Psalm 16: Unterschied zwischen den Versionen

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_Ja, [selbst] mein Fleisch wird wohnen (ruhen) in Sicherheit.<ref>''mein Fleisch wird wohnen in Sicherheit'' - gemeint ist sehr wahrscheinlich nicht der Zustand des Körpers zwischen Tod und leiblicher Auferstehung nach dem Tode, wie der Vers in der Geschichte seiner Auslegung häufig verstanden worden ist (s. die Anmerkungen), sondern die Zeile bedeutet das selbe wie V. 8b: „Ich werde „nicht wanken“, nicht in Gefahr geraten, sondern vielmehr wird im Leben „mein Fleisch“, also ich, „sicher“ sein. Vgl. ähnlich [[Deuteronomium 33#s12 |Dtn 33,12]].[[Deuteronomium 33#s28 |28]]; [[Richter 18#s7 |Ri 18,7]]; [[Psalm 4#s9 |Ps 4,9]]; [[Jeremia 23#s6 |Jer 23,6]]; [[Jeremia 33#s16 |33,16]]. Besagte alternative Ausdeutung findet sich aber bereits im babylonischen Talmud, wo der Vers daraufhin gedeutet wird, dass der Körper „Davids“ nicht aufgrund von Würmern und Maden verwesen wird (b.B.B. 17a; s. auch den Midrasch: „R. Jizchak hat gesagt: Daraus geht hervor, dass Wurm und Moder über sein Fleisch keine Gewalt gehabt hat.“). Ähnlich auch noch Augustinus: LXX übersetzt statt mit „in Sicherheit“ mit „in Hoffnung“ und Augustinus erklärt: „Mein Fleisch wird nicht zur Zerstörung verderben (=verwesen), sondern in der Hoffnung auf die Auferstehung schlafen.“; ebenso Thomas von Aquin und dann endgültig Bellarmin: „Mein Fleisch schläft im Tode zufrieden und sicher, in gewisser Erwartung einer schnellen Auferstehung“.</ref>
_Ja, [selbst] mein Fleisch wird wohnen (ruhen) in Sicherheit.<ref>''mein Fleisch wird wohnen in Sicherheit'' - gemeint ist sehr wahrscheinlich nicht der Zustand des Körpers zwischen Tod und leiblicher Auferstehung nach dem Tode, wie der Vers in der Geschichte seiner Auslegung häufig verstanden worden ist (s. die Anmerkungen), sondern die Zeile bedeutet das selbe wie V. 8b: „Ich werde „nicht wanken“, nicht in Gefahr geraten, sondern vielmehr wird im Leben „mein Fleisch“, also ich, „sicher“ sein. Vgl. ähnlich [[Deuteronomium 33#s12 |Dtn 33,12]].[[Deuteronomium 33#s28 |28]]; [[Richter 18#s7 |Ri 18,7]]; [[Psalm 4#s9 |Ps 4,9]]; [[Jeremia 23#s6 |Jer 23,6]]; [[Jeremia 33#s16 |33,16]]. Besagte alternative Ausdeutung findet sich aber bereits im babylonischen Talmud, wo der Vers daraufhin gedeutet wird, dass der Körper „Davids“ nicht aufgrund von Würmern und Maden verwesen wird (b.B.B. 17a; s. auch den Midrasch: „R. Jizchak hat gesagt: Daraus geht hervor, dass Wurm und Moder über sein Fleisch keine Gewalt gehabt hat.“). Ähnlich auch noch Augustinus: LXX übersetzt statt mit „in Sicherheit“ mit „in Hoffnung“ und Augustinus erklärt: „Mein Fleisch wird nicht zur Zerstörung verderben (=verwesen), sondern in der Hoffnung auf die Auferstehung schlafen.“; ebenso Thomas von Aquin und dann endgültig Bellarmin: „Mein Fleisch schläft im Tode zufrieden und sicher, in gewisser Erwartung einer schnellen Auferstehung“.</ref>
{{S|10}} Denn du wirst meine Seele (mich) nicht dem Scheol<ref>''Scheol'' - Der heb. Begriff für das Totenreich, vgl. [http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/33830/ Jenseitsvorstellungen (AT) (WiBiLex)]. Nicht zu übersetzen mit „Hölle“; die atl. Vorstellung des Scheols und die christliche Vorstellung der Hölle sind sehr unterschiedlich: Anders als letztere ist erstere kein Ort des Schreckens und der Schmerzen, an den nur Sünder kommen, sondern ähnlich wie der Hades ein Un-Ort des Schweigens und Vergessens, zu dem sämtliche Toten hinabsteigen.</ref> überlassen (im Scheol lassen),
{{S|10}} Denn du wirst meine Seele (mich) nicht dem Scheol<ref>''Scheol'' - Der heb. Begriff für das Totenreich, vgl. [http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/33830/ Jenseitsvorstellungen (AT) (WiBiLex)]. Nicht zu übersetzen mit „Hölle“; die atl. Vorstellung des Scheols und die christliche Vorstellung der Hölle sind sehr unterschiedlich: Anders als letztere ist erstere kein Ort des Schreckens und der Schmerzen, an den nur Sünder kommen, sondern ähnlich wie der Hades ein Un-Ort des Schweigens und Vergessens, zu dem sämtliche Toten hinabsteigen.</ref> überlassen (im Scheol lassen),
_Du wirst nicht erlauben, dass<ref>''wirst nicht erlauben, dass'' - W. „wirst nicht geben deinen Frommen zu sehen...“; „X geben zu Y (Inf.)“ ist ein heb. Idiom mit der Bed. „X erlauben zu Y“ oder „zulassen, dass X Y“.</ref> dein Frommer (deine Frommen)<ref>'''Textkritik''': ''dein Frommer (deine Frommen)'' - im urspr. Konsonantentext als Plural geschrieben. Die Masoreten zeigen in ihrer Vokalisierung an, dass Singular zu lesen sei, und so übersetzen auch LXX, VUL, Hier, Syr. So daher auch alle Üss; eine seltene Ausnahme ist z.B. Buttenwieser 1938, S. 502: „Thou wilt not suffer thy faithful servants to see the engulfing pit.“</ref> die Grube (die Verwesung)<ref>''die Grube (die Verwesung)'' - Wegen der Auslegungsgeschichte des Psalms (s. die Anmerkungen) wurde oft recht heftig diskutiert, ob das Wort für „Grube“ auch „Verwesung“ bedeuten kann oder nicht. Das kann es, daher übersetzen hier so auch LXX, Tg, VUL, Syr, Hier. Eigentlich läuft aber ohnehin beides auf das selbe hinaus: Im atl. Totenkult wurde ein toter Körper zunächst in ein Gemeinschaftsgrab gelegt und dort verwesen gelassen. Nach der Verwesung sammelte man die Knochen ein und gab sie in eine Grube, in der sich auch die Knochen der bereits verblichenen Familienangehörigen befanden (vgl. z.B. Figueras 1984f., S. 46). Von dieser Grube ist hier wohl die Rede; ob mit „Grube“ oder „Verwesung“ zu übersetzen ist, ist also irrelevant: „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer verwest / die Knochen deines verwesten Frommen in die Grube gegeben werden“ ist letztlich gleichbedeutend: „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer stirbt“ oder, wenn man die Verse denn gerne als Prophezeiung des Schicksals Christi lesen will, „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer lang genug tot ist, dass er zu verwesen beginnt“ (also länger als drei Tage).</ref> sieht.
_Du wirst nicht erlauben, dass<ref>''wirst nicht erlauben, dass'' - W. „wirst nicht geben deinen Frommen zu sehen...“; „X geben zu Y (Inf.)“ ist ein heb. Idiom mit der Bed. „X erlauben zu Y“ oder „zulassen, dass X Y“.</ref> dein Frommer (deine Frommen)<ref>'''Textkritik''': ''dein Frommer (deine Frommen)'' - im urspr. Konsonantentext als Plural geschrieben. Die Masoreten zeigen in ihrer Vokalisierung an, dass Singular zu lesen sei, und so übersetzen auch LXX, VUL, Hier, Syr. So daher auch alle Üss; eine seltene Ausnahme ist z.B. Buttenwieser 1938, S. 502: „Thou wilt not suffer thy faithful servants to see the engulfing pit.“</ref> die Grube (die Verwesung)<ref>''die Grube (die Verwesung)'' - Wegen der Auslegungsgeschichte des Psalms (s. die Anmerkungen) wurde oft recht heftig diskutiert, ob das Wort für „Grube“ auch „Verwesung“ bedeuten kann oder nicht. Das kann es, daher übersetzen hier so auch LXX, Tg, VUL, Syr, Hier. Eigentlich läuft aber ohnehin beides auf das selbe hinaus: Im atl. Totenkult wurde ein toter Körper zunächst in ein Gemeinschaftsgrab gelegt und dort verwesen gelassen. Nach der Verwesung sammelte man die Knochen ein und gab sie in eine Grube, in der sich auch die Knochen der bereits verblichenen Familienangehörigen befanden (vgl. z.B. Figueras 1984f., S. 46). Von dieser Grube ist hier wohl ursprünglich die Rede; ob mit „Grube“ oder „Verwesung“ zu übersetzen ist, ist also irrelevant: „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer verwest / die Knochen deines verwesten Frommen in die Grube gegeben werden“ ist letztlich gleichbedeutend: „Du wirst nicht erlauben, dass dein Frommer stirbt“. Wichtig außerdem: Auch nach dem Tod hatte man nach antiker Vorstellung nicht einen bloßen Körper vor sich; erst im Verlaufe der Verwesung wanderte der Tote hinab in die Scheol (vgl. Leuenberger 2012, S. 327). 10a und 10b bedingen sich damit gegenseitig: Verwest jemand nicht, geht er auch nicht über in den Scheol. Will man auch schon 9b als Ausdruck für den Zustand eines Körpers nach dem Tod lesen, sind sogar 10a und 10b Ausfaltungen dieses Verses: „Mein Fleisch wird sicher wohnen“, also nicht zerstört werden, und das heißt dann zum einen, „du wirst meine Seele nicht dem Scheol überlassen“, und das ist möglich weil „du nicht erlauben wirst, dass dein Frommer verwest“.</ref> sieht.
 
{{S|11}} Du wirst (sollst) mir kundtun (mich erkennen lassen) den Weg des Lebens (zum Leben):<ref>''Weg des Lebens (Weg zum Leben)'' - gelegentlich interpretiert als „Weg zum Leben“, nämlich aus dem Tode: Die Auferstehung (so schon Kimchi). Gemeint ist mit dem „Weg des Lebens“ aber ursprünglich sicher ein ''innerweltlicher Weg'': Wer auf dem von Gott gewiesenen Weg geht, indem er sich an seine Weisung hält, wird recht und in Sicherheit wandeln und ''insofern'' ist dieser Weg dem Tod entgegengesetzt. S. bes. [[Sprichwörter 12#s28 |Spr 12,28]]; auch [[Sprichwörter 2#s18 |Spr 2,18f.]]; [[Sprichwörter 5#s5 |5,5f.]]; [[Sprichwörter 15#s9 |15,9f.]]; ähnlich [[Sprichwörter 10#s17 |10,17]]; [[Psalm 1 |Ps 1]]. Zeilen 2 und 3 schildern dann Charakteristika dieses „Wegs des Lebens“ (richtig Thomas von Aquin: ''commemorat beneficium'', „er erinnert an die Vorteile“); gut daher nur mit Doppelpunkt und ohne „[ist]“ in Zz. 2 und 3 in ZÜR 1931. Schön wieder FENZ: „Den Weg des Lebens zeigst du mir: / zum Fest vor deinem Angesichte, / am Quell der Freuden und der Wonnen, / zu deiner Rechten ohne Ende.“ Die meisten Üss. sehen allerdings Zz. 2.3 als eigenständige Sätze.</ref>
{{S|11}} Du wirst mir kundtun (mich erkennen lassen) den Weg (Pfad) des Lebens; [eine] Fülle (Sättigung) der Freuden ist vor deinem Angesicht, Annehmlichkeiten (Freuden, Liebliches) in deiner Rechten allezeit<ref>Das hebräische Wort bedeutet hier soviel wie "Ewigkeit, Dauer". In diesem Vers m.E. am besten adverbiell widergegeben: stets, allezeit, immerdar.</ref>.
_[Die] Fülle (Sättigung) der Freuden ([ist]) bei deinem Angesicht,  
_[Die] Annehmlichkeiten (Freuden, Liebliches) ([sind]) in deiner Rechten allezeit!<ref>Man beachte, wie hier V. 8 wieder aufgegriffen wird: Der Beter hält sich JHWH „beständig vor Augen“ und „hat JHWH zu seiner Rechten“. Dem korrespondieren die „Fülle der Freuden bei JHWHs Angesicht“ und die „Annehmlichkeiten in ''JHWHs'' Rechten“.</ref>


</poem>
</poem>

Version vom 1. Juli 2018, 22:23 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Psalm 16)

(kommt später)

Studienfassung (Psalm 16)

1 miktama von (für, über, nach Art von ) David.

Schütze mich, Gott,
denn ich berge mich bei dir (vertraue dir)!


2 Ich sage (du sagst)b zu (über, was ... angeht) JHWH: „Mein ({Mein}) Herr [bist] du!
Mein Wohlergehen (Glück) [ist] nicht außer durch dich (nicht über dir?)!“,b
3 Zu den (über die, was ... angeht) Heiligen,c die im Land (auf der Erde) [sind]: „Diese,d die (meine) Herrlichen:c
Mein ganzes Wohlgefallen [richtet sich] auf sie!“e
4 Es sollen (werden) sich vermehren die Schmerzenf (Götzenbilder) derer (es vermehren sich ihre Schmerzen die), die einem anderen (die anderen) nacheilen (?, umwerben?),g
Nicht werde ich libieren ihre Blutlibationen (ihre Libationen mit [meiner] Hand),h
Nicht werde ich heben ihre Namen auf meine Lippen!i


5 JHWH [ist] das Teil meiner Zuteilung und meines Bechers,
Zieher meines Lossteins (Erhalter meines Loses).j
6 Schnüre fielen mir auf Liebliches (liebliches [Land]),k
ja, mein Erbbesitz (der Erbbesitz)l dünkt mich schön!m


7 Ich will preisen JHWH, der mich berät,
ja, [selbst] in den Nächten belehren (züchtigen) mich meine Nieren.n
8 Ich setze mir JHWH vor mich beständig;o
Denn [ist er] zu meiner Rechten, werde ich (ja, [ich setze ihn] zu meiner Rechten, ich werde; weil er zu meiner Rechten ist. Ich werde) nicht wanken.p


9 Darum freut sich mein Herz und jubelt meine Leber (Herrlichkeit),q
Ja, [selbst] mein Fleisch wird wohnen (ruhen) in Sicherheit.r
10 Denn du wirst meine Seele (mich) nicht dem Scheols überlassen (im Scheol lassen),
Du wirst nicht erlauben, dasst dein Frommer (deine Frommen)u die Grube (die Verwesung)v sieht.
11 Du wirst (sollst) mir kundtun (mich erkennen lassen) den Weg des Lebens (zum Leben):w
[Die] Fülle (Sättigung) der Freuden ([ist]) bei deinem Angesicht,
[Die] Annehmlichkeiten (Freuden, Liebliches) ([sind]) in deiner Rechten allezeit!x

Anmerkungen

Psalm 16 ist ein Bittpsalm eines einzelnen Beters. Doch ist er von einer solchen Erhörungsgewissheit durchdrungen, dass die eigentliche Bitte in V. 1 ganz an den Rand gedrängt wird, stattdessen ist der ganze Psalm vollständig bestimmt von einer Grundstimmung der Hoffnung und des Vertrauens, so dass man ihn gut auch als einen „Vertrauenspsalm“ bezeichnen kann. Die einzelnen Abschnitte sind gut erkennbar:
V. 1a ist die Überschrift. Diese Überschriften wurden nachträglich von Redaktoren hinzugefügt; über ihren Sinn weiß man immer noch nichts Genaueres und auch die Bedeutung der einzelnen Vokabeln ist hier wie meist unklar. Doch da es sich um nachträgliche Hinzufügungen handelt, wirkt sich das glücklicherweise nicht allzu nachteilig auf das Verständnis des Psalms im Ganzen aus.
In V. 1bc folgt die Bitte, an die sich in Vv. 2-4 direkt ein Bekenntnis anschließt, das Gott wohl auch zum Handeln bewegen soll: Der Beter ist ein Gottgläubiger (V. 2) und führt sein Wohlergehen ganz auf diesen zurück, und er hält sich ganz an die Anhänger dieses Gottes (V. 3). Nicht dagegen hält er sich an die Anhänger anderer Götter (V. 4a) und an diese Götter selbst erst recht nicht (V. 4bc).
Aus diesem Grund kann er in den Vv. 5-11 sprechen von den vergangenen, aktuellen und zukünftigen Segnungen durch diesen guten Gott: In Vv. 5-6 nämlich von den Wohltaten, die er ihm schon erwiesen hat, in Vv. 7-8 von seinem aktuellen segensreichen Verhältnis zu Gott und in Vv. 9-11 von den Segnungen, die er von ihm noch erwarten darf.
Vv. 5f. werden dabei ganz durchwaltet von der Metapher der Landverlosung. Im Hintergrund steht die in Jos 13 berichtete Verlosung des Landes an die Israeliten, wo es das Schicksal war, das jedem Menschen den (dann je weiterzuvererbenden) Landbesitz zukommen ließ. Ebenso, sagt der Dichter, ist sein Schicksal – Gott.y
Vv. 7f. thematisieren sein Verhältnis zu JHWH. Er will JHWH preisen, denn: Tag und nacht spricht Gott zu seinem Verstand und seinem Herzen (V. 7), und entsprechend hält auch sich unaufhörlich Gott bewusst (V. 8a). Die Folge dieses unaufhörlichen Miteinanders ist klar: Nie wird ihm Schlimmes widerfahren (V. 8b).
Diese beiden Verse werden in Vv. 9-11 gespiegelt und in die Zukunft fortgeführt: Er kann sich freuen, denn: Nie wird ihm Schlimmes widerfahren (V. 9b-10) und er wird stets auf dem rechten – nämlich dem von Gott gelehrten – Pfad wandeln (V. 11).

Psalm 16,8-11 wird in Apg 2,26-36 und 13,32-39 als Prophetie über das Schicksal Jesu ausgelegt und im Erlass De falsa duorum textum biblicorum interpretatione („Über die falsche Interpretation von Bibeltexten“) von 1933 hat die päpstliche Bibelkommission „bestimmt“, dass dies in der Tat die richtige Bedeutung dieser Verse sei. Vv. 9-10 sprechen nach dieser Auslegung tatsächlich davon, dass Jesus nicht im Reich der Toten bleiben, sondern auferstehen wird. Das ist nicht die nächstliegende Bedeutung dieser Verse – der Glaube an die Auferstehung hatte sich zur Abfassungszeit des Psalms vermutlich noch gar nicht entwickelt –, an sich ist es aber nicht unmöglich, die Verse auch in diese Richtung auszulegen. Mindestens lässt sich gut mit Weiser 1973, S. 119f. sagen: „[Apg 2,26-36 und Apg 13,32-39 stehen auf demselben] Boden, der durch den ganzen Psalm hindurch als die Grundlage des starken Glaubensoptimismus beim Dichter sichtbar geworden ist: Die Lebensgemeinschaft mit Gott. Wo dieses Leben mit Gott den ganzen Menschen erfasst, verliert der Tod praktisch jenes furchtbare Gewicht, das er für den Menschen [...] besitzt. Dies ist der Weg der Überwindung des Todes, den der Psalm beschreitet: Für die Lebensmacht Gottes, an der der Dichter teilhaben darf, ist Tod und Unterwelt kein unüberschreitbares Hindernis mehr, woran jene Lebensgemeinschaft zerbrechen müsste. [...] Gewiß ist V. 10 [ursprünglich] nicht als weisagende Ankündigung der Auferstehung Jesu gemeint, aber der neutestamentliche Auferstehungsglaube und das, was den Psalmisten hier bewegt, stehen auf dem gleichen Grunde, nämlich auf dem unerschütterlichen Glauben an die Lebensmacht Gottes, die in der Auferstehung des Christus den Tod endgültig überwunden hat.“

amiktam - Unbekanntes Wort, das vermutlich als Überschrift die Gattung von Ps 16 und Ps 56-60 angeben soll; daher meist mit dem Platzhalterbegriff „Lied“ übersetzt oder einfach transkribiert; für die LF ist wohl ersteres zu empfehlen.
Im Talmudhebräischen bedeutet das Wort „Dokument“, im Neuhebräischen „Epigramm“; LXX hält es für ein ebensolches, in Stein Gehauenes, und übersetzt mit steleographia („Inschrift“, so auch BB und viele Kommentare). In allen drei Fällen wird das Wort aber wohl eher mit miktab („Geschriebenes“) verbunden, das sich als Psalmüberschrift in Jes 38,9 findet (Pietersma 2010, S. 524f.), was man schön an Tg sieht: Dieser hält das Wort wohl für eine Mischbildung aus miktab und tam („aufrecht“) und übersetzt „aufrechte Inschrift“. Ähnlich verfahren auch Aq, Sym, VUL, Raschi und andernorts Tg, zerlegen das Wort in die Bestandteile mk und tm und übersetzen „vom demütigen und aufrechten David“. Dass das Wort unbekannt war, sieht man noch besser an Quinta und Sexta, die bloß transkribieren: machtham. Luther leitet das Wort ab von ketem („Gold“), daher die Üs. „gülden Kleinod“ in den Lutherbibeln. Das „Sühngedicht“ von B-R und Stier2 kommt von einer Ableitung von katam („bedecken“), das auch für das „Sühnen“ von Sünden stehen kann (so z.B. auch Sawyer 2011b, S. 294). (Zurück zu v.1)
bTextkritik: Vv. 2-4 gehören zu den umstrittensten Versen im Psalmenbuch überhaupt. Teilweise liegt das daran, dass sich hier eine Reihe textkritischer Probleme finden; zu diesen s. den Kommentar / Textkritik Vv. 2-4.
Zu Vv. 2-4: Weiterhin sehr erschwert wird das Verständnis dieser Verse durch viele (oben im Text angezeigte oder in den folgenden FNn angegebene) Ambiguitäten, die zusammengenommen dazu führen, dass der Text auf ganz verschiedene Weisen verstanden werden könnte. Hinzu kommt v.a. noch die Problematik, dass das Hebräische keine Anführungs- und Schlusszeichen kennt und daher auch V. 3 oder sogar noch V. 4 als wörtl. Rede vom „ich sage/du sagst“ in V. 2 abhängen könnten; außerdem die Tatsache, dass V. 3b auch als unmarkierter Relativsatz verstanden werden kann. Neben der obigen (z.B. auch von ALB und MEN) gewählten Auflösung hier nur noch die drei häufigsten Alternativauflösungen, die grammatisch auch möglich sind:
  • [Ich (du) sagt(e) zu JHWH: „...“]. Was die Heiligen (Götter) betrifft, die im Lande sind – diese, (und) die Herrlichen –: Mein ganzes Wohlgefallen richtet sich auf sie. (z.B. LUT17)
  • [Ich (du) sagt(e) zu JHWH: „...“]. Was die Heiligen (Götter) betrifft, die im Lande sind – diese, (und) die Herrlichen, auf die sich mein ganzes Wohlgefallen richtet: [V. 4]. (z.B. Ridderbos 1972, S. 157)
  • [Ich (du) sagt(e) zu JHWH: „...“], zu den Heiligen (Götter), die im Land sind – [zu] diesen, (und) den Herrlichen, auf die sich mein ganzes Wohlgefallen richtet: „[V. 4](z.B. Weber 2001, S. 96)
Ein letztes und wichtiges Beispiel für eine andere Auflösung, die den Sinn der Verse völlig verändern würde, ist die von Craigie 1983, Franken 1953, Tournay 2001 und der Jerusalemer Bibel (vgl. wichtig auch Mannati 1972), die amart in V. 2a als 2. Pers. verstehen, die „Heiligen“ als Ausdruck für Götter und 2b als gegensätzliche Aussage von 3b: „Ihr sagt zu Jahwe: ‚Mein Herr! / Du bist mein Glück, über dich geht nichts!‘; zu den ‚Heiligen‘, denen, die da auf Erden sind: / ‚Ihr Prächtigen mein! Bei euch ist mein ganzes Gefallen!‘“. Der Psalmist zitierte dann also vorwurfsvoll synkretistische Gegner, die neben JHWH auch noch irdische „Götter“ anbeten. Will man bei der textkritischen Entscheidung zu 2b nicht mitgehen, wäre diese völlig andere Deutung wohl die nächstwahrscheinlichere; will man die „Heiligen“ nicht als Götter verstehen, wieder eine andere mit sehr unterschiedlicher Bedeutung usw. – Vv. 2-4 sind und bleiben sehr unsicher. (zu v.2)
cHeilige + die Herrlichen - Gemeint sind wohl die JHWH-Gläubigen, vgl. Ex 19,6; Dtn 33,3; Dan 7,21.25; Ps 34,10. Dass sie „im Land“ sind, ist nicht irrelevant: Im AT sind klar die Israeliten JHWHs auserwähltes Volk; auf denselben Gedanken wird auch mehrfach in Vv. 5f. angespielt. Dem Psalmisten geht es gut, weil JHWH ihm wohl tut, und er tut dies u.a. auch, weil er ganz Israelit ist, sich in aller Entschiedenheit an die „Heiligen im Land“ hält, Gottes auserwähltes Volk. Diese sind „herrlich“; ein Begriff, mit dem man im Heb. bes. würdige und mächtige Menschen bezeichnet (s. Ri 5,13: Die „Edlen des Volkes“