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Das bringt uns zur zweiten neuen Erkenntnis: '''Biblische Prosa ist (bisweilen) poetisch'''.<br /> | Das bringt uns zur zweiten neuen Erkenntnis: '''Biblische Prosa ist (bisweilen) poetisch'''.<br /> | ||
Seit den späten 80ern hat man in der biblischen Prosa ein Phänomen wiederentdeckt, das man schon früher bisweilen als „gehobene Prosa“, „epischen Stil“ o.Ä. beschrieben hat, und neu gefasst als „narrative Poesie“ (s. z.B. Christensen 1985; 1987; 1992; de Hoop 1988; de Moor 1984; 1986; Kim 1993; Koopmans 1988; 1994; Roersma 1993; Tsumura 1993 u.a.). Gemeint sind damit keine Balladen, sondern: Nicht nur in der biblischen Poesie gibt es Bezüge zwischen Kola, sondern häufig lässt sich Entsprechendes auch in biblischer Prosa feststellen. Kapitel, in denen dieses Charakteristikum dominant ist, muss man daher als eine Art Zwitter zwischen Poesie betrachten: Mindestens eignen dann ja auch ihnen | Seit den späten 80ern hat man in der biblischen Prosa ein Phänomen wiederentdeckt, das man schon früher bisweilen als „gehobene Prosa“, „epischen Stil“ o.Ä. beschrieben hat, und neu gefasst als „narrative Poesie“ (s. z.B. Christensen 1985; 1987; 1992; de Hoop 1988; de Moor 1984; 1986; Kim 1993; Koopmans 1988; 1994; Roersma 1993; Tsumura 1993 u.a.). Gemeint sind damit keine Balladen, sondern: Nicht nur in der biblischen Poesie gibt es distante Bezüge zwischen Kola, sondern häufig lässt sich Entsprechendes auch in biblischer Prosa feststellen (wo dann allerdings die Nah-Bezüge von Vers-Parallelismen fehlen). Kapitel, in denen dieses Charakteristikum dominant ist, muss man daher als eine Art Zwitter zwischen Poesie betrachten: Mindestens eignen dann ja auch ihnen | ||
* (1) die Versform – mit allem, was sonst daraus folgt, | * (1) die Versform – mit allem, was sonst daraus folgt, | ||
* (2) „Parallelismus“ (dazu s.o.) | * (2) „Parallelismus“ (dazu s.o.) | ||
* (3) „Dichte“ | * (3) „Dichte“; auch bei ihnen ist also die Form(ulierung) bedeutsamer als bei gewöhnlicher Prosa. | ||
Für viele Literaturwissenschaftler würden diese Charakteristika ausreichen, um die besagten Kapitel sogar als Poesie im Vollsinn aufzufassen (z.B. Burdorf 2015, S. 10f.13; Fabb 2015, S. 1f.; Lamping 2000, S. 23; Waldmann 2021, S. 12; Wiedemann 1995, S. 427-431; Zymner 2009, S. 96). Für die biblischen Texte ist das aber nicht sehr adäquat (auch der Begriff „narrative Poesie“ ist es nicht): Unterscheidungskriterium ist ja das ''formale'', dass dominant nicht der Vers-Parallelismus ist, sondern der distante Parallelismus. Ich will daher lieber von „lyrischer Prosa“ sprechen.<br /> | Für viele Literaturwissenschaftler würden diese Charakteristika ausreichen, um die besagten Kapitel sogar als Poesie im Vollsinn aufzufassen (z.B. Burdorf 2015, S. 10f.13; Fabb 2015, S. 1f.; Lamping 2000, S. 23; Waldmann 2021, S. 12; Wiedemann 1995, S. 427-431; Zymner 2009, S. 96). Für die biblischen Texte ist das aber nicht sehr adäquat (auch der Begriff „narrative Poesie“ ist es nicht): Unterscheidungskriterium ist ja das ''formale'', dass dominant nicht der Vers-Parallelismus ist, sondern der distante Parallelismus. Ich will daher lieber von „lyrischer Prosa“ sprechen.<br /> | ||
Beispiele für solche lyrische Prosa gibt es einige. Bereits das erste Kapitel der Bibel, das von sehr vielen als „narrative Poesie“ aufgefasst wird (z.B. Davis 2008, S. 42-65; Harshav 2014, S. 54f.; Majewski 2020; Marlowe 2016; Polak 2002; Robinson 2009), ist ja offensichtlich nicht lineare Prosa, sondern in jedem Abschnitt stehen mehrere Wendungen (z.B. „so geschah es“, „und Gott sah, dass es gut war“ usw.), die relativ regelmäßig immer wieder wiederholt werden; Gen 1 besteht also sogar überwiegend aus „distanten Parallelismen“. Ein ähnliches Beispiel: Am 1-2 wird fast durchgehend als Poesie analysiert. Dabei lassen sich in gar nicht vielen benachbarten Kola Parallelismen erkennen; leitendes Strukturprinzip ist vielmehr auch hier die Wiederholung wieder mehrerer äquivalenter Wendungen (z.B. „Wegen drei Freveltaten von X und wegen vier werde ich's nicht rückgängig machen“, „darum werde ich Feuer senden nach Y und es wird die Paläste von Z fressen“ usw.). Zwei andere Beispiele noch: Magonet 1976, S. 32 hat stark nach Fränkel und Cohn die „growing phrase“ als Charakteristikum auch der Prosa-Kapitel des Jonabuches identifiziert, z.B.: | Beispiele für solche lyrische Prosa gibt es einige. Bereits das erste Kapitel der Bibel, das von sehr vielen als „narrative Poesie“ aufgefasst wird (z.B. Davis 2008, S. 42-65; Harshav 2014, S. 54f.; Majewski 2020; Marlowe 2016; Polak 2002; Robinson 2009), ist ja offensichtlich nicht lineare Prosa, sondern in jedem Abschnitt stehen mehrere Wendungen (z.B. „so geschah es“, „und Gott sah, dass es gut war“ usw.), die relativ regelmäßig immer wieder wiederholt werden; Gen 1 besteht also sogar überwiegend aus „distanten Parallelismen“. Ein ähnliches Beispiel: Am 1-2 wird fast durchgehend als Poesie analysiert. Dabei lassen sich in gar nicht vielen benachbarten Kola Parallelismen erkennen; leitendes Strukturprinzip ist vielmehr auch hier die Wiederholung wieder mehrerer äquivalenter Wendungen (z.B. „Wegen drei Freveltaten von X und wegen vier werde ich's nicht rückgängig machen“, „darum werde ich Feuer senden nach Y und es wird die Paläste von Z fressen“ usw.). Zwei andere Beispiele noch: Magonet 1976, S. 32 hat stark nach Fränkel und Cohn die „growing phrase“ als Charakteristikum auch der Prosa-Kapitel des Jonabuches identifiziert, z.B.: | ||
Version vom 17. Juli 2022, 16:33 Uhr
<header /> In der alttestamentlichen Wissenschaft ist in den letzten Jahren vieles in Bewegung gekommen. Einige von diesen neueren Erkenntnissen und Akzentsetzungen haben mich bewogen, hier mit einer eigenen Übersetzung zu beginnen. Zuvorderst sind dies (1) Neue Erkenntnisse über das Wesen biblischer Poesie (2) und biblischer Prosa und (3) neue Theorien zur antiken Deklamation biblischer Texte. Diese seien hier eingangs kurz erläutert.
Biblische Poesie[Bearbeiten]
(1.1) Biblische Poesie ist Poesie im Vollsinn.
Diese Aussage ist nicht selbstverständlich; in der Bibelwissenschaft galt lange und gilt noch heute überwiegend, dass die biblische Poesie eine Art „Poesie auf Schwundstufe“ sei: Ihr einziges Charakteristikum sei der sog. „Parallelismus membrorum“. In der klassischen Konzeption von Robert Lowth (18. Jhd.) heißt das: Poetische Verse in der Bibel bestehen regulär aus jeweils zwei oder drei Halbzeilen (im Folgenden: „Kola“, Einzahl: „Kolon“), die entweder
- (a) das Gleiche sagen: „synonymer Parallelismus“, z.B.: „Darum werden Gesetzlose im Gericht nicht bestehen / und Sünder [werden] im Rat der Gerechten [nicht bestehen].“ (Ps 1,5)
- (b) Gegenteiliges sagen: „antithetischer Parallelismus“, z.B.: „JHWH kennt=behütet den Weg der Gerechten, / der Weg der Gesetzlosen aber wird verderben.“ (Ps 1,6)
- (c) nur grammatisch ähnlich gebaut sind: „synthetischer Parallelismus“, z.B. „(Wie glücklich der Mann, der) dem Rat der Frevler nicht folgte / und auf dem Weg der Übeltäter nicht stand / und im Kreis der Spötter nicht saß!“ (Ps 1,1)
Neue Entwicklungen der Forschung in diesem Zusammenhang sind: (1.1.1) Auch bei den Texten, die klar „Poesie“ sind, sind nicht viele Kola derart „parallel“ (so bes. James Kugel).
(1.2) In der Bibelwissenschaft hat man u.a. deshalb neben diesen drei Formen des Parallelismus nach weiteren gesucht – und sie gefunden: Mittlerweile kennt man in der Bibelwissenschaft z.B. „emblematische Parallelismen“, „Gabelparallelismen“, „Gender-Parallelismen“, „konsequentielle Parallelismen“, „Parallelismen der größeren Präzision“ usw. (was das jeweils heißen soll, braucht uns hier nicht zu bekümmern); man hat weiters sogar den „synthetischen Parallelismus“ aufgeteilt in den „syntaktischen Parallelismus“ und den „synthetischen Parallelismus“ im Vollsinn, was so viel heißen soll wie: „eigentlich gar nicht parallele, aber irgendwie doch verwandte Kola“; und schließlich hat man noch gesehen, dass Vershälften nicht nur semantisch oder grammatisch parallel sein müssen, sondern z.B. auch (zusätzlich) lautlich („phonologische Parallelisen“) oder lexikalisch („Wortpaar-Parallelismen“) parallel sein können. Vgl. zu diesen Entwicklungen bes. die Schriften von Adele Berlin, Wilfred Watson und z.B. Dobbs-Allsopp 2015, S. 148f.; Gaines 2015, S. 37-51.
(1.3) Eine erste Reaktion auf diese Entwicklungen waren verwandte Bestrebungen, diese Vielzahl an neuen Parallelismen wieder zu reduzieren. James Kugel etwa dampfte alle Parallelismen daher ein auf die Formel „A, and what's more, B“ (1981, S. 58), d.h. ein Kolon B führe irgendwie Kolon A fort. Ähnlich hat Alter versucht, alle Parallelismen unter dem gemeinsamen Nenner zusammenzubringen, Parallelismus sei eine Technik, bei der ein Kolon B ein Kolon A präzisiere oder intensiviere (1985, S. 19). Burden hat 1986, S. 173 diese beiden Tendenzen einander als Alternativen gegenübergestellt: War zuvor die grundlegende Streitfrage, ob bestimmend für die biblische Poesie Metrum oder Parallelismus sei, war es nun die, ob bestimmend eine literarische Technik des Parallelismus sei oder viele. Burden entscheidet sich für Letzteres:
„Kugel (1981: 58) remarks: ‚Biblical parallelism is of one sort, ‚A, and what's more, B,‘ or a hundred sorts; but it is not three‘. [...] I, however, opt for ‚a hundred sorts‘, since there is a great variety of possibilities. [...A] systematic investigation of every book of the Old Testament is necessary to enable us to evaluate the full measure of parallelism as a literary device. [...] The whole range of structural, grammatical, syntactic, semantic and phonetic aspects must also be carefully considered.“
(1.4) Zeitgleich dazu wurde die bibelwissenschaftliche Parallelismus-Idee zunächst in der Linguistik und dann in der allgemeinen Literaturwissenschaft rezipiert und dort anders weiterentwickelt: Etwa seit den 30er Jahren wird „Poesie“ dort häufig verstanden als Kompositionen, in denen die Form(ulierung) bedeutsam ist. „Dichtung“ zeichnet sich also zuvorderst aus durch die besondere „Dichte“ poetischer Texte, d.h. dadurch, (a) dass diese Texte Gewebe sind, in denen alle Text-Elemente – Laute, Wörter, Wortfügungen, Ausdrücke, ... – durch Verstrebungen und Verwebungen im Text aufeinander bezogen sein können, (b) insofern sich entweder gleiche oder variante Text-Elemente feststellen lassen, (c) und dass Hörer:innen und Leser:innen von Dichtung nicht nur Wort- und Satzsemantik, sondern außerdem diese verschiedensten Bezüge zwischen Text-Elementen als bedeutsam auffassen. Für ein Bsp. s. gleich; zur Idee s. z.B. die unten aufgeführten Schriften von Tynjanov, Jakobson, Lotman, Schulte/Sasse, Eagle, Shapiro, Riffaterre, Küper usw.
(1.5) In den neueren Literaturwissenschaften sind es diese unterschiedlichsten und nicht systematisierbaren Textbezüge, die man als „Parallelismus“ bezeichnet. Im Folgenden werde ich „Parallelismus“ in diesem Sinne verwenden.
Diese Idee aus den neueren Literaturwissenschaften ist neuerdings in die Bibelwissenschaft zurückgewandert: Anders als z.B. Berlin und Watson sprechen neuerdings viele Bibelwissenschaftler nicht mehr von „Parallelismen“, sondern z.B. von „unterschiedlichen Balancen“ (Fitzgerald 1991, S. 204: lautliche, morphologische, metrische, semantische, syntaktische und weitere Balancen), „unterschiedlichen Rekurrenzen“ (Nel 1992; Nel 1993; danach Weber 2006, S. 142-145: Rekurrenzen auf phonologischer, prosodischer, morphologischer, lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene), „unterschiedlichsten Wiederholungen“ (Majewski 2020, S. 209: sonorische, morphologische, lexikalische, syntaktische, semantische, logische, temporale „Ähnlichkeiten“); „unterschiedlichsten Korrespondenzen“ (Teeter 2022, S. 459-461: sämtliche logische Relationen zwischen Zeilen, Relationen in der Gestaltung von Kola – morphologisch, lexikalisch und semantisch – und sämtliche lexikalisch-semantische Relationen) oder von „unterschiedlichen Kohäsions-Stiftern“ (Ayars 2018, z.B. S. 39: grammatisch-syntaktische Wiederholung, lexiko-grammatische Wiederholung, lexiko-grammatische Kollokation, lexiko-semantische Wiederholung, lexiko-semantische Kollokation, Koreferenten, Konjunktionen, Ellipsen).
Mit dieser Neuformulierung lässt sich biblische Poesie weit genauer erfassen. Bei einem Vers
- ma´neh rak jašib ḥemah
wedebar-´aṣb ja´leh `ap
„Eine sanfte Antwort verwandelt den Zorn,
aber ein kränkendes Wort erregt den Grimm“ (Spr 15,1)
etwa lässt sich danach nicht nur beobachten, dass in beiden „Halbzeilen“ Gegensätzliches steht und man es also mit einem „antithetischen Parallelismus“ zu tun hat, und dass sie grammatisch gleich gebaut sind und man es also außerdem mit einem „grammatischen Parallelismus“ zu tun hat, sondern z.B. auch, dass die Worte „Antwort“ und „Wort“ und „Grimm“ und „Zorn“ einander entsprechen und dass die Lautfolgen ma´neh rak („eine sanfte Antwort“) und ja´leh `ap („erregt den Zorn“) auch aufgrund der identischen Lautfolgen a´ – e – a lautlich aufeinander bezogen sind, beide Kola also von einer Vielzahl von Bezügen gleichzeitig miteinander interagieren; und sodann lassen sich all diese Bezüge als Basis einer Interpretation nehmen.
(1.6) Gleichzeitig hat man „interne Parallelismen“ entdeckt, bei denen nicht Vershälften parallel sind, sondern Glieder innerhalb von Vershälften, nicht-benachbarte „externe Parallelismen“ (Robinson 1952, S. 28), die man noch weiter untergliedert hat in „Nah-Parallelismen“ und „distante Parallelismen“ (z.B. Heim 2013, S. 29-32; Pardee 1988, S. 168-192; Reymond 2004, S. 19; ähnlich Couey 2015, S. 100-107.111-121; Watson 1986, S. 187-189). Andere Forscher:innen haben diese „Nah-Parallelismen“ genauer untersucht und v.a. gegliedert in Formen, die man als „Kreuzparallelismen“ (ABAB), „Schweif-Parallelismen“ (ABBA) und „Chiasmen“ (ABCBA) bezeichnen könnte, aber auch dies sind nur Sonderformen, die mir wieder eine unangemessene Einengung zu sein scheinen. Zwei Beispiele:
- „a Gebt JHWH, ihr Söhne der Starken,
b Gebt JHWH Herrlichkeit und Stärke!
c Gebt JHWH die Herrlichkeit seines Namens;
d Betet JHWH an in heiliger Pracht!
e Die Stimme JHWHs ist auf den Wassern,
f Der Gott der Herrlichkeit donnert,
g JHWH auf großen Wassern!“ (Ps 29,1-3)
Man könnte hiervon ausgehend versuchen, Kolon a-d zu Analysieren als eine Art unreinen Schweif-Parallelismus ABBC und die drei letzen Zeilen als Trikolon aus zwei verschränkten Bikola (DE-D-E). Mit einer solchen Analyse verliert man aber aus dem Blick, dass zwischen Kolon a und bc natürlich trotzdem enge Bezüge herrschen, dass Kolon d trotz anderer Formulierung eng auf diese drei Kola bezogen ist, weil es sie alle reformuliert, und dass in Kolon c und f das Wort „Herrlichkeit“ wiederholt wird.
- „a Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine
b Und deine Fundamente mit Saphiren
c Und ich mache rubinen deine Zinnen
d Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen
e Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“