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Vorbemerkung: Zur Geschichte der Akzentforschung[Bearbeiten]
Bei der Erforschung der masoretischen Akzente lassen sich grob vier Phasen abgrenzen:
(I) Die erste reicht bis Anfang des 17. Jahrhunderts. Bis zu dieser Zeit wurde über die Akzente v.a. in sogenannten „masoretischen Traktaten“ der Masoreten selbst und in Sekundärwerken jüngerer jüdischer Theologen über diese Traktate gehandelt. Eine systematische Aufarbeitung dieser langen Phase der Forschungsgeschichte steht noch aus.
(II) 1636 veröffentlichte zunächst Samuel Bohl seine kurze Abhandlung „Scutinium Sensus Scriptuare Sacrae Ex Accentibus“. Darauf folgte bereits 1647 das bereits ganze 550 Seiten umfassende Werk „Šalšelet haMiqra`“ von Caspar Ledebuhr und 1664 das ähnlich lange Werk „Institutio Methodica Accentuationis Hebraeae“ von Matthias Wasmuth. Mit Ledebuhr und v.a. Wasmuth beginnt die zweite Phase, in der erstmals die masoretischen Akzente auf methodische Weise erforscht wurden. Fast alle Akzentforscher bis Anfang des 20. Jahrhunderts orientierten sich sehr stark an Wasmuth und bis heute teilt man das Gros seiner Annahmen.
(III) 1881 und 1887 veröffentlichte dann aber William Wickes zwei Bände über die hebräische Akzentuierung, die heute forschungsgeschichtlich fast ebenso bedeutsam sind wie die von Ledebuhr und Wasmuth. Vor allem erstens deshalb, weil er darin die Idee von Christian Bauer (1730: Vernünfftige Gewißheit der Hebräischen Accentuation als einer Figürlichen Erkenntniß) und Adam Spitzner (1786: Institutiones Ad Analyticam Sacram Textus Hebraici V. T. Ex Accentibus) aufgriff und mit besonderer Klarheit entwickelte, das Grundprinzip der masoretischen Akzentuierung sei das „Gesetz der kontinuierlichen Dichotomie“: Biblische Verse würden akzentuiert, indem sie durch die Akzente zuächst in zwei Hälften zerlegt, die beiden Hälften daraufhin wiederum halbiert würden und immer so fort.
(IV) Die letzte Phase beginnt recht eigentlich erst mit Mordecai Breuers פיסוק טעמים שבמקרא („Die Einteilung der Akzente als Interpunktion“). Unter den frühen Akzentforschern nach Wickes fand dieser mit dem „Gesetz der kontinuierlichen Dichotomie“ nämlich zunächst kaum positive Aufnahme: Japhet 1896 erwähnt ihn erst gar nicht erst; Ackermann 1893 und Spanier 1927 widmen ihm jeweils nur kurze Absätze, um seine Fehler zu kritisieren. Japhet und Spanier sind dagegen noch sehr reine Wasmuth-Schüler; Ackermann Anhänger der Wasmuth-Variante von Hanau und Luzzato. Anders in Lexikonartikeln und Grammatiken: Dort wurde Wickes Beitrag schon früh (z.B. von Margolis in der EncJud von 1906, s. S. 151, oder von Ges.-K. in seiner Grammatik von 1909, s. §15m) als neuer Standard dargestellt. Breuer entwickelte diesen Ansatz noch etwas weiter, und ab der Monographie von Breuer sind fast alle einflussreicheren Akzentforscher Wickes-Anhänger (bes. wichtig: Cohen 1969; Dotan 1971; Yeivin 1976; Aronoff 1985; Dresher 1994 – kürzlich neu aufgelegt in Dresher / DeCaen 2020. Einige neuere Akzente setzte außerdem Price 1990, worin ihm jüngst Fuller / Choi 2017 und Park 2020 gefolgt sind, die voraussichtlich ebenfalls einflussreich werden werden). Eine Ausnahme ist Janis, dessen „Grammar of the Biblical Accents“ von 1987 recht eigentlich als strukturalistische Neuauflage von Wasmuth betrachtet werden kann (obwohl ihm selbst dies vielleicht gar nicht bewusst war), der v.a. wegen der extrem unzugänglichen Präsentation seine Theorie fast nicht rezipiert worden ist.
Ich halte diese moderne Dominanz von Wickes oder von Wickes-cum-Price für verkehrt. Nimmt man sie absolut, stimmen beide Theorien schlechter mit der Evidenz des masoretischen Textes zusammen als die von Wasmuth oder von Wasmuth-cum-Janis; nimmt man sie als bloße Zusatzannahme (wie noch bei Wickes selbst), hat sie keinen zusätzlichen Erklärwert, verkompliziert dann aber das Akzentsystem durch eine dann überflüssige Zusatzannahme. Ich werde daher im Folgenden die Prinzipien der masoretischen Akzentuierung v.a. in Orientierung an Wasmuth und seinen Schülern darstellen, nämlich neben Wasmuth, Spanier und Janis besonders an Weimar 1709; Hancken 1740; Hirt 1762; Ewald 1870 §365; Japhet 1896 und Grimme 1896, S. 27f.
Grob gesprochen sind uns vier verschiedene Akzentuierungsvarianten überliefert: Das palästinische Akzentsystem, das babylonische Akzentsystem, das tiberische Prosa-Akzentsystem und das tiberische Poesie-Akzentsystem. Fast alle wichtigen Handschriften sind mit den tiberischen Akzentsystemen akzentuiert. Nur dieses werde ich daher behandeln: Zunächst ausführlicher das Prosa-Akzentsystem, danach kürzer das Poesie-Akzentsystem, indem dort nur auf die Unterschiede zwischen beiden Systemen hingewiesen werden werden.
Der Zweck der masoretischen Akzente[Bearbeiten]
Bis etwa zum siebten Jahrhundert wurden die Texte des Alten Testaments in reiner Konsonantenschrift tradiert. Parallel zu dieser schriftlichen Tradierung des Konsonantentextes lief die mündliche Tradierung der tatsächlichen Lautung der biblischen Texte. An nicht wenigen Stellen unterscheiden sich diese Traditionen; dies sind die Stellen, bei denen in hebräischen Bibelausgaben ein Unterschied zwischen dem „Ketiv“ (dem „Geschriebenen“) und dem „Qere“ (dem „Gelesenen“) festgehalten werden.
Etwa ab dem achten Jahrhundert aber sind auch hebräische und aramäische Handschriften belegt, in denen die Schreiber-Gruppe der „Masoreten“ den Konsonantentext um weitere Schriftzeichen ergänzt hatten, die dieses „Qere“ festhalten sollten. Ein Teil dieser Schriftzeichen sind die Vokale, ein anderer Teil die sogenannten „masoretischen Akzente“.
Aus den ältesten jüdischen Äußerungen lassen sich v.a. zwei Zwecke dieser Schriftzeichen ableiten. Erstens: Sei dienen der Gliederung des Textes. Schon Rabbi Jochanan im 2. Jhd. n. Chr. nämlich spricht in b.Ned 37a von der „Einteilung durch Akzente“ (pisuq ṭeamim); ähnlich ist von Rabbi Arika (2.-3. Jhd.) überliefert:
- „Was bedeutet das, was da [in Neh 8,8] geschrieben steht – ‚Sie lasen im Buch, in der Torah Gottes: deutlich/getrennt [maporaš, von prš ‚trennen, (unter)scheiden, entscheiden], und sie gaben den Sinn, so dass man das Gelesene verstand.‘? – ‚Sie lasen im Buch, in der Torah Gottes‘: Das ist die Bibel. ‚Deutlich‘: Das meint den Targum. ‚Und sie gaben den Sinn‘: Das meint die Verse. ‚So dass man das Gelesene verstand‘: Das meint die Einteilung durch die Akzente‘ (pisuq ṭeamim). Andere aber sagen: [Letzteres] meint die Masora.“ (b.Ned 37b; b.Meg 3a; ähnlich BerR 36).
Was genau mit dieser „Einteilung durch die Akzente“ gemeint ist, ist wirklich deutlich erst in Schriften aus dem 10.-12. Jhd. überliefert. Saadia Gaon (10. Jhd.) etwa versieht auch seine wissenschaftlichen und autobiographischen Werke mit Akzenten und berichtet in seinem Werk Sefer haGalui von weiteren zeitgenössischen Büchern, die „in Verse aufgeteilt und mit Vokalpunkten und Akzenten versehen waren, damit man sie leichter lesen und einfacher behalten könne“ (Üs. nach Malter 1913, S. 499). Im masoretischen Traktat „Anweisung an den Leser“ (10./11. Jhd.) wird dies noch weiter konkretisiert:
- „Wenn sie [=die Akzentzeichen] nicht da wären, so gäbe es keine Sinnabteilung [...]. Auch kann der Sinn der Versabschnitte nur durch die [Akzente] klar werden, die bald bei einem Wort einen kurzen Halt gebieten, bald eine größere Trennung, bald eine enge Verbindung mit dem folgenden, damit der Leser gewandt über den Text hinlaufen könne und nicht stolpere. Denn wenn er die Abteilungszeichnen nicht kennt, wird der ganze Satz verändert [...] und das Wort des lebendigen Gottes verkehrt.“ (Üs.: Hommel 1917, S. 26),
und noch ausführlicher schreibt Juda haLevi (11.-12. Jhd.):
- „[Die jüdische Poesie hat kein strenges Metrum.] Was zu rezitierende Gedichte angeht, bei denen ein Metrum [eigentlich ja schon] wünschenswert wäre: Hier verzichteten die Hebräer darauf zugunsten einer ausgezeichneteren und nützlicheren Eigenschaft: [...] Es heißt ‚aus dem Mund der Schreiber‘, nicht ‚aus dem Mund von Büchern, weil mündliche Wiedergabe unterstützt wird durch das Pausieren oder das Fortfahren beim Sprechen, das Heben und Senken der Stimme [... usw.], was [bloßer] Text nicht auszudrücken imstande ist. [... In der Bibel nun] sind subtile, aber tiefe Zeichen eingefügt, um das Verständnis der Bedeutung zu fördern: Sie dienen als Ersatz [besagter] Hilfsmittel mündlicher Wiedergabe. Dies sind die Akzente, von denen geleitet die Bibel rezitiert wird. Sie zeigen an, wo einzuhalten und wo fortzufahren ist, sie unterscheiden die Frage von der Antwort, den Beginn von der [Mitte] des Gesprochenen, hastig Gesprochenes von zögernd Vorgetragenem, Befehl von Bitte... Ganze Bücher könnten über dieses Thema geschrieben werden! [...] Hast du es noch nicht erlebt, wie hundert Personen die Bibel lesen wie ein Mann: zum selben Zeitpunkt innehaltend und gemeinsam fortfahrend?“ (Kuzari II 72.76; Üs. grob nach Berlin 1991, S. 64)
Aus Schriften der selben Zeit lässt sich außerdem aber noch ein zweiter Zweck ablesen. Dafür wisse man zunächst, dass biblische Texte in der Synagoge nicht nur rezitiert wurden, wie dies Neh 8,8 voraussetzt, sondern auch kantillierend vorgetragen werden konnten. Besonders deutlich lässt isch dies z.B. schon aus Hieronymus Kommentar zu Jes 58,2 lesen: „Wenn [die Juden in den Synagogen] die Bücher der Propheten und des Mose aus dem Kopf wiedergeben, singen sie die göttlichen Gebote.“ Ab dem 10. Jahrhundert nun finden wir neben Äußerungen wie den obigen auch solche, die besagen, dass die Akzente außerdem als Zeichen für diese Kantillation dienten. So z.B. im masoretischen Traktat Diqduqe haṬeamim, wo es über eine Gruppe von Akzenten heißt:
- „Alle zwölf wurden festgesetzt: Vier, um Musik hervorzubringen, und acht Akzente, um [den Klang] zu süßen.“ (§18);
und völlig deutlich schließlich in einem sehr unterhaltsamen Geniza-Fragment, in dem heftig gegen die Masoreten polemisiert wird (von dem aber leider unsicher ist, wann genau und von wem es verfasst wurde):
- Wendet euch nur zum Tifcha und zum Azla und zum Darga und zum Merka und zum *Zarqa [?] und zum Segolta [=alles Akzent-Namen]! [...] Als wären sie auf Wein, lassen diese Akzentfetischisten und Lieder-Jauler ihre Stimme brechen gleich dem Bruder Tubal-Kains [d.h. Jubal, der Stammvater aller Lauten- und Flötenspieler, Gen 4,21f.]. Sie halten sich für weise wie der [Sänger-König] David, haben aber kein Hirn, können [vor Schwäche auch] kaum aufstehen: Sie öffnen ihren Mund, doch ihre Sprache stockt; ihre Kraft ist vertrocknet wie Ton vom ganzen Qamets-Dehnen [angespielt wird darauf, dass im Zhg. mit bestimmten Akzenten der Vokal Patach zu Qamets gedehnt wird]. Ihre Harfe und ihre Pfeife heulen wie Klageweiber, schluchz schluchz schluchz! Vereint vereinen sie sich alle zur ‚Interpretation‘: Sie sitzen im Kreis und faseln, als wären sie betrunken. Dieser sagt dies / ‚Schluchz!‘, der andre sagt jenes / ‚Heul!‘, und das bis zum Mittag! (Text bei Schechter 1901, S. 358: I 3-10. Für eine wörtlicher Üs. s. Seligsohn 1903, S. 104f.)
Legt man diese alten Äußerungen nebeneinander, wird das heißen, dass für die mittelalterlichen jüdischen Theologen die masoretischen Akzente erstens wirklich prosodische Zeichen waren, die v.a. Betonung von Wörtern und Sprechpausen beim Vortrag von Versen anzeigten, und dass sich zweitens eine Vortragsweise entwickelt hatte, bei der die biblischen Texte kantillierend vorgetragen wurden in Orientierung an der natürlichen Prosodie, mit der diese auch rezitiert worden wären. Die masoretischen Akzente waren danach dann Hilfsmittel für den Vortrag dieser beiden Vortragsweisen.
Prinzipien der Akzentuierung[Bearbeiten]
(1) Die Einteilung des Bibeltextes in Verse und bei manchen Versen außerdem die Einteilung des Bibeltextes in Halbverse ist älter als die Markierung desselben mit Akzenten. Die Versgrenze wird mit dem Akzent „Silluq“ markiert (im Folgenden: D0a), die Halbversgrenze mit dem Akzent „Athnach“ (im Folgenden: D0b). Idelsohn bezeichnet beide daher als „Urakzente“; sie sind auch die einzigen, die sich nicht nur im tiberischen, sondern auch im palästinischen und (bei Athnach: fast) ebenso im babylonischen Akzentsystem finden.
Die Gliederung des Bibeltextes in Verse und Halbverse entspricht nur grob der Gliederung desselben in prosodische „Intonationsphrasen“ (=grob: Die prosodische Größe, die den grammatischen Größen „Satz“ und „Teilsatz“ entspricht). Die masoretischen Akzente müssen daher nicht nur wie im Deutschen die Grenzen von Haupt- und Nebensätzen und von „prosodischen Phrasen“ (=grob: Gruppen von ohne Sprechpause ausgesprochenen, weil in der Aussprache eng zusammengehörigen Wörtern) markieren, sondern (a) prosodische Phrasen, (b) Haupt- und Nebensätze und (c) Verse und (d) dabei außerdem mit bereits vorgegebenem Athnach zurechtkommen. Die masoretischen Akzente funktionieren daher anders als z.B. Satzzeichen im Deutschen:
(2) Akzentuiert werden nicht nur die Phrasengrenzen, sondern jedes Wort trägt einen Akzent oder ist mit einem „Maqqef“, einem hebräischen Bindestrich, mit dem folgenden oder den folgenden Worten zu einer „Akzentgruppe“ zusammengeschlossen. Innerhalb von prosodischen Phrasen werden Wörter mit sogenannten „konjunktiven“ Akzenten (im Folgenden: „K“) oder eben mit Maqqef miteinander verbunden, jeweils am Ende von prosodischen Phrasen werden Vers-, Satz- und Phrasengrenzen durch „disjunktive“ Akzente (im Folgenden: „D“), zu denen auch Silluq und Athnach gehören, voneinander getrennt.
Konjunktive Akzente sind exegetisch fast irrelevant, außerdem lässt sich jeweils nicht genau voraussagen, wo innerhalb einer Phrase ein konjunktiver Akzent vs. wo ein Maqqef steht, obwohl man Faustregeln ableiten kann. Die mit großem Abstand größte Zahl von Varianten in hebräischen Manuskripten bei der Akzentuierung sind entsprechend auch Varianten von Akzentuierung mit konjunktiven Akzenten vs. Akzentuierung mit Maqqef. Auch Maqqef ist daher sehr wahrscheinlich älter als die tiberischen Akzente. Im Folgenden wird es deshalb fast nur noch um disjunktive Akzente gehen. Der Rest ergibt sich dann ja ohnehin automatisch: Ist die Lage von disjunktiven Akzenten erst bestimmt – und diese lässt sich bestimmen –, werden alle Wörter, die nicht mit Maqqef mit dem folgenden Wort verbunden sind, mit konjunktivem Akzent versehen.
(3) Akzente kann man nicht für sich nehmen, sondern sie sind jeweils Teil von relativ regelmäßigen Akzent-Abfolgen. Nur die Lage der (Teil-)Vers-Grenze lässt sich direkt aus den Akzenten Silluq und Athnach ablesen. Wo dagegen jeweils Phrasen- oder (Teil-)Satz-Grenzen liegen, muss man aus diesen Abfolgen disjunktiver Akzente ableiten.
(4) Mit solchen Akzent-Abfolgen wird dabei erstens von hinten nach vorne akzentuiert (wahrscheinlich, weil Silluq und Athnach jeweils am Ende ihrer (Halb-)Verse vorgegeben waren) und zweitens in zwei Durchgängen: Zunächst werden mit einer Untergruppe der Akzente, die oft als „starke“ disjunktive Akzente bezeichnet werden (im Folgenden: „Ds“) die (Teil-)Satz-Grenzen markiert. Danach werden innerhalb dieser (Teil-)Satz-Grenzen mit denselben Akzenten und weiteren disjunktiven Akzenten die Phrasengrenzen markiert.
(5) In der folgenden Tabelle sind, um dies zu vereinfachen, die Akzente nicht nur mit dem Index „s“ ausgezeichnet, sondern außerdem mit den Indices „0-3“ und „a-d“. Soll nämlich angezeigt werden, dass mit einem Wort keine Satz-, sondern nur eine Phrasengrenze endet, kann je nach prosodischem Kontext von hinten nach vorne entweder eine „Akzentreihe“ gebildet werden mit der Abfolge D0 – D1 – D2 – D3 oder es können mehrere Akzente derselben Gruppe hintereinander stehen, dann aber regelmäßig in der Abfolgen D0a – D0b, D1a – D1s, D2a – D2s oder D3a – D3b – D3c – D3s.
Beispiel: Ri 10,6:
Es taten wieder die Kinder Israels das Böse in den Augen JHWHs. Sie dienten den Baalen und den Ascheren und den Göttern Arams und den Göttern Sidons und den Göttern Moabs und den Göttern der Kinder Ammon und den Göttern der Philister. Aber sie verließen JHWH und dienten ihm nicht.
Der Vers besteht aus drei Sätzen. Zunächst wird die Versgrenze und werden die Satzgrenzen durch die „starken“ Akzente abgegrenzt: der letzte durch Silluq (D0a), der vorletzte durch Athnach (D0b), der vorvorletzte durch Segol (D1s):
Die Kinder Israels taten wieder das Böse in den Augen JHWHs. |D1s
Sie dienten den Baalen und den Ascheren und den Göttern Arams und den Göttern Sidons und den Göttern Moabs und den Göttern der Kinder Ammons und den Göttern der Philister.|D0b
Aber sie verließen JHWH und dienten ihm nicht. |D0a
Danach werden innerhalb dieser Sätze die prosodischen Phrasen ebenfalls durch disjunktive Akzente abgegrenzt (zu den Regeln, nach denen diese Phrasen-Grenzen gesetzt werden, s.u.; hier soll nur das Prinzip veranschaulicht werden):
Es taten wieder |D3a
- die Kinder Israels |D2s
- das Böse |D2a
- in den Augen JHWHs. |D1s
Sie dienten den Baalen und den Ascheren |D3s
- und den Göttern Arams und den Göttern Sidons |D3b
- und den |D3a
- Göttern Moabs |D2s
- und den |D2a
- Göttern der Söhne Ammons |D1s
- und den |D1a
- Göttern der Philister. |D0b
Aber sie verließen JHWH |D1a
- und dienten ihm nicht |D0a
Im zweiten Satz haben wir also die Akzentreihe (von hinten nach vorne) D0b – D1a – D1s – D2a – D2s – D3a – D3b – D3s. Aus der Tatsache, dass hier die regelmäßige Reihenfolge von Akzentreihen eingehalten wird – dass die Akzente also aufsteigen von „0“ bis „3“ und von „a“ bis „s“ –, kann man erkennen, dass hier keine Satzgrenze liegt, sondern nur mehrere Phrasengrenzen. Und dies, obwohl in dieser Akzentreihe mehrere „starke Akzente“ vorkommen: Weil sie innerhalb einer Akzentreihe stehen, grenzen sie hier keine Satzgrenzen ab, sondern nur Phrasengrenzen. Oder, richtiger: „Weil sie innerhalb einer Akzentreihe stehen, müssen sie keine Satzgrenzen abgrenzen“: Weil die Ds-Akzente sowohl zur Abgrenzung von Satzgrenzen als auch zur Abgrenzung von Phrasengrenzen dienen, finden sich häufig Fälle, bei denen sich nur auf der Basis der Akzente nicht klar entscheiden lässt, ob er eine Phrasen- oder eine Satzgrenze markiert. Ein zweites Beispiel (in dem – wie stets im Folgenden – nur die relevanten Akzente festgehalten sind), bevor ich die Tabelle gebe:
Beispiel: Ri 14,9:
Da nahm er [den Honig] mit den Händen. |D2s
Und er ging und aß [im Gehen]. |D1s
Und er ging zu seinem Vater und zu seiner Mutter |D1s
- und gab ihnen und sie aßen. |D0b ...
Weil hier zwei D1s aufeinander folgen, ist klar, dass der D1s gegen Ende „nur“ Teil der Akzentreihe vor D0b ist, der erste dagegen eine Satzgrenze markiert. Nicht klar ist es allerdings beim ersten starken Akzent D2s: Er würde hier sowohl dann stehen, wenn er nur eine Phrasengrenze markierte („Da nahm er mit den Händen und ging und aß.“) oder eine Satzgrenze („Da nahm er mit den Händen. Und er ging und aß.“).