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(1.2) In der Bibelwissenschaft hat man u.a. deshalb neben diesen drei Formen des Parallelismus nach weiteren gesucht – und sie gefunden: Mittlerweile kennt man in der Bibelwissenschaft z.B. „emblematische Parallelismen“, „Gabelparallelismen“, „Gender-Parallelismen“, „konsequentielle Parallelismen“, „Parallelismen der größeren Präzision“ usw. (was das jeweils heißen soll, braucht uns hier nicht zu bekümmern); man hat weiters sogar den „synthetischen Parallelismus“ aufgeteilt in den „syntaktischen Parallelismus“ und den „synthetischen Parallelismus“ im Vollsinn, was so viel heißen soll wie: „eigentlich gar nicht parallele, aber irgendwie doch verwandte Kola“; und schließlich hat man noch gesehen, dass Vershälften nicht nur ''semantisch'' oder ''grammatisch'' parallel sein müssen, sondern z.B. auch (zusätzlich) ''lautlich'' („phonologische Parallelisen“) oder ''lexikalisch'' („Wortpaar-Parallelismen“) parallel sein können. Vgl. zu diesen Entwicklungen bes. die Schriften von Adele Berlin, Wilfred Watson und z.B. Dobbs-Allsopp 2015, S. 148f.; Gaines 2015, S. 37-51. | (1.2) In der Bibelwissenschaft hat man u.a. deshalb neben diesen drei Formen des Parallelismus nach weiteren gesucht – und sie gefunden: Mittlerweile kennt man in der Bibelwissenschaft z.B. „emblematische Parallelismen“, „Gabelparallelismen“, „Gender-Parallelismen“, „konsequentielle Parallelismen“, „Parallelismen der größeren Präzision“ usw. (was das jeweils heißen soll, braucht uns hier nicht zu bekümmern); man hat weiters sogar den „synthetischen Parallelismus“ aufgeteilt in den „syntaktischen Parallelismus“ und den „synthetischen Parallelismus“ im Vollsinn, was so viel heißen soll wie: „eigentlich gar nicht parallele, aber irgendwie doch verwandte Kola“; und schließlich hat man noch gesehen, dass Vershälften nicht nur ''semantisch'' oder ''grammatisch'' parallel sein müssen, sondern z.B. auch (zusätzlich) ''lautlich'' („phonologische Parallelisen“) oder ''lexikalisch'' („Wortpaar-Parallelismen“) parallel sein können. Vgl. zu diesen Entwicklungen bes. die Schriften von Adele Berlin, Wilfred Watson und z.B. Dobbs-Allsopp 2015, S. 148f.; Gaines 2015, S. 37-51. | ||
(1.3) Eine erste Reaktion auf diese Entwicklungen waren verwandte Bestrebungen, diese Vielzahl an neuen Parallelismen wieder zu reduzieren. James Kugel etwa dampfte alle Parallelismen daher ein auf die Formel „A, and what's more, B“ (1981, S. 58), d.h. ein Kolon B führe ''irgendwie'' Kolon A fort. Ähnlich hat Alter versucht, alle Parallelismen unter dem gemeinsamen Nenner zusammenzubringen, Parallelismus sei eine Technik, bei der ein Kolon B ein Kolon A ''präzisiere'' oder ''intensiviere'' (1985, S. 19). Burden hat 1986, S. 173 diese beiden Tendenzen einander als Alternativen gegenübergestellt: War zuvor die grundlegende Streitfrage, ob bestimmend für die biblische Poesie Metrum oder Parallelismus sei, war es nun die, ob bestimmend ''eine'' literarische Technik des Parallelismus sei oder viele. Burden entscheidet sich für Letzteres: | (1.3) Eine erste Reaktion auf diese Entwicklungen waren verwandte Bestrebungen, diese Vielzahl an neuen Parallelismen wieder zu reduzieren. James Kugel etwa dampfte alle Parallelismen daher ein auf die Formel „A, and what's more, B“ (1981, S. 58), d.h. ein Kolon B führe ''irgendwie'' Kolon A fort. Ähnlich hat Alter versucht, alle Parallelismen unter dem gemeinsamen Nenner zusammenzubringen, Parallelismus sei eine Technik, bei der ein Kolon B ein Kolon A ''präzisiere'' oder ''intensiviere'' (1985, S. 19). Burden hat 1986, S. 173 diese beiden Tendenzen einander als Alternativen gegenübergestellt: War zuvor die grundlegende Streitfrage, ob bestimmend für die biblische Poesie Metrum oder Parallelismus sei, war es nun die, ob bestimmend ''eine'' literarische Technik des Parallelismus sei oder viele. Burden entscheidet sich für Letzteres: | ||
( | : Kugel (1981: 58) remarks: „Biblical parallelism is of one sort, ‚A, and what's more, B,‘ or a hundred sorts; but it is not three“. [...] I, however, opt for „a hundred sorts“, since there is a great variety of possibilities. [...A] systematic investigation of every book of the Old Testament is necessary to enable us to evaluate the full measure of parallelism as a literary device. [...] The whole range of structural, grammatical, syntactic, semantic and phonetic aspects must also be carefully considered. | ||
(1.5) In den neueren Literaturwissenschaften sind es ''diese unterschiedlichsten und nicht systematisierbaren Textbezüge'', die man als „Parallelismus“ bezeichnet. Im Folgenden werde ich „Parallelismus“ in ''diesem'' Sinne verwenden.<br />Diese Idee aus den neueren Literaturwissenschaften ist neuerdings in die Bibelwissenschaft zurückgewandert: Anders als z.B. Berlin und Watson sprechen neuerdings viele Bibelwissenschaftler nicht mehr von „Parallelismen“, sondern z.B. von „unterschiedlichen Balancen“ (Fitzgerald 1991, S. 204: lautliche, morphologische, metrische, semantische, syntaktische und weitere Balancen), „unterschiedlichen Rekurrenzen“ (Nel 1992; Nel 1993; Wendland 2017, S. 4f.; danach Weber 2006, S. 142-145: Rekurrenzen auf phonologischer, prosodischer, morphologischer, lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene), „unterschiedlichsten Wiederholungen“ (Majewski 2020, S. 209: sonorische, morphologische, lexikalische, syntaktische, semantische, logische, temporale „Ähnlichkeiten“); „unterschiedlichsten Korrespondenzen“ (Teeter 2022, S. 459-461: sämtliche ''logische'' Relationen zwischen Zeilen, Relationen in der ''Gestaltung'' von Kola – morphologisch, lexikalisch und semantisch – und sämtliche ''lexikalisch-semantische'' Relationen) oder von „unterschiedlichen Kohäsions-Stiftern“ (Ayars 2018, z.B. S. 39: grammatisch-syntaktische Wiederholung, lexiko-grammatische Wiederholung, lexiko-grammatische Kollokation, lexiko-semantische Wiederholung, lexiko-semantische Kollokation, Koreferenten, Konjunktionen, Ellipsen).<br />Mit dieser Neuformulierung lässt sich biblische Poesie weit genauer erfassen. Bei einem Vers | (1.4) Zeitgleich dazu wurde die bibelwissenschaftliche Parallelismus-Idee zunächst in der Linguistik und dann in der allgemeinen Literaturwissenschaft rezipiert und dort anders weiterentwickelt: Etwa seit den 30er Jahren wird „Poesie“ dort häufig verstanden als '''Kompositionen, in denen die Form(ulierung) ''bedeutsam'' ist'''. „Dichtung“ zeichnet sich also zuvorderst aus durch die besondere „Dichte“ poetischer Texte, d.h. dadurch, (a) dass diese Texte ''Gewebe'' sind, in denen alle Text-Elemente – Laute, Wörter, Wortfügungen, Ausdrücke, ... – durch Verstrebungen und Verwebungen im Text unterschiedlichst aufeinander bezogen sein können, (b) indem sich entweder ''gleiche'' oder ''variante'' Text-Elemente auf jeder Sprachebene feststellen lassen, (c) und dass Hörer:innen und Leser:innen von Dichtung nicht nur Wort- und Satzsemantik, sondern außerdem diese verschiedensten Bezüge zwischen Text-Elementen als bedeutsam auffassen. Für ein Bsp. s. gleich; zur Idee s. z.B. die unten aufgeführten Schriften von Tynjanov, Jakobson, Lotman, Schulte/Sasse, Eagle, Shapiro, Riffaterre, Küper usw. | ||
(1.5) In den neueren Literaturwissenschaften sind es ''diese unterschiedlichsten und nicht systematisierbaren Textbezüge'', die man als „Parallelismus“ bezeichnet. Im Folgenden werde ich „Parallelismus“ in ''diesem'' Sinne verwenden.<br />Diese Idee aus den neueren Literaturwissenschaften ist neuerdings in die Bibelwissenschaft zurückgewandert. Wenn ich richtig sehe, hat David Clines (an den Kaiser 2019 anschließt, s.u.) den Anstoß gegeben, der wie Burden Kugels Diktum komentiert: | |||
: James Kugel was entirely right in asserting, as against a crude popularization of Lowthian parallelism, that „Biblical parallelism is of one sort ... or a hundred sorts; but it is not three“. But I believe he is wrong to describe the „one sort“ as a matter of „A, and what's more, B“, since that restricts the relationship of the lines to those of emphasis, repetition, seconding, and so on. The relationships of A and B are so diverse taht only some statement such as „A is related to B“ will serve as a valid statement of ''all'' parallelistic couplets. (1987, S. 94) | |||
Anders als z.B. Berlin und Watson sprechen ähnlich neuerdings viele Bibelwissenschaftler nicht mehr von klassifizierbaren „Parallelismen“, sondern z.B. von „unterschiedlichen Balancen“ (Fitzgerald 1991, S. 204: lautliche, morphologische, metrische, semantische, syntaktische und weitere Balancen), „unterschiedlichen Rekurrenzen“ (Nel 1992; Nel 1993; Wendland 2017, S. 4f.; danach Weber 2006, S. 142-145: Rekurrenzen auf phonologischer, prosodischer, morphologischer, lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene), „unterschiedlichsten Wiederholungen“ (Majewski 2020, S. 209: sonorische, morphologische, lexikalische, syntaktische, semantische, logische, temporale „Ähnlichkeiten“); „unterschiedlichsten Korrespondenzen“ (Teeter 2022, S. 459-461: sämtliche ''logische'' Relationen zwischen Zeilen, Relationen in der ''Gestaltung'' von Kola – morphologisch, lexikalisch und semantisch – und sämtliche ''lexikalisch-semantische'' Relationen) oder von „unterschiedlichen Kohäsions-Stiftern“ (Ayars 2018, z.B. S. 39: grammatisch-syntaktische Wiederholung, lexiko-grammatische Wiederholung, lexiko-grammatische Kollokation, lexiko-semantische Wiederholung, lexiko-semantische Kollokation, Koreferenten, Konjunktionen, Ellipsen).<br />Mit dieser Neuformulierung lässt sich biblische Poesie weit genauer erfassen. Bei einem Vers | |||
: ''ma´neh rak jašib ḥemah''<br />''wedebar-´aṣb ja´leh `ap''<br />„Eine sanfte Antwort verwandelt den Zorn,<br />aber ein kränkendes Wort erregt den Grimm“ (Spr 15,1) | : ''ma´neh rak jašib ḥemah''<br />''wedebar-´aṣb ja´leh `ap''<br />„Eine sanfte Antwort verwandelt den Zorn,<br />aber ein kränkendes Wort erregt den Grimm“ (Spr 15,1) | ||
etwa lässt sich danach nicht nur beobachten, dass in beiden „Halbzeilen“ ''Gegensätzliches'' steht und man es also mit einem „antithetischen Parallelismus“ zu tun hat, und dass sie grammatisch gleich gebaut sind und man es also außerdem mit einem „grammatischen Parallelismus“ zu tun hat, sondern z.B. auch, dass die ''Worte'' „Antwort“ und „Wort“ und „Grimm“ und „Zorn“ einander entsprechen und dass die Lautfolgen ''ma´neh rak'' („eine sanfte Antwort“) und ''ja´leh `ap'' („erregt den Zorn“) auch aufgrund der identischen Lautfolgen ''a´ – e – a'' lautlich aufeinander bezogen sind. Es lässt sich also insgesamt beobachten, dass beide Kola von einer Vielzahl von Bezügen auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen gleichzeitig durchwaltet sind; und sodann lassen sich all diese Bezüge als Basis einer Interpretation nehmen. | etwa lässt sich danach nicht nur beobachten, dass in beiden „Halbzeilen“ ''Gegensätzliches'' steht und man es also mit einem „antithetischen Parallelismus“ zu tun hat, und dass sie grammatisch gleich gebaut sind und man es also außerdem mit einem „grammatischen Parallelismus“ zu tun hat, sondern z.B. auch, dass die ''Worte'' „Antwort“ und „Wort“ und „Grimm“ und „Zorn“ einander entsprechen und dass die Lautfolgen ''ma´neh rak'' („eine sanfte Antwort“) und ''ja´leh `ap'' („erregt den Zorn“) auch aufgrund der identischen Lautfolgen ''a´ – e – a'' lautlich aufeinander bezogen sind. Es lässt sich also insgesamt beobachten, dass beide Kola von einer Vielzahl von Bezügen auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen gleichzeitig durchwaltet sind; und sodann lassen sich all diese Bezüge als Basis einer Interpretation nehmen. | ||
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: „'''a''' Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine<br />'''b''' Und deine Fundamente mit Saphiren<br />'''c''' Und ich mache rubinen deine Zinnen<br />'''d''' Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen<br />'''e''' Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“ ((Jes 54,11f.) | : „'''a''' Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine<br />'''b''' Und deine Fundamente mit Saphiren<br />'''c''' Und ich mache rubinen deine Zinnen<br />'''d''' Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen<br />'''e''' Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“ ((Jes 54,11f.) | ||
Klassisch würde man Kolon ab als Bikolon und Kolon c-e als Trikolon analysieren. Damit gerät aus dem Blick, wie kunstvoll diese Zeilen gebaut sind: a und b einerseits und c und de andererseits sind zwar wirklich durch Ellipsen aufeinander bezogen (also AABBB). Gleichzeitig aber sind erstens natürlich alle Kola dadurch verwoben, dass in jedem Kolon ein Bestandteil Zions und der Name eines Edelsteins steht (also AAAAA), zweitens sind a und c einerseits und b und de andererseits grammatisch äquivalent gebaut (also ABABB), drittens stehen lexikalisch Kolon b gegen Kolon c („Fundamente“ vs. „Zinnen“ > [unten] vs. [oben]) und Kolon d gegen Kolon e („Tor“ vs. „Grenzen“, für ähnliche Gegensätze s. Hld 8,9 [„Tür“ vs. „Mauer“]; Jes 60,18; Jer 51,58 [„Tor“ vs. „Mauer“]) (also ABBCC), und viertens sind sowohl Kolon a als auch Kolon e sowohl beigeordnete Glieder in dieser fünfgliedrigen Reihung als auch Kola b-d übergeordnet, da Fundamente, Zinnen und israelitische Tore aus „Steinen“ bestehen und da „Grenzen“ mehrdeutig ist und sowohl auf die Wälle als auch auf das ''Gebiet'' Zions, in dem Fundamente, Zinnen und Tore liegen, referieren kann (also ABBBA).<br /> | Klassisch würde man Kolon ab als Bikolon und Kolon c-e als Trikolon analysieren. Damit gerät aus dem Blick, wie kunstvoll diese Zeilen gebaut sind: a und b einerseits und c und de andererseits sind zwar wirklich durch Ellipsen aufeinander bezogen (also AABBB). Gleichzeitig aber sind erstens natürlich alle Kola dadurch verwoben, dass in jedem Kolon ein Bestandteil Zions und der Name eines Edelsteins steht (also AAAAA), zweitens sind a und c einerseits und b und de andererseits grammatisch äquivalent gebaut (also ABABB), drittens stehen lexikalisch Kolon b gegen Kolon c („Fundamente“ vs. „Zinnen“ > [unten] vs. [oben]) und Kolon d gegen Kolon e („Tor“ vs. „Grenzen“, für ähnliche Gegensätze s. Hld 8,9 [„Tür“ vs. „Mauer“]; Jes 60,18; Jer 51,58 [„Tor“ vs. „Mauer“]) (also ABBCC), und viertens sind sowohl Kolon a als auch Kolon e sowohl beigeordnete Glieder in dieser fünfgliedrigen Reihung als auch Kola b-d übergeordnet, da Fundamente, Zinnen und israelitische Tore aus „Steinen“ bestehen und da „Grenzen“ mehrdeutig ist und sowohl auf die Wälle als auch auf das ''Gebiet'' Zions, in dem Fundamente, Zinnen und Tore liegen, referieren kann (also ABBBA).<br /> | ||
Ganz richtig also Cloete 1989, S. 215: „It seems that ''binarism'' has been overemphasised in many studies of Hebrew verse [...]“: Beim ersten Beispiel ist etwa Kolon c nicht nur „parallel“ mit Kolon b, sondern außerdem herrschen Bezüge zwischen Kolon c und a, Kolon c und d und Kolon c und f, und beim zweiten Beispiel ist etwa Kolon e nicht nur parallel mit Kolon cd, sondern es herrschen außerdem Bezüge zwischen e und a und zwischen e, b und d.<br />Die Konzentration auf Bi- und Trikola verstellt also den Blick darauf, dass charakteristisch für biblische Poesie erstens eine Vielzahl von Bezügen zwischen Kola auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen gleichzeitig ist, und dass dies nicht nur für benachbarte Kola gilt, sondern dass diese Bezüge als „distante Parallelismen“ auch stets ''ganze'' Gedichte durchwalten können. | Ganz richtig also Cloete 1989, S. 215: „It seems that ''binarism'' has been overemphasised in many studies of Hebrew verse [...]“: Beim ersten Beispiel ist etwa Kolon c nicht nur „parallel“ mit Kolon b, sondern außerdem herrschen Bezüge zwischen Kolon c und a, Kolon c und d und Kolon c und f, und beim zweiten Beispiel ist etwa Kolon e nicht nur parallel mit Kolon cd, sondern es herrschen außerdem Bezüge zwischen e und a und zwischen e, b und d.<br />Die Konzentration auf Bi- und Trikola verstellt also den Blick darauf, dass charakteristisch für biblische Poesie erstens eine Vielzahl von Bezügen zwischen Kola auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen gleichzeitig ist, und dass dies nicht nur für benachbarte Kola gilt, sondern dass diese Bezüge als „distante Parallelismen“ auch stets ''ganze'' Gedichte durchwalten können. Vgl. so z.B. Kaiser 2019, S. 36: | ||
: Ich definiere Parallelismus i.A. als ''Verhältnis'' (''relationship'') in Form und Bedeutung, ohne eine Klassifikation in Parallelismus-Typen vorzunehmen. Ich stimme überein mit der Einschätzung von Clines, dass das, was biblische Poesie so anziehend macht, die Anforderung an den Leser und Hörer ist, jedes Set an parallelen Kola zu untersuchen auf ihre einzigartigen, oft überraschenden Verhältnisse. Meine Untersuchung unterscheidet sich jedoch darin von Clines und vileen anderen Forschern zur hebräischen Poesie, dass sie die Behauptung bestreitet, Bikola oder Zweizeiler (und gelegentlich Dreizeiler) seien die basalen Bausteine aller biblischer Poesie. Das heißt, ich bin der Auffassung, selbst Clines offene Formulierung „A steht im Verhältnis zu B“ mag für manche Poesie der hebräischen Bibel adäquat sein, nicht aber für eine Untersuchung ''prophetischer'' Poesie, in der zwei- oder dreizeilige Einheiten nicht notwendigerweise die Norm sind. | |||
==Prosa und lyrische Prosa== | ==Prosa und lyrische Prosa== | ||
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* Ders. (1987): Narrative Poetics and the Interpretation of the Book of Jonah, in: Elaine R. Follis (Hg.): Directions in Biblical Hebrew Poetry. Sheffield. S. 29-48. | * Ders. (1987): Narrative Poetics and the Interpretation of the Book of Jonah, in: Elaine R. Follis (Hg.): Directions in Biblical Hebrew Poetry. Sheffield. S. 29-48. | ||
* Ders. (1992): Impulse and Design in the Book of Haggai, in: JETS 35/4, S. 445-456. | * Ders. (1992): Impulse and Design in the Book of Haggai, in: JETS 35/4, S. 445-456. | ||
* Clines, David J. A. (1987): The Parallelism of Greater Precision. Notes from Isaiah 40 for a Theory of Hebrew Poetry, in: Elaine R. Follis (Hg.): New Directions in Hebrew Poetry. Sheffield. S. 77-100. | |||
* Cloete, Walter T. W. (1989): Versification and Syntax in Jeremiah 2-25. Atlanta. | * Cloete, Walter T. W. (1989): Versification and Syntax in Jeremiah 2-25. Atlanta. | ||
* Couey, J. Blake (2015): Reading the Poetry of First Isaiah. The Most Perfect Model of the Prophetic Poetry. Oxford. | * Couey, J. Blake (2015): Reading the Poetry of First Isaiah. The Most Perfect Model of the Prophetic Poetry. Oxford. | ||
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* Janis, Norman (1987): A Grammar of the Biblical Accents. Dissertation. | * Janis, Norman (1987): A Grammar of the Biblical Accents. Dissertation. | ||
* Japhet, Israel M. (1896): {{hebr}}מורה הקורא{{hebr ende}}. Die Accente der heiligen Schrift (unter Ausschluss der Bücher {{hebr}}אׄ מׄ תׄ{{hebr ende}}). Frankfurt a. M. | * Japhet, Israel M. (1896): {{hebr}}מורה הקורא{{hebr ende}}. Die Accente der heiligen Schrift (unter Ausschluss der Bücher {{hebr}}אׄ מׄ תׄ{{hebr ende}}). Frankfurt a. M. | ||
* Kaiser, Barbara B. (2019): Reading Prophetic Poetry: Parallelism, Voice, and Design. Eugene. | |||
* Kim, Jichan (1993): The Structure of the Samson Cycle. Kampen. | * Kim, Jichan (1993): The Structure of the Samson Cycle. Kampen. | ||
* Koopmans, William T. (1988): The Poetic Prose of Joshua 23, in: Willem van der Meer / Johannes C. de Moor (Hgg.): The Structural Analysis of Biblical and Canaanite Poetry. Sheffield. S. 83-118. | * Koopmans, William T. (1988): The Poetic Prose of Joshua 23, in: Willem van der Meer / Johannes C. de Moor (Hgg.): The Structural Analysis of Biblical and Canaanite Poetry. Sheffield. S. 83-118. | ||
Version vom 18. Juli 2022, 01:24 Uhr
In der alttestamentlichen Wissenschaft ist in den letzten Jahren vieles in Bewegung gekommen. Einige von diesen neueren Erkenntnissen und Akzentsetzungen haben mich bewogen, hier mit einer eigenen Übersetzung zu beginnen. Zuvorderst sind dies (1) Neue Erkenntnisse über das Wesen biblischer Poesie (2) und biblischer Prosa und (3) neue Theorien zur antiken Deklamation biblischer Texte. Diese seien hier eingangs kurz erläutert.
Biblische Poesie[Bearbeiten]
(1.1) Biblische Poesie ist Poesie im Vollsinn.
Diese Aussage ist nicht selbstverständlich; in der Bibelwissenschaft galt lange und gilt noch heute überwiegend, dass die biblische Poesie eine Art „Poesie auf Schwundstufe“ sei: Ihr einziges Charakteristikum sei der sog. „Parallelismus membrorum“. In der klassischen Konzeption von Robert Lowth (18. Jhd.) heißt das: Poetische Verse in der Bibel bestehen regulär aus jeweils zwei oder drei Halbzeilen (im Folgenden: „Kola“, Einzahl: „Kolon“), die entweder
- (a) das Gleiche sagen: „synonymer Parallelismus“, z.B.: „Darum werden Gesetzlose im Gericht nicht bestehen / und Sünder [werden] im Rat der Gerechten [nicht bestehen].“ (Ps 1,5)
- (b) Gegenteiliges sagen: „antithetischer Parallelismus“, z.B.: „JHWH kennt=behütet den Weg der Gerechten, / der Weg der Gesetzlosen aber wird verderben.“ (Ps 1,6)
- (c) nur grammatisch ähnlich gebaut sind: „synthetischer Parallelismus“, z.B. „(Wie glücklich der Mann, der) dem Rat der Frevler nicht folgte / und auf dem Weg der Übeltäter nicht stand / und im Kreis der Spötter nicht saß!“ (Ps 1,1)
Neue Entwicklungen der Forschung in diesem Zusammenhang sind: (1.1.1) Auch bei den Texten, die klar „Poesie“ sind, sind nicht viele Kola derart „parallel“ (so bes. James Kugel).
(1.2) In der Bibelwissenschaft hat man u.a. deshalb neben diesen drei Formen des Parallelismus nach weiteren gesucht – und sie gefunden: Mittlerweile kennt man in der Bibelwissenschaft z.B. „emblematische Parallelismen“, „Gabelparallelismen“, „Gender-Parallelismen“, „konsequentielle Parallelismen“, „Parallelismen der größeren Präzision“ usw. (was das jeweils heißen soll, braucht uns hier nicht zu bekümmern); man hat weiters sogar den „synthetischen Parallelismus“ aufgeteilt in den „syntaktischen Parallelismus“ und den „synthetischen Parallelismus“ im Vollsinn, was so viel heißen soll wie: „eigentlich gar nicht parallele, aber irgendwie doch verwandte Kola“; und schließlich hat man noch gesehen, dass Vershälften nicht nur semantisch oder grammatisch parallel sein müssen, sondern z.B. auch (zusätzlich) lautlich („phonologische Parallelisen“) oder lexikalisch („Wortpaar-Parallelismen“) parallel sein können. Vgl. zu diesen Entwicklungen bes. die Schriften von Adele Berlin, Wilfred Watson und z.B. Dobbs-Allsopp 2015, S. 148f.; Gaines 2015, S. 37-51.
(1.3) Eine erste Reaktion auf diese Entwicklungen waren verwandte Bestrebungen, diese Vielzahl an neuen Parallelismen wieder zu reduzieren. James Kugel etwa dampfte alle Parallelismen daher ein auf die Formel „A, and what's more, B“ (1981, S. 58), d.h. ein Kolon B führe irgendwie Kolon A fort. Ähnlich hat Alter versucht, alle Parallelismen unter dem gemeinsamen Nenner zusammenzubringen, Parallelismus sei eine Technik, bei der ein Kolon B ein Kolon A präzisiere oder intensiviere (1985, S. 19). Burden hat 1986, S. 173 diese beiden Tendenzen einander als Alternativen gegenübergestellt: War zuvor die grundlegende Streitfrage, ob bestimmend für die biblische Poesie Metrum oder Parallelismus sei, war es nun die, ob bestimmend eine literarische Technik des Parallelismus sei oder viele. Burden entscheidet sich für Letzteres:
- Kugel (1981: 58) remarks: „Biblical parallelism is of one sort, ‚A, and what's more, B,‘ or a hundred sorts; but it is not three“. [...] I, however, opt for „a hundred sorts“, since there is a great variety of possibilities. [...A] systematic investigation of every book of the Old Testament is necessary to enable us to evaluate the full measure of parallelism as a literary device. [...] The whole range of structural, grammatical, syntactic, semantic and phonetic aspects must also be carefully considered.
(1.4) Zeitgleich dazu wurde die bibelwissenschaftliche Parallelismus-Idee zunächst in der Linguistik und dann in der allgemeinen Literaturwissenschaft rezipiert und dort anders weiterentwickelt: Etwa seit den 30er Jahren wird „Poesie“ dort häufig verstanden als Kompositionen, in denen die Form(ulierung) bedeutsam ist. „Dichtung“ zeichnet sich also zuvorderst aus durch die besondere „Dichte“ poetischer Texte, d.h. dadurch, (a) dass diese Texte Gewebe sind, in denen alle Text-Elemente – Laute, Wörter, Wortfügungen, Ausdrücke, ... – durch Verstrebungen und Verwebungen im Text unterschiedlichst aufeinander bezogen sein können, (b) indem sich entweder gleiche oder variante Text-Elemente auf jeder Sprachebene feststellen lassen, (c) und dass Hörer:innen und Leser:innen von Dichtung nicht nur Wort- und Satzsemantik, sondern außerdem diese verschiedensten Bezüge zwischen Text-Elementen als bedeutsam auffassen. Für ein Bsp. s. gleich; zur Idee s. z.B. die unten aufgeführten Schriften von Tynjanov, Jakobson, Lotman, Schulte/Sasse, Eagle, Shapiro, Riffaterre, Küper usw.
(1.5) In den neueren Literaturwissenschaften sind es diese unterschiedlichsten und nicht systematisierbaren Textbezüge, die man als „Parallelismus“ bezeichnet. Im Folgenden werde ich „Parallelismus“ in diesem Sinne verwenden.
Diese Idee aus den neueren Literaturwissenschaften ist neuerdings in die Bibelwissenschaft zurückgewandert. Wenn ich richtig sehe, hat David Clines (an den Kaiser 2019 anschließt, s.u.) den Anstoß gegeben, der wie Burden Kugels Diktum komentiert:
- James Kugel was entirely right in asserting, as against a crude popularization of Lowthian parallelism, that „Biblical parallelism is of one sort ... or a hundred sorts; but it is not three“. But I believe he is wrong to describe the „one sort“ as a matter of „A, and what's more, B“, since that restricts the relationship of the lines to those of emphasis, repetition, seconding, and so on. The relationships of A and B are so diverse taht only some statement such as „A is related to B“ will serve as a valid statement of all parallelistic couplets. (1987, S. 94)
Anders als z.B. Berlin und Watson sprechen ähnlich neuerdings viele Bibelwissenschaftler nicht mehr von klassifizierbaren „Parallelismen“, sondern z.B. von „unterschiedlichen Balancen“ (Fitzgerald 1991, S. 204: lautliche, morphologische, metrische, semantische, syntaktische und weitere Balancen), „unterschiedlichen Rekurrenzen“ (Nel 1992; Nel 1993; Wendland 2017, S. 4f.; danach Weber 2006, S. 142-145: Rekurrenzen auf phonologischer, prosodischer, morphologischer, lexikalischer, semantischer und syntaktischer Ebene), „unterschiedlichsten Wiederholungen“ (Majewski 2020, S. 209: sonorische, morphologische, lexikalische, syntaktische, semantische, logische, temporale „Ähnlichkeiten“); „unterschiedlichsten Korrespondenzen“ (Teeter 2022, S. 459-461: sämtliche logische Relationen zwischen Zeilen, Relationen in der Gestaltung von Kola – morphologisch, lexikalisch und semantisch – und sämtliche lexikalisch-semantische Relationen) oder von „unterschiedlichen Kohäsions-Stiftern“ (Ayars 2018, z.B. S. 39: grammatisch-syntaktische Wiederholung, lexiko-grammatische Wiederholung, lexiko-grammatische Kollokation, lexiko-semantische Wiederholung, lexiko-semantische Kollokation, Koreferenten, Konjunktionen, Ellipsen).
Mit dieser Neuformulierung lässt sich biblische Poesie weit genauer erfassen. Bei einem Vers
- ma´neh rak jašib ḥemah
wedebar-´aṣb ja´leh `ap
„Eine sanfte Antwort verwandelt den Zorn,
aber ein kränkendes Wort erregt den Grimm“ (Spr 15,1)
etwa lässt sich danach nicht nur beobachten, dass in beiden „Halbzeilen“ Gegensätzliches steht und man es also mit einem „antithetischen Parallelismus“ zu tun hat, und dass sie grammatisch gleich gebaut sind und man es also außerdem mit einem „grammatischen Parallelismus“ zu tun hat, sondern z.B. auch, dass die Worte „Antwort“ und „Wort“ und „Grimm“ und „Zorn“ einander entsprechen und dass die Lautfolgen ma´neh rak („eine sanfte Antwort“) und ja´leh `ap („erregt den Zorn“) auch aufgrund der identischen Lautfolgen a´ – e – a lautlich aufeinander bezogen sind. Es lässt sich also insgesamt beobachten, dass beide Kola von einer Vielzahl von Bezügen auf unterschiedlichen sprachlichen Ebenen gleichzeitig durchwaltet sind; und sodann lassen sich all diese Bezüge als Basis einer Interpretation nehmen.
(1.6) Gleichzeitig hat man „interne Parallelismen“ entdeckt, bei denen nicht Vershälften parallel sind, sondern Glieder innerhalb von Vershälften, nicht-benachbarte „externe Parallelismen“ (Robinson 1952, S. 28), die man noch weiter untergliedert hat in „Nah-Parallelismen“ und „distante Parallelismen“ (z.B. Heim 2013, S. 29-32; Pardee 1988, S. 168-192; Reymond 2004, S. 19; ähnlich Couey 2015, S. 100-107.111-121; Watson 1986, S. 187-189). Andere Forscher:innen haben diese „Nah-Parallelismen“ genauer untersucht und v.a. gegliedert in Formen, die man als „Kreuzparallelismen“ (ABAB), „Schweif-Parallelismen“ (ABBA) und „Chiasmen“ (ABCBA) bezeichnen könnte, aber auch dies sind nur Sonderformen, die mir wieder eine unangemessene Einengung zu sein scheinen. Zwei Beispiele:
- „a Gebt JHWH, ihr Söhne der Starken,
b Gebt JHWH Herrlichkeit und Stärke!
c Gebt JHWH die Herrlichkeit seines Namens;
d Betet JHWH an in heiliger Pracht!
e Die Stimme JHWHs ist auf den Wassern,
f Der Gott der Herrlichkeit donnert,
g JHWH auf großen Wassern!“ (Ps 29,1-3)
Man könnte hiervon ausgehend versuchen, Kolon a-d zu Analysieren als eine Art unreinen Schweif-Parallelismus ABBC und die drei letzen Zeilen als Trikolon aus zwei verschränkten Bikola (DE-D-E). Mit einer solchen Analyse verliert man aber aus dem Blick, dass zwischen Kolon a und bc natürlich trotzdem enge Bezüge herrschen, dass Kolon d trotz anderer Formulierung eng auf diese drei Kola bezogen ist, weil es sie alle reformuliert, und dass in Kolon c und f das Wort „Herrlichkeit“ wiederholt wird.
- „a Siehe, ich versehe mit Antimon deine Steine
b Und deine Fundamente mit Saphiren
c Und ich mache rubinen deine Zinnen
d Und deine Tore zu Karfunkel-Steinen
e Und dein ganzen Grenzen zu Edel-Steinen!“