Rut 2: Unterschied zwischen den Versionen

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Sebastian Walter (Diskussion | Beiträge)
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Allerdings ist nicht leicht verständlich, warum Boas diese Metapher verwenden sollte, denn Rut ist ja gar nicht nach Israel gekommen, um bei JHWH Schutz zu suchen. Der Autor legt Boas diese Formel also sehr wahrscheinlich deshalb in den Mund, um über diese Formel später ([[Rut 3#s9 |Rut 3,9]]) mit JHWH gleichschalten zu können; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.<br />Vielleicht aber auch wirklich so: Ebenfalls geläufig in der Bibel ist die Metapher von JHWH als dem Ehemann des gläubigen Israels, s. [[Jesaja 62#s4 |Jes 62,4f]]; [[Jeremia 2#s2 |Jer 2,2]]; [[Ezechiel 16#s8 |Jer 16,8]]; [[Hosea 2 |Hos 2]], bes. [[Hosea 2#s2 |Vv. 2]].[[Hosea 2#s7 |7]].[[Hosea 2#s16 |16]].[[Hosea 2#s19 |19f]]; so dann auch über Jesus, s. [[Markus 2#s19 |Mk 2,19f]]; [[2Korinther 11#s2 |2 Kor 11,2]]. Noch häufiger wird der Glaubensabfall metaphorisch als Ehebruch geschildert. Bestandteil dieser Metapher ist die Bekleidung der Braut Israel mit einem Kleidungsstück ihres Ehemanns JHWH (wie ja auch in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] der „Mantel, den Boas über Rut decken soll“, wie im Alten Arabien sehr sicher ein Symbol für die Heirat ist; vgl. bes. Kruger 1984; z.B. auch Bohlen 1992, S. 12f.; Smith 1907, S. 105), s. bes. [[Ezechiel 16#s8 |Ez 16,8]]; angedeutet wohl auch [[Jeremia 2#s31 |Jer 2,31f]] (das Vergessen des Gürtels durch die Braut als Symbol für den „Ehebruch“ Israels mit JHWH). Noch häufiger belegt ist das Gegenteil: Die Strafe für diesen „Ehebruch“ ist das Entkleiden des Ehebrechers Israel, s. [[Jesaja 47#s2 |Jes 47,2f]] (vgl. Vv. 8f); [[Ezechiel 16#s39 |Ez 16,39]]; [[Hosea 2#s5 |Hos 2,5.11]]; [[Nahum 3#s4 |Nah 3,4f]]. Vielleicht ist also ''kanap'' hier besser wie in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] als „Gewandzipfel“ und das „Bergen unter diesen Gewandzipfeln“ (Plural auch in [[Jeremia 2#s34 |Jer 2,34]]; [[Ezechiel 5#s3 |Ez 5,3]]) wie dort als Symbol für die Ehe - nämlich zwischen JHWH und Rut - aufzufassen, die widerum Metapher für Ruts Bekehrung zum Judentum ist (wie die Stelle tatsächlich schon TgRut aufgefasst hat: „JHWH, der Gott Israels, unter dessen glorreicher Schechina Schatten du gekommen bist, um bekehrt und beschützt zu werden.“ (Üs. nach Levine 1973, S. 28)). Ähnlich aber nur Gray 1967, S. 414f.</ref>!“
Allerdings ist nicht leicht verständlich, warum Boas diese Metapher verwenden sollte, denn Rut ist ja gar nicht nach Israel gekommen, um bei JHWH Schutz zu suchen. Der Autor legt Boas diese Formel also sehr wahrscheinlich deshalb in den Mund, um über diese Formel später ([[Rut 3#s9 |Rut 3,9]]) mit JHWH gleichschalten zu können; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.<br />Vielleicht aber auch wirklich so: Ebenfalls geläufig in der Bibel ist die Metapher von JHWH als dem Ehemann des gläubigen Israels, s. [[Jesaja 62#s4 |Jes 62,4f]]; [[Jeremia 2#s2 |Jer 2,2]]; [[Ezechiel 16#s8 |Jer 16,8]]; [[Hosea 2 |Hos 2]], bes. [[Hosea 2#s2 |Vv. 2]].[[Hosea 2#s7 |7]].[[Hosea 2#s16 |16]].[[Hosea 2#s19 |19f]]; so dann auch über Jesus, s. [[Markus 2#s19 |Mk 2,19f]]; [[2Korinther 11#s2 |2 Kor 11,2]]. Noch häufiger wird der Glaubensabfall metaphorisch als Ehebruch geschildert. Bestandteil dieser Metapher ist die Bekleidung der Braut Israel mit einem Kleidungsstück ihres Ehemanns JHWH (wie ja auch in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] der „Mantel, den Boas über Rut decken soll“, wie im Alten Arabien sehr sicher ein Symbol für die Heirat ist; vgl. bes. Kruger 1984; z.B. auch Bohlen 1992, S. 12f.; Smith 1907, S. 105), s. bes. [[Ezechiel 16#s8 |Ez 16,8]]; angedeutet wohl auch [[Jeremia 2#s31 |Jer 2,31f]] (das Vergessen des Gürtels durch die Braut als Symbol für den „Ehebruch“ Israels mit JHWH). Noch häufiger belegt ist das Gegenteil: Die Strafe für diesen „Ehebruch“ ist das Entkleiden des Ehebrechers Israel, s. [[Jesaja 47#s2 |Jes 47,2f]] (vgl. Vv. 8f); [[Ezechiel 16#s39 |Ez 16,39]]; [[Hosea 2#s5 |Hos 2,5.11]]; [[Nahum 3#s4 |Nah 3,4f]]. Vielleicht ist also ''kanap'' hier besser wie in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] als „Gewandzipfel“ und das „Bergen unter diesen Gewandzipfeln“ (Plural auch in [[Jeremia 2#s34 |Jer 2,34]]; [[Ezechiel 5#s3 |Ez 5,3]]) wie dort als Symbol für die Ehe - nämlich zwischen JHWH und Rut - aufzufassen, die widerum Metapher für Ruts Bekehrung zum Judentum ist (wie die Stelle tatsächlich schon TgRut aufgefasst hat: „JHWH, der Gott Israels, unter dessen glorreicher Schechina Schatten du gekommen bist, um bekehrt und beschützt zu werden.“ (Üs. nach Levine 1973, S. 28)). Ähnlich aber nur Gray 1967, S. 414f.</ref>!“
{{S|13}} Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen finden<ref>''Möge ich in deinen Augen Gefallen finden'' - das dritte Vorkommen dieser Formel; wieder in anderer Bedeutung. Nicht: „[weiterhin] Gefallen finden“ (so viele Üss.); gut erklärt von Ehrlich 1908, S. 163f:  
{{S|13}} Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen finden<ref>''Möge ich in deinen Augen Gefallen finden'' - das dritte Vorkommen dieser Formel; wieder in anderer Bedeutung. Nicht: „[weiterhin] Gefallen finden“ (so viele Üss.); gut erklärt von Ehrlich 1908, S. 163f:  
<blockquote>„[...] Als unabhängiger Satz drückt [die Formel] nicht eine Bitte oder einen Wunsch aus, sondern die Versicherung, dass der Redende einen ihm gewordenen gültigen Zuspruch oder eine Wohltat, die ihm der Angeredete bereits erwiesen hat, zu würdigen weiss und in der Zukunft sich Mühe geben will, sich dafür dankbar oder, mehr wörtlich, ihm gegenüber ein gefälliges Wesen zu zeigen, vgl. [[Genesis 47#s25 |Gen 47,25]]; [[1Samuel 1#s18 |1 Sam 1,18]]; [[2Samuel 16#s4 |2 Sam 16,4]] und besonders [[Rut 2#s13 |Rut 2,13]]. Letztere Stelle ist von besonderer Beweiskraft, weil dort der Grund der Versicherung ausdrücklich genannt ist. [...] Das ist der eigentliche Sinn des fraglichen Ausdrucks, doch erscheint in sämtlichen oben angeführten Fällen, wie bei allen Höflichkeitsformeln zu geschehen pflegt, der ursprüngliche Begriff abgeschwächt, sodass man damit nur sagen will: ''ich danke''.“;</blockquote>
: „[...] Als unabhängiger Satz drückt [die Formel] nicht eine Bitte oder einen Wunsch aus, sondern die Versicherung, dass der Redende einen ihm gewordenen gültigen Zuspruch oder eine Wohltat, die ihm der Angeredete bereits erwiesen hat, zu würdigen weiss und in der Zukunft sich Mühe geben will, sich dafür dankbar oder, mehr wörtlich, ihm gegenüber ein gefälliges Wesen zu zeigen, vgl. [[Genesis 47#s25 |Gen 47,25]]; [[1Samuel 1#s18 |1 Sam 1,18]]; [[2Samuel 16#s4 |2 Sam 16,4]] und besonders [[Rut 2#s13 |Rut 2,13]]. Letztere Stelle ist von besonderer Beweiskraft, weil dort der Grund der Versicherung ausdrücklich genannt ist. [...] Das ist der eigentliche Sinn des fraglichen Ausdrucks, doch erscheint in sämtlichen oben angeführten Fällen, wie bei allen Höflichkeitsformeln zu geschehen pflegt, der ursprüngliche Begriff abgeschwächt, sodass man damit nur sagen will: ''ich danke''.“;
der Sinn ist also eher: „Für diesen Zuspruch danke ich Ihnen, mein Herr - möge ich mich ihm als würdig erweisen (=Gefallen finden in Ihren Augen).“ Als Dankesformel deuten auch HfA, MEN, R-S.</ref>, mein Herr<ref name="höflich">''mein Herr'' + ''Magd'' - geläufige Höflichkeitsstrategie: Man spricht von sich und dem Gegenüber nicht als „ich“ und „du“, sondern in der 3. Pers. als „Magd“ und „Herr“ (vgl. z.B. Warren-Rothlin 2007, S. 62f.; z.St. auch de Waard/Nida 1992, S. 34; Gray 1967, S. 415). Der Kontrast ist hier besonders stark, da Boas Rut direkt zuvor als „meine Tochter“ angesprochen hat: Rut ist ganz außerordentlich höflich und demütig. Übersetze besser: „Möge ich Gefallen in ''Ihren'' Augen finden (dazu s. vorige FN), mein Herr, da ''Sie'' mich getröstet und zu ''meinem'' Herzen (dazu s. nächste FN) gesprochen haben.“</ref>, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magd<ref name="höflich" /> gesprochen hast<ref>''zum Herzen deiner Magd gesprochen hast'' - Idiom sowohl für „trösten“ (s. noch [[Genesis 50#s21 |Gen 50,21]]; [[Jesaja 40#s2 |Jes 40,2]]) als auch für „Mut zusprechen“ (s. noch [[2Samuel 19#s8 |2 Sam 19,8]]; [[2Chroniken 30#s22 |2 Chr 30,22]]; [[2Chroniken 32#s6 |32,6]]). Wahrscheinlich ist hier beides im Blick (so auch Campbell 1975, S. 100).</ref>. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?<ref>''Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?'' - d.h. „dabei bin ich ja nur wie eine deiner Mägde!“; ein weiteres Mal wird eine rhetorische Frage als Ausrufesatz verwendet (=> Yiqtol; in Fragesätzen wird Yiqtol des Öfteren wie Qatal verwendet; vgl. ähnlich Driver 1973, S. 108). LXX und VUL haben das wohl richtig gesehen und als positiven Aussagesatz übersetzt, LXX aber das Yiqtolverb zu wörtlich mit Futur wiedergegeben. Eine Umpunktierung von ''lo´'' („nicht“) nach ''lu´'' („wahrlich“, so Houbigant 1777, S. 259; Haller 1940, S. 10) ist unnötig; die Deutung als selbstsichere Einschränkung („Ich danke dir, dass du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - aber ich werde nicht wie eine deiner Mägde sein!“, so Köhlmoos 2010, S. 30.44; Niccacci 1995, S. 86) macht wenig Sinn.</ref>“
der Sinn ist also eher: „Für diesen Zuspruch danke ich Ihnen, mein Herr - möge ich mich ihm als würdig erweisen (=Gefallen finden in Ihren Augen).“ Als Dankesformel deuten auch HfA, MEN, R-S.</ref>, mein Herr<ref name="höflich">''mein Herr'' + ''Magd'' - geläufige Höflichkeitsstrategie: Man spricht von sich und dem Gegenüber nicht als „ich“ und „du“, sondern in der 3. Pers. als „Magd“ und „Herr“ (vgl. z.B. Warren-Rothlin 2007, S. 62f.; z.St. auch de Waard/Nida 1992, S. 34; Gray 1967, S. 415). Der Kontrast ist hier besonders stark, da Boas Rut direkt zuvor als „meine Tochter“ angesprochen hat: Rut ist ganz außerordentlich höflich und demütig. Übersetze besser: „Möge ich Gefallen in ''Ihren'' Augen finden (dazu s. vorige FN), mein Herr, da ''Sie'' mich getröstet und zu ''meinem'' Herzen (dazu s. nächste FN) gesprochen haben.“</ref>, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magd<ref name="höflich" /> gesprochen hast<ref>''zum Herzen deiner Magd gesprochen hast'' - Idiom sowohl für „trösten“ (s. noch [[Genesis 50#s21 |Gen 50,21]]; [[Jesaja 40#s2 |Jes 40,2]]) als auch für „Mut zusprechen“ (s. noch [[2Samuel 19#s8 |2 Sam 19,8]]; [[2Chroniken 30#s22 |2 Chr 30,22]]; [[2Chroniken 32#s6 |32,6]]). Wahrscheinlich ist hier beides im Blick (so auch Campbell 1975, S. 100).</ref>. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?<ref>''Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?'' - d.h. „dabei bin ich ja nur wie eine deiner Mägde!“; ein weiteres Mal wird eine rhetorische Frage als Ausrufesatz verwendet (=> Yiqtol; in Fragesätzen wird Yiqtol des Öfteren wie Qatal verwendet; vgl. ähnlich Driver 1973, S. 108). LXX und VUL haben das wohl richtig gesehen und als positiven Aussagesatz übersetzt, LXX aber das Yiqtolverb zu wörtlich mit Futur wiedergegeben. Eine Umpunktierung von ''lo´'' („nicht“) nach ''lu´'' („wahrlich“, so Houbigant 1777, S. 259; Haller 1940, S. 10) ist unnötig; die Deutung als selbstsichere Einschränkung („Ich danke dir, dass du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - aber ich werde nicht wie eine deiner Mägde sein!“, so Köhlmoos 2010, S. 30.44; Niccacci 1995, S. 86) macht wenig Sinn.</ref>“
{{S|14}} Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“<ref>''Boas sagte zu ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“'' - so löst nur Holmstedt 2010 (gegen die Akzentuation der Masoreten) auf - „weil die masoretischen Akzente Prosodie und nicht Syntax markieren“ (S. 132). Aber Prosodie geht ja mit Syntax Hand in Hand; nach der masoretischen Akzentuation hat man doch nach der Primärübersetzung zu deuten.</ref>)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essig<ref>''Essig'' - Weinessig; aus dem rabbinischen Schrifttum geht das deutlich hervor (vgl. Löw 1928, S. 102ff; auch Dalman 1933, S. 18; Dalman 1935, S. 388). Davon, dass Erntearbeiter bei Hitze ihr Brot in Essig tunken, spricht auch LevR 34,8, da dieser „bei Hitze geeignet“ sei (Shabbat 113b; zitiert nach Zakovitch 1999, S. 120f).</ref>!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichte<ref>''reichte'' - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Offenbar verwandt sind das mischnahebräische Wort für „Henkel“, das akkadische Wort für „festhalten, greifen“ und das ugaritische Wort für „Zange“; vermutlich bezieht sich das Wort also auf den Akt des Greifens und Weiterreichens (vgl. z.B. Zakovitch 1999, S. 121).</ref> ihr Röstkorn<ref>''Röstkorn'' - Über dem Feuer geröstete Getreidekörner; ein im Alten Orient (und noch heute) verbreiteter Snack.</ref>, sie aß, wurde satt und lies übrig.
{{S|14}} Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“<ref>''Boas sagte zu ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“'' - so löst nur Holmstedt 2010 (gegen die Akzentuation der Masoreten) auf - „weil die masoretischen Akzente Prosodie und nicht Syntax markieren“ (S. 132). Aber Prosodie geht ja mit Syntax Hand in Hand; nach der masoretischen Akzentuation hat man doch nach der Primärübersetzung zu deuten.</ref>)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essig<ref>''Essig'' - Weinessig; aus dem rabbinischen Schrifttum geht das deutlich hervor (vgl. Löw 1928, S. 102ff; auch Dalman 1933, S. 18; Dalman 1935, S. 388). Davon, dass Erntearbeiter bei Hitze ihr Brot in Essig tunken, spricht auch LevR 34,8, da dieser „bei Hitze geeignet“ sei (Shabbat 113b; zitiert nach Zakovitch 1999, S. 120f).</ref>!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichte<ref>''reichte'' - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Offenbar verwandt sind das mischnahebräische Wort für „Henkel“, das akkadische Wort für „festhalten, greifen“ und das ugaritische Wort für „Zange“; vermutlich bezieht sich das Wort also auf den Akt des Greifens und Weiterreichens (vgl. z.B. Zakovitch 1999, S. 121).</ref> ihr Röstkorn<ref>''Röstkorn'' - Über dem Feuer geröstete Getreidekörner; ein im Alten Orient (und noch heute) verbreiteter Snack.</ref>, sie aß, wurde satt und lies übrig.

Version vom 5. März 2022, 20:24 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
Status: Lesefassung kann erstellt werden – Wer möchte, ist zum Einstellen einer ersten Übertragung in die Lesefassung eingeladen, die später als Grundlage für Verbesserungen dient (Weitere Bibelstellen zum Übertragen). Auf der Diskussionsseite ist Platz für Rückfragen und konstruktive Anmerkungen.

Lesefassung (Rut 2)

(kommt später)

Studienfassung (Rut 2)

1 Noomi hatte einen Verwandten (Bekannten)a ihres Mannes; einen mächtigen, fähigen Mannb aus der Sippe Elimelechsc. Sein Name war: Boas (in ihm ist Kraft, der Scharfsinnige)d. 2 Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi: „Ich würde [gerne] aufs Felde gehenf und an den Ähren mitleseng hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen findeh.“ Sie sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter!“i 3 [Also] ging und kamj und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit.([Und das kam so: ])k
Zufällig geriet siel auf das Feldstücke des Boas, der aus der Sippe des Elimelech [war].

4 Und, siehe da: Da kam [auch schon]m Boas von Betlehem [her]. Er sagte zu den Schnittern: „JHWH [ist (sei)] mit euch!“ Und sie sagten zu ihm: „Es segne dich JHWH!“n 5 Und Boas sagte zu seinem Jungen (Angestellten)o, der über die Schnitter gestellt war: „[Zu] wem [gehört]p dieses Mädchen?“ 6 Der Junge, der über die Schnitter gestellt war, antwortete: „Ein moabitisches Mädchen [ist] sie, das mit Noomi zurückgekehrt ist aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moabq.r 7 Sie hat gesagt: ‚Ich würde [gerne] lesenf und bei den Garben (in Garben, zu Garben, {bei den Garben}?, Halme?)s hinter den Schnittern [her] sammeln.‘ Und (Also) sie kam und blieb (stand, las Ähren?, kam {und blieb}?)t vom Morgen bis gerade eben; (bis jetzt, dieses/diese/jetzt/hier/hierher)t ihr Sitzen (sie macht Pause?, sie kehrt zurück?, ihr Besitz?)t im Haus (das Haus, nach Hause?, das/auf dem Feld?)t [ist (währt)] [erst] seit Kurzem.“

8 Und Boas sagte zu Rut: „Höre, meine Tochter:u Gehe nicht (du musst nicht gehen) zum Sammeln auf ein anderes Feld und ziehe auch nicht fort (du musst nicht fortziehen) von hier, sondern hänge dich hier (so:) an meine Mädchen (bleibe hier bei meinen Mädchen, du darfst bleiben).v 9 Deine Augen [seien] auf das Feld [gerichtet], das sie aberntenw. Gehe hinter ihnen (zusammen mit ihnen)x. [Hiermit] befehle ich meinen Jungenu, dich nicht anzurühren (anzugreifen, mit dir keinen Geschlechtsverkehr zu haben)? Und wenn du Durst hast, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was [auch] die Jungen schöpfen!“ 10 Da warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärtsy und sagte zu ihm: „Warum [nur] habe ich Gefallen in deinen Augen gefunden,z so dass du mich [wohlgefällig] ansiehst, obwohl ich Ausländerin [bin]?“ 11 Boas anwortete {und sagte zu}aa ihr: „Berichtet {berichtet}ab wurde mir alles, was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hastac: [dass] du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du vorher (gestern vorgestern)ad nicht kanntest. 12 JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israels, zu dem (weil) du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (um dich unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)ae!“ 13 Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen findenaf, mein Herrag, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magdag gesprochen hastah. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?ai14 Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“aj)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essigak!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichteal ihr Röstkornam, sie aß, wurde satt und lies übrig. 15 Dann stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)an. Und Boas befahl seinen Jungen {indem er sagte}aa: „Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)an sie nicht beschimpfen (beschämen, verletzen)! 16 Ja, mehr noch: Ihr sollt ihr [durchaus] herausziehen {herausziehen} (herunterwerfen {herunterwerfen}?)ao aus den Handbündelnap, [es liegen] lassen und sie soll [das Liegengelassene] sammeln. Und ihr sollt sie nicht schelten!“ 17 Und so sammelte sie auf dem Feld bis zum Abend; dann kopfte sie das, was sie gesammelt hatte, ausaq - und es ergab ungefähr ein Efa (genau ein Efa, ein ganzes Efa)ar Gerste.

18 Sie hob es auf (wuchtete es hoch)as, kam in die Stadt und zeigte ihrer Schwiegermutter (ihre Schwiegermutter sah)at, was sie gelesen hat und zog heraus und gab ihr, was sie übrig gelassen hatte nach ihrer Sättigung. 19 Da sagte ihre Schwiegermutter: „Woau hast du heute gesammelt und woau gearbeitet? Es sei, der dich [wohlwollend] angesehen [hat]av, gesegnet!“
Da erzählte sie ihrer Schwiegermutter, wer [es war], bei dem sie gearbeitet hatte.
Sie sagte: „Der Name des Mannes, der [es war], bei dem ich heute gearbeitet habe, [ist]: Boas.“ 20 Da sagte Noomi zu ihrer Schwiegertochter: „Gesegnet [sei] jener von JHWHaw, der nicht von seiner Treue zu den Lebenden und den Toten abgelassen hatax (der [in] seiner Treue die Lebenden und die Toten nicht verlassen hat).“ Und dann sagteay Noomi zu ihr: „Der Mann [ist] mit uns verwandt - das heißt: Er ist unser Löser!az21 Da sagte Rut, die Moabiterin: „Dazu [kommt], dassba er zu mir gesagt hat: ‚An die Jungenbb, die mir [sind (gehören)]bc, hänge dich, bis die ganze Ernte beendet ist, die mir [ist (gehört)]bc!‘“ 22 Da sagte Noomi zu Rut, ihrer Schwiegertochter: „Gut (besser) [ist (wäre)] es, meine Tochter, wenn du mit seinen Mädchen gehst (Gut, meine Tochter! Ach, gehe mit seinen Mädchen!), sodass man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen kann (dann wird man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen).“

23 Also hängte sie sich an die Mädchen des Boas, um zu sammeln, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendet war. Dann blieb sie bei ihrer Schwiegermutter.

Anmerkungen

Rut 2 ist zum größten Teil ein Ackerbau-Kapitel. Zu näherem vgl. daher Ackerbau (Wibilex), hier folgt nur eine kleine Zusammenfassung der Abläufe bei der Ernte:
Bei der Ernte durchschritten mehrere Schnitter in einer Reihe das Getreidefeld, bündelten mit ihrer linken Hand mehrere Halme zu einem Handbündel - sog. tsebatim, s. V. 16 - und schnitten sie mit einer Sichel ab. Ihnen folgten auf dem Fuß die Garbenbinder - im Rutbuch offenbar ausschließlich weiblich -, sammelten diese Bündel und banden sie zu Garben - sog. `omarim -, die dann auf das Feld niedergelegt wurden, um am Ende der Ernte zum Dreschplatz gebracht zu werden (vgl. Dalman 1933, S. 46f).
Diesen Garbenbindern folgten dann offensichtlich die Nachleser, um ihr Leqet-Recht wahrzunehmen. Das Leqet-Recht beinhaltet, dass einzelne Ähren, die den Schnittern und Garbensammlern zu Boden gefallen waren, nicht wieder aufgehoben werden durften, sondern den Armen gehörten, die sie dann in einer sogenannten „Nachlese“ sammeln durften (s. Lev 19,9; Lev 23,22). In der Mischnabd wird dies in Pe´ah 4,10 näher ausgeführt, und den Inhalt dieser Ausführungen müssen wir wohl auch für das Rutbuch voraussetzen: Leqet sind dort ausschließlich die zu Boden gefallenen Ähren, die ein Erntearbeiter bereits in der Hand hatte und die ihm dann aus der Hand zu Boden gefallen waren - ausgenommen dann, wenn er nichts dafür konnte, dass sie ihm aus der Hand gefallen waren (z.B., weil ihn ein Dorn gestochen hatte); vgl. z.B. die Üs. im Open Mishnah Project. Aus diesem Grund auch in V. 16 Boas Rede gerade von den tsebatim („Handbündel“) und das schwer verständliche Verb (s. dort) - ob es nun „herausziehen“, „plündern“ oder „fallen lassen“ bedeuten mag: Er will unmissverständlich klar machen, dass die Erntearbeiter Rut eine zusätzliche Menge an Leqet-Ähren zuschustern sollen, indem sie das, was sie bereits in der Hand hatten, zu Boden werfen.be

Schon das ist rechtlich wohl nicht ganz astrein; vermutlich konnte Rut aber sogar prinzipiell diese Armenrechte gar nicht in Anspruch nehmen. Die mit der Ernte zusammenhängende Armenrechte werden u.a. in Lev 19,10 und Dtn 24,19 dem „Asylanten“ (ger, s. FN g zu Rut 1,1), in Dtn 24,19 der „Witwe“ (´almanah) und in Lev 19,10 dem „Armen“ zugesprochen. Frevel 1992, S. 71 denkt daher, dass Rut diese Armenrecht sogar gleich dreifach in Anspruch nehmen durfte. Doch Rut sagt in V. 10 ja selbst, dass sie die Erlaubnis Boas eigentlich nicht hätte erwarten dürfen, da sie eben keine „Asylantin“ ist, sondern eine nokrijah - eine „Ausländerin“: Moabiter hatten im Alten Israel kein Asylrecht (s. die Anmerkungen zu Rut 1). Rut wird auch im ganzen Buch nicht als ´almanah bezeichnet, sondern nur in Rut 4,5 als ´eschet-hammet („Frau des Toten“). Bei beiden Begriffen handelt es sich um Bezeichnungen für zwei verschiedene „Witwen-Klassen“: Eine ´almanah ist eine kinderlose und arme Witwe, eine ´eschet-hammet dagegen eine kinderlose Witwe mit Besitz (und eine ´ischa-´almanah wäre eine Witwe mit Besitz und Kindern; vgl. bes. Steinberg 2004, S. 334). Die Armenrechte galten nur für ´almanah-Witwen, weil diese keine andere Versorgungsmöglichkeit hatten - nicht aber für ´eschet-hammet-Witwen. Schon dieser Begriff zeigt außerdem, dass Rut auch nicht wirklich als „arm“ gelten konnte, und in der Tat sieht man dann in Kapitel 4: Noomi und Rut besitzen sogar ein eigenes Feld.
Schon mit der bloßen Erlaubnis der Nachlese wird also auch in Kapitel 2 eine rechtliche Regelung - in diesem Fall die Nachlesebestimmungen - gebeugt, was durchaus nicht unproblematisch ist: Boas schädigt mit der Gewährung des Nachleserechts ja nicht nur seinen Ertrag, sondern v.a. den derjenigen, die dieses Armenrecht tatsächlich in Anspruch nehmen durften und die darauf angewiesen waren. Und wieder wird dabei eine wesentlich „pro-moabitischere“ Haltung eingenommen, als man es vor dem Hintergrund der biblischen Regelungen eigentlich erwarten dürfte (vgl. ähnlich Braulik 1996, S. 118). Hinzu kommt dann natürlich noch die besondere Bevorzugung durch das Verbot des Anrührens, Scheltens und Schimpfens (Vv. 9.15.16), die Erlaubnis, vom Wasser seiner Knechte trinken und an ihrem Mahl teilhaben zu dürfen (Vv. 9.14) und besonders das Gebot, ihr zusätzliche Ähren zuzuschustern (V. 16).


aTextkritik: Verwandten (Bekannten) - beide Varianten finden sich in der Überlieferung des heb. Textes; u.a. haben Ketiv und LXX „Bekannter“ und Qere und VUL „Verwandter“. Die Bedeutung ist also entweder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann verwandt“ oder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann bekannt“. Fast alle - und deshalb auch wir - folgen der Variante „Verwandter“, aber man sollte doch fragen, was denn dann der Mehrwert des folgenden „er war aus der Sippe Elimelechs“ wäre. Auch lässt sich gerade wegen dieses Nachsatzes ein sekundäres Entstehen der Variante „Verwandter“ sehr viel besser erklären als der Variante „Bekannter“, und schließlich würde „Bekannter“ auch strukturell gut Sinn machen, da Boas im Verlauf des Kapitels verwandtschaftlich immer näher an Rut und Noomi heranzurücken scheint (1a: Bekannter => 1b: aus der Sippe Elimelechs => 20a: Verwandter => 20b: Goel (d.h. maximal um eine Ecke verwandt)), bis er in Rut 4,3 dann sogar als „unser Bruder“ bezeichnet wird und ihm Goel- und Schwagerehenpflichten und -rechte zugesprochen werden (s. dort), was dann der Knackpunkt des ganzen Kapitels sein wird. (Zurück zu v.1)
bmächtiger, fähiger Mann - W. isch („Mann“) gibbor („heldenhaft, stark, mächtig“) chajil („stark/fähig/wohlhabend“). Häufiger stehender Ausdruck, der fast stets für „mächtige Krieger“ steht. Weil das an unserer Stelle nicht gut in den Kontext passt, geht man meist entweder nicht von diesem stehenden Ausdruck aus, sondern von seinen einzelnen Bestandteilen, ignoriert dann auch noch häufig das gibbor und macht Boas so zu einem „(sehr) wohlhabenden/angesehenen(? - vielleicht eine Umdeutung von „heldenhaft“?) Mann“ (so z.B. ELB, FREE, H-R, LUT, MEN, NeÜ, SLT, TAF, van Ess, ZÜR), oder man leitet aus 1 Sam 9,1 und 2 Kön 15,20 ab, dass die Wendung isch gibbor chajil auch für reiche Grundbesitzer stehen könne (so viele Kommentare, auch ) - dabei ist an keiner der beiden Stellen von Grundbesitz die Rede, und auch wenn es sich dort auf Grundbesitzer beziehen würde, darf man daraus ja nicht ableiten, dass die Wendung deshalb auch „vermögender Grundbesitzer“ bedeutet.
Beide Lösungen sind also recht problematisch; vielleicht besser so: Ein isch gibbor chajil zu sein ist im Alten Israel ein stereotyper Bestandteil eines männlichen Tugendkatalogs: König David ist ein solcher, außerdem ist er schön und zudem redegewandt und musikalisch (s. 1 Sam 16,18). Ähnlich auch Jerobeam, der außerdem ein guter Handwerker ist (1 Kön 11,28) und Naaman, der außerdem von seinem Herrn geschätzt und voll der Ehre ist (s. 2 Kön 5,1); und wohl aus diesem Grund wird auch von Saul, diesem jungen, schönen und übergroßen Mann (1 Sam 9,2) angegeben, schon sein Vater sei ein isch gibbor chajil gewesen (1 Sam 9,1). In Jes 5,22 wird die Fügung sogar metaphorisch-sarkastisch für Trunkenbolde verwendet werden (heldenhafte Weintrinker und mächtige Alkoholmischer). Vielleicht heißt es an unserer Stelle also nur: „Boas ist ein mächtig starker Typ“, und ein „mächtig starker Typ“ ist nach der verbreiteten Ansicht