Gen 30,25-31,2:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter)

Aus Die Offene Bibel

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Dies ist eine individuell verantwortete Textfassung. Sie ist Teil der Offenen Bibel, stammt aber in dieser Version nicht vom Gesamt-Team.

Persönliche Fassung

?. Duell der Gauner

Nachdem Zibbe endlich ein Kind bekommen hat und die vierzehn Jahre vergangen sind, die der arme Ferse für seine beiden Frauen bei Weiß dienen musste, ist auch die Zeit gekommen, dass er sich nun auch eigenen Besitz erarbeiten kann. Er gibt daher vor, nach Hause aufbrechen zu wollen. Weiß will seinen besten Arbeiter natürlich nicht verlieren, und so verhandeln beide ihr Arbeitsverhältnis neu: Ferse handelt heraus, von nun an als Partner von Weiß statt als dessen Diener arbeiten zu können: Alle weißen Schafe und alle einfarbig braunen Ziegen sollen künftig an Weiß gehen, alle anderen Tiere an Jakob. Das ist zwar insgesamt wahrscheinlich die kleinere Hälfte, aber dennoch ein stolzer Lohn: Wie noch heute waren orientalische Schafe auch in der Antike überwiegend braun statt weiß. Bei Ziegen ist die übliche Fellfarbe der Antike nicht ähnlich gut erschließbar, aber jedenfalls waren auch gefleckte Ziegen keine Seltenheit.
Doch Weiß hat bereits einen weiteren Trick ersonnen: Ferse hat in V. 33 nicht genau genug formuliert, ob erst die künftig geborenen Tiere mit besonderer Färbung ihm gehören sollen oder schon die Tiere, die es aktuell in den Herden von Weiß gibt. Und so sondert überraschend noch am selben Tag –
Weiß die meisten Tiere aus, die Ferse für sich beanspruchen könnte. Diese übergibt er seinen Söhnen, so dass sie nicht mehr „unter seinem Vieh“ sind (V. 33), wenn Ferse durch dessen Reihen geht. In Gen 31,43 wird er dann sogar auch noch umgekehrt behaupten, die später geborenen Tiere gehörten nicht Ferse.
Aber auch der trickreiche Ferse weiß sich zu helfen: In der Antike (und bis ins 18. Jahrhundert) war der Glaube verbreitet, bestimmend für das Aussehen von Lebewesen sei, was ihre Mutter oder ihr Muttertier während oder kurz nach der Zeugung vor Augen hatte. Dieses „Wissen“ macht sich Ferse zunutze: Er nimmt sich Äste von Bäumen mit fleckiger Rinde; diese bearbeitet er noch weiter, um noch mehr Weiß zum Vorschein zu bringen, und sorgt so dafür, dass Ziegen bei der Paarung stets Geflecktes vor Augen haben. Schafen dagegen bringt er braune Ziegen vor Augen, wenn sie sich paaren, und beides tut er nur, wenn zu erwarten ist, dass die Tiere starke Junge werfen werden. Nachdem ihn Weiß ein weiteres Mal ausgetrickst hat, trickst nun endlich Ferse zurück – und das in dem Maße, dass Weiß nach und nach seinen Besitz wieder verliert, wähernd der von Ferse dagegen immer weiter anwächst. Am Ende hat er so reiche Habe, hat aber gleichzeitig den Unmut der ganzen Familie von Weiß auf sich gezogen.


25 Nachdem Zibbe ihr Kind Josef zur Welt gebracht hatte, sagte Ferse zu Weiß: „Lass mich gehen! Ich will zurück in mein Land und an meinen Heimatort! 26 Gib mir meine Frau und meine Kinder, für die ich als Diener für dich gearbeitet habe, damit ich gehen kann! Du weißt ja, mit welchem Einsatz ich dir gedient habe!“
27 Weiß antwortete: „Wenn du mir doch die Gnade erweisen würdest... – ich war vom Unglück verfolgt, doch dann hat Gott mich um deinetwillen gesegnet. 28 Daher: Sag mir nur, welchen Lohn du verlangst! Ich werde ihn zahlen.“
29 Ferse gab zurück: „Du weißt ja, wie ich dir gedient habe und was durch meine Arbeit mit deinem Vieh geschah. 30 Vor meiner Ankunft hattest du nur wenig, danach ist es zu einer Menge angewachsen: Gottes Segen folgte mir auf dem Fuße. Aber jetzt muss ich auch einmal für meinen Haushalt arbeiten!“
31 „Was also soll ich dir geben?“, fragte Weiß.
32 „Du musst mir gar nichts geben“, gab Ferse zurück, „wenn du nur diese Sache für mich tust: Ich werde wieder dein Vieh für dich hegen und hüten. 33 Noch heute aber will ich durch dein Vieh gehen und jedes gesprenkelte und gefleckte Tier – jedes braune Lamm und jede gefleckte und gesprenkelte Ziege – aussortieren: Mein Lohn. Das würde meine Redlichkeit gewährleisten, wenn du dich künftig an meinen Lohn setzt: Alles, was dann unter meinen Ziegen nicht gesprenkelt und gefleckt und unter meinen Lämmern nicht braun ist, soll dann als von mir gestohlen gelten.“
34 „Deal!“, rief Weiß. „Genau so soll es geschehen.“


35 Noch am selben Tag sonderte er die gestreiften und gefleckten Ziegenböcke und alle gesprenkelten und gefleckten Zicken aus – also alles, was Weiß an sich hatte – und auch alles Braunen unter den Lämmern. Diese Tiere übergab er seinen Söhnen 36 und brachte eine Wegstrecke von drei Tagen zwischen sich und Ferse. Ferse hütete das übrige Kleinvieh von Weiß.


37 Da nahm sich Ferse weißes Geäst vom Storaxbaum, vom Mandelbaum und der Platane. Er machte weiße Kerben hinein und legte so das Weiß frei, das an den Ästen war. 38 Diese Äste mit ihren Kerben setzte er in die Wasserbehälter an den Tränkeplätzen des Wassers, zu denen das Vieh kam, um Angesicht in Angesicht mit anderem Vieh zu trinken.
Sie waren brünstig, wenn sie zum Trinken kamen. 39 Daher blickte nun das Vieh in seiner Brunst auf die Äste, und so warfen die Tiere gestreifte, gesprenkelte und gefleckte Junge.
40 Die Lämmer sonderte Ferse von den Ziegen ab und wandte die Köpfe der Lämmer in der Herde von Weiß zu den gestreiften und braunen Tieren hin. So baute er sich nach und nach eigene Herden auf, das nicht als Vieh von Weiß gerechnet werden mussten.
41 Immer dann, wenn die Tiere im Frühling brünstig waren, stellte Ferse die Äste vor die Augen der Tiere in die Wasserbehälter, so dass sie in ihrer Brunst die Äste vor Augen hatten. 42 Wenn sie dagegen im Herbst brünstig waren, stellte er sie nicht auf. So gingen die Frühlings-Tiere an Weiß und die Herbst-Tiere an Ferse, 43 und sein Besitz wuchs und wuchs zu einer Menge an: Er gewann Vieh, Mägde, Knechte, Kamele und Esel.


1 Aber Ferse hörte auch, wie die Söhne von Weiß redeten: „Ferse hat alles genommen, was unserem Vater gehört! Aus dem, was unserem Vater gehört, hat er all diesen Besitz geschaffen!“ 2 Und am Gesicht von Weiß sah er, dass auch dieser nicht mehr mit ihm war wie früher.


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