Inhalt und historische Einführungen:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter): Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Offene Bibel

Wechseln zu: Navigation, Suche
Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
KKeine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 91: Zeile 91:
Aus diesen Daten können wir die '''Entwicklungen dieser Gegend vom 13. bis zum 10. Jhd.''' ziemlich sicher und genau rekonstruieren: Ursprünglich wurden die beiden Kupferabbau-Gegenden von den Ägyptern betrieben. Die Arbeit leisteten aber überwiegend Nomaden, die im Winter und Frühling auf Terrassen an den Wadis im Negevgebirge Getreide und Wein anbauten und ihre Tiere mit wildwachsenden Pflanzen weideten. Der Überschuss aus dem Getreide- und Obstanbau wurde dann gegen Ende des Frühlings mit den Tieren in die KEN- und Timna-Gegend transportiert: Mit dem Heu und dem Traubentrester wurden dort die Tiere gefüttert, mit dem überschüssigen Getreide versorgten sich die Nomaden, die im Sommer und Herbst im Bergbau, in der Metallverarbeitung und in der Töpferei tätig waren.<br />Als dann im 13./12. Jhd. die Ägypter sich aus Palästina zurückzogen, blieben Nomaden und Minen zurück, wonach die Nomaden den Kupferabbau in Eigeninitiative fortführten. Mit dem abgebauten und verarbeiteten Kupfer handelten sie auch: Einen Teil transportierten sie von Tel Masos aus durch das Beerscheba-Arad-Tal zu den Philistern, die es wahrscheinlich selbst weiterverarbeiteten und außerdem von Gaza aus weiter nach Ägypten verschifften. Auch vom Hafen Ezion-Geber auf dem Korallenriff nahe Timna und dem heutigen Eilat, der im 10. Jhd. gewiss von der Timna-Gruppe und nicht von König Salomon errichtet wurde (1 Kön 9,26), wurde das Kupfer wahrscheinlich nach Ägypten verschifft. Einen anderen Teil verkauften sie an die arabischen Stämme östlich des Jordan und führten von dort sicher midianitische Keramik und wahrscheinlich auch Gewürze, Weihrauch und Gold ein. Mit einem dritten Teil handelten sie entlang des Ostufers des Jordan mit den Moabitern, Ammonitern und Aramäern, wonach sich im 9. Jhd. entlang dieser sog. „Königsroute“ mehrere der größeren Städte Moabs als Handelsstationen etablierten. Ähnlich werden die Daten z.B. interpretiert von Na'aman 2015, 2021 und von Frevel 2019, S. 364f. Ähnlich rekonstruieren außerdem Zucconi 2007; Ben-Dor Evian 2017; Wöhrle 2019; Finkelstein 2020; Knauf/Niemann 2021, S. 117; Ben-Yosef 2023, S. 240f. – diese Interpretation der Daten entwickelt sich also gerade zur neuen Mehrheitsmeinung.<ref>Die ältere, die auch immer noch vertreten wird, geht ungefähr so: Der Negev wird ab dem 12. Jhd. von Nomaden besiedelt, die auch Tel Masos bauen. ''Andere'' Nomaden leben auf dem edomitischen Plateau östlich des Jordan und betreiben die Kupferminen. Beide Gruppen handeln untereinander, haben aber sonst nicht viel miteinander zu tun – und auch nicht mit den Judäern, die es dann gewesen sein sollen, die in einer ersten geplanten Aktion des Staats ab dem 10. Jhd. Beerscheba und Arad befestigen. Die negevitische, midianitische und später edomitische Keramik ist dadurch zu erklären, dass gleichzeitig durch das judäische BA-Tal die Reiseroute der Handel treibenden Negev-Nomaden verläuft. – Dies ungefähr ist aktuell immer noch die Mehrheitsmeinung; die Archäologie erzählt mittlerweile aber wirklich mit großer Sicherheit eine andere Geschichte.</ref>
Aus diesen Daten können wir die '''Entwicklungen dieser Gegend vom 13. bis zum 10. Jhd.''' ziemlich sicher und genau rekonstruieren: Ursprünglich wurden die beiden Kupferabbau-Gegenden von den Ägyptern betrieben. Die Arbeit leisteten aber überwiegend Nomaden, die im Winter und Frühling auf Terrassen an den Wadis im Negevgebirge Getreide und Wein anbauten und ihre Tiere mit wildwachsenden Pflanzen weideten. Der Überschuss aus dem Getreide- und Obstanbau wurde dann gegen Ende des Frühlings mit den Tieren in die KEN- und Timna-Gegend transportiert: Mit dem Heu und dem Traubentrester wurden dort die Tiere gefüttert, mit dem überschüssigen Getreide versorgten sich die Nomaden, die im Sommer und Herbst im Bergbau, in der Metallverarbeitung und in der Töpferei tätig waren.<br />Als dann im 13./12. Jhd. die Ägypter sich aus Palästina zurückzogen, blieben Nomaden und Minen zurück, wonach die Nomaden den Kupferabbau in Eigeninitiative fortführten. Mit dem abgebauten und verarbeiteten Kupfer handelten sie auch: Einen Teil transportierten sie von Tel Masos aus durch das Beerscheba-Arad-Tal zu den Philistern, die es wahrscheinlich selbst weiterverarbeiteten und außerdem von Gaza aus weiter nach Ägypten verschifften. Auch vom Hafen Ezion-Geber auf dem Korallenriff nahe Timna und dem heutigen Eilat, der im 10. Jhd. gewiss von der Timna-Gruppe und nicht von König Salomon errichtet wurde (1 Kön 9,26), wurde das Kupfer wahrscheinlich nach Ägypten verschifft. Einen anderen Teil verkauften sie an die arabischen Stämme östlich des Jordan und führten von dort sicher midianitische Keramik und wahrscheinlich auch Gewürze, Weihrauch und Gold ein. Mit einem dritten Teil handelten sie entlang des Ostufers des Jordan mit den Moabitern, Ammonitern und Aramäern, wonach sich im 9. Jhd. entlang dieser sog. „Königsroute“ mehrere der größeren Städte Moabs als Handelsstationen etablierten. Ähnlich werden die Daten z.B. interpretiert von Na'aman 2015, 2021 und von Frevel 2019, S. 364f. Ähnlich rekonstruieren außerdem Zucconi 2007; Ben-Dor Evian 2017; Wöhrle 2019; Finkelstein 2020; Knauf/Niemann 2021, S. 117; Ben-Yosef 2023, S. 240f. – diese Interpretation der Daten entwickelt sich also gerade zur neuen Mehrheitsmeinung.<ref>Die ältere, die auch immer noch vertreten wird, geht ungefähr so: Der Negev wird ab dem 12. Jhd. von Nomaden besiedelt, die auch Tel Masos bauen. ''Andere'' Nomaden leben auf dem edomitischen Plateau östlich des Jordan und betreiben die Kupferminen. Beide Gruppen handeln untereinander, haben aber sonst nicht viel miteinander zu tun – und auch nicht mit den Judäern, die es dann gewesen sein sollen, die in einer ersten geplanten Aktion des Staats ab dem 10. Jhd. Beerscheba und Arad befestigen. Die negevitische, midianitische und später edomitische Keramik ist dadurch zu erklären, dass gleichzeitig durch das judäische BA-Tal die Reiseroute der Handel treibenden Negev-Nomaden verläuft. – Dies ungefähr ist aktuell immer noch die Mehrheitsmeinung; die Archäologie erzählt mittlerweile aber wirklich mit großer Sicherheit eine andere Geschichte.</ref>


Es ist wahrscheinlich, dass vor allem das BA-Tal in den folgenden Wirren der mittleren Eisenzeit, von denen unten noch ausführlicher die Rede sein wird, mehrfach ihre Zugehörigkeit wechselten. Zunächst eroberte '''Ende des 10. Jahrhunderts''' der ägyptische Pharao Scheschonq weite Teile Palästinas, u.a. besonders in dieser Region: In einer zeitgenössischen Inschrift aus der ägyptischen Stadt Bubastis ist die Eroberung zweier Städte namens Arad bezeugt, außerdem die der philistäischen Orte Rafah und wahrscheinlich Gaza, und schließlich ist die Rede von drei Gegenden im Negev und von sieben Orten in der selben Region, die näher als „''Haqr'' / ''Hagr''“ bestimmt werden. Levin 2010, S. 196-198.202f. hat klug vorgeschlagen, dieses „''Haqr'' / ''Hagr''“ mit „Hazer“ gleichzusetzen. Danach hätte Scheschonq Rafah und Gaza an der Westküste, die Hazerim zwischen der Philistäa und dem BA-Tal, die Farmen im Negevgebirge und außerdem zwei Orte namens „Arad“ erobert, unter denen das zweite wahrscheinlich Tel Malhata ist. Das stimmt mit dem archäologischen Zeugnis zusammen: Ab dieser Zeit werden die Hazerim nicht mehr weiter bewirtschaftet, obwohl sie nicht zerstört worden zu sein scheinen (in den Negev-Farmen aber wird noch gut ein Jahrhundert länger Landwirtschaft getrieben). Auch die größeren landwirtschaftlichen Orte Nahal Jattir und Tel Esdar werden verlassen und Tel Masos beginnt zu schrumpfen. In Tel Malhata dagegen lässt sich deutlich eine Zerstörungsschicht erkennen, die wahrscheinlich in diese Zeit gehört,<ref>S. NEAEH III, S. 935f. Neuerdings wurde der Übergang von Malhata V zu Malhata IV ins 9./8. statt ins 10./9. Jhd. datiert. Basis dieser Datierung ist, wenn ich richtig sehe, aber nur die Keramik in ''M IV'', die ins 8. Jhd. passt (Freud 2015, S. 233). Daraus lässt sich aber ja nicht ableiten, dass Malhata IV deshalb auch erst im 8. Jhd. gebaut wurde. Da es sonst keinen Kandidaten für Scheschonqs „großes Arad“ gibt – gegen den älteren Vorschlag, gemeint sei Tel Masos, vgl. Fantalkin/Finkelstein 2006, S. 20 , liegt es näher, es bei der Datierung der Zerstörung von Malhata V ins 10. Jhd. und des Neubaus ins 10./9. Jhd. zu belassen.</ref> bevor es umso größer wiedererrichtet wird. Bei Khirbet en-Nahas wurde zudem [https://www.antiquity.ac.uk/projgall/levy341 ein Skarabäus von Scheschonq] gefunden. Scheschonqs Ziele scheinen es also gewesen zu sein, erstens die Kupferminen in der Arabasenke und zweitens die Handelsroute durch das BA-Tal (wie auch die durch das Jezreel-Tal, s.u.) wieder unter ägyptische Kontrolle zu bekommen (vgl. ähnlich Fantalkin/Finkelstein 2006, S. 27f.; Ben-Dor Evian 2017, S. 25; Finkelstein 2022), und dafür drittens die Händler und Minenarbeiter der Region von ägyptischen Getreidelieferungen abhängig zu machen – daher die Zwangs-Umsiedelung (?) der Bewohner der nicht zerstörten Hazerim und der größeren landwirtschaftlichen Orte nach Neu-Malhata. Der ebenfalls in diese Zeit fallende Umbau von Tel Arad zur Festung und vielleicht die Neuerrichtung der Gozal-Festung schließlich diente wohl dazu, die Handelsroute gegen die Bewohner des judäischen Berglands zu sichern. Die bald darauf folgende Zerstörung Beerschebas dagegen könnte auf philistäische Flüchtlinge zurückzuführen sein: 12,5% der Alltagskeramik aus der dann neu errichteten und befestigten Stadt stammt von der Küste (zur Keramik vgl. Singer-Avitz 1999, S. 3.12.56f. Das vergleiche man mit den 4% in Geser und Timna im Norden!).<br />Ist das richtig, scheint es weiter so zu sein, dass die '''Schwäche der Philister im 10./9. Jhd.''' an der Grenze zur Schefela, von der oben die Rede war, vor allem Scheschonq zuzuschreiben war, und dass sie nur Nebenfolge davon war, dass er die beiden wichtigen Handelsrouten in Zentral- und Südpalästina unter Kontrolle bekommen wollte.
Es ist wahrscheinlich, dass vor allem das BA-Tal in den folgenden Wirren der mittleren Eisenzeit, von denen unten noch ausführlicher die Rede sein wird, mehrfach ihre Zugehörigkeit wechselten. Ich werde diesen Abschnitt aus Palästinas Siedlungsgeschichte etwas genauer nacherzählen, da das Ergebnis dieser Geschichte wichtig für das rechte Verständnis vieler Bibelstellen ist.<br />Zunächst eroberte '''Ende des 10. Jahrhunderts''' der ägyptische Pharao Scheschonq weite Teile Palästinas, u.a. besonders in dieser Region: In einer zeitgenössischen Inschrift aus der ägyptischen Stadt Bubastis ist die Eroberung zweier Städte namens Arad bezeugt, außerdem die der philistäischen Orte Rafah und wahrscheinlich Gaza, und schließlich ist die Rede von drei Gegenden im Negev und von sieben Orten in der selben Region, die näher als „''Haqr'' / ''Hagr''“ bestimmt werden. Levin 2010, S. 196-198.202f. hat klug vorgeschlagen, dieses „''Haqr'' / ''Hagr''“ mit „Hazer“ gleichzusetzen. Danach hätte Scheschonq Rafah und Gaza an der Westküste, die Hazerim zwischen der Philistäa und dem BA-Tal, die Farmen im Negevgebirge und außerdem zwei Orte namens „Arad“ erobert, unter denen das zweite wahrscheinlich entweder Beerscheba oder Tel Malhata ist. Das stimmt mit dem archäologischen Zeugnis zusammen: Ab dieser Zeit werden die Hazerim nicht mehr weiter bewirtschaftet, obwohl sie nicht zerstört worden zu sein scheinen (in den Negev-Farmen allerdings wird auch danach wieder und noch gut ein Jahrhundert länger Landwirtschaft getrieben). Beerscheba (vgl. NEAEH I, S. 171) und wahrscheinlich Malhata dagegen ''wurden'' zerstört.<ref>Zu Malhata s. NEAEH III, S. 935f. Neuerdings wurde der Übergang von Malhata V zu Malhata IV ins 9./8. statt ins 10./9. Jhd. datiert. Basis dieser Datierung ist, wenn ich richtig sehe, aber nur die Keramik in ''M IV'', die ins 8. Jhd. passt (Freud 2015, S. 233). Daraus lässt sich aber ja nicht ableiten, dass Malhata IV deshalb auch erst im 8. Jhd. gebaut wurde. Da Scheschonqs Eroberungszug Auswirkungen auf sämtliche Orte in diesem Tal hatte (zu Tel Masos vgl. allerdings Fantalkin/Finkelstein 2006, S. 20), liegt es näher, es bei der Datierung der Zerstörung von Malhata V ins späte 10. Jhd. und des Neubaus ins 10./9. Jhd. zu belassen.</ref> Auch die größeren landwirtschaftlichen Orte Nahal Jattir und Tel Esdar werden verlassen und Tel Masos beginnt zu schrumpfen. Bei Khirbet en-Nahas wurde zudem [https://www.antiquity.ac.uk/projgall/levy341 ein Skarabäus von Scheschonq] gefunden. Scheschonqs Ziele scheinen es also gewesen zu sein, erstens die Kupferminen in der Arabasenke und zweitens die Handelsroute durch das BA-Tal (wie auch die durch das Jezreel-Tal, s.u.) wieder unter ägyptische Kontrolle zu bekommen (vgl. ähnlich Fantalkin/Finkelstein 2006, S. 27f.; Ben-Dor Evian 2017, S. 25; Finkelstein 2022), und dafür drittens die Händler und Minenarbeiter der Region von ägyptischen Getreidelieferungen abhängig zu machen – daher die Zwangs-Umsiedelung (?) der Bewohner der nicht zerstörten Hazerim und der größeren landwirtschaftlichen Orte nach Neu-Malhata. Der ebenfalls in diese Zeit fallende Umbau von Beerscheba zur befestigten Stadt (vgl. Chapman 1995, S. 138) und von Arad zur Festung und vielleicht die Neuerrichtung der Gozal-Festung schließlich diente wohl dazu, die Handelsroute gegen die Bewohner der Philistäa und des judäischen Berglands zu sichern.<br />Ist das richtig, scheint es weiter so zu sein, dass die '''Schwäche der Philister im 10./9. Jhd.''' an der Grenze zur Schefela, von der oben die Rede war, vor allem Scheschonq zuzuschreiben war, und dass sie nur Nebenfolge davon war, dass er die beiden wichtigen Handelsrouten in Zentral- und Südpalästina unter Kontrolle bekommen wollte.


Einige Historiker nehmen weiter an, im späteren '''9. Jhd.''' habe der aramäische König '''Hazael''', der zu dieser Zeit große Teile Nord- und Zentralpalästinas unter seine Kontrolle brachte und dabei wie zuvor Scheschonq u.a. besonders konzentriert in der Region der zentralpalästinischen Handelsroute bei Megiddo operierte (s.u.), seinerseits auch den Kupferhandel ab der Araba unter seine Kontrolle bringen und dann Südpalästina dem jungen und ihm vasallenpflichtigen Königreich Juda anschließen wollen (vgl. bes. Kleiman 2016, S. 64, der Hazael sogar die Zerstörung von Beerscheba und Arad [und Lachisch noch weiter nordöstlich] zuschreibt. Vgl. auch Knauf/Niemann 2021, S. 118; ähnlich z.B. auch Fantalkin/Finkelstein 2006, S. 31; Ben-Yosef/Sergi 2018). Zu den üblichen Datierungen der Zerstörungen von Beerscheba und Arad passt das aber nicht.<ref>Kleimans Vorschlag ist mir dennoch sympathisch: Für Hazaels Eroberungszug gilt auch im Norden die Merkwürdigkeit, dass Hazor, Megiddo und Jokneam, die sehr sicher auf seinem Weg lagen, nicht zerstört, sondern verlassen wurden. Ähnliches lässt sich hier im Süden feststellen: Auch die oben genannten südphilistäischen Orte werden ja überwiegend zu dieser Zeit verlassen und nicht zerstört; in Beerscheba und Arad ist eine Zerstörungsschicht jedenfalls auch nicht sehr klar erkennbar, und noch weiter südlich werden zu dieser Zeit die Negevfarmen ebenfalls verlassen und nicht zerstört. Fuhr Hazael eine ungewöhnliche Kriegstaktik? Und könnte man annehmen, dass Hazael westlich von der edomitischen Stadt Malhata die Philister und östlich die Judäer angesiedelt hat, um in diesem so konstruierten Drei-Völker-Tal anti-aramäische Allianzen zu erschweren? Die Keramik lässt Kleimans Rekonstruktion jedenfalls zu.</ref><br />Es war wohl auch nicht nötig: Ab dem 9. Jhd. lief der Kupferhandel mit Zypern wieder an, wo Kupfer wegen anderer klimatischer Bedingungen günstiger produziert und über den Seeweg auch günstiger transportiert werden konnte. Wahrscheinlich als Reaktion darauf wurde der Kupferabbau in der Araba unter der ägyptischen Herrschaft zunächst noch weiter intensiviert (Abbau-Mengen in der KEN-Gegend: 12. Jhd.: 1.600 Tonnen, 11. Jhd.: 5.600 Tonnen, 10. Jhd.: 15.600 Tonnen, 9. Jhd.: 23.000 Tonnen; vgl. Luria 2021). Nebenfolge dieser Intensivierung im 9. Jhd. war jedoch Raubbau an der Natur, der schließlich die Kupferproduktion ganz zum Erliegen brachte: An den analysierten Kohleresten lässt sich ablesen, dass mit dem Verlauf der Zeit für den intensivierten Kupferabbau auch immer mehr Holzkohle nötig wurde, die die Region aber nicht bieten konnte. In der letzten Phase des Kupferabbaus musste daher zunehmend schon das schlecht geeignete Holz von Palmen und Sträuchern verfeuert werden, bis im 9. Jhd. dann Kupferabbau und -verarbeitung ganz eingestellt wurde (vgl. z.B. Mattingly u.a. 2007, S. 285; Ben-Yosef 2010, S. 959f.; Cavanagh u.a. 2022). Als Hazael mit seiner Eroberung Palästinas begann, lag die Kupferproduktion in der Araba wahrscheinlich schon in den letzten Zügen. Die Edomiter scheinen sich daraufhin zunehmend auf den Handel konzentriert zu haben: Erst jetzt entstanden auch östlich des Jordan entlang der Königsroute hinunter nach Arabien Edoms Hauptstadt Bozra und die anderen Orte, die man noch bis vor Kurzem mehrheitlich als „edomitisches Kernland“ angesehen hat und bei denen die gefundene Keramik sehr sicher macht, dass dort die selben Gruppen lebten wie in Malhata (s. die Karte u.; wie weit nach Osten die Gebiete von Moab und Edom reichten, ist unklar). Auch Kamele scheint man regelmäßig erst ab dieser Zeit für den Handel eingesetzt zu haben; Kamel- und Dromedarknochen häufen sich in der Negev-Region erst ab dem späten 10. Jhd. / frühen 9. Jhd. (vgl. Sapir-Hen/Ben-Yosef 2013).
Einige Historiker nehmen weiter an, im späteren '''9. Jhd.''' habe der aramäische König '''Hazael''', der zu dieser Zeit große Teile Nord- und Zentralpalästinas unter seine Kontrolle brachte und dabei wie zuvor Scheschonq u.a. besonders konzentriert in der Region der zentralpalästinischen Handelsroute bei Megiddo operierte (s.u.), seinerseits auch den Kupferhandel ab der Araba unter seine Kontrolle bringen und dann Südpalästina dem jungen und ihm vasallenpflichtigen Königreich Juda anschließen wollen (vgl. bes. Kleiman 2016, S. 64, der Hazael sogar die Zerstörung von Beerscheba und Arad [und Lachisch noch weiter nordöstlich] zuschreibt. Vgl. auch Knauf/Niemann 2021, S. 118; ähnlich z.B. auch Fantalkin/Finkelstein 2006, S. 31; Ben-Yosef/Sergi 2018). Zu den üblichen Datierungen der Zerstörungen von Beerscheba und Arad passt das aber nicht.<br />Es war wohl auch nicht nötig: Ab dem 9. Jhd. lief der Kupferhandel mit Zypern wieder an, wo Kupfer wegen anderer klimatischer Bedingungen günstiger produziert und über den Seeweg auch günstiger transportiert werden konnte. Wahrscheinlich als Reaktion darauf wurde der Kupferabbau in der Araba unter der ägyptischen Herrschaft zunächst noch weiter intensiviert (Abbau-Mengen in der KEN-Gegend: 12. Jhd.: 1.600 Tonnen, 11. Jhd.: 5.600 Tonnen, 10. Jhd.: 15.600 Tonnen, 9. Jhd.: 23.000 Tonnen; vgl. Luria 2021). Nebenfolge dieser Intensivierung im 9. Jhd. war jedoch Raubbau an der Natur, der schließlich die Kupferproduktion ganz zum Erliegen brachte: An den analysierten Kohleresten lässt sich ablesen, dass mit dem Verlauf der Zeit für den intensivierten Kupferabbau auch immer mehr Holzkohle nötig wurde, die die Region aber nicht bieten konnte. In der letzten Phase des Kupferabbaus musste daher zunehmend schon das schlecht geeignete Holz von Palmen und Sträuchern verfeuert werden, bis im 9. Jhd. dann Kupferabbau und -verarbeitung ganz eingestellt wurde (vgl. z.B. Mattingly u.a. 2007, S. 285; Ben-Yosef 2010, S. 959f.; Cavanagh u.a. 2022). Als Hazael mit seiner Eroberung Palästinas begann, lag die Kupferproduktion in der Araba wahrscheinlich schon in den letzten Zügen.<br />Die Edomiter scheinen sich daraufhin zunehmend auf den Handel im Osten konzentriert zu haben: Erst jetzt entstanden auch östlich des Jordan entlang der Königsroute hinunter nach Arabien Edoms Hauptstadt Bozra und die anderen Orte, die man noch bis vor Kurzem mehrheitlich als „edomitisches Kernland“ angesehen hat und bei denen die gefundene Keramik sehr sicher macht, dass dort die selben Gruppen lebten wie in Malhata (s. die Karte u.; wie weit nach Osten die Gebiete von Moab und Edom reichten, ist unklar). Auch Kamele scheint man regelmäßig erst ab dieser Zeit für den Handel eingesetzt zu haben; Kamel- und Dromedarknochen häufen sich in der Negev-Region erst ab dem späten 10. Jhd. / frühen 9. Jhd. (vgl. Sapir-Hen/Ben-Yosef 2013). Dafür wird im Westen Beerscheba offenbar nach einem Erdbeben im frühen 9. Jhd. verlassen (zum Erdbeben vgl. Herzog 2016, S. 23f.): Die darauf folgenden Strata III-II des 9.-8. Jhds. folgen einem ganz neuen Bauplan; auch findet sich in Stratum II eine sehr andere Keramik, die nahelegt, dass die zerstörte Stadt nicht von Edomitern, sondern von Philistern wiederaufgebaut wurde.<ref>Dass im 8. Jhd. in Beerscheba Philister siedelten, ist überraschenderweise ein neuer Vorschlag. Aber die Keramik spricht eine deutliche Sprache: 12,5% der Alltagskeramik ist nun philistäisch (vgl. Singer-Avitz 1999, S. 3.12.56f.). Das vergleiche man mit den 4% in Geser und Timna im Norden! Auch Gen 20,15; 21,22-31 kennt Beerscheba noch als Teil des philistäischen Gebiets. Sollte dieser Erzählzug nicht reine Fantasie sein, müsste er Erinnerungen an diese Zeit bewahrt haben – zu keiner anderen Zeit wird in der Archäologie philistäische Präsenz im Beerscheba-Tal selbst angenommen.</ref> 


Im '''8. Jhd.''' allerdings entstehen im Beerscheba-Tal mit Tel Ira und Aroer zwei neue Orte; in der zweiten Hälfte dieses Jhds. wird außerdem Arad mehrfach zerstört und wiederaufgebaut, westlich davon wird wohl die im 9. Jhd. (?) von den Edomitern errichtete Gozal-Festung verlassen (vgl. Cohen-Sasson u.a. 2021, S. 120f.) – und am Ende des Jahrhunderts sind mindestens Aroer und Arad fast sicher judäisch: In Aroer wurden 5 Krughenkel mit ''lmlk''-Aufdruck gefunden, in Arad sogar 9, und man nimmt sehr einheitlich an, dass diese ''lmlk''-Krüge von König Hiskija an judäische Orte verteilt wurden, um sie auf den Feldzug des assyrischen Königs Sennacherib vorzubereiten. Gleichzeitig blieb Beerscheba fast sicher philistäisch und Malhata, das im 10. Jhd. errichtete Tamar im Osten des Negevgebirges und Kadesch-Barnea im Südwesten sicher edomitisch. Weil sich in Beerscheba und Malhata keine Zerstörung feststellen lässt, nimmt man am besten an, dass Judäer im 9./8. Jhd. nur im Osten des BA-Tals kleine Siege (=> Arad, Gozal-Festung) errungen und vielleicht Aroer und eventuell – wahrscheinlich aber nicht, s. gleich – Tel Ira errichtet haben.<br />Als dann um 701 v. Chr. '''Sennacherib''', dem zu dieser Zeit die Edomiter bereits treue Vasallen waren, das BA-Tal erreicht, werden Arad und Aroer vernichtet, Malhata aber nicht. Oft geht man davon aus, dass auch Beerscheba und Tel Ira in diesem Zug vernichtet wurden, daher wohl ebenfalls judäisch waren, und so im BA-Tal nur Tel Malhata bestehen blieb. Zu Beerscheba vgl. aber richtig Knauf 2002: Die Keramik spricht gegen eine Zerstörung schon um 701; auch dass in diesem bedeutenden Ort nur ein ''lmlk''-Krug gefunden wurde, spricht gerade dagegen, dass er zu den 46 von Sennacherib zerstörten Städten Judas gehörte. Das Selbe gilt dann entsprechend für Tel Ira in der direkten Nachbarschaft von Malhata mit einer ähnlichen – nur stärker edomitisch als philistäisch geprägten – Keramik-Assemblage wie Beerscheba (vgl. Singer-Avitz 1999, S. 56) und ebenfalls nur einem ''lmlk''-Krug.<br />Nach dieser Eroberung durch Sennacherib sieht das BA-Tal unter assyrischer Herrschaft ein noch nie dagewesenes Wachstum: Aroer und sogar das alte Tel Masos werden wiedererrichtet, im Süden von Malhata entsteht mit Horbat Qitmit ein edomitisches Kultzentrum (ebenso in Tamar), der Osten wird mit den Festungen Horbat Uza, Horbat Radum, Mizpe Zohar und dem Gorer-Turm befestigt. Diese Orte sind sehr wahrscheinlich edomitisch (vgl. gut Zucconi 2007; ähnlich auch Eph´al 2003; Beit-Arieh 2009) – das legen jedenfalls die Keramik und die eben geschilderten historischen Ereignisse nahe. Dagegen im ebenfalls wiederaufgebauten Arad zeigt ein Brief aus dem 7. Jhd., dass der Ort nach wie vor judäisch blieb (Arad-Ostracon 24: ''Lass Malkija ben Qarab`or [Truppen] aus Arad und Kinah ... nach Ramat-Negev senden ..., damit Edom nicht dorthin kommt!''), was dann wahrscheinlich auch für die beiden zu dieser Zeit neu entstandenen Festungen Horbat Anim (=Ramat Negev?) und Horbat Tov gilt.  
Im '''8. Jhd.''' kommt wieder mehr Bewegung in die Siedlungsgeschichte des Beerscheba-Tals. Mit Tel Ira und Aroer werden zwei Orte ganz neu errichtet; in der zweiten Hälfte dieses Jhds. wird außerdem Arad mehrfach zerstört und wiederaufgebaut, westlich davon wird wohl die im 9. Jhd. (?) von den Edomitern errichtete Gozal-Festung verlassen (vgl. Cohen-Sasson u.a. 2021, S. 120f.) – und am Ende des Jahrhunderts sind mindestens Aroer und Arad fast sicher judäisch: In Aroer wurden 5 Krughenkel mit ''lmlk''-Aufdruck gefunden, in Arad sogar 9, und man nimmt sehr einheitlich an, dass diese ''lmlk''-Krüge von König Hiskija an judäische Orte verteilt wurden, um sie auf den Feldzug des assyrischen Königs Sennacherib vorzubereiten. Gleichzeitig blieb Beerscheba fast sicher philistäisch und Malhata, das im 10. Jhd. errichtete Tamar im Osten des Negevgebirges und Kadesch-Barnea im Südwesten sicher edomitisch. Weil sich in Beerscheba und Malhata in dieser Zeit keine größere Zerstörung feststellen lässt, nimmt man am besten an, dass Judäer im 9./8. Jhd. nur im Osten des BA-Tals kleine Siege (=> Arad, Gozal-Festung) errungen und vielleicht Aroer und eventuell – wahrscheinlich aber nicht, s. gleich – Tel Ira errichtet haben.<br />Als dann um 701 v. Chr. '''Sennacherib''', dem zu dieser Zeit die Edomiter bereits treue Vasallen waren, das BA-Tal erreicht, werden Arad und Aroer vernichtet, Malhata aber nicht. Oft geht man davon aus, dass auch Beerscheba und Tel Ira in diesem Zug vernichtet wurden, daher wohl ebenfalls judäisch waren, und so im BA-Tal nur Tel Malhata bestehen blieb. Zu Beerscheba vgl. aber richtig Knauf 2002: Die Keramik spricht gegen eine Zerstörung schon um 701; auch dass in diesem bedeutenden Ort nur ein ''lmlk''-Krug gefunden wurde, spricht gerade dagegen, dass er zu den 46 von Sennacherib zerstörten Städten Judas gehörte. Das Selbe gilt dann entsprechend für Tel Ira in der direkten Nachbarschaft von Malhata mit einer ähnlichen – nur stärker edomitisch als philistäisch geprägten – Keramik-Assemblage wie Beerscheba (vgl. Singer-Avitz 1999, S. 56) und ebenfalls nur einem ''lmlk''-Krug.<br />Nach dieser Eroberung durch Sennacherib sieht das BA-Tal unter assyrischer Herrschaft ein noch nie dagewesenes Wachstum: Aroer und sogar das alte Tel Masos werden wiedererrichtet, im Süden von Malhata entsteht mit Horbat Qitmit ein edomitisches Kultzentrum (ebenso in Tamar), der Osten wird mit den Festungen Horbat Uza, Horbat Radum, Mizpe Zohar und dem Gorer-Turm befestigt. Diese Orte sind sehr wahrscheinlich edomitisch (vgl. gut Zucconi 2007; ähnlich auch Eph´al 2003; Beit-Arieh 2009) – das legen jedenfalls die Keramik und die eben geschilderten historischen Ereignisse nahe. Dagegen im ebenfalls wiederaufgebauten Arad zeigt ein Brief aus dem 7. Jhd., dass der Ort nach wie vor judäisch war (Arad-Ostracon 24: ''Lass Malkija ben Qarab`or [Truppen] aus Arad und Kinah ... nach Ramat-Negev senden ..., damit Edom nicht dorthin kommt!''), was dann wahrscheinlich auch für die beiden zu dieser Zeit neu entstandenen Festungen Horbat Anim (=Ramat Negev?) und Horbat Tov gilt.  


[[Datei:Negev 7.jpg|mitte]]<br /><center><small>'''Legende''': Grün: Philistäa mit Südost-Erweiterung; weiß: judäisches Bergland mit Süd-Erweiterung (hellblau: judäisch im 7. Jhd.);<br />pink: Edom, westjordanisch; orange: edomitisch im 7. Jhd. (dunkelorange: nicht zerstört durch Sennacherib); gelb: moabitisch.</small></center>
[[Datei:Negev 7.jpg|mitte]]<br /><center><small>'''Legende''': Grün: Philistäa mit Südost-Erweiterung; weiß: judäisches Bergland mit Süd-Erweiterung (hellblau: judäisch im 7. Jhd.);<br />pink: Edom, westjordanisch; orange: edomitisch im 7. Jhd. (dunkelorange: nicht zerstört durch Sennacherib); gelb: moabitisch.</small></center>


Es ist diese Siedlungs-Situation, die viele '''biblische Schriften''' voraussetzen. Unter anderem bietet jede Ursprungslegende Israels und jede Pentateuch-Quelle (s.u.) eine Erklärung dafür, warum im Süden des Landes Kanaan, das Gott doch eigentlich den Nachkommen von Väterchen Gnade versprochen hatte, Edomiter statt Israeliten lebten. Die eleganteste Erklärung findet sich in der Laienquelle mit der Erzählung von Fers: In dieser ist sein Bruder Esau, der Vorfahre der Edomiter, der ältere; eigentlich gehört ihm das ganze Land. Nachdem Fers sich von ihm aber das Erbrecht ergaunert hat, fliehen musste und erst nach vielen Jahren zurückkehrt, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen, schenkt er ihm ängstlich mehrere „Lager“ – eigentlich ein Wort für Siedlungsplätze – an Vieh (Gen 32; [https://offene-bibel.de/wiki/Gen_33,1-17/Pers%C3%B6nliche_Fassung_(Sebastian_Walter)#l8 Gen 33,8-11]), lässt dann Esau gen Süden zum Gebirge Seir „vorangehen“ ([https://offene-bibel.de/wiki/Gen_33,1-17/Pers%C3%B6nliche_Fassung_(Sebastian_Walter)#l8 Gen 33,12-14]; vorausgesetzt wird hier wie z.B. in Dtn 1 und wie schon in den Amarnabriefen, dass das Seirgebirge ''westlich'' und nicht östlich des Jordan liegt und mit dem Negevgebirge identisch ist. Vgl. zur Lage z.B. Bartlett 1989, S. 42-44; Zucconi 2007, S. 250; Dykehouse 2008, S. 54; Hensel 2022, S. 2) und hat von da an nur noch einmal zum Begräbnis seines Vaters Kontakt mit ihm. Die Aufgabe des südlichen Kanaan, von „Lagern“ und von Reichtum ist hier also der Preis dafür, friedlich in Zentralpalästina wohnen zu können. Elegant ist diese Variante, da Gottes Versprechen, den Nachkommen von Väterchen Gnade das Land Kanaan geben zu wollen, natürlich auch dann erfüllt wäre, wenn sowohl Edomiter als auch Israeliten über Esau und Fers von Väterchen Gnade abstammen. Dass schon in Am 1,11 (8. Jhd.) vom „Bruder Edom“ die Rede ist, legt nahe, dass dies auch die älteste Erklärung ist.<br />Eine Variante dieses Geschichtsentwurfs folgt im priesterschriftlichen Kapitel Gen 36, wo Esau und Fers sich (typisch priesterschriftlich) einvernehmlich auf das Land aufteilen, weil beide zu viel Vieh besitzen, als dass das Land beide ernähren könnte. In den priesterschriftlichen Kapitel Num 20; 34 wird das Gebiet denn auch gar nicht erst in das dem Mose beschriebene versprochene Land inkludiert: Westlich des Jordan leben die Edomiter nördlich von Kadesch-Barnea (Num 20,14.16); östlich gehört mindestens die Königsroute zu ihrem Gebiet (Num 20,17). Der „südliche Rand“ des versprochenen Landes nun wird südlich durch die Wüste Zin und östlich durch dieses Land Edom eingegrenzt (Num 36,3a). Der südwestliche Eckpunkt des Randes liegt auf Höhe der Südküste des Toten Meeres und verläuft von dort aus ostsüdöstlich (Num 36,3b: „östlich“) entlang dem Wadi el-Arisch (Num 34,5). Ihr südöstlicher Eckpunkt liegt etwas weiter südlich als die Skorpionensteige bei Tamar; er ist nicht eigentlich ein Eckpunkt, sondern eine Kurve (Num 34,4a). Von dort aus nach Westen führt die Grenze wie gesagt entlang der Wüste Zin (Num 34,4b). Die Kurve aber macht sie am besagten südöstlichen Eckpunkt bei Kadesch-Barnea, Azmon und dem Hazer Addar (=Ein Qadeis + Aharoni-Festung? Vgl. [https://www.odb.bibelwissenschaft.de/ortsnamen/ortsname.php?n=270 odb: Hazar-Addar]) (Num 34,4c), die wirklich etwas weiter südlich als die Skorpionensteige liegen, um dann eben entlang der Landesgrenze von Edom nach Norden zu verlaufen. Vgl. sehr ähnlich Jos 15,1-4, wo auch in V. 5 wie in Num 34,12 nicht die Arabasenke, sondern das Salzmeer als östliche Grenze definiert wird.<br />Auch die nachpriesterschriftlichen Kapitel Dtn 1-2 nennen das Negevgebirge nördlich von Kadesch-Barnea und westlich des Toten Meers (Dtn 1,7.19f.) nicht nur „Bergland der Amoriter“, sondern außerdem übereinstimmend mit der Fers-Legende „das Land eurer Brüder, der Nachkommen Esaus“ (Dtn 2,4). Erklärt wird dort aber anders:  
Es ist diese Siedlungs-Situation, die viele '''biblische Schriften''' voraussetzen. Unter anderem bietet jede Ursprungslegende Israels und jede Pentateuch-Quelle (s.u.) eine Erklärung dafür, warum im Süden des Landes Kanaan, das Gott doch eigentlich den Nachkommen von Väterchen Gnade versprochen hatte, Edomiter statt Israeliten lebten. Die eleganteste Erklärung findet sich in der Laienquelle mit der Erzählung von Fers: In dieser ist sein Bruder Esau, der Vorfahre der Edomiter, der ältere; eigentlich gehört ihm das ganze Land. Nachdem Fers sich von ihm aber das Erbrecht ergaunert hat, fliehen musste und erst nach vielen Jahren zurückkehrt, um sich mit seinem Bruder zu versöhnen, schenkt er ihm ängstlich mehrere „Lager“ – eigentlich ein Wort für Siedlungsplätze – an Vieh (Gen 32; [https://offene-bibel.de/wiki/Gen_33,1-17/Pers%C3%B6nliche_Fassung_(Sebastian_Walter)#l8 Gen 33,8-11]), lässt dann Esau gen Süden zum Gebirge Seir „vorangehen“ ([https://offene-bibel.de/wiki/Gen_33,1-17/Pers%C3%B6nliche_Fassung_(Sebastian_Walter)#l12 Gen 33,12-14]; vorausgesetzt wird hier wie z.B. in Dtn 1 und wie schon in den Amarnabriefen, dass das Seirgebirge ''westlich'' und nicht östlich des Jordan liegt und mit dem Negevgebirge identisch ist. Vgl. zur Lage z.B. Bartlett 1989, S. 42-44; Zucconi 2007, S. 250; Dykehouse 2008, S. 54; Hensel 2022, S. 2) und hat von da an nur noch einmal zum Begräbnis seines Vaters Kontakt mit ihm. Die Aufgabe des südlichen Kanaan, von „Lagern“ und von Reichtum ist hier also der Preis dafür, friedlich in Zentralpalästina wohnen zu können. Elegant ist diese Variante, da Gottes Versprechen, den Nachkommen von Väterchen Gnade das Land Kanaan geben zu wollen, natürlich auch dann erfüllt wäre, wenn sowohl Edomiter als auch Israeliten über Esau und Fers von Väterchen Gnade abstammen. Dass schon in Am 1,11 (8. Jhd.) vom „Bruder Edom“ die Rede ist, legt nahe, dass dies auch die älteste Erklärung ist.<br />Eine Variante dieses Geschichtsentwurfs folgt im priesterschriftlichen Kapitel Gen 36, wo Esau und Fers sich (typisch priesterschriftlich) einvernehmlich auf das Land aufteilen, weil beide zu viel Vieh besitzen, als dass das Land beide ernähren könnte. In den priesterschriftlichen Kapitel Num 20; 34 wird das Gebiet denn auch gar nicht erst in das dem Mose versprochenen Land inkludiert: Westlich des Jordan leben die Edomiter nördlich von Kadesch-Barnea (Num 20,14.16); östlich gehört mindestens die Königsroute zu ihrem Gebiet (Num 20,17). Der „südliche Rand“ des versprochenen Landes nun wird südlich durch die Wüste Zin und östlich durch dieses Land Edom eingegrenzt (Num 36,3a). Der südwestliche Eckpunkt des Randes liegt auf Höhe der Südküste des Toten Meeres und verläuft von dort aus ostsüdöstlich (Num 36,3b: „östlich“) entlang dem Wadi el-Arisch (Num 34,5). Sein südöstlicher Eckpunkt liegt etwas weiter südlich als die Skorpionensteige bei Tamar; er ist nicht eigentlich ein Eckpunkt, sondern eine Kurve (Num 34,4a). Von dort aus nach Westen führt die Grenze wie gesagt entlang der Wüste Zin (Num 34,4b). Die Kurve aber macht sie am besagten südöstlichen Eckpunkt bei Kadesch-Barnea, Azmon und dem Hazer Addar (=Ein Qadeis + Aharoni-Festung? Vgl. [https://www.odb.bibelwissenschaft.de/ortsnamen/ortsname.php?n=270 odb: Hazar-Addar]) (Num 34,4c), die wirklich etwas weiter südlich als die Skorpionensteige liegen, um dann eben entlang der Landesgrenze von Edom nach Norden zu verlaufen. Vgl. sehr ähnlich Jos 15,1-4, wo auch in V. 5 wie in Num 34,12 nicht die Arabasenke, sondern erst weiter nördlich das Tote Meer als östliche Grenze definiert wird.<br />Auch die nachpriesterschriftlichen Kapitel Dtn 1-2 nennen das Negevgebirge nördlich von Kadesch-Barnea und westlich des Toten Meers (Dtn 1,7.19f.) nicht nur „Bergland der Amoriter“, sondern außerdem übereinstimmend mit der Fers-Legende „das Land eurer Brüder, der Nachkommen Esaus“ (Dtn 2,4). Erklärt wird dort aber anders:  


: Dtn 1,20 kennzeichnet das „Bergland der Amoriter“ als ein Gebiet, das YHWH den Israeliten zugesprochen („gegeben“) hat. Allerdings verweigern die Israeliten die Inbesitznahme dieses Gebiets (V. 26) und verspielen YHWHs Landgabe durch eine kriegerische Aktion, die sie gegen die ausdrückliche Weisung YHWHs unternehmen und die daher fehlschlägt (V. 41-46). (Jericke 2013c, S. 51)
: Dtn 1,20 kennzeichnet das „Bergland der Amoriter“ als ein Gebiet, das YHWH den Israeliten zugesprochen („gegeben“) hat. Allerdings verweigern die Israeliten die Inbesitznahme dieses Gebiets (V. 26) und verspielen YHWHs Landgabe durch eine kriegerische Aktion, die sie gegen die ausdrückliche Weisung YHWHs unternehmen und die daher fehlschlägt (V. 41-46). (Jericke 2013c, S. 51)


Hier wurde also Südpalästina nicht einvernehmlich aufgegeben, sondern schuldhaft verspielt.<br />Die deuteronomistischen Königsbücher schließlich behaupten wie üblich, Südpalästina habe ursprünglich zum legendären Großreich Davids und Salomos gehört und alle historischen Leistungen dort – der Import von Gewürzen und Gold aus Arabien (1 Kön 10,2.10.15), der Export nach Aram und Ägypten (1 Kön 10,28f.), der Seehandel ab Ezion-Geber (1 Kön 9,26; 22,48f.) – seien eigentlich Leistungen Israels gewesen (sogar die sprichwörtliche Weisheit der Edomiter – s. Jer 49,7; Ob 7f. – wird in diesen Kapiteln annektiert und für König Salomo beansprucht); dann aber hätten mehrfach die Edomiter gegen Israel revoltiert und so ihre Freiheit und die Hoheit über diese Gebiete erlangt (1 Kön 11,14-25; 2 Kön 8,20-22; 16,6; vgl. stark Na'aman 2015b).
Hier wurde also Südpalästina nicht einvernehmlich aufgegeben, sondern schuldhaft verspielt.<br />Die deuteronomistischen Königsbücher schließlich behaupten wie üblich, Südpalästina habe ursprünglich zum legendären Großreich Davids und Salomos gehört und alle historischen Leistungen der Edomiter dort – der Import von Gewürzen und Gold aus Arabien (1 Kön 10,2.10.15), der Export nach Aram und Ägypten (1 Kön 10,28f.), der Seehandel ab Ezion-Geber (1 Kön 9,26; 22,48f.) – seien eigentlich Leistungen ''Israels'' gewesen (sogar die sprichwörtliche Weisheit der Edomiter – s. Jer 49,7; Ob 7f. – wird in diesen Kapiteln annektiert und für König Salomo beansprucht); dann aber hätten mehrfach die Edomiter gegen Israel revoltiert und so ihre Freiheit und die Hoheit über diese Gebiete erlangt (1 Kön 11,14-25; 2 Kön 8,20-22; 16,6; vgl. stark Na'aman 2015b).


Auch bei diesen einvernehmlich, schuldhaft oder durch judäische Schwäche entstandenen Grenzen aber sollte es nicht bleiben: Nachdem Juda durch die Babylonier erobert worden war, nachdem weiters zunächst die arabischen Qedarener in Edom eingewandert waren (s. Neh 2,6) und als dann auch noch die Nabatäer in die ostjordanischen Gebiete Edoms einfielen, drangen ihrerseits in der Perserzeit die Edomiter westlich des Jordan gemeinsam mit Qedarenern und „Phöniziern“ aus Gaza noch weiter nach Norden vor, bis spätestens 312 v. Chr. (s. Diodorus Siculus, Bibliotheca Historica xix 94f.98) auch offiziell die Grenze zwischen Juda und dem nun vollständig westjordanischen Edom (gr.: ''Idoumaia'', „'''Idumäa'''“) irgenwo zwischen Beth-Zur und Hebron verlief (zu den Grenzen vgl. Bartlett 1999, S. 106-111; Levin 2007, S. 243f.252).<br />Wahrscheinlich war es dieses Vordringen in einst judäisches Kerngebiet, der zum ausgeprägten Edom-Hass in späten biblischen Texten geführt hat (vgl. z.B. Dicou 1994, S. 187; Assis 2006, S. 4; Becking 2016, S. 3; Tebes 2019, S. 131f.). Verständlicherweise: Bei diesen Gebietsverhältnissen blieb es bis zur Zeitenwende (s. z.B. 1 Makk 4,61; 14,33; für das 1. Jhd. n. Chr. Josephus, ''[https://de.wikisource.org/wiki/Gegen_Apion/Buch_2 Contra Apionem]'' II.9 116: ''Idumäa liegt an den Grenzen unseres Landes bei Gaza...''). Davon zeugen nicht nur zeitgenössische Texte, sondern auch viele epigraphisch überlieferte Personennamen aus der Gegend, in denen der Name des obersten edomitischen Gottes Qos vorkommt (Für zwei Auswahlen s. Porter 2004, S. 382-384; Tebes 2023, S. 126ff.), oder die beiden Qos-Altäre, die der idumäische König Herodes der Große um die Zeitenwende bei Hebron und Mamre errichten ließ (Abbildung z.B. bei Lichtenberger 2007, S. 78).<br />Historisch gesehen ist Juda also offenbar nie weiter als bis Arad nach Süden vorgedrungen, hat am Ende der biblischen Geschichte auch noch große Teile seines Landes an Edom verloren und wurde zur Zeit Jesu sogar von einem Idumäer und seinen Nachkommen als römischen Vasallenkönigen regiert, die zudem die Kompetenzen des Hohepriesters immer weiter beschnitten – der Edomhass gerade in den nachbiblischen Texten ist wirklich leicht nachzuvollziehen. Frühjüdische Schriften sind daher sogar noch stärker als die biblischen vom judäischen Edom-Hass geprägt. Besonders verbreitet sind Rückeroberungs-Fantasien (vgl. Marciak 2018; Tebes 2019, S. 131-138). So weit geht die Bibel noch nicht: Dort wird Süd-Kanaan zwar zum gelobten Land gerechnet. Aber nicht als ''Israels'' gelobtes Land – sondern Esaus.
Auch bei diesen einvernehmlich, schuldhaft oder durch judäische Schwäche entstandenen Grenzen aber sollte es nicht bleiben: Nachdem Juda durch die Babylonier erobert worden war, nachdem weiters zunächst die arabischen Qedarener in Edom eingewandert waren (s. Neh 2,6) und als dann auch noch die Nabatäer in die ostjordanischen Gebiete Edoms einfielen, drangen ihrerseits in der Perserzeit die Edomiter westlich des Jordan gemeinsam mit Qedarenern und Phöniziern aus Gaza noch weiter nach Norden vor, bis spätestens 312 v. Chr. (s. Diodorus Siculus, Bibliotheca Historica xix 94f.98) auch offiziell die Grenze zwischen Juda und dem nun vollständig westjordanischen Edom (gr.: ''Idoumaia'', „'''Idumäa'''“) irgenwo zwischen Beth-Zur und Hebron verlief (zu den Grenzen vgl. Bartlett 1999, S. 106-111; Levin 2007, S. 243f.252).<br />Wahrscheinlich war es dieses Vordringen in einst judäisches Kerngebiet, der zum ausgeprägten Edom-Hass in späten biblischen Texten geführt hat (vgl. z.B. Dicou 1994, S. 187; Assis 2006, S. 4; Becking 2016, S. 3; Tebes 2019, S. 131f.). Verständlicherweise: Bei diesen Gebietsverhältnissen blieb es grosso modo trotz leichten Grenzverschiebungen bis zur Zeitenwende und danach (s. z.B. 1 Makk 4,61; 14,33; für das 1. Jhd. n. Chr. Josephus, ''[https://de.wikisource.org/wiki/Gegen_Apion/Buch_2 Contra Apionem]'' II.9 116: ''Idumäa liegt an den Grenzen unseres Landes bei Gaza...''). Davon zeugen nicht nur zeitgenössische Texte, sondern auch viele epigraphisch überlieferte Personennamen aus der Gegend, in denen der Name des obersten edomitischen Gottes Qos vorkommt (Für zwei Auswahlen s. Porter 2004, S. 382-384; Tebes 2023, S. 126ff.), oder die beiden Qos-Altäre, die der idumäische König Herodes der Große um die Zeitenwende bei Hebron und Mamre errichten ließ (Abbildung z.B. bei Lichtenberger 2007, S. 78).<br />Historisch gesehen ist Juda also offenbar nie weiter als bis Arad nach Süden vorgedrungen, hat am Ende der biblischen Geschichte auch noch große Teile seines Landes an Edom verloren und wurde zur Zeit Jesu sogar von einem Idumäer und seinen Nachkommen als römischen Vasallenkönigen regiert, die zudem die Kompetenzen des Hohepriesters immer weiter beschnitten – der Edomhass gerade in den nachbiblischen Texten ist wirklich leicht nachzuvollziehen. Frühjüdische Schriften sind daher sogar noch stärker als die biblischen vom judäischen Edom-Hass geprägt. Besonders verbreitet sind Rückeroberungs-Fantasien (vgl. Marciak 2018; Tebes 2019, S. 131-138). So weit blickt die Bibel natürlich noch nicht voraus: Dort wird Süd-Kanaan zwar zum gelobten Land gerechnet. Aber nicht als ''Israels'' gelobtes Land – sondern Esaus.





Version vom 28. Dezember 2023, 10:40 Uhr


Achtung Baustelle!
Hier wird noch gearbeitet. Diese Seite ist noch nicht Teil des Offene-Bibel Wikis. Der Text auf dieser Seite ist noch ungeprüft, fehlerhaft und unvollständig.




Historische Einführung: Israel[Bearbeiten]

Die Ursprünge Israels[Bearbeiten]

Biblische Erzählung[Bearbeiten]

Der „Plot“ des Ersten Testaments ist recht schnell nacherzählt. In Gen 1-3 erschafft Gott die Welt aus einer Ur-Flut. Weil sie sich in Gen 4-5 nicht gut entwickelt, beschließt er, sie in Gen 6-9 mit einer zweiten Flut zu vernichten, nur die fromme Familie eines frommen Mannes zu verschonen und mit dieser ab Gen 10 die Erde neu zu besiedeln. Auch das funktioniert in Gen 11 nicht gut, und so wählt er sich aus den Nachkommen des Flut-Helden wieder nur eine Familie, mit der es besser laufen soll als mit dem Rest der Welt und die er daher gesondert durch das Leben geleiten und begleiten will. Gen 12-50 berichten, wie diese Familie zunächst das Land besiedelt, das Gott für sie ausgesucht hat, dann aber wegen einer Hungersnot im Land nach Ägypten auswandert.

In Ägypten geraten ihre Nachkommen in die Sklaverei, und so müssen sie in Ex 1-18 von dort befreit und in Num 10,11-14; 16-17; 20-27; 31-36 wieder zurück ins versprochene Heimatland geführt werden. Eingeschaltet sind in Ex 19 - Num 10,10 und noch mehrfach im Buch Numeri dutzende von Texten, in denen Gott Gebote und Bestimmungen erlässt, wie die Israeliten sich „gottgemäß“ zu verhalten haben; in Dtn 4-30 sind weitere Bestimmungen angehängt.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

Als historische Berichte darf man diese Texte nicht nehmen. Der Grundstock besonders der Erzählungen in den Büchern Genesis, Exodus und einiger derer im Richterbuch dürfte schon alt, aber ursprünglich als Sagen, Lagerfeuer-Geschichten u.Ä. erzählt worden sein. Was davon auf historische Ereignisse und Entwicklungen zurückgeht, lässt sich daher aus den Texten selbst kaum noch erschließen. Dass sich historisch gesehen die Vorgeschichte Israel sehr anders entwickelt hat, lässt sich durch Archäologie und deren Abgleich mit zu dieser Zeit entstandenen Schriftquellen der umliegenden Völker aber klar zeigen.

Gehen wir von Archäeologie und historischen Schriftquellen aus, können wir uns ein grobes Bild von den historischen Entwicklungen in Palästina machen. Ein sehr grobes: Vieles, wovon die nächsten Abschnitte handeln, ist unklar und wird wohl auch unklar bleiben, falls nicht neue Schriftquellen gefunden werden werden. Das ist normal in der Geschichtsschreibung; Aufgabe von Historikern ist dann der Entwurf von Hypothesen, die das Wenige, das sicher ist, zu einer plausiblen Erzählung verbinden. Man nehme daher das folgende nur als eine (!) solche Hypothese (!):

Späte Bronzezeit: Bevölkerung Palästinas vom 15. bis zum 13. Jhd.[Bearbeiten]

Es ist zunächst sicher, dass die Region Palästinas in den Tälern und Ebenen in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends geprägt war von mehreren voneinander unabhängigen, kanaanäischen Stadtstaaten, zu denen jeweils mehrere ihnen zugehörige Satelliten-Dörfer gehörten.

Zuvor waren auch die Gebirgsregionen Palästinas eng besiedelt gewesen; mit Ausgang der mittleren Bronzezeit (16. Jhd. v. Chr.) waren diese Berglandsiedlungen aber massenweise verlassen worden – der Grund dafür ist noch sehr unklar. Oft tippt man vage auf die Ägypter, denn diese hatten um 1550 zu Beginn der späten Bronzezeit ganz Palästina erobert. Vermutlich ist es diese Herrschaft der Ägypter über Palästina, von der sich Erinnerungen in der Exodus-Erzählung über die Knechtschaft der Israeliten in Ägypten bewahrt haben – eine andere im Land Ägypten selbst und erst recht ein darauf folgender Massen-Auszug von Israeliten aus Ägypten lässt sich weder archäologisch noch durch zeitgenössische Texte belegen.
Konkret bedeutete diese Eroberung durch die Ägypter, (1) dass diese dabei mehrere Dörfer und Städte zerstört hatten, (2) dass ägyptische Regenten die Regierungssitze weiterer Städte okkupiert hatten und die Kanaanäer im Umland die Ägypter dort versorgen mussten, (3) dass die Kanaanäer zu regelmäßigen Tributzahlungen verpflichtet waren – v.a. in Form von Edelmetallen, Holz, Vieh und Sklaven (vgl. z.B. Na'aman 1981) – und (4) dass sie zusätzlich Sonderzahlungen leisten mussten, wenn Ägypter militärische Unternehmungen durchführten. Das geschah besonders in dieser Region häufig, weil mit dem hethitischen Reich der stärkste Gegner Ägyptens nördlich direkt an Palästina angrenzte, (5) so dass Palästina von den Kriegen dieser beiden Großmächte oder von Feldzügen der Ägypter gegen revoltierende Kanaanäer aufgerieben wurde, (6) wofür die „treuen“ Kanaanäer dann auch noch Soldaten stellen mussten (vgl. z.B. Morris 2018, S. 153f.). – Die Hand, mit der die Ägypter über Palästina herrschten, war eine harte.

Politische Verhältnisse der frühen Spätbronzezeit. In Grau die Orte, für die Habiru allein durch die Amarna-Briefe belegt sind. Die Schasu scheinen überwiegend östlich und südlich von Kanaan (orange) gelebt zu haben. CC-BY-SA.3.0: Sémhur via Wikimedia

Außer von Kanaanäern und Ägyptern ist in altorientalischen Inschriften, Briefen und Urkunden des 2. Jahrtausends oft die Rede von zwei weiteren Bevölkerungsgruppen: Zum einen im ganzen nahen Osten von den Habiru (s. rechts), zum anderen von den Schasu / Sutu, die östlich und südlich des rechts orange gefärbten Gebiets bezeugt sind (Bottéro 1975, S. 15-21; Kärger/Minx 2012, S. 366f.).a Die Schasu beschreibt man i.d.r. auch heute noch anders als die Habiru als v.a. Kleinviehzucht treibende Halbnomaden; nachdem nun aber sicher ist, dass sie mit den Sutu (teil-)identisch waren (Miller 2021, S. 89f.; so schon Cazelles 1958; Giveon 1971, S. 5f.; Annus 2018, S. 10; Graham 2021, S. 63), muss man sagen, dass Habiru und Schasu/Sutu eine ähnliche Lebensweise hatten: Beide lebten überwiegend außerhalb der Stadtstaaten und Dörfer und wurden von deren Bewohnern als gesetz- und rechtlose Vagabunden betrachtet. Besonders oft ist davon die Rede, dass sie Städte, Händler und Reisende überfielen und niedermachten, außerdem entweder davon, dass sie umgekehrt als Söldner von Ägyptern und von kanaanäischen Städtern angeworben wurden (s. z.B. den Amarnabrief EA 195,16-32 von Schasu und Habiru, die als Söldner für die Ägyptern gegen die Kanaanäer kämpften) oder als Sklaven in die Städte integriert wurden. Man muss diese Zeugnisse allerdings mit einiger Vorsicht lesen: Da die altorientalischen Schriftquellen v.a. auf die städtische Elite zurückgehen, ist es gut möglich, dass dieses Profil von Habiru und Schasu/Sutu als unheimliche staatsfeindliche Banditen ideologisches Framing war. Es ist gut möglich, dass sie tatsächlich überwiegend beduinisch als Viehzüchter lebten und nur nebenbei in Zeiten der Not, bei günstiger Gelegenheit oder dann, wenn sie als Söldner angeworben worden waren, Ägypter und Kanaanäer überfielen, woher ihr schlechter Leumund rührt (gut Bunimovitz 1994, S. 198f.). Jedenfalls ist klar, dass beide in Palästina als Gegenüber der Ägypter einerseits und der Kanaanäer andererseits verstanden werden müssen und dass sie sie zwar auch bekämpften, gleichzeitig als Beduinen und Banditen aber auf die ackerbauenden und Handel treibenden kanaanäischen Städte und Dörfer angewiesen waren. Vor allem bei den Habiru ist das sicher; ihre Frontstellung gegen das ägyptische Kanaan ist in den Amarnabriefen sprichwörtlich. Im Amarnabrief EA 67,16-18 schreibt daher ein unbekannter Stadtkönig über den König Aziru von Amurru, er habe sich verhalten „wie ein Habiru, wie ein Straßenköter, und so Sumur, die Stadt meines Herrn Pharao, eingenommen“. Ähnlich klagt Stadtkönig Rib-Haddi in EA 74,19-21, all seine Städte in der Berg- und Küstenregion hätten sich „auf die Seite der Habiru geschlagen“ und meint damit, dass sie die ägyptisch-kanaanäische Herrschaft abgeschüttelt hätten (vgl. Waterhouse 2001, S. 32f.).
Man beachte, dass hier die Habiru u.a. ins Gebirge verortet werden. Ebenso in EA 292,28-29, einem Brief des Stadtkönigs von Geser: „Vom Gebirge aus herrscht Krieg gegen mich!“ (vgl. ebd., S. 36). Gemeint sind damit die Habiru (vgl. EA 299). Vor allem im Zuge der „Labaju-Affäre“ scheinen sie sogar noch zusätzlich in Besitz von Gebirgsregionen gekommen zu sein (zu den im Folgenden genannten Orten vgl. die Karte unten): Im 14. Jhd. gab es noch einige Stadtstaaten im Raum Palästinas, über ausgedehnte Gebiete herrschten aber nur die Königreiche von Hazor im Norden und Sichem im Zentrum. Sichem, das heutige Nablus, liegt in einer schmalen Senke zwischen der „manassitischen Gebirgsregion“ und der „ephraimitischen Gebirgsregion“, und damit im Zentrum von Palästinas Zentralgebirge, das gleich für die Volkswerdung Israels sehr wichtig werden wird. Einige Amarnabriefe berichten nun davon, dass Sichems König Labaju sich mit den Habiru verbündet hatte (nach EA 254, einem Brief von Labaju, scheint sich sogar einer seiner Söhne den Habiru angeschlossen zu haben), um gemeinsam mit weiteren Verbündeten auf dem größten Teil des Zentralgebirges Eroberungskriege gegen eine andere Koalition von Herrschern von Megiddo und Schunem im Norden bis Geser und Jerusalem im Süden zu führen. Offenbar als Lohn für diese Allianz überließ Labaju den Habiru größere Teile des Staatsgebiets von Sichem (EA 287; 289), wonach Labajus zweiter Sohn sich als Stadtkönig nach Pella östlich des Jordan zurückzog. Auch bei den Schasu/Sutu scheinen die beiden Kerngebiete im Bergland des syrischen Jebel Bischri und südöstlich von Kanaan im Bergland des Seir-Gebirges gelegen zu haben (vgl. Graham 2021, S. 61-63), zu dem offenbar auch der Berg Sinai gehörte (s. Dtn 33,2; Ri 5,4f.; zur Lage des Gebirges s. auch u. zu den Edomitern).
Ob die einzelnen Schasu-Gruppen einen gemeinsamen Ursprung hatten und sich insgesamt als „Volk“ sahen, ist unbekannt. Die Habiru dagegen waren gewiss keine homogene Ethnie, da sich ihnen auch ihre Wohnorte verlassende Kanaanäer anschließen konnten (vgl. z.B. Bottéro 1980, S. 204-206). Sogar König Idrimi berichtet im 15. Jhd. von sich selbst, auch er habe sich sieben Jahre lang den Habiru in Kanaan angeschlossen gehabt, bevor er zum König von Alalakh geworden sei (vgl. Edgar 2021). Auch der biblische König David scheint eine ähnliche Biographie gehabt zu haben (s. 1 Sam 22,2). Das Selbe berichtet EA 148,41-42 von König Abdi-Tirschi von Hazor, dem nördlichen der drei großen palästinischen Königreiche, was eine starke Habiru-Präsenz auch im nördlichen Gebirge Palästinas nahelegt. In altorientalischen Texten werden die Habiru dennoch d.Ö. neben anderen „Völkern“ genannt (vgl. wieder Waterhouse 2001, S. 40f.). Es ist daher gut möglich, dass das traditionelle „Volks“-Konzept nicht auf die Habiru passt und dass sie, obwohl sie ethnisch offensichtlich ein „Mischvolk“ waren, dennoch als „Volk“ aufgefasst wurden.

Kanaanäer bringen den Ägyptern unterwürfig Sklaven und Luxusgüter als Tribute dar. Wandgemälde, um 1400. (c) BM, EA37991

Wir müssen uns das Palästina der späten Bronzezeit insgesamt also vorstellen als eine Region, die von heftigen Tributpflichten gedrückt wurde, immer wieder von Schlachten und Kriegen der benachbarten Großmächte überzogen wurde, in der auch noch die einzelnen kanaanäische Stadtstaaten miteinander im Clinch lagen und die zusätzlich gebeutelt war von den Scharmützeln der Habiru und Schasu, die vielleicht v.a. ungeschützte Reisende und kleinere Dörfer überfielen und sicher von sie anwerbenden Städtern gegen andere Städter in die Schlacht geschickt wurden und so im Laufe der Zeit vor allem immer größere Teile der Gebirge Nord- und Zentralpalästinas erobert haben. Opfer dieser politischen Situation waren v.a. die Bauern der kanaanäischen Satellitendörfer, die erwirtschaften mussten, was dann in Kriegen verbrannt oder von Schasu und Habiru erbeutet wurde, die jederzeit in den Dienst von Soldaten oder Sklaven gezwungen werden konnten, und von denen man daher annehmen darf, dass sie schon zu dieser Zeit immer wieder ihre Dörfer verließen und sich den Habiru anschlossen.

Den Schasu wird deshalb heute große Aufmerksamkeit geschenkt, weil in drei ägyptischen Inschriften des 14. und 13. Jhds. neben dem „Land der Schasu am/im Seir-Gebirge“ auch vom „Land der Schasu des Jahu`“ die Rede ist, was bedeuten könnte, dass diese Gruppe nicht nur schon im frühen 14. Jhd. in Israel lebte, sondern dort sogar schon zu dieser Zeit einen Gott JHWH verehrte (s. z.B. bes. entschieden Kennedy 2019; vorsichtiger z.B. Leuenberger 2017b, S. 169f.). Dass der Gott JHWH aus diesem Gebirge „zum Volk Israel kam“, sagen in mythischer Sprache auch zwei der mutmaßlich ältesten Texte der Bibel (Ri 5,5; vielleicht Hab 3,3).
Ähnlich bei den Habiru: Falls die Habiru Palästinas eine Rolle bei der Geburt des Volkes Israel gespielt haben sollten, wie meist angenommen wird, müsste aus ihrer Bezeichnung das hebräische Wort für „Hebräer“ entstanden sein, was dann nahelegte, dass sie bei diesem Prozess sogar eine wichtige Rolle gespielt hatten. Beide Gruppen dürften daher für die Entstehung der „Israeliten“ relevant sein, lebten aber offenbar schon mindestens ein Jahrhundert, bevor nach biblischer Chronologie der Exodus stattgefunden haben müsste (frühestens 13. Jhd.), in Palästina.
Auf der Merneptah-Stele (1207 v. Chr.) ist schließlich viertens noch die Rede von einer Personengruppe (statt einem Stadtstaat oder einer Region wie sonst im Kontext) namens „Israel“, über die sonst aus dieser Zeit leider nichts Genaueres überliefert ist. Über die MS ist daher viel nachgedacht worden; letztlich kann man sich aus ihr aber nur erschließen, dass es also im späten 13. Jhd. und damit „zur Zeit des Exodus“ in oder in der Nähe von Palästina auch bereits eine Größe namens „Israel“ gab, die groß und bedeutend genug war, um in einem Atemzug mit den Stadtstaaten Aschkelon und Gezer genannt zu werden. Eine weitere ägyptische Inschrift, ÄM 21687 auf dem „Berliner Podest“, könnte mit `Išar-`El ebenfalls die Größe „Israel“ bezeugen, die es dann wie die Schasu und die Habiru sogar schon mindestens seit dem 14. Jhd. in dieser Gegend gegeben hätte (vgl. zur Inschrift z.B. Zwickel/van der Veen 2017, S. 129-131) und die bereits zu diesem Zeitpunkt auf einer Ebene mit „Aschkelon“ und „Kanaan“ gestanden wäre. Ob es sich bei dieser Größe „Israel“ um Kanaanäer, um Schasu, um Habiru oder um eine vierte Gruppe handelte, ist aber ungewiss.
Mit diesen frühen Bezeugungen der Schasu, der Habiru und von „Israel“, die alle Vorfahren der späteren Israeliten sein könnten, stimmt wie gesagt zusammen, dass sich eine Massenflucht von Sklaven aus Ägypten im 13./12. Jhd. durch ägyptische Schriftzeugnisse nicht belegen lässt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden die späteren „Israeliten“ also in Israel geboren, nicht in Ägypten.

Eisenzeit I: Geburt der Israeliten[Bearbeiten]

Vier Umwälzungen der frühen Eisenzeit (1200-1000: EZ I)[Bearbeiten]
Klimawandel in Palästina von der mittleren Bronze- bis zur frühen Eisenzeit. Nach Soto-Berelov u.a. 2015, S. 106.b

Am Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit ab dem späten 13. Jahrhundert dann – nach dem biblischen Geschichtsentwurf also zur Zeit des Exodus – lassen sich in der Region Palästinas mehrere Entwicklungen feststellen. Erstens zu nennen ist eine längerfristige und großflächigere Entwicklung: Vom Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. bis etwa zum Beginn des 12. Jhds. stieg die durchschnittliche Temperatur u.a. in Palästina kontinuierlich um insgesamt etwa 1,5 °C an und der Niederschlag verringerte sich (und auch danach noch weiter), weshalb besonders vom 14. auf das 13. Jhd. mediterrane Klimagebiete versteppten und Steppen zu Wüsten verdorrten. Am Ende dieses Klimawandels stand eine 300 Jahre währende „Megadürre“ im ganzen Mittelmeerraum, die ihren Höhepunkt zwischen 1250-1100 v. Chr. erreichte (vgl. Kaniewski/van Campo 2017; zu den Auswirkungen speziell auf Palästina z.B. Langgut u.a. 2015; Langgut/Finkelstein 2023, S. 6; Soto-Berelov u.a. 2015, bes. die Grafiken auf S. 104-106) und in deren Zuge mehrere Großreiche in diesem Raum nach und nach untergingen. Speziell in Palästina schwand so zunächst Weideland und Land für Ackerbau und verdorrten Fruchtbäume, von denen sich daher insgesamt deutlich weniger Pollen aus dieser Zeit nachweisen lassen. Palästinische Land- und Viehwirte muss es danach schwerer gefallen sein, sich selbst zu versorgen und erst recht, Gewinn für die Tributzahlungen zunächst an die kanaanäischen Stadtstaat-Herrscher und über diese dann an die ägyptischen Besetzer zu erwirtschaften. Verblüffenderweise lässt sich das auf den ersten Blick aber gerade nicht zeigen; im Gegenteil scheint in dieser Zeit der bewässerungsintensivere Anbau von Weizen, Einkorn, Linsen und Fruchtbäumen (!) sogar zugenommen zu haben (vgl. Karakaya/Riehl 2019, S. 151f.). Man wird sich dies kaum anders erklären können als so, dass als Reaktion auf die Dürre die Ackerbau-Strategien im Alten Palästina an die neuen klimatischen Verhältnisse angepasst wurden. Dazu gleich mehr.

Palästina zur Eisenzeit I / Richterzeit (12.-10. Jhd. v. Chr.). Eingezeichnet sind bei Phöniziern und Philistern nur bedeutendere Städte und Grenzorte.
Palästina zur Eisenzeit I / Richterzeit (12.-10. Jhd. v. Chr.). Eingezeichnet sind bei Phöniziern und Philistern nur bedeutendere Städte und Grenzorte.

Die Archäologie bezeugt uns ab dem selben Zeitraum vier weitere historische Umwälzungen in rascher Folge: Sie zeigt uns zweitens, dass ab Mitte des 13. Jhds. aus dem mykenischen Kulturkreis (s.o.) die aus ägyptischen Schriftquellen als Mittelmeerpiraten bekannten Philister vor allem ägyptisch regierte Städte an der südwestlichen Küste Palästinas eroberten (vgl. Barako 2013, S. 41f.51) und sich von ihren fünf Stadtstaaten Aschdod, Aschkelon und Gaza direkt an der Küste und Ekron und Gat etwas weiter im Landesinneren rasch in alle Richtungen ausbreiteten, und dass sich schon kurz zuvor weiter nördlich das Handelsvolk der Phönizier an der Küste ausgebreitet hatte (vgl. z.B. Killebrew 2019) und dann immer weiter nach Süden expandierte.c Schon im 13. Jhd. war Sidon im heutigen Libanon (s.u.) eine der bedeutendsten Handelsstädte der Gegend; spätestens im 11. Jhd. waren sie bis nach Jatt vorgedrungen; im 10. Jhd., laut biblischer Geschichtsschreibung also zu Beginn der Königszeit Israels, noch weiter, bis bei Tel Michal und Tel Qasile ihre beiden Gebiete aneinander angrenzten.d
Die Philister beherrschten die südliche Küste, bis Ende des 8. Jahrhunderts die Assyrer ganz Palästina eroberten und die Philister so zunächst zu assyrischen und später zu ägyptischen Vasallenkönigreichen degradiert wurden. Um 600 machte der babylonische Nebukadnezzar den philistäischen Stadtstaaten ein Ende, wonach nach der sogenannten „babylonischen [Besiedlungs-]Lücke“ im 6. Jhd. die Phönizier ab ca. 500 v. Chr. noch weiter nach Süden expandierten und neue Hafenstädte in der einstigen Philistäa errichteten (vgl. z.B. Martin/Shalev 2022). Die Phönizier wiederum herrschten noch zwei weitere Jahrhunderte als babylonische und dann als persische Vasallenkönige an der Küste, bis im späten 4. Jhd. die Griechen dem phönizischen Königtum ein Ende machten. Kurioserweise haben damit große Teile vom Gebiet des heutigen Staates Israel zur Zeit jüdischen Bibel nie zu den Königreichen Israel und Juda gehört; vgl. die rechts in rot eingezeichneten aktuellen politischen Landesgrenzen.e

Drittens zeigt uns die Archäologie, dass viele der kanaanäischen Städte um das 13./12. Jahrhundert im Laufe von etwa 100 Jahren zerstört und erst später und nur zum Teil wiederrichtet wurden; manchmal nach einer Besiedlungslücke von über einem Jahrhundert (s. rechts; grob nach Millek 2018. Zu Pella und Abu al Kharaz vgl. Halbertsma 2019, S. 55f.). Es fällt auf, dass fast alle um diese Zeit zerstörten Städte danach phönizisch (blau) oder philistäisch (grün) sind oder an philistäisches Gebiet angrenzen (Beth-Schemesch, Azekah, Lachisch, Eton, Beit Mirsim). Zu Qaschisch, Jokneam, Megiddo, Beth Schean, Pella und Abu al-Kharaz s.u.: Offenbar siedelten auch hier außerhalb des philistäischen Kerngebiets Angehörige der Seevölker. Aussagekräftig ist auch, welche Städte nicht zerstört wurden: In der direkten Nachbarschaft von Beth Schean etwa blieben Rekesch und Rehob, in denen sich später auch keine Seevölker nachweisen lassen, bestehen. Auch die umgebenden Dörfer scheinen jeweils nicht zerstört und weiterhin bewohnt worden zu sein (s z.B. Gaß 2006, S. 110; Finkelstein 2014, S. 31-34), was ebenfalls für gezielte Eroberungen spricht. Es ist zwar richtig, das sich bei einer noch größeren Zahl der später philistäischen oder phönizischen Städte keine Zerstörung feststellen lässt (Millek 2021), aber die Regelmäßigkeit ist dennoch zu deutlich, um dies gut anders denn als Eroberungen durch die Seevölker deuten zu können – nur Dan, Jin'am, Bethel und auf der anderen Jordanseite Umm ad Dananir fallen aus diesem Muster und müssen anders erklärt werden. Bethel und Umm ad Dananir sind auch die einzigen Städte im Gebirge, deren Zerstörung in die fragliche Zeit fällt. Dass man bei vielen der späteren Seevölker-Städten keine Zerstörung feststellen kann, sollte man daher besser damit erklären, dass Eroberungen im Alten Orient häufig in Form von Belagerungen geschahen (vgl. Eph´al 2009, S. 35-43). Von solchen Belagerungen durch die Philister berichtet die Bibel z.B. in 1 Sam 23,1-5; 28,4; 2 Sam 5,17f. Den Sinn solcher Belagerungen durch siedlerkoloniale Mächte wie die Philister zeigt uns Dtn 20,10f..
Viertens: Nachdem die Philister auch in die ebenfalls unter der Dürre leidenden Reiche der Ägypter und der Hethither eingefallen waren und auch die Assyrer mehrere Kriege gegen die Hethiter geführt hatten, geht das hethitische Großreich unter. Ab dem 11. Jhd. lässt sich stattdessen nördlich von Palästina ein weiteres, Palastin genanntes und noch größeres philistäisches Reich nachweisen, das wohl bis ins 9. Jhd. Bestand hatte (vgl. z.B. Hawkins 2009; Gilan 2013b, S. 63f.; Weeden 2013; Pucci 2020, S. 137f.; ähnlich Emanuel 2015). Ob es östlich wirklich bis Nampigi reichte, ist unklar, und ob (einen Vorläufer) dieses Königreich(s) auch schon im 12. Jhd. gab, ist unbekannt; die Türkei, Libanon und Syrien sind archäologisch noch weniger gründlich erforscht als Palästina. Relativ sicher ist aber, dass damit Palästina spätestens ab dem 11. Jhd. nicht mehr eingezwängt ist zwischen dem hethitischen und dem ägyptischen Großreich, sondern zwischen den palištim („Philister“) im Südwesten und dem Königreich Palistim im Norden, und dass die Kanaanäer von Philistern und Phöniziern um gut die Hälfte der Fläche ihrer einstigen Herrschaftsgebiete gebracht worden waren.
Dafür schwindet fünftens mit der Zerstörung der kanaanäischen Städte und der ägyptischen Residenzen in diesen Städten nach und nach auch die Präsenz der Ägypter in Palästina. Dass auf der Merneptah-Stele davon gesprochen wird, Merneptah habe Kanaan „gefangen genommen / erbeutet“ (26), wird man so deuten müssen, dass dieser Prozess um 1208 v. Chr. schon weit vorangeschritten war und Merneptah nur noch einmal kurz „das Ruder herumriss“ ; da in Megiddo und Lachisch aber noch Monumente des in den 1140ern regierenden Pharao Ramses VI gefunden wurden, scheint auch diese Entwicklung gut ein Jahrhundert angedauert zu haben. Manche Forscher gehen außerdem davon aus, dass nach dem Zusammenbruch des Hethitherreiches auch viele flüchtende Hethither nach Palästina einwanderten. Archäologisch lässt sich das aber nicht nachweisen; es ist daher unwahrscheinlich, dass dies in großem Stil geschah (Gilan 2013).

Das Zentralgebirge[Bearbeiten]

Fünftens aber, und hier am wichtigsten, lässt sich fast zeitgleich in drei Regionen Palästinas eine kleine Völkerwanderung feststellen. Rechts sind diese Regionen hellblau und weiß eingefärbt. Von oben nach unten nennte man die westlich des Jordan für gewöhnlich

  • „galiläisches Bergland“
  • „Bergland Manasses“
  • „Bergland Ephraims“
  • „judäisches Bergland“.

Das ostjordanische könnte man entsprechend nennen:

  • „ammonitisch-moabitisches Bergland“.

Am wichtigsten für uns sind zunächst das Bergland Manasses und das Bergland Ephraims. In diesen Regionen explodiert ab der frühen Eisenzeit (ab dem 12. Jhd., s. Bimson 1991, S. 12f.) die Zahl der kleinen Siedlungen im Hochland: Nach einer weitgehenden Siedlungslücke von gut 300 Jahren nimmt ihre Zahl im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte immer mehr zu, bis sie sich im 11. Jhd. in manchen Gegenden verzehnfacht hat und insgesamt auf mehrere hundert Dörfer beläuft. Im judäischen Bergland geschieht dies zeitversetzt erst im 10.-9. Jhd. und in weit kleinerem Stil (auf die anderen zwei Gebirge und auf noch ein sechstes werde ich weiter unten eingehen).
Gleichzeitig werden die wenigen Städte, die zuvor in diesen Regionen lagen, entweder aufgegeben und ebenfalls als kleine Dörfer neu besiedelt oder sie waren schon zuvor und über längere Zeit auf diese Größe zusammengeschrumpft. Einige Beispiele: Nach der häufigsten Interpretation wurde die kanaanäische Stadt Taanach Mitte des 12. Jhd.s zerstört und dann erst um das Jahr 1000 als Dorf neu besiedelt (vgl. allerdings Finkelstein 1998). Hefer war einst kanaanäischer Stadtstaat gewesen und schon im Laufe der Jahrhunderte auf Siedlungsgröße zusammengeschrumpft. Der Kultort / das administrative Zentrum in Ebal wurde Mitte des 12. Jhd.s ganz aufgegeben. Ungefähr zur selben Zeit wurde auch Sichem zerstört und nicht neu besiedelt. Ähnlich wie in Ebal wurde in Silo, wo sich laut 1 Sam 1-4 Samuels Tempel befunden haben soll, das nomadische Heiligtum der Spätbronzezeit aufgegeben; hier wurde stattdessen eine Siedlung errichtet. Bethel war im 14.-13. Jhd. eine große Stadt, in der bekanntlich schon Jakob Mazzebe und Altar errichtet haben soll. Ende der Bronzezeit aber wurde auch diese Stadt zerstört und mit einem kleinen Dorf neu besiedelt. Die weltweit am intensivsten archäologisch erforschte Stadt Jerusalem war schon in der Spätbronzezeit keine Stadt mehr, sondern ein kleines Dörfchen, blieb dies über mehrere Jahrhunderte und fasste selbst noch im 10. Jhd. maximal 200 Einwohner. Von der Königsstadt Davids und Salomos fehlt archäologisch jede Spur. Auch der einstige Stadtstaat Hebron, laut biblischer Geschichte Davids erste Königsstadt, war schon in der mittleren Bronzezeit aufgegeben und in der Spätbronzezeit nur noch als Friedhof genutzt worden, um dann in der frühen Eisenzeit mit einem kleinen Dorf neu besiedelt zu werden. Ähnliches gilt übrigens auch für Sauls Königsstadt Gibea: Welcher Ort damit gemeint ist, ist umstritten; an keinem der diskutierten Orte hat sich zu Sauls Zeit aber eine Stadt befunden. Khirbet Rabud schließlich ist ein Beispiel für die langsamere Entwicklung Südpalästinas: Khirbet Rabud war vom 14.-11. Jhd. eine befestigte Stadt und wurde erst im 10. Jhd. als Dorf neu errichtet. In der Eisenzeit I ist Khirbet Rabud daher wahrscheinlich noch eine kanaanäische Stadt (vgl. zum Einstieg jeweils z.B. die Artikel in ABD, NEAEH, WiBiLex und Keel / Küchler 1982; ebenso zu den folgenden Orten).

Zwei Dorf-Cluster. Rechts im Zentrum: Silo. (c) Miller 2005b, S. 31.
Links: Einige kanaanäische Stadtstaaten Ende der Bronzezeit.f (c) Finkelstein 2014, S. 19.
Rechts: Proto-israelitische Siedlungen im Hochland der Eisenzeit I. (c) Shanks 1992, S. 11
S. auch die sehr schöne Karte in Lehmann 2021, S. 279.

Am Ende dieses Prozesses ist damit das Bergland Palästinas nicht mehr bedeckt von einem Flickenteppich einzelner größerer Stadtstaaten, sondern von einem engmaschigen Netzwerk kleiner Dörfchen, von denen die meisten um die 100-150 und keines mehr als 400 Einwohner fasst. „Netzwerk“ deshalb, weil Miller 2005b und Palmisiano 2013 stark gezeigt haben, dass sich mehrere Dorfgruppen-Cluster mit jeweils einem etwas größeren Dorf im Zentrum feststellen lassen: Offenbar galt ortsweise auch für diese Dorfgesellschaft, dass „man zusammengehörte“ – nun aber nicht mehr als gemeinsame Untertanen eines zentralen Stadtstaates, sondern als Dörfergemeinschaft mit kleinen regionalen Zentren, in denen sich z.B. Schmieden oder Töpfereien befunden haben könnten und in denen vermutlich auch jeweils der Häuptling einer Dorfgruppe wohnte.

Ökonomisch lässt sich die Besiedelung des Zentralgebirges in der Klimakrise der frühen Eisenzeit gut erklären: Im Bergland Israels gibt es erstens höhere Niederschlagsmengen. Rechts sieht man, wie die fünf Berglandregionen sich überwiegend auf die am stärksten beregneten Gegenden des noch nicht durch Phönizier und Philister dominierten Palästina konzentrieren. Darüber hinaus ist an Hängen der Effekt von Niederschlag größer, weil zusätzlich zum lokalen Niederschlag auch noch Rinnwasser den Boden befeuchtet und weil wegen des felsigen Untergrunds das Wasser langsamer versickert. Durch künstliche Terrassen lässt sich dieser Effekt noch steigern (vgl. zur Technik z.B. Evenary u.a. 1982, S. 109; Hopkins 1985, S. 173-186; Gibson 2015, S. 298-303; Ackermann u.a. 2018). Radiokarbon- und OSL-Datierungen von Terrassen machen wahrscheinlich, dass man Terrassenbau mindestens schon in der frühen Eisenzeit praktizierte (vgl. z.B. Avni u.a. 2012, S. 24; Bruins/van der Pflicht 2017).g Evenary u.a. haben für den Negev kalkuliert, dass man so mit bis zu vier Fünftel weniger Niederschlag auskommt. Weiters hatte man offenbar erst kurz zuvor die Technik entwickelt, Zisternen in den weichen Kreidestein zu hauen, in denen zusätzliche Wasservorräte gespeichert werden konnten (vgl. Callaway 2009, S. 39f.). Auch solche Zisternen finden sich daher in großer Zahl in ausgegrabenen Hochlandsiedlungen der frühen Eisenzeit. Außerdem gab es in der ausgehenden Bronzezeit mit ihren schwächer sprudelnder Flachlandbrunnen und -Quellen noch eine Reihe natürlicher Gebirgsquellen fern von bereits bewohnten Siedlungen, die noch beansprucht werden konnten und in deren Nähe daher viele der neu errichteten Siedlungen liegen (vgl. z.B. Gal 1992, S. 86; Zertal 1988, S. 343-345).h Höhere Niederschlagsmenge, wassersparende Terrassentechnik, wasserspeichernde Zisternentechnik und frei verfügbares Quellwasser muss das Gebirge in den Zeiten der Dürre zu einem immer attraktiveren Ort für palästinische Viehhirten und Landwirte gemacht haben. Die ökonomischen und ökologischen Hintergründe dieser kleinen Volkswanderung lassen sich also gut erklären. Die politischen Hintergründe dagegen sind sehr umstritten.

Auch, wie insgesamt diese fünf Entwicklungen in kurzem Zeitraum – (1) Megadürre, (2) Ansiedlung von Phöniziern und Philistern an der Küste, (3) Zerstörung vieler kanaanäischer Städte, (4) Abzug der Ägypter, (5) Explosion der Bergland-Dörfer – miteinander zusammenhängen, ist unklar, und auch deshalb ist ungewiss, welche Gruppe(n) sich eigentlich aus welchen Gründen im Bergland ansiedelte(n). Dass dies so unklar ist, ist deshalb so ärgerlich, weil es sich mindestens bei einigen von ihnen fast sicher um die späteren Israeliten handelt, da die Bücher Josua und Richter noch deutliche Reflexe einer Eroberung Israels vom Gebirge aus bewahrt haben. Es ist sogar möglich, dass schon diese Dorf-Cluster die Vorläufer der „Stämme“ waren, in die sich später die Gesellschaft Israels gliedern sollte, da zwei der Stämme wahrscheinlich nach den Gebirgen benannt sind, auf denen sie lebten (gut Knauf/Niemann 2021, S. 76: Der Stamm „Efraim“ nach dem gleichnamigen Gebirge, der Stamm „Juda“ nach wahda, dem „Abgrund“ s. DAHPN s.v. Das biblische Zwölf-Stämme-System ist aber gewiss eine späte Entwicklung; vgl. Kallai 1995, 1999; Macchi 1999; Grabbe 2007, S. 106).

Vergleicht man einige charakteristische Züge von Lebensweise und Lebensstil der Bevölkerungsgruppen im palästinischen Raum der frühen Eisenzeit, kann man zumindest fast sicher ausschließen, dass die Bevölkerung der Bergland-Siedlungen sich überwiegend aus Phöniziern, Philistern oder kanaanäischen Städtern speiste. Nicht deshalb, weil die Bergland-Siedlungen sämtlich deutlich kleiner waren als die Städtchen und Städte in den Tälern und Ebenen; auch nicht deshalb, weil die Bevölkerung in diesen Siedlungen überwiegend autark und ärmlich lebte und sich anders als „Städter“ gleichzeitig durch Viehwirtschaft und Getreideanbau auf Terrassen ernährte, und auch nicht deshalb, weil die Bergsiedler fast ausschließlich in Pfeilerhäusern lebten, die wohl gleichzeitig auch als Ställe für das Vieh der Familie dienten, während Kanaanäer überwiegend in Hofhäusern, Phönizier in Hofhäusern und T-förmigen Häusern und Philister in „linearen Häusern“ lebten, die wahrscheinlich nicht als Ställe verwendet wurden (vgl. zum Stall-Haus Dalman, AuS VI S. 280f.; Stager 1985, S. 12; Bilder beim Madain Project; zum Hofhaus v.a. Gilboa u.a. 2014, S. 54.57f.64; zum T-förmigen Haus Edrey 2018, S. 95, zum linearen Haus Aja 2009, S. 262f.; hier eine Grafik) – zu dieser Lebensform zwangen wohl auch die klimatischen Bedingungen und die geographischen Gegebenheiten des Berglands. Sondern wegen der Organisation des öffentlichen und kultischen Lebens, das sich an Ausgrabungen ablesen lässt:

Phönizier Philister Kanaanäer Bergland-Siedler
materielle Kultur: Gemeinsame Infrastruktur und öffentliche Gebäude (=> Lagerhäuser, administrative Bauten, ...). Daher auch Handel untereinander: In phön., phil. und kan. Städten und Gräbern stets auch typisch phön. & phil. Keramik, auch gehandelte oder importierte Luxusgüter Keine öffentlichen Gebäude (außer evt. Silo, so häufig bes. Finkelstein. Aber s. Jericke 2019). Wenig Handelsbeziehungen nachweisbar; stattdessen überwiegend selbstgefertigte Werkzeuge & Keramik (vgl. z.B. Faust 2009, 2016). Importierte oder erhandelte Luxusgüter so selten, dass sie Erbstücke sein können (Listen in Zwingenberger 2001, S. 386-401; Miller 2005b, S. 45-52).
Religion: In mehreren Städten Tempel und Schreine mit Bamah und Altar; in Privathaushalten oft Figurinen (z.B. Phön: Psi-Figurine, Phil: Aschdoda, Kan: Pfeilerfigurine; vgl. z.B. Edrey 2018, S. 112f.124ff.181; Ben-Shlomo 2019). Daneben oft Kleinfunde wie kultische Gefäße, Räucherkästen u.ä. Öffentliche Kultstätten: Nur die „Bull Site“, offenbar ein Clan-Heiligtum von fünf Dörfern (dazu z.B. Wenning/Zenger 1986b, allerdings auch Koenen 2015: kultischer Charakter unsicher; Zertal 1986, S. 114; Miller 2005b, S. 46: falsch datiert. Der Altar (?) auf dem Ebal war spätestens 1140 v. Chr. außer Gebrauch und ist daher irrelevant). Daneben nur vereinzelte Funde möglicherweise kultischer Keramik wie bes. die „Raddana-Schale“ (vgl. Zwingenberger 2001, S. 438-448), keine Figurinen.
Totenkult: multiform. Bei allen nachweisbar: Erdbegräbnis, Kremation, Schachtgrab, (Doppel-)Urnengrab (zu letzterem bei Phil s. Mazow 2014, S. 143f.), bei Phön + Kan außerdem Höhlengrab, Kistengrab und für bes. Wohlhabende Sargbegräbnis (vgl. noch Dixon 2013; Ben-Shlomo 2008), bei Kan ab 10. Jhd. auch Bankgrab. Im Norden vom 12.-9. Jhd. gar kein Grabfund (s. z.B. Faust 2004; Nabulsi 2017, S. 19f. [Khirbet Nisya gehört nach Grabbeigaben wohl zur kanaanäischen Talbevölkerung]), im Süden Felsengrab und ab 8. Jhd. Bankgrab (Bloch-Smith 1992, S. 39f.52.60f.; Zwingenberger 2001, S. 454-463; Fantalkin 2008; Suriano 2018, S. 57).

Ergänzen könnte man noch, dass bei den Philistern bis zur frühen Eisenzeit Schweinefleisch ortsweise bis zu 25% der tierischen Nahrung ausgemacht hat, was für das Bergland fast gar nicht gilt, obwohl dort in der Bronzezeit sehr wohl Schweinefleisch verzehrt wurde. Das Fehlen von Schweinen im eisenzeitlichen Bergland kann aber auch nur dadurch ökonomisch bedingt sein, dass Schweine und Menschen Nahrungskonkurrenten sind und die Hochländler nicht genug für beide Spezies produzieren konnten (richtig Frevel 2018b, S. 84).
Mit der Lebensweise der Schasu und Habiru lassen sich die genannten Zeugnisse nur schwer vergleichen, da von ihnen qua Beduinen archäologisch nur wenig bekannt ist. Sollten Levy/Adams/Muniz 2004 Recht behalten und der Friedhof am Jabal Hamrat Fidan ist ein Schasu-Friedhof (naheliegend, da als Grabbeigaben anders als sonst üblich gar keine zerbrechlichen Keramikgefäße, sondern ausschließlich hölzerne gefunden wurden, die Nomaden gut transportieren konnten), muss man aber immerhin auch hier einen Gegensatz zwischen den Felsgräbern mit Keramikgefäßen in den südlichen Bergsiedlungen vs. den Kistengräbern mit Holzgefäßen der Schasu statuieren.

Nimmt man das zusammen, lassen sich unterschiedliche historische Entwicklungen annehmen. Die härteren Lebensbedingungen aufgrund des Klimawandels werden gewiss zu Spannungen zwischen Kanaanäern und Ägypten einerseits und kanaanäischen Bauern und Städtern andererseits geführt haben. Sie werden außerdem die Schasu gezwungen haben, ihre Lebensweise und ihren Lebensraum anzupassen, wozu die Ansiedlung der Philister zusätzlich beigetragen haben wird. Der Niedergang des Handels durch die Schwächung Ägyptens und das Ende des hethitischen Großreichs und die geringere Ausbeute in den verarmenden kanaanäischen Dörfern wird auch den Habiru zunehmend Probleme bereitet haben.
Hiernach lässt sich dann theoretisch weiter alles annehmen von friedlichen Umsiedelung von Kanaanäern ins besser zu bewässernde Gebirgsland bis hin zum Bürgerkrieg zwischen Ägyptern, kanaanäischen Herrschern, kanaanäischen Bauern, Habiru, von den Philistern nach Norden verdrängten Schasu, „Israel“ und später auch den Philistern selbst, in dessen Zug aus all diesen verschiedenen Gruppen die Menschen massenweise ins Gebirge geflohen wären.
Geht man von der deutlichen Zerstörungsschicht kanaanäischer Städte und ägyptischer Residenzen darin aus, wird das erste Extrem aber unwahrscheinlich. Und setzt man am unterschiedlichen Profil von Bergland- und Flachland-Kulturen an, sind m.E. der heißeste Kandidat für den Hauptträger dieser Volkswanderung die palästinischen Habiru: Dass diese schon vorher u.a. im Gebirge gelebt hatten, zeigen die Amarna-Briefe, und eine dominante Habiru-Bevölkerung im Gebirge erklärt am plausibelsten das Fehlen von Grab- und Kultstätten (die sie ja auch vorher nicht errichtet haben) und den nur lockeren Zusammenhalt zwischen den einzelnen Siedlungen. Dass in den Habiru-Siedlungen Häuser gebaut und Keramik getöpfert wurde, wie man sie vereinzelt auch aus den kanaanäischen Ebenen kennt, ließe sich dann damit erklären, dass die Habiru – wie ja ebenfalls schon bekannt ist – im Laufe der Zeit immer wieder kanaanäische Siedlungen erobert und sich ihnen immer wieder Kanaanäer angeschlossen hatten.
Am ehesten ist daher anzunehmen, dass (1) infolge der Dürre wirklich immer häufiger Revolten, Aufstände und Kleinkriege ausbrachen, deren Zeuge die zerstörten kanaanäischen Städte sind, dass (2) deshalb und wegen den immer schwerer zu tragenden Tributforderungen von Ägyptern und kanaanäischen Herrschern immer mehr kanaanäische Bauern zu den Habiru überliefen, dass (3) danach und nach dem Zusammenbruch des Handels auch die Habiru Versorgungsprobleme hatten und dass sie sich deshalb (4) nach und nach ganz vom Flachland ins Gebirge zurückzogen, (5) um sich nun aber dort unter Anleitung der Bauern in ihren Reihen selbst zu versorgen. Ähnlich hat diesen Prozess bes. einflussreich etwa bereits Gottwald 1979, S. 210-219 modelliert, der sich dabei allerdings die Habiru insgesamt nach Mendenhall 1973, S. 122-141 als rein revolutionäre Bewegung der aufständischen kanaanäischen Unterschicht vorstellt. Noll 2001, S. 162 hat ein etwas friedlicheres Modell entwickelt: Bauern hätten wegen der hohen Besteuerung ihre Dörfer verlassen und seien dann gemeinsam mit den „Beduinen“ außerhalb der Städte und Dörfer, die nun „wegen der Steuerpolitik der Ägypter“ nicht mehr mit den Kanaanäern handeln konnten, ins Gebirge umgezogen (ähnlich Lehmann 2001, S. 75).i Ähnlich sind auch die Modelle von Stiebing 1989, S. 190f.; Kratz 2017b, S. 13f. und Dever 2017, S. 222-233, wobei Letzterer nur von einem anderen Mengenverhältnis ausgeht: Primär aus ökonomischen Gründen landflüchtige kanaanäische Dorfbewohner, daneben auch Habiru.j

Kanaanäische Enklaven[Bearbeiten]

In der Schefela-Ebene westlich des judäischen Berglands allerdings blieben in der frühen Eisenzeit einige kanaanäischen Kleinstädte bestehen (s.u., Bild 1): Tel Jarmuth (vgl. ABD III, S. 645f.), Tel Azekah, Tel Burna, Tel Zajit und Lachisch wurden zwar im 12./11. Jhd. zerstört und nur Tel Burna als kleine Siedlung neu errichtet. Aber Beth-Schemesch, Tel Eton, Tel Beit Mirsim und vermutlich auch Keila bestanden als Städte fort. Ebenso Tel Halif; während sich aber in den anderen Städten ab dem 12. Jhd. einige philistäische Keramik findet, gilt das weit weniger für diese Stadt. Wie dies zu deuten ist, ist umstritten: Entweder blieben die Orte der Schefela-Ebene in der frühen Eisenzeit noch kanaanäisch und manche Städte handelten intensiver mit den Philistern als andere (so z.B. Na'aman 2011; Bunimovitz/Lederman 2011, 2014; Faust/Katz 2011; Faust 2020), oder nach einem philistäischen Sieg über die genannten fünf Grenzstädte unterwarfen sich die übrigen kanaanäischen Schefela-Orte bis hinunter nach Tel Beit Mirsim den Philistern, wonach sich dort nach und nach beide Bevölkerungsgruppen vermischten (ähnlich z.B. Fantalkin 2008, S. 31; Lehmann/Niemann 2014; Faust 2019b).
Ich halte die Kanaanäer-Deutung für plausibler. Für die Philisterdeutung spricht zwar erstens, dass bei Tel Eton ein Philistergrab gefunden wurde, und zweitens, dass auf der Nimrud-Platte noch Adad-Nirari III (9.-8. Jhd.) in Südpalästina nur die Philistäa und kein anderes Reich zu kennen scheint (COS II 276). Aber die Kanaanäer-Deutung harmoniert besser mit einem weiteren Siedlungsprozess im 10./9. Jhd. Für diesen muss ich etwas weiter ausholen, aber es lohnt sich. Besonders Faust hat häufig gut darüber geschrieben (v.a. in Faust 2013; Faust 2014; Faust 2020). Nachdem nun Daten neuer Radiokarbon-Messungen vorliegen und neuerdings auch Lachisch noch gründlicher ausgegraben wurde, lässt sich der Prozess aber noch etwas genauer in den Blick bekommen:

links: Schefela und Umgebung um 1200. Rechts: im 9. Jhd. Im 12./11. Jhd. sind klar die Philister die dominierende Macht in Südpalästina: Faust 2020, S. 118f. kalkuliert (nach Finkelstein) für den Beginn der Eisenzeit die Einwohnerzahl der Philistäa auf 30.000, die in der Schefela dagegen nur auf 1500 und die im judäischen Bergland auf 7000.k Rechnen wir wie Faust, müssten wir im 11. Jhd. allein für Ekron 6000 und für Gat 5000-7500 Einwohner annehmen. Als diese dominierende Macht dringen die Philister im Laufe der frühen Eisenzeit immer weiter in die Schefela vor: In dieser Zeit neu errichtet wurden z.B. Tel Erani, Khirbet Summeily,l Umm al Baqar, Tel Nagila und der kleine Tempel Nahal Patisch. Im 11. Jhd. wird außerdem Beth-Schemesch einmal zerstört, was ebenfalls mit den Philistern zusammenhängen könnte.
Die Bewohner der Schefela aber rüsten ebenfalls auf (s. die Orte in orange auf Bild 2); vielleicht als Reaktion auf die Zerstörung von Beth-Schemesch: Im 11./10. Jahrhundert entstehen entlang der Grenze mit Tel Scheqef, Tel el-Hesi und Tel Milha kleine Festungen; auch Tel Burna wird zu einer solchen Festung ausgebaut (vgl. Blakely 1981, S. 240f.; Blakely u.a. 2014). Vor allem aber werden Beth-Schemesch und Lachisch als befestigte Städte neu errichtet (zu Lachisch vgl. Garfinkel u.a. 2019) und mit Khirbet Qeiyafa wird eine ebenso befestigte Kleinstadt ganz neu aus dem Boden gestampft. Eventuell gehört auch Tel Beit Mirsim in diese Reihe; wann dort die Stadtmauer errichtet wurde, ist aber noch nicht sicher. Charakteristisch ist für alle diese Orte außer Lachisch und Tel el-Hesi die Kasematten-Bauweise der Mauer. Den selben Mauertyp sieht man im 10. Jahrhundert auch in Timna und auch in Geser, das nach einer Zerstörung um 1000 v. Chr. ebenfalls mit einer solchen Mauer neu errichtet wird. Beide Orte scheinen also nun von den Bewohnern der Schefela kontrolliert worden zu sein (zu Geser vgl. Webster u.a. 2023. Aijalon, Tel el Kokah und Rabbah wurden noch nicht ausgegraben, gehören als Mittelzentren aber klar zum Einzugsgebiet des Oberzentrums Geser. Man muss annehmen, dass sie das Schicksal von Geser teilten). Zeitgleich schrumpfen Ekron und an der Küste auch Aschdod massiv zusammen, während Gat etwas weiter südlich umso stärker anwächst (Ekron von 24 auf 4 ha, Aschdod von 7 auf 1 ha und Gat von 20-30 im 11. Jhd. auf 40-50 ha im 9. Jhd.).m Im 11./10. Jhd. scheinen im Nordosten der Philistäa die Bewohner der Schefela also stärker gewesen zu sein als Ekron.
Diese philistäische Schwäche breitet sich im 9. Jahrhundert noch weiter aus, wo der Prozess in eine dritte Phase geht: Die südöstlichen Grenzorte Tel Erani, Khirbet Summeily, Umm al Baqar und Nahal Patisch werden sämtlich zerstört oder aufgegeben (gelb). Nur Tel Nagila besteht im Südosten fort, könnte aber von einem anderen Volk bewohnt worden sein (vgl. z.B. Shai u.a. 2011, S. 37f.). Dafür wächst weiter nördlich in den Gebieten anderer Volksgruppen die Zahl der Siedlungen rasant (weiß): Im Bergland etablieren sich neben Khirbet Midja noch el Burj und Khirbet el-Kunnisa als Mittelzentren; auch Scha'albim wird wiederbesiedelt. Um diese Dörfer herum gruppieren sich weitere 29 Dörfchen und Weiler, die alle ab dieser Zeit gegründet worden zu sein scheinen (vgl. Shavit 2000. Zur Erinnerung: Auch im judäischen Bergland tauchen diese Dörfchen überwiegend erst zu dieser Zeit auf). Damit grenzt der Raum der Berglandsiedlungen direkt an die Ebene an, was vielleicht zuvor die Präsenz der Philister verhindert hatte. Im Aijalontal werden Latrun und Khirbet Ras Abu Murah neu errichtet; in der Schefela werden Tel Azekah, Tel Zajit und wohl auch Tel Jarmuthn wieder aufgebaut und Khirbet er-Rasm, Socoh, Tel Goded und Khirbet el-Qom neu gegründet und wird mit dem befestigten Grenzstädtchen Tel Harasim sogar noch tiefer ins philistäische Gebiet vorgestoßen (vgl. auch die Karte in Lehmann/Niemann 2014, S. 82, wo auch noch kleinere Orte verzeichnet sind).
Es ist neuerdings v.a. von Maeir gelegentlich in Frage gestellt worden, ob historisch die Philister und ihre westlichen Nachbarn überhaupt verfeindet waren. Vollzieht man aber den eben beschriebenen Prozess nach, lässt sich das für die späte Eisenzeit I und die frühe Eisenzeit II aber kaum bezweifeln; die Philister führten hier deutlich Grenzstreitigkeiten mit ihren Nachbarn und unterlagen schließlich im 10./9. Jahrhundert. Wer bei diesen Streitigkeiten aber genau ihre Gegner waren, ist umstritten. Um das 10. Jhd. soll laut Bibel König Salomo in Palästina geherrscht haben. Die Verse 1 Kön 19,15-17 berichten, dass Pharao Siamun Geser zerstört und dann Salomo geschenkt habe, als dieser seine Tochter heiratete, und dass dieser daraufhin in Hazor, Megiddo und Geser Mauern [wiederauf]gebaut habe. Das passte zeitlich zum Neubau Gesers mit Kasemattenmauer; wahrscheinlich vor allem aus diesem Grund nehmen heute die meisten an, die Bauinitiative von Kasemattenmauern im 10. Jhd. in Geser, Timna, Beth-Schemesch, Khirbet Qeiyafa, Tel Burna, Tel Scheqef und Tel Milha gehe auf Salomo zurück und sei das einzige archäologische Zeugnis für die Existenz des Königreichs Juda schon im 10. Jhd., das dann in dieser Zeit vom judäischen Bergland aus zunächst in die Schefela und dann in die philistäischen Gebiete vorgedrungen sein soll. Aber es ist nur schwer möglich, diese Verse als historisches Zeugnis zu nehmen: In Hazor wurde zwar wirklich ebenfalls die Stadt neu aufgebaut und mit Toranlage und Kasemattenmauer ausgerüstet. Die Mauer unterscheidet sich aber deutlich von denen in Südpalästina (vgl. z.B. Garfinkel u.a. 2016, S. 183) und wahrscheinlicher hat man diesen Neubau eher ins Ende des 10./Anfang des 9. Jhds. zu datieren (z.B. Kleiman 2022, S. 54). Megiddo wurde sicher erst gut ein Jahrhundert nach Salomo befestigt. Die Notiz zu Geser schließlich ist texthistorisch gesehen am wahrscheinlichsten aus einer Erinnerung an die auch außerbiblisch bezeugte Vernichtung Gesers durch Pharao Scheschonq um 925 v. Chr. entstanden, ebenfalls nach Salomo (vgl. z.B. gut Schipper 1999, S. 22f.). Noch schwieriger ist die Zusatzannahme, der Ausbau der Schefela und des Aijalon-Tals sei vom Gebirge aus geschehen: Vollzieht man die Abfolge des Prozesses genauer nach, sieht man, dass er erstens im Westen der Schefela begann und zweitens gerade mit der Aufrüstung der bereits besetehenden kanaanäischen Städte Beth-Schemesch, Burna und Lachisch. Mit Tel Jarmuth, Tel Azekah und Tel Zajit waren drittens auch die Hälfte der im 9. Jhd. neu entstandenen Orte in der Schefela ursprünglich kanaanäische Orte. Zusammengenommen macht das weit plausibler, den Prozess für eine insgesamt kanaanäische Initiative zu halten. Ist das richtig, waren die Schefela-Ebene und das Aijalon-Tal noch im 9. Jhd. kanaanäisch (ähnlich z.B. Fantalkin 2008, S. 31-33; Lehmann/Niemann 2014. Nach dem, was oben zu den Berglandsiedlungen gesagt wurde, heißt „kanaanäisch“ aber ja ohnehin nur: Politisch und ökonomisch unabhängig vom judäischen Bergland). Allerdings kein „kanaanäisches Reich“: Noch bei der neuen Raumordnung des 9. Jhd. lässt sich keine Hierarchie zwischen den Orten oder gar eine Hauptstadt erkennen, sondern Geser, Aijalon, Timna, Beth Schemesch, Tel Azekah, Tel Goded, Tel Burna, Tel Zajit, Keila, Lachisch, Tel Eton und Tel Beit Mirsim waren alle etwa gleich groß. Am besten versteht man in der Eisenzeit IIA das Aijalon-Tal und die Schefela-Ebene daher als Allianz kanaanäischer Kleinstadt-Staaten.

Über die ebenfalls umstrittene Ortsgruppe im Jezreeltal traue ich mir kein Urteil zu. Die kleinen Ortsgruppen „Jezreel Nordost“ und „Jezreel Südost“ um Tel Rekesch und Tel Rehob waren gewiss ebenfalls kanaanäische Enklaven. Die größte Ortsgruppe „Jezreel West“ ist aber unklar. Bei Afula, Schunem und Taanach im Zentrum wurden eisenzeitliche Schichten noch kaum oder gar nicht ausgegraben. Angenommen wird aber gemeinhin, dass Taanach im 12./11. Jhd. nur noch ein kleines Dorf war, das dann im 11. Jhd. zerstört wurde. Auch bei Jezreel zeugt nur wenig Keramik von einer spärlichen Besiedlung zu dieser Zeit; das Zentrum der Jezreel-Ebene war in der frühen Eisenzeit also offenbar fast unbewohnt. Ähnliche Keramikfunde in Afula dagegen legen nahe, dass dieser Ort und damit wahrscheinlich auch Schunem zur westlichen Ortsgruppe gehörte. Bei dieser Ortsgruppe handelt es sich in der frühen Eisenzeit überwiegend um größere Dörfer, die wohl wirtschaftlich davon profitierten, dass durch das Jezreel-Tal die wichtigste Handelsroute des Inlands Palästinas verlief – besonders Megiddo, das im 11. Jhd. wieder zur Stadt anwuchs. Tel Risim und Tel Re'ala könnten daneben als Grenzfestungen fungiert haben; beide Orte wurden aber ebenfalls noch nicht ausgegraben. Neben Megiddo war wohl Tel Qiri ein religiöses Zentrum dieser Ortsgruppe (Raban 1991, S. 19). Charakteristisch für all diese Orte ist, dass sich ab dem 11. Jhd. zwar in Jokneam und Megiddo auch phönizische, daneben aber in jedem Ort auch Einiges an philistäischer Keramik findet. Bei Ein Hagit legt auch die Architektur nahe, dass hier auch Seevölker lebten. Raban 1991 und Singer 1994, S. 318f. denken daher, bei diesen Orten handle es sich um eine weitere philistäische Region; Mazar 1994, S. 42 und Stern 2013, S. 20-25 gehen von einem dritten Seevolk neben „Philistern“ und „Phöniziern“ aus; Wolff 1998, S. 453f. schließlich nimmt an, dass auch diese Ortsgruppe eine kanaanäische Enklave war (zur Unsicherheit speziell bei Megiddo vgl. kürzlich noch gut Thomas 2020). Auch Oren 1973, S. 135-138; Emanuel 2015/2016 und Elayi 2018, S. 91 denken an ein drittes Seevolk (die „Denyen“), glauben aber wegen einiger Grabfunde in Beth-Schean, dass sein Gebiet sogar bis Jezreel Südost reichte, während Fischer/Bürge 2013 wegen noch deutlicherer Funde östlich des Jordan davon ausgehen, dass einzelne Angehörige dieser Seevölker sogar bis nach Abu al-Kharaz, Tel es-Sa'idiyeh und Tel al-Mazar direkt am anderen Ufer des Jordan gewandert seien (vgl. auch Fischer 2013, S. 477-481).
Die Mehrheit denkt also, dass diese Ortsgruppen mit den Seevölkern zusammenhingen. Dem entspricht interessanterweise auch eine biblische Differenzierung: Als Feinde in der Gegend in und um Palästina begegnen in den Büchern Numeri bis Josua überwiegend „Amoriter“ und „Kanaanäer“. „Kanaanäer“ werden dabei genauer verortet an die Küste, ins Jezreel-Tal, ins Aijalon-Tal (Geser) und ins Beerscheba-Arad-Tal (zu Letzterem s.u.), „Amoriter“ dagegen in die Gebirge östlich und westlich des Jordan sowie in die Schefela (s. Num 13,29; 21,13; 22,1-3; Num 32,39; Dtn 1,6-8; Jos 13,3; 16,10; 17,11f.). Falls es eine Regel gibt, nach der die einen so und die anderen so bezeichnet werden, scheint diese Regel nicht sein, dass die einen im Gebirge leben und die anderen nicht (so Kenyon 1966, S. 2-4; Fleming 2016, S. 16f.), was ja nicht gut zur Schefela passt – sondern dass die einen mit den Seevölkern an der Küste zusammenhängen und die anderen nicht. Ist das richtig, könnte auch dies für die Annahme sprechen, Jezreel Südost gehöre noch zu den westlichen Orten: Auch Beth Schean ist laut Jos 17,11f. „kanaanäisch“.o

Solange so viele Orte im Jezreel-Tal noch auf ihre Ausgrabung warten, wird die Zugehörigkeit der Ortsgruppe letztlich weiterhin ungewiss bleiben. Klar ist immerhin, dass die Jezreelebene ab dem 9. Jhd. nicht mehr (philisto-)kanaanäisch ist: Jezreel Nordost geht unter; Jezreel West blüht unter israelitischer Herrschaft kurz auf, wird aber kurz darauf mit Jezreel Südost zur umkämpften Grenzregion zwischen Aram und Israel (s.u.; vgl. Niemann 2006), bevor beide gegen Ende des 8. Jhds. von den Assyrern erobert und gemeinsam mit Galiläa im Norden Palästinas zur Provinz Magidu zusammengefasst werden.
Im 12. Jhd. mit den phönizischen und philistäischen Gebieten an der Küste, drei bis vier kanaanäischen Enklaven im Inland Palästinas und den zwei Dorf-Clustern von Bergdörfern im Zentralgebirge befinden wir uns übrigens schon tief in der Richterzeit und hat die Eroberung von ganz Südpalästina unter Josua (Jos 10,41) angeblich schon lange stattgefunden.

Edom[Bearbeiten]

Am Schwund der Siedlungen in der Südphilistäa im 10./9. Jhd. könnten neben den Kanaanäern ein drittes Volk indirekt beteiligt gewesen sein: Die Vorfahren der Edomiter.
Als in der Bronzezeit noch Ägypten die im Raum Palästinas alles dominierende Macht war, hatten die Ägypter hauptsächlich zwei Kupferquellen zur Herstellung von Bronze: Importiertes Kupfer aus Zypern zum Einen und eine oder zwei eigene Kupferminen-Gegenden in der Araba-Senke (s. rechts: pink) zum Anderen.p In beiden Gegenden war in der Antike der Kupferabbau schwierig: In der Senke selbst und damit in der südlichen Timna-Gegend herrscht Wüstenklima (braun), in der nördlicheren Khirbet en-Nahas-Gegend saharo-arabisches Klima (gelb), beide mit einem durchschnittlichen Niederschlag von nur 20-40 mm/Jahr. Dauerhaft leben konnten Menschen hier nicht. Die nächsten lebensfähigen Regionen sind (1) theoretisch das ostjordanische Plateau im Osten mit mediterranem Klima, das aber steil auf 1500 Meter ansteigt, (2a) das flachere Negev-Gebirge im Westen der KEN-Gegend mit immerhin 70-100 mm/Jahr Niederschlag (2b) und das Beerscheba-Arad-Tal noch weiter nördlich mit 150-200 mm/Jahr (rosa).
Davon, dass das Negev-Gebirge in der Spätbronzezeit überhaupt besiedelt war, zeugen nur die landwirtschaftlichen Terrassen, die dort nach den Ergebnissen von Radiokarbon- und OSL-Datierungen ab dem 13. Jahrhundert entlang der Wadis entstanden sind (s.o.). Mindestens während der Regenzeit lebten hier also Ackerbau treibende und noch in Zelten wohnende Nomaden. Die Erkenntnisse, die wir durch Ausgrabungen über die frühe Eisenzeit gewonnen haben (s. gleich), legen sehr nahe, dass es vor allem diese waren, die für die Ägypter in der Araba Kupfer abbauten:
Nach dem Abzug der Ägypter aus Palästina im 13./12. Jhd. nämlich entstehen mit der beginnenden frühen Eisenzeit ab dem 12. Jhd. (vgl. bes. Ben-Yosef u.a. 2012) zunächst in der KEN-Gegend noch weitere Kupferminen und Khirbet en-Nahas selbst wird als kleiner Gebäudekomplex mit Kasemattenmauer errichtet. Auch in Timna wird nach einer kurzen Unterbrechung im 12. Jhd. der Betrieb wieder aufgenommen und wohl im 10. Jhd. mit Jotvata ein ähnliches Gebäude wie in Khirbet en-Nahas gebaut.

Im BA-Tal entsteht ebenfalls schon im 12. Jhd. mit Tel Masos ein Zusammenschluss aus mehreren solchen Kasemattenmauer-Gebäudekomplexen (vgl. z.B. Herzog 1994, S. 132f.; Herzog/Singer-Avitz 2004, S. 222). Von Tel Masos und Khirbet en-Nahas aus breitet sich dieser Baustil dann im Laufe des 11.-9. Jhds. langsam aus: Im 11. Jhd. entsteht zunächst Tel Esdar als weiterer Kasemattenbau, dann im 10. Jhd. auch noch Beerscheba und Arad, während Tel Masos ausgebaut und auf 6ha erweitert wird. Außerdem wird mit Tel Malhata eine befestigte Stadt errichtet, die ab dem 9. Jhd. das neue Zentrum der Region werden wird. Zudem erscheinen in dieser Zeit die (4,5ha große!) landwirtschaftliche Siedlung Nahal Jattir (vgl. ASI; Tebes 2003, S. 68) und viele weitere „Hazerim“ („Gehöfte“) genannte Farmen, die sich v.a. an den Flüsschen und Bächen bis hinauf in die direkte Nachbarschaft der philistäischen Orte Nahal Patisch und Tel el-Far'ah ziehen (Letzterer ist zu dieser Zeit selbst schon nur noch eine solche Farm). Gazit 2008, S. 77 zählt für das 11. Jhd. allein 36 Hazerim mit einer Größe von mindestens 0,25 ha in der betreffenden Region; hinzu kommen noch viele weitere kleinere Farmen.q Weil sich diese so nahe am Gebiet der Philister befinden, ist unsicher, ob wirklich alle oder auch nur manche überhaupt zur Ortsgruppe im BA-Tal gehören: Lehmann u.a. 2009, S. 24f.; Rosen/Lehmann 2010, S. 173-177; Jericke 2011, Abs. 3 etwa halten sie stattdessen sämtlich für philistäisch. Dass sich diese Farmen aber derart ungeschützt zwischen dem philistäischen Kernland und dem BA-Tal befinden, zeigt mindestens, dass beide Gruppen sich nicht bekriegten und dass die Gruppe im kargeren Negevgebiet von den Philistern weiteres Getreide erhandeln konnten.

(c) Bruins 2015, S. 125.
(c) Bruins 2015, S. 125.

Vor allem aber erscheinen im selben Zeitraum (vgl. Bruins/van der Pflicht 2005; Gilboa u.a. 2009, S. 88; Boaretto u.a. 2010; Bruins 2022), oft in der Nähe der landwirtschaftlichen Terrassen, gut 60 Kasemattenbauten im Negevgebirge. Von Nord nach Süd lässt ihre Größe nach: Südlich vom 6ha großen Tel Masos hat Tel Esdar nur noch 0,4 ha; Horbat Rahba, Mesad Refed und Mesad Hatira messen durchschnittlich schon nur noch 0,3 ha; noch weiter südlich haben die restlichen Kasemattenmabauten oft nur noch eine Größe von 20x20 m.
Mit diesen Kasemattenmauern erinnern die frühen Siedlungen im BA-Tal und im Negev-Gebirge an die oben beschriebenen Kasematten-Festungen der Schefela, weshalb man sie früher ebenfalls für Festungsanlagen gehalten hat und noch heute oft „Festungen“ nennt. Um zur Befestigung zu dienen, sind die negevitischen Kasemattenmauern anders als die in der Schefela aber zu dünn; die Örtchen im Negevgebirge sind außerdem zu klein, um einer Belagerung standhalten zu können. Weit wahrscheinlicher dienten die Mauern daher als Gehege für Herden, wovon heute noch Dunghaufen in diesen Gebäudekomplexen zeugen (s.u.).
Auch um gut die Hälfte von diesen „Festungen“ gruppieren sich jeweils noch insgesamt über 100 weitere Hazerim; die Wadis münden außerdem oft in Zisternen, die wahrscheinlich ebenfalls zu dieser Zeit und zeitgleich mit den Zisternen in den Gebirgen Zentralpalästinas entstanden sind. Rechts etwa Horbat Haluqim als ein relativ komplexes Beispiel für eine solche Gebäudegruppe