Gen 6,1-8:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter)

Aus Die Offene Bibel

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Dies ist eine individuell verantwortete Textfassung. Sie ist Teil der Offenen Bibel, stammt aber in dieser Version nicht vom Gesamt-Team.

Persönliche Fassung

7. Gott fällt zwei Entscheidungen

Nachdem Gen 4,17-26 und Gen 5 anhand der beiden Stammbäume der ersten Menschen berichtet haben, wie der Mensch sich auf der Erde vermehrte, schließt hieran Gen 6,1-8 mit einem Doppelabschnitt an. Die beiden Unterabschnitte sind locker parallel gebaut; in unterschiedlicher Reihenfolge berichtet jeder
(a) von der Geburt der Töchter auf dem Erdboden (V. 1) / der Anwesenheit der „Gefallenen“ auf der Erde (V. 4),
(b) dass die Menschheit (V. 1) / das Böse der Menschheit (V. 5) sich „vermehrt“,
(c) dass die Götterwesen sehen, dass die Menschenfrauen „gut“ sind (V. 2) / Gott sieht, dass die Menschen „böse“ sind (V. 5),
(d) dass die Götterwesen Menschenfrauen ehelichen (V. 2) / mit ihnen Nachwuchs zeugen (V. 4)
(e) Dass Gott eine durch „da sprach GOTT“ eingeleitete Konsequenz zieht (Vv. 3.7).
Beim ersten Unterabschnitt ist dies die Konsequenz, die Lebensspanne des Menschen zu begrenzen, beim zweiten die, die Menschheit samt und sonders zu vernichten.
Damit schärft sich das Profil Gottes in der Urgeschichte: Offenbar hat er grundsätzlich etwas dagegen, wenn der Mensch, sein „Stellvertreter“ und „Diener des Erdbodens“, an Rang und Namen gewinnt: In Gen 2-3 verwehrt er ihm den Zugang zum Baum der Erkenntnis und zum Baum des Lebens, in Gen 4 erniedrigt er Herrn Kauf und demütigt er Frau Leben, hier vermindert er die menschliche Lebensspanne, nachdem er sich mit Göttern eingelassen haben, und beschließt gar seine Vernichtung. Letzteres offenbar konkreter, weil es nunmehr unter den Menschen auch „berühmte Männer“ gibt, denn dass Menschen „berühmt“ werden wollen, wird auch in Gen 11,4 berichtet, und auch dort fällt Gott in Gen 11,8 eine ähnliche Entscheidung: Hier die Vernichtung, dort die Zerstreuung. Die Ursünde des Menschen war wirklich der Griff zur Frucht; dieser Griff aber steht nicht für Ungehorsam oder Geschlechtlichkeit – sondern für Vermessenheit.
Beide Unterabschnitte spielen damit hier auch das erste Mal Motive ein, die sich noch sehr häufig in der Bibel finden werden: Menschliche Größe ist gefährlich und führt zum Fall (s. z.B. Dtn 8,14; Ijob 20,6f.; Spr 11,2; 16,18; 18,12; 29,23; Jes 2,11f.; Ez 28,2; Ob 3f), und gerade in der Kürze des menschlichen Lebens liegt seine Bedeutungslosigkeit und Kleinheit: Wegen ihr ist er nur wie Wasser, das verschüttet werden kann (2 Sam 14,14), wie Erde, die zu Staub wird (Ijob 10,9), wie ein Traum, der vergessen wird (Ijob 20,8; Ps 90,5), wie Kot, der verrottet (Ijob 20,6f.), wie Gras und Wildblume, die verdorrt (Ijob 14,2; Ps 90,5f.; 103,15f.; Jes 40,6f.; 51,12f.); wegen ihr ist der Mensch verschwindend unbedeutsam in den Augen Gottes: „Meine Dauer ist wie nichts vor dir; ach!, nur ein Lüftchen ist jeder aufrechte Mensch!“ (Ps 39,6).
Das erste Urteil spannt einen Bogen von hier am Beginn des Pentateuch bis zum Ende in Dtn 34,5-7: Die Lebensspanne des Menschen lässt im Folgenden nur schrittweise nach, und Mose wird der erste sein, der nur noch 120 Jahre alt wird – und gleichzeitig neben Ijob der letzte, der auch nur dieses Alter erreichen soll. Das zweite Urteil dagegen verweist voraus auf die sich in Gen 6,9 - Gen 9 anschließende Erzählung von der Flut.


Daniel Chester French: The Sons of God Saw the Daughters of Men That They Were Fair. Skulptur, 1923. CC0 1.0

1 Als der Erdling begann,a
sich auf dem Erdboden zu vermehren,
wurden ihnen Töchter geboren.
2 Da sahen die Götterwesen,b
dass die Erdlingsfrauen gut waren,c
und alle, die sie erwählten,
nahmen sie sich als Ehefrauen.
3 Da sprach GOTT:
„Mein Geist soll den Erdling nicht richten auf ewig:
Wegen ihres Fehltritts ist er Fleisch –
seine Lebensspanne belaufe sich auf 120 Jahre!“d


4 Auch die Gefallenenb waren auf der Erde in jenen Tagen,
und auch später, als die Götterwesen zu den Erdlingsfrauen eingingen, und diese ihnen gebaren.
Dies waren die Helden,
die seit jeher berühmten Männer.e
5 Da sah GOTT,
dass sich das Böse des Erdlings vermehrtef auf der Erde,
und dass alles Sinnen der Gedanken seines Herzens ständig nur bösef war,
6 und GOTT bereute, dass er den Erdling gemacht hatte auf der Erde
und es schmerzte ihn bis in sein Herz hinein.
7 Da sprach GOTT:
„Ich werde auslöschen den Erdling, den ich geschaffen habe, vom Erdboden –
vom Erdling über das Vieh und das Geschlängel bis zum Geflügel im Himmel –,
denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe.“
8 Ruh allerdings fand Gnade vor GOTT.g


Gen 5 <= | => Gen 6,9-22
aWortspiel: Das heb. Wort heißt auch „entweihen, entehren“; entsprechend ist „entehrte Frau“ in Lev 21,7 Ausdruck für eine Prostituierte. Schon in diesem Wort deutet sich also an, was gleich folgen wird. (Zurück zu Lesefassung v.1)
bDie Existenz weiterer Götterwesen neben GOTT setzen viele Texte des ersten Testaments ohne weiteres voraus; s. besonders klar in Ijob 1-2, wo z.B. auch „der Satan“ zu diesen Götterwesen gehört.
Die Gefallenen, heb. napilim, kennt man in der heutigen Populärkultur als Nachkommen dieser Götterwesen und der Erdlingsfrauen. Das sagt der biblische Text gerade nicht. Wir wissen über diese Gruppe nur, was hier und in Num 13,32 über sie berichtet wird: Sie sind männliche Helden der alten Zeit, sind bereits gefallen, und waren im alten Israels bekannt und sagenumwoben genug, dass ihre bloße Erwähnung genügte, um die Israeliten in Furcht zu versetzen. (Zurück zu Lesefassung v.2 / zu Lesefassung v.4)
cEin Rückbezug zu Gen 1. Grammatisch entspricht die Formulierung exakt der in Gen 1,4. Der Vers liefert außerdem die Bewertung des Menschen als „gut“ nach, die zwischen Gen 1,27 und Gen 1,28 auffällig nicht stand. Aber sie wird pervertiert nachgeliefert: Für die Götterwesen sind die Erdlingsfrauen nur „gut“ als verbotene Früchte, die sie ebenso „als gut ansehen und dann nehmen“, wie Frau Leben in Gen 3,6 ihre verbotene Frucht als gut angesehen und genommen hatte. V. 5 unseres Kapitels zeigt dagegen, wie der Mensch wirklich ist: durch und durch schlecht in den Augen Gottes. (Zurück zu Lesefassung v.2)
dVorausgesetzt ist offenbar entweder, dass Verkehr mit Götterwesen ewiges Leben verleiht, oder dass die Götter und Frauen Nachkommen gezeugt haben und diese ähnlich ewig leben wie ihre göttlichen Väter. Über einen Umweg ist der Mensch so doch an die Frucht des Baums des Lebens gekommen. Wie es in Gen 3 letztlich die Schuld der Schlange ist, dass dem Menschen der Zugang zum Baum des Lebens verwehrt ist, ist es hier letztlich die Schuld der Götterwesen, dass der Mensch auch noch zur Kurzlebigkeit verdammt wird – die Frage nach der Schuld wird also gar nicht gestellt; entscheidend allein: Es ist geschehen, nun muss es Konsequenzen haben.
Hellsichtig schreibt Rabbi Jehoschua (1. Jhd.) im Midrasch BerR: „Der Heilige, gepriesen sei er, ist geduldig in allen Belangen – nur nicht, wenn es um Unsterblichkeit geht. (Zurück zu Lesefassung v.3)
eTextkritik: Im Hebräischen steht nicht zwischen Vers 3 und 4, sondern hier – zwischen Vers 4 und 5 – ein Texteinschnitt, der auch durch fast alle mittelalterlichen Handschriften bezeugt wird (Ausnahmen: TS1, G24). Warum die alten Schreiber hier einen Abschnitt gesehen haben, ist auch klar: Mit der Passage „und auch später, als die Götterwesen zu den Erdlingsfrauen eingingen, und diese ihnen gebaren“ scheint V. 4 prima vista noch vom Selben zu sprechen wie Vv. 1-3. Analysiert man etwas genauer, ist der parallele Aufbau von Vv. 1-3 und 4-7 aber zu deutlich erkennbar (und wird sogar noch deutlicher, wenn man den späteren Zusatz einrechnet); der Texteinschnitt zwischen Vv. 4.5 dürfte ein Fehler der alten Ausleger sein und richtiger zwischen Vv. 3.4 liegen. (Zurück zu Lesefassung v.4)
fZwei Klangspiele: „Das Böse des Erdlings vermehrte sich“ = heb. rabbah ra´at ha`adam mit deutlicher a-Assonanz; „nur böse“ = ähnlich raq ra´. Man beachte in dieser Zeile auch die Häufung der Ausdrücke für Vollständigkeit: „alles Sinnen“, „standig“, „nur böse“, und die arg redundante Formulierung „das Sinnen der Gedanken seines Herzens“ – der Mensch scheint wahrlich grund-verdorben zu sein. (zu Lesefassung v.5)
gKlangspiel: „Ruh“ = nōḥ, „Gefallen“ mit den selben Konsonanten ḥen. (Zurück zu Lesefassung v.8)