Prolegomena[Bearbeiten]
סוּף heißt „Schilf“ - das ist die einmütige Meinung der Lexikographen, die man daher angeführt findet in BDB, CAL, Fürst/Davidson, Ges18, Jastrow, KBL3, König, Lisowsky, Siegfried/Stade, ThWAT, Tregelles und Zorell. Dennoch ist es sehr sicher falsch:
(1) סוּף kommt nur an vier Stellen vor: Ex 2,3.5; Jes 19,6 und Jon 2,6. In Jon 2,6 aber wird es verwendet von einem X, das Jona am Meeresgrund vorfindet. Man ist deswegen dazu übergegangen, zusätzlich die Bedeutung „Wasserpflanze“ oder „Seegras“ zu listen (Fürst/Davidson, Ges18, KBL3, König,Siegfried/Stade, Tregelles): סוּף solle zwar „Schilf“ bezeichnen, dabei aber in der Bedeutung doch noch so weit sein, dass es auch noch „Seetang“ bedeuten könne - und das, obwohl es im Hebräischen bereits ein Wort für „Schilf“ gibt, nämlich das sich vom protosemitischen *ḳanay herleitende קָנֶה (vgl. Kogan 2011, S. 201).
(2) Dass סוּף eine botanische Bedeutung habe, ist von den wenigsten Alten angenommen worden. Bei Jon 2,6 z.B. halten es Ms Hunt 206, Tg. Ps.Jon; TgOnk, Midrasch Jona, Aquila, Theodotion, VUL, Eliezer, Rashi und Ben Eli für eine Abkürzung des Begriffs יָם סוּף (das ein Gewässer bezeichnet, als das gemeinhin das Rote Meer, der Suez-Kanal oder der Golf von Aqaba identifiziert wird), LXX, Pesh, (Sym) und AltLat dagegen halten es entweder für eine Nebenform von סוׁף („Ende“) oder punktieren es so. Keiner der genannten identifiziert סוּף als Wasserpflanze.
(3) סוּף findet sich nur viermal allein; sonst kommt es vor in der Kombination יָם סוּף. Früher wurde dies gemeinhin übersetzt mit „Schilfmeer“, was aber keinen Sinn macht, da keines der Gewässer, als die יָם סוּף i.d.R. identifiziert wird, von Schilf bewachsen wird (vgl. Batto 1983, S. 27f.; Knauf 1988, S. 145).
(4) Die Bedeutungszuordnung סוּף = „Schilf“ stützt sich meist auf die etymologische Herleitung vom ägyptischen ṭwfy / čwfy.
- (4.1) Diese Herleitung ist aber wohl nur sozusagen „aus Versehen“ entstanden. Als ihr „Erfinder“ gilt Brugsch-Bey in seinem 1975 herausgegebenen discours über „L´exode et les monuments égyptiens.“ - so z.B. in Erman´s „Das Verhältniss der Aegyptischen zu den semitischen Sprachen“ von 1892: „ṭwf [...] Papyrus: סוּף Schilf (Brugsch). - Das hebr. Wort ist entlehnt“ (S. 122). Brugsch selbst ging aber vom Umgekehrten aus: „Les Égyptiens, de leur côté, connaissaient si bien le sens du mot hébreu qu´ils adoptèrent assez souvent le mot étranger de Souph, au lieu du mot athu de leur propre langue, pour rappeler non seulement e nom de la ville des algues, la Souph en hébreu, mais aussi la mer de Algues, le jam Souph [...].“〈a〉 (S. 15; so z.B. auch Müller 1893, S. 101; vgl. auch Huddleston im ABD).
- (4.2) Unabhängig davon ist aber ohnehin eine direkte etymologische Abhängigkeit zwischen ṭwfy / čwfy und סוּף phonologisch gar nicht möglich, da aus ägyptisch aw weder hebräisch וּ werden würde noch umgekehrt (vgl. Ward 1976, S. 346f.).
- (4.3) Noch dazu ist das ägyptische Wort erst im Neuägyptischen belegt, so dass die Vermutung einer etymologischen Abhängigkeit gleich noch mal so schwierig wird.
(5) Gelegentlich wird außerdem noch das Indiz ins Feld geführt, dass das Ägyptische neben dem mutmaßlichen Etymon ṭwfy / čwfy sogar noch einen dem Ausdruck יָם סוּף entsprechenden Terminus hätten; nämlich p3-ṭwfy. Aber der bedeutet wohl gar nicht „Schilfmeer“, sondern bezeichnet ein Feuchtgebiet, wo Tiere geweidet wurden und Agrikultur betrieben wurde (vgl. Batto 1983, S. 29; Cazelles 1955, S. 323; Ward 1974, S. 340).
Aus all diesen Gründen ist es sehr unwahrscheinlich, dass סוּף „Schilf“ bedeutet. Einige Exegeten haben es daher unternommen, nach einer anderen Etymologie und einer anderen Bedeutung zu suchen. Sowohl Copisarow 1962 als auch Ward 1974 gehen dabei von einer hypothetischen gemeinsemitischen Wurzel *sp aus, die entweder „Ende, Sumpf“〈b〉 oder „Schale, Becken“〈c〉 bedeute; סוּף selbst soll dann entweder allgemein „Ende“ bedeuten (Snaith) oder speziell „Ende, Zerstörung“ (Batto) oder „Ende, Sumpf“ (Copisarow, Ward); das „Ende, Sumpf“ wird dann aber wieder von McQuitty und nach ihm auch Overstreet verallgemeinert zu „that which was customarily found at the end or edge of the water“ (McQuitty 1986, S. 138), also wohl eher „Schlamm“.
Diese Entscheidung zwischen diesen Vorschlägen ist keine, die man komparativisch beantworten könnte; nun müssen wir uns die einzelnen Stellen ansehen.
Ex 2,3.5[Bearbeiten]
Ex 2,3.5 berichtet davon, wie Mose in seinem Schilfkörbchen vor dem Kindsmord gerettet wurde (man beachte, dass in diesem Vers ebenso wie in Jes 19,6 das Wort קָנֶה („Schilf“) fällt; hier allerdings eindeutig nicht mit סוּף zusammenhängend. ELB übersetzt: „Und als sie ihn nicht länger verbergen konnte, nahm sie für ihn ein Kästchen aus Schilfrohr und verklebte es mit Asphalt und Pech, legte das Kind hinein und setzte es in das Schilf am Ufer des Nil. [...] Und die Tochter des Pharao ging hinab, um am Nil zu baden, während ihre Dienerinnen am Ufer des Nil hin und her gingen. Und sie sah das Kästchen mitten im Schilf und sandte ihre Magd hin und ließ es holen.“
Was man an diesen beiden Versen erkennen kann, ist, dass סוּף offenbar eine Verbindung zu Wasser hat: Man findet es am „Ufer“ des Nils. Der Hebräische Text hat für „Ufer“ שְׂפַת, für das z.B. KBL3 neben „Lippe“ auch „Ufer“ und „Rand“ vorschlägt. Das Körbchen befindet sich also im X am Rande des Nils. „Ende, Zerstörung“ macht hier keinen Sinn für X. „Ende(, Rand)“ passt auch relativ schlecht, denn was sollte das schon bedeuten - „der Rand am Rand des Nils“? Definitiv am Besten würde hier der Vorschlag „Sumpf“ bzw. „Schlamm“ passen; es würde sich dann wohl auf den Uferschlamm am Nil beziehen.
So wird diese und die folgende Stelle übrigens auch schon im Midrasch Exodus Rabba kommentiert: „R. Samuel bar Nachman sagte: Es ist hierunter ein Sumpf zu verstehen verg. Jes 19,6 [...].“〈d〉
Jes 19,6[Bearbeiten]
Diese Stelle ist schwieriger. Sie steht im größeren Zusammenhang eines Unheilsorakels gegen Ägypten. EÜ übersetzt ähnlich den meisten Übersetzungen: „Das Wasser im Meer versiegt, der Fluss trocknet aus. Die Kanäle Ägyptens verbreiten üble Gerüche, seicht und trocken sind die Arme des Nil, Binsen und Schilfrohr verwelken.“
Was zunächst wieder auffällt, ist der enge Zusammenhang mit dem Wasser; ebenfalls auffällig ist, dass סוּף wieder mit etwas am Rande des Nils stehenden in Zusammenhang gebracht wird, nämlich קָנֶה („Schilf“).
Die Schwierigkeit des Verses liegt vor allem am Ausdruck „verwelken“. Es ist dies die Übersetzung des hebräischen קמל, welches nur zwei Mal in der Bibel steht, nämlich Jes 19,6 und Jes 33,9. Traditionell wird es mit „verwelken“ übersetzt, aber z.B. KBL3 meldet schon Bedenken an. Zu Recht, denn in Jes 33,9 wird es von einem Landstrich verwendet („Der Libanon verwelkt“), was z.B. EÜ dazu bewegt hat, zu ergänzen: „Die Bäume des Libanon verwelken“ (man vergleiche aber: In 33,9 wird es von einem Landstrich verwendet, in 16,9 aber von einem Wort, das u.U. „Sumpf“ oder „Schlamm“ bedeutet - das passt gut zusammen).
Die ganze Textstelle geht etwa so: „Das Land ermattet und klagt. Der Libanon schämt sich und qml. Die Scharon-Ebene ist zur Steppe geworden, entlaubt sind Baschan und Karmel.“
Sowohl in Jes 19,6 als auch in Jes 33,9 kommt also qml im Zusammenhang mit einem Vorgang des Vertrocknens. Es liegt daher eigentlich näher, dass auch qml etwas mit „Vertrocknen“ zu tun hat〈e〉. Das macht Sinn; der Libanon war in der Bibel sprichwörtlich für seine Fruchtbarkeit; besonders für seine schönen Zedern; daher passt er gut in die Reihe der obigen fruchtbaren Regionen, die dort als verfallend dargestellt werden.
Sehen wir also wieder zu, was am meisten Sinn macht: „Binsen und Ende/Zerstörung/Sumpf/Schlamm verwelken/vertrocknen.“ Nichts davon macht Sinn, wenn man unter קמל „verwelken“ versteht. Aber auch, wenn man darunter „vertrocken“ verstehen sollte, machte „Zerstörung“ keinen Sinn; auch „Ende“ - selbst, wenn man es versteht als „Ufer“ - wirkt nicht sehr stimmig, und dass „Sümpfe“ vertrocknen sollten, ist auch nicht so schlimm, als dass man dies als Drohung in einem Unheilsorakel erwarten würde.
Am Besten passte wieder „Schlamm“ (denn sollte der Uferschlamm des Nils vertrocken, würden die Ägypter ihrer Lebensgrundlage beraubt); allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Spekulation, qml bedeute „vertrocken“, richtig ist. Es ist wohl sicherer, diese Stelle bei der Entscheidung außen vor zu lassen.
Jon 2,6[Bearbeiten]
Jon 2 berichtet von Jonas katabasis hinunter bis zum Meeresgrund. Die Stelle heißt: „Es umgab mich das Wasser / Die Urflut umschloss mich / und Schilf umwand mein Haupt/nahm meinen Kopf gefangen. // Ich stieg hinab zum Fundament der Berge / ja, die Riegel der Unterwelt waren bereits hinter mir...“.
Wieder steht סוּף im direkten Zusammenhang mit Wasser und mit Boden. Wenn wir wieder erwägen, welcher der Vorschläge am meisten Sinn macht, fällt wieder das generelle „Ende“ heraus, „Zerstörung“ macht ebenso wenig Sinn (obwohl Batto das denkt; vgl. Batto 1983, S. 34). Auch Sümpfe sollte man am Meeresboden wohl eher nicht erwarten; „Schlamm“ dagegen ist kontextuell stimmig. Das ist auch die Übersetzung, die die griechische Qumran-Version 8HevXIIgr 2,41 bietet: ἕλος περιὲσχεν τὴν κεφαλήν μου - „sumpfiger Boden umgab meinen Kopf.“ (Barthélemy 1963, S. 170; zitiert nach Sasson 1990, S. 185); Syr spricht vom „Meeresgrund“ (s. hier.
Vielleicht bietet außerdem die LXX (von der 8HevXIIgr schließlich eine Rezension ist, die die LXX wieder näher an den hebräischen Text rücken wollte) ein weiteres Indiz - diese nämlich zieht die ersten beiden Worte von V. 7 zu V. 6 und übersetzt ἔδυ ἡ κεφαλή μου εἰς σχισμὰς ὀρέων - „Mein Kopf sank in die Spalten der Berge“. Ob wohl diese offensichtliche Fehllesung des MT nicht auch daher rühren könnte, dass die Übersetzer der LXX hier doch den Sinn der Aussage ausdrücken wollten (vgl. MT „Schlamm nahm meinen Kopf gefangen“ - 8HevXIIgr „sumpfiger Boden umgab meinen Kopf.“ / Syr: „Meeresgrund umgab/nahm gefangen meinen Kopf“ - LXX „mein Kopf sank in die Spalten der Berge [am Meeresgrund]“)? -
Sei dem, wie es sein mag; auf jeden Fall ist auch hier „Schlamm“ die kontextuell stimmigste Übersetzung. Und anders als „Schilf“ passt dieser auch zu יָם סוּף, das dann einfach das „Schlamm-Meer“ oder „Schlamm-wasser“ wäre. Und also muss unser - wenn auch hypothetischer, so doch wesentlich wahrscheinlichere als der übliche - Wörterbucheintrag lauten wie folgt:
Wörterbucheintrag[Bearbeiten]
- Schlamm
verwendet vom Schlamm am Ufer oder Grund eines Gewässers.
vgl. Arab. sap „Sumpf“; Sam. sp „Sumpf“
| a | „Die Ägypter nun wussten so gut um die Bedeutung des hebräischen Wortes, dass sie dieses Fremdwort Suph häufig anstatt ihres eigenen Wortes Athu verwendeten, um damit nicht nur den Namen der Schilf-Stadt zu bezeichnen, sondern auch das Schilf-Meer, das yam suph [...].“ (meine Übersetzung) (Zurück zu ) |
| b | Copisarow; vgl. Aram swp „Ende“; Arab. sap „Sumpf“; Sam. sp „Sumpf“ und Syr saupa „Ende“ (Zurück zu ) |
| c | Ward; vgl. Akk sappu „Schale, Becken“; Hebr. sap „Schale, Becken“; Phön. sp „Schale, Becken“; Ug. sp „Schale“ (vgl. auch Halayka 2008, S. 298f.) (Zurück zu ) |
| d | zitiert nach Wünsche 1882, S. 17 (Zurück zu ) |
| e | vielleicht könnte man es in Zusammenhang bringen mit Akk qamû „vertrocknet“ (vgl. CAD 14, S. 76)? - s. K.8051:4: [i]-mah-har-[ka] qan appāri ablu qa-mi-tú: „the dry marsh reed, the parched [...] tree(?)“ (ebd.) (Zurück zu ) |