Gen 6,1-8/Persönliche Fassung (Sebastian Walter)

Aus Die Offene Bibel

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Dies ist eine individuell verantwortete Textfassung. Sie ist Teil der Offenen Bibel, stammt aber in dieser Version nicht vom Gesamt-Team.

Persönliche Fassung

7. Gott fällt zwei Entscheidungen


Daniel Chester French: The Sons of God Saw the Daughters of Men That They Were Fair. Skulptur, 1923. CC0 1.0

1 Als der Erdling begann,a
sich auf dem Erdboden zu vermehren,
wurden ihnen Töchter geboren.
2 Da sahen die Götterwesen,b
dass die Erdlingsfrauen gut waren,c
und alle, die sie erwählten,
nahmen sie sich als Ehefrauen.
3 Da sprach GOTT:
„Mein Hauch soll den Erdling nicht richten auf ewig:
Wegen ihres Fehltritts ist er Fleischd
seine Lebensspanne belaufe sich auf 120 Jahre!“


4 Auch die Gefallenenb waren auf der Erde in jenen Tagen –
und auch später,
als die Götterwesen mit den Erdlingsfrauen verkehrten,
und diese ihnen gebaren.
Dies waren die Helden,
die seit jeher berühmten Männer.e
5 Da sah GOTT,
dass sich das Böse des Erdlings vermehrtef auf der Erde,
und dass alles Sinnen der Gedanken seines Herzens ständig nur bösef war,
6 und GOTT war untröstlich, dass er den Erdling gemacht hatte auf der Erde
und es peinigte ihn bis in sein Herz hinein.g
7 Da sprach GOTT:
„Ich werde auslöschen den Erdling, den ich geschaffen habe, vom Erdboden –
vom Erdling über das Vieh und das Geschlängel bis zum Geflügel im Himmel –,
denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe.“


8 Ruh allerdings fand Gnade vor GOTT.h


Gen 5 <= | => Gen 6,9-22


Nachdem Gen 4,17-26 und Gen 5 anhand der beiden Stammbäume der ersten Menschen berichtet haben, wie der Mensch sich auf der Erde vermehrte, schließt hieran Gen 6,1-8 mit einem Doppelabschnitt an, mit dem gleichzeitig der erste Teil von Gen 1-11 endet und mehrere Erzählfäden zu Ende geknüpft werden.
Der erste Unterabschnitt, Gen 6,1-3, ist wie Gen 3 überwiegend Anthropogonie: Götterwesen paaren sich mit Menschenfrauen; in der Folge entscheidet Gott, das menschliche Leben auf maximal 120 Jahre zu begrenzen. Diese erste Entscheidung Gottes spannt einen Bogen von hier am Beginn des Pentateuchs bis zu seinem Ende in Dtn 34,5-7: Die Lebensspanne des Menschen lässt im Folgenden nur schrittweise nach, und Mose wird der erste sein, der nur noch 120 Jahre alt wird – und gleichzeitig neben Ijob der letzte, der auch nur dieses Alter erreichen soll.
Nach dem Erzählzusammenhang sind diese Götterwesen die Keruben und Feuerengel, die Gott am Ende von Gen 3 vor seinen Garten postiert hat. Das passt zur Logik der Urgeschichte: Leider hat Gott auch einen verbotenen Baum in seinen Garten gepflanzt; daran, dass der Mensch nun sterblich ist, trägt er immerhin eine Teilschuld. Leider hat er das Opfer von Kauf nicht gewürdigt; an der ersten Sünde des Menschen ist er auch mitschuldig. Und leider hat er außerdem himmlische Wächter vor seinen Garten postiert; auch das kurzen Leben des Menschen hat er so mitzuverantworten.
Der zweite Unterabschnitt, Gen 6,4-8, ist vor allem Überleitung zum nächsten Hauptabschnitt, Gen 6,9 - Gen 9: Unter den vielen Nachkommen des Menschen sind nicht nur begehrenswerte Töchter, sondern auch Recken von Rang und Namen. Doch damit, dass der Mensch, sein „Stellvertreter“ und „Diener des Erdbodens“, an Rang und Namen gewinnt, hat Gott offensichtlich ein grundsätzliches Problem: In Gen 2-3 verwehrt er ihm den Zugang zum Baum der Erkenntnis und zum Baum des Lebens, damit er nicht den Göttern gleich werde; in Gen 4 erniedrigt er Frau Leben, als diese sich auf einer Stufe mit Gott sieht; hier vermindert er die Lebensspanne des Menschen, nachdem dieser sich mit Göttern eingelassen hat, und wie er später die Menschen über die Erde zerstreut, als diese sich „einen Namen machen wollen“ (Gen 11,4), so beschließt er hier gar die Vernichtung seiner ganzen Schöpfung. Die Ursünde des Menschen war wirklich der Griff zur Frucht; dieser Griff aber steht nicht für Ungehorsam oder Geschlechtlichkeit – sondern für Anmaßung.
So unterschiedlich die beiden Abschnitte sind, gehören sie doch klar zusammen: Beide sind locker parallel gebaut; in unterschiedlicher Reihenfolge berichtet jeder

(a) dass die Menschheit (V. 1) / das Böse der Menschheit (V. 5) sich „vermehrt“,
(b) von der Geburt der Töchter auf dem Erdboden (V. 1) / der Anwesenheit der „Gefallenen“ auf der Erde (V. 4),
(c) dass die Götterwesen sehen, dass die Menschenfrauen „gut“ sind (V. 2) / Gott sieht, dass die Menschen „böse“ sind (V. 5),
(d) dass die Götterwesen Menschenfrauen ehelichen (V. 2) / mit ihnen Nachwuchs zeugen (V. 4)
(e) Dass Gott eine durch „da sprach GOTT“ eingeleitete Konsequenz zieht (Vv. 3.7).

Beide Unterabschnitte spielen damit hier auch das erste Mal Motive ein, die sich noch sehr häufig in der Bibel finden werden: Menschliche Größe ist gefährlich und führt zum Fall (s. z.B. Dtn 8,14; Ijob 20,6f.; Spr 11,2; 16,18; 18,12; 29,23; Jes 2,11f.; Ez 28,2; Ob 3f), und gerade in der Kürze des menschlichen Lebens liegt seine Bedeutungslosigkeit und Kleinheit: Wegen ihr ist er nur wie Wasser, das verschüttet werden kann (2 Sam 14,14), wie Erde, die zu Staub wird (Ijob 10,9), wie ein Traum, der vergessen wird (Ijob 20,8; Ps 90,5), wie Kot, der verrottet (Ijob 20,6f.), wie Gras und Wildblume, die verdorrt (Ijob 14,2; Ps 90,5f.; 103,15f.; Jes 40,6f.; 51,12f.); wegen ihr ist der Mensch verschwindend unbedeutsam in den Augen Gottes: „Meine Dauer ist wie nichts vor dir; ach!, nur ein Lüftchen ist jeder aufrechte Mensch!“ (Ps 39,6).
Und doch: So unbedeutend der Mensch auch ist, kann er doch Gnade finden in den Augen Gottes. Wie Ruh, der Held der sich ab Gen 6,9-22 anschließende Erzählung von der Flut.


aWortspiel: Das heb. Wort heißt auch „entweihen, entehren“; entsprechend ist „entehrte Frau“ in Lev 21,7 Ausdruck für eine Prostituierte. Schon in diesem Wort deutet sich also an, was gleich folgen wird. (Zurück zu Lesefassung v.1)
bDie Existenz weiterer Götterwesen neben GOTT setzen viele Texte des ersten Testaments ohne weiteres voraus; s. besonders klar in Ijob 1-2, wo z.B. auch „der Satan“ zu diesen Götterwesen gehört.
Die Gefallenen, heb. napilim, kennt man in der heutigen Populärkultur als Nachkommen dieser Götterwesen und der Erdlingsfrauen. Das sagt der biblische Text gerade nicht; es gab sie schon, bevor die Götterwesen mit den Menschentöchtern verkehrten. Wir wissen daher über diese Gruppe nur, was hier und in Num 13,32 über sie berichtet wird: Sie sind männliche Helden der alten Zeit, sind bereits gefallen, und waren im alten Israels bekannt und sagenumwoben genug, dass ihre bloße Erwähnung genügte, um die Israeliten in Furcht zu versetzen. Ez 32,23 spricht sehr ähnlich von „gefallenen (nopilim) assyrischen Helden“ in der Unterwelt.
Auslegungsgeschichte: Weil man sich in der christlichen Antike lüsterne Engel o.ä. nicht mehr vorstellen konnte – dies findet sich selbst noch heute bisweilen in der Literatur: göttliche Wesen und/oder Engel sind Geistwesen und könnten daher angeblich gar kein Begehren empfinden – entwickelte sich etwa ab dem 4. Jhd. die mindestens bis ins späte 19. Jhd. prägende Idee, mit den „Götterwesen“ seien die Nachfahren von Sitz und mit den „Menschenfrauen“ die weiblichen Nachfahren von Kauf gemeint. Gen 6,1-4 konnte man daraufhin als Bestätigung der antiken christlichen Auslegung von Gen 3 nehmen: Wie dort Frau Leben Schuld an der Ursünde trug, indem sie ihren Mann „verführt“ hatte, so trügen hier die Nachfahrinnen von Kauf Schuld an der Kürze des menschlichen Lebens, weil sie die Nachfahren von Sitz verführt hätten. Ein Beispiel: „Die Söhne Seths sahen die Töchter des Kain, die sie mit ihrer Schminke [die Nachfahrinnen von Kauf hatten nach der christlichen Auslegung angeblich u.a. das Schminken erfunden] und ihren Liedern von ihrer gesegneten Wohnung auf dem Gipfel des Berges Hermon herunterlockten, und wurden von ihnen verführt. ... [V. 3 wird übersetzt als ‚Mein Geist wird nicht auf ewig beim Menschen wohnen, weil dieser Fleisch ist‘; dies soll bedeuten:] Weil er von fleischlichen Lüsten in Knechtschaft genommen wurde.“ (Bar-Hebraeus). (Zurück zu Lesefassung v.2 / zu Lesefassung v.4)
cEin Rückbezug zu Gen 1. Grammatisch entspricht die Formulierung exakt der in Gen 1,4. Der Vers liefert so auch die Bewertung des Menschen als „gut“ nach, die zwischen Gen 1,27 und Gen 1,28 auffällig nicht stand. Aber sie wird pervertiert nachgeliefert: Für die Götterwesen sind die Erdlingsfrauen nur „gut“ als verbotene Früchte, die sie ebenso „als gut ansehen und dann nehmen“, wie Frau Leben in Gen 3,6 ihre verbotene Frucht als gut angesehen und genommen hatte. V. 5 unseres Kapitels zeigt dagegen, wie der Mensch wirklich ist: durch und durch schlecht in den Augen Gottes. (Zurück zu Lesefassung v.2)
dFleisch, d.h. vergänglich. Vgl. Ps 78,39: „Er dachte daran, dass sie Fleisch sind: Nur ein Hauch, der verweht und nicht zurückkehrt.“
Fehltritt, von heb. šagag / šagah, passt hier sehr gut: Es ist zum einen terminus technicus für unbeabsichtigte Sünden, zum anderen wird es speziell vom „Liebestaumel“ gesagt (s. Spr 5,19; in V. 23 in der üblichen Bed.). Damit verweist das Wort gleich doppelt auf das Miteinander von Menschenfrauen und Götterwesen.
Betont sei, dass es unbeabsichtigte Sünden bezeichnet. Wie es in Gen 3 letztlich die Schuld der Schlange war, dass dem Menschen der Zugang zum Baum des Lebens verwehrt ist, ist es hier letztlich die Schuld der Götterwesen, dass der Mensch auch noch zur Kurzlebigkeit verdammt wird – die Frage nach der Schuld interessiert Gott hier gar nicht; entscheidend allein: Es ist geschehen, nun muss es Konsequenzen haben.
Es muss gar nicht vorausgesetzt sein, dass die Nachkommen von Göttern und Menschen unsterblich wären o.ä. und dass Gott deshalb das menschliche Leben begrenzen muss; wahrscheinlicher ist nur gemeint: „Herrje! Erst kam Frau Leben mit der verbotenen Frucht, dann Herr Kauf mit seinen Minderwertigkeitskomplexen, dann Herr Kraftprotz mit seiner Vermessenheit, und nun paaren sich auch noch die Frauen mit Göttern! Es reicht, 1000 Jahre sind offenbar einfach zu lang – ich muss hier ja jeden verurteilen, der nicht zufällig schon vor Ablauf seiner Zeit getötet wird! Darum: Vergänglich seien sie! 120 Jahre, länger nicht!“
Die Enallage „ihr Fehltritt – er ist Fleisch“ ist unproblematisch; sie findet sich fast ebenso ja bereits in V. 1. Vielleicht trägt sie außerdem zur Bedeutung bei: „Der Erdling“ ist in V. 1 offensichtlich Gattungsbegriff, wonach daher im Folgenden vom Erdling im Plural weitergesprochen werden kann. Hier wäre es dann umgekehrt: „Sie“ – einer nach dem anderen – sind fehlgegangen und haben so aber Fehler um Fehler auf „den“ Menschen gehäuft. Es ist danach nur konsequent, dass das Urteil über die ganze Gattung verhängt wird. (Zurück zu Lesefassung v.3)
eTextkritik: Im Hebräischen steht nicht zwischen Vers 3 und 4, sondern hier – zwischen Vers 4 und 5 – ein Texteinschnitt, der auch durch fast alle mittelalterlichen Handschriften bezeugt wird (Ausnahmen: G24 ganz ohne Einschnitt, in TS1 [S. 12] stattdessen zw. Vv. 2.3). Warum die alten Schreiber hier einen Abschnitt gesehen haben, ist auch klar: Mit der Passage „und auch später, als die Götterwesen zu den Erdlingsfrauen eingingen, und diese ihnen gebaren“ scheint V. 4 prima vista noch vom Selben zu sprechen wie Vv. 1-3. Analysiert man etwas genauer, ist der parallele Aufbau von Vv. 1-3 und 4-7 aber zu deutlich erkennbar. Auch die Wortstellung und Verbform von V. 4 (X - Qatal) zeigt an, dass mit der Rede von den Gefallenen ein „neues Fass aufgemacht“ wird (richtig Gentry / Wellum 2018, Kap. 5), wohingegen V. 5 mit Wayyiqtol direkt an V. 4 anschließt. Der Texteinschnitt zwischen Vv. 4.5 dürfte also ein Fehler der alten Ausleger sein und richtiger zwischen Vv. 3.4 liegen. (Zurück zu Lesefassung v.4)
fZwei Klangspiele: „Das Böse des Erdlings vermehrte sich auf der Erde“ = heb. rabbah ra´at ha`adam ba`arṣ mit deutlicher a-Assonanz; „nur böse“ = ähnlich raq ra´. Man beachte in dieser Zeile auch die Häufung der Ausdrücke für Vollständigkeit: „alles Sinnen“, „standig“, „nur böse“, und die arg redundante Formulierung „das Sinnen der Gedanken seines Herzens“ – der Mensch scheint wahrlich grund-verdorben zu sein.
Die stark assonante Zeile wird gleich darauf kontrastiert mit ´aßa `at ha`adam ba`arṣ („er hatte den Erdling gemacht auf der Erde“): Offenbar hat der Mensch sich nicht so entwickelt, wie Gott sich das vorgestellt hat. (zu Lesefassung v.5)
gWortspiel: Die Worte Trost (=> untröstlich), Machen und Pein(igen) stehen exakt in dieser Reihenfolge auch in Gen 5,28. S. näher zu diesem Vers. (Zurück zu Lesefassung v.6)
hKlangspiel: „Ruh“ = nōḥ, „Gnade“ mit den selben Konsonanten ḥen. (Zurück zu Lesefassung v.8)