Rut 2

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Lesefassung (Rut 2)

(kommt später)

Studienfassung (Rut 2)

1 Noomi hatte einen Verwandten (Bekannten)a ihres Mannes; einen mächtigen, fähigen Mannb aus der Sippe Elimelechsc. Sein Name war: Boas (in ihm ist Kraft, der Scharfsinnige)d. 2 Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi: „Ich würde [gerne] aufs Felde gehenf und an den Ähren mitleseng hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen findeh.“ Sie sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter!“i3 [Also] ging und kamj und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit.([Und das kam so: ])k
Zufällig geriet siel auf das Feldstücke des Boas, der aus der Sippe des Elimelech [war].

4 Und, siehe da: Da kam [auch schon]m Boas von Betlehem [her]. Er sagte zu den Schnittern: „JHWH [sei] mit euch!“ Und sie sagten zu ihm: „Es segne dich JHWH!“n5 Und Boas sagte zu seinem Jungen (Angestellten)o, der über die Schnitter gestellt war: „[Zu] wem [gehört]p dieses Mädchen?“ 6 Der Junge, der über die Schnitter gestellt war, antwortete: „Ein moabitisches Mädchen [ist] sie, das mit Noomi zurückgekehrt ist aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moabq.r7 Sie hat gesagt: ‚Ich würde [gerne] lesenf und bei den Garben (in Garben, zu Garben, {bei den Garben}?, Halme?)s hinter den Schnittern [her] sammeln.‘ Und (Also) sie kam und blieb (stand, las Ähren?, kam {und blieb}?)t vom Morgen bis gerade eben; (bis jetzt, dieses/diese/jetzt/hier/hierher)t ihr Sitzen (sie macht Pause?, sie kehrt zurück?, ihr Besitz?)t im Haus (das Haus, nach Hause?, das/auf dem Feld?)t [ist (währt)] [erst] seit Kurzem.“

8 Und Boas sagte zu Rut: „Höre, meine Tochter:u Gehe nicht (du musst nicht gehen) zum Sammeln auf ein anderes Feld und ziehe auch nicht fort (du musst nicht fortziehen) von hier, sondern hänge dich hier (so:) an meine Mädchen (bleibe hier bei meinen Mädchen, du darfst bleiben).v9 Deine Augen [seien] auf das Feld [gerichtet], das sie aberntenw. Gehe hinter ihnen (zusammen mit ihnen)x. [Hiermit] befehle ich meinen Jungenu, dich nicht anzurühren (anzugreifen, mit dir keinen Geschlechtsverkehr zu haben)? Und wenn du Durst hast, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was [auch] die Jungen schöpfen!“ 10 Da warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärtsy und sagte zu ihm: „Warum [nur] habe ich Gefallen in deinen Augen gefunden,z so dass du mich [wohlgefällig] ansiehst, obwohl ich Ausländerin [bin]?“ 11 Boas anwortete {und sagte zu}aa ihr: „Berichtet {berichtet}ab wurde mir alles, was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hastac: [dass] du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du vorher (gestern vorgestern)ad nicht kanntest. 12 JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israels, zu dem (weil) du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (um dich unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)ae!“ 13 Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen findenaf, mein Herrag, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magdag gesprochen hastah. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?ai14 Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“aj)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essigak!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichteal ihr Röstkornam, sie aß, wurde satt und lies übrig. 15 Dann stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)an. Und Boas befahl seinen Jungen {indem er sagte}aa: „Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)an sie nicht beschimpfen (beschämen, verletzen)! 16 Ja, mehr noch: Ihr sollt ihr [durchaus] herausziehen {herausziehen} (herunterwerfen {herunterwerfen}?)ao aus den Handbündelnap, [es liegen] lassen und sie soll [das Liegengelassene] sammeln. Und ihr sollt sie nicht schelten!“ 17 Und so sammelte sie auf dem Feld bis zum Abend; dann kopfte sie das, was sie gesammelt hatte, ausaq - und es ergab ungefähr ein Efa (genau ein Efa, ein ganzes Efa)ar Gerste.

18 Sie hob es auf (wuchtete es hoch)as, kam in die Stadt und zeigte ihrer Schwiegermutter (ihre Schwiegermutter sah)at, was sie gelesen hat und zog heraus und gab ihr, was sie übrig gelassen hatte nach ihrer Sättigung. 19 Da sagte ihre Schwiegermutter: „Woau hast du heute gesammelt und woau gearbeitet? Es sei, der dich [wohlwollend] angesehen [hat]av, gesegnet!“
Da erzählte sie ihrer Schwiegermutter, wer [es war], bei dem sie gearbeitet hatte.
Sie sagte: „Der Name des Mannes, der [es war], bei dem ich heute gearbeitet habe, [ist]: Boas.“ 20 Da sagte Noomi zu ihrer Schwiegertochter: „Gesegnet [sei] jener von JHWHaw, der nicht von seiner Treue zu den Lebenden und den Toten abgelassen hatax (der [in] seiner Treue die Lebenden und die Toten nicht verlassen hat).“ Und dann sagteay Noomi zu ihr: „Der Mann [ist] mit uns verwandt - das heißt: Er ist unser Löser!az21 Da sagte Rut, die Moabiterin: „Dazu [kommt], dassba er zu mir gesagt hat: ‚An die Jungenbb, die mir [sind (gehören)]bc, hänge dich, bis die ganze Ernte beendet ist, die mir [ist (gehört)]bc!‘“ 22 Da sagte Noomi zu Rut, ihrer Schwiegertochter: „Gut (besser) [ist (wäre)] es, meine Tochter, wenn du mit seinen Mädchen gehst (Gut, meine Tochter! Ach, gehe mit seinen Mädchen!), sodass man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen kann (dann wird man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen).“

23 Also hängte sie sich an die Mädchen des Boas, um zu sammeln, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendet war. Dann blieb sie bei ihrer Schwiegermutter.

Anmerkungen

Rut 2 ist zum größten Teil ein Ackerbau-Kapitel. Zu näherem vgl. daher Ackerbau (Wibilex), hier folgt nur eine kleine Zusammenfassung der Abläufe bei der Ernte:
Bei der Ernte durchschritten mehrere Schnitter in einer Reihe das Getreidefeld, bündelten mit ihrer linken Hand mehrere Halme zu einem Handbündel - sog. tsebatim, s. V. 16 - und schnitten sie mit einer Sichel ab. Ihnen folgten auf dem Fuß die Garbenbinder - im Rutbuch offenbar ausschließlich weiblich -, sammelten diese Bündel und banden sie zu Garben - sog. `omarim -, die dann auf das Feld niedergelegt wurden, um am Ende der Ernte zum Dreschplatz gebracht zu werden (vgl. Dalman 1933Dalman, Gustaf: Arbeit und Sitte in Palästina III. Von der Ernte zum Mehl. Ernten, Dreschen, Worfeln, Sieben, Verwahren, Mahlen. online unter: http://goo.gl/UkuG7x, S. 46f).
Diesen Garbenbindern folgten dann offensichtlich die Nachleser, um ihr Leqet-Recht wahrzunehmen. Das Leqet-Recht beinhaltet, dass einzelne Ähren, die den Schnittern und Garbensammlern zu Boden gefallen waren, nicht wieder aufgehoben werden durften, sondern den Armen gehörten, die sie dann in einer sogenannten „Nachlese“ sammeln durften (s. Lev 19,9; Lev 23,22). In der Mischnabd wird dies in Pe´ah 4,10 näher ausgeführt, und den Inhalt dieser Ausführungen müssen wir wohl auch für das Rutbuch voraussetzen: Leqet sind dort ausschließlich die zu Boden gefallenen Ähren, die ein Erntearbeiter bereits in der Hand hatte und die ihm dann aus der Hand zu Boden gefallen waren - ausgenommen dann, wenn er nichts dafür konnte, dass sie ihm aus der Hand gefallen waren (z.B., weil ihn ein Dorn gestochen hatte); vgl. z.B. die Üs. im Open Mishnah Project. Aus diesem Grund auch in V. 16 Boas Rede gerade von den tsebatim („Handbündel“) und das schwer verständliche Verb (s. dort) - ob es nun „herausziehen“, „plündern“ oder „fallen lassen“ bedeuten mag: Er will unmissverständlich klar machen, dass die Erntearbeiter Rut eine zusätzliche Menge an Leqet-Ähren zuschustern sollen, indem sie das, was sie bereits in der Hand hatten, zu Boden werfen.be

Schon das ist rechtlich wohl nicht ganz astrein; vermutlich konnte Rut aber sogar prinzipiell diese Armenrechte gar nicht in Anspruch nehmen. Die mit der Ernte zusammenhängende Armenrechte werden u.a. in Lev 19,10 und Dtn 24,19 dem „Asylanten“ (ger, s. FN g zu Rut 1,1), in Dtn 24,19 der „Witwe“ (´almanah) und in Lev 19,10 dem „Armen“ zugesprochen. Frevel 1992Frevel, Christian: Das Buch Rut. Stuttgart, 1992., S. 71 denkt daher, dass Rut diese Armenrecht sogar gleich dreifach in Anspruch nehmen durfte. Doch Rut sagt in V. 10 ja selbst, dass sie die Erlaubnis Boas eigentlich nicht hätte erwarten dürfen, da sie eben keine „Asylantin“ ist, sondern eine nokrijah - eine „Ausländerin“: Moabiter hatten im Alten Israel kein Asylrecht (s. die Anmerkungen zu Rut 1). Rut wird auch im ganzen Buch nicht als ´almanah bezeichnet, sondern nur in Rut 4,5 als ´eschet-hammet („Frau des Toten“). Bei beiden Begriffen handelt es sich um Bezeichnungen für zwei verschiedene „Witwen-Klassen“: Eine ´almanah ist eine kinderlose und arme Witwe, eine ´eschet-hammet dagegen eine kinderlose Witwe mit Besitz (und eine ´ischa-´almanah wäre eine Witwe mit Besitz und Kindern; vgl. bes. Steinberg 2004Steinberg, Naomi: Romancing the Widow: The Economic Distinctions between the ´almānâ, the ´iššâ-´almānâ and the ´ēšet-hammēt, in: J. Harold Ellens u.a.: God's Word for Our World, Volume 1. Biblical Studies in Honor of Simon John De Vries. London/New York, 2004., S. 334). Die Armenrechte galten nur für ´almanah-Witwen, weil diese keine andere Versorgungsmöglichkeit hatten - nicht aber für ´eschet-hammet-Witwen. Schon dieser Begriff zeigt außerdem, dass Rut auch nicht wirklich als „arm“ gelten konnte, und in der Tat sieht man dann in Kapitel 4: Noomi und Rut besitzen sogar ein eigenes Feld.
Schon mit der bloßen Erlaubnis der Nachlese wird also auch in Kapitel 2 eine rechtliche Regelung - in diesem Fall die Nachlesebestimmungen - gebeugt, was durchaus nicht unproblematisch ist: Boas schädigt mit der Gewährung des Nachleserechts ja nicht nur seinen Ertrag, sondern v.a. den derjenigen, die dieses Armenrecht tatsächlich in Anspruch nehmen durften und die darauf angewiesen waren. Und wieder wird dabei eine wesentlich „pro-moabitischere“ Haltung eingenommen, als man es vor dem Hintergrund der biblischen Regelungen eigentlich erwarten dürfte (vgl. ähnlich Braulik 1996Braulik, Georg: Das Deuteronomium und die Bücher Ijob, Sprichwörter, Rut, in: Erich Zenger: Die Tora als Kanon für Juden und Christen. Freiburg, 1996. S. 61-138., S. 118). Hinzu kommt dann natürlich noch die besondere Bevorzugung durch das Verbot des Anrührens, Scheltens und Schimpfens (Vv. 9.15.16), die Erlaubnis, vom Wasser seiner Knechte trinken und an ihrem Mahl teilhaben zu dürfen (Vv. 9.14) und besonders das Gebot, ihr zusätzliche Ähren zuzuschustern (V. 16).


aTextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.: Verwandten (Bekannten) - beide Varianten finden sich in der Überlieferung des heb. Textes; u.a. haben Ketiv und LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. „Bekannter“ und Qere und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. „Verwandter“. Die Bedeutung ist also entweder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann verwandt“ oder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann bekannt“. Fast alle - und deshalb auch wir - folgen der Variante „Verwandter“, aber man sollte doch fragen, was denn dann der Mehrwert des folgenden „er war aus der Sippe Elimelechs“ wäre. Auch lässt sich gerade wegen dieses Nachsatzes ein sekundäres Entstehen der Variante „Verwandter“ sehr viel besser erklären als der Variante „Bekannter“, und schließlich würde „Bekannter“ auch strukturell gut Sinn machen, da Boas im Verlauf des Kapitels verwandtschaftlich immer näher an Rut und Noomi heranzurücken scheint (1a: Bekannter => 1b: aus der Sippe Elimelechs => 20a: Verwandter => 20b: Goel (d.h. maximal um eine Ecke verwandt)), bis er in Rut 4,3 dann sogar als „unser Bruder“ bezeichnet wird und ihm Goel- und Schwagerehenpflichten und -rechte zugesprochen werden (s. dort), was dann der Knackpunkt des ganzen Kapitels sein wird. (Zurück zu v.1)
bmächtiger, fähiger Mann - W. isch („Mann“) gibbor („heldenhaft, stark, mächtig“) chajil („stark/fähig/wohlhabend“). Häufiger stehender Ausdruck, der fast stets für „mächtige Krieger“ steht. Weil das an unserer Stelle nicht gut in den Kontext passt, geht man meist entweder nicht von diesem stehenden Ausdruck aus, sondern von seinen einzelnen Bestandteilen, ignoriert dann auch noch häufig das gibbor und macht Boas so zu einem „(sehr) wohlhabenden/angesehenen(? - vielleicht eine Umdeutung von „heldenhaft“?) Mann“ (so z.B. ELBKurz für „Elberfelder Bibel“. Sehr genaue und wenig kommunikative Übersetzung; als Vollbibel erstmals 1871 erschienen., FREE, H-RKurz für „Henne-Rösch - Bibel“. Zusammenführung der AT-Übersetzung von Henne und Gräff und der NT-Übersetzung durch Rösch um 1935. Auch bekannt als „Paderborner Bibel“. Recht gutes Gleichgewicht von „wörtlich“ und „verständlich“., LUTKurz für „Lutherbibel“. 1534 erstmals als Vollbibel erschienen. Zwar entgegen verbreitetem Urteil nicht die erste deutsche Bibelübersetzung, zweifellos aber die einflussreichste. Auch heute noch die verbreitetste deutsche Bibel überhaupt. LUT 45 meint die ursprüngliche Übersetzung Luthers, die 1545 das erste Mal als Vollbibel erschienen ist, LUT 12, LUT 84 und LUT 17 die 1912, 1984 und 2017 erschienenen Modernisierungen dieser Üs., MENKurz für „Menge Bibel“; entstanden zwischen 1900 und 1922. Dennoch auch heute noch gut lesbar und recht häufig empfohlen als Muster einer Übersetzung, der es gelingt, philologisch genau und dennoch kommunikativ zu übersetzen. Sprachlich merkt man ihr Alter allerdings deutlich., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., SLTKurz für „Schlachter“; gemeint ist damit die Revision von 1995-2004 der erstmals 1905 erschienenen Bibelübersetzung von Franz Eugen Schlachter. Die Schlachter-Bibel ist recht urtexttreu; Schlachter verstand es aber, dieses genaue Übersetzen mit einem herrlichen kräftig-würzigen Stil zu verbinden, so dass sich am Ende dennoch eine gut lesbare Bibel ergab., TAFKurz für „Tafelbibel“, die Bibelübersetzung von Leonhard und Ludwig Tafel. Sehr wörtliche Übersetzung; laut eigener Auskunft hatte Tafel allein im Alten Testament 40.000 Verbesserungen veranstaltet. Interessant, da hier häufiger auch seltenere Übersetzungsweisen gefunden werden können., van EssBibelübersetzung von Leander van Eß, einem Marburger Pfarrer und Professor. 1840 das erste Mal als Vollbibel erschienen., ZÜRKurz für „Zürcher Bibel“. Zurückgehend auf die Übersetzung Zwinglis, wurde sie erstmals 1907-1931 erneut übersetzt. Seit 2007 liegt sie in neuer Revision vor. Ihr Ziel ist die Verbindung von philologischer Genauigkeit und „geschmeidiger, gehobener Sprache“ - und das macht sie so gut, dass viele Exegeten sie als Referenzübersetzung in Aufsätzen und Kommentaren benutzen.), oder man leitet aus 1 Sam 9,1 und 2 Kön 15,20 ab, dass die Wendung isch gibbor chajil auch für reiche Grundbesitzer stehen könne (so viele Kommentare, auch Kurz für „Einheitsübersetzung“. 1980 erstmals als Gesamtausgabe erschienen. Heute noch vorgeschriebene Übersetzung für römisch-katholische Liturgie. Vom Stil her eine sog. „liturgische Übersetzung“: eher frei, eher verständlich; dennoch der Alltagssprache eher fern. „EÜ 16“ bezeichnet die 2016 erschienene Aktualisierung dieser Üs.) - dabei ist an keiner der beiden Stellen von Grundbesitz die Rede, und auch wenn es sich dort auf Grundbesitzer beziehen würde, darf man daraus ja nicht ableiten, dass die Wendung deshalb auch „vermögender Grundbesitzer“ bedeutet.
Beide Lösungen sind also recht problematisch; vielleicht besser so: Ein isch gibbor chajil zu sein ist im Alten Israel ein stereotyper Bestandteil eines männlichen Tugendkatalogs: König David ist ein solcher, außerdem ist er schön und zudem redegewandt und musikalisch (s. 1 Sam 16,18). Ähnlich auch Jerobeam, der außerdem ein guter Handwerker ist (1 Kön 11,28) und Naaman, der außerdem von seinem Herrn geschätzt und voll der Ehre ist (s. 2 Kön 5,1); und wohl aus diesem Grund wird auch von Saul, diesem jungen, schönen und übergroßen Mann (1 Sam 9,2) angegeben, schon sein Vater sei ein isch gibbor chajil gewesen (1 Sam 9,1). In Jes 5,22 wird die Fügung sogar metaphorisch-sarkastisch für Trunkenbolde verwendet werden (heldenhafte Weintrinker und mächtige Alkoholmischer). Vielleicht heißt es an unserer Stelle also nur: „Boas ist ein mächtig starker Typ“, und ein „mächtig starker Typ“ ist nach der verbreiteten Ansicht (/dem literarischen Stereotyp?) zu biblischer Zeit stets ein „mächtiger Krieger“.
Sehr wichtig ist in unserem Kontext aber außerdem, dass Boas in Rut 3,11 Rut als eine eschet chajil bezeichnet und sie so mit sich auf eine Stufe stellt; es ist daher sehr zu empfehlen, das Wort an beiden Stellen gleich zu übersetzen. Beides zusammennehmend scheint mir hier „mächtiger, fähiger Mann“ die sinnvollste Übersetzung zu sein. (Zurück zu v.1)
caus der Sippe Elimelechs - „Sippe“ = soziale Größe. Die Keimzelle der altisraelitischen Gesellschaft ist die „Familie“ (wörtl.: das „Haus“). Eine Stufe darüber steht die „Sippe“ - die „Großfamilie“ -, von denen es im Alten Israel etwa 60 Stück gab und von denen jede zu bevölkerungsreichen Zeiten wohl durchschnittlich etwa 10.000 Mitglieder hatte (vgl. Andersen 1969Anderson, Francis I.: Israelite Kinship Terminology and Social Structure, in: BT 20/1, 1969. S. 29-39. online unter: http://goo.gl/0ysjgB, S. 35). Noch eine Stufe darüber stehen die „zwölf Stämme“ (vgl. näher Verwandschaft (AT) (Wibilex)). Dass Boas aus der „Sippe“ Elimelechs stammt, heißt also, dass sie irgendwie verwandt sind; über den Grad der Verwandtschaft sagt es erst mal nichts.
Erwähnenswert ist noch, dass Boas in diesem ersten Vers zweimal über Elimelech ausschließlich der Noomi zugeordnet wird; am Ende des Kapitels (V. 20) dagegen wiederum doppelt ohne die Zwischenschaltung Elimelechs sowohl Noomi als auch Rut - was gut zum in FN a erwähnten verwandschaftlich-näher-Heranrücken des Boas an die beiden Frauen passt. (Zurück zu v.1)
dBoas (der Kraftvolle, der Scharfsinnige) - ein weiterer Name mit umstrittener Bedeutung. Die meisten deuten als bo az/oz („in ihm [ist] Kraft“), was sehr gut zu seiner Charakterisierung als isch gibbor chajil passt (s. FN b); vorgeschlagen wurde aber auch eine Ableitung vom arabischen barzun („Geistesstärke“), so z.B. Noth 1928Noth, Martin: Die israelitischen Personennamen im Rahmen der gemeinsemitischen Namengebung. Stuttgart, 1928., S. 228. Interessant in unserem Kontext ist vielleicht noch, dass vergleichbare Namen in Moab sehr verbreitet waren (vgl. z.B. die Namensliste in Snyder 2010Snyder, Josey Bridges: Did Kemosh Have a Consort or Any Other Friends? Re-assessing the Moabite Pantheon, in: UF 42, 2010. S. 645-675. online unter: http://goo.gl/zsQXDm, S. 669). (Zurück zu v.1)
eFeld (V. 2), Feldstück (V. 3) - „Feld“: Das gesamte Ackerland um Betlehem herum, im Unterschied zum „Feldstück“, das nur den Anteil des Boas an diesem gesamten Ackerland bezeichnet (vgl. z.B. Köhlmoos 2010Köhlmoos, Melanie: Ruth. Göttingen, 2010., S. 31). (Zurück zu v.2 / zu v.3)
fIch würde [gerne] gehen (V. 2) + Ich würde [gerne] lesen (V. 7) - W. „Ich will gehen/lesen-na´“ / „Lass mich gehen/lesen-na´“. na´ ist ein sog. „Höflichkeitsmarker“ (vgl. bes. Wilt 1996Wilt, Timothy: A Sociolinguistic Analysis of na´, in: VT 46/2, 1996. S. 237-255.; z.St. auch Holmstedt 2010Holmstedt, Robert D.: Ruth. A Handbook on the Hebrew Text. Waco, 2010., S. 106); die vorgeschlagene Übersetzung trifft den Tonfall von Ruts Äußerung daher wesentlich besser. (Zurück zu v.2 / zu v.7)
gtFNtechnische Fußnote; der Inhalt ist nur für Erstübersetzer aus dem Hebräischen/Griechischen interessant.: an den Ähren mitlesen: Nicht „in den Ähren lesen“; die Präposition b- hat hier die Funktion eines „Beth comitatus“: an den Ähren mit-lesen (so z.B. Gerleman 1965Gerleman, Gillis: Ruth. Das Hohelied. Neukirchen-Vluyn, 1965., S. 23; Joüon 1913Joüon, Paul: Notes de critique textuelle 1, in: Mélanges de l'Université Saint-Joseph 6, 1913. S. 184-211. online unter: http://goo.gl/YkQp61, S. 200; Zenger 1986Zenger, Erich: Das Buch Ruth. Zürich, 1986., S. 55). Zum Ährenlesen s. näher die Anmerkungen. (Zurück zu v.2)
hhinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde - häufige geprägte Wendung im Heb., die noch zwei weitere Male in diesem Kapitel kommen wird und jedes Mal anders zu übersetzen ist (s.u.). Hier drückt es aus, dass Rut für ihr Nachlesen des Wohlgefallens eines Mannes bedarf (s. die Anmerkungen). Sehr gut daher Kurz für „Einheitsübersetzung“. 1980 erstmals als Gesamtausgabe erschienen. Heute noch vorgeschriebene Übersetzung für römisch-katholische Liturgie. Vom Stil her eine sog. „liturgische Übersetzung“: eher frei, eher verständlich; dennoch der Alltagssprache eher fern. „EÜ 16“ bezeichnet die 2016 erschienene Aktualisierung dieser Üs.: „Ähren lesen, wo es mir jemand erlaubt“; ähnlich de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 22; H-RKurz für „Henne-Rösch - Bibel“. Zusammenführung der AT-Übersetzung von Henne und Gräff und der NT-Übersetzung durch Rösch um 1935. Auch bekannt als „Paderborner Bibel“. Recht gutes Gleichgewicht von „wörtlich“ und „verständlich“., HER05Kurz für „revidierte Herder Bibel“, einer Revision der Herderbibel von 2005 durch Johannes Franzkowiak. Stilistisch eher den „liturgischen Bibelübersetzungen“ zuzuordnen., HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln., MENKurz für „Menge Bibel“; entstanden zwischen 1900 und 1922. Dennoch auch heute noch gut lesbar und recht häufig empfohlen als Muster einer Übersetzung, der es gelingt, philologisch genau und dennoch kommunikativ zu übersetzen. Sprachlich merkt man ihr Alter allerdings deutlich., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., NLKurz für „Neues Leben“, eine sehr kommunikative Übersetzung, die erstmals 2006 als Vollbibel erschien., OEBOpen English Bible. Noch treffender GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen.: „Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.“, PATKurz für „Pattloch Bibel“; Bezeichnung für die Übersetzung durch Vinzenz Hamp, Meinrad Stenzel und Josef Kürzinger - drei exegetischen Schwergewichtern - von 1955. Völlig zu Unrecht so unbekannt: Gutes Gleichgewicht von Wörtlichkeit und Lesbarkeit. Hamp schreibt zum Profil: „Unsere Ausgabe bietet eine ungekürzte Übertragung aus den Grundtexten, de einerseits möglichst getreu den Sinn der Verfasser zu treffen sucht, andererseits einen verständlichen und flüssigen deutschen Stil anstrebt. Veraltete und ungebräuchlich gewordene Ausdrücke, die in den Bibelübersetzungen oft lange Zeit mitgeschleppt werden, wurden durch neue ersetzt.“: „bei jemand, der es mir freundlich erlaubt“ (Zurück zu v.2)
iGeh, meine Tochter! muss frei übersetzt werden. Das Hebräische hat kein Wort für „Ja“; Zustimmung wird daher ausgedrückt, indem eine vorige Äußerung teilweise wieder aufgegriffen wird (hier also: „Ich würde gerne gehen“ - „Geh!“; vgl. bes. Greenstein 1989Greenstein, Edward L.: The Syntax of Saying „Yes“ in Biblical Hebrew, in: JANES 19, 1989. S. 51-59. online unter: http://goo.gl/Ra7zin, S. 53). Noomis Antwort klingt daher wörtlich übersetzt wesentlich knapper und harrscher, als sie eigentlich ist (vgl. z.B. etwas unglücklich Kurz für „Einheitsübersetzung“. 1980 erstmals als Gesamtausgabe erschienen. Heute noch vorgeschriebene Übersetzung für römisch-katholische Liturgie. Vom Stil her eine sog. „liturgische Übersetzung“: eher frei, eher verständlich; dennoch der Alltagssprache eher fern. „EÜ 16“ bezeichnet die 2016 erschienene Aktualisierung dieser Üs.: „Geh, Tochter!“). Besser de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 22; T4TTranslation for Translators - eine freie Paraphrase der Bibel, die versucht, den Sinn des Bibeltextes nachzuzeichnen, um anderen Übersetzern ihre Aufgabe zu erleichtern. Unwahrscheinlich hilfreich und online einsehbar unter http://goo.gl/fu4Oxx: „Go ahead!“ (=„Mach das“); GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., MENKurz für „Menge Bibel“; entstanden zwischen 1900 und 1922. Dennoch auch heute noch gut lesbar und recht häufig empfohlen als Muster einer Übersetzung, der es gelingt, philologisch genau und dennoch kommunikativ zu übersetzen. Sprachlich merkt man ihr Alter allerdings deutlich., NLKurz für „Neues Leben“, eine sehr kommunikative Übersetzung, die erstmals 2006 als Vollbibel erschien.: „Geh nur, meine Tochter“. Am besten HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln.: „‚Ja‘, antwortete Noomi, ‚geh nur!‘“ (Zurück zu v.2)
jging und kam - Zu „ging und kam und...“ s. bes. noch 2 Sam 11,22: „Der Bote ging und kam und sagte David alles“. Es gibt noch viele ähnliche Stellen in der Bibel: Wenn im Hebräischen von einer Reise berichtet wird, kann der „Reisebericht“ häufig in die beiden „Reise-Episoden“ „(Fort)gehen“ und „Ankommen“ aufgesplittet werden. Oft dient diese Stileigentümlichkeit des Heb. zusätzlich dazu, einen Aspekt der Reise näher zu spezifizieren; z.B. die Reisegruppenkonstellation (Ri 13,11; 1 Sam 28,8; 30,9), den Reiseanlass (1 Sam 17,20; 1 Kön 19,3), den Reisemodus (1 Sam 19,18; 2 Sam 17,18; 1 Kön 20,43) oder nähere Angaben zu Ort (1 Sam 19,22; 1 Kön 17,10) und Zeit (2 Sam 4,5). Aber ebenso häufig - und wichtiger für unsere Stelle - ist, dass diese Stileigentümlichkeit ohne eine derartige Spezifizierung dann angewandt wird, wenn ausgedrückt werden soll, dass die Reise etwas länger dauert (Num 13,26; Jos 2,1; Ri 19,10; 1 Kön 14,17; 2Kön 4,25; 8,14; vgl. außerdem noch die Botenauftragsformel „Geh, komm!“ in 2 Kön 5,5; Jes 22,15; Ez 3,4.11). So ist wohl auch unsere Stelle zu verstehen: Rut sammelt nicht auf dem erstbesten Feldstück bei der Stadt, sondern „sie ging und kam“ soll ausdrücken, dass das das Feld etwas abseits liegt und sie eine längere Strecke dorthin zurücklegen musste - und umso größer ist der Zufall, dass es dann gerade das Feldstück des Boas ist, auf das sie gerät. So haben es wohl außerdem schon LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen., SyrKurz für „Syrisch“; Bezeichnung für die syrische Bibelübersetzung „Peschitta“ - „die Einfache“. Entstanden ab dem 1. Jh. n. Chr. und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. verstanden, die einfach nur mit „sie ging“ übersetzen. (Zurück zu v.3)
k([Und das kam so: ]) - Hier müssen wir zu einer unwahrscheinlicheren der möglichen Deutungen greifen, weil wir nach den SF-Kriterien in V. 7 zu einer etablierten Verlegenheitsübersetzung greifen müssen (s. dort): Der Satz ist als einfache Aussage zu lesen, der den Beginn von Ruts Nachlesetätigkeit angibt.
Eigentlich wahrscheinlicher: Gar nicht selten finden sich in der Bibel sogenannte „proleptische Summarien“, d.h. Sätze, die nicht eigentlich zur „story“ gehören, sondern zusammenfassend eine folgende Handlung vorwegnehmen (vgl. bes. Ska 1995Ska, Jean-Louis: Quelques exemples de sommaires proleptiques dans les récits bibliques, in: J. A. Emerton: Congress Volume Paris 1992. Leiden, 1995. S. 315-326.). Ein solches proleptisches Summarium ist auch „Also ging und kam und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit“: V. 8 legt sehr nahe, dass Rut ihre Nachleseerlaubnis erst von Boas bekommt, sonst wäre sowohl ihre euphorische Reaktion in V. 10 als auch Boas Rede davon, dass Rut auf ein anderes Feld weiterziehen würde, ganz unverständlich; und folgerichtig identifiziert sie in Vv. 10.13 als „den, in dessen Augen sie Gefallen findet“, ja nicht den Aufseher, sondern gleich zwei Mal Boas (so z.St. auch wieder Ska 1995Ska, Jean-Louis: Quelques exemples de sommaires proleptiques dans les récits bibliques, in: J. A. Emerton: Congress Volume Paris 1992. Leiden, 1995. S. 315-326., S. 324; auch Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 93; Hubbard 1988Hubbard, Robert L.: The Book of Ruth. Grand Rapids, 1988., S. 149, Ska 2003Ska, Jean-Louis: Le livre de Ruth ou l'art narratif biblique dans l'Ancien Testament, in: Daniel Marguerat: La Bible en récits. Genf, 2003. S. 41-72., S. 55). Aber da wir nach den SF-Kriterien V. 7 so auffassen müssen, dass Rut schon vor Boas´ Nachleseerlaubnis in V. 8 gesammelt hat, ist diese Deutung hier für unsere Übersetzung nicht gangbar. (Zurück zu v.3)
lZufällig geriet sie - unübersetzbare Figura etymologica: „Es fügte sich ihre Fügung“, „es zufällte ihr Zufall“. Wie schon das „sie ging und kam“ unterstreicht diese F.E. den großen Zufall, der zum Zusammentreffen Ruts und Boas führt. Das folgende Wort „Stück“ in „Feldstück“ hat auch die Bedeutung „Los, Schicksal“, was dies noch zusätzlich unterstreicht - man müsste beinahe übersetzen: „Ihr Zufall zufällte das dem Boas zugefallene Feld“. (Zurück zu v.3)
mUnd, siehe da: Da kam [auch schon] - W. „Und siehe, es [war] kommend Boas...“. „Und siehe“ markiert das im Folgenden Geschilderte als überraschend; „und siehe“ + Partizip drückt oft aus, dass überraschenderweise „genau das richtige passiert“ (Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 93; ebenso z.B. Berlin 1994Berlin, Adele: Poetics and Interpretation of Biblical Narrative. Winona Lake, 1994., S. 92f). Ein weiterer Zufall also, der zum Zusammentreffen von Rut und Boas führt. (Zurück zu v.4)
nJHWH [sei] mit euch! + Es segne dich JHWH - Keine auffallend frommen Grüße, sondern stereotypisierte Grußformeln, die noch heute in manchen semitischen Sprachen gebräuchlich sind; vergleichbar etwa dem Dt. „Gott zum Gruß“ - „Grüß Gott!“ (urspr. Bedeutung: „Gott segne dich“). Dass es sich hier „nur“ um stereotype Formeln handelt, sieht man z.B. auch daran, dass SyrKurz für „Syrisch“; Bezeichnung für die syrische Bibelübersetzung „Peschitta“ - „die Einfache“. Entstanden ab dem 1. Jh. n. Chr. frei mit einer weiteren, anderen gängigen Grußformel übersetzt („Friede sei mit euch“); auch Mischna Berakhot 9,5 leitet aus dieser Stelle ab, dass man „seinem Gefährten Frieden im Namen des Herrn wünschen sollte“, was sich ebenfalls auf eine andere heb. Grußformel bezieht: Schalom („Friede!“). VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. übrigens übersetzt: Dominus vobiscum, und auf diese Übersetzung geht der deutsche Gruß „Der Herr sei mit euch“ zurück, wie er noch heute z.B. in der katholischen Liturgie gebräuchlich ist - etwas unglücklich vielleicht, da, wie gesagt, in hebräischen Ohren dies „JHWH mit euch“ nicht viel frommer oder fremder klang als in deutschen Ohren ein „Grüß Gott“.
Man sollte hier aber dennoch nicht zu frei übersetzen: Das Rutbuch ist eine „Segensgeschichte“ (Zenger 1986Zenger, Erich: Das Buch Ruth. Zürich, 1986., S. 96), in der fortwährend gesegnet wird - s. eben hier; Rut 2,19.20; Rut 3,10; ähnlich auch die Segenswünsche in Rut 1,8f; Rut 2,12; Rut 4,11f. Und auffallend in diesem Kontext ist, dass Boas gerade nicht sagt: „JHWH segne euch“, sondern „JHWH sei mit euch“: Das Wort „segnen“ ist im Rutbuch ausschließlich Rut (3,10) und Boas (2,4; 2,19f) vorbehalten; ähnlich, wie z.B. auch nur diese beiden als chajil bezeichnet werden - zumindest die Vokabel „segnen“ sollte in der Übersetzung also schon erkennbar sein. Zudem ist es „nicht müssig“ (Bertholet 1898Bertholet, Alfred: Das Buch Rut, in: Alfred Bertholet / Karl Budde / D. G. Wildeboer: Die Fünf Megillot. Freiburg i. Br., 1898. online unter: http://goo.gl/nxho8O, S. 60), dass von allen zur Verfügung stehenden Grußformeln gerade diese beiden verwendet werden: Auf diese Weise ist das erste und das letzte Wort dieses nur vier Wörter langen Dialogs „JHWH“, was die Erntegemeinschaft ganz deutlich als Gemeinschaft von JHWH-Verehrern charakterisiert. Auf ganz bescheidene Weise erfährt Rut mit ihrer Aufnahme in diese Erntegemeinschaft also schon hier eine Aufnahme in die „Gemeinde des Herrn“ (s. die Anmerkungen zu Rut 1).
Gut daher die Übersetzungsempfehlung von de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 27, beide Formeln zu belassen und mit einem „begrüßen“ einzuleiten: „Boas grüßte seine Arbeiter, indem er sagte: ‚JHWH sei mit euch!‘ - und die Arbeiter grüßten zurück: ‚JHWH segne dich!‘“ (ähnlich z.B. GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen., H-RKurz für „Henne-Rösch - Bibel“. Zusammenführung der AT-Übersetzung von Henne und Gräff und der NT-Übersetzung durch Rösch um 1935. Auch bekannt als „Paderborner Bibel“. Recht gutes Gleichgewicht von „wörtlich“ und „verständlich“., HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., NLKurz für „Neues Leben“, eine sehr kommunikative Übersetzung, die erstmals 2006 als Vollbibel erschien., T4TTranslation for Translators - eine freie Paraphrase der Bibel, die versucht, den Sinn des Bibeltextes nachzuzeichnen, um anderen Übersetzern ihre Aufgabe zu erleichtern. Unwahrscheinlich hilfreich und online einsehbar unter http://goo.gl/fu4Oxx). (Zurück zu v.4)
oJunge (Angestelltem) - W. „Junge“, doch bezeichnet das Wort hier wie oft recht sicher das Dienstverhältnis (für angestellte Feldarbeiter auch in Ijob 1,5). Ob es sich dabei um Knechte oder Lohnarbeiter handelt, ist zunächst nicht zu erschließen; aber da Boas zunächst auch Rut mit diesen „Jungen“ und „Mädchen“ in einen Topf zu werfen scheint, können wir mutmaßen, dass es sich bei dem „Jungen, der über die Schnitter gestellt war“, wohl um jemanden wie den „Verwalter“ in Mt 20,8; Lk 12,42 handelt und dass dieser in Abwesenheit seines Herrn weitere „Jungen“ und „Mädchen“ - nämlich Lohnarbeiter - einstellen konnte, die Boas daher auch nicht kennen musste. (Zurück zu v.5)
p[Zu] wem [gehört] - W. „Wem [ist] dieses Mädchen?“. Dass Rut sich hier über Ruts Verhältnis zu ihren Familienangehörigen nach ihrer Identität erkundigt (also nicht einfach fragt: „Wer ist das?“), ist ganz gewöhnlich (vgl. z.B. Lande 1949Lande, Irene: Formelhafte Wendungen der Umgangssprache im Alten Testament. Leiden, 1949., S. 79: „Nicht in der Frage nach dem Eigennamen dürfen wir daher die allgemeine Erkundigungsformel erblicken, sondern in der viel häufigeren nach der Familienzugehörigkeit.“); das kommunikativere Äquivalent dafür ist doch einfach „Wer ist das Mädchen da?“ (gegen de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 28; so auch BFCLa Bible en francais courant. online unter: http://goo.gl/mQEqY, GNBGood News Bible, GWGord's Word Translation, MSGThe Message, NIRVNew International Reader's Version, NLTNew Living Translation, Wycliffe). (Zurück zu v.5)
qZu aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moab s. FN e zu Rut 1,1.6.22. (Zurück zu v.6)
rDie Antwort des Verwalters wird gerahmt von der Betonung des Moabitertums Ruts; in „Ein moabitisches Mädchen [ist] diese“ ist „moabitisches Mädchen“ zudem emphatisch vorangestellt. Es ist wohl auch wirklich relevant, denn Ruts Mobitertum beißt sich mit ihrer Bitte, Nachlese halten zu dürfen (s. Anmerkungen); weshalb der Verwalter es dann eben auch doppelt hervorhebt. (Zurück zu v.6)
sbei den Garben (in Garben, zu Garben, {bei den Garben}?, Halme?) - Zu bei den Garben s. die Anmerkungen. Vielen Exegeten scheint es schwierig, daher wollen sie das Wort entweder mit SyrKurz für „Syrisch“; Bezeichnung für die syrische Bibelübersetzung „Peschitta“ - „die Einfache“. Entstanden ab dem 1. Jh. n. Chr. und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. streichen oder von ba`amarim („bei den Garben [sammeln]) nach ba`amirim („Halme [sammeln]) umpunktieren (=> TextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.), was wohl unmöglich ist, da `amir ein Kollektivnomen ist und daher sehr wahrscheinlich nicht als Plural `amirim vorkommen kann, und da das Wort mit der Präposition b sehr unwahrscheinlich das Objekt von „sammeln“ sein kann. Neuere deuten daher lieber als „in Garben sammeln“ oder „zu Garben sammeln“ (so z.B. Bush 1996Bush, Frederic W.: Ruth, Esther. Dallas, 1996., S. 114; Holmstedt 2010Holmstedt, Robert D.: Ruth. A Handbook on the Hebrew Text. Waco, 2010., S. 116; Hubbard 1988Hubbard, Robert L.: The Book of Ruth. Grand Rapids, 1988., S. 107; Korpel 2001Korpel, Marjo C.A.: The Structure of the Book of Ruth. Assen, 2001., S. 99), was grammatisch möglich, aber sprachlich sehr redundant formuliert wäre und unnötig ist. (Zurück zu v.7)
tDas Ende von V. 7 ist der schwierigste Satz im Rutbuch. Im Folgenden werden einige der besseren Lösungsvorschläge erklärt, doch keiner dieser Vorschläge ist ganz unproblematisch. In der LF wird daher nach SF-Kriterium 1a eine unauffällige, gut etablierte Übersetzung verwendet werden müssen; die Mischung aus am besten vertretbar und am etabliertesten ist: „Sie kam und ist dageblieben; von heute morgen bis gerade eben hat sie [nur] kurz Pause gemacht“ (so oder ähnlich Kurz für „Einheitsübersetzung“. 1980 erstmals als Gesamtausgabe erschienen. Heute noch vorgeschriebene Übersetzung für römisch-katholische Liturgie. Vom Stil her eine sog. „liturgische Übersetzung“: eher frei, eher verständlich; dennoch der Alltagssprache eher fern. „EÜ 16“ bezeichnet die 2016 erschienene Aktualisierung dieser Üs., GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen., H-RKurz für „Henne-Rösch - Bibel“. Zusammenführung der AT-Übersetzung von Henne und Gräff und der NT-Übersetzung durch Rösch um 1935. Auch bekannt als „Paderborner Bibel“. Recht gutes Gleichgewicht von „wörtlich“ und „verständlich“., HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln., LUTKurz für „Lutherbibel“. 1534 erstmals als Vollbibel erschienen. Zwar entgegen verbreitetem Urteil nicht die erste deutsche Bibelübersetzung, zweifellos aber die einflussreichste. Auch heute noch die verbreitetste deutsche Bibel überhaupt. LUT 45 meint die ursprüngliche Übersetzung Luthers, die 1545 das erste Mal als Vollbibel erschienen ist, LUT 12, LUT 84 und LUT 17 die 1912, 1984 und 2017 erschienenen Modernisierungen dieser Üs., MENKurz für „Menge Bibel“; entstanden zwischen 1900 und 1922. Dennoch auch heute noch gut lesbar und recht häufig empfohlen als Muster einer Übersetzung, der es gelingt, philologisch genau und dennoch kommunikativ zu übersetzen. Sprachlich merkt man ihr Alter allerdings deutlich., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., NLKurz für „Neues Leben“, eine sehr kommunikative Übersetzung, die erstmals 2006 als Vollbibel erschien., R-SKurz für „Rießler-Storr“, die Zusammenführung der AT-Übersetzung von Paul Rießler und der NT-Übersetzung von Rupert Storr. Auch bekannt als „Grünewald Bibel“. Häufig ungewöhnliche Übersetzung; z.B. ist biblische Lyrik durchgehend im jambischen Rhythmus übersetzt; z.B. hat Rießler Akrostycha tatsächlich als alphabetische Gedichte auch ins Deutsche übersetzt, usw., TAFKurz für „Tafelbibel“, die Bibelübersetzung von Leonhard und Ludwig Tafel. Sehr wörtliche Übersetzung; laut eigener Auskunft hatte Tafel allein im Alten Testament 40.000 Verbesserungen veranstaltet. Interessant, da hier häufiger auch seltenere Übersetzungsweisen gefunden werden können., ZÜRKurz für „Zürcher Bibel“. Zurückgehend auf die Übersetzung Zwinglis, wurde sie erstmals 1907-1931 erneut übersetzt. Seit 2007 liegt sie in neuer Revision vor. Ihr Ziel ist die Verbindung von philologischer Genauigkeit und „geschmeidiger, gehobener Sprache“ - und das macht sie so gut, dass viele Exegeten sie als Referenzübersetzung in Aufsätzen und Kommentaren benutzen.).

Wörtlich übersetzt lautet der Text etwa: „Und-sie-ist-gekommen und-geblieben von dem-Morgen bis-jetzt/gerade eben, dieses/dieses ihr-Sitzen das-Haus kurz/seit-Kurzem.“

  1. geblieben - Heb. wata`amod. (a) Auf den ersten Blick scheint dies so gedeutet werden zu müssen, dass Rut nach ihrer Ankunft nur herumgestanden wäre: „Sie ist gekommen und gestanden“. (b) Weil die meisten davon ausgehen, dass die Auskunft des Verwalters ein Hohelied auf Ruts Fleiß beinhaltet, deuten viele das Wort als „bleiben“, was sprachlich gut möglich wäre („Sie ist gekommen und geblieben“), oder (noch häufiger) als „sie war auf den Beinen (d.h. sie war fleißig)“, was sprachlich nicht möglich ist. (c) Alternativ hat schon Houbigant 1777Houbigant, Charles-François: Notae Criticae in Universos Veteris Testamenti Libros Cum Hebraice, Tum Graece Scriptus. Cum Integris Eiusdem Prolegominis, Band 2. Frankfurt, 1777. online unter: http://goo.gl/qJ5OSW, S. 259 vorgeschlagen, wata`amod zu emendieren (=> TextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.) nach wata`amor („sie las Ähren“; erwogen auch von Rudolph 1962Rudolph, Wilhelm: Das Buch Ruth. Das Hohe Lied. Die Klagelieder. Gütersloh, 1962., S. 46): „Sie ist gekommen und hat Ähren gelesen“. Doch ist das Wort sonst nicht belegt. (d) Vorschlagen möchte ich (S.W.Sebastian Walter; http://goo.gl/WEo8mm) außerdem, dass es sich bei „sie kam und stand“ um eine ähnliche Doppelverb-formel handelt wie bei „sie ging und kam“ in V. 3 (vgl. FN j; zu solchen Doppelverbformeln vgl. z.B. Polak 1989Polak, Frank H.: Epic Formulae in Biblical Narrative and the Origins of Ancient Hebrew Prose, in: R. F. Poswic u.a.: Actes du Second Colloque International „Bible et Informatique: Méthodes, Outils, Résultats“. Genf, 1989. S. 435-488. online unter: http://goo.gl/e2TiL5) und bei dem ähnlichen Doppelausdruck „sie warf sich auf ihr Gesicht und verneigte sich“ in V. 10, und dass dieser dann verwendet wird, wenn vom Zurücklegen einer längeren Wegstrecke inklusive der Ankunft die Rede ist („X kam und stellte sich zu Y“ ≠ „X kam und positionierte sich bei Y“, sondern „X legte einen längeren Weg zu X zurück“, s. bes. 2 Kön 5,15.25; 8,9; 18,17; Jer 7,10; 17,19; Ez 9,2; Ez 10,6; Dan 2,2). Doch hat die Existenz dieser Formel bisher m.W. noch niemand vorgeschlagen.
  2. bis-jetzt/gerade eben, dieses/dieses - zéh („dieses/diese/jetzt/hier(her)) kann (a) zu `ad-atta („bis jetzt“) gezogen werden und `ad-atta zeh heißt dann „bis gerade eben“ (s. 1 Kön 17,24; 2 Kön 5,22), (b) zu „ihr Sitzen“ gezogen werden, was dann „dieses ihr Sitzen“ heißt oder (c) für sich genommen und dann auf Rut („diese“), den Zeitpunkt („jetzt“) oder den Ort („hier(her)) bezogen werden.
  3. ihr-Sitzen, heb. schibtah, ist ein Infinitiv und daher merkwürdig. Viele wollen deshalb emendieren (=> TextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.): Entweder (a) soll dann umvokalisiert werden zu schabthah („sie macht(e) Pause“; so LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen.) oder (b) es soll nach schabah („sie kehrt(e) zurück“; so VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr.) korrigiert werden. (c) Premnath 1988Premnath, D.N: Latifundialization and Isaiah 5.8-10, in: JSOT 13/40, 1988. S. 49-60., S. 55f denkt außerdem, jaschab könnte auch für das Besitzen von Land stehen; dem folgend könnte man schibtah deuten als „ihr Besitz“ - aber eigentlich hat das Hebräische hierfür andere Vokabeln.
  4. das-Haus ist problematisch: Bei den Feldern standen keine Häuser und „Zelt“ oder „Hütte“ kann bajit nicht heißen. (a) Sehr viele wollen daher das ganze Wort streichen (z.B. Bush 1996Bush, Frederic W.: Ruth, Esther. Dallas, 1996., Gerleman 1965Gerleman, Gillis: Ruth. Das Hohelied. Neukirchen-Vluyn, 1965.; Köhlmoos 2010Köhlmoos, Melanie: Ruth. Göttingen, 2010.; Rudolph 1962Rudolph, Wilhelm: Das Buch Ruth. Das Hohe Lied. Die Klagelieder. Gütersloh, 1962.; Würthwein 1969Würthwein, Ernst / Kurt Galling / Otto Plöger: Die Fünf Megilloth. Ruth, Das Hohelied, Esther. Der Prediger. Die Klagelieder. Tübingen, 2 1969.; Zenger 1986Zenger, Erich: Das Buch Ruth. Zürich, 1986.). (b) BHQ und Weippert 1978Weippert, Manfred: Ein neuer Kommentar zu Ruth, in: Bib 59/2, 1978. S. 268-273., S. 272 haben außerdem erwogen, ob bajit nicht wie seine akkadischen und arabischen Kognate „Grundstück, Feld“ heißen könne. Im Mischnahebräischen ist das recht sicher so: Vogelstein 1894Vogelstein, Hermann: Die Landwirtschaft in Palästina zur Zeit der Mišnah. Teil I: Der Getreidebau. Breslau, 1894. online unter: http://goo.gl/xV8Xa8 listet eine ganze Reihe von Feldbezeichnungen, in denen bajit „Feld“ bedeutet (s. S. 10.13.16.23.59) und der Besitzer des Feldes heißt in Mischna und Tosefta fast stets ba`al habajit („Herr des Hauses“). S. dann noch Jes 5,7-9 (dazu Premnath 1988Premnath, D.N: Latifundialization and Isaiah 5.8-10, in: JSOT 13/40, 1988. S. 49-60., bes. S. 54f) und Jer 31,27, wo dann vielleicht mit dieser Doppelbedeutung gespielt wird, auch Jer 32,15; Mi 2,2; Neh 5,3.11.13. (c) Eine weitere Gruppe deutet habajit als adverbialen Akkusativ mit der Bedeutung „im Haus“ oder „zu/nach Hause“.

Basierend auf diesen Optionen lassen sich aus dem Text folgene Situationen rekonstruieren:

  • Am häufigsten vertreten: Rut kam auf Boas Feld an, begann auf die vorläufige Erlaubnis des Verwalters mit ihrer Nachlese und war dann so fleißig, dass der Aufseher Boas berichten kann:
    • Sie kam und blieb (1b). Hier (2c) [war] ihr Sitzen (=ihr Aufenthaltsort), das Haus (=Noomis Haus in der Stadt) [dagegen nur] wenig. (ein Lob auf ihren Fleiß; so Moore 1997Moore, Michael S.: Two Textual Anomalies in Ruth, in: CBQ 59/2, 1997. S. 234-243. nach Lys 1971Lys, Daniel: Résidene ou repos? Notule sur Ruth ii 7, in: VT 21/4, 1971. S. 497-501.; ähnlich Loader 1992Loader, J. A.: Ruth 2:7 - An old crux, in: JfS 4/2, 1992. S. 151-158. online unter: http://goo.gl/dYxzQ9: Dies ist ihr Aufenthaltsort; sozusagen ihr Heim.; ähnlich auch Hubbard 1988Hubbard, Robert L.: The Book of Ruth. Grand Rapids, 1988., S. 151) - Dieser Vorschlag kommt bisher als einziger mit dem hebräischen Text zurecht, wie er vorliegt (abgesehen von der Akzentuation), ist aber so elliptisch, dass er bisher nur wenig Anerkennung gefunden hat.
    • ähnlich: [...]. Ihr zuhause-Sitzen weilt [nur] kurz. (=das ist eine, die nur wenig zuhause herumsitzt - so schon LUTKurz für „Lutherbibel“. 1534 erstmals als Vollbibel erschienen. Zwar entgegen verbreitetem Urteil nicht die erste deutsche Bibelübersetzung, zweifellos aber die einflussreichste. Auch heute noch die verbreitetste deutsche Bibel überhaupt. LUT 45 meint die ursprüngliche Übersetzung Luthers, die 1545 das erste Mal als Vollbibel erschienen ist, LUT 12, LUT 84 und LUT 17 die 1912, 1984 und 2017 erschienenen Modernisierungen dieser Üs., van EssBibelübersetzung von Leander van Eß, einem Marburger Pfarrer und Professor. 1840 das erste Mal als Vollbibel erschienen.; Hajek 1962Hajek, Herbert: Heimkehr nach Israel. Eine Auslegung des „Buches Ruth“. Neukirchen, 1962., S. 51; Korpel 2001Korpel, Marjo C.A.: The Structure of the Book of Ruth. Assen, 2001., S. 92. So sogar schon um 1200 Jesaja Di Trani; vgl. Zakovitch 1999Zakovitch, Yair: Das Buch Rut. Ein jüdischer Kommentar. Mit einem Geleitwort von Erich Zenger. Stuttgart, 1999., S. 113) - doch ist die Deutung von „Ihr Sitzen zuhause [ist] kurz“ als generelle Aussage über Ruts Fleiß doch recht gezwungen.
    • Weil Rut als Leserin so unerfahren ist, hat sie trotz ihres Fleißes nur wenig Ertrag zusammengebracht: Sie kam und war seit heute Morgen auf den Beinen (1b), und bis gerade eben (2a), wo sie sich zu Hause (4c) wieder setzen will (=wo sie wieder nach Hause zurückkehren will), [ist es (=das, was sie gesammelt hat)] [nur] wenig. (Barthélemy 1982Barthelemy, Dominique: Critique textuelle de l'Ancien Testament, Tome 4: Psaumes. Fribourg/Göttingen, 1982., S. 132; Zimolong 1940Zimolong, Bertrand: Zu Ruth 2:7, in: ZAW 58, 1940. S. 156-158.; nun auch BHQ) - Aber das ist unlogisch. Der folgende Text zeigt ja, dass noch mindestens ein Essen und eine weitere „Lese-Einheit“ folgt. Warum sollte dann Rut nach Hause zurückkehren wollen, wo es doch gerade so wenig ist, was sie gesammelt hat? Außerdem kann „sie stand“ nicht „sie war auf den Beinen“ heißen, und es ist schwer glaublich, dass gerade „es“ - das, was sie gesammelt hat - ausgespart sein sollte, wo es doch das Thema der Aussage ist.
  • Rut ist bei Boas Feld angekommen, doch der Verwalter hat ihr die Erlaubnis zur Nachlese nicht erteilt: Sie kam und stand (1a) von heute Morgen bis gerade eben [...] (so z.B. Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 94f.; ähnlich Sasson 1979Sasson, Jack M.: Ruth. A New Translation with a Philological Commentary and a Formalist-Folklorist Interpretation. Baltimore, 1979., S. 47.56; Hubbard 1988Hubbard, Robert L.: The Book of Ruth. Grand Rapids, 1988., S. 154.176) - Doch in dem Fall wäre gerade das problematische „ihr Sitzen das Haus wenig“ unmotiviert.
  • Rut war den ganzen Vormittag von Feld zu Feld unterwegs, ist aber überall abgewiesen worden. Nun ist sie bei Boas Feld angekommen und hat sich erschöpft niedergelassen: Sie war von heute Morgen bis jetzt hierher (2c) unterwegs (1d); ihr Sitzen das Haus/auf dem Feld (4a/4b) [ist (=währt)] [erst] seit Kurzem (d.h., sie ist gerade erst angekommen). - doch ist die Existenz der Formel „sie kam und stand“ als „sie war unterwegs“ m.W. von niemandem vorgeschlagen worden und die Streichung von habajit doch ein recht krasser Eingriff in den Text / die Deutung von bajit als „Feld“ nicht allgemein anerkannt. Mir (S.W.Sebastian Walter; http://goo.gl/WEo8mm) ist diese Deutung dennoch recht sympathisch, weil dann Boas Reaktion in V. 8 so gut motiviert wäre: „Du musst nicht zum Lesen auf ein anderes Feld gehen; von hier musst du nicht fort, sondern du darfst hier bleiben, bei meinen Mädchen.“
  • Sie kam und blieb (1b) von heute Morgen bis gerade eben. Ihr Besitz (3c) an Land (4b; eine Constructus-Verbindung mit zwischengeschaltetem Possessivpronomen, vgl. IBHSWaltke, Bruce K./M. O´Connor: An Introduction to Biblical Hebrew Syntax. Winona Lake, 1990. §9.3.d.14; zum Infinitiv im Status Constructus vgl. JMJoüon, Paul S.J./T. Muraoka: A Grammar of Biblical Hebrew. Rom, 1996. §49b, FN 6) [ist] [nur] gering., eine Rechtfertigung des Verwalters dafür, dass er Rut die Nachlese gewährt hat; denn zur Nachlese waren nur arme Bürger mit nur wenig oder gar keinem Landbesitz zugelassen. Doch weder die Deutung von bajit als „Land“ noch von jaschab als „besitzen“ ist allgemein anerkannt. (zu v.7)
uHöre, meine Tochter: (V. 8) + Hiermit befehle ich meinen Jungen... (V. 9) - W. „Hörst du nicht, meine Tochter!?,...“ + „Habe ich nicht meinen Jungen befohlen...?“, doch rhetorische Fragen werden im Hebräischen auch häufig als Ausrufesätze verwendet (vgl. z.B. Driver 1973Driver, G. R.: Affirmation by Exclamatory Negation, in: JANES 5, 1973. S. 107-114. online unter: http://goo.gl/452vlU). So auch viele Üss, auch Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 85f.; Holmstedt 2010Holmstedt, Robert D.: Ruth. A Handbook on the Hebrew Text. Waco, 2010., S. 118; Hubbard 1988Hubbard, Robert L.: The Book of Ruth. Grand Rapids, 1988., S. 154; Köhlmoos 2010Köhlmoos, Melanie: Ruth. Göttingen, 2010., S. 30; Loretz 1963Loretz, Oswald: Gotteswort und menschliche Erfahrung. Eine Auslegung der Bücher Jona, Rut, Hoheslied und Qohelet. Freiburg/Basel/Wien, 1963., S. 50; Sasson 1979Sasson, Jack M.: Ruth. A New Translation with a Philological Commentary and a Formalist-Folklorist Interpretation. Baltimore, 1979., S. 49. Eine Übersetzung mit „Lass mich dir einen Rat geben: ...“ (so z.B. de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 26; GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen., HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln.) ist nicht zu empfehlen: Erstens ist der Aufruf zum Zuhören im Hebräischen eine stereotype Formel, um ein Gespräch oder im Verlauf dieses Gesprächs eine Instruktion einzuleiten (s. z.B. Gen 23,6.8.11.15; schön auch 2 Sam 20,17); zweitens trifft dies hier eher nicht den Sinn von Boas Äußerung, die doch wohl kein Verbot ist, auf ein anderes Feld zu gehen, sondern eine Erlaubnis, hierbleiben zu dürfen (s. die Übersetzungsalternativen). Besser: „Hör mal, meine Tochter:...“ (Zurück zu v.8 / zu v.9)
vAuffallender Stilbruch: Boas sagt hier gleich drei Mal das selbe; ein starker Kontrast zu seinen beiden Zwei/Drei-Wort-Sätzen in Vv. 4.5.
Erwähnenswert ist noch ein neuer Interpretationsvorschlag von Müller 2013Müller, Christoph: Ruth 2.8: Booz cite-t-il un proverbe?, in: Le Sycomore 7/1, 2013. S. 16-20. online unter: http://goo.gl/dhuzLw: „weggehen“ steht mit der Negationspartikel ´al, „fortziehen“ dagegen mit der Negationspartikel lo´. Weil solche Verneinungen mit ´al häufig entweder für Verbote oder für zeitlose moralische Prinzipien verwendet werden (s. FN ba zu Ob 12-14), folgt Müller SyrKurz für „Syrisch“; Bezeichnung für die syrische Bibelübersetzung „Peschitta“ - „die Einfache“. Entstanden ab dem 1. Jh. n. Chr. und fasst den ersten Satz als ein Sprichwort auf: „Hast du nicht [das Sprichwort] gehört: ‚Man gehet nicht auf eines Andren Felde sammeln‘? - Demnach willst [wohl] auch nicht von hier fortziehen, [oder]? [Na gut,] dann hänge dich hier an meine Mädchen!“
Das ist eine schöne Interpretation, aber unnötig: ´al und lo´ werden noch häufiger derart austauschbar nebeneinander verwendet (s. z.B. Ex 23,1; Lev 10,6; 11,43; 1 Kön 20,8; Spr 22,24). (Zurück zu v.8)
wdas sie abernten - „sie“: maskulin, also die männlichen Erntearbeiter. (Zurück zu v.9)
xihnen: feminin. Entweder also die weiblichen Garbenbinderinnen, dann „folge ihnen“, oder die anderen Frauen, die Nachlese halten; dann „gehe an ihrer Seite“ (zu ´achar als „(zusammen) mit“ s. FN aq zu Rut 1,15). Aber der letzte weibliche Referent sind „meine Mädchen“, daher ist die erste Option doch sehr viel wahrscheinlicher. (Zurück zu v.9)
ywarf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts - eine weitere gebräuchliche Doppelverbformel (s. FNn j. t; zu dieser speziell vgl. Polak 1989Polak, Frank H.: Epic Formulae in Biblical Narrative and the Origins of Ancient Hebrew Prose, in: R. F. Poswic u.a.: Actes du Second Colloque International „Bible et Informatique: Méthodes, Outils, Résultats“. Genf, 1989. S. 435-488. online unter: http://goo.gl/e2TiL5, S. 451. Zur Wiedergabe mit „sie warf sich auf ihr Gesicht“ statt „sie fiel...“ vgl. Péter-Contesse 2013Péter-Contesse, René: Le sens du verbe hébreu נפל nâfal, in: Le Sycomore 7/1, 2013. S. 21-26. online unter: http://goo.gl/dhuzLw, S. 25); ebenso gedoppelt z.B. in Jos 5,14; 1 Sam 25,23; 2 Sam 9,6; 14,22; 2 Chr 20,18; ähnlich 1 Sam 20,41; 2 Sam 14,4. Die Bedeutung ist nur: „Sie verneigte sich“; eine Geste, aus der gleichzeitig Demut und überwältigte Dankbarkeit spricht. Den Verneigungsgestus hat man sich in etwa vorzustellen wie die im Islam übliche Gebetshaltung: Man kniete sich nieder und beugte seinen Kopf zur Erde hinab (vgl. de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 31). Richtig daher MSGThe Message: „Sie sank auf ihre Knie und beugte ihr Gesicht zur Erde“ (ähnlich Kurz für „Einheitsübersetzung“. 1980 erstmals als Gesamtausgabe erschienen. Heute noch vorgeschriebene Übersetzung für römisch-katholische Liturgie. Vom Stil her eine sog. „liturgische Übersetzung“: eher frei, eher verständlich; dennoch der Alltagssprache eher fern. „EÜ 16“ bezeichnet die 2016 erschienene Aktualisierung dieser Üs., T4TTranslation for Translators - eine freie Paraphrase der Bibel, die versucht, den Sinn des Bibeltextes nachzuzeichnen, um anderen Übersetzern ihre Aufgabe zu erleichtern. Unwahrscheinlich hilfreich und online einsehbar unter http://goo.gl/fu4Oxx), doch stiltreuer wäre einfach „Da warf Ruth sich vor ihm nieder“ (ähnlich z.B. GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen., HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., NLKurz für „Neues Leben“, eine sehr kommunikative Übersetzung, die erstmals 2006 als Vollbibel erschien.). Am besten NLTNew Living Translation: „Da warf sich Ruth ihm zu Füßen nieder und dankte ihm herzlich [besser: rief überwältigt:]“. (Zurück zu v.10)
zGefallen in deinen Augen gefunden ≠ „Wie habe ich das verdient“, sondern „Wie kann das sein, dass du wohlgefällig auf mich blickst - obwohl ich doch Ausländerin bin?“; der letzte Satz ist klar der Gegensatz zu den ersten beiden. Das wird noch zusätzlich betont durch ein unübersetzbares Wortspiel: „... dass du wohlgefällig auf mich blickst und mich beachtest (lähakireni, von nakar „beachten“), obwohl ich doch Ausländerin (nokrijah) bin?“ (Zurück zu v.10)
aa{und sagte zu} (V. 11) + {indem er sagte} (V. 15) - Doppelte Redeeinleitung finden sich sehr häufig im Hebräischen und sind dort ganz gewöhnlich. Im Deutschen können sie ohne Bedeutungsverlust gestrichen werden. (Zurück zu v.11 / zu v.15)
abBerichtet {berichtet} - Ein sog. „tautologischer Infinitiv“: Ein Verb wird doppelt verwendet; einmal im Infinitiv und einmal als finites Verb. Nicht: „Mir wurde genau berichtet“ (so viele Üss.); die Funktion dieser Konstruktion ist es, den Modus der gesamten Aussage zu betonen (vgl. Jenni §Jenni, Ernst: Lehrbuch der hebräischen Sprache des Alten Testaments. Basel/Frankfurt a. M., 1981.10.3.1.1); hier soll also betont werden, dass Boas in der Tat von Ruts Handeln berichtet wurde (vgl. IBHSWaltke, Bruce K./M. O´Connor: An Introduction to Biblical Hebrew Syntax. Winona Lake, 1990. § 35.3.1b), da dieser Bericht von Ruts Handeln für Boas das Gegengewicht zu ihrem Ausländertum darstellt und schwerer wiegt als dieses. Also: „Ich versichere dir: Mir wurde berichtet“, d.h. in idiomatischerem Deutsch: „Weil mir [ja/doch/...] berichtet wurde,...“ (ebenso Jos 9,24). (Zurück zu v.11)
acwas du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast - Ein „Segens-Update“: Noomi wünscht ihren Töchtern den Segen Gottes für alles, was sie ihr und ihren Ehemännern getan haben (Rut 1,8); Boas nun wünscht Rut Gottes Segen für alles, was sie in der Zwischenzeit, nämlich nach dem Tod ihres Mannes für ihre Schwiegermutter getan hat. (Zurück zu v.11)
advorher (gestern vorgestern) - W. „gestern vorgestern“; ein Idiom für „vorher, früher“. (Zurück zu v.11)
aeunter seinen Flügeln Schutz zu suchen (unter seinen Gewandzipfeln zu bergen) - zur Vorstellung des beflügelten JHWH s. noch Ps 17,8; 36,8; 57,2; 61,5; 63,8; 91,4 - eine geläufige Metapher für JHWH als schützende Gottheit; vergleichbar dem Bild der Schutzmantelmadonna.
Allerdings ist nicht leicht verständlich, warum Boas diese Metapher verwenden sollte, denn Rut ist ja gar nicht nach Israel gekommen, um bei JHWH Schutz zu suchen. Der Autor legt Boas diese Formel also sehr wahrscheinlich deshalb in den Mund, um über diese Formel später (Rut 3,9) mit JHWH gleichschalten zu können; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.
Vielleicht aber auch wirklich so: Ebenfalls geläufig in der Bibel ist die Metapher von JHWH als dem Ehemann des gläubigen Israels, s. Jes 62,4f; Jer 2,2; Jer 16,8; Hos 2, bes. Vv. 2.7.16.19f; so dann auch über Jesus, s. Mk 2,19f; 2 Kor 11,2. Noch häufiger wird der Glaubensabfall metaphorisch als Ehebruch geschildert. Bestandteil dieser Metapher ist die Bekleidung der Braut Israel mit einem Kleidungsstück ihres Ehemanns JHWH (wie ja auch in Rut 3,9 der „Mantel, den Boas über Rut decken soll“, wie im Alten Arabien sehr sicher ein Symbol für die Heirat ist; vgl. bes. Kruger 1984Kruger, Paul A.: The Hem of the Garment in Marriage. The Meaning of the Symbolic Gesture in Ruth 3:9 and Ezek 16:8, in: JNSL 12, 1984. S. 79-86.; z.B. auch Bohlen 1992, S. 12f.; Smith 1907Smith, W. Robertson: Kinship & Marriage in Early Arabia. New Edition with additional Notes by the Author and by Professor Ignaz Goldziher, Budapest. London, 1907. online unter: http://goo.gl/qYNbHW, S. 105), s. bes. Ez 16,8; angedeutet wohl auch Jer 2,31f (das Vergessen des Gürtels durch die Braut als Symbol für den „Ehebruch“ Israels mit JHWH). Noch häufiger belegt ist das Gegenteil: Die Strafe für diesen „Ehebruch“ ist das Entkleiden des Ehebrechers Israel, s. Jes 47,2f (vgl. Vv. 8f); Ez 16,39; Hos 2,5.11; Nah 3,4f. Vielleicht ist also kanap hier besser wie in Rut 3,9 als „Gewandzipfel“ und das „Bergen unter diesen Gewandzipfeln“ (Plural auch in Jer 2,34; Ez 5,3) wie dort als Symbol für die Ehe - nämlich zwischen JHWH und Rut - aufzufassen, die widerum Metapher für Ruts Bekehrung zum Judentum ist (wie die Stelle tatsächlich schon TgRut aufgefasst hat: „JHWH, der Gott Israels, unter dessen glorreicher Schechina Schatten du gekommen bist, um bekehrt und beschützt zu werden.“ (Üs. nach Levine 1973Levine, Étan: The Aramaic Version of Ruth. Rom, 1973., S. 28)). Ähnlich aber nur Gray 1967Gray, J.: Joshua, Judges and Ruth. London, 1967., S. 414f. (Zurück zu v.12)
afMöge ich in deinen Augen Gefallen finden - das dritte Vorkommen dieser Formel; wieder in anderer Bedeutung. Nicht: „[weiterhin] Gefallen finden“ (so viele Üss.); gut erklärt von Ehrlich 1908Ehrlich, Arnold B.: Randglossen zur Hebräischen Bibel. Textkritisches, Sprachliches und Sachliches. Bd 1: Genesis und Exodus. Leipzig, 1908., S. 163f:
[...] Als unabhängiger Satz drückt [die Formel] nicht eine Bitte oder einen Wunsch aus, sondern die Versicherung, dass der Redende einen ihm gewordenen gültigen Zuspruch oder eine Wohltat, die ihm der Angeredete bereits erwiesen hat, zu würdigen weiss und in der Zukunft sich Mühe geben will, sich dafür dankbar oder, mehr wörtlich, ihm gegenüber ein gefälliges Wesen zu zeigen, vgl. Gen 47,25; 1 Sam 1,18; 2 Sam 16,4 und besonders Rut 2,13. Letztere Stelle ist von besonderer Beweiskraft, weil dort der Grund der Versicherung ausdrücklich genannt ist. [...] Das ist der eigentliche Sinn des fraglichen Ausdrucks, doch erscheint in sämtlichen oben angeführten Fällen, wie bei allen Höflichkeitsformeln zu geschehen pflegt, der ursprüngliche Begriff abgeschwächt, sodass man damit nur sagen will: ich danke.“;
der Sinn ist also eher: „Für diesen Zuspruch danke ich Ihnen, mein Herr - möge ich mich ihm als würdig erweisen (=Gefallen finden in Ihren Augen).“ Als Dankesformel deuten auch HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln., MENKurz für „Menge Bibel“; entstanden zwischen 1900 und 1922. Dennoch auch heute noch gut lesbar und recht häufig empfohlen als Muster einer Übersetzung, der es gelingt, philologisch genau und dennoch kommunikativ zu übersetzen. Sprachlich merkt man ihr Alter allerdings deutlich., R-SKurz für „Rießler-Storr“, die Zusammenführung der AT-Übersetzung von Paul Rießler und der NT-Übersetzung von Rupert Storr. Auch bekannt als „Grünewald Bibel“. Häufig ungewöhnliche Übersetzung; z.B. ist biblische Lyrik durchgehend im jambischen Rhythmus übersetzt; z.B. hat Rießler Akrostycha tatsächlich als alphabetische Gedichte auch ins Deutsche übersetzt, usw.. (Zurück zu v.13)
agmein Herr + Magd - geläufige Höflichkeitsstrategie: Man spricht von sich und dem Gegenüber nicht als „ich“ und „du“, sondern in der 3. Pers. als „Magd“ und „Herr“ (vgl. z.B. Warren-Rothlin 2007Warren-Rothlin, Andy: Politeness Strategies in Biblical Hebrew and West African Languages, in: JoT 3/1. 2007 S. 55-71. online unter: http://goo.gl/M4RDCJ, S. 62f.; z.St. auch de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 34; Gray 1967Gray, J.: Joshua, Judges and Ruth. London, 1967., S. 415). Der Kontrast ist hier besonders stark, da Boas Rut direkt zuvor als „meine Tochter“ angesprochen hat: Rut ist ganz außerordentlich höflich und demütig. Übersetze besser: „Möge ich Gefallen in Ihren Augen finden (dazu s. vorige FN), mein Herr, da Sie mich getröstet und zu meinem Herzen (dazu s. nächste FN) gesprochen haben.“ (zu v.13)
ahzum Herzen deiner Magd gesprochen hast - Idiom sowohl für „trösten“ (s. noch Gen 50,21; Jes 40,2) als auch für „Mut zusprechen“ (s. noch 2 Sam 19,8; 2 Chr 30,22; 32,6). Wahrscheinlich ist hier beides im Blick (so auch Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 100). (Zurück zu v.13)
aiBin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!? - d.h. „dabei bin ich ja nur wie eine deiner Mägde!“; ein weiteres Mal wird eine rhetorische Frage als Ausrufesatz verwendet (=> Yiqtol; in Fragesätzen wird Yiqtol des Öfteren wie Qatal verwendet; vgl. ähnlich Driver 1973Driver, G. R.: Affirmation by Exclamatory Negation, in: JANES 5, 1973. S. 107-114. online unter: http://goo.gl/452vlU, S. 108). LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. haben das wohl richtig gesehen und als positiven Aussagesatz übersetzt, LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. aber das Yiqtolverb zu wörtlich mit Futur wiedergegeben. Eine Umpunktierung von lo´ („nicht“) nach lu´ („wahrlich“, so Houbigant 1777Houbigant, Charles-François: Notae Criticae in Universos Veteris Testamenti Libros Cum Hebraice, Tum Graece Scriptus. Cum Integris Eiusdem Prolegominis, Band 2. Frankfurt, 1777. online unter: http://goo.gl/qJ5OSW, S. 259; Haller 1940Galling, Kurt / Max Haller: Die Fünf Megilloth. Ruth, Hoheslied, Klagelieder, Esther, Prediger Salomo. Tübigen, 1940., S. 10) ist unnötig; die Deutung als selbstsichere Einschränkung („Ich danke dir, dass du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - aber ich werde nicht wie eine deiner Mägde sein!“, so Köhlmoos 2010Köhlmoos, Melanie: Ruth. Göttingen, 2010., S. 30.44; Niccacci 1995Niccacci, Alviero: Syntactic Analysis of Ruth, in: LA 45, 1995. S. 69-106. online unter: http://goo.gl/f4Ie8q, S. 86) macht wenig Sinn. (Zurück zu v.13)
ajBoas sagte zu ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“ - so löst nur Holmstedt 2010Holmstedt, Robert D.: Ruth. A Handbook on the Hebrew Text. Waco, 2010. (gegen die Akzentuation der Masoreten) auf - „weil die masoretischen Akzente Prosodie und nicht Syntax markieren“ (S. 132). Aber Prosodie geht ja mit Syntax Hand in Hand; nach der masoretischen Akzentuation hat man doch nach der Primärübersetzung zu deuten. (Zurück zu v.14)
akEssig - Weinessig; aus dem rabbinischen Schrifttum geht das deutlich hervor (vgl. Löw 1928Löw, Immanuel: Die Flora der Juden, Band 1: Kryptogamae. Acantaceae-Graminaceae. Wien/Leipzig, 1928. online unter: http://goo.gl/6BVyQp, S. 102ff; auch Dalman 1933Dalman, Gustaf: Arbeit und Sitte in Palästina III. Von der Ernte zum Mehl. Ernten, Dreschen, Worfeln, Sieben, Verwahren, Mahlen. online unter: http://goo.gl/UkuG7x, S. 18; Dalman 1935Dalman, Gustaf: Arbeit und Sitte in Palästina IV. Brot, Öl und Wein. online unter: http://goo.gl/igOhs0, S. 388). Davon, dass Erntearbeiter bei Hitze ihr Brot in Essig tunken, spricht auch LevR 34,8, da dieser „bei Hitze geeignet“ sei (Shabbat 113b; zitiert nach Zakovitch 1999Zakovitch, Yair: Das Buch Rut. Ein jüdischer Kommentar. Mit einem Geleitwort von Erich Zenger. Stuttgart, 1999., S. 120f). (Zurück zu v.14)
alreichte - Bed. unsicher (-> Hapax legomenonUns sind nicht sehr viele altgriechische und noch viel weniger althebräische Texte überliefert; häufig finden sich daher in der Bibel Begriffe, die im gesamten überlieferten altgriechischen / althebräischen Textkorpus nur ein Mal oder nur wenige Male verwendet werden. Die Bedeutung dieser Begriffe ist entsprechend unsicher. Einen Begriff, der nur einmal verwendet wird, nennt man „Hapax legomenon“; Begriffe, die nur zweimal oder dreimal verwendet werden, nennt man entsprechend „Dis legomenon“ und „Tris legomenon“.). Offenbar verwandt sind das mischnahebräische Wort für „Henkel“, das akkadische Wort für „festhalten, greifen“ und das ugaritische Wort für „Zange“; vermutlich bezieht sich das Wort also auf den Akt des Greifens und Weiterreichens (vgl. z.B. Zakovitch 1999Zakovitch, Yair: Das Buch Rut. Ein jüdischer Kommentar. Mit einem Geleitwort von Erich Zenger. Stuttgart, 1999., S. 121). (Zurück zu v.14)
amRöstkorn - Über dem Feuer geröstete Getreidekörner; ein im Alten Orient (und noch heute) verbreiteter Snack. (Zurück zu v.14)
anstand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln) + Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr) - Die meisten Ausleger sehen in diesem Satz eine besondere Bevorzugung Ruts durch Boas: Normalerweise sei es Nachlesern nicht erlaubt, zwischen den Garben zu sammeln; Boas aber erlaubt es ihr nicht nur, sondern verbietet sogar seinen Erntehelfern, sie dafür zu tadeln, deshalb macht Boas Rut auch dieses besondere Zugeständnis, als sie gerade aufsteht und noch in Hörweite ist. Wahrscheinlich ist es aber überhaupt keine besondere Bevorzugung, zwischen den Ähren Nachlese halten zu dürfen (s. Anmerkungen) und die besondere Bevorzugung besteht nur im Verbot des Tadelns. In diesem Falle sollte man nach den beiden alternativen Auflösungen deuten (zur Auflösung von „stand auf, um“ als „begann, zu“ vgl. bes. Dobbs-Allsopp 1995F. W. Dobbs-Allsopp: Ingressive qwm in Biblical Hebrew, in: ZAH 8, 1995. S. 31-54. online unter: http://goo.gl/clRJQV). Zumindest syntaktisch deutet so auch VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr.: „Auch, wenn sie zusammen mit euch ernten will, dürft ihr es ihr nicht verbieten“ (auch Kurz für „Einheitsübersetzung“. 1980 erstmals als Gesamtausgabe erschienen. Heute noch vorgeschriebene Übersetzung für römisch-katholische Liturgie. Vom Stil her eine sog. „liturgische Übersetzung“: eher frei, eher verständlich; dennoch der Alltagssprache eher fern. „EÜ 16“ bezeichnet die 2016 erschienene Aktualisierung dieser Üs.; Niccacci 1995Niccacci, Alviero: Syntactic Analysis of Ruth, in: LA 45, 1995. S. 69-106. online unter: http://goo.gl/f4Ie8q, S. 87f), und auch Midrasch Suta sieht im Verbot des Tadels die besondere Bevorzugung: „Schätzt sie nicht gering, da sie eine Königstochter ist, und scheltet nicht mit ihr, noch lasset sie verletzende Worte hören, sondern lasst sie, ohne sie zu beschämen, zwischen den Garben Ähren auflesen!“ (Üs. nach Hartmann 1901Hartmann, David: Das Buch Ruth in der Midrasch-Litteratur. Ein Beitrag zur Geschichte der Bibelexegese. Frankfurt a.M., 1901. online unter: http://goo.gl/HYFMgn, S. 49). (zu v.15)
ao[durchaus] herausziehen {herausziehen} (herunterwerfen {herunterwerfen}) - Schwieriger Ausdruck. Alle neueren deuten so, dass der Ausdruck abzuleiten sei von einem nur hier verwendeten Wort schalal II („herausziehen“ - im Gegensatz zum gebräuchlicheren, gleichlautenden schalal I „plündern“) und dass das Wort in diesem Ausdruck schol-tascholu einmal im Infinitiv und einmal im Yiqtol verwendet wird - ein sog. „tautologischer Infinitiv“, der den Befehlscharakter der Äußerung noch verstärkt (vgl. FN ab zu V. 11, daher [durchaus]).
In Ermangelung einer besseren Deutung folgen auch wir dem; allerdings ist diese Deutung recht problematisch: Wenn der Infinitiv schol von diesem schalal abgeleitet wäre, wäre eigentlich schalôl zu erwarten, und selbst wenn hier - wie in Ausnahmefällen möglich - Infinitivus constructus für Infinitivus absolutus verwendet wird, wäre schälol zu erwarten (vgl. JMJoüon, Paul S.J./T. Muraoka: A Grammar of Biblical Hebrew. Rom, 1996. §123q; s. Jes 10,6; Ez 38,12; 38,13 (bis)). Man muss für diese Deutung also (1) von der Existenz eines Verbs ausgehen, das gleich lautet wie ein verbreiteteres Wort und das nur hier verwendet wird, (2) davon, dass es entweder irregulär konjugiert (so z.B. Olshausen §Olshausen, Justus: Lehrbuch der Hebräischen Sprache. Braunschweig, 1861. online unter: http://goo.gl/wnIdE1245i) oder falsch geschrieben ist und das letzte l durch Dittographie ausgefallen ist (so GKCGesenius, Wilhelm/Emil Kautzsch/Arthur Ernest Cowley: Gesenius' Hebrew Grammar. Oxford, 1909. §67o), was (3) auch nur funktioniert, wenn man davon ausgeht, dass hier ausnahmsweise Infinitivus constructus für Infinitivus absolutus verwendet wird, und dies (4), obwohl weder TgKurz für „Targum“, eine frühjüdische Textgattung: Interpretative Übersetzung eines Bibeltextes ins Aramäische. noch LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. noch VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. noch Lekach Tob noch Raschi dieses Wort zu kennen schienen und daher übersetzten, als würde naschol tischlu („ihr sollt herunterwerfen {herunterwerfen}“, von Heb. naschal) stehen (das sich in den Konsonanten nur durch ein zusätzliches n am Beginn des ersten Wortes vom masoretischen Text unterscheidet); ähnlich auch Ben Eli. Joüon geht deshalb soweit, drei Konsonanten zu ergänzen und statt schl tschlw zu lesen: schblim tschlw („ihr sollt Ähren herunterwerfen“; Joüon 1913Joüon, Paul: Notes de critique textuelle 1, in: Mélanges de l'Université Saint-Joseph 6, 1913. S. 184-211. online unter: http://goo.gl/YkQp61, S. 204). Besser sollte man dann vielleicht doch nach LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen., TgKurz für „Targum“, eine frühjüdische Textgattung: Interpretative Übersetzung eines Bibeltextes ins Aramäische., VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. und Lekach Tob von einem ursprünglichen naschol tischlu („ihr sollt herunterwerfen {herunterwerfen}) ausgehen, obwohl keine einzige heb. Handschrift erhalten ist, in der diese Textvariante sich findet. (Zurück zu v.16)
apHandbündel - Die beim Ernten in der linken Hand gehaltenen Ährenbündel; s. die Anmerkungen und vgl. z.B. Dalman 1933Dalman, Gustaf: Arbeit und Sitte in Palästina III. Von der Ernte zum Mehl. Ernten, Dreschen, Worfeln, Sieben, Verwahren, Mahlen. online unter: http://goo.gl/UkuG7x, S. 42; Humbert 1950Humbert, Paul: En marge du dictionnaire hébraïque, in: ZAW 62, 1950. S. 199-207., S. 206f.; Vogelstein 1894Vogelstein, Hermann: Die Landwirtschaft in Palästina zur Zeit der Mišnah. Teil I: Der Getreidebau. Breslau, 1894. online unter: http://goo.gl/xV8Xa8, S. 62. (Zurück zu v.16)
aqklopfte aus - dazu s. die Anmerkungen (Zurück zu v.17)
arungefähr ein Efa (genau ein Efa, ein ganzes Efa) - das k in kä´epha könnte gedeutet werden als approximatives Kaf („ungefähr ein Efa“; so die meisten), als Kaf veritatis („genau ein Efa“; so erwogen von Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 104) oder ein emphatisches Kaf („ein ganzes Efa“, so offenbar niemand). Ein „Efa“ ist ein israelitisches Trockenmaß. Wieviel genau es umfasste, ist unsicher. Folgt man dem System von Schmidt 2014Schmidt, Peter: Biblical Measures and their Translation. Notes on Translating Biblical Units of Length, Area, Capacity, Weight, Money and Time. online unter: http://goo.gl/o1kSJI, entspricht ein Efa entweder zwischen 10 und 20 Liter (also etwa 6-12 kg) oder zwischen 36 und 39 Liter (also etwa 22-24 kg) Gerste (vgl. z. St. ähnlich Younger 1998Younger, K. Lawson: Two Comparative Notes on the Book of Ruth, in: JANES 26, 1998. S. 121-132. online unter: http://goo.gl/8QtDtm, S. 124f). Der Tagesbedarf lag bei etwa 1 l Gerste; minimal hätte also Rut an einem Tag für fünf Tage ihre und Noomis Ernährung sichergestellt, maximal für fast 3 Wochen - in jedem Fall weit mehr, als man für einen Tag Nachlese hätte erwarten dürfen. Für die LF wäre eine Wiedergabe in kg sinnvoll, aber da nicht sicher ist, wie viele kg genau ein Efa sind, ist eine Empfehlung schwierig. Zur Zeit Ruts war wahrscheinlich die kleinere Efa-Variante verbreitet, also 6-12 kg - übersetze daher am Besten „über 5 kg!“
Die deutschen Üss., die eine Umrechnung liefern, folgen entweder den Berechnungen von Albright, der das Flüssigmaß „Bath“ auf 22 l berechnet und dann das Trockenmaß Efa mengenmäßig mit dem Bath gleichsetzt (so z.B. GNKurz für „Gute Nachricht Bibel“; als Vollbibel erstmals 1978 erschienen. Erste deutsche kommunikative Vollbibel; außerdem erste einzige durchgehend ökumenische deutsche Bibelübersetzungen. Ihre Rolle für die Geschichte der deutschen Bibelübersetzung ist schwer zu überschätzen., HfAKurz für „Hoffnung für Alle“. Erstmals 1996 als Vollbibel erschienen. Das bisherige Höchstmaß an Kommunikativität auf dem Markt der deutschen Bibeln., NeÜKurz für „Neue evangelistische Übersetzung“, eine 2010 erstmals als Vollbibel erschienene Übersetzung durch Karl-Heinz Vanheiden. Vanheiden konzipierte sie als Bibel, die „so leicht lesbar sein sollte wie eine Tageszeitung“, dennoch entfernt sie sich sehr selten zu weit vom Urtext. Bezeichnend ist ihr schöner Stil; v.a. in der biblischen Poesie., SLTKurz für „Schlachter“; gemeint ist damit die Revision von 1995-2004 der erstmals 1905 erschienenen Bibelübersetzung von Franz Eugen Schlachter. Die Schlachter-Bibel ist recht urtexttreu; Schlachter verstand es aber, dieses genaue Übersetzen mit einem herrlichen kräftig-würzigen Stil zu verbinden, so dass sich am Ende dennoch eine gut lesbare Bibel ergab.) oder den Berechnungen, die ein Efa mit dem persischen maris gleichsetzen und daher als 40 l bestimmen (so z.B. NLKurz für „Neues Leben“, eine sehr kommunikative Übersetzung, die erstmals 2006 als Vollbibel erschien.) (Zurück zu v.17)
ashob es auf (wuchtete es hoch) - W. „hob es auf“; vermutlich expliziert, um das Gewicht ihres Ertrags zu betonen; daher besser „wuchtete es hoch“ o.Ä. (Zurück zu v.18)
atTextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.: zeigte ihrer Schwiegermutter (ihre Schwiegermutter sah) - nach dem (vokallosen) Urtext sind beide Deutungen möglich. MT deutet durch Vokalisation und LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. und TgKurz für „Targum“, eine frühjüdische Textgattung: Interpretative Übersetzung eines Bibeltextes ins Aramäische. durch Übersetzung als „ihre Schwiegermutter sah“, SyrKurz für „Syrisch“; Bezeichnung für die syrische Bibelübersetzung „Peschitta“ - „die Einfache“. Entstanden ab dem 1. Jh. n. Chr., VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. und Arab durch Übersetzung als „sie zeigte ihrer Schwiegermutter“. BHQ wertet die zweite Lesart nach Barthélemy 1982Barthelemy, Dominique: Critique textuelle de l'Ancien Testament, Tome 4: Psaumes. Fribourg/Göttingen, 1982., S. 133 als „syntaktische Erleichterung“, weil sie auf einen gleichmäßigeren Text ziele; aber ebenso leicht kann man das Zustandekommen der Deutung von MT, LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. und TgKurz für „Targum“, eine frühjüdische Textgattung: Interpretative Übersetzung eines Bibeltextes ins Aramäische. damit erklären, dass sie sich daran orientierten, dass „was sie übriggelassen hatte“ den Objektmarker ´éth hat, „ihre Schwiegermutter“ aber nicht (was aber sehr häufig vorkommt). Es gibt keinen Grund, der Deutung von MT den Vorzug zu geben; vier spätere Handschriften haben sogar einen weiteren Objektmarker vor „ihre Schwiegermutter“ eingefügt, um eine andere Deutung auszuschließen. Dieser Lesart folgen z.B. auch Bertholet 1898Bertholet, Alfred: Das Buch Rut, in: Alfred Bertholet / Karl Budde / D. G. Wildeboer: Die Fünf Megillot. Freiburg i. Br., 1898. online unter: http://goo.gl/nxho8O, S. 62; Gray 1967Gray, J.: Joshua, Judges and Ruth. London, 1967., S. 415; Hamann 1871Hamann, Carolus: Adnotationes criticae et exegeticae in librum Rût ex vetustissimis eius interpretationibus depromptae. Marburg, 1871. online unter: http://goo.gl/g0zrjy, S. 18f.; Wright 1864Wright, Charles H. H.: The Book of Ruth in Hebrew, with A Critically-Revised Text, Various Readings, including a New Collation of Twenty-Eight Hebrew Mss. London, 1864. online unter: http://goo.gl/28AMDo, S. 34; Würthwein 1969Würthwein, Ernst / Kurt Galling / Otto Plöger: Die Fünf Megilloth. Ruth, Das Hohelied, Esther. Der Prediger. Die Klagelieder. Tübingen, 2 1969., S. 13; Zakovitch 1999Zakovitch, Yair: Das Buch Rut. Ein jüdischer Kommentar. Mit einem Geleitwort von Erich Zenger. Stuttgart, 1999., S. 125; Zenger 1986Zenger, Erich: Das Buch Ruth. Zürich, 1986., S. 52. (Zurück zu v.18)
auWo - Das Heb. verwendet in dieser Frage zwei verschiedene Wörter für „wo“ - vermutlich deshalb, weil das erste (´ephoh) ähnlich klingt wie „Efa“ (´epha; so gut Zakovitch 1999Zakovitch, Yair: Das Buch Rut. Ein jüdischer Kommentar. Mit einem Geleitwort von Erich Zenger. Stuttgart, 1999., S. 126) - Ruts großer Ertrag ist es, der Noomis Frage provoziert. (zu v.19)
avder dich [wohlwollend] angesehen [hat] - d.h., „dein Wohltäter“. Das selbe Verb wie in V. 10. (Zurück zu v.19)
awGesegnet [sei] jener von JHWH - zur Deutung von l als „von“ vgl. z.B. BrSyntBrockelmann, Carl: Hebräische Syntax. Neukirchen-Vluyn, <sup>2</sup>2004. §107e. Theoretisch auch möglich: „Gesegnet sei er vor JHWH“ oder „anempfohlen sei er dem JHWH“; so oder so ist aber der Sinn der der obigen Übersetzung: Noomi wünscht JHWHs Segen auf Boas herab. (Zurück zu v.20)
axder nicht von seiner Treue zu den Lebenden und den Toten abgelassen hat könnte sich sowohl auf jenen, d.h. Boas, oder auf JHWH beziehen. Wohl bewusst; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3. (Zurück zu v.20)
ayUnd dann sagte - W. „Und sie sagte“, die redundante Redeeinleitung soll hier den Höhepunkt des Dialogs von Noomi und Rut markieren (vgl. Runge 2007Runge, Steven Edward: A Discourse-Functional Description of Participant Reference in Biblical Hebrew Narrative. Stellenbosch, 2007. online unter: http://goo.gl/0jsOLB, S. 169, FN 226). (Zurück zu v.20)
azdas heißt: Er ist unser Löser! - sicher nicht: „er ist einer von unseren Lösern“ (so fast alle). Zunächst ist „Löser“ hier Singular, so dass es dann übersetzt werden müsste „er ist einer von unser Löser“ (was sich noch durch scriptio defectiva erklären ließe), vor allem aber gibt es immer nur einen Löser, so dass der Sinn höchstens sein könnte: „Er gehört zu denjenigen, die potentiell als unsere Löser fungieren könnten [wenn jeweils die, die vor ihnen in der Reihenfolge der Löserpflicht stehen, die Ausübung dieser Löserpflicht verweigern].“ (vgl. Brichto 1973Brichto, Herbert Chanan: Kin, Cult, Land and Afterlife - A Biblical Complex, in: HUCA 44, 1973. S. 1-54., S. 13: „he is a kinsman of ours, in the 'redeemer line'“; Campbell 1975Campbell, Edward F.: Ruth. A New Translation with Introduction, Notes, and Commentary. New York, 1975., S. 88: „one of our circle of redeemers“). Dass es auch nach dem Rechtssystem des Rutbuchs nur einen Löser gibt, sieht man deutlich an Rut 4,5 (so auch Meek 1960Meek, Theophile J.: Translating the Hebrew Bible, in: JBL 79/4, 1960. S. 328-335., S. 332f.; Staples 1937Staples, W. E.: Notes on Ruth 2:20 and 3:12, in: AJSL 54/1/4, 1937. S. 62-65., S. 63f.). Besser ist daher das min („von“) als min explicativum zu deuten („das heißt“, vgl. ZLHZorell, Franciscus S.J.: Lexicon Hebraicum et Aramaicum Veteris Testamenti. Rom, 1968., S. 446), was dann auch erklärt, warum Rut in Kapitel 3 denkt, Boas wäre in der Tat ihr Löser. Wegen dieser Stelle ist auch der Vorschlag von Gesenius und Meek abzulehnen, der das min als „nächster nach“ deuten will („er ist der Nächste nach unserem Löser“; Gesenius 1840Gesenius, Wilhelm: Thesaurus philologicus criticus linguae hebraeae et chaldaeae veteris testamenti. Tomus secundus, litteras י-פ continens. Leipzig, 1840. online unter: http://goo.gl/dK8Cuy, S. 805; Meek 1960Meek, Theophile J.: Translating the Hebrew Bible, in: JBL 79/4, 1960. S. 328-335., S. 333). (Zurück zu v.20)
baDazu [kommt], dass - W. „Zusätzlich [ist (=gilt), dass]“. Gut Bertholet 1898Bertholet, Alfred: Das Buch Rut, in: Alfred Bertholet / Karl Budde / D. G. Wildeboer: Die Fünf Megillot. Freiburg i. Br., 1898. online unter: http://goo.gl/nxho8O, S. 62: „[... Dies] gibt die lebhafte Rede wieder: auch das noch muss ich beifügen, dass....“ (Zurück zu v.21)
bbJungen (V. 21) + Mädchen (V. 22) - Dass Rut hier von „Jungen“ spricht, obwohl Boas oben von „Mädchen“ gesprochen hat und dass direkt folgend auch noch Noomi wieder von „Mädchen“ spricht, hat vielen Kommentatoren Anlass zu Spekulationen gegeben. Fischer 2001Fischer, Irmtraud: Rut. Freiburg/Basel/Wien, 2001., S. 190f z.B. deutet Rut als eine Feministin, die dem androzentrischen Weltbild ihrer Schwiegermutter entgegenkommen will; Köhlmoos 2010Köhlmoos, Melanie: Ruth. Göttingen, 2010. denkt, dass Boas und Noomi die junge Rut vor Belästigungen durch die Männer bewahren wollen und V. 23 dann ausdrücken soll, dass die beiden diese Diskussion „gewonnen“ (S. 50) hätten. Und im Midrasch gibt diese Merkwürdigkeit des Textes Rabbi Chanin bar Levi Anlass für eine despektierliche Bemerkung über den Charakter von Moabiterinnen: „[Natürlich] war sie [nur] eine Moabiterin, [denn] er sagte: ‚Halte dich zu meinen Dirnen [...]‘“ (Üs. nach Wünsche). Für solche ältere und neuere Midraschim gibt der Text bei weitem nicht genügend Anhaltspunkte; besser wäre in der Tat noch, mit Zakovitch 1999Zakovitch, Yair: Das Buch Rut. Ein jüdischer Kommentar. Mit einem Geleitwort von Erich Zenger. Stuttgart, 1999., S. 129 das „Jungen“ in V. 21 nach VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. und LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. nach „Mädchen“ zu emendieren (da beide Worte sich im Hebräischen sehr ähnlich sehen und leicht miteinander verschrieben werden konnten); noch besser aber, das Maskulin einfach für ein generisches Maskulinum zu halten: Rut spricht allgemein davon, dass sie sich an Boas Erntearbeitern - männlich wie weiblich - halten darf; Boas und Noomi sind präziser und sprechen nur von den Erntearbeiterinnen (so auch de Waard/Nida 1992de Waard, Jan / Eugene A. Nida: A Translator's Handbook on the Book of Ruth. New York, 1992., S. 42; ähnlich Zenger 1986Zenger, Erich: Das Buch Ruth. Zürich, 1986., S. 53). Dahin weist auch die Rede vom „anderen Feld“ in V. 22: Entscheidend ist für Noomi nicht, dass Rut mit den Mädchen statt den Jungen geht, sondern dass sie mit Boas Erntearbeitern statt den Erntearbeitern auf einem anderen Feld arbeitet. (Zurück zu v.21)
bcdie mir [sind (gehören)]/[ist (gehört)] - die zweimalige Konstruktion mit die mir [ist/sind] ist stilistisch so auffällig, dass z.B. Perles 1922Perles, Felix: Analekten zur Textritik des Alten Testaments. Neue Folge. Leipzig, 1922. online unter: http://goo.gl/VCG5p1, S. 84 sie als Aramäismen erklären und Rudolph 1962Rudolph, Wilhelm: Das Buch Ruth. Das Hohe Lied. Die Klagelieder. Gütersloh, 1962., z.St. die zweite gar als falsche Wiederholung streichen möchte. Der Effekt der Konstruktion ist die explizitere Zuordnung von Jungen und Ernte zu Boas: Entscheidend ist nicht, dass Rut sich nicht an andere Jungen „hängen“ oder bei einer anderen Ernte Nachlese halten soll, sondern, dass sie sich nicht an andere Jungen als die des Boas hängen und an einer anderen Ernte als der des Boas beteiligen soll: Rut soll bei Boas bleiben. (zu v.21)
bd„Mischna“: eine alte Sammlung jüdischer Rechtstexte (Zurück zum Text: bd)
beIndirekt wichtig für das Verständnis von Rut 2 ist außerdem ein weiteres Armenrecht: das Schikchah-Recht, das seine biblische Grundlage in Dtn 24,19 hat. In den Kommentaren zum Rutbuch heißt es stets, dass die Nachleser erst aufs Feld durften, wenn die Schnitter und die Garbenbinder ihre Arbeit bereits erledigt hatten und die Garben bereits abtransportiert waren, dass deshalb Boas Rede von Ruts Nachlese „zwischen den Garben“ in V. 15 eine besondere Bevorzugung bedeute und dass es ganz unmöglich sei, dass Rut selbst bereits in V. 7 bitten würde, „bei den Garben“ sammeln zu dürfen (Bush 1996Bush, Frederic W.: Ruth, Esther. Dallas, 1996., S. 114: „It stretches credulity to the breaking point“). Das ist wahrscheinlich nicht so: Das Schikchah-Recht besagt, dass ganze Garben, die auf dem Feld liegen geblieben waren - „vergessen“ worden waren -, nachdem das geerntente Getreide zur Tenne oder zu einem sonstigen Dreschplatz gebracht worden war, ebenfalls den Armen gehörten. Pe´ah 5,7 führt näher aus, dass Garben, die von den Erntearbeitern deshalb „vergessen“ worden waren, weil ein Armer sie mit seinem Körper vor dem Blick eines Erntearbeiters abgeschirmt oder sie mit Stoppeln abgedeckt und so vor dem Erntearbeiter versteckt hatte, nicht als „vergessen“ gerechnet werden und daher auch nicht den Armen überlassen werden mussten. Und Tosefta Pe´ah 2,4 („Toseftot“: Alte jüdische Sammlungen mündlicher Überlieferungen zur Ergänzung der Mischna) spricht von dem Fall, dass Arme nicht nur heruntergefallene Leqet-Ähren nachlasen, sondern zusätzlich Ähren von den Garben stahlen. Wir müssen nicht glauben, dass diese rechtlichen Regelungen schon zur Abfassungszeit des Rutbuches galten, aber die Rückschlüsse über den Ablauf der Nachlese darf man wohl doch schon für diese Zeit ziehen - nämlich kann man erstens daraus ableiten, dass es durchaus nicht selten war, dass Arme an Garben vorbeikamen, bevor diese zum Dreschplatz transportiert worden waren - nämlich eben während der Leqet-Lese, bei der die Nachleser neben oder hinter den Garbenbindern den Schnittern auf dem Fuß folgten (s. Vv. 2.3.7.9: „hinter den Schnittern lesen“, was jedenfalls nicht heißen kann: „lesen, sobald die Schnitter [und die anderen Erntearbeiter] ihre Arbeit beendet haben“). Und aus der ersten Vorschrift darf man wohl weiterhin ableiten, dass solche Arme, die gerade ihr Leqet-Recht in Anspruch nahmen, auch häufiger in die Trickkiste griffen, um künstlich den Ertrag ihrer auf die Ernte folgenden Schikchah-Nachlese nach oben zu treiben, und dass dies auch häufig zu Konflikten zwischen Erntearbeitern und Nachlesern führte. Wahrscheinlich ist es also durchaus nicht anmaßend, wenn Rut bittet, „bei den Garben hinter den Schnittern“ sammeln zu dürfen, und keine besondere Bevorzugung, wenn Boas von Ruts Sammeln „zwischen“ den Garben spricht: Bei der Leqet-Nachlese befand sich der Nachleser ganz regulär „zwischen den Garben“ - und hatte eben deshalb auch de Möglichkeit, mit den Garben zu tricksen. Laut dem Midrasch ist es sogar Alleinstellungsmerkmal der Rut, dass sie als einzige nicht „einfach so“ „zwischen“ den Garben sammelt, sondern erst auf die feierliche Erlaubnis des Boas wartet. (Zurück zum Text: be)