Hohelied 1: Unterschied zwischen den Versionen

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{{S|1}} '''Das Lied der Lieder,<ref>''Lied der Lieder'' - Eine der Weisen, im Heb. einen Superlativ zu bilden: „Das schönste Lied“.</ref> welche [sind] (welches [ist])<ref>''welche [sind] (welches [ist])'' - der Nebensatz lässt sich entweder auf ''das Lied'' („Salomo hat dieses schönste aller Lieder geschrieben“) oder auf ''der Lieder'' beziehen („Dieses Lied ist das schönste von Salomos Liedern“). Diese zweite Auflösung ist wahrscheinlicher, da da für die erste Auflösung die Relativpartikel ''welche(s)'' unnötig wäre (s. die vielen Psalmüberschriften ohne Relativpartikel; so richtig Rudolph 1962, S. 121).</ref> von (für, über, nach Art von) Salomon'''
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{{S|2}} ['''Frau''':]<ref name="Sprecher">Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.</ref> „Er küsse mich mit Küssen (mit einigen von den Küssen) seines Mundes!<ref>''Küsse seines Mundes'' - die Extra-nennung von „seines Mundes“ ist im Alten Israel nicht überflüssig, da im Alten Orient auch der Nasenkuss verbreitet war: das Aneinanderreiben der Nasen als Zeichen der Zuneigung, wie wir das heute noch als „Eskimokuss“ kennen. Intimer war aber der Mundkuss (vgl. Fox 1985, S. 97), und dieser wird hier ersehnt.<br />
{{S|2}} ['''Frau''':]<ref name="Sprecher">Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung.</ref> „Er küsse mich mit Küssen (mit einigen von den Küssen) seines Mundes!<ref>''Küsse seines Mundes'' - die Extra-nennung von „seines Mundes“ ist nicht überflüssig, da im Alten Orient auch der Nasenkuss verbreitet war: das Aneinanderreiben der Nasen als Zeichen der Zuneigung, wie wir das heute noch als „Eskimokuss“ kennen. Intimer war aber der Mundkuss (vgl. Fox 1985, S. 97), und dieser wird hier ersehnt.<br />
Das ''mi-'' („mit / mit einigen von“) ist daher eher ein sog. „Min instrumenti“ („Er soll mich ''mit Mund-küssen'' küssen!“) als ein „Min partitivum“ („''Einige'' der Küsse seines Mundes sollen auch mich treffen“).</ref>
Das ''mi-'' („mit / mit einigen von“) ist daher eher ein sog. „Min instrumenti“ („Er soll mich ''mit Mund-küssen'' küssen!“) als ein „Min partitivum“ („''Einige'' der Küsse seines Mundes sollen auch mich treffen“).</ref>
_Oh!, (Denn) deine<ref>''deine'' - Der Wechsel von der 3. zur 2. Person („''Er'' küsse mich“ - „''Deine'' Liebkosungen“) wird von den meisten Exegeten als P-Shift verstanden: Im Heb. kann von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Unterschied in der Bedeutung machen soll. Zu übersetzen wäre dann auch im Folgenden mit der 3. Person. Da aber auch in den nächsten Zeilen mit der 2. Person fortgefahren wird, ist der Personenwechsel besser mit Peetz 2015, S. 65f.; Zakovitch 2004, S. 110 zu erklären: Der Wechsel zur zweiten Person soll das Folgende als ''Phantasie'' erscheinen lassen: „Die Frau träumt im Wachen: Ihre Sehnsucht nach dem ‚König‘, dem Geliebten, ist so groß, dass sie sich bei ihm wähnt“ (Zakovitch 2004, S. 110).</ref> Liebkosungen<ref>''Liebkosungen'' - Eher nicht: „Liebe“ (so viele Üss.); ''dod'' meint md. im Hohelied recht eindeutig sexuelle Handlungen (vgl. z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 3.137).</ref> [müssen] besser [sein]<ref>''[müssen] besser [sein]'' - Dass in der ersten Zeile die Küsse des Geliebten ersehnt werden, heißt wahrscheinlich, dass die Frau ihn zuvor noch nicht geküsst hat. Darauf weist auch, dass die Tatsache, dass seine Küsse besser sind als Wein, Grund für ''alle'' Mädchen ist, ihn zu lieben (sie werden es doch wohl nicht alle am eigenen Leib erfahren haben?). Der verblose Satz ist daher besser als Vermutung zu verstehen (sog. „epistemische Modalität“ wie Vermutungen, Einschätzungen etc. werden im Heb. nicht eigens markiert und muss daher aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. z.B. Lauber 2008-2011) - anders als im Dt., wo hierfür z.B. Hilfsverben wie „müssen“, „dürfen“ etc. oder Modalpartikel wie „wahrscheinlich“, „vermutlich“ etc. dienen).</ref> als Wein!
_Oh!, (Denn) deine<ref>''deine'' (V. 2) + ''der König'' (V. 4) - Die Wechsel von der 3. zur 2. Person in V. 2 („''Er'' küsse mich“ - „''Deine'' Liebkosungen“) und von der 2. zur 3. Person und wieder zurück in V. 4 („''Zieh''“ - „''Der König bringt''“ - „über ''dich''“) werden von den meisten Exegeten als P-Shifts verstanden: Im Heb. kann von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Unterschied in der Bedeutung machen soll. Zu übersetzen wäre dann auch in Vv. 2-3 durchgehend mit der 3. und in V. 4 durchgehend mit der 2. Person. Da aber in Vv. 2f. auch in den nächsten Zeilen mit der 2. Person fortgefahren wird, sind Personenwechsel besser mit Peetz 2015, S. 65f.; Zakovitch 2004, S. 110 zu erklären: Sie sollen das jeweils Folgende als ''Phantasie'' erscheinen lassen: „Die Frau träumt im Wachen: Ihre Sehnsucht nach dem ‚König‘, dem Geliebten, ist so groß, dass sie sich bei ihm wähnt“ (Zakovitch 2004, S. 110).</ref> Liebkosungen<ref>''Liebkosungen'' - Eher nicht: „Liebe“ (so viele Üss.); ''dod'' meint md. im Hohelied recht eindeutig sexuelle Handlungen (vgl. z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 3.137).</ref> [müssen] besser [sein] ([sind] besser)<ref>''[müssen] besser [sein] ([sind] besser)'' - Dass in der ersten Zeile die Küsse des Geliebten ersehnt werden, heißt wahrscheinlich, dass die Frau ihn zuvor noch nicht geküsst hat. Darauf weist auch, dass die Tatsache, dass seine Küsse besser sind als Wein, Grund für ''alle'' Mädchen ist, ihn zu lieben (sie werden es doch wohl nicht alle am eigenen Leib erfahren haben?). Der verblose Satz ist daher besser als Vermutung zu verstehen (sog. „epistemische Modalität“ (Vermutungen, Einschätzungen etc.) wird im Heb. nicht eigens markiert und muss daher aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. z.B. Lauber 2008-2011) - anders als im Dt., wo hierfür z.B. Hilfsverben wie „müssen“, „dürfen“ etc. oder Modalpartikel wie „wahrscheinlich“, „vermutlich“ etc. dienen).</ref> als Wein;<ref name="Wein">''Wein'' ist hier ein Symbol für das sehr Gute, das nur durch die „Liebkosungen“ des Geliebten noch übertroffen wird. Zu V. 2 s. ganz ähnlich [[Jesus Sirach 40#s20 |Sir 40,20]]. V. 4 meint dann etwas wie „Mehr preisen, als wir Wein preisen würden“, nämlich eben, nachdem der Angebetete ihnen Grund zu diesem Preis gegeben hat.</ref>
{{S|3}} Als der Geruch [deiner] Öle<ref>''Öle'' - das altisraelitische Pendant zu Parfumen.</ref> (deiner Öle)<ref>'''Textkritik''': ''[deine] (deine)'' - In 6QCant (der bei Weitem ältesten erhaltenen heb. Handschrift v. Hld 1,3) und VUL fehlt das „deine“ (das ''-ka'' in ''sch<sup>e</sup>maneka''), das sich im MT und den übrigen alten Üss. findet. Das könnte gut die ursprüngliche Textversion sein: „deine“ wäre dann als Brachylogie aus der vorigen Zeile zu ergänzen; der Effekt dieser brachylogischen Formulierung ist ein Binnenreim: ''sch<sup>e</sup>manim tobim'' („Öle gut“). MT und die alten Üss hätten dann das „deine“ zur Vereindeutigung auch im Text ergänzt. Ebenso gut möglich wäre aber, dass ein Schreiber gerade zur Herstellung dieses Binnenreims das ''-eka'' durch ''-im'' ersetzt hat. Da aber dadurch gleichzeitig der Gleichklang von ''sch<sup>e</sup>maneka'' („deine Öle“) und ''schemeka'' („dein Name“) zerstört worden wäre, ist das erste wahrscheinlicher.</ref> [müssen sie] besser [sein] (An Geruch/zum Riechen [sind] [deine] Öle gut):
_Öl, [das] ausgegossen wird, ist dein Name (bist du selbst)!<ref>''dein Name'' - häufiger Wechselbegriff für „du selbst“: Der Geliebte selbst ist „Mr. Parfum“, „Mr. Wohlgeruch“. Im MT wird diese Gleichsetzung unterstrichen durch den Gleichklang von „deine Öle“ und „dein Name“: ''sch<sup>e</sup>maneka'' - ''sch<sup>e</sup>meka''.<br />
Ein Nebeneffekt der Formulierung mit „dein Name“ ist, dass in diesen ohnehin schon sehr sinnlichen Versen auch noch eine Synästhesie zu finden ist: „dein Name (akustisch) ist ausgegossenes Öl (olfaktorisch + visuell).</ref>
Darum lieben dich die jungen Frauen.</poem>


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{{S|4}} Zieh mich! Hinter dir<ref>''Zieh mich! Hinter dir...'' - Meist übersetzt als „Zieh mich hinter dir her! Lass uns rennen!“, so dass „uns“ sich auf die Geliebte und den Geliebten bezöge. Das liegt recht fern: Erstens zeigen die Akzente des MT (d.h. die Zeichen, mit denen die Schreiber des MT angezeigt haben, wie der Satz auszusprechen ist), dass der Text aufzuteilen ist zwischen „Zieh mich“ und „hinter dir“ und nicht zwischen „zieh mich hinter dir [her]“ und „lass uns rennen“. Auch LXX teilt den Text so auf. Und zweitens ist es vor allem sehr unwahrscheinlich, dass die Frau ihren Geliebten im Folgenden dazu auffordern sollte, dass er gemeinsam mit ihr über sich selbst jubeln und seine eigenen Liebkosungen preisen soll. Richtiger daher van Ess: „Ziehe mich! Dir eilen wir nach!“; z.B. auch Daland 1888, S. , der den Text als Drama aufgefasst hat: „'''Court Lady''': ‚Draw me - ‘ '''Chorus of Ladies''': ‚- after thee will we run.‘ Lady: ‚Oh! that the king would bring me to his chambers!‘.“<br />
Zum Sinn s. dann die Anmerkungen.</ref> wollen wir [ja alle] herrennen!
_Der König<ref>''Der König'' - Kosename für den Geliebten. Ähnlich wird der Geliebte z.B. in ägyptischen Liebesliedern als „Prinz“ und in akkadischen Texten als „Herr“ und „Meister“ bezeichnet (vgl. Fox 1985, S. 98; Held 1961, S. 5; Loretz 1963, S. 78).</ref> bringt mich<ref name="Phantasie" /> in seine Zimmer!
Wir wollen [ja alle] jubeln und uns freuen über dich,
_Wir wollen deine Liebkosung mehr als Wein preisen.<ref name="Wein" />
Die Gerechten (mit Recht?)<ref>'''tFN''': ''die Gerechten ([mit] Recht?)'' - Zweifelhaftes Wort. Meist wird es aufgefasst als „Recht, Gerechtigkeit, Geradheit“, konstruiert als adverbialer Akkusativ der Art und Weise: „[mit] Recht“ (z.B. JM §126d), was recht schwierig ist (s. gleich). Wir folgen daher stattdessen Ginsburg 1857, S. 132: Die Zeile steht klar im Parallelismus mit der letzten Zeile von V. 3 und damit der Abstraktbegriff „Gerechtigkeit“ mit dem konkreten Begriff „die jungen Frauen“. Wahrscheinlich haben wir hier also das Stilmittel „Abstractum pro concreto“ vor uns: Ein Abstraktbegriff wird im Parallelismus mit einem konkreten Begriff ebenfalls wie ein konkreter Begriff verwendet. „Gerechtigkeit“ bedeutet also „die Gerechten“ und meint „die jungen Frauen.“ So schon VUL: „Gerechte lieben dich“; ähnlich Sym: „Gerecht sind, die dich lieben“; vielleicht auch LXX, die aber wörtlich übersetzen: „Gerechtigkeit liebt dich“.<br />
Die übliche Auflösung ist schwierig, weil zwar im Deutschen „Recht“ in „mit Recht“ auch „berechtigt“ bedeuten kann, im Heb. für eine ähnliche Synonymie aber jedes Indiz fehlt (so richtig z.B. Fox 1985, S. 99). Vom Heb. her sollte man eher vermuten, dass das Wort im adv. Akk. der Art und Weise etwas bedeutet wie „Sie lieben dich auf gerade/gerechte/redliche Weise“.<br />Mit Ausnahme von Tg haben daher schon die alten Üss. das Wort umzudeuten versucht. Zu LXX, VUL und Sym s.o.; Syr übersetzt: „...mehr als Wein preisen, / mehr als die Gerechten deine Liebe“, versteht das Nomen „Gerechtigkeit“ also ebenfalls als abstractum pro concreto.<br />
Faszinierend ist auch, wie die Schreiber von LXX und VUL in den Rubriken (s. [http://offene-bibel.de/mediawiki/index.php?title=Hohelied_1#note_c FN c]) versucht haben, das Wort zu erklären: Im Codex Vaticanum findet sich die Rubrik „Die jungen Frauen rufen dem Ehemann den Namen der Braut zu: ‚Gerechtigkeit‘ hat dich geliebt!“, im Codex Venetus: „Die jungen Frauen geben der Braut den Nachnamen ‚Gerechtigkeit‘.“ und in einigen VUL-Hss.: „Die jungen Frauen rufen dem Bräutgam den Namen der Braut zu.“ Das „Gerechtigkeit“ von LXX wird also jeweils wörtlich verstanden und dann auf die Braut bezogen.<br />
Auch in der neueren Bibelwissenschaft finden sich einige kreative und sämtlich recht unwahrscheinliche alternative Vorschläge zur Deutung des Wortes, z.B. Fox 1985, S. 99f.: „Wein ''der Glattheit''“ (=„leicht fließender Wein“: „Wir wollen deine Liebkosungen preisen / mehr als leicht fließenden Wein lieben sie dich“; ähnlich zu [[Hohelied 7#s10 |Hld 7,10]] schon SLT); Gaster 1961, S. 195 und Noegel/Rendsburg 2009, S. 73f. FN 27: „junger Wein“ („Wir wollen deine Liebkosungen mehr als Wein preisen / mehr als jungen Wein lieben sie dich“); ähnlich Gordis 1974, S. 78f. nach Ibn Ezra: „starker Wein“. Auf große Zustimmung ist keiner der drei Vorschläge gestoßen. Beirnot/Lombaard 2014 war uns leider noch nicht zugänglich; offenbar folgen sie aber Tur-Sinai mit seiner Deutung des Wortes als „sexuelle Potenz“ („stark lieben sie dich“).</ref> lieben sie dich.
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Version vom 21. Januar 2016, 00:05 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Hohelied 1)

(kommt später)

Studienfassung (Hohelied 1)

1 Das Lied der Lieder,a welche [sind] (welches [ist])b von (für, über, nach Art von) Salomon


2 [Frau:]c „Er küsse mich mit Küssen (mit einigen von den Küssen) seines Mundes!d
Oh!, (Denn) deinee Liebkosungenf [müssen] besser [sein] ([sind] besser)g als Wein;h
3 Als der Geruch [deiner] Ölei (deiner Öle)j [müssen sie] besser [sein] (An Geruch/zum Riechen [sind] [deine] Öle gut):
Öl, [das] ausgegossen wird, ist dein Name (bist du selbst)!k
Darum lieben dich die jungen Frauen.


4 Zieh mich! Hinter dirl wollen wir [ja alle] herrennen!
Der Königm bringt michn in seine Zimmer!
Wir wollen [ja alle] jubeln und uns freuen über dich,
Wir wollen deine Liebkosung mehr als Wein preisen.h
Die Gerechten (mit Recht?)o lieben sie dich.
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Anmerkungen

aLied der Lieder - Eine der Weisen, im Heb. einen Superlativ zu bilden: „Das schönste Lied“. (Zurück zu v.1)
bwelche [sind] (welches [ist]) - der Nebensatz lässt sich entweder auf das Lied („Salomo hat dieses schönste aller Lieder geschrieben“) oder auf der Lieder beziehen („Dieses Lied ist das schönste von Salomos Liedern“). Diese zweite Auflösung ist wahrscheinlicher, da für die erste Auflösung die Relativpartikel welche(s) unnötig wäre (s. die vielen Psalmüberschriften ohne Relativpartikel; so richtig Rudolph 1962, S. 121). (Zurück zu v.1)
cDas Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung. (Zurück zu v.2)
dKüsse seines Mundes - die Extra-nennung von „seines Mundes“ ist nicht überflüssig, da im Alten Orient auch der Nasenkuss verbreitet war: das Aneinanderreiben der Nasen als Zeichen der Zuneigung, wie wir das heute noch als „Eskimokuss“ kennen. Intimer war aber der Mundkuss (vgl. Fox 1985, S. 97), und dieser wird hier ersehnt.
Das mi- („mit / mit einigen von“) ist daher eher ein sog. „Min instrumenti“ („Er soll mich mit Mund-küssen küssen!“) als ein „Min partitivum“ (Einige der Küsse seines Mundes sollen auch mich treffen“). (Zurück zu v.2)
edeine (V. 2) + der König (V. 4) - Die Wechsel von der 3. zur 2. Person in V. 2 (Er küsse mich“ - „Deine Liebkosungen“) und von der 2. zur 3. Person und wieder zurück in V. 4 (Zieh“ - „Der König bringt“ - „über dich) werden von den meisten Exegeten als P-Shifts verstanden: Im Heb. kann von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Unterschied in der Bedeutung machen soll. Zu übersetzen wäre dann auch in Vv. 2-3 durchgehend mit der 3. und in V. 4 durchgehend mit der 2. Person. Da aber in Vv. 2f. auch in den nächsten Zeilen mit der 2. Person fortgefahren wird, sind Personenwechsel besser mit Peetz 2015, S. 65f.; Zakovitch 2004, S. 110 zu erklären: Sie sollen das jeweils Folgende als Phantasie erscheinen lassen: „Die Frau träumt im Wachen: Ihre Sehnsucht nach dem ‚König‘, dem Geliebten, ist so groß, dass sie sich bei ihm wähnt“ (Zakovitch 2004, S. 110). (Zurück zu v.2)
fLiebkosungen - Eher nicht: „Liebe“ (so viele Üss.); dod meint md. im Hohelied recht eindeutig sexuelle Handlungen (vgl. z.B. Bloch/Bloch 1995, S. 3.137). (Zurück zu v.2)
g[müssen] besser [sein] ([sind] besser) - Dass in der ersten Zeile die Küsse des Geliebten ersehnt werden, heißt wahrscheinlich, dass die Frau ihn zuvor noch nicht geküsst hat. Darauf weist auch, dass die Tatsache, dass seine Küsse besser sind als Wein, Grund für alle Mädchen ist, ihn zu lieben (sie werden es doch wohl nicht alle am eigenen Leib erfahren haben?). Der verblose Satz ist daher besser als Vermutung zu verstehen (sog. „epistemische Modalität“ (Vermutungen, Einschätzungen etc.) wird im Heb. nicht eigens markiert und muss daher aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. z.B. Lauber 2008-2011) - anders als im Dt., wo hierfür z.B. Hilfsverben wie „müssen“, „dürfen“ etc. oder Modalpartikel wie „wahrscheinlich“, „vermutlich“ etc. dienen). (Zurück zu v.2)
hWein ist hier ein Symbol für das sehr Gute, das nur durch die „Liebkosungen“ des Geliebten noch übertroffen wird. Zu V. 2 s. ganz ähnlich Sir 40,20. V. 4 meint dann etwas wie „Mehr preisen, als wir Wein preisen würden“, nämlich eben, nachdem der Angebetete ihnen Grund zu diesem Preis gegeben hat. (Zurück zu v.2 / zu v.4)
iÖle - das altisraelitische Pendant zu Parfumen. (Zurück zu v.3)
jTextkritik: [deine] (deine) - In 6QCant (der bei Weitem ältesten erhaltenen heb. Handschrift v. Hld 1,3) und VUL fehlt das „deine“ (das -ka in schemaneka), das sich im MT und den übrigen alten Üss. findet. Das könnte gut die ursprüngliche Textversion sein: „deine“ wäre dann als Brachylogie aus der vorigen Zeile zu ergänzen; der Effekt dieser brachylogischen Formulierung ist ein Binnenreim: schemanim tobim („Öle gut“). MT und die alten Üss hätten dann das „deine“ zur Vereindeutigung auch im Text ergänzt. Ebenso gut möglich wäre aber, dass ein Schreiber gerade zur Herstellung dieses Binnenreims das -eka durch -im ersetzt hat. Da aber dadurch gleichzeitig der Gleichklang von schemaneka („deine Öle“) und schemeka („dein Name“) zerstört worden wäre, ist das erste wahrscheinlicher. (Zurück zu v.3)
kdein Name - häufiger Wechselbegriff für „du selbst“: Der Geliebte selbst ist „Mr. Parfum“, „Mr. Wohlgeruch“. Im MT wird diese Gleichsetzung unterstrichen durch den Gleichklang von „deine Öle“ und „dein Name“: schemaneka - schemeka.
Ein Nebeneffekt der Formulierung mit „dein Name“ ist, dass in diesen ohnehin schon sehr sinnlichen Versen auch noch eine Synästhesie zu finden ist: „dein Name (akustisch) ist ausgegossenes Öl (olfaktorisch + visuell).“ (Zurück zu v.3)
lZieh mich! Hinter dir... - Meist übersetzt als „Zieh mich hinter dir her! Lass uns rennen!“, so dass „uns“ sich auf die Geliebte und den Geliebten bezöge. Das liegt recht fern: Erstens zeigen die Akzente des MT (d.h. die Zeichen, mit denen die Schreiber des MT angezeigt haben, wie der Satz auszusprechen ist), dass der Text aufzuteilen ist zwischen „Zieh mich“ und „hinter dir“ und nicht zwischen „zieh mich hinter dir [her]“ und „lass uns rennen“. Auch LXX teilt den Text so auf. Und zweitens ist es vor allem sehr unwahrscheinlich, dass die Frau ihren Geliebten im Folgenden dazu auffordern sollte, dass er gemeinsam mit ihr über sich selbst jubeln und seine eigenen Liebkosungen preisen soll. Richtiger daher van Ess: „Ziehe mich! Dir eilen wir nach!“; z.B. auch Daland 1888, S. , der den Text als Drama aufgefasst hat: „Court Lady: ‚Draw me - ‘ Chorus of Ladies: ‚- after thee will we run.‘ Lady: ‚Oh! that the king would bring me to his chambers!‘.“
Zum Sinn s. dann die Anmerkungen. (Zurück zu v.4)
mDer König - Kosename für den Geliebten. Ähnlich wird der Geliebte z.B. in ägyptischen Liebesliedern als „Prinz“ und in akkadischen Texten als „Herr“ und „Meister“ bezeichnet (vgl. Fox 1985, S. 98; Held 1961, S. 5; Loretz 1963, S. 78). (Zurück zu v.4)
n (Zurück zu v.4)
otFN: die Gerechten ([mit] Recht?) - Zweifelhaftes Wort. Meist wird es aufgefasst als „Recht, Gerechtigkeit, Geradheit“, konstruiert als adverbialer Akkusativ der Art und Weise: „[mit] Recht“ (z.B. JM §126d), was recht schwierig ist (s. gleich). Wir folgen daher stattdessen Ginsburg 1857, S. 132: Die Zeile steht klar im Parallelismus mit der letzten Zeile von V. 3 und damit der Abstraktbegriff „Gerechtigkeit“ mit dem konkreten Begriff „die jungen Frauen“. Wahrscheinlich haben wir hier also das Stilmittel „Abstractum pro concreto“ vor uns: Ein Abstraktbegriff wird im Parallelismus mit einem konkreten Begriff ebenfalls wie ein konkreter Begriff verwendet. „Gerechtigkeit“ bedeutet also „die Gerechten“ und meint „die jungen Frauen.“ So schon VUL: „Gerechte lieben dich“; ähnlich Sym: „Gerecht sind, die dich lieben“; vielleicht auch LXX, die aber wörtlich übersetzen: „Gerechtigkeit liebt dich“.

Die übliche Auflösung ist schwierig, weil zwar im Deutschen „Recht“ in „mit Recht“ auch „berechtigt“ bedeuten kann, im Heb. für eine ähnliche Synonymie aber jedes Indiz fehlt (so richtig z.B. Fox 1985, S. 99). Vom Heb. her sollte man eher vermuten, dass das Wort im adv. Akk. der Art und Weise etwas bedeutet wie „Sie lieben dich auf gerade/gerechte/redliche Weise“.
Mit Ausnahme von Tg haben daher schon die alten Üss. das Wort umzudeuten versucht. Zu LXX, VUL und Sym s.o.; Syr übersetzt: „...mehr als Wein preisen, / mehr als die Gerechten deine Liebe“, versteht das Nomen „Gerechtigkeit“ also ebenfalls als abstractum pro concreto.
Faszinierend ist auch, wie die Schreiber von LXX und VUL in den Rubriken (s. FN c) versucht haben, das Wort zu erklären: Im Codex Vaticanum findet sich die Rubrik „Die jungen Frauen rufen dem Ehemann den Namen der Braut zu: ‚Gerechtigkeit‘ hat dich geliebt!“, im Codex Venetus: „Die jungen Frauen geben der Braut den Nachnamen ‚Gerechtigkeit‘.“ und in einigen VUL-Hss.: „Die jungen Frauen rufen dem Bräutgam den Namen der Braut zu.“ Das „Gerechtigkeit“ von LXX wird also jeweils wörtlich verstanden und dann auf die Braut bezogen.

Auch in der neueren Bibelwissenschaft finden sich einige kreative und sämtlich recht unwahrscheinliche alternative Vorschläge zur Deutung des Wortes, z.B. Fox 1985, S. 99f.: „Wein der Glattheit(=„leicht fließender Wein“: „Wir wollen deine Liebkosungen preisen / mehr als leicht fließenden Wein lieben sie dich“; ähnlich zu Hld 7,10 schon SLT); Gaster 1961, S. 195 und Noegel/Rendsburg 2009, S. 73f. FN 27: „junger Wein“ („Wir wollen deine Liebkosungen mehr als Wein preisen / mehr als jungen Wein lieben sie dich“); ähnlich Gordis 1974, S. 78f. nach Ibn Ezra: „starker Wein“. Auf große Zustimmung ist keiner der drei Vorschläge gestoßen. Beirnot/Lombaard 2014 war uns leider noch nicht zugänglich; offenbar folgen sie aber Tur-Sinai mit seiner Deutung des Wortes als „sexuelle Potenz“ („stark lieben sie dich“). (Zurück zu v.4)