Persönliche Fassung
Nachdem in Gen 3 Erdling und Leben aus dem Gottesgarten verbannt wurden, fährt das Buch Genesis in Gen 4,1-16 fort mit der Geschichte ihrer beiden Söhne. Diese und die vorangehende Erzählung gehören zusammen wie die beiden Teile eines Diptychons: Bei beiden Erzählungen steht im Zentrum eine verbotene Tat; darauf fragt Gott in Gen 3,9: „Wo bist du?“, in Gen 4,9 dagegen: „Wo ist dein Bruder?“, der Gesprächspartner leugnet seine Tat, worauf Gott in Gen 3,13 und Gen 4,10 jeweils ausruft: „Was hast du getan!?“ Es folgen ab Gen 3,14 und Gen 4,11 Urteilssprüche Gottes, von denen der letzte in Gen 3 lautet, dass der Erdboden „Dornbusch und Distel sprießen lassen wird“, und der in Gen 4 ähnlich, dass „der Erdboden seine Kraft nicht mehr geben wird“. In Gen 3 wird der Mensch außerdem noch zum Tod verurteilt. Direkt darauf folgen die bedeutungsschweren Gnadenhandlungen Gottes, die Verfluchten mit Gewändern zu bekleiden und in Gen 4 die, den Verfluchten mit einem Schutzzeichen zu versehen, damit er nicht stirbt. Beide Erzählungen enden damit, dass die Verfluchten verbannt werden: in Gen 3 aus dem Garten, in Gen 4 zum „Wanken und Wandern auf der Erde“.
...

Kain „nackter als nackt“, in hohler Sieger-Pose. Als Mordwaffe wird hier ein Eselskieferknochen gedacht wie bei Samson, eine Idee aus der klassischen jüdischen Auslegung.
1 Der Erdling erkannte〈a〉 seine Frau Leben.
Sie empfing und gebar den Kauf〈b〉
und sie sagte: „Ich habe mir einen Mann erkauft an der Seite von GOTT.“〈c〉
2 Weiter gebar sie seinen Bruder Wertlos.〈b〉
Wertlos wurde Kleinvieh-Hirte,
Kauf aber wurde Erdboden-Diener.〈d〉
3 Als die Zeit gekommen war,〈e〉
brachte Kauf GOTT von der Frucht des Erdbodens ein Opfer dar,
4 Wertlos aber, auch er, opferte von den Erstgeborenen seines Viehs – sogar von ihren Fettstücken!〈f〉
Da achtete GOTT auf Wertlos und sein Opfer,
5 auf Kauf aber und auf sein Opfer achtete er nicht.
Da loderte es in Kauf〈g〉
und sein Gesicht senkte sich.
6 GOTT fragte Kauf:
„Warum lodert es in dir
und warum hat sich dein Gesicht gesenkt?
7 Es ist doch so: Handelst du gut, heißt's Erhebung,
doch handelst du nicht gut, heißt's: vor der Tür wegen Sünde liegen!〈h〉
Und er soll dir ja willens sein
und du sollst ihn beherrschen!“〈i〉
8 Da sagte es Kauf seinem Bruder Wertlos.
Als sie dann auf freiem Feld waren,
richtete Kauf sich zu seinem Bruder Wertlos auf –
und tötete ihn.
9 Da fragte GOTT den Kauf:
„Wo ist dein Bruder Wertlos?“
Er antwortete: „Ich weiß nicht.
Bin ich etwa Hüter meines Bruders?“〈j〉
10 Da sprach jener: „Was hast du getan!?
Die Stimme des Blutes deines Bruders,
sie schreit zu mir vom Erdboden!〈k〉
11 Daher: Verdammt bist du vom Erdboden,〈l〉
der seinen Mund geöffnet hat,
um das Blut deines Bruders aus deiner Hand zu nehmen!
12 Wenn du künftig auf dem Erdboden dienst,
wird er dir nicht mehr seine Kraft schenken.
Wankend und wandernd wirst du sein auf der Erde!“
13 Kain antwortete GOTT:
„Zu groß ist meine Strafe, um sie zu heben!
14 Da du mich ja heute vertrieben hast vom Erdboden
und weil ich vor dir verborgen sein werde,〈m〉
werde ich wankend und wandernd sein auf der Erde
und wird es so sein, dass jeder, der mich findet, mich tötet!“
15 Darauf sprach Gott über ihn:
„Darum gilt: Jeder, der Kauf tötet,
er wird siebenfach bestraft werden!“〈n〉
Und GOTT machte Kauf ein Zeichen,〈o〉
damit ihn nicht jeder erschlüge, der ihn fand.
16 Da ging Kauf fort von GOTT
und wohnte im Wander-Land, östlich von Eden.
(Sebastian Walter unter Verwendung von Texten der Offenen Bibel)
| a | erkennen ist hier wie häufig Euphemismus für „Geschlechtsverkehr haben“. Es ist das selbe Verb, das auch in Gen 2-3 den Baum als „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ beschrieb. (Zurück zu Lesefassung v.1) |
| b | Kauf: Hebräisch Qajn, was wahrscheinlich eigentlich „Schmied“ bedeutet. In der dritten Zeile wird der Name aber mit einer sogenannten „Volksetymologie“ von qanah („kaufen“) abgeleitet; im Rahmen von Gen 4 „bedeutet“ der Name daher „Kauf“. Sein Bruder dagegen heißt Habl, „Lüftchen“. Für gewöhnlich denkt man, damit würde bereits im Namen die Flüchtigkeit der Existenz von Wertlos angedeutet (vgl. bes. Ijob 7,16; Ps 39,6f.; 144,4). „Lüftchen“ ist in der Bibel aber häufig eine Metapher für Nutz-, Wert- und Fruchtloses. Fremde Götter zum Beispiel sind oft „bloß Lüftchen“, vergebliche Liebesmüh ist ebenso ein Lüftchen (Ijob 9,29; Jes 30,7; 49,4) wie eitles Geschwätz (Ijob 27,12; 35,16), und eben Wertloses ist „ein Lüftchen“ (z.B. Ps 62,10: „Nur Lüftchen sind die Erdlingskinder, Trugbilder sind die Menschen! Auf der Waagschale steigen sie aufwärts, (weniger) als ein Lüftchen sind sie allesamt!“). Gewiss muss man neben Herrn „Kauf“ v.a. diese Bedeutung hören. Gut Habel 2011, S. 70: „a nobody“. (Zurück zu Lesefassung v.1 / zu Lesefassung v.2) |
| c | Ich habe einen Mann erkauft an der Seite von GOTT - Raffiniert formuliert. Gemeint ist ungefähr: „Both I and JHWH have made a man!“ (Eskenazi 2008, S. 19). Erwartet hätte man dafür aber etwas wie „Ich habe mit JHWH an meiner Seite einen Sohn geboren!“ Doch Eva ist so fixiert auf ihre Leistung, das erste Kind der Welt zur Welt gebracht zu haben, dass sie erstens „ich an der Seite von JHWH“ statt „ich mit JHWH an meiner Seite“ sagt, und zweitens keines der üblichen Worte für „hervorbringen“ verwendet, sondern mit „erkaufen“ eines, das ebenfalls ihre Leistung bei der Geburt dieses Sohnes betont. Der „Kaufpreis“ ist wahrscheinlich die ganze Zeit der Schwangerschaft, die ja insgesamt in Gen 3 als „Mühsal“ beschrieben wurde. „Mann“ statt „Kind“ schließlich soll wohl betonen, dass von nun an nicht mehr der Erdboden „Erdlinge“ hervorbringt, sondern Frauen (`iššah) Männer (`iš; gut van Wolde 1991, S. 27). (Zurück zu Lesefassung v.1) |
| d | Erdboden-Diener - Kauf tritt also in die Fußstapfen seines Vaters, indem er als Landwirt „dem Erdboden dient“. Wertlos dagegen setzt den dritten Auftrag aus Gen 1,28 um: Nachdem seine Mutter „fruchtbar war“ und „sich vermehrt hat“ (und nachdem Kauf begonnen hat, „dem Erdboden zu dienen“), hat er sich zum „Herrscher über Tiere“ aufgeschwungen (gut Habel 2011; Fischer 2018). (Zurück zu Lesefassung v.2) |
| e | Als die Zeit gekommen war - also also regulär ein Opfer anstand; Gen 4 setzt bereits die Existenz eines kultischen Kalenders voraus. Einige jüdische Ausleger fabulieren, es sei genauer das Pesachfest gewesen, andere denken an Schawuot, wieder andere an Chanukka – was natürlich alles krasse Anachronismen wären. (Zurück zu Lesefassung v.3) |
| f | Gleich darauf wird gesagt werden, dass Gott auf Wertlos und sein Opfer „blickt“, auf Kauf und sein Opfer aber nicht. Man hat in der Auslegung viel darüber gerätselt, was der Grund dafür sein könnte. In der frühen jüdischen Auslegung hat man fabuliert, Kauf habe entweder beim Darbringen seines Opfers gebummelt oder nur minderwertige Leinsamen und Essensreste dargebracht (ähnlich häufiger in der dt. und engl. Dichtung des Mittelalters: Dornsträucher und Disteln); im Hebräerbrief wird ähnlich angenommen, dass Wertlos sein Opfer gläubig und Kauf ungläubig dargebracht habe und in 1 Joh 3,12 noch stärker, dass Kauf mit seinem Opfer grundsätzlich ein „böses Werk“ vollbracht habe – warum auch immer. Davon steht natürlich nichts im Text. Betrachtet man ihn näher, erkennt man den Grund für Gottes Parteilichkeit schnell und deutlich: „Es brachte dar Kauf von der Frucht des Erdbodens ein Opfer“ vs. „Wertlos aber brachte dar, auch er!, von den Erstgeborenen seines Viehs, und zwar von deren Fettstücken“. Vergleicht man diese kurzen Passagen, kann man ganze zwölf Textstrategien feststellen, mit denen herausgestellt wird, dass das Opfer von Wertlos von anderer Qualität ist als das von Kauf: (1) Bei Kauf wird das Geopferte durch die Angabe „ein Opfer“ limitiert, bei Wertlos nicht. (2) Bei Kauf steht „die Frucht“ im Singular, bei Wertlos stehen „die Erstgeborenen“ im Plural. (3) Wertlos bringt gerade die „Erstgeborenen“ seines Viehs dar. Vorausgesetzt ist die Vorstellung, dass Gott an diesen besonderen Gefallen hat, weshalb er sie sich später zum regulären Opfer erküren wird (Ex 13,2.12f.; 22,30; Num 18,17; Dtn 15,19). (4) Die „Erstgeborenen seines Viehs“ sind doppelt gesteigert durch die Präzisierung „von ihren Fettstücken“ (eine häufigere Metapher für „das Beste vom Besten“, s. Gen 45,18; Num 18,12.29f.32. In Dtn 32,14; Ps 81,16; 147,14 ist daher sogar vom „das Fett des Weizens“ = von „köstlichem Weizen“ die Rede) (5) und durch die Formulierung „und zwar / und sogar von den Fettstücken“ statt dem erwartbaren „von den Fettstücken der Erstlinge seines Viehs“. Eine zweite Gruppe von Wortspielen hebt die Person von Wertlos bei diesem Opfern stärker hervor als die von Kauf: (6) Der Satz über Kauf hat die im Hebräischen unauffällige Wortstellung Verb – Subjekt. Beim Satz über Wertlos dagegen steht „Wertlos“ an der Satzspitze. (7) Bei Kauf ist die Frucht „Frucht des Erdbodens“, Wertlos Opfer dagegen wurden von „den Erstlingen seines Viehs“ genommen. (8) Das wird zusätzlich dadurch unterstrichen, dass „Fett“ mit „Wertlos“ klang-spielt: „Fett“ heißt im Hebräischen ḥelb, „Wertlos“ dagegen Habl. (9) Gerade diese beiden Wörter umrahmen im Hebräischen auch den ganzen Satz. (10) Der Satz über Wertlos wird dann dann auch noch stimmig zusätzlich durch das überflüssige „auch er“ gelängt und so die Person Wertlos' noch stärker hervorgehoben, (11) was gleichzeitig zur Folge hat, dass der Satz auch alliterierend beginnt: waHabl hebi` gam-hu`, „und Wertlos brachte dar, auch er“ (schön Speiser: „Abel brought the finest of the firstlings of his flock.“), (12) wonach dann erstens sein Name „Wertlos“ nicht nur mit den „Fettstücken“, sondern auch noch mit dem „Darbringen“ zusammenklingt, und Name plus Pronomen („Wertlos“ + „er“) das „Darbringen“ umrahmen. Nimmt man das zusammen, legt der Text sehr stark nahe, dass Wertlos sich offensichtlich ein sehr viel wertvolleres Opfer vom Mund abgespart hat. Es wird darüber hinaus dann auch auch nicht einmal gesagt, dass Gott das Opfer von Kauf „nicht annehmen“ würde. Diese Bedeutung hat „auf etw. blicken“ nicht (richtig Heyden 2003, S. 92). Dass Kauf verworfen würde o.Ä., steht nicht im Text, sondern: sein Opfer und er fallen Gott gar nicht erst auf. Kein Wunder, wenn man beide Opfer gegeneinander hält. (Zurück zu Lesefassung v.4) |
| g | Gut Heyden 2003, S. 96: „Dabei drückt die unpersönliche Form [wajjiḥar laQajn, ‚es entbrannte in Kauf‘] aus, daß [Kauf] nicht vorsätzlich handelt, sondern von seinem Gefühl gewissermaßen überrascht wird. ‚Es entbrennt in ihm‘. Da das Verbum hier absolut steht, sollte es nicht mit ‚zornig werden‘ übersetzt werden. Wenn dies gemeint ist, so steht [`ap, ‚Zorn‘] als Subjekt ausdrücklich da.“ Entsprechend „senkt sich“ in der nächsten Zeile auch sein Kopf: An der einzigen Stelle, wo der Ausdruck sonst noch steht (Jer 3,12), „senkt man (zornig) sein Gesicht“; hier dagegen wird sozusagen das Gesicht selbst tätig. (Zurück zu Lesefassung v.5) |
| h | Also ein Bettlerdasein fristen, der größtmögliche Statusverlust eines Israeliten. Aber die Zeile ist äußerst schwierig zu übersetzen. Siehe auf der Kapitelseite für zwei verbreitetere Deutungen; dies oben ist versuchsweise ein neuer Vorschlag. Wörtlich lauten die problematischen Zeilen: „Ist's nicht so: Handelst du gut, Erhebung/Erhöhung. Doch handelst du nicht gut, zu/vor/an der Tür Sünde Liegen(der)/Lagern(der)“. Auszugehen ist davon, dass beide Sätze offensichtlich parallel gebaut sind: „Wenn du gut handelst, gilt A, wenn du nicht gut handelst, gilt B“. In A ist dann weiter die Rede von „Erhebung/Erhöhung“, in B von „Liegen/Hinlagern“ (gut Cassuto 1961, S. 209f.). Bezieht sich die „Erhebung“ auf Kauf, sollte man erwarten, dass sich auch das „Liegen“ auf Kauf bezieht, der dann also „vor einer Tür läge“. Dass „die Sünde vor der Tür lauert“, wie der Satz meist verstanden wird, ist jedenfalls ganz unwahrscheinlich; „rabaṣ“ heißt nicht „lauern“, sondern selbst in Gen 49,9 „(harmlos) liegen“ (richtig Rav Hirsch. In Spr 24,15 ist „Lagern“ sogar der Gegensatz zum „Lauern“, Jes 11,6 heißt gerade nicht „der Leopard wird auf das Zicklein lauern“, sondern „bei ihm liegen“); das maskuline „Liegen“ passt grammatisch schlecht zur femininen „Sünde“ und die Idee der Sünde als einer quasi-lebendigen verführerischen Macht ist erst eine Erfindung von Paulus (z.B. Röm 7,8f.). Dergleichen „vor der Tür liegen“ ist in der Bibel üblicherweise von Bettlern belegt. S. am deutlichsten Lk 16,20 (Der Bettler Lazarus liegt vor dem Tor des Reichen); Apg 3,2 (ein Bettler liegt am Tempeltor); ähnlich Lk 18,35 (ein Bettler „saß auf der Straße“). Auch Ijob setzt sich in Ijob 2,8, nachdem er Familie, Hab und Gut verloren hat, laut LXX in den Dunghaufen, also vor das Stadttor. Auch in 1 Sam 2,8 und Ps 113,7 sitzen Arme „auf dem Dunghaufen“; ähnlich in Klg 4,5. Geht man von diesen Stellen aus, wäre „Lagern vor dem Tor / der Tür“ Ausdruck für den absoluten Statusverlust eines Israeliten. Das passt gut zur vorangehenden Zeile: Steht ß´et („Erhebung/Erhöhung“) allein, bedeutet es oft hohen Status oder „Hoheit“ (Gen 49,3; Ijob 13,11; 31,23; Ps 62,5; Hab 1,7; so deutet schon Ramban, auch Rav Hirsch). Dann muss man nur noch die „Sünde“ als adverbialen Akkusativ des Grundes auflösen (wie Jes 7,25: „du gehst nicht dorthin Furcht vor Dornen“ = „du gehst nicht dorthin wegen der Furcht vor Dornen“) und kann die Sätze sinnvoll auflösen: „Handelst du gut, heißt das: hoher Status; handelst du aber nicht gut, heißt das: Statusverlust wegen Sünde“. Gott würde dann also Kauf nicht beraten, sondern ihm einen Einlauf verpassen: „Wie kannst du denn jetzt zornig sein? Das Opfer von Wertlos war nun mal besser, und so ist das dann eben: Gutes Tun – Statusgewinn; schlechtes Tun – Statusverlust.“ Und eigentlich müsstest du als Erstgeborener ja der „Höhere“ sein: „Und er soll dir ja willens sein und du sollst ihn beherrschen!“ Die Wortstellung der zweiten Zeile ist bei dieser und auch bei den verbreiteten Deutungen merkwürdig, lässt sich aber auch literarisch erklären. Erwartet hätte man statt „vor der Tür wegen Sünde liegen“ mindestens „liegen vor der Tür wegen Sünde“. Dass „Liegen“ ans Ende des Satzes geschoben wurde, hat einesteils den Effekt, dass nun 7a und 7b beide auf die gegensätzlichen Begriffe „Erhebung“ und „Liegen“ enden, andernteils den, dass nun gerade das „vor der Tür“ auffällig vor dem Verb steht. (Zurück zu Lesefassung v.7) |
| i | Ein deutliches Zitat von Gen 3,16: Die Hierarchisierung der israelitischen Gesellschaft wird von Mann-über-Frau auf Älterer-über-Jüngerer ausgeweitet, wie dies im Alten Orient ebenfalls der Fall war. (Zurück zu Lesefassung v.7) |
| j | Stark Rav Hirsch: „Kain findet die vollständigste Entschuldigung darin, dass es ja nicht seine Aufgabe sei, seinen Bruder zu schützen, er habe genug mit sich selbst zu tun! Wenn sich in dieser Antwort die kaltblütigste Selbstsucht ausspricht, so liegt darin zugleich die ernsteste Warnung, dass jenes lieblose: ‚Jeder fege vor seiner Tür‘ nicht fern von dem feindseligsten Hass ist, der auch den Nächsten kaltblütig dahinschlachtet, wenn er dem eigenen Vorteil im Wege steht.“ (Zurück zu Lesefassung v.9) |
| k | das Blut schreit - ein beliebtes Bild in der Bibel: Bedeutende Taten hinterlassen Spuren, und zwar in dem Maße, dass sogar die dadurch gezeichneten unbelebten Dinge von diesen Taten zeugen können. Siehe ähnlich Dtn 31,28; Ijob 31,38; Ps 50,4; Jes 1,2; Jes 26,21; Mi 6,2; Hab 2,11. Kaufs Tat wird so (was ja ohnehin klar ist) noch zusätzlich als überaus verwerflich gekennzeichnet. (Zurück zu Lesefassung v.10) |
| l | Verdammt bist du vom Erdboden - mehrdeutig. Der Satz ist exakt so gebaut wie der in Gen 3,14; Raschi etwa deutet daher auch hier: „Du bist verdammt, mehr als der Erdboden (den ich ja in Gen 3,17 verdammt habe).“ Bedeuten kann der Satz außerdem aber: „Hiermit verbanne ich dich vom Ackerboden (so dass zu zum Vagabunden werden musst)“ (so z.B. ibn Ezra), und: „Der Erdboden (der seinen Mund ja bereits geöffnet hat) verdammt dich“ (stark Rav Hirsch: „Gott braucht dich gar nicht weiter zu richten, du bist schon gerichtet, indem sich die ganze Erdwelt gegen dich erhebt. In diesem Schrei liegt dein Urteil“). Letzteres muss man hier auch deshalb mindestens mithören, weil das folgende „um sein Blut von deiner Hand zu nehmen“ gewiss auf eine hebräische Redensart anspielt: „Blut aus der Hand eines Lebewesens suchen“ ist ein Ausdruck für Blutrache an diesem Lebewesen, an dessen Hand das Blut eines Ermordeten klebt (siehe Gen 9,5; 2 Sam 4,11; Ez 3,18.20; 33,6). Mit dem „Nehmen“ des Bluts von Wertlos aus der Hand von Kauf kann schlicht gemeint sein, dass das Blut von Wertlos die Erde getränkt hat (s. Ez 24,7); gleichzeitig ist es aber Ausdruck dafür, dass der Boden nach Blutrache schreit – die dann eben geübt würde durch den über Kauf verhängten Fluch. Blutrache war Recht und Pflicht der nächsten Verwandten eines Menschen; einmal mehr zeigt sich hier also das enge Verwandtschaftsverhältnis, in dem die Erdlinge zum Erdboden stehen. (Zurück zu Lesefassung v.11) |
| m | ich werde vor dir verborgen sein - W. „weil du mich vertrieben hast vom Gesicht des Erdbodens / und ich von deinem Gesicht verborgen sein werde...“. Gemeint ist natürlich nicht: „Ich werde mich an einen Ort flüchten müssen, wo du mich nicht siehst“ (wie Dtn 7,20; 2 Kön 11,2); dass Gott Kauf an jedem Ort sehen würde, setzt Genesis klar voraus (richtig Cassuto 1961). Der Midrasch verwandelt den Satz daher auch zur Frage: „Kann ich mich etwa vor dir verbergen? Natürlich nicht! Denn alles ist dir bekannt!“ Sondern: Es gibt in der Bibel einen häufigen Ausdruck dafür, dass Gott jemandem nicht mehr gnädig ist, nämlich „er hat sein Gesicht vor ihm verborgen“ (z.B. Dtn 31,17-20; Ijob 13,20.24; Ps 44,25; Jes 54,8; Jer 33,5; Ez 39,23f.; Mi 3,4). Dieser Ausdruck wird hier verkehrt: Nicht „Gott verbirgt sein Gesicht vor Kauf“, sondern umgekehrt hat Kauf sich selbst vor Gottes Gesicht verborgen. Bekhor Schor paraphrasiert richtig: „Du wirst mich verabscheuen und nicht mehr länger über mich wachen!“. (Zurück zu Lesefassung v.14) |
| n | Jeder muss sich gar nicht notwendig auf Menschen beziehen; Raschi und ähnlich Radak etwa denken klug, Kauf fürchte sich vor wilden Tieren. Auch die Frau, die Kauf später heiraten wird, muss nicht unlogisch sein, sie könnte schlicht eine der weiteren Nachfahrinnen von Erdling und Leben aus Gen 5,4 sein. Gemeint ist natürlich: „Jedem, der Kauf tötet, wird das mit doppelter Münze heimgezahlt werden“. Theoretisch ließe sich aber auch übersetzen: „Liebe alle, die ihr Kauf töten wollt: er muss siebenfach bestraft werden!“ Unter anderem deswegen entstand im alten Judentum bald die Legende, Kain könne überhaupt nicht sterben und irre noch heute wankend und wandernd über die Erde (z.B. Philo, Flucht und Erfindung 64). Im Mittelalter wurde das noch weiter ausgesponnen zur Idee, Kain sei der Mann im Mond und daher beständig „verborgen vom Gesicht der Sonne“ (s. Emerson 1906, S. 840ff.). (Zurück zu Lesefassung v.15) |
| o | W.: „Er setzte ihm ein Zeichen“. Gemeint ist wahrscheinlich ein Kreuz auf der Stirn von Kain (so deuten schon der Targum Jonathan, PRE 21, Raschi). Es gibt eine ganze Reihe von Versen, die von solchen schützenden Zeichen an Menschen sprechen: In Ez 9,4.6 ist dies der (althebräische) Buchstabe Tau – also ein Kreuz – auf der Stirn, wie man ähnlich laut dem Talmud Priester mit einem Kreuz gesalbt hatte (b.Schab 120b). Offb 7,2f.; 9,4 spricht allgemeiner vom schützenden „Siegel des lebendigen Gottes“ auf den Stirnen der Gläubigen, PsSal 15,9f. vom „rettenden Zeichen Gottes“ auf der Stirn von Gerechten und ApkEl 1,9 vom vor dem Tod rettenden „Gottesnamen auf die Stirn der Gerechten“. Vergleichbar ist auch 1 Kön 20,38.41, wo ein unbekannter Prophet sein Prophetentum mit einem Turban verbirgt, sich dann aber als Prophet erkennen lässt, indem er seinen Turban abnimmt; auch dieser Prophet trug also etwas auf der Stirn, was ihn als Diener Gottes kenntlich machte. Im frühen Christentum entwickelte sich hieraus das Kreuzzeichen. Besonders deutlich heißt es z.B. in Kyrill von Jerusalems vierter Katechese: „Lasst uns des Kreuzes Christi nicht schämen! Wenn auch ein anderer es verbirgt, siegle du es offen auf deine Stirn, damit die Teufel das königliche Zeichen sehen und zittern fliehen!“ Im späteren Christentum jedoch wurde dieser Vers Fundament mehrerer Gräueltaten. Weil in unserem Vers nichts weiter über die Form des Zeichens gesagt wird, wurden zum Beispiel im späten Mittelalter Muttermale von Frauen als solche „Kainsmale“ genommen und dienten dann als Grund, sie als Hexen zu verbrennen. Zur selben Zeit kam die Überzeugung auf, dunkle Hautfarbe sei ein „Kainsmal“ und rechtfertige es daher, People of Color zu versklaven (vgl. bes. Goldenberg 2017, S. 238-249). Das „Kainsmal“ gehört auch heute noch zu den gebräuchlicheren Redensarten des Deutschen; angesichts seiner Begriffsgeschichte sollte man sie aber wohl besser nicht mehr verwenden. Ist der Vers damit richtig verstanden, wird umso deutlicher, als wie groß die Gnade und Gerechtigkeit Gottes durch diese Handlung geschildert werden sollen: Ganz ähnlich, wie er Erdling und Leben direkt nach seinen Urteilssprüchen „mit einem Freudengewand bekleidet“ hat, siegelt er hier dem Kauf direkt nach seinem Urteil seinen Gottesnamen auf die Stirn. (Zurück zu Lesefassung v.15) |