Gen 4,17-26:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter)

Aus Die Offene Bibel

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Dies ist eine individuell verantwortete Textfassung. Sie ist Teil der Offenen Bibel, stammt aber in dieser Version nicht vom Gesamt-Team.

Persönliche Fassung

5. Zwei Stammbäume und eine neue Hoffnung


Der zweite Teil von Gen 4 beginnt ebenso wie der erste: „X erkannte seine Frau (Y). Sie empfing und gebar den Z“. Ähnlich schließen die Verse 20-22 mit der Formulierung „X tat x. Y aber, auch Y, tat y“ eng an die Verse 3-4 an, und Kraftprotz nimmt mit seinem Prahllied in den Versen 23-24 deutlich Bezug auf Gottes Urteil in Vers 15. Es ist also klar, dass Gen 4,17-26 als dritter Part des Triptychons Gen 2-3 – Gen 3,25-4,16 – Gen 4,17-26 gelesen werden sollen. Und das aber, obwohl der nun folgende Text zu einer ganz anderen literarischen Gattung gehört als die anderen beiden, die man als „mythische Novellen mit Exposition“ bezeichnen könnte. Was sich hier anschließt, ist stattdessen eine Mischung aus Genealogie und Anekdotensammlung, wie sie sich noch sehr häufig in der Bibel finden wird. Auf heutige westliche Leser wirken die folgenden Verse daher eher fremd, und noch mehr dann die rein genealogische Chronik, die sich in Gen 5 anschließen wird. Überblättern sollte man sie dennoch nicht. Im Alten Israel waren Genealogien wichtig: sie ordneten die Welt, und in einer so sehr von der Stammes- und Familienzugehörigkeit bestimmten Gesellschaft wie dem Alten Israel war die Genealogie eines Menschen Ausweis seiner Stellung in dieser Welt. Vor allem aber sind die Genealogien der Bibel seltenst nur Genealogien; vielmehr nutzten die alten Autoren die strengen formalen Vorgaben dieser Gattung kreativ aus: Biblische Genealogien sind häufig chronik-gewordene Theologie.
Das ist bei den beiden folgenden Genealogien noch klarer als bei vielen anderen: Sehr grob geht die erste Genealogie in Gen 4 von Kauf bis Tubal-Kauf, die zweite von Erdling bis Mensch. Schon in den Namen zeigt sich an, dass sich hier zwei Kreise schließen. Am ausführlichsten ist in der ersten Genealogie aber die Rede von Kraftprotz, dem siebten in der Linie nach Erdling. In der sich in Gen 5 anschließenden Genealogie gibt es ebenfalls einen Kraftprotz, und auch dieser steht an siebter Stelle nach Mensch, dem „neuen Erdling“. Das wird auf verschiedene Weisen noch zusätzlich betont: Als die Familie des ersten Kraftprotz mit seinen beiden Frauen und vier Kindern auf die Zahl sieben angewachsen ist, singt er sein Lied darüber, dass, wo Kauf siebenfach gerächt werden müsse, er sich 77-fach rächen werde. Ähnlich erreicht der zweite Kraftprotz das Alter von 777 Jahren. Dass die Notizen über die beiden Kraftprotze derart von der Zahl Sieben bestimmt werden, ist natürlich nicht als historische Aussage zu nehmen, sondern ist narrative Theologie: Wie die Schöpfung der Welt nach sieben Tagen abgeschlossen war, so kommt auch hier nach sieben Generationen etwas zu seiner Vollendung, und nach den beiden Kraftprotzen beginnt eine neue Ära: Am Ende von Gen 5 stehen so gegeneinander die drei kulturstiftenden Söhne des ersten Kraftprotz und Noah, „der alle retten wird“.
Auch die Tatsache, dass es gerade die Nachfahren von Kauf und die Söhne von Kraftprotz, dem „Kauf-in-Potenz“, sind, die als Zivilisationsstifter vorgestellt werden, ist wahrscheinlich narrative Theologie: In den Mythen der umliegenden Völker sind es
Götter oder mindestens mythische Wesen wie die assyrischen Apkallu, auf die Leistungen wie die Gründung der ersten Stadt oder die Erfindung von Viehzucht, Musik und Schmiedekunst zurückgeführt werden. Hier dagegen sind das Kauf und seine Nachfahren Jabal, Jubal und Tubal-Kauf – nicht nur Menschen also, sondern sogar Menschen der übelsten Sorte. Das ist erstens weniger Kommentar zu diesen zivilsatorischen Leistungen an sich als Kommentar zu den Mythen in der Umwelt des Alten Israel, zweitens aber lässt es sich dann hiermit in Gen 6,5 plausibilisieren, dass die ganze Menschheit verdorben ist: Kein Wunder, wenn ihre Zivilisation zurückzuführen ist auf solche Gründerfiguren.


17 Und Kauf erkanntea seine Frau.
Sie empfing und gebar den Klug.
Er wurde Gründer einer Stadtb
und nannte den Namen der Stadt
nach dem Namen seines Sohnes: „Klug“.

18 Seine Stammlinie: Klug – Städter – Mahijael – Matuschael – Kraftprotz.

19 Kraftprotz nahm sich zwei Frauen.
Der Name der einen war Schmuck,
der Name der anderen Schatten.
20 Schmuck gebar Jabal.
Er war der Vater derer, die Zelt und und Herde bewohnen.c
21 Der Name seines Bruders war Jubal.
Er war der Vater all derer, die Laute und Flöte halten.
22 Schatten aber, auch sie, gebar den Tubal-Kauf,
den Schärfer derer, die Kupfer und Eisen schmieden.d
Tubal-Kaufs Schwester war Lieblich.
23
24
25
26


Gen 2,25-3,24 <= | => Gen 5
aerkennen ist hier wie häufig Euphemismus für „Geschlechtsverkehr haben“. Es ist das selbe Verb, das auch in Gen 2-3 den Baum als „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ beschrieb. (Zurück zu Lesefassung v.17)
bKlangspiel: „Gründer“ ist im Hebräischen boneh, „sein Sohn“ ist beno. Der ganze Satz ist damit ringförmig um diese Namensgleichheit strukturiert: (a) ... den Klug. (b) Gründer: boneh (c) Stadt – Name (c') Stadt – Name (b') sein Sohn: beno (a') Klug (gut Sasson 1978b, S. 173f.).
Klugs Sohn heißt ´Irad. Für gewöhnlich würde man das als „Wildesel“ deuten, in ´Irad steckt aber ´ir („Stadt“). Damit wird Kauf zum ersten Städtegründer, sein Sohn Klug ist identisch mit einer Stadt, und dessen Sohn trägt „Stadt“ in seinem Namen. Die kulturelle Großtat der ersten Städtegründung wird also gleich auf zwei Weisen hervorgehoben. (Zurück zu Lesefassung v.17)
cdie Zelt und Herde bewohnen - schief formuliert. Das Hebräische lässt sich relativ unproblematisch auflösen als „jene, die [im] Zelt und [bei der] Herde wohnen“; hier aber wurde die Formulierung bewusst verkürzt, um die Zeile noch stärker mit den folgenden zusammenklingen zu lassen: „jene, die Zelt und Herde bewohnen“ – „jene, die Laute und Flöte halten“ – „jene, die Kupfer und Eisen schmieden“. (Zurück zu Lesefassung v.20)
dEine ganz merkwürdige Beschreibung. Soll vielleicht gesagt sein: Jabal und Jubal begründeten eine Lebensweise und wurden so zu „Stammvätern“, Tubal-Kauf dagegen begründete ein Handwerk und liefert daher stattdessen das Handwerkszeug für die künftigen Handwerker? Aber urteilt man nach 1 Sam 13,19-20, war laṭaš („schärfen“) nicht die Zuarbeit für Schmiede, sondern die Tätigkeit von Schmieden selbst. Ist vielleicht ein „Schärfer der Schmiedenden“ ein „Mega-Schmied“, wie das „Lied der Lieder“ (Hld 1,1) ein „Super-Lied“, der „König der Könige“ (Dan 2,37) ein „Hyper-König“ und das „Heilige des Heiligen“ (Ex 26,33) das „Aller-Heiligste“ ist? Der Ausdruck ist bis heute unklar. (Zurück zu Lesefassung v.22)