Inhalt und historische Einführungen:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter): Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Offene Bibel

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[[Datei:Tributzahlungen.png|mini|Kanaanäer bringen den Ägyptern unterwürfig Sklaven und Luxusgüter als Tribute dar. Wandgemälde, um 1400. (c) BM, [https://www.britishmuseum.org/collection/object/Y_EA37991 EA37991] ]]Es ist zunächst sicher, dass die Region Palästinas in den Tälern und Ebenen '''in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends''' geprägt war von mehreren voneinander unabhängigen, '''kanaanäischen Stadtstaaten'''. Üblicherweise wird angenommen, dass zu diesen Stadtstaaten jeweils mehrere ihnen zugehörige Satelliten-Dörfer gehörten; viele ausgegraben wurden bisher aber nicht.<br />Palästina insgesamt war in der späten Bronzezeit von den '''Ägyptern''' besetzt. Konkret hieß das, (1) dass die Ägypter bei der Eroberung Palästinas mehrere Dörfer und Städte zerstört hatten, (2) dass ägyptische Regenten die Regierungssitze weiterer Städte okkupiert hatten und die Kanaanäer im Umland die Ägypter dort zu versorgen hatten, (3) dass die Kanaanäer zu regelmäßigen Tributzahlungen verpflichtet waren – v.a. in Form von Edelmetallen, Holz, Vieh und Sklaven (vgl. z.B. Na'aman 1981) – und (4) dass sie zusätzlich Sonderzahlungen leisten mussten, wenn Ägypter militärische Unternehmungen durchführten. Das geschah besonders in dieser Region häufig, weil mit dem mittanischen und dem hethitischen Reich zwei der stärksten Gegner Ägyptens direkt im Norden von Palästina verortet waren, (5) so dass Palästina von den Kriegen dieser drei Großmächte oder von Feldzügen der Ägypter gegen revoltierende Kanaanäer aufgerieben wurde, (6) wofür die „treuen“ Kanaanäer dann auch noch Soldaten stellen mussten (vgl. z.B. Morris 2018, S. 153f.). – Die Hand, mit der die Ägypter über Palästina herrschten, war eine harte.
[[Datei:Tributzahlungen.png|mini|Kanaanäer bringen den Ägyptern unterwürfig Sklaven und Luxusgüter als Tribute dar. Wandgemälde, um 1400. (c) BM, [https://www.britishmuseum.org/collection/object/Y_EA37991 EA37991] ]]Es ist zunächst sicher, dass die Region Palästinas in den Tälern und Ebenen '''in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends''' geprägt war von mehreren voneinander unabhängigen, '''kanaanäischen Stadtstaaten'''. Üblicherweise wird angenommen, dass zu diesen Stadtstaaten jeweils mehrere ihnen zugehörige Satelliten-Dörfer gehörten; viele ausgegraben wurden bisher aber nicht.<br />Palästina insgesamt war in der späten Bronzezeit von den '''Ägyptern''' besetzt. Konkret hieß das, (1) dass die Ägypter bei der Eroberung Palästinas mehrere Dörfer und Städte zerstört hatten, (2) dass ägyptische Regenten die Regierungssitze weiterer Städte okkupiert hatten und die Kanaanäer im Umland die Ägypter dort zu versorgen hatten, (3) dass die Kanaanäer zu regelmäßigen Tributzahlungen verpflichtet waren – v.a. in Form von Edelmetallen, Holz, Vieh und Sklaven (vgl. z.B. Na'aman 1981) – und (4) dass sie zusätzlich Sonderzahlungen leisten mussten, wenn Ägypter militärische Unternehmungen durchführten. Das geschah besonders in dieser Region häufig, weil mit dem mittanischen und dem hethitischen Reich zwei der stärksten Gegner Ägyptens direkt im Norden von Palästina verortet waren, (5) so dass Palästina von den Kriegen dieser drei Großmächte oder von Feldzügen der Ägypter gegen revoltierende Kanaanäer aufgerieben wurde, (6) wofür die „treuen“ Kanaanäer dann auch noch Soldaten stellen mussten (vgl. z.B. Morris 2018, S. 153f.). – Die Hand, mit der die Ägypter über Palästina herrschten, war eine harte.


[[Datei:Habiru.png|mini|Politische Verhältnisse der mittleren Bronzezeit. In Grau die Orte, für die Habiru belegt sind. Die Schasu scheinen überwiegend südlich und südöstlich von Kanaan (orange) gelebt zu haben. CC-BY-SA.3.0: [https://en.wikipedia.org/wiki/Habiru#/media/File:AreasOfHabiruActivityInAmarnaLettersLBIIA.svg Sémhur via Wikimedia]]]Außer von Kanaanäern und Ägyptern ist in altorientalischen Texten des Öfteren die Rede von zwei Bevölkerungsgruppen mit einem ähnlichem Lebensstil: Zum einen von den '''''Habiru''''', die im ganzen Nahen Osten, v.a. aber in Palästina nachweisbar sind (s. rechts), zum anderen von den v.a. im viel kleineren Gebiet des Negev und im späteren Edom bezeugten '''''Schasu'''''.<ref>Dass die Schasu schon im 14. Jhd. in diese Gegend zu verorten seien, ist verschiedentlich bestritten worden; z.B. jüngst von Frevel 2021, Abs. 17. Dass sich das aus den Texten des 14. Jhds. nicht klar herauslesen lässt, ist richtig; aus denen des 13./12. aber schon. Dass die Schasu wenige Jahrzehnte zuvor in einer anderen Region gelebt hätten, ist daher eine viel gewagtere Annahme als die, dass sie auch im 14. Jhd. in die selbe Gegend zu verorten sind.</ref> Hauptsächlich wissen wir von ihnen aus Briefwechseln des 14. Jhd. zwischen den Regenten kanaanäischer Stadtstaaten und ägyptischer Herrscher und aus ägyptischen Inschriften überwiegend aus der selben Zeit. Wie lange zuvor sie bereits in diesen Gegenden lebten, ist daher ungewiss, und weil sie gerade durch diese Texte bezeugt werden, müssen wir damit rechnen, dass ihre Darstellung politisch gefärbt ist. Die Schasu scheinen danach v.a. Kleinviehzucht treibende Beduinen gewesen zu sein (der Negev und Edom waren zu dieser Zeit noch weit fruchtbarer als heute; s.u.); daneben ist von beiden Gruppen nicht viel mehr bezeugt, als dass sie außerhalb der kanaanäischen Stadtstaaten und Dörfer lebten, dass die Kanaanäer und Ägypter sie als gesetz- und rechtlose Vagabunden betrachteten und dass sie auch wirklich Städte, Händler und Reisende überfielen; im Amarnabrief EA 195,16-32 wird überdies berichtet, dass sowohl Schasu als auch Habiru sich bei den Ägyptern als Söldner für Kämpfe gegen die Kanaanäer verdingten. Das macht sehr wahrscheinlich, dass beide neben den Ägyptern als weitere ''Gegenüber'' der Ägypter einerseits und der Kanaanäer andererseits verstanden werden müssen und dass sie sie zwar auch bekämpften, gleichzeitig als Beduinen und Banditen aber auf die ackerbauenden und Handel treibenden kanaanäischen Städte und Dörfer angewiesen waren. Vor allem bei den Habiru ist das sicher; ihre Frontstellung gegen das ägyptische Kanaan ist in den Amarnabriefen sprichwörtlich. Im Amarnabrief EA 67,16-18 schreibt daher ein unbekannter Stadtkönig über den König Aziru von Amurru, er habe sich verhalten „wie ein Habiru, wie ein Straßenköter, und so Sumur, die Stadt meines Herrn Pharao, eingenommen“. Ähnlich klagt Stadtkönig Rib-Haddi in EA 74,19-21, all seine Städte in der Berg- und Küstenregion hätten sich „auf die Seite der Habiru geschlagen“ und meint damit, dass sie die ägyptisch-kanaanäische Herrschaft abgeschüttelt hätten (vgl. Waterhouse 2001, S. 32f.). Man beachte, dass hier die Habiru u.a. ins Gebirge verortet werden. Ebenso in EA 292,28-29, einem Brief des Stadtkönigs von Gezer: „Vom Gebirge aus herrscht Krieg gegen mich!“ (vgl. ebd., S. 36). Das Gebirge scheint also ein Gebiet außerhalb des Einflussbereiches von Ägyptern und kanaanäischen Stadtstaaten gewesen zu sein. Das wird gleich noch wichtig werden.<br />Ob die einzelnen Schasu-Gruppen einen gemeinsamen Ursprung hatten und sich insgesamt als „Volk“ sahen, ist unbekannt. Die Habiru dagegen waren gewiss kein einheitliches „Volk“ im heutigen Sinn, da sich ihre Wohnorte verlassende Kanaanäer ihnen anschließen konnten. Sogar Idrimi berichtet im 15. Jhd. von sich selbst, er habe sich sieben Jahre lang den Habiru in Kanaan angeschlossen gehabt, bevor er zum König von Alalakh geworden sei (vgl. Edgar 2021). Das Selbe berichtet EA 148,41-42 von König Abdi-Tirschi von Hazor. In altorientalischen Texten werden sie dennoch d.Ö. neben anderen „Völkern“ genannt (vgl. wieder Waterhouse 2001, S. 40f.). Es ist daher gut möglich, dass unsere heutigen Konzepte nicht auf die Habiru passen und dass sie, obwohl sie ethnisch offensichtlich maximal ein Mischvolk waren, dennoch als „Volk“ aufgefasst wurden.
[[Datei:Habiru.png|mini|Politische Verhältnisse der mittleren Bronzezeit. In Grau die Orte, für die Habiru belegt sind. Die Schasu scheinen überwiegend südlich und südöstlich von Kanaan (orange) gelebt zu haben. CC-BY-SA.3.0: [https://en.wikipedia.org/wiki/Habiru#/media/File:AreasOfHabiruActivityInAmarnaLettersLBIIA.svg Sémhur via Wikimedia]]]Außer von Kanaanäern und Ägyptern ist in altorientalischen Texten des Öfteren die Rede von zwei Bevölkerungsgruppen mit einem ähnlichem Lebensstil: Zum einen von den '''''Habiru''''', die im ganzen Nahen Osten, v.a. aber in Palästina nachweisbar sind (s. rechts), zum anderen von den v.a. im viel kleineren Gebiet des Negev und im späteren Edom bezeugten '''''Schasu'''''.<ref>Dass die Schasu schon im 14. Jhd. in diese Gegend zu verorten seien, ist verschiedentlich bestritten worden; z.B. jüngst von Frevel 2021, Abs. 17. Dass sich das aus den Texten des 14. Jhds. nicht klar herauslesen lässt, ist richtig; aus denen des 13./12. aber schon. Dass die Schasu wenige Jahrzehnte zuvor in einer anderen Region gelebt hätten, ist daher eine viel gewagtere Annahme als die, dass sie auch im 14. Jhd. in die selbe Gegend zu verorten sind.</ref> Hauptsächlich wissen wir von ihnen aus Briefwechseln des 14. Jhd. zwischen den Regenten kanaanäischer Stadtstaaten und ägyptischer Herrscher und aus ägyptischen Inschriften überwiegend aus der selben Zeit. Wie lange zuvor sie bereits in diesen Gegenden lebten, ist daher ungewiss, und weil sie gerade durch diese Texte bezeugt werden, müssen wir damit rechnen, dass ihre Darstellung politisch gefärbt ist. Die Schasu scheinen danach v.a. Kleinviehzucht treibende Beduinen gewesen zu sein (der Negev und Edom waren zu dieser Zeit noch weit fruchtbarer als heute; s.u.); daneben ist von beiden Gruppen nicht viel mehr bezeugt, als dass sie außerhalb der kanaanäischen Stadtstaaten und Dörfer lebten, dass die Kanaanäer und Ägypter sie als gesetz- und rechtlose Vagabunden betrachteten und dass sie auch wirklich Städte, Händler und Reisende überfielen; im Amarnabrief EA 195,16-32 wird überdies berichtet, dass sowohl Schasu als auch Habiru sich bei den Ägyptern als Söldner für Kämpfe gegen die Kanaanäer verdingten. Das macht sehr wahrscheinlich, dass beide neben den Ägyptern als weitere ''Gegenüber'' der Ägypter einerseits und der Kanaanäer andererseits verstanden werden müssen und dass sie sie zwar auch bekämpften, gleichzeitig als Beduinen und Banditen aber auf die ackerbauenden und Handel treibenden kanaanäischen Städte und Dörfer angewiesen waren. Vor allem bei den Habiru ist das sicher; ihre Frontstellung gegen das ägyptische Kanaan ist in den Amarnabriefen sprichwörtlich. Im Amarnabrief EA 67,16-18 schreibt daher ein unbekannter Stadtkönig über den König Aziru von Amurru, er habe sich verhalten „wie ein Habiru, wie ein Straßenköter, und so Sumur, die Stadt meines Herrn Pharao, eingenommen“. Ähnlich klagt Stadtkönig Rib-Haddi in EA 74,19-21, all seine Städte in der Berg- und Küstenregion hätten sich „auf die Seite der Habiru geschlagen“ und meint damit, dass sie die ägyptisch-kanaanäische Herrschaft abgeschüttelt hätten (vgl. Waterhouse 2001, S. 32f.). Man beachte, dass hier die Habiru u.a. ins Gebirge verortet werden. Ebenso in EA 292,28-29, einem Brief des Stadtkönigs von Gezer: „Vom Gebirge aus herrscht Krieg gegen mich!“ (vgl. ebd., S. 36). Das wird gleich noch wichtig werden.<br />Ob die einzelnen Schasu-Gruppen einen gemeinsamen Ursprung hatten und sich insgesamt als „Volk“ sahen, ist unbekannt. Die Habiru dagegen waren gewiss kein einheitliches „Volk“ im heutigen Sinn, da sich ihre Wohnorte verlassende Kanaanäer ihnen anschließen konnten. Sogar Idrimi berichtet im 15. Jhd. von sich selbst, er habe sich sieben Jahre lang den Habiru in Kanaan angeschlossen gehabt, bevor er zum König von Alalakh geworden sei (vgl. Edgar 2021). Das Selbe berichtet EA 148,41-42 von König Abdi-Tirschi von Hazor. In altorientalischen Texten werden sie dennoch d.Ö. neben anderen „Völkern“ genannt (vgl. wieder Waterhouse 2001, S. 40f.). Es ist daher gut möglich, dass unsere heutigen Konzepte nicht auf die Habiru passen und dass sie, obwohl sie ethnisch offensichtlich maximal ein Mischvolk waren, dennoch als „Volk“ aufgefasst wurden.


Wir müssen uns das Palästina der mittleren und späten Bronzezeit also vorstellen als eine Region, die von heftigen Tributpflichten gedrückt wurde, immer wieder von Schlachten und Kriegen der benachbarten Großmächte überzogen wurde, in der auch noch die kanaanäische Stadtstaaten untereinander im Clinch lagen und die zusätzlich gebeutelt war von den Scharmützeln der Habiru, die v.a. ungeschützte Reisende und kleinere Dörfer überfielen. Opfer dieser politischen Situation waren v.a. die Bauern der kanaanäischen Satellitendörfer, die erwirtschaften mussten, was dann in Kriegen verbrannt oder von Habiru erbeutet wurde, die jederzeit in den Dienst von Soldaten oder Sklaven gezwungen werden konnten, und von denen man daher annehmen darf, dass sie schon zu dieser Zeit immer wieder ihre Dörfer verließen und sich den Habiru anschlossen.
Wir müssen uns das Palästina der mittleren und späten Bronzezeit also vorstellen als eine Region, die von heftigen Tributpflichten gedrückt wurde, immer wieder von Schlachten und Kriegen der benachbarten Großmächte überzogen wurde, in der auch noch die kanaanäische Stadtstaaten untereinander im Clinch lagen und die zusätzlich gebeutelt war von den Scharmützeln der Habiru, die v.a. ungeschützte Reisende und kleinere Dörfer überfielen. Opfer dieser politischen Situation waren v.a. die Bauern der kanaanäischen Satellitendörfer, die erwirtschaften mussten, was dann in Kriegen verbrannt oder von Habiru erbeutet wurde, die jederzeit in den Dienst von Soldaten oder Sklaven gezwungen werden konnten, und von denen man daher annehmen darf, dass sie schon zu dieser Zeit immer wieder ihre Dörfer verließen und sich den Habiru anschlossen.
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[[Datei:Terrassenbau.jpg|mini|Landwirtschaftliche Terrassen in Israel. CC-BY 2.5: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PikiWiki_Israel_33186_ancient_terraces.JPG#/media/File:PikiWiki_Israel_33186_ancient_terraces.JPG Dror Feitelson via Pikiwiki Israel]]]Am Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit '''ab dem späten 13. Jahrhundert''' dann – nach dem biblischen Geschichtsentwurf also zur Zeit des Exodus – lassen sich in der Region Palästinas mehrere Entwicklungen feststellen. Ernstens zu nennen ist eine längerfristige und großflächigere Entwicklung: Vom Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. bis etwa zum Beginn des 12. Jhds. stieg die durchschnittliche Temperatur u.a. in Palästina kontinuierlich um insgesamt etwa 1,5 °C an und der Niederschlag verringerte sich, weshalb besonders vom 14. auf das 13. Jhd. mediterrane Klimagebiete versteppten und Steppen zu Wüsten verdorrten. Am Ende dieses Klimawandels stand eine „'''Megadürre'''“ im ganzen Mittelmeerraum (vgl. Kaniewski/van Campo 2017; zu den Auswirkungen speziell auf Palästina Langgut u.a. 2015; Soto-Berelov u.a. 2015, bes. die Grafiken auf S. 104-106), in deren Zuge mehrere Großreiche in diesem Raum nach und nach untergingen. Speziell in Palästina schwand so zunächst Weideland und Land für Ackerbau und verdorrten Fruchtbäume. Palästinische Land- und Viehwirte müsste es danach schwerer gefallen sein, sich selbst zu versorgen und erst recht, Gewinn für die Tributzahlungen zunächst an die kanaanäischen Stadtstaat-Herrscher und über diese dann an die ägyptischen Besetzer zu erwirtschaften. Damit wurde für solche Bauern im Einzugsbereich der kanaanäschen Großstädte in den Ebenen das Bergland wieder interessanter, wo man spätestens zur mittleren Bronzezeit die Technik entwickelt hatte, Hangabflüsse durch Terrassenbau zu verlangsamen und so mit weniger Niederschlag auszukommen (vgl. zur Technik z.B. Gibson 2015, S. 298-303), wo offenbar erst seit kurzem die Technik entwickelt worden war, Zisternen in den weichen Kreidestein zu hauen, in denen zusätzliche Wasservorräte gespeichert werden konnten (vgl. Callaway 2009, S. 39f.) und wo in Zeiten schwächer sprudelnder Flachlandbrunnen und -Quellen noch eine Reihe natürlicher Gebirgsquellen fern von Siedlungen lagen und beansprucht werden konnten (vgl. z.B. Zertal 1988, S. 343-345). Aber dazu gleich mehr.<br />Die Archäologie bezeugt uns ab dem selben Zeitraum vier weitere historische Umwälzungen in rascher Folge: Sie zeigt uns zweitens, dass sich ab Mitte des 13. Jhds. (oft später datiert, aber s. Asscher u.a. 2015; Boaretto u.a. 2018) die '''Philister''' an der südwestlichen Küste Palästinas ansiedelten, von denen v.a. in ägyptischen Schriftquellen aus dieser Zeit d.Ö. als Mittelmeer-Piraten gesprochen wird und die wohl ihrerseits durch die Dürre aus ihren angestammten Regionen getrieben worden waren. Nachdem vor allem ihre fünf Stadtstaaten Aschdod, Aschkelon und Gaza direkt an der Küste Palästinas und Ekron und Gat etwas weiter im Landesinneren rasch aufgeblüht waren, expandierten sie von dort zunächst in das ganze Negev-Gebiet im südlichen Inland Palästinas (Rosen/Lehmann 2010, S. 173-177). Am nördlichen Küstenstrich hatten sich schon kurz zuvor die '''Phönizier''' angesiedelt und entwickelt, waren aber auch danach kaum ins Inland vorgedrungen (vgl. z.B. Killebrew 2019).<br />Drittens zeigt uns die Archäologie, dass viele der '''kanaanäischen Stadtstaaten um das 13./12. Jahrhundert im Laufe von etwa 100 Jahren zerstört''' und erst später und nur zum Teil wiederrichtet wurden; manchmal nach einer Besiedlungslücke von über einem Jahrhundert. Die umgebenden Dörfer dagegen scheinen nicht zerstört und weiterhin bewohnt worden zu sein (s z.B. Finkelstein 2014, S. 31-34). Im Süden sind einige dieser Zerstörungen den Philistern zuzuschreiben, im Norden lässt sich dies zu dieser Zeit aber noch nicht nachweisen und scheint andere Hintergründe zu haben (vgl. z.B. Dever 2017, S. 95f.), die dann noch unklar sind. Phönizische Städte scheinen gar nicht zerstört worden zu sein – politisch oder geographisch bedingt?<br />Viertens: Nachdem die Philister auch in die ebenfalls unter der Dürre leidenden Reiche der Ägypter und der Hethither eingefallen waren und diese so noch zusätzlich geschwächt hatten, '''schwindet''' mit der Zerstörung der kanaanäischen Städte und der ägyptischen Residenzen in diesen Städten nach und nach auch '''die Präsenz der Ägypter''' in Palästina. Dass auf der Merneptah-Stele davon gesprochen wird, Merneptah habe Kanaan „gefangen genommen“ (26), wird man so deuten müssen, dass dieser Prozess um 1208 v. Chr. schon weit vorangeschritten war; da in Megiddo und Lachisch aber noch Monumente des in den 1140ern regierenden Pharao Ramses VI gefunden wurden, scheint auch diese Entwicklung gut ein Jahrhundert angedauert zu haben. Manche Forscher gehen außerdem davon aus, dass nach dem Zusammenbruch des Hethitherreiches flüchtende Hethither nach Palästina einwanderten. Archäologisch lässt sich das aber nicht nachweisen; es ist daher unwahrscheinlich, dass dies in großem Stil geschah (Gilan 2013).<br />[[Datei:Städte und Dörfer.png|mini|Links: Kanaanäische Stadtstaaten Ende der Bronzezeit. (c) Finkelstein 2014, S. 19.<br />Rechts: Proto-israelitische Siedlungen im Hochland. (c) Shanks 1992, S. 11<br />S. auch die sehr schöne Karte in [https://www.academia.edu/89196327/Lehmann_G_2021_The_Emergence_of_Early_Phoenicia_Jerusalem_Journal_of_Archaeology_1_272_324 Lehmann 2021, S. 279].]]<div class="tright" style="clear:none">[[Datei:Dorf-Cluster.png|mini|Zwei Dorf-Cluster. Rechts im Zentrum: Khirbet Seilun. (c) Miller 2005b, S. 31.]]</div>[[Datei:3 Siedlungsgebiete.png|mini|Drei Siedungsgebiete Palästinas in der frühen Eisenzeit. (c) Faust/Katz 2011, S. 232.]]Fünftens aber, und hier am wichtigsten, explodiert ab dem zwölften Jahrhundert (s. Bimson 1991, S. 12f.) die Zahl der '''Siedlungen im Hochland''' des westlichen Palästina, besonders konzentriert nördlich von Jerusalem: Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte nimmt ihre Zahl immer mehr zu, bis sie sich im 11. Jhd. in manchen Gegenden verzehnfacht hat und insgesamt auf mehrere hundert Siedlungen beläuft. Miller 2005b hat außerdem stark gezeigt, dass sich bei den Hochlanddörfer im Gegensatz zu den etwa 20 für sich zu nehmenden kanaanäischen Stadtstaaten wenige Dorfgruppen-''Cluster'' feststellen lassen. <br />Nachdem einige der zerstörten kanaanäischen Städte wiedererrichtet worden waren (Finkelstein: „neues Kanaan“), lässt sich Palästina also grob in drei Regionen einteilen: In die Region der phönizischen und philistäischen Seevölker im Westen, in die Region kanaanäischer Stadtstaaten in der Ebene, und in die Region der Hochland-Siedler im Osten. Nach der biblischen Chronologie befinden wir uns hier schon tief in der Richterzeit und nach der angeblichen Eroberung des ganzen Landes unter Josua.
[[Datei:Terrassenbau.jpg|mini|Landwirtschaftliche Terrassen in Israel. CC-BY 2.5: [https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PikiWiki_Israel_33186_ancient_terraces.JPG#/media/File:PikiWiki_Israel_33186_ancient_terraces.JPG Dror Feitelson via Pikiwiki Israel]]]Am Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit '''ab dem späten 13. Jahrhundert''' dann – nach dem biblischen Geschichtsentwurf also zur Zeit des Exodus – lassen sich in der Region Palästinas mehrere Entwicklungen feststellen. Ernstens zu nennen ist eine längerfristige und großflächigere Entwicklung: Vom Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. bis etwa zum Beginn des 12. Jhds. stieg die durchschnittliche Temperatur u.a. in Palästina kontinuierlich um insgesamt etwa 1,5 °C an und der Niederschlag verringerte sich, weshalb besonders vom 14. auf das 13. Jhd. mediterrane Klimagebiete versteppten und Steppen zu Wüsten verdorrten. Am Ende dieses Klimawandels stand eine „'''Megadürre'''“ im ganzen Mittelmeerraum (vgl. Kaniewski/van Campo 2017; zu den Auswirkungen speziell auf Palästina Langgut u.a. 2015; Soto-Berelov u.a. 2015, bes. die Grafiken auf S. 104-106), in deren Zuge mehrere Großreiche in diesem Raum nach und nach untergingen. Speziell in Palästina schwand so zunächst Weideland und Land für Ackerbau und verdorrten Fruchtbäume. Palästinische Land- und Viehwirte müsste es danach schwerer gefallen sein, sich selbst zu versorgen und erst recht, Gewinn für die Tributzahlungen zunächst an die kanaanäischen Stadtstaat-Herrscher und über diese dann an die ägyptischen Besetzer zu erwirtschaften. Damit wurde für solche Bauern im Einzugsbereich der kanaanäschen Großstädte in den Ebenen das Bergland wieder interessanter, wo man spätestens zur mittleren Bronzezeit die Technik entwickelt hatte, Hangabflüsse durch Terrassenbau zu verlangsamen und so mit weniger Niederschlag auszukommen (vgl. zur Technik z.B. Gibson 2015, S. 298-303), wo offenbar erst seit kurzem die Technik entwickelt worden war, Zisternen in den weichen Kreidestein zu hauen, in denen zusätzliche Wasservorräte gespeichert werden konnten (vgl. Callaway 2009, S. 39f.) und wo in Zeiten schwächer sprudelnder Flachlandbrunnen und -Quellen noch eine Reihe natürlicher Gebirgsquellen fern von Siedlungen lagen und beansprucht werden konnten (vgl. z.B. Zertal 1988, S. 343-345). Aber dazu gleich mehr.<br />Die Archäologie bezeugt uns ab dem selben Zeitraum vier weitere historische Umwälzungen in rascher Folge: Sie zeigt uns zweitens, dass sich ab Mitte des 13. Jhds. (oft später datiert, aber s. Asscher u.a. 2015; Boaretto u.a. 2018) die '''Philister''' an der südwestlichen Küste Palästinas ansiedelten, von denen v.a. in ägyptischen Schriftquellen aus dieser Zeit d.Ö. als Mittelmeer-Piraten gesprochen wird und die wohl ihrerseits durch die Dürre aus ihren angestammten Regionen getrieben worden waren. Nachdem vor allem ihre fünf Stadtstaaten Aschdod, Aschkelon und Gaza direkt an der Küste Palästinas und Ekron und Gat etwas weiter im Landesinneren rasch aufgeblüht waren, expandierten sie von dort zunächst in das ganze Negev-Gebiet im südlichen Inland Palästinas (Rosen/Lehmann 2010, S. 173-177). Am nördlichen Küstenstrich hatten sich schon kurz zuvor die '''Phönizier''' angesiedelt und entwickelt, waren aber auch danach kaum ins Inland vorgedrungen (vgl. z.B. Killebrew 2019).<br />Drittens zeigt uns die Archäologie, dass viele der '''kanaanäischen Stadtstaaten um das 13./12. Jahrhundert im Laufe von etwa 100 Jahren zerstört''' und erst später und nur zum Teil wiederrichtet wurden; manchmal nach einer Besiedlungslücke von über einem Jahrhundert. Die umgebenden Dörfer dagegen scheinen nicht zerstört und weiterhin bewohnt worden zu sein (s z.B. Finkelstein 2014, S. 31-34). Im Süden sind einige dieser Zerstörungen den Philistern zuzuschreiben, im Norden lässt sich dies zu dieser Zeit aber noch nicht nachweisen und scheint andere Hintergründe zu haben (vgl. z.B. Dever 2017, S. 95f.), die dann noch unklar sind. Phönizische Städte scheinen gar nicht zerstört worden zu sein – politisch oder geographisch bedingt?<br />Viertens: Nachdem die Philister auch in die ebenfalls unter der Dürre leidenden Reiche der Ägypter und der Hethither eingefallen waren und diese so noch zusätzlich geschwächt hatten, '''schwindet''' mit der Zerstörung der kanaanäischen Städte und der ägyptischen Residenzen in diesen Städten nach und nach auch '''die Präsenz der Ägypter''' in Palästina. Dass auf der Merneptah-Stele davon gesprochen wird, Merneptah habe Kanaan „gefangen genommen / erbeutet“ (26), wird man so deuten müssen, dass dieser Prozess um 1208 v. Chr. schon weit vorangeschritten war; da in Megiddo und Lachisch aber noch Monumente des in den 1140ern regierenden Pharao Ramses VI gefunden wurden, scheint auch diese Entwicklung gut ein Jahrhundert angedauert zu haben. Manche Forscher gehen außerdem davon aus, dass nach dem Zusammenbruch des Hethitherreiches flüchtende Hethither nach Palästina einwanderten. Archäologisch lässt sich das aber nicht nachweisen; es ist daher unwahrscheinlich, dass dies in großem Stil geschah (Gilan 2013).<br />[[Datei:Städte und Dörfer.png|mini|Links: Kanaanäische Stadtstaaten Ende der Bronzezeit. (c) Finkelstein 2014, S. 19.<br />Rechts: Proto-israelitische Siedlungen im Hochland. (c) Shanks 1992, S. 11<br />S. auch die sehr schöne Karte in [https://www.academia.edu/89196327/Lehmann_G_2021_The_Emergence_of_Early_Phoenicia_Jerusalem_Journal_of_Archaeology_1_272_324 Lehmann 2021, S. 279].]]<div class="tright" style="clear:none">[[Datei:Dorf-Cluster.png|mini|Zwei Dorf-Cluster. Rechts im Zentrum: Khirbet Seilun. (c) Miller 2005b, S. 31.]]</div>[[Datei:3 Siedlungsgebiete.png|mini|Drei Siedungsgebiete Palästinas in der frühen Eisenzeit. (c) Faust/Katz 2011, S. 232.]]Fünftens aber, und hier am wichtigsten, explodiert ab dem zwölften Jahrhundert (s. Bimson 1991, S. 12f.) die Zahl der '''Siedlungen im Hochland''' des westlichen Palästina, besonders konzentriert nördlich von Jerusalem: Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte nimmt ihre Zahl immer mehr zu, bis sie sich im 11. Jhd. in manchen Gegenden verzehnfacht hat und insgesamt auf mehrere hundert Siedlungen beläuft. Miller 2005b hat außerdem stark gezeigt, dass sich bei den Hochlanddörfer im Gegensatz zu den etwa 20 für sich zu nehmenden kanaanäischen Stadtstaaten wenige Dorfgruppen-''Cluster'' feststellen lassen. <br />Nachdem einige der zerstörten kanaanäischen Städte wiedererrichtet worden waren (Finkelstein: „neues Kanaan“), lässt sich Palästina also grob in drei Regionen einteilen: In die Region der phönizischen und philistäischen Seevölker im Westen, in die Region kanaanäischer Stadtstaaten in der Ebene, und in die Region der Hochland-Siedler im Osten. Nach der biblischen Chronologie befinden wir uns hier schon tief in der Richterzeit und nach der angeblichen Eroberung des ganzen Landes unter Josua.


Wie diese fünf Entwicklungen in kurzem Zeitraum miteinander zusammenhängen, ist unklar, und auch deshalb ist ungewiss, '''welche Gruppe(n) sich eigentlich aus welchen Gründen im Bergland ansiedelte(n)''' (einen schön konzisen Überblick über die aktuell diskutierten Modelle gibt Mullins 2015). Dass dies so unklar ist, ist deshalb so ärgerlich, weil es sich mindestens bei einigen von ihnen fast sicher um die (späteren?) Israeliten handelt, da die Bücher Josua und Richter noch deutliche Reflexe einer Eroberung Israels vom Gebirge aus bewahrt haben. Es ist sogar möglich, dass schon diese Dorf-Cluster die Vorläufer der „Stämme“ waren, in die sich später die Gesellschaft Israels gliedern sollte, da zwei der Stämme wahrscheinlich nach den Gebirgen benannt sind, auf denen sie lebten (gut Knauf/Niemann 2021, S. 76: Der Stamm „Efraim“ nach dem gleichnamigen Gebirge, der Stamm „Juda“ nach ''wahda'', dem „Abgrund“ s. DAHPN s.v. Das biblische Zwölf-Stämme-System ist aber gewiss eine späte Entwicklung; vgl. Kallai 1995, 1999; Macchi 1999; Grabbe 2007, S. 106).<br />Vergleicht man einige charakteristische Züge von Lebensweise und Lebensstil der Bevölkerungsgruppen im palästinischen Raum der frühen Eisenzeit, kann man zumindest fast sicher ausschließen, dass die Bevölkerung der Bergland-Siedlungen sich überwiegend aus Phöniziern, Philistern oder kanaanäischen Städtern speiste. Nicht deshalb, weil die Bergland-Siedlungen durchschnittlich deutlich kleiner waren als die Städtchen und Städte in den Tälern und Ebenen und auch nicht deshalb, weil die Bevölkerung in diesen Siedlungen überwiegend autark und ärmlich lebte und sich anders als „Städter“ gleichzeitig durch halbnomadische Viehwirtschaft und Getreideanbau auf Terrassen ernährte – zu dieser Lebensform zwangen wohl auch die klimatischen Bedingungen und die geographischen Gegebenheiten des Berglands. Sondern wegen der Organisation des öffentlichen und kultischen Lebens, das sich an Ausgrabungen ablesen lässt:
Wie diese fünf Entwicklungen in kurzem Zeitraum miteinander zusammenhängen, ist unklar, und auch deshalb ist ungewiss, '''welche Gruppe(n) sich eigentlich aus welchen Gründen im Bergland ansiedelte(n)''' (einen schön konzisen Überblick über die aktuell diskutierten Modelle gibt Mullins 2015). Dass dies so unklar ist, ist deshalb so ärgerlich, weil es sich mindestens bei einigen von ihnen fast sicher um die (späteren?) Israeliten handelt, da die Bücher Josua und Richter noch deutliche Reflexe einer Eroberung Israels vom Gebirge aus bewahrt haben. Es ist sogar möglich, dass schon diese Dorf-Cluster die Vorläufer der „Stämme“ waren, in die sich später die Gesellschaft Israels gliedern sollte, da zwei der Stämme wahrscheinlich nach den Gebirgen benannt sind, auf denen sie lebten (gut Knauf/Niemann 2021, S. 76: Der Stamm „Efraim“ nach dem gleichnamigen Gebirge, der Stamm „Juda“ nach ''wahda'', dem „Abgrund“ s. DAHPN s.v. Das biblische Zwölf-Stämme-System ist aber gewiss eine späte Entwicklung; vgl. Kallai 1995, 1999; Macchi 1999; Grabbe 2007, S. 106).<br />Vergleicht man einige charakteristische Züge von Lebensweise und Lebensstil der Bevölkerungsgruppen im palästinischen Raum der frühen Eisenzeit, kann man zumindest fast sicher ausschließen, dass die Bevölkerung der Bergland-Siedlungen sich überwiegend aus Phöniziern, Philistern oder kanaanäischen Städtern speiste. Nicht deshalb, weil die Bergland-Siedlungen durchschnittlich deutlich kleiner waren als die Städtchen und Städte in den Tälern und Ebenen und auch nicht deshalb, weil die Bevölkerung in diesen Siedlungen überwiegend autark und ärmlich lebte und sich anders als „Städter“ gleichzeitig durch halbnomadische Viehwirtschaft und Getreideanbau auf Terrassen ernährte – zu dieser Lebensform zwangen wohl auch die klimatischen Bedingungen und die geographischen Gegebenheiten des Berglands. Sondern wegen der Organisation des öffentlichen und kultischen Lebens, das sich an Ausgrabungen ablesen lässt:

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Historische Einführung: Israel[Bearbeiten]

Die Ursprünge Israels: Biblische Erzählung[Bearbeiten]

Der „Plot“ des Ersten Testaments ist recht schnell nacherzählt: In Gen 1-3 erschafft Gott die Welt aus einer Ur-Flut. Weil sie sich in Gen 4-5 nicht gut entwickelt, beschließt er, sie in Gen 6-9 mit einer zweiten Flut zu vernichten, nur die fromme Familie eines frommen Mannes zu verschonen und mit dieser ab Gen 10 die Erde neu zu besiedeln. Auch das funktioniert in Gen 11 nicht gut, und so wählt er sich aus den Nachkommen des Flut-Helden wieder nur eine Familie, mit der es besser laufen soll als mit dem Rest der Welt und die er daher gesondert durch das Leben geleiten und begleiten will. Gen 12-50 berichten, wie diese Familie zunächst das Land besiedelt, das Gott für sie ausgesucht hat, dann aber nach Ägypten auswandert.

In Ägypten geraten ihre Nachkommen in die Sklaverei, und so müssen sie in Ex 1-18 von dort befreit und in Num 10,11-14; 16-17; 20-27; 31-36 wieder zurück ins versprochene Heimatland geführt werden. Eingeschaltet sind in Ex 19 - Num 10,10 und noch mehrfach im Buch Numeri dutzende von Texten, in denen Gott Gebote und Bestimmungen erlässt, wie die Israeliten sich „gottgemäß“ zu verhalten haben; in Dtn 4-30 sind weitere Bestimmungen angehängt.

In Dtn 1-3, im Buch Josua und in Ri 1-2 wird dann mehrfach von der Eroberung des Landes berichtet; Ri 3ff. erzählt von den ersten Jahren im Land: Die Israeliten leben dort als klassenlose und in mehreren Sippen und Großfamilien organisierte Gesellschaft. Werden sie von umliegenden Völkern bedroht, beruft Gott einzelne Helden, die die Israeliten retten.

Staatenbildung und Untergang Israels: Biblische Erzählung[Bearbeiten]

Mit 1 Sam 8 beginnt eine neue Ära: Nach der klassen- und staatenlosen Zeit wünscht die Bevölkerung des gelobten Landes sich Staat und Herrscher. Gott ist dagegen, erfüllt aber den Wunsch seines Volkes. Daher ernennt er um 1000 v. Chr. zunächst Saul und dann stattdessen David und dessen Sohn Salomo zu Königen, die über das gesamte Land regieren. Salomo errichtet zudem den zentralen Tempel des Reichs.

Weil ansonsten aber erwartungsgemäß keiner dieser Könige seinen Job sehr gut macht, zerfällt Israel ab 1 Kön 12 in das Nordreich „Israel“ und das Südreich „Juda“. Da der Jerusalemer Tempel in Juda liegt, gründen daraufhin die Israeliten unter König Jerobeam I v.a. in Dan und Bethel zwei eigene Kult-Orte. Nicht lange danach wird 722 v. Chr. Israel von den Assyrern erobert, woraufhin die übriggebliebenen Israeliten nach Juda auswandern.

Juda konnte sich noch etwa 150 Jahre länger halten. Besonders erwähnenswert sind in diesem Zeitraum drei „Kultreformen“ der Könige Asa Anfang des 9. Jhds. (1 Kön 15,12-13), Hiskija Ende des 8. Jhds. (s. 2 Kön 18,4) und Joschija im 7. Jhd. (s. 2 Kön 23,4-20), bei denen angeblich jedes Mal ähnliche Kulte abgeschafft und Kultorte neben dem Jerusalemer Tempel aufgelöst worden wären – in Joschijas Fall deshalb, weil er zufällig das Buch Deuteronomium im Tempel fand und danach feststellte, dass man die ganze Zeit gegen Gottes Willen verstoßen hatte. 587 v. Chr. wird dann aber auch Juda von den Babyloniern besiegt, der Tempel zerstört und werden große Teile der Bevölkerung ins Exil geführt. Von einem Teil dieser Geschichte wird eine zweite Variante dann noch mal in den Büchern der Chronik erzählt.

Ursprünge Israels und Staatenbildung: Historische Hintergründe[Bearbeiten]

Als historische Berichte darf man den Text von Genesis bis 1 Kön 11 nicht nehmen und auch die ab 1 Kön 11 - 2 Chr nur sehr eingeschränkt: Die Erzählungen aus der Zeit nach Salomo sind offenkundig deutlich später entstandene und zutiefst interessierte Texte, die von einer klar erkennbaren weltanschaulichen und politischen Warte aus verfasst wurden (s.u.). Noch mehr sind die Bücher der Chronik nur eine noch jüngere Neubearbeitung dieser Texte, bei der die Könige Judas und insbesondere David positiver dargestellt werden sollten. In der Chronologie der Aufeinanderfolge von Königen scheinen sie ab Salomo verlässtlich zu sein; viel mehr Vertrauen darf man ihnen aber wohl nicht schenken. Um nur ein Beispiel zu nennen: Dan, wo Jerobeam I. einen der beiden staatlichen Kultorte gegründet haben soll, war zu seiner Zeit gar nicht besiedelt; das selbe gilt für Bet-El, falls es sich dabei wirklich um Beitin handelt.
Entsprechendes gilt noch mehr für die restlichen Texte: Der Grundstock der Erzählungen aus der Zeit vor der Staatengründung – besonders derer in den Büchern Genesis, Exodus und einige derer im Richterbuch – dürfte schon alt, aber ursprünglich als Sagen, Lagerfeuer-Geschichten u.Ä. erzählt worden sein. Was davon auf historische Ereignisse und Entwicklungen zurückgeht, lässt sich daher aus den Texten selbst kaum noch erschließen. Dass sich historisch gesehen die Vorgeschichte Israel sehr anders entwickelt hat, lässt sich durch Archäologie und deren Abgleich mit zu dieser Zeit entstandenen Schriftquellen der umliegenden Völker aber klar zeigen. Auch die Erzählungen über die Könige Saul und David scheinen einen historischen Kern zu haben, besonders die über den idealen judäischen König David sind nach den selben Kriterien beurteilt aber sicher massiv übertrieben, und noch deutlicher sind die über Salomo eher Märchen als Historie.

Gehen wir von Archäeologie und historischen Schriftquellen aus, können wir uns ein grobes Bild von den politischen Entwicklungen in Palästina machen. Ein sehr grobes: Vieles, wovon die nächsten Abschnitte handeln, ist unklar und wird wohl auch unklar bleiben, falls nicht neue Schriftquellen gefunden werden werden. Das ist normal in der Geschichtsschreibung; Aufgabe von Historikern ist dann der Entwurf von Hypothesen, die das Wenige, das sicher ist, zu einer plausiblen Erzählung verbindet. Davon will ich mich im Folgenden zunächst noch enthalten und überwiegend die Rohdaten bieten:

Kanaanäer bringen den Ägyptern unterwürfig Sklaven und Luxusgüter als Tribute dar. Wandgemälde, um 1400. (c) BM, EA37991

Es ist zunächst sicher, dass die Region Palästinas in den Tälern und Ebenen in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausends geprägt war von mehreren voneinander unabhängigen, kanaanäischen Stadtstaaten. Üblicherweise wird angenommen, dass zu diesen Stadtstaaten jeweils mehrere ihnen zugehörige Satelliten-Dörfer gehörten; viele ausgegraben wurden bisher aber nicht.
Palästina insgesamt war in der späten Bronzezeit von den Ägyptern besetzt. Konkret hieß das, (1) dass die Ägypter bei der Eroberung Palästinas mehrere Dörfer und Städte zerstört hatten, (2) dass ägyptische Regenten die Regierungssitze weiterer Städte okkupiert hatten und die Kanaanäer im Umland die Ägypter dort zu versorgen hatten, (3) dass die Kanaanäer zu regelmäßigen Tributzahlungen verpflichtet waren – v.a. in Form von Edelmetallen, Holz, Vieh und Sklaven (vgl. z.B. Na'aman 1981) – und (4) dass sie zusätzlich Sonderzahlungen leisten mussten, wenn Ägypter militärische Unternehmungen durchführten. Das geschah besonders in dieser Region häufig, weil mit dem mittanischen und dem hethitischen Reich zwei der stärksten Gegner Ägyptens direkt im Norden von Palästina verortet waren, (5) so dass Palästina von den Kriegen dieser drei Großmächte oder von Feldzügen der Ägypter gegen revoltierende Kanaanäer aufgerieben wurde, (6) wofür die „treuen“ Kanaanäer dann auch noch Soldaten stellen mussten (vgl. z.B. Morris 2018, S. 153f.). – Die Hand, mit der die Ägypter über Palästina herrschten, war eine harte.

Politische Verhältnisse der mittleren Bronzezeit. In Grau die Orte, für die Habiru belegt sind. Die Schasu scheinen überwiegend südlich und südöstlich von Kanaan (orange) gelebt zu haben. CC-BY-SA.3.0: Sémhur via Wikimedia

Außer von Kanaanäern und Ägyptern ist in altorientalischen Texten des Öfteren die Rede von zwei Bevölkerungsgruppen mit einem ähnlichem Lebensstil: Zum einen von den Habiru, die im ganzen Nahen Osten, v.a. aber in Palästina nachweisbar sind (s. rechts), zum anderen von den v.a. im viel kleineren Gebiet des Negev und im späteren Edom bezeugten Schasu.a Hauptsächlich wissen wir von ihnen aus Briefwechseln des 14. Jhd. zwischen den Regenten kanaanäischer Stadtstaaten und ägyptischer Herrscher und aus ägyptischen Inschriften überwiegend aus der selben Zeit. Wie lange zuvor sie bereits in diesen Gegenden lebten, ist daher ungewiss, und weil sie gerade durch diese Texte bezeugt werden, müssen wir damit rechnen, dass ihre Darstellung politisch gefärbt ist. Die Schasu scheinen danach v.a. Kleinviehzucht treibende Beduinen gewesen zu sein (der Negev und Edom waren zu dieser Zeit noch weit fruchtbarer als heute; s.u.); daneben ist von beiden Gruppen nicht viel mehr bezeugt, als dass sie außerhalb der kanaanäischen Stadtstaaten und Dörfer lebten, dass die Kanaanäer und Ägypter sie als gesetz- und rechtlose Vagabunden betrachteten und dass sie auch wirklich Städte, Händler und Reisende überfielen; im Amarnabrief EA 195,16-32 wird überdies berichtet, dass sowohl Schasu als auch Habiru sich bei den Ägyptern als Söldner für Kämpfe gegen die Kanaanäer verdingten. Das macht sehr wahrscheinlich, dass beide neben den Ägyptern als weitere Gegenüber der Ägypter einerseits und der Kanaanäer andererseits verstanden werden müssen und dass sie sie zwar auch bekämpften, gleichzeitig als Beduinen und Banditen aber auf die ackerbauenden und Handel treibenden kanaanäischen Städte und Dörfer angewiesen waren. Vor allem bei den Habiru ist das sicher; ihre Frontstellung gegen das ägyptische Kanaan ist in den Amarnabriefen sprichwörtlich. Im Amarnabrief EA 67,16-18 schreibt daher ein unbekannter Stadtkönig über den König Aziru von Amurru, er habe sich verhalten „wie ein Habiru, wie ein Straßenköter, und so Sumur, die Stadt meines Herrn Pharao, eingenommen“. Ähnlich klagt Stadtkönig Rib-Haddi in EA 74,19-21, all seine Städte in der Berg- und Küstenregion hätten sich „auf die Seite der Habiru geschlagen“ und meint damit, dass sie die ägyptisch-kanaanäische Herrschaft abgeschüttelt hätten (vgl. Waterhouse 2001, S. 32f.). Man beachte, dass hier die Habiru u.a. ins Gebirge verortet werden. Ebenso in EA 292,28-29, einem Brief des Stadtkönigs von Gezer: „Vom Gebirge aus herrscht Krieg gegen mich!“ (vgl. ebd., S. 36). Das wird gleich noch wichtig werden.
Ob die einzelnen Schasu-Gruppen einen gemeinsamen Ursprung hatten und sich insgesamt als „Volk“ sahen, ist unbekannt. Die Habiru dagegen waren gewiss kein einheitliches „Volk“ im heutigen Sinn, da sich ihre Wohnorte verlassende Kanaanäer ihnen anschließen konnten. Sogar Idrimi berichtet im 15. Jhd. von sich selbst, er habe sich sieben Jahre lang den Habiru in Kanaan angeschlossen gehabt, bevor er zum König von Alalakh geworden sei (vgl. Edgar 2021). Das Selbe berichtet EA 148,41-42 von König Abdi-Tirschi von Hazor. In altorientalischen Texten werden sie dennoch d.Ö. neben anderen „Völkern“ genannt (vgl. wieder Waterhouse 2001, S. 40f.). Es ist daher gut möglich, dass unsere heutigen Konzepte nicht auf die Habiru passen und dass sie, obwohl sie ethnisch offensichtlich maximal ein Mischvolk waren, dennoch als „Volk“ aufgefasst wurden.

Wir müssen uns das Palästina der mittleren und späten Bronzezeit also vorstellen als eine Region, die von heftigen Tributpflichten gedrückt wurde, immer wieder von Schlachten und Kriegen der benachbarten Großmächte überzogen wurde, in der auch noch die kanaanäische Stadtstaaten untereinander im Clinch lagen und die zusätzlich gebeutelt war von den Scharmützeln der Habiru, die v.a. ungeschützte Reisende und kleinere Dörfer überfielen. Opfer dieser politischen Situation waren v.a. die Bauern der kanaanäischen Satellitendörfer, die erwirtschaften mussten, was dann in Kriegen verbrannt oder von Habiru erbeutet wurde, die jederzeit in den Dienst von Soldaten oder Sklaven gezwungen werden konnten, und von denen man daher annehmen darf, dass sie schon zu dieser Zeit immer wieder ihre Dörfer verließen und sich den Habiru anschlossen.

Den Schasu wird deshalb heute große Aufmerksamkeit geschenkt, weil in drei ägyptischen Inschriften des 14. und 13. Jhds. vom „Land der Schasu des Jahu`“ die Rede ist, was bedeuten könnte, dass diese Gruppe nicht nur schon im frühen 14. Jhd. in Israel lebte, sondern dort sogar schon zu dieser Zeit einen Gott JHWH verehrte (s. z.B. bes. entschieden Kennedy 2019; vorsichtiger z.B. Leuenberger 2017b, S. 169f.). Dass der Gott JHWH aus der Gebirgsregion von Negev und Edom „zum Volk Israel kam“, sagen in mythischer Sprache auch zwei der mutmaßlich ältesten Texte der Bibel (Ri 5,5; vielleicht Hab 3,3).
Ähnlich bei den Habiru: Falls die Habiru Palästinas eine Rolle bei der Geburt des Volkes Israel gespielt haben sollten, wie meist angenommen wird, müsste aus ihrer Bezeichnung das hebräische Wort für „Hebräer“ entstanden sein, was dann nahelegte, dass sie bei diesem Prozess sogar eine wichtige Rolle gespielt hatten. Beide Gruppen dürften daher für die Entstehung der „Israeliten“ relevant sein, lebten aber offensichtlich schon mehr als ein Jahrhundert, bevor nach biblischer Chronologie der Exodus stattgefunden haben müsste, in Palästina.
Auf der Merneptah-Stele (1207 v. Chr.) ist schließlich viertens noch die Rede von einer Personengruppe (statt: einem Staat, einer Monarchie o.Ä. wie sonst auf der MS üblich) namens „Israel“, über die sonst aus dieser Zeit leider nichts Genaueres überliefert ist. Über die MS ist daher viel nachgedacht worden; letztlich kann man sich aus ihr aber nur erschließen, dass es also im späten 13. Jhd. und damit „zur Zeit des Exodus“ in oder in der Nähe von Palästina auch bereits eine Größe namens „Israel“ gab, die groß und bedeutend genug war, um in einem Atemzug mit den Stadtstaaten Aschkelon und Gezer genannt zu werden. Eine weitere ägyptische Inschrift, ÄM 21687 auf dem „Berliner Podest“, könnte mit `Išar-`El ebenfalls die Größe „Israel“ bezeugen, die es dann wie die Schasu und die Habiru sogar schon mindestens seit dem 14. Jhd. in dieser Gegend gegeben hätte (vgl. zur Inschrift z.B. Zwickel/van der Veen 2017, S. 129-131) und die bereits zu diesem Zeitpunkt auf einer Ebene mit „Aschkelon“ und „Kanaan“ gestanden wäre. Ob es sich bei dieser Größe „Israel“ um Kanaanäer, um Schasu, um Habiru oder um eine vierte Gruppe handelte, ist aber ungewiss.
Mit diesen frühen Bezeugungen der Schasu, der Habiru und von „Israel“, die alle Vorfahren der späteren Israeliten sein könnten, stimmt zusammen, dass sich eine Massenflucht von Sklaven aus Ägypten im 13./12. Jhd. durch ägyptische Schriftzeugnisse nicht belegen lässt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden die späteren „Israeliten“ also in Israel geboren, nicht in Ägypten.


Landwirtschaftliche Terrassen in Israel. CC-BY 2.5: Dror Feitelson via Pikiwiki Israel

Am Übergang von der Bronzezeit zur Eisenzeit ab dem späten 13. Jahrhundert dann – nach dem biblischen Geschichtsentwurf also zur Zeit des Exodus – lassen sich in der Region Palästinas mehrere Entwicklungen feststellen. Ernstens zu nennen ist eine längerfristige und großflächigere Entwicklung: Vom Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. bis etwa zum Beginn des 12. Jhds. stieg die durchschnittliche Temperatur u.a. in Palästina kontinuierlich um insgesamt etwa 1,5 °C an und der Niederschlag verringerte sich, weshalb besonders vom 14. auf das 13. Jhd. mediterrane Klimagebiete versteppten und Steppen zu Wüsten verdorrten. Am Ende dieses Klimawandels stand eine „Megadürre“ im ganzen Mittelmeerraum (vgl. Kaniewski/van Campo 2017; zu den Auswirkungen speziell auf Palästina Langgut u.a. 2015; Soto-Berelov u.a. 2015, bes. die Grafiken auf S. 104-106), in deren Zuge mehrere Großreiche in diesem Raum nach und nach untergingen. Speziell in Palästina schwand so zunächst Weideland und Land für Ackerbau und verdorrten Fruchtbäume. Palästinische Land- und Viehwirte müsste es danach schwerer gefallen sein, sich selbst zu versorgen und erst recht, Gewinn für die Tributzahlungen zunächst an die kanaanäischen Stadtstaat-Herrscher und über diese dann an die ägyptischen Besetzer zu erwirtschaften. Damit wurde für solche Bauern im Einzugsbereich der kanaanäschen Großstädte in den Ebenen das Bergland wieder interessanter, wo man spätestens zur mittleren Bronzezeit die Technik entwickelt hatte, Hangabflüsse durch Terrassenbau zu verlangsamen und so mit weniger Niederschlag auszukommen (vgl. zur Technik z.B. Gibson 2015, S. 298-303), wo offenbar erst seit kurzem die Technik entwickelt worden war, Zisternen in den weichen Kreidestein zu hauen, in denen zusätzliche Wasservorräte gespeichert werden konnten (vgl. Callaway 2009, S. 39f.) und wo in Zeiten schwächer sprudelnder Flachlandbrunnen und -Quellen noch eine Reihe natürlicher Gebirgsquellen fern von Siedlungen lagen und beansprucht werden konnten (vgl. z.B. Zertal 1988, S. 343-345). Aber dazu gleich mehr.
Die Archäologie bezeugt uns ab dem selben Zeitraum vier weitere historische Umwälzungen in rascher Folge: Sie zeigt uns zweitens, dass sich ab Mitte des 13. Jhds. (oft später datiert, aber s. Asscher u.a. 2015; Boaretto u.a. 2018) die Philister an der südwestlichen Küste Palästinas ansiedelten, von denen v.a. in ägyptischen Schriftquellen aus dieser Zeit d.Ö. als Mittelmeer-Piraten gesprochen wird und die wohl ihrerseits durch die Dürre aus ihren angestammten Regionen getrieben worden waren. Nachdem vor allem ihre fünf Stadtstaaten Aschdod, Aschkelon und Gaza direkt an der Küste Palästinas und Ekron und Gat etwas weiter im Landesinneren rasch aufgeblüht waren, expandierten sie von dort zunächst in das ganze Negev-Gebiet im südlichen Inland Palästinas (Rosen/Lehmann 2010, S. 173-177). Am nördlichen Küstenstrich hatten sich schon kurz zuvor die Phönizier angesiedelt und entwickelt, waren aber auch danach kaum ins Inland vorgedrungen (vgl. z.B. Killebrew 2019).
Drittens zeigt uns die Archäologie, dass viele der kanaanäischen Stadtstaaten um das 13./12. Jahrhundert im Laufe von etwa 100 Jahren zerstört und erst später und nur zum Teil wiederrichtet wurden; manchmal nach einer Besiedlungslücke von über einem Jahrhundert. Die umgebenden Dörfer dagegen scheinen nicht zerstört und weiterhin bewohnt worden zu sein (s z.B. Finkelstein 2014, S. 31-34). Im Süden sind einige dieser Zerstörungen den Philistern zuzuschreiben, im Norden lässt sich dies zu dieser Zeit aber noch nicht nachweisen und scheint andere Hintergründe zu haben (vgl. z.B. Dever 2017, S. 95f.), die dann noch unklar sind. Phönizische Städte scheinen gar nicht zerstört worden zu sein – politisch oder geographisch bedingt?
Viertens: Nachdem die Philister auch in die ebenfalls unter der Dürre leidenden Reiche der Ägypter und der Hethither eingefallen waren und diese so noch zusätzlich geschwächt hatten, schwindet mit der Zerstörung der kanaanäischen Städte und der ägyptischen Residenzen in diesen Städten nach und nach auch die Präsenz der Ägypter in Palästina. Dass auf der Merneptah-Stele davon gesprochen wird, Merneptah habe Kanaan „gefangen genommen / erbeutet“ (26), wird man so deuten müssen, dass dieser Prozess um 1208 v. Chr. schon weit vorangeschritten war; da in Megiddo und Lachisch aber noch Monumente des in den 1140ern regierenden Pharao Ramses VI gefunden wurden, scheint auch diese Entwicklung gut ein Jahrhundert angedauert zu haben. Manche Forscher gehen außerdem davon aus, dass nach dem Zusammenbruch des Hethitherreiches flüchtende Hethither nach Palästina einwanderten. Archäologisch lässt sich das aber nicht nachweisen; es ist daher unwahrscheinlich, dass dies in großem Stil geschah (Gilan 2013).

Links: Kanaanäische Stadtstaaten Ende der Bronzezeit. (c) Finkelstein 2014, S. 19.
Rechts: Proto-israelitische Siedlungen im Hochland. (c) Shanks 1992, S. 11
S. auch die sehr schöne Karte in Lehmann 2021, S. 279.
Zwei Dorf-Cluster. Rechts im Zentrum: Khirbet Seilun. (c) Miller 2005b, S. 31.
Drei Siedungsgebiete Palästinas in der frühen Eisenzeit. (c) Faust/Katz 2011, S. 232.

Fünftens aber, und hier am wichtigsten, explodiert ab dem zwölften Jahrhundert (s. Bimson 1991, S. 12f.) die Zahl der Siedlungen im Hochland des westlichen Palästina, besonders konzentriert nördlich von Jerusalem: Im Laufe der nächsten zwei Jahrhunderte nimmt ihre Zahl immer mehr zu, bis sie sich im 11. Jhd. in manchen Gegenden verzehnfacht hat und insgesamt auf mehrere hundert Siedlungen beläuft. Miller 2005b hat außerdem stark gezeigt, dass sich bei den Hochlanddörfer im Gegensatz zu den etwa 20 für sich zu nehmenden kanaanäischen Stadtstaaten wenige Dorfgruppen-Cluster feststellen lassen.
Nachdem einige der zerstörten kanaanäischen Städte wiedererrichtet worden waren (Finkelstein: „neues Kanaan“), lässt sich Palästina also grob in drei Regionen einteilen: In die Region der phönizischen und philistäischen Seevölker im Westen, in die Region kanaanäischer Stadtstaaten in der Ebene, und in die Region der Hochland-Siedler im Osten. Nach der biblischen Chronologie befinden wir uns hier schon tief in der Richterzeit und nach der angeblichen Eroberung des ganzen Landes unter Josua.

Wie diese fünf Entwicklungen in kurzem Zeitraum miteinander zusammenhängen, ist unklar, und auch deshalb ist ungewiss, welche Gruppe(n) sich eigentlich aus welchen Gründen im Bergland ansiedelte(n) (einen schön konzisen Überblick über die aktuell diskutierten Modelle gibt Mullins 2015). Dass dies so unklar ist, ist deshalb so ärgerlich, weil es sich mindestens bei einigen von ihnen fast sicher um die (späteren?) Israeliten handelt, da die Bücher Josua und Richter noch deutliche Reflexe einer Eroberung Israels vom Gebirge aus bewahrt haben. Es ist sogar möglich, dass schon diese Dorf-Cluster die Vorläufer der „Stämme“ waren, in die sich später die Gesellschaft Israels gliedern sollte, da zwei der Stämme wahrscheinlich nach den Gebirgen benannt sind, auf denen sie lebten (gut Knauf/Niemann 2021, S. 76: Der Stamm „Efraim“ nach dem gleichnamigen Gebirge, der Stamm „Juda“ nach wahda, dem „Abgrund“ s. DAHPN s.v. Das biblische Zwölf-Stämme-System ist aber gewiss eine späte Entwicklung; vgl. Kallai 1995, 1999; Macchi 1999; Grabbe 2007, S. 106).
Vergleicht man einige charakteristische Züge von Lebensweise und Lebensstil der Bevölkerungsgruppen im palästinischen Raum der frühen Eisenzeit, kann man zumindest fast sicher ausschließen, dass die Bevölkerung der Bergland-Siedlungen sich überwiegend aus Phöniziern, Philistern oder kanaanäischen Städtern speiste. Nicht deshalb, weil die Bergland-Siedlungen durchschnittlich deutlich kleiner waren als die Städtchen und Städte in den Tälern und Ebenen und auch nicht deshalb, weil die Bevölkerung in diesen Siedlungen überwiegend autark und ärmlich lebte und sich anders als „Städter“ gleichzeitig durch halbnomadische Viehwirtschaft und Getreideanbau auf Terrassen ernährte – zu dieser Lebensform zwangen wohl auch die klimatischen Bedingungen und die geographischen Gegebenheiten des Berglands. Sondern wegen der Organisation des öffentlichen und kultischen Lebens, das sich an Ausgrabungen ablesen lässt:

Phönizier Philister Kanaanäer Bergland-Siedler
Wohnform: Pfeilerhaus + „T-förmiges Haus“ (Edrey 2018, S. 15.95) „lineares Haus“ (Aja 2009, z.B. S. 412f.) > keine familiare Viehwirtschaft! zunächst Hofhaus, dann zunehmend Pfeilerhaus fast ausschließlich Pfeilerhaus (vgl. Zwingenberger 2001, S. 256-260)
materielle Kultur: Handel untereinander, daher in phön., phil. und kan. Städten und Gräbern stets auch typisch phön. & phil. Keramik, auch gehandelte oder importierte Luxusgüter wenig Handelsbeziehungen nachweisbar; stattdessen überwiegend selbstgefertigte Werkzeuge & Keramik (vgl. z.B. Faust 2009, 2016). Importierte oder erhandelte Luxusgüter so selten, dass sie Erbstücke sein können (Listen in Zwingenberger 2001, S. 386-401; Miller 2005b, S. 45-52).
Religion: In mehreren Städten Tempel und Schreine mit Bamah und Altar; in Privathaushalten oft Figurinen (z.B. Phön: Psi-Figurine, Phil: Aschdoda, Kan: Pfeilerfigurine (vgl. z.B. Edrey 2018, S. 112f.124ff.181; Ben-Shlomo 2019). Daneben oft Kleinfunde wie kultische Gefäße, Räucherkästen u.ä. Öffentliche Kultstätten: Nur die „Bull Site“, offenbar ein Clan-Heiligtum von fünf Dörfern (dazu z.B. Wenning/Zenger 1986b, allerdings auch Miller 2005b, S. 46: falsch datiert. Der Altar auf dem Ebal war spätestens 1140 v. Chr. außer Gebrauch). Auch sonst auffällig keine öffentlichen Gebäude. Daneben nur vereinzelte Funde möglicherweise kultischer Keramik wie bes. die „Raddana-Schale“ (vgl. Zwingenberger 2001, S. 438-448), keine Figurinen.
Totenkult: multiform. Bei allen nachweisbar: Erdbegräbnis, Kremation, Schachtgrab, (Doppel-)Urnengrab (zu letzterem bei Phil s. Mazow 2014, S. 143f.), bei Phön + Kan außerdem Höhlengrab, Kistengrab und für bes. Wohlhabende Sargbegräbnis (vgl. noch Dixon 2013; Ben-Shlomo 2008), bei Kan ab 10. Jhd. auch Bankgrab. Im Norden vom 12.-9. Jhd. gar kein Grabfund (s. z.B. Faust 2004; Nabulsi 2017, S. 19f. [Khirbet Nisya gehört nach Grabbeigaben wohl zur kanaanäischen Talbevölkerung]), im Süden Felsengrab und Bankgrab (Bloch-Smith 1992, S. 39f.52.60f.; Suriano 2018, S. 57; Zwingenberger 2001, S. 454-463).

Ergänzen könnte man noch, dass bei den Philistern bis zur frühen Eisenzeit Schweinefleisch ortsweise bis zu 25% der tierischen Nahrung ausgemacht hat und nur dort auch die Platterbse als Nahrung nachweisbar ist (s. Mahler-Slasky/Kislev 2010), während beides für das Bergland nicht gilt. Das Fehlen von Schweinen im Bergland kann aber auch nur ökologisch und ökonomisch bedingt sein (richtig Frevel 2018b, S. 84).
Mit der Lebensweise der Schasu und Habiru lassen sich die genannten Zeugnisse nur schwer vergleichen, da von ihnen qua Beduinen archäologisch nur wenig bekannt ist. Sollten Levy/Adams/Muniz 2004 Recht behalten und der Friedhof auf dem Jabal Hamrat Fidan ist ein Schasu-Friedhof (naheliegend, da als Grabbeigaben anders als sonst üblich gar keine zerbrechlichen Keramikgefäße, sondern ausschließlich hölzerne gefunden wurden), muss man aber immerhin auch hier einen Gegensatz zwischen den Felsgräbern mit Keramikgefäßen in den südlichen Bergsiedlungen vs. den Kistengräbern mit Holzgefäßen der Schasu statuieren.

Nimmt man das zusammen, lassen sich unterschiedliche historische Entwicklungen annehmen. Die härteren Lebensbedingungen aufgrund des Klimawandels werden gewiss zu Spannungen zwischen Kanaanäern und Ägypten einerseits und kanaanäischen Bauern und Städtern andererseits geführt haben. Sie werden außerdem die Schasu gezwungen haben, ihre Lebensweise und ihren Lebensraum anzupassen, wozu die Ansiedlung der Philister zusätzlich beigetragen haben wird. Der Niedergang des Handels durch die Schwächung Ägyptens und das Ende des hethitischen Großreichs und die geringere Ausbeute in den kanaanäischen Dörfern wird auch den Habiru zunehmend Probleme bereitet haben.
Auch hiernach könnten wir theoretisch von einem friedlichen Umzug verschiedener Bevölkerungsgruppen ins Bergland ausgehen, die schlicht die zu dieser Zeit besseren ökologischen Gegebenheiten ausnutzen und sich daher in bescheidener Weise mit Viehzucht und Terrassen-Ackerbau selbst versorgen wollten.
Oder wir nehmen politische Umstürze an; maximal: Die Dürre macht die Tributforderungen der Ägypter unerträglich. Bauern lehnen sich gegen ihre kanaanäischen Herren auf, kanaanäische Herrscher schütteln ihrerseits die Übermacht der Ägypter ab und verjagen sie aus dem Land. Schasu finden zunehmend nicht mehr genug Weideland und Wasserquellen im versteppten Negev-Gebiet und dringen ebenfalls nach Zentral-Palästina vor, wo sie zum einen mit den Habiru und zum anderen mit den Kanaanäern aneinandergeraten. Auch die Habiru haben größte Probleme, da der internationale Handel im Niedergang begriffen ist und die Kanaanäer ärmer werden, so dass es weder von Händlern noch von Kanaanäern noch genug zu holen gibt. Ihre Raubzüge werden immer verzweifelter, bis auch sie selbst vor den befestigten Städten nicht mehr halt machen. Bürgerkrieg tobt, und in diesen ganzen giftigen Mix mischen zunehmend auch noch die Philister mit, die ihre militärischen Exkursionen immer weiter nach Osten ausdehnen. Und so fliehen nach und nach immer mehr der Kanaanäer, Habiru, Schasu und Israeliten ins Gebirge, wo sie nun fern von Bürgerkriegen und Tributen allein im Kreise ihrer Großfamilie siedeln wollen.

Die Wahrheit wird irgendwo zwischen diesen Extremen liegen. Am besten fährt man daher wahrscheinlich bei der Frage nach der Identität der Bergdorf-Siedler mit der Annahme von Killebrew 2006, 2020, S. 88f., dass es sich bei ihnen um einen Mix aus mehreren Gruppen von Habiru, Schasu, Angehörigen von „Israel“, ehemaligen kanaanäischen Stadtstaat-Städtern und -Bauern und etwaigen weiteren immigrierenden Gruppen handelte und die dann nach und nach wegen der örtlichen Gegebenheiten zu einem Volk mit einer erkennbar gemeinsamen Kultur zusammenwuchsen. Alternativ setzen auch heute noch die meisten Historiker ihr Wettgeld auf einzelne dieser Gruppen: Lemche 1998b, S. 74 setzt seins trotz unterschiedlicher Kultur speziell auf die kanaanäischen Städter, die einer übermäßigen Besteuerung durch die Ägypter entkommen wollten, Dever 2017, S. 222-233 setzt seines ähnlich auf aus ökonomischen Gründen landflüchtige kanaanäische Dorfbewohner nebst Habiru, Matthews 2018, S. 72 setzt seines auf Kanaanäer nebst Hethiter, Fritz 1996, S. 120 und Knauf/Niemann 2021, S. 78 setzen ihres auf Habiru nebst Schasu, Rainey 2008 setzt seines nur auf die Schasu usw.
So und so scheint der historische Kern der Erzählungen in den Büchern Genesis bis Numeri hauptsächlich zu sein, dass zu den Israeliten ursprünglich (auch?) umherziehende Kleingruppen von Nomaden gehörten, dass sie einst von den Ägyptern unterworfen worden waren, dann aber das ägyptische Militär geschwächt wurde, und dass Israel dann nach einer „Wüstenzeit“ im Gebirge an der Grenze zu Palästina anfanghaft zum Volk des biblischen Gottes geworden war. Das wäre immer noch mehr, als man bei dem großen zeitlichen Abstand der Niederschriften zu den geschilderten Ereignissen hätte hoffen dürfen.



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Die frühesten gut datierbaren biblischen Texte, die sich mit einiger Vorsicht als historische Quellen auswerten lassen, sind nicht Texte über Könige und Kult, sondern Texte dagegen, nämlich die sozialkritischen Texte Jes 1-39; Amos; Micha



Neugründung Israels: Historische Hintergründe und biblische Erzählung[Bearbeiten]

Spätestens nach der Eroberung Judas durch die Babylonier kam in Teilen der Bevölkerung offensichtlich starke Fremdenfeindlichkeit auf. Historisch lässt sich das gut erklären: Im Nord- und im Südreich waren von den Assyrern und Babyloniern gezielt Angehörige anderer eroberter Völker angesiedelt worden, um die beiden Reiche so zusätzlich zu destabilisieren; die ins Exil verschleppten Israeliten und Judäer wiederum mussten als marginalisierte Gruppen in der Fremde leben und konnten ihren Glauben dort nur unter großen Schwierigkeiten ausüben. Wie sich dies in mehreren in und nach dieser Zeit entstandene Texte niederschlug, ist dennoch sehr problematisch:

Erstens entstanden ab dieser Zeit sog. „Diasporanovellen“: Im Buch Ester lebt die namensgebende Protagonistin als Exulantin in der persischen Fremde; der „ausländische Ausländer“ Haman will sie vernichten und der persische König Ahasveros sie durch Heirat assimilieren. Doch Ester bewahrt heroisch ihre Religion und bringt geschickt den König dazu, ihren Feind zu ermorden, und rettet so das judäische Volk. Aus der selben Zeit stammt der erste Teil des Danielbuchs, laut dem Daniel aber angeblich bereits am babylonischen Königshof gelebt hat, sich dort als vorbildlicher Judäer als „besser“ erweist als alle Ausländer, dann mutig dem König dessen Schlechtigkeit vorhält und sich schließlich heldenhaft gegen alle Anfeindungen behaupten kann. Wichtig ist daher das kurze Buch Jona, das gegen diese Haltung anschreibt und in dem der fremdenfeindliche Prophet gerade in die Hauptstadt der ersten Eroberernation Assyrien gesandt wird, woraufhin sich wider Erwarten die Assyrer als vorbildlich und der gottgesandte Prophet als lachhafte Figur erweist.
Zweitens berichten die Bücher Esra und Nehemia, wie ab 539 die Judäer wieder in ihr Land zurückkehren, nachdem das babylonische Reich von den Persern besiegt und Israel und Juda zu den persischen Provinzen „Samaria“ und Juda umgeformt worden waren. Nun endlich können die Judäer ihr Land wieder in Besitz nehmen, den Tempel wiedererrichten und das Volk „reinigen“, indem sie alle Ausländer, zu denen selbst die nach 722 v. Chr. nach Juda eingewanderten Israeliten und angeblich den Tempelbau sabottierenden Israeliten gehören, als marginalisierte Gruppe aus der Gesellschaft ausgrenzen. Ekelhafterweise wird das in diesen Büchern für gut befunden. Auch hierzu ist in der Bibel mit dem Buch Rut zum Glück ein Gegentext überliefert, der programmatisch vor die von der staatlichen Zeit handelnden Bücher der Könige gestellt wurde und der behauptet, dass der sagenumwobene König David von einer schon damals immigrierten und integrierten Moabitern abstammt.

Aber bei weitem nicht alle zu dieser Zeit entstandene Literatur thematisieren Fremdenfeindlichkeit oder Fremdenfreundlichkeit. Vielmehr entstand um diese Zeit, zu der man aktiv um ein Selbstverständnis als „Volk“ zu ringen hatte, der größte Teil dessen, was wir heute als Erstes Testament kennen. So wurden bspw. wohl zu dieser Zeit die Sprichwörter als Israels ureigenste Weisheitslehre gesammelt.
Ähnlich wurden sehr wahrscheinlich erst zu dieser Zeit die alten Mythen und Sagen in den Büchern Genesis bis Richter gesammelt und in einen Erzählzusammenhang gebracht. Darüber, wie dies vonstatten ging, werden aktuell unterschiedlichste Modelle diskutiert. Das Folgende orientiert sich überwiegend an den Entwürfen von Schmid 1976; Kaiser 1978, S. 106 und Carr 2010 und ist nur eines von mehreren möglichen Modellen. Danach waren vor allem drei nachexilische Autorenkreise an der Entstehung dieses ersten Teils des Ersten Testaments beteiligt. Auf jede dieser drei Gruppen geht auch eine der drei großen Gesetzessammlungen des Pentateuch zurück:

  1. L(aien): Eine Autorengruppe, die dezidiert gegen die weltliche und klerikale Elite Israels anschrieb. Keiner der Vorfahren Israels war Fürst, Priester oder etwas Ähnliches; stattdessen wird von Bauern, Hirten und Nomaden berichtet, die durchs Land ziehen, dabei munter Heiligtümer und Kultorte gründen, wo immer sie mit Gott in Kontakt kommen, dort Gottesdienste feiern und dafür weder eines staatlichen Kults noch kultischer Priester bedürfen. Begründet werden dabei i.d.R. gerade Kultorte, die historisch mit Jerusalem in Konkurrenz standen; Jerusalem dagegen wird in Gen 35,16-20 offenbar sogar von Fers entweiht. Die Vorgeschichte Israels insgesamt wird als Konfliktgeschichte vorgestellt: Immer wieder liegen Verwandte miteinander im Zwist, gründen nebenbei einige der umliegenden Nationen wie insbesondere Edom und Aram, mit denen man also verwandt ist, und versöhnen sich am Ende doch wieder; auch sonst hat man mit den umliegenden Völkern Konflikte, kann sich dann aber letztendlich meistens mit ihnen arrangieren. Der Ur-Vorfahre Vater-Gnade ist ein Weltenwanderer, der überall zurecht kommt; Fers heiratet aramäische Frauen und erlangt auch seinen Reichtum in Aram, Joseph wird Vizekönig in Ägypten: Auch im Ausland können Israeliten gut leben. Sogar gerettet werden die Israeliten aus Ägypten von einem ägyptischen Prinzen, nachdem dieser sich allerdings vom Adeligen zum Hirten bekehrt und dabei den Gott Israels gefunden hat. Buhmann ist dagegen Aaron, der Vorgänger der Hohepriester Jerusalems, der sich immer wieder gegen Gott und gegen Herauszug vergeht.
    Auf diese Gruppe geht auch die kurze Gebotssammlung in Ex 19-24 zurück, die an der Schwelle zum Land Israel für jene, die gerade erst dort einwandern, erlassen wird und programmatisch Israel als „Vasallenvolk Gottes, Königreich von Priestern und heilige Nation“ bestimmt (Ex 19,5f.): König über das israelitische Volk ist Gott allein, das als Ganzes „priesterlich“ ist. Entsprechend sind für den Gottesdienst nach Ex 20,24-26 lediglich ein schnell aus Erde aufgeschütteter oder aus Steinen aufgetürmter Altar nötig, an denen jeder Israelit dann selbst Opfer darbringen kann. Gerichtliche Vollmacht haben natürlich ebenfalls keine Priester; stattdessen hat jeder Ort mit eigenen Richtern selbst die Vollmacht, Urteile zu sprechen. Von staatlichen Abgaben ist keine Rede; die Israeliten sollen vielmehr die Armen, Witwen und Waisen unterstützen und weder diese noch den Immigranten (!) bedrücken, da die Israeliten doch selbst Immigranten waren (Ex 22,20-23,9). Um umliegende und Israel anfeindende Völker dagegen wird Gott sich kümmern, solange nur die Israeliten ihm treu bleiben und sich nicht dazu verführen lassen, anderen Göttern zu dienen (Ex 23,22ff.).
    Die Verfasser der „Laienquelle“ arbeiteten sich bei diesem Geschichtsentwurf u.a. an zwei anderen theologischen Schulen ab, die daraufhin als Reaktion auf L ihrerseits literarisch tätig werden. Bei beiden scheint es sich um zwei verfeindete Gruppen von Priestern am Jerusalemer Tempel gehandelt zu haben:
  2. D(euteronomisten): Eine Autorengruppe, die entweder aus der Bevölkerungsgruppe der „Leviten“ kam oder ihnen nahestand; immer wieder wird daher betont, welche Vorrechte die Leviten zur Zeit des Auszugs aus Ägypten und auch später am Jerusalemer Tempel hatten (Dtn 10,7f.; 17,9f.18; 18,1; 21,5; 24,8: Sie sind „besonders erwählt“ von Gott, darum ist ihnen zunächst der Vertrags-Kasten anvertraut; später sollen sie am Tempel den priesterlichen Dienst verrichten, außerdem das Volk belehren, für sie das Richteramt ausüben und sind dafür nach Dtn 14,29; 16,11.14; Dtn 26,12f.; 27,9; 31,9 auch gemeinsam mit den Armen von der Ortsbevölkerung zu finanzieren).
    Man kann ihr literarisches Wirken sehr grob in drei Perioden einteilen: Die „Früh-Deuteronomisten“ sammelten noch unabhängig von L die Gesetze in Dtn 12-26. Diese ist wahrscheinlich schon vor dem Exil entstanden. Die „Mittel-Deuteronomisten“ verfassten den Grundstock des Texts von 1 Sam - 2 Kön, mit dem das Exil theologisch erklärt werden sollte. Ihr wichtigstes Anliegen war danach, dass allein der biblische Gott verehrt würde – bis dahin, dass dann, wenn in einem Ort jemand des „Götzendienstes“ überführt wurde, dafür der ganze Ort ermordet werden sollte (Dtn 13,13-17). Die Erzählung von den biblischen Königen folgt wegen diesem Grundinteresse auch einem klaren Muster: Manche Könige waren Gott untreu und wurden dafür bestraft – unter anderem eben mit dem Exil –; auf der Regentschaft von gottesfürchtigen Königen dagegen ruhte Gottes Segen. Zur Gottesfurcht gehörte ganz entschieden auch, Gott einzig im Tempel von Jerusalem zu verehren; alle anderen Kultorte waren Gott missfällig und zu vernichten. Insbesondere die Kultorte in Dan und Bethel seien Gott ein Dorn im Auge.
    „Spät-Deuteronomisten“ dagegen sahen offenbar in Ex 19-24 einen Konkurrenzen zu „ihrem“ Gesetzeswerk und verfassten daher mit Dtn 5-11; 29-30; 34 und dem Buch Josua eine Fortsetzung der Exoduserzählung. Die erste Textgruppe ist dabei gestaltet im Stil von assyrischen Vasallenverträgen, die zweite im Stil von assyrischen Eroberungsberichten. Dtn 5 setzt ein mit einer alternativen Variante des Vertrags vom Sinai in Ex 19; danach wird in einer weiterführenden Rede des Herauszug zunächst Israel in Dtn 6; 11 auf die Gebote in Dtn 12-26 eingeschworen, die die „richtige“ Auslegung des Vertragstexts vom Sinai seien, in Dtn 7-10 aufgefordert, sich von fremden Völkern abzusondern, und in Dtn 29-30 abschließend noch einmal eingeschworen auf die Gebote, deren Befolgung Gott damit belohnen würde, die Israeliten wieder „aus der Gefangenschaft bei anderen Völkern zurückzusammeln“ (Dtn 30,3): Das Gesetz im Deuteronomium wird so präsentiert als Voraussetzung für die Erlösung aus der Exilssituation.
  3. P(riester): Noch klarer als die Texte der Deuteronomisten sind an Inhalt und v.a. am Stil die Texte der sog. „Priesterschrift“ zu erkennen. Nur wegen diesem klar erkennbaren Stil darf man es überhaupt wagen, eine Priesterschrift in den Büchern Gen - Num zu identifizieren, denn sie ist eine sehr merkwürdige Schrift. Hauptsächlich gehören zu ihr wieder Gebotssammlungen und außerdem Listen und Bauanweisungen ab Gen 25 und bis zum Ende des Buches Numeri. Außerdem aber gehören zu ihr mehrere Erzählungen und v.a. einige Textpassagen im Textbereich von L. Danach hat man sich die Textgeschichte von Gen 1 - Ex 19 offenbar so vorzustellen: Aus einzelnen Mythen und Sagen schreibt L seine Vorgeschichte Israels. Der priesterschriftliche Autorenkreis ist mit vielem in dieser Darstellung nicht einverstanden und verfasst daher eine eigene Variante dieser Erzählung. Wenige Erzählungen werden dabei vollständig übernommen, bei anderen wurde gleichzeitig gekürzt und ergänzt (wie Ex 19,19-25; gestrichen werden sollte wohl in P der widerstreitende V. 13), zu wieder anderen dagegen wurden Gegenerzählungen verfasst, die eigentlich die Vorlage ersetzen sollten (wie offensichtlich Gen 35,9-15). Hinzudenken muss man sich dann noch eine weitere Gruppe von Schreibern (die man manchmal T(ora-Redaktoren) nennt), die schließlich beide Fassungen verglichen und dann aber nicht sinnvoll redigierten, sondern einfach beide Versionen zusammenaddierten. So ist dann zu erklären, dass in Gen 1-3 die Welt zweimal erschaffen wird, Ruh in Gen 6-9 zeimal unterschiedliche Zahlen von Tieren in seinen Schrein bringt, Fers in Gen 28; 35 zweimal getauft wird, die Israeliten in Ex 19 sowohl den Berg besteigen als auch nicht besteigen dürfen usw. Für eine Übersetzung, die besonders zeigen will, wie Texte literarische funktionieren, sind solche Stellen besonders problematisch. Wo sie sich nicht harmonisch in einen Erzählabschnitt fügen, werde ich sie daher zwar mitübersetzen, die Übersetzung aber in eine mit spätere Ergänzung eingeleitete Fußnote verschieben.
    P ist vor allem kultpolitisch interessiert: Besonderes Augenmerk liegt darauf, wie der der Jerusalemer Tempel zu gestalten ist, wie der tägliche Betrieb und wie religiöse Feiern ebendort abzulaufen haben – wichtig v.a.: die den Deuteronomisten so wichtigen Leviten sind den „Aaroniden“, den „echten“ Priestern, untergeordnet (s. zu Laien, Leviten und Aaroniden bes. Num 16) –, wie religiöse Feste zu begehen sind oder an welche religiösen Regeln sich Israeliten zu halten haben. Selbst die Schöpfung der Welt hat als ihr Ziel die Einsetzung des Sabbat. Politisch dagegen kann man P geradezu als eskapistisch bezeichnen:
    „P denkt im Gegensatz zu D universalistisch und pazifistisch. Kriege [und Konflikte] finden bei P nicht statt! [Der häufigste Anlass für das Verfassen von Gegenerzählungen in Gen - Ex 19]. Das Programm der Völkertafel in Gen 10 – jedes Volk nach seienr Eigenart an seinem Platz als Erfüllung des Schöpfungssegens – könnte einer achämenidischen Königsinschrift entnommen sein... Für P besteht das Proprium Israels nicht in seinem Staat..., sondern in seinem Tempel, in dem der Gott des Himmels und der Erde in der Welt anwesend und ansprechbar ist. P ist antimilitaristisch und antideuteronomistisch: Der priesterschriftliche [Gott] hängt nach der Sintflut ... seinen Bogen in die Wolken und damit an den Nagel (Gen 9,13). Hier wird nicht die Erschaffung des Regenbogens geschildert, sondern [Gott] widerruft seine Rolle als Gott, der Israels Kriege geführt hat ... oder auch die Kriege der Assyrer und Neubabylonier gegen Israel ... ein für allemal.“ (Knauf 1998, S. 123)



Gleichzeitig stammen aus dieser Zeit, in der man einige der schönsten Früchte der biblischen Literatur.

Weitere Entwicklungen: Historische Hintergründe und biblische Erzählungen[Bearbeiten]

Auch das Perserreich währte nicht lange; etwa 200 Jahre später wurde es seinerseits um 333 v. Chr. vom Griechen Alexander dem Großen erobert. Nachdem dessen Großreich geteilt wurde, fielen Israel und Samaria um 300 v. Chr. an die Ptolemäer, die vom hellenistischen Ägypten aus regierten. Die nächsten 100 Jahre herrscht Frieden; in dieser Zeit entstanden daher z.B. die eher philosophischen Bücher Kohelet und Jesus Sirach, die sich mit griechischen und ägyptischen Texten auseinandersetzten.

Einführungen ins Erste Testament[Bearbeiten]

Der Pentateuch[Bearbeiten]

Gen 1-11: Ursprungsmythen[Bearbeiten]

Gen 12-50: Die Vorfahren Israels[Bearbeiten]

Ex 1-18: Auszug aus Ägypten[Bearbeiten]

Ex 19 - Num 10,10: Am Sinai[Bearbeiten]

Num 10,11 - Num 36[Bearbeiten]

Das Deuteronomium[Bearbeiten]

Bücher der Geschichte[Bearbeiten]

Josua: Die Eroberung Israels[Bearbeiten]

Richter - 1 Sam 7: Vorstaatliche Zeit[Bearbeiten]

1 Sam 8 - 1 Kön 11: Saul, David und Salomo[Bearbeiten]

1 Kön 12 - 2 Kön 25; Chroniken[Bearbeiten]

hintere Propheten[Bearbeiten]

Die Schriften[Bearbeiten]

aDass die Schasu schon im 14. Jhd. in diese Gegend zu verorten seien, ist verschiedentlich bestritten worden; z.B. jüngst von Frevel 2021, Abs. 17. Dass sich das aus den Texten des 14. Jhds. nicht klar herauslesen lässt, ist richtig; aus denen des 13./12. aber schon. Dass die Schasu wenige Jahrzehnte zuvor in einer anderen Region gelebt hätten, ist daher eine viel gewagtere Annahme als die, dass sie auch im 14. Jhd. in die selbe Gegend zu verorten sind. (Zurück zu )