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Als ''historische Berichte'' darf man den Text von Genesis bis 1 Kön 11 nicht nehmen und auch die ab 1 Kön 11 - 2 Chr nur sehr eingeschränkt: Die Erzählungen aus der Zeit nach Salomo sind offenkundig deutlich später entstandene und zutiefst ''interessierte'' Texte, die von einer klar erkennbaren weltanschaulichen und politischen Warte aus verfasst wurden (s.u.). Noch mehr sind die Bücher der Chronik nur eine Neubearbeitung dieser Texte, bei der die Könige Judas und insbesondere David positiver dargestellt werden sollten. In der ''Chronologie'' der Aufeinanderfolge von Königen scheinen sie ab Salomo verlässtlich zu sein; viel mehr Vertrauen darf man ihnen aber wohl nicht schenken. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dan, wo Jerobeam I. einen der beiden staatlichen Kultorte gegründet haben soll, war zu seiner Zeit gar nicht besiedelt; das selbe gilt für Bet-El, falls es sich dabei wirklich um Beitin handelt.<br />Entsprechendes gilt noch mehr für die restlichen Texte: Der Grundstock der Erzählungen aus der Zeit vor der Staatengründung – besonders der Erzählungen von Ruh, Vater-Gnade, Fers, Herauszug und einige der Erzählungen im Richterbuch – dürfte schon alt und ursprünglich als Sagen und Lagerfeuer-Geschichten erzählt worden sein. Was davon auf historische Geschehnisse zurückgeht, lässt sich daher kaum noch erschließen; dass sich grosso modo die Vorgeschichte Israel sehr anders entwickelt hat, lässt sich durch Archäologie und deren Abgleich mit Texten umliegender Völker aber klar zeigen. Auch die Erzählungen über die Saul und David scheinen einen historischen Kern zu haben, besonders die über den idealen judäischen König David sind aber sicher massiv übertrieben, und noch deutlicher sind die über Salomo eher Märchen als Historie. | Als ''historische Berichte'' darf man den Text von Genesis bis 1 Kön 11 nicht nehmen und auch die ab 1 Kön 11 - 2 Chr nur sehr eingeschränkt: Die Erzählungen aus der Zeit nach Salomo sind offenkundig deutlich später entstandene und zutiefst ''interessierte'' Texte, die von einer klar erkennbaren weltanschaulichen und politischen Warte aus verfasst wurden (s.u.). Noch mehr sind die Bücher der Chronik nur eine Neubearbeitung dieser Texte, bei der die Könige Judas und insbesondere David positiver dargestellt werden sollten. In der ''Chronologie'' der Aufeinanderfolge von Königen scheinen sie ab Salomo verlässtlich zu sein; viel mehr Vertrauen darf man ihnen aber wohl nicht schenken. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dan, wo Jerobeam I. einen der beiden staatlichen Kultorte gegründet haben soll, war zu seiner Zeit gar nicht besiedelt; das selbe gilt für Bet-El, falls es sich dabei wirklich um Beitin handelt.<br />Entsprechendes gilt noch mehr für die restlichen Texte: Der Grundstock der Erzählungen aus der Zeit vor der Staatengründung – besonders der Erzählungen von Ruh, Vater-Gnade, Fers, Herauszug und einige der Erzählungen im Richterbuch – dürfte schon alt und ursprünglich als Sagen und Lagerfeuer-Geschichten erzählt worden sein. Was davon auf historische Geschehnisse zurückgeht, lässt sich daher kaum noch erschließen; dass sich grosso modo die Vorgeschichte Israel sehr anders entwickelt hat, lässt sich durch Archäologie und deren Abgleich mit Texten umliegender Völker aber klar zeigen. Auch die Erzählungen über die Saul und David scheinen einen historischen Kern zu haben, besonders die über den idealen judäischen König David sind aber sicher massiv übertrieben, und noch deutlicher sind die über Salomo eher Märchen als Historie. | ||
Recht sicher ist, dass Palästina in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends beherrscht war von mehreren voneinander unabhängigen und Ägypten als Vasallen dienstbaren kanaanäischen Stadtstaaten, zu denen jeweils kleinere bäuerliche Satelliten-Dörfer in der direkten Umgebung gehörten. Dies wird bestätigt durch die sog. „Amarna-Briefe“, die besonders von einem Konflikt zwischen den Stadtstaaten Sichem und Megiddo berichten. In altorientalischen Texten ist außerdem die Rede von in dieser Region siedelnden „''Schasu''-Beduinen“ und von''Habiru''. Da aus ''Habiru'' wahrscheinlich das hebräische Wort für „Hebräer“ entstanden ist, scheint es sich u.a. bei diesen um Vorfahren der späteren Israeliten gehandelt zu haben. Klar ist bei ihnen nur, dass sie außerhalb der kanaanäischen Stadtstaaten lebten; entweder waren sie also Immigranten (so z.B. Lemche 1996) oder Bauern, die aus den kanaanäischen Stadtstaaten und Bauerndörfern ausgezogen waren (so z.B. Rowton 1977). Im Amarnabrief EA 195,16-32 wird berichtet, dass sowohl die Schasu als auch die Habiru sich bei den Ägyptern als Söldner für Kämpfe gegen die Kanaaniter verdingten; auch hiernach wird immerhin sehr wahrscheinlich, dass sie als ''Gegenüber'' der Kanaaniter verstanden werden müssen. Auf der Merneptah-Stele (wohl 1207 v. Chr.) ist außerdem die Rede von einer Personengruppe (statt: einem Staat, einer Monarchie o.Ä. wie sonst auf der MS üblich) namens „Israeliten“, über die sonst aus dieser Zeit leider nichts überliefert wird, so dass man sich nur erschließen kann, dass sie entweder irgendwo in Palästina oder irgendwo in die Nähe davon zu verorten sind – es ist daher unklar, ob es sich bei ihnen um Kanaaniter, Schasu, Habiru oder eine vierte Personengruppe handelte. | Recht sicher ist, dass Palästina in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends beherrscht war von mehreren voneinander unabhängigen und Ägypten als Vasallen dienstbaren kanaanäischen Stadtstaaten, zu denen jeweils kleinere bäuerliche Satelliten-Dörfer in der direkten Umgebung gehörten. Dies wird bestätigt durch die sog. „Amarna-Briefe“, die besonders von einem Konflikt zwischen den Stadtstaaten Sichem und Megiddo berichten. In altorientalischen Texten ist außerdem die Rede von in dieser Region siedelnden „''Schasu''-Beduinen“ und von''Habiru''. Da aus ''Habiru'' wahrscheinlich das hebräische Wort für „Hebräer“ entstanden ist, scheint es sich u.a. bei diesen um Vorfahren der späteren Israeliten gehandelt zu haben. Klar ist bei ihnen nur, dass sie außerhalb der kanaanäischen Stadtstaaten lebten; entweder waren sie also Immigranten (so z.B. Lemche 1996) oder Bauern, die aus den kanaanäischen Stadtstaaten und Bauerndörfern ausgezogen waren (so z.B. Rowton 1977). Im Amarnabrief EA 195,16-32 wird berichtet, dass sowohl die Schasu als auch die Habiru sich bei den Ägyptern als Söldner für Kämpfe gegen die Kanaaniter verdingten; auch hiernach wird immerhin sehr wahrscheinlich, dass sie als ''Gegenüber'' der Kanaaniter verstanden werden müssen, die sie einerseits bekämpften, andererseits als Beduinen aber auf die kanaanitischen Städte angewiesen waren. Auf der Merneptah-Stele (wohl 1207 v. Chr.) ist außerdem die Rede von einer Personengruppe (statt: einem Staat, einer Monarchie o.Ä. wie sonst auf der MS üblich) namens „Israeliten“, über die sonst aus dieser Zeit leider nichts überliefert wird, so dass man sich nur erschließen kann, dass sie entweder irgendwo in Palästina oder irgendwo in die Nähe davon zu verorten sind – es ist daher unklar, ob es sich bei ihnen um Kanaaniter, Schasu, Habiru oder eine vierte Personengruppe handelte. | ||
Ab dem 13. Jahrhundert dann geschehen in rascher Folge mehrere Umwälzungen in der Region. Die Archäologie zeigt uns erstens, dass viele der kanaanäischen Stadtstaaten um das 13./12. Jahrhundert im Laufe von etwa 100 Jahren zerstört und erst im 11./10. Jhd. wiedererrichtet wurden, während die umgebenden Dörfer erhalten blieben und auch danach weiterhin bewohnt blieben (so gut z.B. Bimson 1991, S. 10; Grabbe 2007, S. 66.68.118f.; Finkelstein 2014, S. 31-34). Um die selbe Zeit siedeln sich zweitens an der südwestlichen Küste Palästinas die Philister an, blühen rasch auf und besiedeln von dort aus das ganze Negev-Gebiet im Süden Palästinas (Rosen/Lehmann 2010, S. 173-175). Kurz darauf – meist geht man von einer Zeit um 1130 aus – ziehen drittens die Ägypter aus Palästina ab. Und viertens tauchen ab dem selben Zeitraum das erste Mal seit fast tausend Jahren wieder vermehrt Siedlungen im palästinischen Hochland auf, besonders konzentriert im Hochland nördlich von Jerusalem. Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte nimmt die Zahl dieser Siedlungen immer mehr zu, bis sie sich auf mehrere hundert beläuft. Die Struktur dieser Siedlungen ist aber eine sehr andere als in der palästinischen Ebene: Während sich dort die Bevölkerung in den großen kanaanäischen Stadtstaaten mit ihren Satellitendörfern konzentrierte, fasste keines der Hochland-Dörfer mehr als 400 Menschen. Auch die Lebensweise ist eine andere: Wahrscheinlich nämlich setzte sich die Bevölkerung dieser Dörfer sowohl aus sesshaften Ackerbauern als auch aus periodisch umherziehenden Viehzüchtern zusammen (Rosen/Lehmann 2010, S. 177). Miller 2005b hat außerdem stark analysiert, dass die Hochlanddörfer im Gegensatz zu den etwa 20 für sich zu nehmenden Stadtstaaten als wenige Dorfgruppen-''Cluster'' analysiert werden müssen.<br />Wie diese vier Entwicklungen in kurzem Zeitraum miteinander zusammenhängen, ist unklar, und auch deshalb ist ungewiss, welche Gruppen sich eigentlich aus welchen Gründen im Bergland ansiedelten: Waren es Schasu, Habiru oder Israeliten? Dass es so unklar ist, um wen es sich bei den Bewohnern der Bergdörfer genau handelte, ist deshalb so ärgerlich, weil es sich bei ihnen fast sicher um die (späteren?) Israeliten handelt; u.a., weil die Bücher Josua und Richter noch deutliche Reflexe einer Eroberung Israels vom Gebirge aus bewahrt haben und weil sich der Haustyp des „israelitischen Hauses“ in Palästina zuerst dort nachweisen lässt und dann nach und nach in die Ebenen wandert (z.B. Dever 2003, S. 113-125). Es ist sogar möglich, dass schon diese Dorf-Cluster die (Vorläufer der) „Stämme“ waren, in die sich später die Gesellschaft Israels gliedern sollte, da zwei der Stämme wahrscheinlich nach den Gebirgen benannt sind, auf denen sie lebten (gut Knauf/Niemann 2021, S. 76: Der Stamm „Efraim“ nach dem gleichnamigen Gebirge, der Stamm „Juda“ nach ''wahda'', dem „Abgrund“ s. DAHPN s.v. Das biblische Zwölf-Stämme-System ist aber gewiss eine späte Entwicklung; vgl. Kallai 1995; 1999; Macchi 1999; Grabbe 2007, S. 106).<br />Dass es sich überwiegend um Philister handelte, kann man ausschließen, da in den klar philistäischen Städten nachweislich Schweinefleisch gegessen wurde, im palästinischen Bergland dagegen fast gar nicht. Wegen der so unterschiedlichen Siedlungsstruktur und Lebensweise ist auch recht unwahrscheinlich, dass es sich überwiegend um Kanaaniter gehandelt hat. Aus dem selben Grund werden es auch nicht überwiegend Beduinen gewesen sein: „Nach allen Fachleuten ... wuchs die Bevölkerung im Bergland des westlichen Palästinas im 13./12. Jhd. von ca. 10.000 auf ca. 50.000 an. Die meisten Forscher stimmen außerdem darin überein, dass im vormodernen Palästina etwa 10% der Bevölkerung nomadisch oder semi-nomadisch lebten, demnach also etwa 1000 Menschen im 13. Jhd. v. Chr.“ (Dever 2011, S. 7). Entweder muss man daher bes. mit Killebrew 2005, S. 149-196 davon ausgehen, dass es sich bei den Bewohnern der unterschiedlichen Dorfclustern um einen Mix aus kanaanitischen Stadtstaat-Städtern, Bauern, Beduinen, ''Habiru'', ''Schasu'' und vielleicht weiteren immigrierenden Gruppen handelte, die sich aus noch unbekannten Gründen alle etwa zeitgleich im palästinischen Bergland ansiedelten und dann nach und nach zu einem Volk zusammenwuchsen. | |||
Version vom 9. September 2023, 09:23 Uhr
Historische Einführung: Israel[Bearbeiten]
Die Ursprünge Israels: Biblische Erzählung[Bearbeiten]
Der „Plot“ des Ersten Testaments ist recht schnell nacherzählt: In Gen 1-3 erschafft Gott die Welt aus einer Ur-Flut. Weil sie sich in Gen 4-5 nicht gut entwickelt, beschließt er, sie in Gen 6-9 mit einer zweiten Flut zu vernichten, nur die fromme Familie des Ruh zu verschonen und mit dieser ab Gen 10 die Erde neu zu besiedeln. Auch das funktioniert in Gen 11 nicht gut, und so wählt er sich aus den Nachkommen des Flut-Helden mit der Familie von Vater-Gnade wieder nur eine Familie, mit der es besser laufen soll als mit dem Rest der Welt. Gen 12-50 berichten, wie diese zunächst das Land besiedelt, das Gott für diese Familie ausgesucht hat, dann aber nach Ägypten auswandert.
In Ägypten geraten ihre Nachkommen in die Sklaverei, und so müssen sie in Ex 1-18 durch den Helden Herauszug von dort befreit und in Num 10,11-14; 16-17; 20-27; 31-36 wieder zurück ins versprochene Heimatland geführt werden. Eingeschaltet sind in Ex 19 - Num 10,10 und noch mehrfach im Buch Numeri dutzende von Texten, in denen Gott Gebote und Bestimmungen erlässt, wie die Israeliten sich „gottgemäß“ zu verhalten haben; in Dtn 4-30 sind weitere Bestimmungen angehängt.
In Dtn 1-3, im Buch Josua und in Ri 1-2 wird mehrfach von der Eroberung des Landes berichtet; ab Ri 3 wird dann von den ersten Jahren im Land erzählt: Die Israeliten leben als klassenlose und in mehreren Sippen und Großfamilien organisierte Gesellschaft in ihrem Land. Werden sie von umliegenden Völkern bedroht, beruft Gott einzelne Helden, die die Israeliten retten.
Eroberung Israels, Staatenbildung und Untergang: Biblische Erzählung[Bearbeiten]
Mit 1 Sam 8 beginnt eine neue Ära: Nach der klassen- und staatenlosen Zeit wünscht die Bevölkerung des gelobten Landes sich Staat und Herrscher. Gott ist dagegen, erfüllt aber den Wunsch seines Volkes. Daher ernennt er um 1000 v. Chr. zunächst Saul und dann stattdessen David und dessen Sohn Salomo zu Königen, die über das gesamte Land regieren. Salomo errichtet zudem den zentralen Tempel des Reichs. Weil ansonsten aber erwartungsgemäß keiner dieser Könige seinen Job sehr gut macht, zerfällt Israel ab 1 Kön 12 in das Nordreich „Israel“ und das Südreich „Juda“. Da der Jerusalemer Tempel in Juda liegt, gründen daraufhin die Israeliten unter König Jerobeam I v.a. in Dan und Bethel zwei eigene Kult-Orte. Nicht lange danach wird 722 v. Chr. Israel von den Assyrern erobert, woraufhin die übriggebliebenen Israeliten nach Juda auswandern. Juda konnte sich noch etwa 150 Jahre länger halten. Besonders erwähnenswert sind drei „Kultreformen“ der Könige Asa Anfang des 9. Jhds. (1 Kön 15,12-13), Hiskija Ende des 8. Jhds. (s. 2 Kön 18,4) und Joschija im 7. Jhd. (s. 2 Kön 23,4-20), bei denen angeblich jedes Mal ähnliche Kulte abgeschafft und Kultorte neben dem Jerusalemer Tempel aufgelöst worden wären – in Joschijas Fall deshalb, weil er zufällig das Buch Deuteronomium im Tempel fand und danach feststellte, dass man die ganze Zeit gegen Gottes Willen verstoßen hatte. 587 v. Chr. wird dann auch Juda von den Babyloniern besiegt, der Tempel zerstört und werden große Teile der Bevölkerung ins Exil geführt. Von einem Teil dieser Geschichte wird eine zweite Variante dann noch mal in den Büchern der Chronik erzählt.
Ursprünge Israels und Staatenbildung: Historische Hintergründe[Bearbeiten]
Als historische Berichte darf man den Text von Genesis bis 1 Kön 11 nicht nehmen und auch die ab 1 Kön 11 - 2 Chr nur sehr eingeschränkt: Die Erzählungen aus der Zeit nach Salomo sind offenkundig deutlich später entstandene und zutiefst interessierte Texte, die von einer klar erkennbaren weltanschaulichen und politischen Warte aus verfasst wurden (s.u.). Noch mehr sind die Bücher der Chronik nur eine Neubearbeitung dieser Texte, bei der die Könige Judas und insbesondere David positiver dargestellt werden sollten. In der Chronologie der Aufeinanderfolge von Königen scheinen sie ab Salomo verlässtlich zu sein; viel mehr Vertrauen darf man ihnen aber wohl nicht schenken. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dan, wo Jerobeam I. einen der beiden staatlichen Kultorte gegründet haben soll, war zu seiner Zeit gar nicht besiedelt; das selbe gilt für Bet-El, falls es sich dabei wirklich um Beitin handelt.
Entsprechendes gilt noch mehr für die restlichen Texte: Der Grundstock der Erzählungen aus der Zeit vor der Staatengründung – besonders der Erzählungen von Ruh, Vater-Gnade, Fers, Herauszug und einige der Erzählungen im Richterbuch – dürfte schon alt und ursprünglich als Sagen und Lagerfeuer-Geschichten erzählt worden sein. Was davon auf historische Geschehnisse zurückgeht, lässt sich daher kaum noch erschließen; dass sich grosso modo die Vorgeschichte Israel sehr anders entwickelt hat, lässt sich durch Archäologie und deren Abgleich mit Texten umliegender Völker aber klar zeigen. Auch die Erzählungen über die Saul und David scheinen einen historischen Kern zu haben, besonders die über den idealen judäischen König David sind aber sicher massiv übertrieben, und noch deutlicher sind die über Salomo eher Märchen als Historie.
Recht sicher ist, dass Palästina in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends beherrscht war von mehreren voneinander unabhängigen und Ägypten als Vasallen dienstbaren kanaanäischen Stadtstaaten, zu denen jeweils kleinere bäuerliche Satelliten-Dörfer in der direkten Umgebung gehörten. Dies wird bestätigt durch die sog. „Amarna-Briefe“, die besonders von einem Konflikt zwischen den Stadtstaaten Sichem und Megiddo berichten. In altorientalischen Texten ist außerdem die Rede von in dieser Region siedelnden „Schasu-Beduinen“ und vonHabiru. Da aus Habiru wahrscheinlich das hebräische Wort für „Hebräer“ entstanden ist, scheint es sich u.a. bei diesen um Vorfahren der späteren Israeliten gehandelt zu haben. Klar ist bei ihnen nur, dass sie außerhalb der kanaanäischen Stadtstaaten lebten; entweder waren sie also Immigranten (so z.B. Lemche 1996) oder Bauern, die aus den kanaanäischen Stadtstaaten und Bauerndörfern ausgezogen waren (so z.B. Rowton 1977). Im Amarnabrief EA 195,16-32 wird berichtet, dass sowohl die Schasu als auch die Habiru sich bei den Ägyptern als Söldner für Kämpfe gegen die Kanaaniter verdingten; auch hiernach wird immerhin sehr wahrscheinlich, dass sie als Gegenüber der Kanaaniter verstanden werden müssen, die sie einerseits bekämpften, andererseits als Beduinen aber auf die kanaanitischen Städte angewiesen waren. Auf der Merneptah-Stele (wohl 1207 v. Chr.) ist außerdem die Rede von einer Personengruppe (statt: einem Staat, einer Monarchie o.Ä. wie sonst auf der MS üblich) namens „Israeliten“, über die sonst aus dieser Zeit leider nichts überliefert wird, so dass man sich nur erschließen kann, dass sie entweder irgendwo in Palästina oder irgendwo in die Nähe davon zu verorten sind – es ist daher unklar, ob es sich bei ihnen um Kanaaniter, Schasu, Habiru oder eine vierte Personengruppe handelte.
Ab dem 13. Jahrhundert dann geschehen in rascher Folge mehrere Umwälzungen in der Region. Die Archäologie zeigt uns erstens, dass viele der kanaanäischen Stadtstaaten um das 13./12. Jahrhundert im Laufe von etwa 100 Jahren zerstört und erst im 11./10. Jhd. wiedererrichtet wurden, während die umgebenden Dörfer erhalten blieben und auch danach weiterhin bewohnt blieben (so gut z.B. Bimson 1991, S. 10; Grabbe 2007, S. 66.68.118f.; Finkelstein 2014, S. 31-34). Um die selbe Zeit siedeln sich zweitens an der südwestlichen Küste Palästinas die Philister an, blühen rasch auf und besiedeln von dort aus das ganze Negev-Gebiet im Süden Palästinas (Rosen/Lehmann 2010, S. 173-175). Kurz darauf – meist geht man von einer Zeit um 1130 aus – ziehen drittens die Ägypter aus Palästina ab. Und viertens tauchen ab dem selben Zeitraum das erste Mal seit fast tausend Jahren wieder vermehrt Siedlungen im palästinischen Hochland auf, besonders konzentriert im Hochland nördlich von Jerusalem. Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte nimmt die Zahl dieser Siedlungen immer mehr zu, bis sie sich auf mehrere hundert beläuft. Die Struktur dieser Siedlungen ist aber eine sehr andere als in der palästinischen Ebene: Während sich dort die Bevölkerung in den großen kanaanäischen Stadtstaaten mit ihren Satellitendörfern konzentrierte, fasste keines der Hochland-Dörfer mehr als 400 Menschen. Auch die Lebensweise ist eine andere: Wahrscheinlich nämlich setzte sich die Bevölkerung dieser Dörfer sowohl aus sesshaften Ackerbauern als auch aus periodisch umherziehenden Viehzüchtern zusammen (Rosen/Lehmann 2010, S. 177). Miller 2005b hat außerdem stark analysiert, dass die Hochlanddörfer im Gegensatz zu den etwa 20 für sich zu nehmenden Stadtstaaten als wenige Dorfgruppen-Cluster analysiert werden müssen.
Wie diese vier Entwicklungen in kurzem Zeitraum miteinander zusammenhängen, ist unklar, und auch deshalb ist ungewiss, welche Gruppen sich eigentlich aus welchen Gründen im Bergland ansiedelten: Waren es Schasu, Habiru oder Israeliten? Dass es so unklar ist, um wen es sich bei den Bewohnern der Bergdörfer genau handelte, ist deshalb so ärgerlich, weil es sich bei ihnen fast sicher um die (späteren?) Israeliten handelt; u.a., weil die Bücher Josua und Richter noch deutliche Reflexe einer Eroberung Israels vom Gebirge aus bewahrt haben und weil sich der Haustyp des „israelitischen Hauses“ in Palästina zuerst dort nachweisen lässt und dann nach und nach in die Ebenen wandert (z.B. Dever 2003, S. 113-125). Es ist sogar möglich, dass schon diese Dorf-Cluster die (Vorläufer der) „Stämme“ waren, in die sich später die Gesellschaft Israels gliedern sollte, da zwei der Stämme wahrscheinlich nach den Gebirgen benannt sind, auf denen sie lebten (gut Knauf/Niemann 2021, S. 76: Der Stamm „Efraim“ nach dem gleichnamigen Gebirge, der Stamm „Juda“ nach wahda, dem „Abgrund“ s. DAHPN s.v. Das biblische Zwölf-Stämme-System ist aber gewiss eine späte Entwicklung; vgl. Kallai 1995; 1999; Macchi 1999; Grabbe 2007, S. 106).
Dass es sich überwiegend um Philister handelte, kann man ausschließen, da in den klar philistäischen Städten nachweislich Schweinefleisch gegessen wurde, im palästinischen Bergland dagegen fast gar nicht. Wegen der so unterschiedlichen Siedlungsstruktur und Lebensweise ist auch recht unwahrscheinlich, dass es sich überwiegend um Kanaaniter gehandelt hat. Aus dem selben Grund werden es auch nicht überwiegend Beduinen gewesen sein: „Nach allen Fachleuten ... wuchs die Bevölkerung im Bergland des westlichen Palästinas im 13./12. Jhd. von ca. 10.000 auf ca. 50.000 an. Die meisten Forscher stimmen außerdem darin überein, dass im vormodernen Palästina etwa 10% der Bevölkerung nomadisch oder semi-nomadisch lebten, demnach also etwa 1000 Menschen im 13. Jhd. v. Chr.“ (Dever 2011, S. 7). Entweder muss man daher bes. mit Killebrew 2005, S. 149-196 davon ausgehen, dass es sich bei den Bewohnern der unterschiedlichen Dorfclustern um einen Mix aus kanaanitischen Stadtstaat-Städtern, Bauern, Beduinen, Habiru, Schasu und vielleicht weiteren immigrierenden Gruppen handelte, die sich aus noch unbekannten Gründen alle etwa zeitgleich im palästinischen Bergland ansiedelten und dann nach und nach zu einem Volk zusammenwuchsen.
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Die frühesten gut datierbaren biblischen Texte, die sich mit einiger Vorsicht als historische Quellen auswerten lassen, sind nicht Texte über Könige und Kult, sondern Texte dagegen, nämlich die sozialkritischen Texte Jes 1-39; Amos; Micha
Neugründung Israels: Historische Hintergründe und biblische Erzählung[Bearbeiten]
Spätestens nach der Eroberung Judas durch die Babylonier kam in Teilen der Bevölkerung offensichtlich starke Fremdenfeindlichkeit auf. Historisch lässt sich das gut erklären: Im Nord- und im Südreich waren von den Assyrern und Babyloniern gezielt Angehörige anderer eroberter Völker angesiedelt worden, um die beiden Reiche so zusätzlich zu destabilisieren; die ins Exil verschleppten Israeliten und Judäer wiederum mussten als marginalisierte Gruppen in der Fremde leben und konnten ihren Glauben dort nur unter großen Schwierigkeiten ausüben. Wie sich dies in mehreren in und nach dieser Zeit entstandene Texte niederschlug, ist dennoch sehr problematisch:
Erstens entstanden ab dieser Zeit sog. „Diasporanovellen“: Im Buch Ester lebt die namensgebende Protagonistin als Exulantin in der persischen Fremde; der „ausländische Ausländer“ Haman will sie vernichten und der persische König Ahasveros sie durch Heirat assimilieren. Doch Ester bewahrt heroisch ihre Religion und bringt geschickt den König dazu, ihren Feind zu ermorden, und rettet so das judäische Volk. Aus der selben Zeit stammt der erste Teil des Danielbuchs, laut dem Daniel aber angeblich bereits am babylonischen Königshof gelebt hat, sich dort als vorbildlicher Judäer als „besser“ erweist als alle Ausländer, dann mutig dem König dessen Schlechtigkeit vorhält und sich schließlich heldenhaft gegen alle Anfeindungen behaupten kann. Wichtig ist daher das kurze Buch Jona, das gegen diese Haltung anschreibt und in dem der fremdenfeindliche Prophet gerade in die Hauptstadt der ersten Eroberernation Assyrien gesandt wird, woraufhin sich wider Erwarten die Assyrer als vorbildlich und der gottgesandte Prophet als lachhafte Figur erweist.
Zweitens berichten die Bücher Esra und Nehemia, wie ab 539 die Judäer wieder in ihr Land zurückkehren, nachdem das babylonische Reich von den Persern besiegt und Israel und Juda zu den persischen Provinzen „Samaria“ und Juda umgeformt worden waren. Nun endlich können die Judäer ihr Land wieder in Besitz nehmen, den Tempel wiedererrichten und das Volk „reinigen“, indem sie alle Ausländer, zu denen selbst die nach 722 v. Chr. nach Juda eingewanderten Israeliten und angeblich den Tempelbau sabottierenden Israeliten gehören, als marginalisierte Gruppe aus der Gesellschaft ausgrenzen. Ekelhafterweise wird das in diesen Büchern für gut befunden. Auch hierzu ist in der Bibel mit dem Buch Rut zum Glück ein Gegentext überliefert, der programmatisch vor die von der staatlichen Zeit handelnden Bücher der Könige gestellt wurde und der behauptet, dass der sagenumwobene König David von einer schon damals immigrierten und integrierten Moabitern abstammt.
Aber bei weitem nicht alle zu dieser Zeit entstandene Literatur thematisieren Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenfreundlichkeit. Vielmehr entstand um diese Zeit, zu der man aktiv um ein Selbstverständnis als „Volk“ zu ringen hatte, der größte Teil dessen, was wir heute als Erstes Testament kennen. So wurden bspw. wohl zu dieser Zeit die Sprichwörter als Israels ureigenste Weisheitslehre gesammelt.
Ähnlich wurden sehr wahrscheinlich erst zu dieser Zeit die alten Mythen und Sagen in den Büchern Genesis bis Richter gesammelt und in einen Erzählzusammenhang gebracht. Darüber, wie dies vonstatten ging, werden aktuell unterschiedlichste Modelle diskutiert. Das Folgende orientiert sich überwiegend an den Entwürfen von Schmid 1976; Kaiser 1978, S. 106 und Carr 2010 und ist nur eines von mehreren möglichen Modellen. Danach waren vor allem drei nachexilische Autorenkreise an der Entstehung dieses ersten Teils des Ersten Testaments beteiligt. Auf jede dieser drei Gruppen geht auch eine der drei großen Gesetzessammlungen des Pentateuch zurück:
- L(aien): Eine Autorengruppe, die dezidiert gegen die weltliche und klerikale Elite Israels anschrieb. Keiner der Vorfahren Israels war Fürst, Priester oder etwas Ähnliches; stattdessen wird von Bauern, Hirten und Nomaden berichtet, die durchs Land ziehen, dabei munter Heiligtümer und Kultorte gründen, wo immer sie mit Gott in Kontakt kommen, dort Gottesdienste feiern und dafür weder eines staatlichen Kults noch kultischer Priester bedürfen. Begründet werden dabei i.d.R. gerade Kultorte, die historisch mit Jerusalem in Konkurrenz standen; Jerusalem dagegen wird in Gen 35,16-20 offenbar sogar von Fers entweiht. Die Vorgeschichte Israels insgesamt wird als Konfliktgeschichte vorgestellt: Immer wieder liegen Verwandte miteinander im Zwist, gründen nebenbei einige der umliegenden Nationen wie insbesondere Edom und Aram, mit denen man also verwandt ist, und versöhnen sich am Ende doch wieder; auch sonst hat man mit den umliegenden Völkern Konflikte, kann sich dann aber letztendlich meistens mit ihnen arrangieren. Der Ur-Vorfahre Vater-Gnade ist ein Weltenwanderer, der überall zurecht kommt; Fers heiratet aramäische Frauen und erlangt auch seinen Reichtum in Aram, Joseph wird Vizekönig in Ägypten: Auch im Ausland können Israeliten gut leben. Sogar gerettet werden die Israeliten aus Ägypten von einem ägyptischen Prinzen, nachdem dieser sich allerdings vom Adeligen zum Hirten bekehrt und dabei den Gott Israels gefunden hat. Buhmann ist dagegen Aaron, der Vorgänger der Hohepriester Jerusalems, der sich immer wieder gegen Gott und gegen Herauszug vergeht.
Auf diese Gruppe geht auch die kurze Gebotssammlung in Ex 19-24 zurück, die an der Schwelle zum Land Israel für jene, die gerade erst dort einwandern, erlassen wird und programmatisch Israel als „Vasallenvolk Gottes, Königreich von Priestern und heilige Nation“ bestimmt (Ex 19,5f.): König über das israelitische Volk ist Gott allein, das als Ganzes „priesterlich“ ist. Entsprechend sind für den Gottesdienst nach Ex 20,24-26 lediglich ein schnell aus Erde aufgeschütteter oder aus Steinen aufgetürmter Altar nötig, an denen jeder Israelit dann selbst Opfer darbringen kann. Gerichtliche Vollmacht haben natürlich ebenfalls keine Priester; stattdessen hat jeder Ort mit eigenen Richtern selbst die Vollmacht, Urteile zu sprechen. Von staatlichen Abgaben ist keine Rede; die Israeliten sollen vielmehr die Armen, Witwen und Waisen unterstützen und weder diese noch den Immigranten (!) bedrücken, da die Israeliten doch selbst Immigranten waren (Ex 22,20-23,9). Um umliegende und Israel anfeindende Völker dagegen wird Gott sich kümmern, solange nur die Israeliten ihm treu bleiben und sich nicht dazu verführen lassen, anderen Göttern zu dienen (Ex 23,22ff.).
Die Verfasser der „Laienquelle“ arbeiteten sich bei diesem Geschichtsentwurf u.a. an zwei anderen theologischen Schulen ab, die daraufhin als Reaktion auf L ihrerseits literarisch tätig werden. Bei beiden scheint es sich um zwei verfeindete Gruppen von Priestern am Jerusalemer Tempel gehandelt zu haben: - D(euteronomisten): Eine Autorengruppe, die entweder aus der Bevölkerungsgruppe der „Leviten“ kam oder ihnen nahestand; immer wieder wird daher betont, welche Vorrechte die Leviten zur Zeit des Auszugs aus Ägypten und auch später am Jerusalemer Tempel hatten (Dtn 10,7f.; 17,9f.18; 18,1; 21,5; 24,8: Sie sind „besonders erwählt“ von Gott, darum ist ihnen zunächst der Vertrags-Kasten anvertraut; später sollen sie am Tempel den priesterlichen Dienst verrichten, außerdem das Volk belehren, für sie das Richteramt ausüben und sind dafür nach Dtn 14,29; 16,11.14; Dtn 26,12f.; 27,9; 31,9 auch gemeinsam mit den Armen von der Ortsbevölkerung zu finanzieren).
Man kann ihr literarisches Wirken sehr grob in drei Perioden einteilen: Die „Früh-Deuteronomisten“ sammelten noch unabhängig von L die Gesetze in Dtn 12-26. Diese ist wahrscheinlich schon vor dem Exil entstanden. Die „Mittel-Deuteronomisten“ verfassten den Grundstock des Texts von 1 Sam - 2 Kön, mit dem das Exil theologisch erklärt werden sollte. Ihr wichtigstes Anliegen war danach, dass allein der biblische Gott verehrt würde – bis dahin, dass dann, wenn in einem Ort jemand des „Götzendienstes“ überführt wurde, dafür der ganze Ort ermordet werden sollte (Dtn 13,13-17). Die Erzählung von den biblischen Königen folgt wegen diesem Grundinteresse auch einem klaren Muster: Manche Könige waren Gott untreu und wurden dafür bestraft – unter anderem eben mit dem Exil –; auf der Regentschaft von gottesfürchtigen Königen dagegen ruhte Gottes Segen. Zur Gottesfurcht gehörte ganz entschieden auch, Gott einzig im Tempel von Jerusalem zu verehren; alle anderen Kultorte waren Gott missfällig und zu vernichten. Insbesondere die Kultorte in Dan und Bethel seien Gott ein Dorn im Auge.
„Spät-Deuteronomisten“ dagegen sahen offenbar in Ex 19-24 einen Konkurrenzen zu „ihrem“ Gesetzeswerk und verfassten daher mit Dtn 5-11; 29-30; 34 und dem Buch Josua eine Fortsetzung der Exoduserzählung: Dtn 5 setzt ein mit einer alternativen Variante des Vertrags vom Sinai in Ex 19; danach wird in einer weiterführenden Rede des Herauszug zunächst Israel in Dtn 6; 11 auf die Gebote in Dtn 12-26 eingeschworen, die die „richtige“ Auslegung des Vertragstexts vom Sinai seien, in Dtn 7-10 aufgefordert, sich von fremden Völkern abzusondern, und in Dtn 29-30 abschließend noch einmal eingeschworen auf die Gebote, deren Befolgung Gott damit belohnen würde, die Israeliten wieder „aus der Gefangenschaft bei anderen Völkern zurückzusammeln“ (Dtn 30,3): Das Gesetz im Deuteronomium wird so präsentiert als Voraussetzung für die Erlösung aus der Exilssituation. - P(riester): Noch klarer als die Texte der Deuteronomisten sind an Inhalt und v.a. am Stil die Texte der sog. „Priesterschrift“ zu erkennen. Nur wegen diesem klar erkennbaren Stil darf man es überhaupt wagen, eine Priesterschrift in den Büchern Gen - Num zu identifizieren, denn sie ist eine sehr merkwürdige Schrift. Hauptsächlich gehören zu ihr wieder Gebotssammlungen und außerdem Listen und Bauanweisungen ab Gen 25 und bis zum Ende des Buches Numeri. Außerdem aber gehören zu ihr mehrere Erzählungen und v.a. einige Textpassagen im Textbereich von L. Danach hat man sich die Textgeschichte von Gen 1 - Ex 19 offenbar so vorzustellen: Aus einzelnen Mythen und Sagen schreibt L seine Vorgeschichte Israels. Der priesterschriftliche Autorenkreis ist mit vielem in dieser Darstellung nicht einverstanden und verfasst daher eine eigene Variante dieser Erzählung. Wenige Erzählungen werden dabei vollständig übernommen, bei anderen wurde gleichzeitig gekürzt und ergänzt (wie Ex 19,19-25; gestrichen werden sollte wohl in P der widerstreitende V. 13), zu wieder anderen dagegen wurden Gegenerzählungen verfasst, die eigentlich die Vorlage ersetzen sollten (wie offensichtlich Gen 35,9-15). Hinzudenken muss man sich dann noch eine weitere Gruppe von Schreibern (die man manchmal T(ora-Redaktoren) nennt), die schließlich beide Fassungen verglichen und dann aber nicht sinnvoll redigierten, sondern einfach beide Versionen zusammenaddierten. So ist dann zu erklären, dass in Gen 1-3 die Welt zweimal erschaffen wird, Ruh in Gen 6-9 zeimal unterschiedliche Zahlen von Tieren in seinen Schrein bringt, Fers in Gen 28; 35 zweimal getauft wird, die Israeliten in Ex 19 sowohl den Berg besteigen als auch nicht besteigen dürfen usw. Für eine Übersetzung, die besonders zeigen will, wie Texte literarische funktionieren, sind solche Stellen besonders problematisch. Wo sie sich nicht harmonisch in einen Erzählabschnitt fügen, werde ich sie daher zwar mitübersetzen, die Übersetzung aber in eine mit spätere Ergänzung eingeleitete Fußnote verschieben.
P ist vor allem kultpolitisch interessiert: Besonderes Augenmerk liegt darauf, wie der der Jerusalemer Tempel zu gestalten ist, wie der tägliche Betrieb und wie religiöse Feiern ebendort abzulaufen haben – wichtig v.a.: die den Deuteronomisten so wichtigen Leviten sind den „Aaroniden“, den „echten“ Priestern, untergeordnet (s. zu Laien, Leviten und Aaroniden bes. Num 16) –, wie religiöse Feste zu begehen sind oder an welche religiösen Regeln sich Israeliten zu halten haben. Selbst die Schöpfung der Welt hat als ihr Ziel die Einsetzung des Sabbat. Politisch dagegen kann man P geradezu als eskapistisch bezeichnen:
„P denkt im Gegensatz zu D universalistisch und pazifistisch. Kriege [und Konflikte] finden bei P nicht statt! [Der häufigste Anlass für das Verfassen von Gegenerzählungen in Gen - Ex 19]. Das Programm der Völkertafel in Gen 10 – jedes Volk nach seienr Eigenart an seinem Platz als Erfüllung des Schöpfungssegens – könnte einer achämenidischen Königsinschrift entnommen sein... Für P besteht das Proprium Israels nicht in seinem Staat..., sondern in seinem Tempel, in dem der Gott des Himmels und der Erde in der Welt anwesend und ansprechbar ist. P ist antimilitaristisch und antideuteronomistisch: Der priesterschriftliche [Gott] hängt nach der Sintflut ... seinen Bogen in die Wolken und damit an den Nagel (Gen 9,13). Hier wird nicht die Erschaffung des Regenbogens geschildert, sondern [Gott] widerruft seine Rolle als Gott, der Israels Kriege geführt hat ... oder auch die Kriege der Assyrer und Neubabylonier gegen Israel ... ein für allemal.“ (Knauf 1998, S. 123)
Gleichzeitig stammen aus dieser Zeit, in der man einige der schönsten Früchte der biblischen Literatur.
Weitere Entwicklungen: Historische Hintergründe und biblische Erzählungen[Bearbeiten]
Auch das Perserreich währte nicht lange; etwa 200 Jahre später wurde es seinerseits um 333 v. Chr. vom Griechen Alexander dem Großen erobert. Nachdem dessen Großreich geteilt wurde, fielen Israel und Samaria um 300 v. Chr. an die Ptolemäer, die vom hellenistischen Ägypten aus regierten. Die nächsten 100 Jahre herrscht Frieden; in dieser Zeit entstanden daher z.B. die eher philosophischen Bücher Kohelet und Jesus Sirach, die sich mit griechischen und ägyptischen Texten auseinandersetzten.