Syntax ungeprüft


Lesefassung (Rut 3)
(kommt später)Studienfassung (Rut 3)
1 [Eines Tages] sprach Noomi, ihre Schwiegermutter, zu ihr: „Meine Tochter, soll ich nicht〈a〉 für dich Ruhe (eine Heimstatt)〈b〉 suchen, wo (damit) es dir gut geht? 2 Und weiter〈c〉: Ist nicht〈a〉 Boas, bei dessen Mägden du warst, unser Verwandter〈d〉 (ist nicht Boas unser Verwandter, bei dessen Mägden du warst)? Siehe〈a〉, dieser wird heute Nacht Gerste auf der Gerstentenne worfeln〈e〉. 3 [Daher]〈f〉 wasche dich, salbe dich, wirf deine Kleider (dein Kleid)〈g〉 um dich (zieh deine Kleider/dein Kleid an)〈h〉 und geh zur Tenne hinab!
Anmerkungen
Rut 3 schildert in Vv. 1-5, wie Noomi einen Plan entwickelt, Rut erneut „unter die Haube zu bringen“ und in Vv. 6-15, wie Rut diesen Plan in die Tat umsetzt und wie Boas darauf reagiert.
Dieser Plan allerdings ist vor allem eins: Moralisch fragwürdig. Rut soll warten, bis Boas gegessen, getrunken und sich niedergelegt hat, um dann im Schutz der Nacht zu ihm zu schleichen und sich unter seiner Decke an ihn zu schmiegen - und dies zu dem Zweck, Rut eine „Heimstatt zu suchen“: Rut soll Boas zu seinem Ja-Wort verführen.
Wegen dieser moralischen Fragwürdigkeit muss hier auf eine theologische Eigenart des Rutbuches hingewiesen werden: Das „Verschmelzen des Handelns Gottes und der Menschen“ (Thompson 1993, S. 203). In Rut 1,6 heißt es, dass JHWH Israel wieder „Brot gegeben“ habe - doch das Brot von Noomi und Rut stammt von Boas. In Rut 2,12 verwendet Boas die sog. „Lohnknecht-Metapher“ (zu dieser vgl. v.a. Novick 2011) und stellt so JHWH als Lohnherrn der Rut vor („JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israel“) - doch auch hier: Der Lohn für die Arbeit Ruts stammt von Boas (vgl. Frevel 1992, S. 79). Zu diesem Phänomen gehört wohl auch die Ambiguität von Rut 2,20, wo unsicher ist, ob der Relativsatz auf Boas oder JHWH zu beziehen ist (s. FN ax; vgl. Collins 1993, S. 100; Halton 2012, S. 37; Thompson 1993, S. 210), und ganz deutlich gehört auch Ruts Bitte in Rut 3,9 dazu, mit der sie Boas bittet, seinen „Mantelsaum“ über sie zu breiten: In Rut 2,12 verwendet Boas das selbe Wort, als er davon spricht, dass Rut unter JHWHs „Flügeln“ Schutz suchen wolle (vgl. z.B. Landy 1994, S. 297).
Ganz ähnliches ist auch hier der Fall: Noomi hat ihren Schwiegertöchtern in Rut 1,9 gewünscht, dass JHWH ihnen „Ruhe“ - d.h.: eine Heimstatt - geben möge. Doch nun ist es Noomi selbst, die Rut „Ruhe“ verschaffen will - auch Noomi wird hier mit JHWH parallelisiert.
Die Parallelisierungen in Rut 1,6 und Rut 2, in Rut 2,12 und Rut 2 und in Rut 2,20 und Rut 2 beziehen sich auf die - juristisch problematische (s. die Anmerkungen zu Rut 2) - Gewährung des Nachleserechts durch Boas; die Parallelisierung in Rut 1,9 und Rut 3,1 auf Noomis moralisch fragwürdigen Plan, Boas zum Ja-Wort zu verführen und die Parallelisierung in Rut 2,20 und Rut 3,9 auf Boas Heirat mit Rut (dazu s. die Anmerkungen zu Kapitel 4). Das heißt: gerade dort, wo im Rutbuch Recht gebeugt und gebrochen wird, werden diese Beugungen und Brüche durch die Parallelisierung mit JHWH wieder „theologisch gerechtfertigt“. Mehr noch: Boas wird in Rut 2,20 für sein Handeln in Rut 2 von Noomi gesegnet und sein Handeln durch das Schlüsselwort chesed („Güte“) charakterisiert, das in der Bibel - und auch im Rutbuch, s. Rut 1,8 - der Wesenszug JHWHs schlechthin ist (vgl. Gordis 1974, S. 241). Ebenso wird Rut in Rut 3,10 für ihr Handeln in Rut 1 (dazu s. die dortigen Anmerkungen) und in unserem Kapitel von Boas gesegnet und auch ihr Handeln wird durch das selbe Wort charakterisiert. Und schließlich wird auch die Heirat von Boas und Rut in Rut 4,11 durch ganz Jerusalem samt den Ältesten (ab)gesegnet. Das Rutbuch selbst bietet derart ein „biblisches Modell für die Missachtung des biblischen Rechts“ (Steinberg 2006, S. 474; vgl. ähnlich z.B. Lacocque 2004, S. 28-32; Nielsen 1997, S. 31f.): Nicht das streng vom biblischen Recht geleitete Handeln ist im Rutbuch „JHWH-mäßig“ und segenswert, sondern das von „Güte“ geleitete und daher bisweilen sogar das biblische Recht übersteigende Handeln.
| a | Soll ich nicht...? (V. 1) + Ist nicht...? (V. 2) + Siehe (V. 2) - Die beiden rhetorischen Fragen dienen hier - wie oft (vgl. bes. Moshavi 2011, S. 99f) - zur Begründung der in Vv. 3f folgenden Aufforderung; die Argumentationsstruktur von Vv. 1-4 ist also etwa diese: 1-2a: Hintergründe der Aufforderung in V. 3 - 2b: Information über einen für die folgende Auffordung relevanten Satzverhalts (wie üblich eingeleitet durch hinneh („siehe“)) - 3-4: Die Aufforderung selbst. Im Dt. würde man das eher etwa so formulieren: „Liebe Tochter, ich würde dir ja gerne eine Heimstatt verschaffen, und Boas - der, bei dessen Mägden du gearbeitet hast - ist ja unser Verwandter, nicht wahr? Dieser nun wird heute Nacht auf der Tenne worfeln; daher pass auf; du machst nun Folgendes:...“. Sehr gut daher ZÜR 1931: „Liebe Tochter, ich muss dir doch ein Heim suchen ... (ähnlich MEN). Nun ist ja Boas ... ein Verwandter von uns (ähnlich EÜ, TEX). Siehe...“. (Zurück zu v.1 / zu v.2) |
| b | Ruhe (eine Heistatt) - Heb. manoach, ein Synonym von menuchah in Rut 1,9 (s. dazu FN aa): Noomi will Rut ein Heim verschaffen; d.h. hier: sie will sie „unter die Haube bringen“. (Zurück zu v.1) |
| c | Und weiter - W.: „und nun“; doch wä`attah dient hier wohl nur zur „Markierung eines neuen Gedankens“ (Ges18, S. 1030); treffender ist daher obiger Übersetzungsvorschlag. (Zurück zu v.2) |
| d | Verwandter - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Sehr wahrscheinlich bedeutet es ungefähr das selbe wie das ähnliche Wort „Verwandter“ in Rut 2,1 (so fast alle Exegeten). Vom Wortbildungsmuster her scheint das Wort ein Abstraktbegriff zu sein, also eher „Verwandtschaft“; wörtlicher wäre daher vermutlich etwas wie „Gehört nicht Boas zu unserer Verwandtschaft?“ (so z.B. MEN). Da aber auch dies nicht sicher ist, folgen wir in der SF der Standardübersetzung „Verwandter“. (Zurück zu v.2) |
| e | er wird Gerste auf der Gerstentenne worfeln - W. „er wird die Gerstentenne worfeln“; die „Gerstentenne“ steht hier wohl metonymisch für die Gerste auf dieser Tenne (vgl. z.B. Gray 1967, S. 417; Zakovitch 1999, S. 135). Eine „Tenne“ ist der Ort, an dem Getreide gedroschen und geworfelt wird; „Worfeln“ bezeichnet den Arbeitsschritt der Trennung der Körnern von Spreu und Spelzen (vgl. näher Dreschen und worfeln (WiBiLex)). Vermutlich muss an eine Gemeinschaftstenne gedacht werden, die von mehreren Grundbesitzern gemeinsam verwendet wurde. Etwas merkwürdig ist allerdings das „Gersten-“ in „Gerstentenne“, da es wohl nicht verschiedene Tennen für verschiedene Getreidearten gab. (Zurück zu v.2) |
| f | [Daher] - Dass die Aufforderung in Vv. 3f aus Vv. 1f abgeleitet wird, wird im Heb. nur durch die Wortform (Weqatal) markiert. (Zurück zu v.3) |
| g | deine Kleider (dein Kleid) - In der Überlieferung des Textes finden sich beide Versionen: Ketiv und LXX haben Singular, Qere, Syr, VUL und Tg haben Plural. Da Rut am Ende des Kapitels eines ihrer Kleidungsstücke zum Transport der Gerste verwendet und sicher nicht nackt durch Jerusalem läuft, trägt sie sicherlich mehrere Kleidungsstücke; allein schon aus diesem Grund sollte besser mit Plural übersetzt werden. (Zurück zu v.3) |
| h | wasche dich, bade dich und wirf deine Kleider um dich - Es ist umstritten, ob diese Handlungen wie in Ez 16,8f symbolisch als Hochzeitsvorbereitungen gemeint sind (so z.B. Fischer 2001, S. 201; Zenger 1986, S. 66f) oder ob sie wie in Jdt 10,3 v.a. die Verführung eines Mannes erleichtern sollen (so z.B. Gunkel 1913, S. 75f; Wénin 1998, S. 188). V. 1 legt eher ersteres nahe, V. 4 eher letzteres und vermutlich kann man hier an beides denken, da der Weg zum Ja-Wort ja über die Verführung des Boas läuft (s. die Anmerkungen). Vielleicht kann man hier ohnehin nicht zwischen diesen beiden Optionen entscheiden, da nach Mischna Kidduschin 1,1 die Ehe schon durch den Geschlechtsakt als vollzogen galt - wenn dies schon zu biblischer Zeit der Fall war, wäre mit der erfolgreichen Verführung auch gleich die Ehe geschlossen. (Zurück zu v.3) |