Gen 4:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter)

Aus Die Offene Bibel

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Dies ist eine individuell verantwortete Textfassung. Sie ist Teil der Offenen Bibel, stammt aber in dieser Version nicht vom Gesamt-Team.

Persönliche Fassung

4. Zwei Morde


Augusto Marín: Cain y Abel. Ölgemälde, 1972. (c) Museo de Arte de Puerto Rico
Kain „nackter als nackt“, in hohler Sieger-Pose. Als Mordwaffe wird hier ein Eselskieferknochen gedacht wie bei Samson, eine Idee aus der klassischen jüdischen Auslegung.

1 Der Erdling erkanntea seine Frau Leben.
Sie empfing und gebar den Kaufb
und sie sagte: „Ich habe mir einen Mann erkauft an der Seite von GOTT.“c
2 Weiter gebar sie seinen Bruder Flüchtig.
Flüchtig wurde Kleinvieh-Hirte,
Kauf aber wurde Erdboden-Diener.d


3 Als die Zeit gekommen war,e
brachte Kauf GOTT von der Frucht des Erdbodens ein Opfer dar,
4 Flüchtig aber, auch er, opferte von den Erstgeborenen seines Viehs – sogar von ihren Fettstücken!f
Da achtete GOTT auf Flüchtig und sein Opfer,
5 auf Kauf aber und auf sein Opfer achtete er nicht.
Da loderte es in Kaufg
und sein Gesicht senkte sich.
6 GOTT fragte Kauf:
„Warum lodert es in dir
und warum hat sich dein Gesicht gesenkt?
7 Es ist doch so: Handelst du gut, heißt's Erhöhung,
doch handelst du nicht gut, heißt's: vor der Tür wegen Sünde liegen!h
Und er soll dir ja willens sein
und du über ihn herrschen!“i
8 Da sagte es Kauf seinem Bruder Flüchtig.


Als sie dann auf freiem Feld waren,
richtete Kauf sich zu seinem Bruder Flüchtig auf –
und tötete ihn.
9 Da fragte GOTT den Kauf:
„Wo ist dein Bruder Flüchtig?“
Er antwortete: „Ich weiß nicht.
Bin ich etwa Hüter meines Bruders?“
10 Da sprach jener: „Was hast du getan!?
Die Stimme des Blutes deines Bruders,
sie schreit zu mir aus dem Erdboden!“
11 Daher: Verdammt bist du vom Erdboden,
der seinen Schlund geöffnet hat,
um das Blut deines Bruders aus deiner Hand zu empfangen!
12 Wenn du künftig auf dem Erdboden dienst,
wird er dir nicht mehr seine Kraft schenken.
Wankend und Wandernd wirst du sein auf der Erde!“
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Gen 2,25-3,24 <= | => Gen 5


(Sebastian Walter unter Verwendung von Texten der Offenen Bibel)

aerkennen ist hier wie häufig Euphemismus für „Geschlechtsverkehr haben“. Es ist das selbe Verb, das auch in Gen 2-3 den Baum als „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ beschrieb. (Zurück zu Lesefassung v.1)
bKauf: Im Heb. Qajn, was wahrscheinlich eigentlich „Schmied“ bedeutet. In der dritten Zeile wird der Name aber mit einer sogenannten „Volksetymologie“ von qanah („kaufen“) abgeleitet; im Rahmen von Gen 4 „bedeutet“ der Name daher „Kauf“. (Zurück zu Lesefassung v.1)
cIch habe einen Mann erkauft an der Seite von GOTT - Raffiniert formuliert. Gemeint ist ungefähr: „Both I and JHWH have made a man!“ ( Eskenazi 2008, S. 19). Erwartet hätte man dafür aber etwas wie „Ich habe mit JHWH an meiner Seite einen Sohn geboren!“ Doch Eva ist so fixiert auf ihre Leistung, das erste Kind der Welt zur Welt gebracht zu haben, dass sie erstens „ich an der Seite von JHWH“ statt „ich mit JHWH an meiner Seite“ sagt, und zweitens keines der üblichen Worte für „hervorbringen“ verwendet, sondern mit „erkaufen“ eines, das ebenfalls ihre Leistung bei der Geburt dieses Sohnes betont. Der „Kaufpreis“ ist wahrscheinlich die ganze Zeit der Schwangerschaft, die ja insgesamt in Gen 3 als „Mühsal“ beschrieben wurde. „Mann“ statt „Kind“ schließlich soll wohl betonen, dass von nun an nicht mehr der Erdboden „Erdlinge“ hervorbringt, sondern Frauen (`iššah) Männer (`iš; gut van Wolde 1991, S. 27). (Zurück zu Lesefassung v.1)
dErdboden-Diener - Kauf tritt also in die Fußstapfen seines Vaters, indem er als Landwirt „dem Erdboden dient“. Flüchtig dagegen setzt den dritten Auftrag aus Gen 1,28 um: Nachdem seine Mutter „fruchtbar war“ und „sich vermehrt hat“ (und nachdem Kauf begonnen hat, „dem Erdboden zu dienen“), hat er sich zum „Herrscher über Tiere“ aufgeschwungen (gut Fischer 2018). (Zurück zu Lesefassung v.2)
eAls die Zeit gekommen war - also also regulär ein Opfer anstand; Gen 4 setzt bereits die Existenz eines kultischen Kalenders voraus. Einige jüdische Ausleger fabulieren, es sei die Zeit des Pesach-Festes gewesen – was natürlich ein krasser Anachronismus wäre. (Zurück zu Lesefassung v.3)
fGleich darauf wird gesagt werden, dass Gott auf Flüchtig und sein Opfer „blickt“, auf Kauf und sein Opfer aber nicht. Man hat in der Auslegung viel darüber gerätselt, was der Grund dafür sein könnte. Schon in Heb 11,4 wird die Erzählung damit ausgeschmückt, dass Flüchtig sein Opfer gläubig und Kauf ungläubig dargebracht habe. Achtet man aber auf die Formulierung, erkennt man den Grund für Gottes Parteilichkeit sofort: Kauf bringt „von der Frucht des Erdbodens ein Opfer“ dar, Flüchtig dagegen „opferte von den Erstgeborenen seines Viehs, und zwar von deren Fettstücken“. Vergleicht man diese kurzen Passagen, kann man ganze neun Textstrategien feststellen, mit denen herausgestellt wird, dass das Opfer von Flüchtig von anderer Qualität ist als das von Kauf:
(1) Bei Kauf wird das Geopferte durch die Angabe „ein Opfer“ limitiert, bei Flüchtig nicht.
(2) Bei Kauf steht „die Frucht“ im Singular, bei Flüchtig stehen „die Erstgeborenen“ im Plural.
(3) Flüchtig bringt die „Erstgeborenen“ seines Viehs. Vorausgesetzt ist die Vorstellung, dass Gott an diesen besonderen Gefallen hat, weshalb er sie sich später zum Opfer erküren wird (Ex 13,2.12f.; 22,30; Num 18,17; Dtn 15,19).
(4) Bei Kauf ist die Frucht „Frucht des Erdbodens“, Flüchtigs Opfer dagegen wurden von „den Erstlingen seines Viehs“ genommen.
(5) Das wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass „Fett“ mit „Flüchtig“ klang-spielt: „Fett“ heißt im Hebräischen ḥelb, „Flüchtig“ dagegen habl.
(6) Gerade diese beiden Wörter umrahmen auch den ganzen Satz. Übrigens beginnt er auch alliterierend: waabl hebi` gam-hu`, „und Flüchtig brachte, auch er“. Schön Speiser: „Abel brought the finest of the firstlings of his flock.“
(7) Die „Erstlinge seines Viehs“ sind doppelt gesteigert durch die Präzisierung „von ihren Fettstücken“ (eine häufigere Metapher für „das Beste vom Besten“, s. Gen 45,18; Num 18,12.29f.32. In Dtn 32,14; Ps 81,16; 147,14 ist daher sogar vom „das Fett des Weizens“ = von „köstlichem Weizen“ die Rede)
(8) und durch die Formulierung „und zwar von den Fettstücken“, statt einfach „von den Fettstücken der Erstlinge seines Viehs“ zu schreiben.
(9) Der Satz über Flüchtig wird dann dann auch noch stimmig zusätzlich durch das überflüssige „auch er“ gelängt.
Es wird darüber hinaus dann auch auch nicht einmal gesagt, dass Gott das Opfer von Kauf „nicht annehmen“ würde. Diese Bedeutung hat „auf etw. blicken“ nicht (richtig Heyden 2003, S. 92). Dass Kauf verworfen würde o.Ä., steht nicht im Text, sondern: sein Opfer und er fallen Gott gar nicht erst auf. Kein Wunder, wenn man beide Opfer gegeneinander hält. (Zurück zu Lesefassung v.4)
gGut Heyden 2003, S. 96: „Dabei drückt die unpersönliche Form [wajjiḥar laQajn, ‚es entbrannte in Kauf‘] aus, daß [Kauf] nicht vorsätzlich handelt, sondern von seinem Gefühl gewissermaßen überrascht wird. ‚Es entbrennt in ihm‘. Da das Verbum hier absolut steht, sollte es nicht mit ‚zornig werden‘ übersetzt werden. Wenn dies gemeint ist, so steht [`ap, ‚Zorn‘] als Subjekt ausdrücklich da.“ Entsprechend „senkt sich“ in der nächsten Zeile auch sein Kopf: An der einzigen Stelle, wo der Ausdruck sonst noch steht (Jer 3,12), „senkt man (zornig) sein Gesicht“; hier dagegen wird sozusagen das Gesicht selbst tätig. (Zurück zu Lesefassung v.5)
hAlso ein Bettlerdasein fristen, der größtmögliche Statusverlust eines Israeliten. Aber die Zeile ist äußerst schwierig zu übersetzen. Siehe auf der Kapitelseite für zwei verbreitete Deutungen; dies oben ist versuchsweise ein neuer Vorschlag zur Deutung. Wörtlich lauten die problematischen Zeilen: „Ist's nicht so: Handelst du gut, Erhebung/Erhöhung. Doch handelst du nicht gut, zu/vor/an der Tür Sünde Liegen(der)/Lagern(der)“.
Erstens: Auszugehen ist davon, dass beide Sätze offensichtlich parallel gebaut sind: „Wenn du gut handelst, gilt A, wenn du nicht gut handelst, gilt B“. In A ist die Rede von „Erhebung/Erhöhung“, in B von „Liegen/Hinlagern“. Bezieht sich die „Erhebung“ auf Kauf, sollte man durchaus erwarten, dass sich auch das „Liegen“ auf Kauf bezieht, der dann also „vor einer Tür läge“.
Zweitens: Dergleichen ist in der Bibel fast nur von Bettlern belegt. S. am deutlichsten Lk 16,20 (Der Bettler Lazarus liegt vor dem Tor des Reichen); Apg 3,2 (ein Bettler liegt am Tempeltor); ähnlich Lk 18,35 (ein Bettler „saß auf der Straße“). Auch Ijob setzt sich in Ijob 2,8, nachdem er Familie, Hab und Gut verloren hat, laut LXX in den Dunghaufen, also vor das Stadttor. Das selbe ist dann gemeint in Klg 4,5: „Wer Köstliches aß, ist verlassen auf den Straßen, wer auf Karmesin lehnte, umarmt nun Dunghaufen.“ Auch in 1 Sam 2,8 und Ps 113,7 sitzen Arme „auf dem Dunghaufen“. Geht man von diesen Stellen aus, wäre „Lagern vor dem Tor / der Tür“ Ausdruck für den absoluten Statusverlust eines Israeliten. Das passt gut zur vorangehenden Zeile: Steht ße´et allein, bedeutet es oft hohen Status oder „Hoheit“ (Gen 49,3; Ijob 13,11; 31,23; Ps 62,5; Hab 1,7).
Dann muss man nur noch drittens die „Sünde“ als adverbialen Akkusativ des Grundes auflösen (wie Jes 7,25: „du gehst nicht dorthin Furcht vor Dornen“ = „du gehst nicht dorthin wegen der Furcht vor Dornen“) und kann die Sätze sinnvoll auflösen: „Handelst du gut, heißt das: hoher Status; handelst du aber nicht gut, heißt das: Statusverlust wegen Sünde“. Gott würde dann also Kauf nicht beraten, sondern ihm einen Einlauf verpassen: „Wie kannst du denn jetzt zornig sein? Flüchtigs Opfer war nun mal besser, und so ist das dann eben: Gutes Tun – Statusgewinn; schlechtes Tun – Statusverlust.“ Und eigentlich müsstest du als Erstgeborener ja der „Höhere“ sein: „Und er soll dir ja willens sein und du über ihn herrschen!“
Die Wortstellung der zweiten Zeile ist bei dieser und auch bei verbreiteten Deutungen merkwürdig, lässt sich aber auch literarisch erklären. Erwartet hätte man mindestens „Liegen vor dem Tor wegen Sünde“. Dass „Liegen“ ans Ende des Satzes geschoben wurde, hat einesteils den Effekt, dass nun 7a und 7b beide auf die gegensätzlichen Begriffe „Erhebung“ und „Liegen“ enden, andernteils den, dass nun gerade das „vor der Tür“ auffällig vor dem Verb steht.“ (Zurück zu Lesefassung v.7)
iEin deutliches Zitat von Gen 3,16: Die Hierarchisierung der israelitischen Gesellschaft wird von Mann-über-Frau auf Älterer-über-Jüngerer erweitert, wie dies im Alten Orient ebenfalls der Fall war. (Zurück zu Lesefassung v.7)

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