Parallelismen“ (z.B. Heim 2018, S. 29-32; Pardee 1988, S. 168-192; Reymond 2004, S. 19; ähnlich Couey 2015, S. 100-107.111-121; Watson 1986, S. 187-189). Andere Forscher:innen haben diese „Nah-Parallelismen“ genauer untersucht und v.a. gegliedert in Formen, die man als „Kreuzparallelismen“ (ABAB), „Schweif-Parallelismen“ (ABBA) und „Chiasmen“ (ABCBA) bezeichnen könnte, aber auch dies scheint mir wieder eine unangemessene Einengung zu sein. Zwei Beispiele:

a Gebt JHWH, ihr Söhne der Starken,
b Gebt JHWH Herrlichkeit und Stärke!
c Gebt JHWH die Herrlichkeit seines Namens;
d Betet JHWH an in heiliger Pracht!
e Die Stimme JHWHs ist auf den Wassern,
f Der Gott der Herrlichkeit donnert,
g JHWH auf großen Wassern!“ (Ps 29,1-3)

Man könnte hiervon ausgehend versuchen, Kolon a-d zu Analysieren als eine Art unreinen Schweif-Parallelismus ABBC und die drei letzen Zeilen als Trikolon aus zwei verschränkten Bikola (DE-D-E). Mit einer solchen Analyse verliert man aber aus dem Blick, dass zwischen Kolon a und bc natürlich trotzdem enge Bezüge herrschen, dass Kolon d trotz anderer Formulierung eng auf diese drei Kola bezogen ist, weil es sie alle reformuliert, und dass in Kolon c und f das Wort „Herrlichkeit“ wiederholt wird.

a Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine
b Und deine Fundamente mit Saphiren
c Und ich mache rubinen deine Zinnen
d Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen
e Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“