Persönliche Fassung
Nachdem Gen 4,17-26 und Gen 5 anhand der beiden Stammbäume der ersten Menschen berichtet haben, wie der Mensch sich auf der Erde vermehrte, schließt hieran Gen 6,1-8 mit einem Doppelabschnitt an: Die Vermehrung des Menschen hat unter anderem zweierlei zur Folge: Erstens der Verkehr von göttlichen Wesen mit menschlichen Frauen, zweitens die Geburt „berühmter Männer“. Ersteres veranlasst Gott zur Entscheidung, die Lebensspanne des Menschen zu begrenzen (vermutlich, um damit einerseits den Menschen für die göttlichen Wesen als Partnerinnen uninteressant zu machen und auch, um die Macht ihrer Nachkommen zu begrenzen), Letzteres zu der, die Menschheit samt und sonders zu vernichten. Dass Menschen „berühmt“ werden wollen, wird auch in Gen 11,4 berichtet, auch dort fällt Gott in Gen 11,8 eine ähnliche Entscheidung.
Die Figur Gottes in der Urgeschichte gewinnt nach und nach an Profil: Offenbar hat er grundsätzlich etwas dagegen, dass der Mensch als „sein Stellvertreter“ (Gen 1,27 an Rang und Namen gewinnt, und durchkreuzt so all seine Anwandlungen: Mann und Frau werden in Gen 3 aus dem Gottesgarten vertrieben, damit sie nicht unsterblich würden; Frau Leben und Herr Kauf werden in Gen 4 erniedrigt, hier werden die Vermengung von Mensch und Gott verhindert und die „berühmten“ Männer ausgerottet und in Gen 11 schließlich wird die Menschheit über die ganze Erde verstreut, als sie sich ein letztes Mal bemühen, groß zu werden. Das selbe Motiv findet sich noch häufig in der Bibel (s. z.B. Dtn 8,14; Spr 11,2; 16,18; 18,12; 29,23; Jes 2,11f.; Ez 28,2; Ob 3f.
Die beiden Unterabschnitte sind offensichtlich parallel gebaut: (1) V. 1 berichtet von der Geburt von Töchtern „auf dem Erdboden“, V. 4 von der Anwesenheit von Männern „auf der Erde“. (2) In V. 1 „vermehrt“ sich der Mensch, in V. 5 „vermehrt“ sich das Böse im Menschen. (3) In V. 2 „sehen“ die göttlichen Wesen, dass die Menschenfrauen „gut“ sind, in V. 5 „sieht“ Gott, dass der Mensch durch und durch „böse“ ist. (4) In beiden Abschnitten führt dies zu einem mit „Da sprach GOTT“ eingeleiteten Urteilsspruch: In V. 3 wird die Lebensspanne des Menschen vermindert, in V. 6 der Beschluss zur Vernichtung des Menschen vernichtet.
Das erste Urteil spannt einen Bogen von hier am Beginn des Pentateuch bis zum Ende in Dtn 34,5-7: Die Lebensspanne des Menschen lässt im Folgenden nur schrittweise nach, und Mose wird der erste sein, der nur noch 120 Jahre alt wird – und gleichzeitig neben Ijob der letzte, der auch nur dieses Alter erreichen soll. Das zweite Urteil dagegen verweist voraus auf die sich in Gen 6,9 - Gen 9 anschließende Erzählung von der Flut.

1 Als der Erdling begann,
sich auf dem Erdboden zu vermehren,
wurden ihnen Töchtern geboren.
2 Da sahen die göttlichen Wesen,
dass die menschlichen Frauen gut waren
und nahmen sie sich als Ehefrauen:
Alle, die sie sich auswählten.
3 Da sprach GOTT:
„Mein Geist soll den Erdling nicht richten auf ewig:
Wegen ihres Fehltritts ist er Fleisch –
seine Lebensspanne belaufe sich auf 120 Jahre!“
4 Auch die Gefallenen waren auf der Erde in jenen Tagen.*
Dies waren die Helden,
die seit jeher berühmten Männer.
5 GOTT sah, dass sich das Böse des Erdlings vermehrte〈a〉 auf der Erde,
und dass alles Sinnen der Gedanken seines Herzens nur böse〈a〉 war.
6 GOTT bereute, dass er den Erdling gemacht auf der Erde
und es schmerzte ihn bis in sein Herz hinein.
7 Da sprach GOTT:
„Ich werde auslöschen den Erdling, den ich geschaffen habe, vom Erdboden –
Mensch, Vieh, Geschlängel und Geflügel im Himmel –,
denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe.“
8 An Ruh allerdings hatte GOTT Gefallen.〈b〉
* Im Text steht noch: und auch später, als die göttlichen Wesen zu den menschlichen Frauen eingingen, und diese ihnen gebaren.
Wahrscheinlich hat das ein Schreiber erst später ergänzt: Nachdem Vv. 1-3 ihr Ziel mit dem Gottesurteil bereits erreicht haben, präzisiert dieser Nebensatz nur noch, dass die „Gefallenen“ nicht identisch waren mit den „göttlichen Wesen“ oder ihrem Nachwuchs, obwohl die Ära der Halbgötter und die der Heroen sich überschneiden: Letzere gab es bereits, und es gab sie auch noch zur Zeit, als die göttlichen Wesen mit den Frauen verkehrten. Anlass dieser Ergänzung waren wahrscheinlich Sagen aus dem Umfeld des Alten Israel, dass Götter mit Menschen Halbgötter gezeugt hätten und dass diese die berühmten Heroen der Vorzeit waren – Gilgamesch in Mesopotamien z.B., oder Herakles in Griechenland.
| a | Zwei Klangspiele: „Das Böse des Erdlings vermehrte sich“ = heb. rabbah ra´at ha`adam mit deutlicher a-Assonanz; „nur böse“ = ähnlich raq ra´. (zu Lesefassung v.5) |
| b | Klangspiel: „Ruh“ = nōḥ, „Gefallen“ mit den selben Konsonanten ḥen. (Zurück zu Lesefassung v.8) |