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Ganz richtig also Cloete 1989, S. 215: „It seems that ''binarism'' has been overemphasised in many studies of Hebrew verse [...]“: Beim ersten Beispiel ist etwa Kolon c nicht nur „parallel“ mit Kolon b, sondern außerdem herrschen Bezüge zwischen Kolon c und a, Kolon c und d und Kolon c und f, und beim zweiten Beispiel ist etwa Kolon e nicht nur Parallel mit Kolon cd, sondern es herrschen außerdem Bezüge zwischen e und a und zwischen e, b und d. | Ganz richtig also Cloete 1989, S. 215: „It seems that ''binarism'' has been overemphasised in many studies of Hebrew verse [...]“: Beim ersten Beispiel ist etwa Kolon c nicht nur „parallel“ mit Kolon b, sondern außerdem herrschen Bezüge zwischen Kolon c und a, Kolon c und d und Kolon c und f, und beim zweiten Beispiel ist etwa Kolon e nicht nur Parallel mit Kolon cd, sondern es herrschen außerdem Bezüge zwischen e und a und zwischen e, b und d. | ||
(1.2) Das bringt uns zur zweiten neuen Erkenntnis: Seit den späten 80ern hat man in der biblischen Prosa ein Phänomen wiederentdeckt, das man schon früher bisweilen als „gehobene Prosa“, „epischen Stil“ o.Ä. beschrieben hat, und neu gefasst als „narrative Poesie“ (s. z.B. Christensen 1985; 1987; 1992; de Hoop 1988; de Moor 1984; 1986; Kim 1993; Koopmans 1988; 1994; Roersma 1993; Tsumura 1993 u.a.). Gemeint sind damit keine Balladen, sondern: | (1.2) Das bringt uns zur zweiten neuen Erkenntnis: '''Biblische Prosa ist (bisweilen) poetisch'''.<br /> | ||
Seit den späten 80ern hat man in der biblischen Prosa ein Phänomen wiederentdeckt, das man schon früher bisweilen als „gehobene Prosa“, „epischen Stil“ o.Ä. beschrieben hat, und neu gefasst als „narrative Poesie“ (s. z.B. Christensen 1985; 1987; 1992; de Hoop 1988; de Moor 1984; 1986; Kim 1993; Koopmans 1988; 1994; Roersma 1993; Tsumura 1993 u.a.). Gemeint sind damit keine Balladen, sondern: Nicht nur in der biblischen Poesie gibt es Bezüge zwischen Kola, sondern häufig lässt sich Entsprechendes auch in biblischer Prosa feststellen. Kapitel, in denen dieses Charakteristikum dominant ist, muss man daher als eine Art Zwitter zwischen Poesie betrachten: Mindestens eignen dann ja auch ihnen | |||
* (1) die Versform – mit allem, was sonst daraus folgt, | |||
* (2) „Parallelismus“ (dazu s.o.) | |||
* (3) „Dichte“, auch bei ihnen ist also die Form(ulierung) bedeutsamer als bei gewöhnlicher Prosa. | |||
Für viele Literaturwissenschaftler würden diese Charakteristika ausreichen, um die besagten Kapitel sogar als Poesie im Vollsinn aufzufassen (z.B. Burdorf 2015, S. 10f.13; Fabb 2015, S. 1f.; Lamping 2000, S. 23; Waldmann 2021, S. 12; Wiedemann 1995, S. 427-431; Zymner 2009, S. 96). Für die biblischen Texte ist das aber nicht sehr adäquat (auch der Begriff „narrative Poesie“ ist es nicht): Unterscheidungskriterium ist ja das ''formale'', dass dominant nicht der Vers-Parallelismus ist, sondern der distante Parallelismus. Ich will daher lieber von „lyrischer Prosa“ sprechen.<br /> | |||
Beispiele für solche lyrische Prosa gibt es einige. Bereits das erste Kapitel der Bibel, das von sehr vielen als „narrative Poesie“ aufgefasst wird (z.B. Davies 2008, S. 42-65; Harshav 2014, S. 54f.; Majewski 2020; Marlowe 2016; Polak 2002; Robinson 2009), ist ja offensichtlich nicht lineare Prosa, sondern in jedem Abschnitt stehen mehrere Wendungen (z.B. „so geschah es“, „und Gott sah, dass es gut war“ usw.), die relativ regelmäßig immer wieder wiederholt werden; Gen 1 besteht also sogar überwiegend aus „distanten Parallelismen“. Ein ähnliches Beispiel: Am 1-2 wird fast durchgehend als Poesie analysiert. Dabei lassen sich in gar nicht vielen benachbarten Kola Parallelismen erkennen; leitendes Strukturprinzip ist vielmehr auch hier die Wiederholung wieder mehrerer äquivalenter Wendungen (z.B. „Wegen drei Freveltaten von X und wegen vier werde ich's nicht rückgängig machen“, „darum werde ich Feuer senden nach Y und es wird die Paläste von Z fressen“ usw.). Zwei andere Beispiele noch: Magonet 1976, S. 32 hat stark nach Fränkel und Cohn die „growing phrase“ als Charakteristikum auch der Prosa-Kapitel des Jonabuches identifiziert, z.B.: | |||
: „Und die Seeleute fürchteten sich“ (Jon 1,5)<br />„Und die Männer fürchteten sich mit großer Furcht“ (Jon 1,10)<br />„Und die Männer fürchteten sich mit großer Furcht vor JHWH“ (Jon 1,16), | : „Und die Seeleute fürchteten sich“ (Jon 1,5)<br />„Und die Männer fürchteten sich mit großer Furcht“ (Jon 1,10)<br />„Und die Männer fürchteten sich mit großer Furcht vor JHWH“ (Jon 1,16), | ||
oder | oder | ||
: „Es entstand ein großer Wüten im Meer“ (Jon 1,4)<br />„Denn das Meer wütete weiter“ (Jon 1,11)<br />„Denn das Meer wütete weiter gegen sie“ (Jon 1,13). | : „Es entstand ein großer Wüten im Meer“ (Jon 1,4)<br />„Denn das Meer wütete weiter“ (Jon 1,11)<br />„Denn das Meer wütete weiter gegen sie“ (Jon 1,13). | ||
Ein letztes Beispiel: Hld 1,7f. ist ein auffällig wenig paralleles Gedicht. Auch hier scheint das leitende Strukturprinzip stattdessen wie in Gen 1 und Am 1-2 der distante Parallelismus zu sein: | Ein letztes Beispiel: Hld 1,7f. ist ein auffällig wenig paralleles Gedicht. Auch hier scheint das leitende Strukturprinzip stattdessen wie in Gen 1 und Am 1-2 der distante Parallelismus zu sein: | ||
{| | {| | ||
|<center>'''Hld 1,7'''</center> || <center>'''Hld 1,8'''</center> | |<center>'''Hld 1,7'''</center> || <center>'''Hld 1,8'''</center> | ||
|- | |- | ||
| ''' | | '''a''' Sag mir, du, den meine Seele liebt, || '''b''' Wenn du es nicht wissen wirst, | ||
|- | |- | ||
| ''' | | '''b''' Wo du weiden wirst,<br />Wo du lagern lassen wirst am Mittag, || '''a''' Schönste unter den Frauen, | ||
|- | |- | ||
| ''' | | '''c''' Damit ich nicht sein muss eine Wandernde || '''c''' Folge den Spuren der Schafe | ||
|- | |- | ||
| ''' | | '''d''' Bei den Herden deiner Gefährten! || '''d''' Und weide deine Zicklein bei den Zelten der Hirten! | ||
|} | |} | ||
Beide Strophen enthalten mit (A) ein Epitheton, (C) trifft sich im Wandern der Frau, in (D) gehen die „Herden“ mit den „Zicklein“ und die „Gefährten“ mit den „Zelten der Hirten“ parallel; (B2) ist gar nicht parallel, aber rekurriert auf (B1).<br />Dass sich solche Charakteristika sowohl aufzeigen lassen an Texten, die man klar als Prosa einordnen würde (Gen 1; Jon 1) als auch an solchen, die zweifellos Poesie im Vollsinn sein sollen (Hld 1,7f.; Am 1-2), zeigt, dass zumindest in dieser Hinsicht die Grenzen zwischen Poesie und Prosa fließend sind. Man könnte ein Kontinuum annehmen: | |||
{| class="wikitable" | |||
! Prosa !! colspan="2" | <center>lyrische Prosa</center> !! colspan="2" | <center>Poesie</center> | |||
|- | |||
| colspan="5" | <center>===== Poetizität =====></center> | |||
|- | |||
| <center>-</center> || <center>distanter Parallelismus</center> || <center>=> Dichte</center>|| <center>Versparallelismus<br />distanter Parallelismus</center> || <center>=> Dichte</center> | |||
|} | |||
(2) Aufmerksamen Leser:innen wird aufgefallen sein, dass in dieser Tabelle die ''Versform'' nicht vorkam. Aus Gründen; dies bringt uns nämlich zur dritten neueren bibelwissenschaftlichen Entwicklung: In der hebräischen Bibel stehen nicht nur Konsonanten und Vokale, die die alten Schreiber auf unterschiedliche Weisen in Zeilen angeordnet haben, sondern außerdem mit den „masoretischen Akzenten“ zusätzliche ''Lesezeichen'', die anzeigen, wie ein biblischer Vers zu deklamieren sei. '''Diese Lesezeichen zeigen auch an, welche biblischen Verse poetische Verse sein könnten'''.<br /> | |||
Ich werde die Grundprinzipien der masoretischen Akzentuierung gleich sehr knapp erläutern, aber dieses Phänomen ist so komplex und diffizil, dass interessierte Leser:innen auf die Seite [[Die masoretischen Akzente]] verwiesen seien. Grundsätzlich ist es aber so: In den meisten Büchern der Bibel stehen 18 sogenannte „trennende“ Akzente und weitere sog. „verbindende“. Wichtig für die Interpretation sind vor allem die trennenden. Das Prinzip, nach dem mit diesen akzentuiert wird, hat man auf zwei unterschiedliche Weisen verstanden:<br /> | |||
(a) Die 18 Akzente lassen sich nach ihrer „Trenn-Stärke“ in eine Reihenfolge bringen: Der Akzent „Silluq“ wäre z.B. der stärkste, der Akzent „Athnach“ der zweitstärkste, die Akzentvarianten „Segolta“ und „Zaqef“ die drittstärksten, der Akzent „Rebia“ der viertstärkste usw. Und mit diesen würde dann so akzentuiert, dass biblische Verse immer wieder halbiert werden (die Akzentfolge unten ist nicht korrekt; sie soll nur das Prinzip veranschaulichen): | |||
{| class="wikitable" | |||
| colspan="8" | <center>Vers</center> | |||
|- | |||
| colspan="4" | <center>Erste Vershälfte |<sub>Athnach</sub></center> || colspan="4" | <center>Zweite Vershälfte |<sub>Silluq</sub></center> | |||
|- | |||
| colspan="2" | <center>Erstes Viertel |<sub>Segolta</sub></center> || colspan="2" | <center>Zweites Viertel |<sub>Athnach</sub></center> || colspan="2" | <center>Drittes Viertel |<sub>Zaqef</sub></center> || colspan="2" | <center>Viertes Viertel |<sub>Silluq</sub></center> | |||
|- | |||
| colspan="1" | 1. Achtel |<sub>Rebia</sub>|| colspan="1" | 2. ~ |<sub>Segolta</sub>|| colspan="1" | 3. ~ |<sub>Rebia</sub>|| colspan="1" | 4. ~ |<sub>Athnach</sub>|| colspan="1" | 5. ~ |<sub>Rebia</sub>|| colspan="1" | 6. ~ |<sub>Zaqef</sub>|| colspan="1" | 7. ~ |<sub>Rebia</sub>|| colspan="1" | 8. ~ |<sub>Silluq</sub> | |||
|} | |||
Wichtige neuere Akzentforscher, die die Akzente so interpretieren, sind Aronoff (1985); Breuer (1958); Cohen (1969); Dotan (1972); Dresher (1994) und Yeivin (1980) eine Variante dieser Interpretation vertreten Fuller / Choi (2017); Park (2020) und Price (2010). | |||
(b) Die zweite Interpretation ist komplizierter, es ist aber diese Interpretation, die ich durchaus für richtig halte. Unter neureren Akzentoforschern wird sie nur vertreten von Janis (1987); er grift damit aber zurück auf viele ältere Akzentforscher wie Ackermann (1893); Hirt (1762); Japhet (1896); Sancke (1740); Spanier (1927); Wasmuth (1664) und Weimar (1709).<br /> | |||
Sehr grob zusammenfassen lässt es sich so: Äußerungen bestehen ''in der Aussprache'' nicht aus „Hauptsätzen“, „Nebensätzen“, „Phrasen“ usw., sondern aus „Intonationsphrasengruppen“ (G), „Intonationsphrasen“ (I) und „prosodischen Phrasen“ (P). Man spreche sich etwa einmal die Äußerung vor: | |||
: ''Arpaksad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Heber. Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren: Der Name des einen war Peleg, denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt. Und der Name seines Bruders war Joktan.'' (Gen 10,24f.) | |||
Syntaktisch müsste man gliedern wie folgt: | |||
: '''S1''': ''Arpaksad zeugte Schelach''<br />'''S2''' ''und Schelach zeugte Heber''.<br />'''S3''' Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren:''<br />'''S4''': ''Der Name des einen war Peleg,''<br />'''S5''' ''denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt.''<br />'''S6''': Und der Name seines Bruders war Joktan.'' | |||
„Phrasiert“, also „in der Aussprache durch Betonungen und Sprechpausen gegliedert“, wird aber anders: | |||
: '''G<sub>1</sub>''' ''[Àrpaksad]''<sub>P1</sub> ''[zeugte Schélach]''<sub>P2</sub> |<sub>I1</sub> | |||
:: ''[und Schèlach]''<sub>P3</sub> ''[zeugte Héber]''<sub>P4</sub> |<sub>I2</sub> | |||
: '''G<sub>2</sub>''' ''[Und dem Hèber]''<sub>P5</sub> ''[wurden zwei Sőhne geboren:]''<sub>P6</sub> |<sub>I3</sub> | |||
: '''G<sub>3</sub>''' ''[Der Name des èinen]''<sub>P6</sub> ''[war Péleg,]''<sub>P7</sub> |<sub>I4</sub> | |||
:: ''[denn in sèinen Tagen]''<sub>P7</sub> ''[wurde die Érde verteilt.]''<sub>P8</sub> |<sub>I5</sub> | |||
: '''G<sub>4</sub>''' ''[Und der Name seines Brùders]''<sub>P9</sub> ''[war Jóktan.]''<sub>P10</sub> |<sub>I6</sub> | |||
In jeder Sprache ist es so, dass Äußerungen gegliedert werden in Intonationsphrasen und prosodische Phrasen. Intonationsphrasen entsprechen dabei grob der syntaktischen Größe des einfachen Satzes, prosodische Phrasen grob der syntaktischen der Phrase. Jede prosodische Phrase hat neben Wortakzenten (wie in ''der Name seines Bruders'' der Wortakzent auf ''-a-'' in ''Name'' und auf ''-u-'' in ''Bruders'') auch einen noch stärkeren „Phrasenakzent“ (weshalb in dieser Phrase ''Bruders'' stärker betont wird als ''Name''), und jede Intonationsphrase hat neben Wortakzenten und Phrasenakzenten auch einen noch stärkeren „Intonationsphrasenakzent“ (weshalb in dieser Intonationsphrase ''Joktan'' noch stärker betont wird als ''Bruders''). Nach jeder prosodischen Phrase macht man außerdem eine Sprechpause, nach jeder Intonationsphrase eine noch längere Sprechpause. Dies sind sprachliche Universalien.<br />Im Deutschen und Bibelhebräischen ist es außerdem so, dass mehrere Intonationsphrasen zu Intonationsphrasengruppen zusammengeschlossen werden können, die dann dominiert werden von jeweils einem noch stärkeren Intonationsphrasengruppen-Akzent und nach denen noch längere Sprechpausen gemacht werden. Im Beispiel oben zum Beispiel hängen Intonationsphrase 1 und Intonationsphrase 2 in der Phrasierung miteinander enger zusammen als mit Intonationsphrase 3, weil ihre beiden parallelen Sätze einen Konjunktivsatz bilden. Ähnlich hängen Intonationsphrase 4 und Intonationsphrase 5 miteinander enger zusammen als mit Intonationsphrase 6, weil ihre beiden Sätze in einem Hauptsatz-Nebensatz-Gefüge verbunden sind. Ob auch dies eine sprachliche Universalie ist, vermag ich nicht zu sagen; das Phänomen von Intonationsphrasengruppen habe ich in Literatur zur Prosodieforschung noch nicht thematisiert gefunden (auch nicht bei Janis; ich bin bei einer Analyse der Akzentuierung selbst darauf gestoßen). Dass es dieses Phänomen im Deutschen gibt, lässt sich aber ja leicht durch Nachsprechen nachvollziehen.<br />Entscheidend nun: Im Hebräischen gibt es dieses Phänomen ebenfalls; es lässt sich nämlich aus der Akzentuierung ablesen: Die 18 trennenden Akzente lassen sich erstens grob gliedern in „stark trennende Hauptakzente“ (D<sub>s</sub>) und „schwach trennende Vorakzente“ (D<sub>v</sub>). Und zweitens lassen sich zwei regelmäßige Akzentfolgen bilden: Eine Akzentfolge nur der stark trennenden Hauptakzente und eine Akzentfolge der stark trennenden Hauptakzente ''und'' der schwach trennenden Vorakzente (s. [[Die masoretischen Akzente#Akzentfolge des tiberischen Prosa-Systems |Akzentfolge des tiberischen Prosa-Systems]]; zum leichteren Verständnis verwende ich unten andere Indizes als dort). Akzentuiert wurde dann so, dass biblische Verse zunächst aufgegliedert wurden in Intonationsphrasengruppen, diese dann in Intonationsphrasen und diese dann wiederum in prosodische Phrasen, und dass dann in drei Durchgängen von hinten nach vorne nach den regulären Akzentfolgen zunächst die Intonationsphrasengruppen mit starken Hauptakzenten markiert wurden, dann die Intonationsphrasen ebenfalls mit starken Hauptakzenten und zuletzt die prosodischen Phrasen sowohl mit starken Hauptakzenten als auch mit schwachen Vorakzenten. Wäre Gen 10,24f. nur ein Vers (die Gliederung in biblische Verse ist älter als die masoretische Akzentuierung), hätte man also zunächst gegliedert und akzentuiert: | |||
: '''G1''': ''Arpaksad zeugte Schelach, und Schelach zeugte Heber.'' |<sub>D3s</sub> | |||
: '''G2''': ''Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren:'' |<sub>D2s</sub> | |||
: '''G3''': ''Der Name des einen war Peleg, denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt.'' |<sub>D1s</sub> | |||
: '''G4''': ''Und der Name seines Bruders war Joktan.'' |<sub>D0s</sub> | |||
Dann weiter: | |||
: ''Arpaksad zeugte Schelach'' |<sub>D4s</sub> | |||
:: ''und Schelach zeugte Heber.'' |<sub>D3s</sub> | |||
: ''Und dem Heber wurden zwei Söhne geboren:'' |<sub>D2s</sub> | |||
: ''Der Name des einen war Peleg'' |<sub>D2s</sub> | |||
:: ''Denn in seinen Tagen wurde die Erde verteilt.'' |<sub>D1s</sub> | |||
: ''Und der Name seines Bruders war Joktan.'' |<sub>D0s</sub> | |||
Dann noch einmal weiter: | |||
: ''Arpaksad'' |<sub>D4v</sub> | |||
::: ''zeugte Schelach'' |<sub>D4s</sub> | |||
:: ''Und Schelach'' |<sub>D3v</sub> | |||
::: ''zeugte Heber'' |<sub>D3s</sub> ..., | |||
und in einem letzten Schritt wären die noch unakzentuierten Wörter mit verbindenden Akzenten oder Bindestrichen versehen worden. | |||
Dies nun lässt sich wiederum für die Unterscheidung der drei oben genannten Gattungen fruchtbar machen: Poesie, lyrische Prosa und „prosaische Prosa“ unterscheiden sich nämlich nicht nur darin, ob sie dominant parallelistisch formuliert sind und ob daher ihre „Dichte“ dominant ist, sondern auch in der regulären Länge ihrer Intonationsphrasen. Poetische Intonationsphrasen ''können'' sehr wohl recht lang sein: „Damit ich nicht sein muss eine Wandernde bei den Herden deiner Gefährten“ (Hld 1,7) etwa ist ja auch zu lang für ein Kolon und muss daher auf zwei enjambierende Kola aufgeteilt werden. Auch lange Intonationsphrasen sind also „poesie-fähig“. Die Regel ist aber, dass biblische Poesie überwiegend so formuliert ist, dass Intonationsphrasen sich mit Kolongrenzen decken. Bei „prosaischer Prosa“ ''und auch'' „lyrischer Prosa“ ist das nicht so; lange Sätze wie „Hiermit gebe ich euch alles fruchtbringende Getreide auf der ganzen Erde und alle Fruchtbäume“ (Gen 1,29) oder „Und die Männer fürchteten sich mit großer Furcht vor JHWH“ (Jon 1,16) sind in biblischer Poesie bei Weitem nicht so häufig zu erwarten, wie sie in prosaischer und lyrischer Prosa stehen. Ein weiteres Unterscheidungskriterium ist also die ''Bündigkeit in der Formulierung'': | |||
{| class="wikitable" | |||
! Prosa !! colspan="2" | <center>lyrische Prosa</center> !! colspan="2" | <center>Poesie</center> | |||
|- | |||
| colspan="5" | <center>===== Poetizität =====></center> | |||
|- | |||
| colspan="1" |<center>ungebundende Formulierung</center> || colspan="2" | <center>ungebundende Formulierung</center> || colspan="2" | <center>bündige Formulierung</center> | |||
|- | |||
| <center>-</center> || <center>distanter Parallelismus</center> || <center>=> Dichte</center>|| <center>Versparallelismus<br />distanter Parallelismus</center> || <center>=> Dichte</center> | |||
|} | |||
Für eine Übersetzung, die sensibel ist für diese Charakteristika biblischer Literatur, folgt daraus: | |||
==Literatur== | ==Literatur== | ||
* Ackermann, Aaron (1893): Das hermeneutische Element der biblischen Accentuation. Ein Beitrag zur Geschichte der hebräischen Sprache. Berlin. | |||
* Alter, Robert (1985): The Art of Biblical Poetry. New York. | * Alter, Robert (1985): The Art of Biblical Poetry. New York. | ||
* Aronoff, Mark (1985): Orthography and Linguistic Theory. The Syntactic Basis of Masoretic Hebrew Punctuation, in: Language 61/1, S. 28-72. | |||
* Ayars, Matthew I. (2018): The Shape of Hebrew Poetry. Exploring the Discourse Function of Linguistic Parallelism in the Egyptian Hallel. Leiden / Boston. | * Ayars, Matthew I. (2018): The Shape of Hebrew Poetry. Exploring the Discourse Function of Linguistic Parallelism in the Egyptian Hallel. Leiden / Boston. | ||
* Berlin, Adele (1979): Grammatical Aspects of Parallelism, in: HUCA 50, s. 17-43. | * Berlin, Adele (1979): Grammatical Aspects of Parallelism, in: HUCA 50, s. 17-43. | ||
* Dies. (1985): The Dynamics of Biblical Parallelism. Bloomington. | * Dies. (1985): The Dynamics of Biblical Parallelism. Bloomington. | ||
* Breuer, Mordechai (1958): {{hebr}}פיסוק טעמים שבמקרא. תורת דקדוק הטעמים{{hebr ende}}. Jerusalem. | |||
* Burden, Jasper J. (1986): Reconsidering Parallelism in the Old Testament, in: OTE 4, S. 141-176. | * Burden, Jasper J. (1986): Reconsidering Parallelism in the Old Testament, in: OTE 4, S. 141-176. | ||
* Burdorf, Dieter (<sup>3</sup>2015): Einführung in die Gedichtanalyse. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. Mit 16 Abbildungen. Stuttgart. | |||
* Christensen, Duane (1985): Prose and Poetry in the Bible. The Narrative Poetics of Deuteronomy 1,9-18, in: ZAW 97/2, S. 179-198. | * Christensen, Duane (1985): Prose and Poetry in the Bible. The Narrative Poetics of Deuteronomy 1,9-18, in: ZAW 97/2, S. 179-198. | ||
* Ders. (1987): Narrative Poetics and the Interpretation of the Book of Jonah, in: Elaine R. Follis (Hg.): Directions in Biblical Hebrew Poetry. Sheffield. S. 29-48. | * Ders. (1987): Narrative Poetics and the Interpretation of the Book of Jonah, in: Elaine R. Follis (Hg.): Directions in Biblical Hebrew Poetry. Sheffield. S. 29-48. | ||
* Ders. (1992): Impulse and Design in the Book of Haggai, in: JETS 35/4, S. 445-456. | * Ders. (1992): Impulse and Design in the Book of Haggai, in: JETS 35/4, S. 445-456. | ||
* Couey, J. Blake (2015): Reading the Poetry of First Isaiah. The Most Perfect Model of the Prophetic Poetry. Oxford. | * Couey, J. Blake (2015): Reading the Poetry of First Isaiah. The Most Perfect Model of the Prophetic Poetry. Oxford. | ||
* Cohen, Miles B. (1969): The System of Accentuation in the Hebrew Bible. Minneapolis. | |||
* Davis, Ellen F. (2008): Scripture, Culture, and Agriculture. An Agrarian Reading of the Bible. Cambridge. | * Davis, Ellen F. (2008): Scripture, Culture, and Agriculture. An Agrarian Reading of the Bible. Cambridge. | ||
* de Hoop (1988): The Book of Jonah as Poetry. An Analysis of Jonah 1:1-16, in: Willem van der Meer / Johannes C. de Moor (Hgg.): The Structural Analysis of Biblical and Canaanite Poetry. Sheffield. S. 156-171. | * de Hoop (1988): The Book of Jonah as Poetry. An Analysis of Jonah 1:1-16, in: Willem van der Meer / Johannes C. de Moor (Hgg.): The Structural Analysis of Biblical and Canaanite Poetry. Sheffield. S. 156-171. | ||
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* Ders. (1986): The Poetry of the Book of Ruth (Part II), in: Orientalia 55, S. 16-46 | * Ders. (1986): The Poetry of the Book of Ruth (Part II), in: Orientalia 55, S. 16-46 | ||
* Dobbs-Allsopp, F. W. (2015): On Biblical Poetry. Oxford. | * Dobbs-Allsopp, F. W. (2015): On Biblical Poetry. Oxford. | ||
* Dotan, Aron (1972): Masorah, in: EncJud xiii, S. Sp. 1401-1482. | |||
* Dresher, Bezalel E. (1994): The Prosodic Basis of the Tiberian Hebrew System of Accents, in: Language 70/1, S. 1-52. | |||
* Eagle, Herbert J. (1981): Verse as a Semiotic System: Tynjanov, Jakobson, Mukařovký, Lotman Extended, in: the Slavic and East European Journal 25/4, S. 47-61. | * Eagle, Herbert J. (1981): Verse as a Semiotic System: Tynjanov, Jakobson, Mukařovký, Lotman Extended, in: the Slavic and East European Journal 25/4, S. 47-61. | ||
* Fabb, Nigel (2015): What is Poetry? Language and Memory in the Poems of the World. Cambridge. | |||
* Fitzgerald, Aloysius (1991): Hebrew Poetry, in: Raymond E. Brown / Joseph A. Fitzmyer / Roland E. Murphy (Hgg.): The New Jerome Biblical Commentary. London. S. 201-208. | * Fitzgerald, Aloysius (1991): Hebrew Poetry, in: Raymond E. Brown / Joseph A. Fitzmyer / Roland E. Murphy (Hgg.): The New Jerome Biblical Commentary. London. S. 201-208. | ||
* Fuller, Russell T. / Kyoungwon Choi (2017): Invitation to Biblical Hebrew Syntax. An Intermediate Grammar. Grand Rapids. | |||
* Gaines, Jason M. H. (2015): The Poetic Priestly Source. Minneapolis. | * Gaines, Jason M. H. (2015): The Poetic Priestly Source. Minneapolis. | ||
* Harshav, Benjamin (2014): Three Thousand Years of Hebrew Versification. Essays in Comparative Prosody. New Haven / London. | * Harshav, Benjamin (2014): Three Thousand Years of Hebrew Versification. Essays in Comparative Prosody. New Haven / London. | ||
* Heim, Knut M. (2013): Poetic Imagination in Proverbs. Variant Repetitions and the Nature of Poetry. Winona Lake. | * Heim, Knut M. (2013): Poetic Imagination in Proverbs. Variant Repetitions and the Nature of Poetry. Winona Lake. | ||
* Hirt, Johann F. (1762): Einleitung in die hebräische Abtheilungskunst der heiligen Schrift, solche nach einer leichten und vernünftigen Lehrart zu erlernen. Jena. | |||
* Jakobson, Roman (2007a): Linguistik und Poetik, in: Ders.: Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie. Sämtliche Gedichtanalysen. Kommentierte deutsche Ausgabe. Band I: Poetologische Schriften und Analysen zur Lyrik vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Berlin / New York. S. 155-216. | * Jakobson, Roman (2007a): Linguistik und Poetik, in: Ders.: Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie. Sämtliche Gedichtanalysen. Kommentierte deutsche Ausgabe. Band I: Poetologische Schriften und Analysen zur Lyrik vom Mittelalter bis zur Aufklärung. Berlin / New York. S. 155-216. | ||
* Jakobson, Roman (2007b): Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie, in: Ebd. S. 257-301. | * Jakobson, Roman (2007b): Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie, in: Ebd. S. 257-301. | ||
* Jakobson, Roman (2007c): Der grammatische Parallelismus und seine russische Spielart, in: Ebd. S. 303-364. | * Jakobson, Roman (2007c): Der grammatische Parallelismus und seine russische Spielart, in: Ebd. S. 303-364. | ||
* Jakobson, Roman (2007d): Nachtrag zur Diskussion um die Grammatik der Poesie, in: Ders.: Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie. Sämtliche Gedichtanalysen. Kommentierte deutsche Ausgabe. Band II: Analysen zur Lyrik von der Romantik bis zur Moderne. Berlin / New York. S. 733-788. | * Jakobson, Roman (2007d): Nachtrag zur Diskussion um die Grammatik der Poesie, in: Ders.: Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie. Sämtliche Gedichtanalysen. Kommentierte deutsche Ausgabe. Band II: Analysen zur Lyrik von der Romantik bis zur Moderne. Berlin / New York. S. 733-788. | ||
* Janis, Norman (1987): A Grammar of the Biblical Accents. Dissertation. | |||
* Japhet, Israel M. (1896): {{hebr}}מורה הקורא{{hebr ende}}. Die Accente der heiligen Schrift (unter Ausschluss der Bücher {{hebr}}אׄ מׄ תׄ{{hebr ende}}). Frankfurt a. M. | |||
* Kim, Jichan (1993): The Structure of the Samson Cycle. Kampen. | * Kim, Jichan (1993): The Structure of the Samson Cycle. Kampen. | ||
* Koopmans, William T. (1988): the Poetic Prose of Joshua 23, in: Willem van der Meer / Johannes C. de Moor (Hgg.): The Structural Analysis of Biblical and Canaanite Poetry. Sheffield. S. 83-118. | * Koopmans, William T. (1988): the Poetic Prose of Joshua 23, in: Willem van der Meer / Johannes C. de Moor (Hgg.): The Structural Analysis of Biblical and Canaanite Poetry. Sheffield. S. 83-118. | ||
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* Kugel, James (1981): The Idea of Biblical Poetry. Parallelism and Its History. New Haven. | * Kugel, James (1981): The Idea of Biblical Poetry. Parallelism and Its History. New Haven. | ||
* Küper, Christoph (1988): Sprache und Metrum. Semiotik und Linguistik des Verses. Berlin / New York. | * Küper, Christoph (1988): Sprache und Metrum. Semiotik und Linguistik des Verses. Berlin / New York. | ||
* Lamping, Dieter (<sup>3</sup>2000): Das lyrische Gedicht. Definitionen zu Theorie und Geschichte der Gattung. Göttingen. | |||
* Lotman, Jurij M. (1972a): Die Struktur literarischer Texte. München. | * Lotman, Jurij M. (1972a): Die Struktur literarischer Texte. München. | ||
* Lotman, Jurij M. (1972b): Vorlesungen zu einer sturkturalen Poetik. Einführung. Theorie des Verses. München. | * Lotman, Jurij M. (1972b): Vorlesungen zu einer sturkturalen Poetik. Einführung. Theorie des Verses. München. | ||
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* Ders. (1993): Recurrence in Biblical Hebrew Poetry: An Analysis of Psalm 132, in: Proceedings of the World Congress of Jewish Studies 11, Division A: The Bible and Its World, S. 145-150. | * Ders. (1993): Recurrence in Biblical Hebrew Poetry: An Analysis of Psalm 132, in: Proceedings of the World Congress of Jewish Studies 11, Division A: The Bible and Its World, S. 145-150. | ||
* Pardee, Dennis (1988): Ugaritic and Hebrew Parallelism. A Trial Cut (''´nt'' I and Proverbs 2). Leiden. | * Pardee, Dennis (1988): Ugaritic and Hebrew Parallelism. A Trial Cut (''´nt'' I and Proverbs 2). Leiden. | ||
* Park, Sung Jin (2020): The Fundamentals of Hebrew Accents. Divisions and Exegetical Roles beyond Syntax. Cambridge. | |||
* Polak, Frank H. (2002): Poetic Style and Parallelism in the Creation Account (Genesis 1.1-2.3, in: Hennig Graf Reventlow / Yair Hoffman (Hgg.): Creation in Jewish and Christian Tradition. Sheffield. S. 2-31. | * Polak, Frank H. (2002): Poetic Style and Parallelism in the Creation Account (Genesis 1.1-2.3, in: Hennig Graf Reventlow / Yair Hoffman (Hgg.): Creation in Jewish and Christian Tradition. Sheffield. S. 2-31. | ||
* Price, James D. (2010): The Syntax of Masoretic Accents in the Hebrew Bible. Second edition revised and corrected. Online-Veröffentlichung. | |||
* Reymond, Eric d. (2004): Innovations in Hebrew Poetry. Atlanta. | * Reymond, Eric d. (2004): Innovations in Hebrew Poetry. Atlanta. | ||
* Riffaterre, M. (1978): Semiotics of Poetry. London. | * Riffaterre, M. (1978): Semiotics of Poetry. London. | ||
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* Roersma, Louise (1993): The First-Born of Abraham. An Analysis of the Poetic Structure of Gen. 16, in: Johannes C. de Moor / Wilfred G. E. Watson (Hgg.): Verse in Ancient Near Eastern Prose. Neukirchen-Vluyn. S. 219-241. | * Roersma, Louise (1993): The First-Born of Abraham. An Analysis of the Poetic Structure of Gen. 16, in: Johannes C. de Moor / Wilfred G. E. Watson (Hgg.): Verse in Ancient Near Eastern Prose. Neukirchen-Vluyn. S. 219-241. | ||
* Sancke, Christoph (1740): Vollständige Anweisung Zu den Accenten der Hebräer... Leipzig. | |||
* Schulte-Sasse, Jochen / Renate Werner (1977): Einführung in die Literaturwissenschaft. München. | * Schulte-Sasse, Jochen / Renate Werner (1977): Einführung in die Literaturwissenschaft. München. | ||
* Shapiro, Michael (1976): Asymmetry. An Inquiry into the Linguistic Structure of Poetry. Amsterdam / New York / Oxford. | * Shapiro, Michael (1976): Asymmetry. An Inquiry into the Linguistic Structure of Poetry. Amsterdam / New York / Oxford. | ||
* Spanier, Arthur (1927): Die massoretischen Akzente. Eine Darlegung ihres Systems nebst Beiträgen zum Verständnis ihrer Entwicklung. Frankfurt a. M. | |||
* Teeter, Andrew (2022): Biblical Symmetry and Its Modern Detractors, in: Grant Macaskill / Christl M. Maier / Joachim Schaper (Hgg.): Congress Volume Aberdeen 2019. Leiden. S. 435-473. | * Teeter, Andrew (2022): Biblical Symmetry and Its Modern Detractors, in: Grant Macaskill / Christl M. Maier / Joachim Schaper (Hgg.): Congress Volume Aberdeen 2019. Leiden. S. 435-473. | ||
* Tsumura, David T. (1993): The Poetic Nature of Hebrew Narrative Prose in 1 Sam. 2:12-17, in: in: Johannes C. de Moor / Wilfred G. E. Watson (Hgg.): Verse in Ancient Near Eastern Prose. Neukirchen-Vluyn. S. 293-304. | * Tsumura, David T. (1993): The Poetic Nature of Hebrew Narrative Prose in 1 Sam. 2:12-17, in: in: Johannes C. de Moor / Wilfred G. E. Watson (Hgg.): Verse in Ancient Near Eastern Prose. Neukirchen-Vluyn. S. 293-304. | ||
* Tynjanov, Jurij N. (1977): Das Problem der Verssprache. Zur Semantik des poetischen Textes. München. | * Tynjanov, Jurij N. (1977): Das Problem der Verssprache. Zur Semantik des poetischen Textes. München. | ||
* Waldmann, Günther (<sup>3</sup>2021): Neue Einführung in die Literaturwissenschaft. Aktive analytische udn produktive Einübung in Literatur und den Umgang mit ihr – Ein systematischer Kurs. Hohengehren. | |||
* Wasmuth, Matthias (1664): Institutio Methodica Accentuationis hebraeae... Rostock. | |||
* Watson, Wilfred G. E. (<sup>2</sup>1986): Classical Hebrew Poetry. A Guide to its Technique. Sheffield. | * Watson, Wilfred G. E. (<sup>2</sup>1986): Classical Hebrew Poetry. A Guide to its Technique. Sheffield. | ||
* Ders. (1994): Traditional Techniques in Classical Hebrew Verse. Sheffield. | * Ders. (1994): Traditional Techniques in Classical Hebrew Verse. Sheffield. | ||
* Weber, Beat (2006): Entwurf einer Poetologie der Psalmen, in: Helmut Utzschneider / Erhard Blum (Hgg.): Lesarten der Bibel. Untersuchungen zu einer Theorie der Exegese des Alten Testaments. Stuttgart. S. 127-154. | * Weber, Beat (2006): Entwurf einer Poetologie der Psalmen, in: Helmut Utzschneider / Erhard Blum (Hgg.): Lesarten der Bibel. Untersuchungen zu einer Theorie der Exegese des Alten Testaments. Stuttgart. S. 127-154. | ||
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* Wiedemann, Barbara (1995): Von Fischen und Vögeln. Überlegugen zum modernen Gedichtbegriff, in: Poetica 27/3-4, S. 396-432. | |||
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* Zymner, Rüdiger (2009): Lyrik. Umriss und Begriff. Paderborn. | |||
Version vom 17. Juli 2022, 12:46 Uhr
In der alttestamentlichen Wissenschaft ist in den letzten Jahren vieles in Bewegung gekommen. Einige von diesen neueren Erkenntnissen und Akzentsetzungen haben mich bewogen, hier mit einer eigenen Übersetzung zu beginnen. Zuvorderst sind dies (1.1) Neue Erkenntnisse über das Wesen biblischer Poesie (1.2) und biblischer Prosa und (2) neue Theorien zur antiken Deklamation biblischer Texte. Diese seien hier eingangs kurz erläutert.
(1.1) Biblische Poesie ist Poesie im Vollsinn.
Diese Aussage ist nicht selbstverständlich; in der Bibelwissenschaft galt lange und gilt noch heute überwiegend, dass die biblische Poesie eine Art „Poesie auf Schwundstufe“ sei: Ihr einziges Charakteristikum sei der sog. „Parallelismus membrorum“. In der klassischen Konzeption von Robert Lowth (18. Jhd.) heißt das: Poetische Verse in der Bibel bestehen regulär aus jeweils zwei oder drei Halbzeilen (im Folgenden: „Kola“, Einzahl: „Kolon“), die entweder
- (a) das Gleiche sagen: „synonymer Parallelismus“, z.B.: „Darum werden Gesetzlose im Gericht nicht bestehen / und Sünder [werden] im Rat der Gerechten [nicht bestehen].“ (Ps 1,5)
- (b) Gegenteiliges sagen: „antithetischer Parallelismus“, z.B.: „JHWH kennt=behütet den Weg der Gerechten, / der Weg der Gesetzlosen aber wird verderben.“ (Ps 1,6)
- (c) nur grammatisch ähnlich gebaut sind: „synthetischer Parallelismus“, z.B. „(Wie glücklich der Mann, der) dem Rat der Frevler nicht folgte / und auf dem Weg der Übeltäter nicht stand / und im Kreis der Spötter nicht saß!“ (Ps 1,1)
Neue Entwicklungen der Forschung in diesem Zusammenhang sind: (1.1.1) Auch bei den Texten, die klar „Poesie“ sind, sind nicht viele Kola derart „parallel“ (so bes. James Kugel).
(1.1.2) In der Bibelwissenschaft hat man u.a. deshalb neben diesen drei Formen des Parallelismus nach weiteren gesucht – und sie gefunden: Mittlerweile kennt man in der Bibelwissenschaft z.B. „emblematische Parallelismen“, „Gabelparallelismen“, „Gender-Parallelismen“, „konsequentielle Parallelismen“, „Parallelismen der größeren Präzision“ usw. (was das jeweils heißen soll, braucht uns hier nicht zu bekümmern); man hat weiters sogar den „synthetischen Parallelismus“ aufgeteilt in den „syntaktischen Parallelismus“ und den „synthetischen Parallelismus“ im Vollsinn, was so viel heißen soll wie: „eigentlich gar nicht parallele, aber irgendwie doch verwandte Kola“; und schließlich hat man noch gesehen, dass Vershälften nicht nur semantisch oder grammatisch parallel sein müssen, sondern z.B. auch (zusätzlich) lautlich („phonologische Parallelisen“) oder lexikalisch („Wortpaar-Parallelismen“) parallel sein können. Vgl. zu diesen Entwicklungen bes. die Schriften von Adele Berlin, Wilfred Watson und z.B. Dobbs-Allsopp 2015, S. 148f.; Gaines 2015, S. 37-51.
(1.1.3) Eine erste Reaktion auf diese Entwicklungen waren verwandte Bestrebungen, diese Vielzahl an neuen Parallelismen wieder zu reduzieren. James Kugel etwa dampfte alle Parallelismen daher ein auf die Formel „A, and what's more, B“ (1981, S. 58), d.h. ein Kolon B führe irgendwie Kolon A fort. Ähnlich hat Alter versucht, alle Parallelismen unter dem gemeinsamen Nenner zusammenzubringen, Parallelismus sei eine Technik, bei der ein Kolon B ein Kolon A präzisiere oder intensiviere (1985, S. 19). Burden hat 1986, S. 173 diese beiden Tendenzen einander als Alternativen gegenübergestellt: War zuvor die grundlegende Streitfrage, ob bestimmend für die biblische Poesie Metrum oder Parallelismus sei, war es nun die, ob bestimmend eine literarische Technik des Parallelismus sei oder viele. Burden entscheidet sich für Letzteres:
„Kugel (1981: 58) remarks: ‚Biblical parallelism is of one sort, ‚A, and what's more, B,‘ or a hundred sorts; but it is not three‘. [...] I, however, opt for ‚a hundred sorts‘, since there is a great variety of possibilities. [...A] systematic investigation of every book of the Old Testament is necessary to enable us to evaluate the full measure of parallelism as a literary device. [...] The whole range of structural, grammatical, syntactic, semantic and phonetic aspects must also be carefully considered.“
(1.1.4) Zeitgleich dazu wurde die bibelwissenschaftliche Parallelismus-Idee zunächst in der Linguistik und dann in der allgemeinen Literaturwissenschaft rezipiert und dort anders weiterentwickelt: Etwa seit den 30er Jahren wird „Poesie“ dort häufig verstanden als Kompositionen, in denen die Form(ulierung) bedeutsam ist. „Dichtung“ zeichnet sich also zuvorderst aus durch die besondere „Dichte“ poetischer Texte, d.h. dadurch, (a) dass diese Texte Gewebe sind, in denen alle Text-Elemente – Laute, Wörter, Wortfügungen, Ausdrücke, ... – durch Verstrebungen und Verwebungen im Text aufeinander bezogen sein können, (b) insofern sich entweder gleiche oder variante Text-Elemente feststellen lassen, (c) und dass Hörer:innen und Leser:innen von Dichtung nicht nur Wort- und Satzsemantik, sondern außerdem diese verschiedensten Bezüge zwischen Text-Elementen als bedeutsam auffassen. Für ein Bsp. s. gleich; zur Idee s. z.B. die unten aufgeführten Schriften von Tynjanov, Jakobson, Lotman, Schulte/Sasse, Eagle, Shapiro, Riffaterre, Küper usw.
(1.1.5) In den neueren Literaturwissenschaften sind es diese unterschiedlichsten und nicht systematisierbaren Textbezüge, die man als „Parallelismus“ bezeichnet. Diese Idee aus den neueren Literaturwissenschaften ist neuerdings in die Bibelwissenschaft zurückgewandert: Anders als z.B. Berlin und Watson sprechen neuerdings viele Bibelwissenschaftler nicht mehr von „Parallelismen“, sondern z.B. von „unterschiedlichen Balancen“ (Fitzgerald 1991, S. 204: lautliche, morphologische, metrische, semantische, syntaktische und weitere Balancen), „unterschiedlichen Rekurrenzen“ (Nel 1992; Nel 1993; danach Weber 2006, S. 142-145: Rekurrenzen auf phonologischer, prosodischer, morphologischer, lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene), „unterschiedlichsten Wiederholungen“ (Majewski 2020, S. 209: sonorische, morphologische, lexikalische, syntaktische, semantische, logische, temporale „Ähnlichkeiten“); „unterschiedlichsten Korrespondenzen“ (Teeter 2022, S. 459-461: sämtliche logische Relationen zwischen Zeilen, Relationen in der Gestaltung von Kola – morphologisch, lexikalisch und semantisch – und sämtliche lexikalisch-semantische Relationen) oder von „unterschiedlichen Kohäsions-Stiftern“ (Ayars 2018, z.B. S. 39: grammatisch-syntaktische Wiederholung, lexiko-grammatische Wiederholung, lexiko-grammatische Kollokation, lexiko-semantische Wiederholung, lexiko-semantische Kollokation, Koreferenten, Konjunktionen, Ellipsen).
Mit dieser Neuformulierung lässt sich biblische Poesie weit genauer erfassen. Bei einem Vers
- ma´neh rak jašib ḥemah
wedebar-´aṣb ja´leh `ap
„Eine sanfte Antwort verwandelt den Zorn,
aber ein kränkendes Wort erregt den Grimm“ (Spr 15,1)
etwa lässt sich danach nicht nur beobachten, dass in beiden „Halbzeilen“ Gegensätzliches steht und man es also mit einem „antithetischen Parallelismus“ zu tun hat, und dass sie grammatisch gleich gebaut sind und man es also außerdem mit einem „grammatischen Parallelismus“ zu tun hat, sondern z.B. auch, dass die Worte „Antwort“ und „Wort“ und „Grimm“ und „Zorn“ einander entsprechen und dass die Lautfolgen ma´neh rak („eine sanfte Antwort“) und ja´leh `ap („erregt den Zorn“) auch aufgrund der identischen Lautfolgen a´ – e – a lautlich aufeinander bezogen sind, und sodann lassen sich all diese Bezüge als Basis einer Interpretation nehmen.
(1.1.6) Gleichzeitig hat man „interne Parallelismen“ entdeckt, bei denen nicht Vershälften parallel sind, sondern Glieder innerhalb von Vershälften, nicht-benachbarte „externe Parallelismen“ (Robinson 1947, S. 28), die man noch weiter untergliedert hat in „Nah-Parallelismen“ und „distante Parallelismen“ (z.B. Heim 2018, S. 29-32; Pardee 1988, S. 168-192; Reymond 2004, S. 19; ähnlich Couey 2015, S. 100-107.111-121; Watson 1986, S. 187-189). Andere Forscher:innen haben diese „Nah-Parallelismen“ genauer untersucht und v.a. gegliedert in Formen, die man als „Kreuzparallelismen“ (ABAB), „Schweif-Parallelismen“ (ABBA) und „Chiasmen“ (ABCBA) bezeichnen könnte, aber auch dies scheint mir wieder eine unangemessene Einengung zu sein. Zwei Beispiele:
- „a Gebt JHWH, ihr Söhne der Starken,
b Gebt JHWH Herrlichkeit und Stärke!
c Gebt JHWH die Herrlichkeit seines Namens;
d Betet JHWH an in heiliger Pracht!
e Die Stimme JHWHs ist auf den Wassern,
f Der Gott der Herrlichkeit donnert,
g JHWH auf großen Wassern!“ (Ps 29,1-3)
Man könnte hiervon ausgehend versuchen, Kolon a-d zu Analysieren als eine Art unreinen Schweif-Parallelismus ABBC und die drei letzen Zeilen als Trikolon aus zwei verschränkten Bikola (DE-D-E). Mit einer solchen Analyse verliert man aber aus dem Blick, dass zwischen Kolon a und bc natürlich trotzdem enge Bezüge herrschen, dass Kolon d trotz anderer Formulierung eng auf diese drei Kola bezogen ist, weil es sie reformuliert, und dass in Kolon c und f das Wort „Herrlichkeit“ wiederholt wird.
- „a Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine
b Und deine Fundamente mit Saphiren
c Und ich mache rubinen deine Zinnen
d Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen
e Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“