K fertig bis 18. |
K fertig bis 19. |
||
| Zeile 29: | Zeile 29: | ||
{{S|8}} Da sagte Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern:<br /> | {{S|8}} Da sagte Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern:<br /> | ||
„Geht! Kehrt zurück<ref>''Geht!, kehrt zurück'' - Oder: „Los, kehrt zurück“ (''Geht'' gelesen als sog. „Vorbereitungs-Imperativ“; vgl. z.B. Jenni 2005, S. 242f.; ''ad loc.'' ähnlich Zakovitch 1999, S. 89). ''Geht! Kehrt zurück...'' bildet aber einen Chiasmus mit ''Kehrt zurück! Geht...'' in V. 12, die man nicht so deuten kann; daher sollte man besser auch hier nicht als Vorbereitungsimperativ deuten.</ref>, jede in das Haus ihrer<ref name="mn">'''tFN''': ''ihrer'' (V. 8) + ''euch'' (V. 8.9) + ''eure'' (V. 11) - Im Rutbuch findet sich mehrere Male das Phänomen, dass statt den weiblichen Plural-pronomina ''männliche'' Pronomina verwendet werden. Der Grund dafür ist stark umstritten. Vorgeschlagen wurde, dass es sich hier (1) um eine besonders alte hebräische Konstruktion (eine archaische Dual-Form; vgl. bes. Campbell 1975, S. 25.65; auch Lim 2011, S. 110f; Rendsburg 2013, S. 635; Sasson 1979, S. 23), (2) um eine Ausprägung eines regionalen Dialekts (ein „Betlehemismus“; vgl. Gow 1992, S. 195; Young 1997, S. 10f) oder (3) um gewöhnliche hebräische Genus-Inkongruenzen (vgl. Holmstedt 2010, S. 24 (der sie dann aber aus irgendeinem Grund doch als Archaismen oder gar Moabitismen erklären will; vgl. S. 47); offenbar auch schon Levi 1987) handle.<br /> | „Geht! Kehrt zurück<ref>''Geht!, kehrt zurück'' - Oder: „Los, kehrt zurück“ (''Geht'' gelesen als sog. „Vorbereitungs-Imperativ“; vgl. z.B. Jenni 2005, S. 242f.; ''ad loc.'' ähnlich Zakovitch 1999, S. 89). ''Geht! Kehrt zurück...'' bildet aber einen Chiasmus mit ''Kehrt zurück! Geht...'' in V. 12, die man nicht so deuten kann; daher sollte man besser auch hier nicht als Vorbereitungsimperativ deuten.</ref>, jede in das Haus ihrer<ref name="mn">'''tFN''': ''ihrer'' (V. 8) + ''euch'' (V. 8.9) + ''eure'' (V. 11) + ''euretwillen'' (V. 13) + ''beiden'' (V. 19) - Im Rutbuch findet sich mehrere Male das Phänomen, dass statt den weiblichen Plural-pronomina ''männliche'' Pronomina verwendet werden. Der Grund dafür ist stark umstritten. Vorgeschlagen wurde, dass es sich hier (1) um eine besonders alte hebräische Konstruktion (eine archaische Dual-Form; vgl. bes. Campbell 1975, S. 25.65; auch Lim 2011, S. 110f; Rendsburg 2013, S. 635; Sasson 1979, S. 23), (2) um eine Ausprägung eines regionalen Dialekts (ein „Betlehemismus“; vgl. Gow 1992, S. 195; Young 1997, S. 10f) oder (3) um gewöhnliche hebräische Genus-Inkongruenzen (vgl. Holmstedt 2010, S. 24 (der sie dann aber aus irgendeinem Grund doch als Archaismen oder gar Moabitismen erklären will; vgl. S. 47); offenbar auch schon Levi 1987) handle.<br /> | ||
Weil dieses und ein weiteres Phänomen (s. ) sich überwiegend im Mund der beiden älteren und judäischen Figuren Noomi und Boaz findet, geht man zumeist außerdem davon aus, dass dies bewusst so gestaltet sei und Noomi, Boaz und die Judäer am Tor derart entweder als „altehrwürdige“ (-> Archaismen) oder als „echte“ (-> Dialektismen) Judäer dargestellt werden sollen.<br /> | Weil dieses und ein weiteres Phänomen (s. ) sich überwiegend im Mund der beiden älteren und judäischen Figuren Noomi und Boaz findet, geht man zumeist außerdem davon aus, dass dies bewusst so gestaltet sei und Noomi, Boaz und die Judäer am Tor derart entweder als „altehrwürdige“ (-> Archaismen) oder als „echte“ (-> Dialektismen) Judäer dargestellt werden sollen.<br /> | ||
Für die Übersetzung wäre das durchaus relevant, wenn es sich hier wirklich um eine bewusst eingebaute, sehr alte Form des Hebräischen oder um einen Dialekt handeln würde. Letztendlich wird sich das wohl nicht klären lassen, aber ich persönlich (S.W.) halte beides für unwahrscheinlich. Erstens findet sich dieses Phänomen doch nicht nur im Mund von Noomi, sondern auch im Mund des Erzählers (V. 19), zweitens lässt sich hier doch kein klares System erkennen, da auch Noomi an anderen Stellen, an denen diese Konstruktion zur Anwendung kommen könnte, die „korrekte“ Form verwendet (z.B. V. 9). Gegen Erklärung (1) spricht außerdem, dass sich auch das umgekehrte Phänomen findet: In Vv. 13 werden zwei Mal weibliche Pronomina für männliche Referenten verwendet. Besonders wegen dem ersten Gegenargument denke ich daher, dass man diees Phänomen besser als Ausprägung einer recht späten Form des Hebräischen erklären sollte: Die Verwechslung von ''-m'' und ''-n'' findet sich häufiger im späten Hebräisch und nimmt spätestens von der Zeit des zweiten Tempels an immer mehr zu (vgl. z.B. HDSS § 200.142; zu ''hemma'' in Rut 1,22 noch Schattner-Rieser 1994, S. 196f; ''ad loc.'' ähnlich Bar-Asher 2008; Bar-Asher 2009, S. 44). Wahrscheinlich sollte man die Konstruktion also eher als Ausprägung des späten Hebräisch erklären und weniger dem bewussten Gestaltungswillen als einem „Versehen“ des Autors zuschreiben. In diesem Falle wäre es für die Übersetzung irrelevant.</ref> Mutter<ref>''Haus ihrer Mutter'' - ungewöhnlicher Ausdruck; für gewöhnlich spricht man im Hebräischen vom „Haus des Vaters“. Man ist daher bereits davon ausgegangen, dass auch die Väter von Rut und Orpa bereits gestorben wären, dass die Formulierung Reflex einer matriarchalen Gesellschaftsstruktur in Moab wäre, dass Rut und Orpa aus zwei sehr wohlhabenden Familien stammten, in denen jede der Frauen ihres Vaters (im Alten Orient war Polygamie verbreitet) einen eigenen Haushalt gehabt habe oder dass vom „Haus der Mutter“ regelmäßig dann gesprochen werde, wenn persönliche Angelegenheiten wie etwa die nächste Heirat besprochen werden sollte (dies letzte erwägenswert z.B. Campbell 1975, S. 64; Hajek 1962, S. 28f.; Zakovitch 1999, S. 89). Besser aber so: Der Ausdruck „Haus des Vaters“ steht in der Bibel selten für das ''Gebäude'', sondern i.S.v. „Haushalt“ für die ''Familie'' des Vaters. Das ist wohl auch hier der Sinn; Noomi entbindet ihre Schwiegertöchter hier von ihren Verwandtschaftspflichten (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_1#note_z FN z]): „Kehrt zurück zu den Familien ''eurer Mütter'', statt als meine Schwiegertöchter mit mir - ''eurer Schwiegermutter'' - nach Juda zurückzukehren.“ (vgl. ähnlich Levine 1983, S. 98f, FN 7).</ref>!<ref>Wahrscheinlich durfte Noomi ihre Schwiegertöchter rechtlich gesehen gar nicht zurückschicken. Im Alten Israel galt eine kinderlose Witwe auch nach dem Tod ihres Mannes noch als mit diesem verheiratet, unterlag deshalb der Pficht der sog. „Schwagerehe“ und musste deshalb mit einem Verwandten den Beischlaf vollziehen, um so ein Kind zu zeugen, das dann rechtlich als Nachkomme ihres verstorbenen Ehemanns galt (s. näher die Erläuterungen zu Kap. 4) - sie war nicht frei, zu gehen, wohin sie wollte oder zu heiraten, wen sie wollte (vgl. z.B. Belkin 1970, S. 280.283). Nach der Vorstellung des Rutbuchs konnte diese Rolle des Verwandten von Boaz übernommen werden - es existierte also ein solcher „Schwager“ - und nur dieser hätte Rut von ihrer Schwagerehenpflicht entbinden können (da der Vater und der Bruder des verstorbenen Machlons ebenfalls bereits gestorben waren; s. auch noch mal [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_1#note_u FN u]). So stellt es sich zumindest nach dem, was wir über das altisraelitische Familienrecht wissen, dar. Theoretisch wäre es möglich, dass im Falle des Todes aller nahen Verwandten auch die Schwiegermutter das Recht hatte, ihre Schwiegertochter von dieser Pflicht zu entbinden (ähnlich z.B. Thompson/Thompson 1968, S. 96); aber wenn es so war, wissen wir es zumindest nicht.<br /> | Für die Übersetzung wäre das durchaus relevant, wenn es sich hier wirklich um eine bewusst eingebaute, sehr alte Form des Hebräischen oder um einen Dialekt handeln würde. Letztendlich wird sich das wohl nicht klären lassen, aber ich persönlich (S.W.) halte beides für unwahrscheinlich. Erstens findet sich dieses Phänomen doch nicht nur im Mund von Noomi, sondern auch im Mund des Erzählers (V. 19), zweitens lässt sich hier doch kein klares System erkennen, da auch Noomi an anderen Stellen, an denen diese Konstruktion zur Anwendung kommen könnte, die „korrekte“ Form verwendet (z.B. V. 9). Gegen Erklärung (1) spricht außerdem, dass sich auch das umgekehrte Phänomen findet: In Vv. 13 werden zwei Mal weibliche Pronomina für männliche Referenten verwendet. Besonders wegen dem ersten Gegenargument denke ich daher, dass man diees Phänomen besser als Ausprägung einer recht späten Form des Hebräischen erklären sollte: Die Verwechslung von ''-m'' und ''-n'' findet sich häufiger im späten Hebräisch und nimmt spätestens von der Zeit des zweiten Tempels an immer mehr zu (vgl. z.B. HDSS § 200.142; zu ''hemma'' in Rut 1,22 noch Schattner-Rieser 1994, S. 196f; ''ad loc.'' ähnlich Bar-Asher 2008; Bar-Asher 2009, S. 44). Wahrscheinlich sollte man die Konstruktion also eher als Ausprägung des späten Hebräisch erklären und weniger dem bewussten Gestaltungswillen als einem „Versehen“ des Autors zuschreiben. In diesem Falle wäre es für die Übersetzung irrelevant.</ref> Mutter<ref>''Haus ihrer Mutter'' - ungewöhnlicher Ausdruck; für gewöhnlich spricht man im Hebräischen vom „Haus des Vaters“. Man ist daher bereits davon ausgegangen, dass auch die Väter von Rut und Orpa bereits gestorben wären, dass die Formulierung Reflex einer matriarchalen Gesellschaftsstruktur in Moab wäre, dass Rut und Orpa aus zwei sehr wohlhabenden Familien stammten, in denen jede der Frauen ihres Vaters (im Alten Orient war Polygamie verbreitet) einen eigenen Haushalt gehabt habe oder dass vom „Haus der Mutter“ regelmäßig dann gesprochen werde, wenn persönliche Angelegenheiten wie etwa die nächste Heirat besprochen werden sollte (dies letzte erwägenswert z.B. Campbell 1975, S. 64; Hajek 1962, S. 28f.; Zakovitch 1999, S. 89). Besser aber so: Der Ausdruck „Haus des Vaters“ steht in der Bibel selten für das ''Gebäude'', sondern i.S.v. „Haushalt“ für die ''Familie'' des Vaters. Das ist wohl auch hier der Sinn; Noomi entbindet ihre Schwiegertöchter hier von ihren Verwandtschaftspflichten (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_1#note_z FN z]): „Kehrt zurück zu den Familien ''eurer Mütter'', statt als meine Schwiegertöchter mit mir - ''eurer Schwiegermutter'' - nach Juda zurückzukehren.“ (vgl. ähnlich Levine 1983, S. 98f, FN 7).</ref>!<ref>Wahrscheinlich durfte Noomi ihre Schwiegertöchter rechtlich gesehen gar nicht zurückschicken. Im Alten Israel galt eine kinderlose Witwe auch nach dem Tod ihres Mannes noch als mit diesem verheiratet, unterlag deshalb der Pficht der sog. „Schwagerehe“ und musste deshalb mit einem Verwandten den Beischlaf vollziehen, um so ein Kind zu zeugen, das dann rechtlich als Nachkomme ihres verstorbenen Ehemanns galt (s. näher die Erläuterungen zu Kap. 4) - sie war nicht frei, zu gehen, wohin sie wollte oder zu heiraten, wen sie wollte (vgl. z.B. Belkin 1970, S. 280.283). Nach der Vorstellung des Rutbuchs konnte diese Rolle des Verwandten von Boaz übernommen werden - es existierte also ein solcher „Schwager“ - und nur dieser hätte Rut von ihrer Schwagerehenpflicht entbinden können (da der Vater und der Bruder des verstorbenen Machlons ebenfalls bereits gestorben waren; s. auch noch mal [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_1#note_u FN u]). So stellt es sich zumindest nach dem, was wir über das altisraelitische Familienrecht wissen, dar. Theoretisch wäre es möglich, dass im Falle des Todes aller nahen Verwandten auch die Schwiegermutter das Recht hatte, ihre Schwiegertochter von dieser Pflicht zu entbinden (ähnlich z.B. Thompson/Thompson 1968, S. 96); aber wenn es so war, wissen wir es zumindest nicht.<br /> | ||
| Zeile 56: | Zeile 56: | ||
Würdet ihr an diese (deshalb)<ref name="deshalb" /> gebunden sein wollen<ref>''gebunden sein wollen'' - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Wörtlich wohl „gefangen sein“. Das Wort findet sich erst wieder in den Schriftrollen von Qumran und in der Mischna und bezeichnet dort die rechtliche Situation einer Frau, deren Mann verschollen ist und die deshalb an einen abwesenden Mann gebunden und so nicht heiratsfähig ist - ein komplexes rechtliches Konzept, das man so oder so frei wiedergeben muss. „An sie gebunden sein“ nach Ehrlich 1914, S. 21; andere Wiedergabemöglichkeiten: Brichto 1973, S. 12 sehr gut: „endure hubandlessness“; GN: „allein bleiben“; Würthwein 1969, S. 8: „enthaltsam leben“. Ähnlich OEB „remain single“, doch das würde bei deutschen Lesern die falschen Assoziationen wecken.</ref>,<br /> | Würdet ihr an diese (deshalb)<ref name="deshalb" /> gebunden sein wollen<ref>''gebunden sein wollen'' - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Wörtlich wohl „gefangen sein“. Das Wort findet sich erst wieder in den Schriftrollen von Qumran und in der Mischna und bezeichnet dort die rechtliche Situation einer Frau, deren Mann verschollen ist und die deshalb an einen abwesenden Mann gebunden und so nicht heiratsfähig ist - ein komplexes rechtliches Konzept, das man so oder so frei wiedergeben muss. „An sie gebunden sein“ nach Ehrlich 1914, S. 21; andere Wiedergabemöglichkeiten: Brichto 1973, S. 12 sehr gut: „endure hubandlessness“; GN: „allein bleiben“; Würthwein 1969, S. 8: „enthaltsam leben“. Ähnlich OEB „remain single“, doch das würde bei deutschen Lesern die falschen Assoziationen wecken.</ref>,<br /> | ||
indem ihr nicht [die Frau] eines Mannes<ref name="verheiratet" /> seid?<ref>Noomis Worte müssen wohl so erklärt werden: Sie hat ihren Schwiegertöchtern in V. 9 eine Wiederheirat gewünscht und diese haben dagegen ihrem Wunsch Ausdruck verliehen, bei Noomi bleiben und zu ihrem Volk gehören zu dürfen. Beides ginge nur ineins, wenn besagte künftige Ehemänner die Söhne ''Noomis'' wären - die sie aber ja leider nicht hat.<br />Die Annahme ist ganz unnötig, aus Noomi Worten spräche hier eine schiefe - oder gar: rechtskritische (Fischer 2001, S. 140f) - Vorstellung der Institution „Schwagerehe“ (zu dieser Institution s. die Erläuterungen zu Kap. 4).</ref><br /> | indem ihr nicht [die Frau] eines Mannes<ref name="verheiratet" /> seid?<ref>Noomis Worte müssen wohl so erklärt werden: Sie hat ihren Schwiegertöchtern in V. 9 eine Wiederheirat gewünscht und diese haben dagegen ihrem Wunsch Ausdruck verliehen, bei Noomi bleiben und zu ihrem Volk gehören zu dürfen. Beides ginge nur ineins, wenn besagte künftige Ehemänner die Söhne ''Noomis'' wären - die sie aber ja leider nicht hat.<br />Die Annahme ist ganz unnötig, aus Noomi Worten spräche hier eine schiefe - oder gar: rechtskritische (Fischer 2001, S. 140f) - Vorstellung der Institution „Schwagerehe“ (zu dieser Institution s. die Erläuterungen zu Kap. 4).</ref><br /> | ||
Nein, meine Töchter! Ach, mir ist es um euretwillen sehr bitter, dass<ref>''Ach, mir ist es um euretwillen sehr bitter, dass'' - so z.B. Würthwein 1969, S. 8. Oder: ''Denn für mich ist es bitterer als für euch, dass.../, denn.../. Ach,...'' (so z.B. Campbell 1975, S. 61; Niccacci 1995, S. 75); oder: ''Denn meine Bitterkeit ist zu groß für euch (=zu groß, als dass ich sie euch zumuten wollte)'' (so z.B. Brichto 1973, S. 12; Holmstedt 2010; Loretz 1963, S. 44).</ref> die Hand JHWHs gegen mich ging<ref>''dass die Hand JHWHs gegen mich ging'' - Zum Ausdruck s. ähnlich [[Exodus 9#s3 |Ex 9,3]]; [[Deuteronomium 2#s15 |Dtn 2,15]]; [[Richter 2#s15 |Ri 2,15]]; [[1Samuel 5#s6 |1Sam 5,6.9]]; [[1Samuel 7#s13 |7,13]]; [[1Samuel 12#s15 |12,15]]; ([[Jesaja 19#s16 |Jes 19,16]]; [[Jesaja 25#s10 |25,10]]); der Sinn ist dann wohl etwa: „dass mich JHWH gestraft hat“.</ref>. | Nein, meine Töchter! Ach, mir ist es um euretwillen<ref name="mn" /> sehr bitter, dass<ref>''Ach, mir ist es um euretwillen sehr bitter, dass'' - so z.B. Würthwein 1969, S. 8. Oder: ''Denn für mich ist es bitterer als für euch, dass.../, denn.../. Ach,...'' (so z.B. Campbell 1975, S. 61; Niccacci 1995, S. 75); oder: ''Denn meine Bitterkeit ist zu groß für euch (=zu groß, als dass ich sie euch zumuten wollte)'' (so z.B. Brichto 1973, S. 12; Holmstedt 2010; Loretz 1963, S. 44).</ref> die Hand JHWHs gegen mich ging<ref>''dass die Hand JHWHs gegen mich ging'' - Zum Ausdruck s. ähnlich [[Exodus 9#s3 |Ex 9,3]]; [[Deuteronomium 2#s15 |Dtn 2,15]]; [[Richter 2#s15 |Ri 2,15]]; [[1Samuel 5#s6 |1Sam 5,6.9]]; [[1Samuel 7#s13 |7,13]]; [[1Samuel 12#s15 |12,15]]; ([[Jesaja 19#s16 |Jes 19,16]]; [[Jesaja 25#s10 |25,10]]); der Sinn ist dann wohl etwa: „dass mich JHWH gestraft hat“.</ref>. | ||
{{S|14}} Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten<ref>''Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten'' - =„Und noch einmal begannen sie, zu weinen“.</ref>. Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie.<ref>''Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie'' - Wohl bewusst mehrdeutig formuliert. Die meisten Übersetzungen vereindeutigen, z.B. de Waard/Nida 1992, S. 9: „Dann gab Orpa ihrer Schwiegermutter einen Abschiedskuss und kehrte nach Hause zurück; Rut aber blieb bei ihr“; ähnlich z.B. GN, HfA, NeÜ, NL. Das aber steht hier gerade nicht. Der Satzbau - ein sog. „invertierter Verbalsatz“ (VERB-SUBJEKT - SUBJEKT-VERB: ''Und-es-küsste Orpa ihre-Schwiegermutter, und-Rut fiel-um-den-Hals ihr''), von dem es oft heißt, in ihm komme schon der Kontrast der Reaktionen von Orpa und Rut zum Ausdruck („Orpa tat X, Rut ''jedoch'' tat Y“) - kann auch nur ausdrücken, dass Orpa das eine und Rut das andere tut, ohne dass diese Taten notwendig einander gegenübersetehen müssten („Orpa tat X ''und'' Rut tat Y“). Und was sie tun, ist ''naschaq'' („küssen“) und ''dabaq'' (W.: „an etwas kleben“; erst sekundär übertragen „jmdm anhangen“, „jmdn lieben“). Dass der ''Kuss'' Orpas als Abschiedskuss verstanden werden muss, wird erst aus dem nächsten Vers klar, und auch dies ''dabaq'' könnte nur heißen, dass Rut Noomi ''umarmte'' (gut Loretz 1963, S. 44: „Orpa küßte ihre Schwiegermutter, während Rut sich an sie klammerte“; vgl. auch Zenger 1986, S. 40.).<br />Die Reaktion der Schwiegertöchter in V. 14 auf den zweiten Redegang Noomis in Vv. 11-13 wird ebenso eingeleitet wie ihre Reaktion in V. 10 auf Noomis ersten Redegang in Vv. 8f: „Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten“. Darauf folgt in V. 10 die Weigerung, Noomi zu verlassen; gespannt wartet also der Leser darauf, wie sie in V. 14 auf den zweiten Redegang Noomis reagieren werden - und genau das hält der Vers in der Schwebe; es ist hier eben noch nicht sicher, ob das „küssen“ und „sich-anhängen“ die Einleitung für den Abschied der beiden ist, oder Einleitung für eine noch emphatischere Willensbekundung, bei Noomi bleiben zu wollen (à la „Orpa küsste sie, Rut fiel ihr um den Hals, und beide riefen: ‚Nein, keinesfalls wollen wir dich verlassen!‘“). Es wäre sehr schade, wenn das durch eine Vereindeutigung der Übersetzung verloren ginge.</ref> | {{S|14}} Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten<ref>''Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten'' - =„Und noch einmal begannen sie, zu weinen“.</ref>. Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie.<ref>''Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie'' - Wohl bewusst mehrdeutig formuliert. Die meisten Übersetzungen vereindeutigen, z.B. de Waard/Nida 1992, S. 9: „Dann gab Orpa ihrer Schwiegermutter einen Abschiedskuss und kehrte nach Hause zurück; Rut aber blieb bei ihr“; ähnlich z.B. GN, HfA, NeÜ, NL. Das aber steht hier gerade nicht. Der Satzbau - ein sog. „invertierter Verbalsatz“ (VERB-SUBJEKT - SUBJEKT-VERB: ''Und-es-küsste Orpa ihre-Schwiegermutter, und-Rut fiel-um-den-Hals ihr''), von dem es oft heißt, in ihm komme schon der Kontrast der Reaktionen von Orpa und Rut zum Ausdruck („Orpa tat X, Rut ''jedoch'' tat Y“) - kann auch nur ausdrücken, dass Orpa das eine und Rut das andere tut, ohne dass diese Taten notwendig einander gegenübersetehen müssten („Orpa tat X ''und'' Rut tat Y“). Und was sie tun, ist ''naschaq'' („küssen“) und ''dabaq'' (W.: „an etwas kleben“; erst sekundär übertragen „jmdm anhangen“, „jmdn lieben“). Dass der ''Kuss'' Orpas als Abschiedskuss verstanden werden muss, wird erst aus dem nächsten Vers klar, und auch dies ''dabaq'' könnte nur heißen, dass Rut Noomi ''umarmte'' (gut Loretz 1963, S. 44: „Orpa küßte ihre Schwiegermutter, während Rut sich an sie klammerte“; vgl. auch Zenger 1986, S. 40.).<br />Die Reaktion der Schwiegertöchter in V. 14 auf den zweiten Redegang Noomis in Vv. 11-13 wird ebenso eingeleitet wie ihre Reaktion in V. 10 auf Noomis ersten Redegang in Vv. 8f: „Da erhoben sie ihre Stimmen und weinten“. Darauf folgt in V. 10 die Weigerung, Noomi zu verlassen; gespannt wartet also der Leser darauf, wie sie in V. 14 auf den zweiten Redegang Noomis reagieren werden - und genau das hält der Vers in der Schwebe; es ist hier eben noch nicht sicher, ob das „küssen“ und „sich-anhängen“ die Einleitung für den Abschied der beiden ist, oder Einleitung für eine noch emphatischere Willensbekundung, bei Noomi bleiben zu wollen (à la „Orpa küsste sie, Rut fiel ihr um den Hals, und beide riefen: ‚Nein, keinesfalls wollen wir dich verlassen!‘“). Es wäre sehr schade, wenn das durch eine Vereindeutigung der Übersetzung verloren ginge.</ref> | ||
| Zeile 80: | Zeile 80: | ||
Also hörte sie auf, zu ihr zu sprechen. | Also hörte sie auf, zu ihr zu sprechen. | ||
{{S|19}} Und so gingen die beiden<ref name="mn" /> [gemeinsam]<ref>''die beiden [gemeinsam]'' - „Die beiden“ ist im Hebräischen eigentlich unauffällig, und obwohl es auch ausgespart hätte werden können, könnte der Autor damit auch nur noch einmal ausdrücklich machen gewollt haben, dass sie nur noch zu zweit sind und Orpa tatsächlich nach Moab zurückgekehrt ist. Gesetzt, dass die Erwägungen in [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_1#note_v FN v] richtig sind, könnte man aber auch davon ausgehen, dass der Autor es hier deshalb gesetzt hat, um auszudrücken, dass Noomi und Rut infolge der Auseinandersetzung in Vv. 8-18 sogar ''noch mehr'' zusammengewachsen sind. In diesem Falle sollte man das besser durch die Einfügung eines „gemeinsam“ o.Ä. ausdrücklich machen. Ähnlich auch Zenger 1983, S. 42: | |||
{ | : „Mit einer kurzen Notiz, die sprachlich an V.6-7 anknüpft, wird das Geschehen zu einem ersten Abschluß geführt (V. 19a). Allerdings deutet der Erzähler an, daß sich durch das Gespräch die Beziehung der Frauen verändert hat. Während es in V. 6-7 ‚Naemi und ihre Schwiegertöchter‘ oder ‚sie und ihre Schwiegertöchter‘ hieß, heißt es nun ‚die beiden gingen‘. [...] Ruth ist nicht mehr die abhängige Schwiegertochter, sie sind <ein Paar>, das hinfort sein Leben teilen will.“</ref>, bis sie nach Betlehem kamen. | ||
{Und es war,} Als sie nach Betlehem kamen, geriet die ganze Stadt wegen ihnen außer sich. Doch dann sagten sie<ref>''sie'' - ungewöhnlicherweise Femininum; nur die Frauen Betlehems scheinen hier gemeint zu sein.</ref> (und sie sagten): „Ist das [nicht] ([wirklich]) Noomi?“<ref>''geriet außer sich'' + ''Doch dann sagten sie (und sie sagten)'' + ''Ist das [nicht] ([wirklich]) Noomi?'' - Warum die ganze Stadt in Aufregung gerät, ist nicht näher ausgeführt. Viele mutmaßen, dass die Frauen der Stadt schockiert seien, wie abgehärmt Noomi aussehe - dann wäre zu übersetzen: „...geriet die ganze Stadt in Aufruhr, und die Frauen riefen aus: ‚Ist das wirklich Noomi!?‘“. Vielleicht aber besser so: Die ganze Stadt gerät in Aufregung „wegen ''ihnen''“; Anlass der Aufregung ist also die ganze Zweiergruppe (so auch Fischer 2001, S. 151). Vielleicht gerät also die Stadt in Aufruhr, weil sie zunächst beide Frauen für ''Moabiterinnen'' gehalten haben - und dann kommt Erleichterung auf: Die eine Frau ist gar keine Moabiterin, sondern ein bekanntes Gesicht! In diesem Fall wäre zu übersetzen: „...geriet die ganze Stadt in Aufruhr - doch dann riefen die Frauen: ‚Ach, das ist doch Noomi!‘“. Doch natürlich ist auch das nur eine Spekulation.</ref> | |||
{{S|20}} | {{S|20}} | ||
Version vom 18. Januar 2015, 22:49 Uhr
Syntax ungeprüft


Lesefassung (Rut 1)
(kommt später)Studienfassung (Rut 1)
1 Zur Zeit (in den Tagen) des Richtens der Richter〈a〉 war (herrschte) eine Hungersnot im Land〈b〉 (kam eine Hungersnot über das Land). Da verließ〈c〉 ein Mann Betlehem in Juda (machte sich ein aus Betlehem in Juda [stammender] Mann auf)〈d〉, um sich in {dem Gebiet von} (bei den Feldern von)〈e〉 Moab〈f〉 niederzulassen〈g〉 - er, seine Frau und seine beiden Söhne〈h〉.
2 Der Name des Mannes [war] Elimelech (mein Gott ist König) und der Name seiner Frau [war] Noomi (lieblich) und die Namen seiner beiden Söhne [waren]〈i〉 Machlon (krank?)〈j〉 und Kiljon (schwindend?)〈j〉. [Sie waren] Efratiter〈k〉 aus Betlehem in Juda. Und so kamen sie {in das Gebiet von} [nach] (zu den Feldern von) Moab und blieben dort.
3 Da starb〈l〉 Elimelech, der Mann Noomis, und sie hinterblieb, sie und ihre beiden Söhne〈h〉.
4 Sie nahmen sich moabitische Frauen (Sie gingen Mischehen mit moabitischen Frauen ein?)〈m〉. Der Name der einen [war] Orpa (Nacken?, Wolke?)〈j〉 und der Name der anderen [war] Rut (Freundin?, Sättigung?)〈j〉.〈n〉 Sie wohnten etwa zehn Jahre dort.
5 Da starben〈l〉 auch diese beiden - Machlon und Kiljon -, und sie hinterblieb: die Frau, ohne ihre beiden Kinder〈o〉 und ohne ihren Mann〈h〉.
6 Und sie begann, zurückzukehren〈p〉 - sie und ihre Schwiegertöchter〈q〉 - aus {dem Gebiet von} (von den Feldern von)〈e〉 Moab, weil sie in {dem Gebiet von} (bei den Feldern von)〈e〉 Moab gehört hatte〈r〉, dass JHWH sein Volk besucht hatte〈s〉, indem er ihm Brot〈t〉 gegeben hatte.
7 Und sie verließ den Ort, wo sie gewesen war, und ihre beiden Schwiegertöchter [waren] bei ihr (standen unter ihrer Aufsicht?〈u〉).
Und sie gingen auf dem Weg (zogen des Weges), um in das Land Juda zurückzukehren.〈v〉
8 Da sagte Noomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern:
„Geht! Kehrt zurück〈w〉, jede in das Haus ihrer〈x〉 Mutter〈y〉!〈z〉
JHWH erweise euch〈x〉 Liebe〈aa〉, so wie ihr sie den Toten und mir erwiesen habt:
9 JHWH vergelte es euch〈x〉 damit, dass (JHWH gebe, dass) ihr Ruhe〈ab〉 findet〈ac〉 - jede im Haus ihres Mannes〈ad〉!“
- und sie küsste sie. Da erhoben sie ihre Stimmen, weinten〈ae〉 10 und sagten zu ihr: „Nein! ({Nein!})〈af〉 Mit dir wollen wir zu deinem Volk zurückkehren!“
11 Da sagte Noomi:
„Kehrt zurück, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen?
Sind mir [etwa] noch mehr Söhne im Leib, sodass sie eure〈x〉 Männer werden könnten?
12 Kehrt zurück, meine Töchter, geht!
Denn ich bin zu alt, um [die Frau] eines Mannes〈ag〉 zu werden.
[Selbst,] wenn ich sagte: ‚Es gibt [noch] Hoffnung für mich‘...
ja,〈ah〉 [selbst, wenn]〈ai〉 ich [noch] diese Nacht [die Frau] eines Mannes〈ag〉 würde...
ja,〈ah〉 [selbst, wenn]〈ai〉 ich sogar [bereits] Söhne geboren hätte (gebären würde) -
13 würdet ihr auf diese (deshalb)〈aj〉 warten wollen,
bis sie erwachsen sein würden?
Würdet ihr an diese (deshalb)〈aj〉 gebunden sein wollen〈ak〉,
indem ihr nicht [die Frau] eines Mannes〈ag〉 seid?〈al〉
Nein, meine Töchter! Ach, mir ist es um euretwillen〈x〉 sehr bitter, dass〈am〉 die Hand JHWHs gegen mich ging〈an〉.
14 Und noch einmal erhoben sie ihre Stimme und weinten〈ao〉. Dann küsste Orpa ihre Schwiegermutter und (aber) Rut hängte sich an sie.〈ap〉
15 Da sagte sie〈aq〉:
„{Siehe}〈ar〉, deine Schwägerin kehrt zu ihrem Volk und ihrem Gott (ihren Göttern) zurück〈as〉 -
kehre [also]〈ar〉 [auch du] mit (hinter)〈as〉 deiner Schwägerin zurück!“
16 Da sagte Rut:
„Bestürme mich nicht, dich zu verlassen,
vom mit-dir-[Sein]〈at〉 zurückzukehren!
Nein! (Denn) Dahin, wohin du gehen wirst, will ich gehen,
und da, wo du rasten wirst, will ich rasten;
dein Volk [sei] mein Volk ([denn] dein Volk [ist] mein Volk)
und dein Gott [sei] mein Gott (und dein Gott [ist] mein Gott);
17 da, wo du sterben wirst, will ich sterben
und dort will ich begraben werden!
Solches tue mir JHWH und solches füge er hinzu, wenn nicht [einzig]〈au〉 der Tod uns scheiden wird.〈av〉“
18 Da sah sie, wie entschlossen〈aw〉 sie war, mit ihr zu gehen.
Also hörte sie auf, zu ihr zu sprechen.
19 Und so gingen die beiden〈x〉 [gemeinsam]〈ax〉, bis sie nach Betlehem kamen.
{Und es war,} Als sie nach Betlehem kamen, geriet die ganze Stadt wegen ihnen außer sich. Doch dann sagten sie〈ay〉 (und sie sagten): „Ist das [nicht] ([wirklich]) Noomi?“〈az〉
Anmerkungen
| a | des Richtens der Richter - Die Begriffe „Richter“ und „Richten“ dürften in der LF missverständlich sein, da es sich bei den biblischen Richtern natürlich nicht um Richter im heutigen Sinn des dt. Wortes handelte, sondern um eine Art Stammesführer. Sinnvoll daher Holmstedt 2010: „Als noch die Häuptlinge regierten,...“; eleganter sicher die Paraphrase von de Waard/Nida 1992, S. 5 und T4T: „Als Israel noch keine Könige hatte...“. (Zurück zu v.1) |
| b | im Land - d.h. in Israel. Übersetze daher vielleicht besser: „...herrschte ein Hungersnot in Israel“ (de Waard/Nida 1992, S. 6). (Zurück zu v.1) |
| c | Zur Zeit des Richtens ... herrschte ... . Da verließ - Oder: Zur Zeit des Richtens der Richter, als eine Hungersnot im Land herrschte, verließ... (vgl. syntaktisch ähnlich Ex 12,41; dazu z.B. Nic §30). tFN: W.: „Und es war in den Tagen des Richtens der Richter. Und es war eine Hungersnot im Land. Und es verließ...“ - Sowohl die Zeitangabe „in den Tagen des Richtens der Richter“ als auch die Information über die Hungersnot wird eingeleitet durch das Verb wajähi („und es war“). Eine solche Doppelung von wajähi findet sich zwar sehr selten in der Bibel, ist aber unproblematisch: Das erste wajähi ist zusammen mit bime („in den Tagen von“) eine stehende Wendung für die Einführung einer neuen Erzählzeit, entsprechend einfach dem dt. „zur Zeit von...“ (vgl. z.B. Holmstedt 2010, S. 52). Und das zweite wajähi ist entweder ebenso aufzufassen (und dann nach der Auflösung in der FN zu deuten) oder ist ein Kopulaverb im Hauptsatz „[Zur Zeit des Richtens der Richter] war (=herrschte) eine Hungersnot im Land.“ (vgl. z.B. Harmelink 2011, S. 212; so die meisten Üss.) und dann aufzulösen wie in der Primärübersetzung. (Zurück zu v.1) |
| d | verließ ein Mann Betlehem in Juda (machte sich ein aus Betlehem in Juda [stammender] Mann auf) - Beide Auflösungen sind gleichermaßen möglich. Nach der primären Auflösung würde die Reise näher beschrieben („Ein Mann ging fort, und zwar ging er fort aus Betlehem in Juda“); nach der alternativen Auflösung der Mann („ein Mann ging fort, und zwar ein aus Betlehem in Juda stammender Mann“). Da die Information, die die Alternativauflösung bieten würde, aber ja in V. 2 geliefert wird, sollte man besser nach der primären Auflösung deuten. (Zurück zu v.1) |
| e | in { Fischer 2001, S. 124 dagegen deutet den Begriff als sprechenden Begriff: Elimelech und seine Familie verlassen Betlehem ob einer Hungersnot und emigrieren daher zu den [Getreide-]Feldern Moabs. Diese Deutung basiert allerdings auf einer Analyse von ßäde als Plural. Das Wort lässt sich im MT aber auch als Sg. analysieren, und weil einige Mss. - darunter auch ein Ms. aus Qumran, das älter ist als der MT - das Wort in einer Wortform bieten, die unmissverständlich Sg. ist und weil weiterhin auch die Versionen ganz einheitlich mit Sg. übersetzen, ist auch im MT die Analyse des Wortes als Sg. deutlich vorzuziehen. (Zurück zu v.1 / zu v.6) |
| f | Moab - östlicher Nachbarstaat Israels (für näheres s. Moab / Moabiter (wibilex)). Wegen verschiedener kriegerischer Konflikte ist Moab im AT meist negativ belegt; auch im Richterbuch (s. Ri 3,12-30). Dass Elimelech und seine Familie dennoch bereit sind, gerade nach Moab überzusiedeln, zeigt, wie schwer die Hungersnot war. Dabei ist Moab nicht einmal eine naheliegende Wahl: Im Gegensatz zum klassischen Emigrationsland Ägypten unterliegt Moab in etwa den selben klimatischen Bedingungen wie Israel, und obwohl es wegen der gebirgigen Lage Moabs theoretisch möglich ist, dass wegen der dortigen höheren Niederschlagsmenge Israel unter einer kurzen Hungersnot leidet, Moab aber nicht, ist es ganz unmöglich, dass Moab nicht von den klimatischen Verhältnissen betroffen wäre, die in Israel eine Hungersnot von zehn Jahren verursachen. (Zurück zu v.1) |
| g | niederzulassen - Heb. gur bedeutet nicht einfach „wohnen“, sondern bezeichnet das dauerhafte Siedeln von zugereisten Ausländern. Elimelech will also wohl nicht nur für die Dauer der Hungersnot in Moab ausharren, sondern tatsächlich von Israel nach Moab emigrieren. Ein ger (etwa: „Zugereister“) hat in der Bibel häufig einen schweren Schicksalsschlag hinter sich (wegen dem er überhaupt erst ausgereist ist), ist in der Regel arm und hat rechtlich nicht den selben Status wie ein Einheimischer (so z.B. auch Würthwein 1969, S. 10). Elimelech und seine Familie werden also schon durch die Verwendung dieses Wortes in eine sozial sehr tief stehende Schicht eingeordnet. (Zurück zu v.1) |
| h | ein Mann ... - er, seine Frau und seine beiden Söhne (V. 1) + sie hinterblieb, sie und ihre beiden Söhne (V. 3) + sie hinterblieb, die Frau, ohne ihre beiden Kinder und ohne ihren Mann - Wenn im Hebräischen eine Sache von mehreren Subjekten ausgesagt werden soll, kann sie auch nur von einem Subjekt ausgesagt werden, das dann nach dieser Aussage mit einem (Pro-)Nomen noch einmal aufgegriffen und um die weiteren Subjekte erweitert wird („gespaltene Koordination“; vgl. z.B. JM §146c2; ad loc. Holmstedt 2010, S. 57f). Normalerweise sollte man im Dt. daher Vv. 1.3 besser übersetzen: „ein Mann, seine Frau und seine beiden Söhne verließen...“ (V. 1) resp. „sie und ihre beiden Söhne hinterblieben“ (V. 3). Hier aber ist diese Konstruktion bewusst gewählt; der Abschnitt funktioniert ein wenig wie das Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ und bringt schon auf sprachlicher Ebene zum Ausdruck, wie nach und nach die Familie zusammenschmilzt (so gut Zenger 1986, S.d 32), bis sämtliche männliche Angehörige ausgetilgt sind - die größte vorstellbare Katastrophe für eine altisraelitische Familie:
|
| i | tFN: die Namen seiner beiden Söhne [waren] - W. „der Name seiner beiden Söhne [war]“, aber s. JM §136l: „[... Das Hebräische hat] die Tendenz, in Fällen, in denen etwas in ähnlicher Weise für mehrere Individuen gilt, Singular statt Plural zu setzen [...].“ Übersetze daher wie angegeben. (Zurück zu v.2) |
| j | Machlon (krank?) + Kiljon (schwindend?) (V. 2) + Orpa (Nacken?, Wolke?) + Rut (Sättigung?, Freundin?) (V. 4) - Namen sind in der Bibel oft sog. „descriptive names“, d.h. sie sind sprechende Namen, die eine Bedeutung in der Erzählung haben. Weil Noomi in V. 21 selbst mit ihrem Namen spielt (der also klar ein solcher „descriptive name“ ist) und auch der Name von „Herr Irgendwer“ in Kap. 4 klar ein sprechender Name ist, gehen viele davon aus, dass auch obige vier Namen solche descriptive names sein müssten. Ihre Bedeutungen sind aber unklar:
|
| k | Efratiter - Bedeutung unklar; vermutlich handelt es sich (1) entweder um eine Sippe, die v.a. in der Gegend in und um Betlehem siedelte, oder (2) Efrata ist eine Region, in der u.a. auch Betlehem lag, oder (3) eine alternative Bezeichnung für Betlehem selbst. Dass die Bedeutung unklar ist, ist aber nicht sehr problematisch, da der Begriff hier ohnehin mehr einem Wortspiel als der Information dient: Sowohl „Efratiter“ als auch „Betlehem“ sind sprechende Namen: „Efrata“ ist das „fruchtbare Land“ (Meister 1991, S 115) und „Betlehem“ bedeutet bekanntlich „Haus des Brotes“, „Brothausen“ (schon Luther 1535, S. 193b: „Denn Bethlehem heisst ein brod haus / und Ephrata fruchtbar / das ein fruchtbar land und gute narung darinnen gewesen ist.“). In den Ohren hebräischer Hörer musste der Satz also klingen wie „[Wegen einer Hungersnot] emigrierten sie nach Moab - obwohl sie Brothäusener aus der Fruchtgegend waren! - und blieben dort.“ (Zurück zu v.2) |
| l | starb (V. 3) + starben (V. 5) - In der alten jüd. Exegese ist öfter der Tod Elimelechs, Machlons und Kiljons als die Strafe Gottes für ihre Sünden gedeutet worden: Elimelech wird für seine Emigration bestraft, Machlon und Kiljon für ihr Fernbleiben von Israel und ihre Mischehen. In der neueren Exegese findet sich diese Deutung nur noch selten (z.B. bei Berman 2007, S. 27-29), aber es ist doch auffällig, dass die beiden Auskünfte über das Sterben der Familienmitglieder jeweils direkt auf die Auskunft über das „Bleiben“ in Moab folgt und dass nur die ersten fünf Verse, die in Moab spielen, eine Unheilsgeschichte schildern, dagegen von V. 6 an mit Noomis Entscheidung, nach Israel zurückzukehren, eine Heilsgeschichte erzählt wird. Auf jeden Fall sollte, wenn möglich, so übersetzt werden, dass diese Bedeutungsnuance auch in der Übersetzung mitgehört werden kann - ein Leser zur mutmaßlichen Abfassungszeit jedenfalls hätte sie vermutlich mindestens mitgehört. (Zurück zu v.3 / zu v.5) |
| m | nahmen (gingen Mischehen ein) - ungewöhnlicher Begriff im Heb.: „Heiraten“ heißt dort gewöhnlich laqach ischah; hier aber - wie nur noch 2Chr 11,21; 13,21; Esr 9,2.12; Neh 13,25 - naßah ischah. Fischer 2001, S. 127 macht darauf aufmerksam, dass die drei letzten Stellen ebenfalls von Mischehen von Judäern mit Moabiterinnen handeln; es könnte sich hier also um einen terminus technicus handeln. An diesen drei Stellen werden die Mischehen auch jeweils als Missetat dargestellt, da Mischehen gerade mit Moabiterinnen nach Dtn 23,4 (zumindest nach der Interpretation dieser Stelle in Neh 13,1-3.23-27) verboten war - unabhängig von der Vokabel haben wir es hier also dem ersten von vielen Rechtsbrüchen und -beugungen im Rutbuch zu tun. TgRut z.B. paraphrasiert deshalb auch hier: „Sie übertraten das Gebot des Herrn und nahmen sich ausländische Frauen von den Töchtern Moabs“. (Zurück zu v.4) |
| n | Orpa und Rut - Chiasmus: V. 2: „Machlon und Kiljon“, V. 4: „Orpa und Rut“; dabei ist Orpa die Frau von Kiljon und Rut die von Machlon (s. Rut 4,10). Eine solche chiastische Anordnung von Namen ist ein häufigeres Stilmittel im Hebräischen (vgl. Campbell 1975, S. 151) und kann in der dt. Üs. ohne Bedeutungsverlust übergangen werden. (Zurück zu v.4) |
| o | Kinder - Machlon und Kiljon werden hier - im Gegensatz zum vorherigen „Söhne“ - mit jeled („Kind“) bezeichnet, das sonst nie für Erwachsene verwendet wird. Vermutlich soll diese Wortwahl das Unglück der Frau unterstreichen, die nun nach ihrem Mann auch noch ihre beiden Kinder zu Grabe tragen muss (so auch Zakovitch 1999, S. 82). Zudem wird so bereits vorverwiesen auf Rut 4,16, wo Ruts „Kind“ Obed als Naomis Ersatz für ihre beiden gestorbenen „Kinder“ dargestellt wird. (Zurück zu v.5) |
| p | tFN: begann, zurückzukehren - W. „Da stand sie auf, sie und ihre Schwiegertöchter, um zurückzukehren...“; ein solches vorgeschaltetes „aufstehen“ hat aber häufig nur die Bedeutung „mit etwas beginnen“ (vgl. de Waard/Nida 1992, S. 9; Dobbs-Allsopp 1995, S. 47). Übersetze besser: „Und sie machte sich auf den Rückweg“. (Zurück zu v.6) |
| q | sie und ihre Schwiegertöchter - die selbe Konstruktion wie in FN h beschrieben; normalerweise würde man auch hier übersetzen: „Da machten sie und ihre Schwiegertöchter sich auf den Rückweg“. In unserem Falle spielt es aber zusammen mit den obigen Versen: Nach Noomis Verlust von Ehemann und Söhnen eröffnet der zweite Erzählabschnitt von Kap. 1 mit der neuen Personenkonstellation Noomi + Rut und Orpa; beinahe wie ein „Neue Runde, neues Glück!“: Ihre ersten drei Begleiter hat Noomi verloren - was wird mit den beiden neuen Begleiterinnen geschehen? (Zurück zu v.6) |
| r | tFN: gehört hatte - Nach sog. „gespaltenen Koordinationen“ wie sie - sie und ihre Schwiegertöchter wird im Heb. meist mit Pluralverben angeschlossen (hier also: „sie hatten gehört“); hier aber steht ein Sg.-verb. Diese Konstruktion mit Sg. findet sich noch häufiger (vgl. z.B. Revell 1993, S. 76f.) und soll das Singularsubjekt (hier also Noomi) statt beiden koordinierten Subjekten ins Zentrum der Leseraufmerksamkeit stellen: Handelnde ist hier zuvorderst Noomi; erst ab V. 8 treten auch die beiden Schwiegertöchter als handelnde Subjekte in Aktion (ähnlich Campbell 1975, S. 63). (Zurück zu v.6) |
| s | besucht - Heb. Idiom für „sich um etwas kümmern“ (so z.B. Loretz 1963, S. 44). Gut daher EEB, EVD, GN, T4T: „dass er seinem Volk geholfen hatte“; HfA: „dass er sich über sein Volk erbarmt hatte“; NL: „dass er sich seinem Volk wieder gnädig zugewandt hatte“. „Sein Volk“ = Israel; übersetze daher vielleicht: „dass er seinem Volk Israel geholfen hatte und...“ (Zurück zu v.6) |
| t | ihm Brot - Klangspiel: lahem lachem. „Brot“ steht im Heb. fast stets pars pro toto für Nahrung im Allgemeinen (vgl. z.B. de Waard/Nida 1992, S. 9; Zakovitch 1999, S. 83); übersetze daher besser „Nahrung“. (Zurück zu v.6) |
| u | standen unter ihrer Aufsicht - so kürzlich Schipper 2013. Doch das ist wahrscheinlich falsch; Schwiegertöchter waren im hebräischen Haushalt zwar hierarchisch ihren Schwiegermüttern untergeordnet, doch hatten diese keine Autorität über sie (um mit Exum 1997 zu sprechen: Ganz allgemein hatten Frauen im Alten Israel zwar - im familiären Rahmen des Haushalts - „Macht“, aber keine „Autorität“ (vgl. S. 136f)). Vielleicht auch: wo sie gewesen war, und [wo auch] ihre beiden Schwiegertöchter bei ihr [gewesen waren]. (Zurück zu v.7) |
| v | Anm. d. Üs. (S.W.): Die Formulierung der Vv. 6f ist interessant: Drei Sätze folgen aufeinander, die mehr oder weniger das selbe besagen:
|