Persönliche Fassung
Nachdem Gen 4,17-26 und Gen 5 anhand der beiden Stammbäume der ersten Menschen berichtet haben, wie der Mensch sich auf der Erde vermehrte, schließt hieran Gen 6,1-8 mit einem Doppelabschnitt an. Die beiden Unterabschnitte sind locker parallel gebaut; in unterschiedlicher Reihenfolge berichtet jeder
- (a) dass die Menschheit (V. 1) / das Böse der Menschheit (V. 5) sich „vermehrt“,
- (b) von der Geburt der Töchter auf dem Erdboden (V. 1) / der Anwesenheit der „Gefallenen“ auf der Erde (V. 4),
- (c) dass die Götterwesen sehen, dass die Menschenfrauen „gut“ sind (V. 2) / Gott sieht, dass die Menschen „böse“ sind (V. 5),
- (d) dass die Götterwesen Menschenfrauen ehelichen (V. 2) / mit ihnen Nachwuchs zeugen (V. 4)
- (e) Dass Gott eine durch „da sprach GOTT“ eingeleitete Konsequenz zieht (Vv. 3.7).
Beim ersten Unterabschnitt ist dies die Konsequenz, die Lebensspanne des Menschen zu begrenzen, beim zweiten die, die Menschheit samt und sonders zu vernichten.
Damit schärft sich das Profil Gottes in der Urgeschichte: Offenbar hat er grundsätzlich etwas dagegen, wenn der Mensch, sein „Stellvertreter“ und „Diener des Erdbodens“, an Rang und Namen gewinnt: In Gen 2-3 verwehrt er ihm den Zugang zum Baum der Erkenntnis und zum Baum des Lebens, in Gen 4 erniedrigt er Herrn Kauf und demütigt er Frau Leben, hier vermindert er die menschliche Lebensspanne, nachdem er sich mit Göttern eingelassen hat, und beschließt gar seine Vernichtung. Letzteres offenbar konkreter, weil es nunmehr unter den Menschen auch „berühmte Männer“ gibt – denn dass Menschen „berühmt“ werden wollen, wird auch in Gen 11,4 berichtet, und auch dort fällt Gott in Gen 11,8 eine ähnliche Entscheidung: Hier die Vernichtung, dort die Zerstreuung. Die Ursünde des Menschen war wirklich der Griff zur Frucht; dieser Griff aber steht nicht für Ungehorsam oder Geschlechtlichkeit – sondern für Vermessenheit.
Beide Unterabschnitte spielen damit hier auch das erste Mal Motive ein, die sich noch sehr häufig in der Bibel finden werden: Menschliche Größe ist gefährlich und führt zum Fall (s. z.B. Dtn 8,14; Ijob 20,6f.; Spr 11,2; 16,18; 18,12; 29,23; Jes 2,11f.; Ez 28,2; Ob 3f), und gerade in der Kürze des menschlichen Lebens liegt seine Bedeutungslosigkeit und Kleinheit: Wegen ihr ist er nur wie Wasser, das verschüttet werden kann (2 Sam 14,14), wie Erde, die zu Staub wird (Ijob 10,9), wie ein Traum, der vergessen wird (Ijob 20,8; Ps 90,5), wie Kot, der verrottet (Ijob 20,6f.), wie Gras und Wildblume, die verdorrt (Ijob 14,2; Ps 90,5f.; 103,15f.; Jes 40,6f.; 51,12f.); wegen ihr ist der Mensch verschwindend unbedeutsam in den Augen Gottes: „Meine Dauer ist wie nichts vor dir; ach!, nur ein Lüftchen ist jeder aufrechte Mensch!“ (Ps 39,6).
Und gleichzeitig gehört Gen 6,1-8 in eine Reihe von Abschnitten, die dagegen nacherzählen, wie der Mensch an seine Größe gelangte: In Gen 1 hatte Gott ihn als seinen Stellvertreter geschaffen, in Gen 2 hatte er ihm seinen göttlichen Atem eingehaucht, in Gen 3 erlangte er gegen Gottes Willen göttliche Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit, hier wird offenbar erzählt, wie – ebenfalls gegen Gottes Willen – „von Anfang an“ auch noch göttliches Erbgut in seine Gene gelangte, und die folgenden Kapitel werden nach und nach berichten, wie er auch noch mehrfach mit Gott in einen Bund tritt. Die beiden Stammbäume in Gen 4 und Gen 5 stehen dabei auch symbolisch für diese beiden Wege zu menschlicher Größe – den „gottlosen“ und den gottgefälligen –, die das Menschengeschlecht in Gen 1-6 peu à peu beschreitet. Nach und nach erringt der vermessene Nackedei so wirklich die Krone der Schöpfung, und erst dies ist es, was Gottes Gegenmaßnahmen nötig macht: die Verdammung zur Sterblichkeit in Gen 3, die Begrenzung der Lebenszeit in Gen 6,3 und die Ausrottung entarteten Größenwahns in Gen 6,7. Gen 3 und Gen 6,1-8 sind damit sozusagen das biblische Pendant zur Prometheus-Erzählung.
Das erste Urteil in diesem Abschnitt spannt einen Bogen von hier am Beginn des Pentateuch bis zu seinem Ende in Dtn 34,5-7: Die Lebensspanne des Menschen lässt im Folgenden nur schrittweise nach, und Mose wird der erste sein, der nur noch 120 Jahre alt wird – und gleichzeitig neben Ijob der letzte, der auch nur dieses Alter erreichen soll. Das zweite Urteil dagegen verweist voraus auf die sich ab Gen 6,9-22 anschließende Erzählung von der Flut.

1 Als der Erdling begann,〈a〉
sich auf dem Erdboden zu vermehren,
wurden ihnen Töchter geboren.
2 Da sahen die Götterwesen,〈b〉
dass die Erdlingsfrauen gut waren,〈c〉
und alle, die sie erwählten,
nahmen sie sich als Ehefrauen.
3 Da sprach GOTT:
„Mein Hauch soll den Erdling nicht richten auf ewig:
Wegen ihres Fehltritts ist er Fleisch〈d〉 –
seine Lebensspanne belaufe sich auf 120 Jahre!“
4 Auch die Gefallenen〈b〉 waren auf der Erde in jenen Tagen –
und auch später,
als die Götterwesen mit den Erdlingsfrauen verkehrten,
und diese ihnen gebaren.
Dies waren die Helden,
die seit jeher berühmten Männer.〈e〉
5 Da sah GOTT,
dass sich das Böse des Erdlings vermehrte〈f〉 auf der Erde,
und dass alles Sinnen der Gedanken seines Herzens ständig nur böse〈f〉 war,
6 und GOTT war untröstlich, dass er den Erdling gemacht hatte auf der Erde
und es peinigte ihn bis in sein Herz hinein.〈g〉
7 Da sprach GOTT:
„Ich werde auslöschen den Erdling, den ich geschaffen habe, vom Erdboden –
vom Erdling über das Vieh und das Geschlängel bis zum Geflügel im Himmel –,
denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe.“
8 Ruh allerdings fand Gnade vor GOTT.〈h〉
| a | Wortspiel: Das heb. Wort heißt auch „entweihen, entehren“; entsprechend ist „entehrte Frau“ in Lev 21,7 Ausdruck für eine Prostituierte. Schon in diesem Wort deutet sich also an, was gleich folgen wird. (Zurück zu Lesefassung v.1) |
| b | Die Existenz weiterer Götterwesen neben GOTT setzen viele Texte des ersten Testaments ohne weiteres voraus; s. besonders klar in Ijob 1-2, wo z.B. auch „der Satan“ zu diesen Götterwesen gehört. Die Gefallenen, heb. napilim, kennt man in der heutigen Populärkultur als Nachkommen dieser Götterwesen und der Erdlingsfrauen. Das sagt der biblische Text gerade nicht; es gab sie schon, bevor die Götterwesen mit den Menschentöchtern verkehrten. Wir wissen daher über diese Gruppe nur, was hier und in Num 13,32 über sie berichtet wird: Sie sind männliche Helden der alten Zeit, sind bereits gefallen, und waren im alten Israels bekannt und sagenumwoben genug, dass ihre bloße Erwähnung genügte, um die Israeliten in Furcht zu versetzen. Ez 32,23 spricht sehr ähnlich von „gefallenen (nopilim) assyrischen Helden“ in der Unterwelt. (Zurück zu Lesefassung v.2 / zu Lesefassung v.4) |
| c | Ein Rückbezug zu Gen 1. Grammatisch entspricht die Formulierung exakt der in Gen 1,4. Der Vers liefert so auch die Bewertung des Menschen als „gut“ nach, die zwischen Gen 1,27 und Gen 1,28 auffällig nicht stand. Aber sie wird pervertiert nachgeliefert: Für die Götterwesen sind die Erdlingsfrauen nur „gut“ als verbotene Früchte, die sie ebenso „als gut ansehen und dann nehmen“, wie Frau Leben in Gen 3,6 ihre verbotene Frucht als gut angesehen und genommen hatte. V. 5 unseres Kapitels zeigt dagegen, wie der Mensch wirklich ist: durch und durch schlecht in den Augen Gottes. (Zurück zu Lesefassung v.2) |
| d | Fleisch, d.h. vergänglich. Vgl. Ps 78,39: „Er dachte daran, dass sie Fleisch sind: Nur ein Hauch, der verweht und nicht zurückkehrt.“ Fehltritt, von heb. šagag / šagah, passt hier sehr gut: Es ist zum einen terminus technicus für unbeabsichtigte Sünden, zum anderen wird es speziell vom „Liebestaumel“ gesagt (s. Spr 5,19; in V. 23 in der üblichen Bed.). Damit verweist das Wort gleich doppelt auf das Miteinander von Menschenfrauen und Götterwesen. Betont sei, dass es unbeabsichtigte Sünden bezeichnet. Wie es in Gen 3 letztlich die Schuld der Schlange war, dass dem Menschen der Zugang zum Baum des Lebens verwehrt ist, ist es hier letztlich die Schuld der Götterwesen, dass der Mensch auch noch zur Kurzlebigkeit verdammt wird – die Frage nach der Schuld interessiert Gott hier gar nicht; entscheidend allein: Es ist geschehen, nun muss es Konsequenzen haben. Es muss gar nicht vorausgesetzt sein, dass die Nachkommen von Göttern und Menschen unsterblich wären o.ä. und dass Gott deshalb das menschliche Leben begrenzen muss; wahrscheinlicher ist nur gemeint: „Herrje! Erst kam Frau Leben mit der verbotenen Frucht, dann Herr Kauf mit seinen Minderwertigkeitskomplexen, dann Herr Kraftprotz mit seiner Vermessenheit, und nun paaren sich auch noch die Frauen mit Göttern! Es reicht, 1000 Jahre sind offenbar einfach zu lang – ich muss hier ja jeden verurteilen, der nicht zufällig schon vor Ablauf seiner Zeit getötet wird! Darum: Vergänglich seien sie! 120 Jahre, länger nicht!“ Die Enallage „ihr Fehltritt – er ist Fleisch“ ist unproblematisch; sie findet sich fast ebenso ja bereits in V. 1. Vielleicht trägt sie außerdem zur Bedeutung bei: „Der Erdling“ ist in V. 1 offensichtlich Gattungsbegriff, wonach daher im Folgenden vom Erdling im Plural weitergesprochen werden kann. Hier wäre es dann umgekehrt: „Sie“ – einer nach dem anderen – sind fehlgegangen und haben so aber Fehler um Fehler auf „den“ Menschen gehäuft. Es ist danach nur konsequent, dass das Urteil über die ganze Gattung verhängt wird. (Zurück zu Lesefassung v.3) |
| e | Textkritik: Im Hebräischen steht nicht zwischen Vers 3 und 4, sondern hier – zwischen Vers 4 und 5 – ein Texteinschnitt, der auch durch fast alle mittelalterlichen Handschriften bezeugt wird (Ausnahmen: TS1, G24). Warum die alten Schreiber hier einen Abschnitt gesehen haben, ist auch klar: Mit der Passage „und auch später, als die Götterwesen zu den Erdlingsfrauen eingingen, und diese ihnen gebaren“ scheint V. 4 prima vista noch vom Selben zu sprechen wie Vv. 1-3. Analysiert man etwas genauer, ist der parallele Aufbau von Vv. 1-3 und 4-7 aber zu deutlich erkennbar; der Texteinschnitt zwischen Vv. 4.5 dürfte ein Fehler der alten Ausleger sein und richtiger zwischen Vv. 3.4 liegen. (Zurück zu Lesefassung v.4) |
| f | Zwei Klangspiele: „Das Böse des Erdlings vermehrte sich auf der Erde“ = heb. rabbah ra´at ha`adam ba`arṣ mit deutlicher a-Assonanz; „nur böse“ = ähnlich raq ra´. Man beachte in dieser Zeile auch die Häufung der Ausdrücke für Vollständigkeit: „alles Sinnen“, „standig“, „nur böse“, und die arg redundante Formulierung „das Sinnen der Gedanken seines Herzens“ – der Mensch scheint wahrlich grund-verdorben zu sein. Die stark assonante Zeile wird gleich darauf kontrastiert mit ´aßa `at ha`adam ba`arṣ („er hatte den Erdling gemacht auf der Erde“): Offenbar hat der Mensch sich nicht so entwickelt, wie Gott sich das vorgestellt hat. (zu Lesefassung v.5) |
| g | Wortspiel: Die Worte Trost (=> untröstlich), Machen und Pein(igen) stehen exakt in dieser Reihenfolge auch in Gen 5,28. S. näher zu diesem Vers. (Zurück zu Lesefassung v.6) |
| h | Klangspiel: „Ruh“ = nōḥ, „Gnade“ mit den selben Konsonanten ḥen. (Zurück zu Lesefassung v.8) |