Persönliche Fassung
Was nun folgt, schließt nahtlos an das zuvor Geschilderte an: Der Mensch ist nun zu Mann und Frau geworden, es gibt Tiere, und alle wohnen in einem Garten, in dessen Mitte ein verbotener Baum steht. Hieraus entfaltet sich der zweite Teil der Anthropogonie: Ein Tier verführt den Menschen, vom verbotenen Baum zu essen, woraufhin jener aus dem Gottesgarten verbannt wird. Es ist eine schlichte Erzählung, die auch viele simple Antworten auf einige große und mittelgroße Fragen gibt: Warum müssen Schlangen kriechen? Warum sind Schlangen und Menschen verfeindet? Warum bekommen Frauen Kinder und haben Wehen? Woher kam die Unterordnung der Frau unter den Mann im Alten Orient? Warum ist Ackerbau so mühsam? Warum zerfällt der Mensch nach seinem Tod zu Staub? Warum stirbt er überhaupt? All das wird im Folgenden auch erklärt.
Im Zentrum der Erzählung aber steht eine noch größere Frage, die gar nicht explizit gestellt, sondern nur geschildert wird: Gegen das Verbot Gottes greift der Mensch zur Frucht des „Baums der Erkenntnis von Gut und Böse“ und stellt sich damit an die Stelle seines Schöpfers: Er selbst will wissen, was „gut“ und „böse“ ist; diese Kompetenz soll künftig nicht mehr allein Gott vorbehalten sein wie noch in Gen 2,18. Die „Frucht der Frucht“ jedoch – das ist zunächst die lächerliche Erkenntnis, „nackt“ zu sein, „ungewandet“. „Was ist der Mensch?“, fragt derart die Erzählung. Und antwortet: „Ein vermessener und armseliger Nackedei. Aber eben auch ein Nackedei, der sich mit seinem Griff zur verbotenen Frucht dazu ermächtigt und verdammt hat, selbst entscheiden zu können und zu müssen, was Gut und Böse sei“.
Das Kapitel endet damit, dass Gott den kompetenten Nacktfrosch in die Welt entlässt. Was er mit dieser Kompetenz dann anfängt, schildern dann direkt die folgenden Erzählungen, beginnend mit Genesis 4.

25 Beide trugen kein Gewand:〈a〉
der Erdling nicht und seine Frau auch nicht.
Aber sie mussten sich nicht voreinander schämen.〈b〉
1 Die Schlange nun war gewandt,〈a〉
mehr als alle wilden Tiere,
die GOTT gemacht hatte.
Sie sprach zur Frau:〈c〉
„Obwohl Gott gesagt hat:
‚Esst nicht vom jedem Baum des Gartens‘...“
2 Da sagte die Frau zur Schlange:
„Wir dürfen von den Früchten der Bäume des Gartens essen.
3 Von der Frucht des Baums, der in der Mitte des Gartens steht,
von der hat Gott gesagt:
‚Esst nicht davon,
fasst sie nicht an,
weil ihr sonst ersterben würdet‘!“
4 Die Schlange antwortete:
„Ihr werdet nicht ‚durchaus ersterben‘.〈d〉
5 Gott weiß vielmehr:
Sobald ihr davon esst,
werden eure Augen geöffnet
und ihr werdet wie Gott sein:
um Gut und Böse erkennend.“
6 Da sah die Frau,
dass der Baum gut zu essen war
und dass er eine Lust für die Augen war:
Wie begehrenswert einzusehen!〈e〉
So nahm sie von seiner Frucht und aß.
Dann gab sich auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.
7 Da wurden die Augen der beiden geöffnet
und sie erkannten: Sie waren ungewandet!〈a〉
Da nähten sie Feigenblätter zusammen
und machten sich Gürtel.〈b〉
8 Dann hörten sie GOTT, als er in der Brise desselben Tages im Garten umherging.
Da versteckten sich der Erdling und seine Frau vor GOTT in der Mitte der Bäume des Gartens.〈f〉
9 GOTT rief nach dem Erdling:
„Wo bist du?“
10 Der sprach:
„Ich habe dich im Garten gehört.〈g〉
Da habe ich mich gefürchtet, weil ich ungewandet bin.
Da hab ich mich versteckt.“
11 Er antwortete:
„Wer hat dir erzählt,
dass du ungewandet bist?
Hast du etwa vom Baum, von dem ich dir geboten habe, nicht davon zu essen, gegessen?“
12 Der Erdling gab zurück:
„Die Frau, die du an meine Seite gegeben hast!
Sie hat mir vom Baum gegeben!
Da hab ich gegessen.“
13 Da sprach GOTT zur Frau:
„Was hast du nur getan!?“
Und die Frau antwortete:
„Die Schlange! Sie hat mich getäuscht!〈h〉
Da hab ich gegessen.“
14 Da sprach Gott zur Schlange:
„Weil du dies getan hast –
Verdammt bist du,
mehr als alles Vieh
und mehr als alle wilden Tiere!〈i〉
Auf deinem Bauch wirst du laufen
und Staub essen
alle Tage deines Lebens!
15 Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau
und zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen!
Diese werden deinen Kopf zerreißen
und du wirst ihre Ferse beißen!“〈j〉
16 Zur Frau sagte er:
„Vermehren, ja, vermehren will ich deine Mühsal, deine Empfängnis:〈k〉
Mit Mühe wirst du Kinder gebären!
Deinem Mann wirst du willens sein〈l〉
und er wird über dich herrschen!“
17 Und zu Erdling〈m〉 sagte er:
„Weil du auf deine Frau gehört hast
und vom Baum gegessen hast,
von dem ich dir geboten hatte:
‚Iss nicht davon!‘ –
Verdammt ist der Erdboden wegen dir!
In Mühsal wirst du ihn essen
alle Tage deines Lebens!〈n〉
18 Dornbusch und Distel wird er dir sprießen lassen,
wo du doch Nutzpflanzen essen musst!
19 Im Schweiße deines Angesichts wirst du essen
bis zu deiner Rückkehr zum Erdboden,
von dem du ja genommen worden bist.“
Ja: Staub bist du,
zum Staub wirst du zurückkehren!“〈o〉
20 Da nannte der Erdling seine Frau „Leben“,
denn sie war die Mutter alles Lebendigen.〈p〉
21 Und GOTT machte dem Erdling und seiner Frau Kleidung für die Haut〈q〉 und zog sie ihnen an.
22 Dann sprach GOTT:
„Siehe, der Erdling wurde wie einer von uns:
Gut und Böse erkennend.
Dass er sich jetzt nur nicht anschicke
und auch vom Baum des Lebens nehme
und esse und ewig lebe!“
23 Also schickte ihn GOTT aus dem Garten Lust,
damit er auf dem Erdboden diene,
von wo〈r〉 er genommen worden war:〈s〉
24 Er vertrieb den Erdling.
Dann postierte er östlich des Gartens Eden die Keruben
und den Feuerengel mit seinem lodernden Schwert,〈t〉
damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.
(Sebastian Walter unter Verwendung von Texten der Offenen Bibel)
| a | Wortspiel: Im Hebräischen gibt es die drei ähnlich klingenden Wörter ´arom („nackt“), ´arum („klug, schlau“) und ´erom („nackt“). In Gen 2,25 wird das erste verwendet – Adam und Eva sind „nackt“ – und in Gen 3,1 das zweite – die Schlange ist „schlau“ (um das Wortspiel noch deutlicher zu machen, ist das erste ´arom sogar mit der Aussprache ´arum an das gleich folgende ´arum angenähert worden. M.W. hat dieses wenig bekannte Klangspiel noch keinen Namen; ich nenne es im Folgenden „irreguläre Assonanz“. Bekannt war es aber schon ibn Ezra, der auch unsere Stelle so erklärt.) Ab V. 7 wird stattdessen das dritte Wort ´erom verwendet. Die erste Folge der Erkenntnis: Der Mensch ist nun „anders nackt“ als zuvor. (Zurück zu Lesefassung v.25 / zu Lesefassung v.1 / zu Lesefassung v.7) |
| b | Das ist hier aber fast sicher nicht gemeint. Nacktheit hat im Alten Orient weniger mit Sexualität zu tun als mit Status. Selbst in der Szene, als David nackt vor der Lade getanzt hat, beschwert sich daher seine Geliebte Michal: „Du hast dich vor den Augen der Skavinnen deiner Knechte (sc. vor den Niedrigsten der Niedrigen) enblößt, wie sich nur einer der Wertlosen entblößt!“ (2 Sam 6,20), und ähnlich heißt es in Offb 16,15: „Glückselig der, der wachsam ist und seine Kleider hütet, damit er nicht nackt umherläuft und man seine Schande sieht!“. Nacktheit ist nicht Freizügigkeit, sondern Wertlosigkeit und Schande, und deshalb muss man sich in der altorientalischen Kultur für sie schämen, wenn man Anderen begegnet. Dass diese Vorstellung hier im Hintergrund steht und nicht über Sexualität gesprochen wird, ist eigentlich auch offensichtlich: In Vv. 8-10 verstecken sich die Menschen ob ihrer Nacktheit ja auch vor Gott, was sicher nichts mit sexueller Spannung zu tun hat. – Nachdem sie „wie Gott sein“ wollten und nun wirklich über gottgleiche Erkenntnis verfügen, begreifen Adam und Eva jedoch: Sie stehen unter ihrem Schöpfer, und dies zumal, nachdem sie mit ihrem Vergehen sogar noch tiefer gesunken sind. Der Gegensatz zu Nacktheit ist nicht bekleidet-Sein im heutigen Sinn, sondern gegürtet-Sein – entweder, weil der Gürtel im Alten Orient das Minimum an Kleidung war oder weil der Gürtel ein Statussymbol war, der Tragende als Erwachsene auszeichnete. (Zurück zu Lesefassung v.25 / zu Lesefassung v.7) |
| c |
Dass Tiere in diesem Mythos sprechen können, darf nicht überraschen. |
| d | In Gen 2,17 hat Gott gesagt, nach dem Essen müsse man „durchaus sterben“, im Hebräischen formuliert wie ein Urteilsspruch. Hier in V. 3 spart die Frau das „durchaus“ aus, verwendet das Verb „sterben“ in leicht abgewandelter Form (hier: „ersterben“) und verwandelt außerdem Gottes Urteilsspruch in eine Begründung. Die Schlange kombiniert darauf Gottes „durchaus“ mit der Verbform der Frau zu ihrem „durchaus ersterben“: Sie lässt sich auf die Frau ein, signalisiert aber gleichzeitig hier, dass sie besser über Gottes Verbot Bescheid weiß als die Frau, und im nächsten Vers, dass sie sich auch grundsätzlich besser mit Gott und dem Baum auskennt als jene. (Zurück zu Lesefassung v.4) |
| e | Im Hebräischen statt „wie“ eigentlich: „der Baum [war]“. Aber V. 6 verdichtet ein Wortspiel: An sich sieht die Frau hier nur, was nach Gen 2,9 für alle anderen Bäume galt:
2,9: Gott ließ außerden sprießen aus dem Erdboden jeglichen Baum, 3,6: Da sah die Frau, |
| f | Wortspiel mit V. 3: Gott verbot den Genuss der Frucht vom „Baum in der Mitte des Gartens“, nun verstecken sie sich „in der Mitte der Bäume des Gartens“. (Zurück zu Lesefassung v.8) |
| g | Doppelsinnig. Wörtlich: „Ich habe deinen Klang / auf deine Stimme gehört“. Nimmt man den Satz in der zweiten Bedeutung, kann nach hebräischer Redeweise auch bedeuten: „Im Garten habe ich deinen Geboten Folge geleistet.“ Das ist nun leider gerade nicht der Fall (Sarna 2001). (Zurück zu Lesefassung v.10) |
| h | Klangspiel: „(Es antwortete) die Frau: Die Schlange! Sie hat mich getäuscht!“ nutzt aus, dass die hebräischen Worte für „Frau“ und „Schlange“ beide viele Hauch- und Zischlaute haben: ha`išša hanaḥaš hišši`ani! Natürlich: Nicht „Frau“ – „Schlange“! Und Absicht war es auch nicht: sie wurde reingelegt! (Zurück zu Lesefassung v.13) |
| i | Wortspiel mit V. 1: Die Schlange, die ´arum („gewandt“) ist, mehr als alle wilden Tiere, ist nun `arur („verdammt“), mehr als alles Vieh und alle wilden Tiere. (Zurück zu Lesefassung v.14) |
| j | zerreißen + beißen - vielleicht ein Wortspiel. Hier scheint zwei Mal ein hebräisches Wort šūp verwendet worden zu sein. Dieses ist relativ sicher nur noch in Ijob 9,17 belegt und scheint dort „zerschmettern“ zu bedeuten. Das passt zur ersten Zeile („sie werden deinen Kopf zerschmettern“), aber wenig zur zweiten (*„du wirst ihre Ferse zerschmettern“). Verben wie šūp sind häufig Nebenformen von Verben wie ša`ap, und dieses Verb ist häufig mit der Bedeutung „schnappen, lechzen“ belegt. Das passt zur zweiten Zeile („du wirst ihm nach der Ferse schnappen/lechzen“) und einigermaßen zur ersten („sie werden nach deinem Kopf lechzen“); besser passte dort aber wie gesagt šūp = „zerschmettern“. Insgesamt wird hier also entweder zwei Mal das Verb ša`ap in seiner Nebenform šūp verwendet oder nur einmal und das erste Wort ist stattdessen ein anderes šūp mit der Bed. „zerschmettern“, so dass man insgesamt auflösen könnte: (1) „sie werden deinen Kopf zerschmettern und du wirst ihnen nach der Ferse schnappen“; (2) „sie werden deinen Kopf zerschmettern und du wirst ihnen nach der Ferse schnappen“ oder (3) „sie werden nach deinem Kopf lechzen und du wirst ihnen nach der Ferse lechzen“. Wichtig ist aber, dass in jedem Fall das Wort aussieht wie šūp, s. zu V. 16. (Zurück zu Lesefassung v.15) |
| k | deine Mühen, deine Empfängnis - Hendiadyoin: „deine Mühsal der Empfängnis“, zum Sinn s. gleich. Feministische Auslegerinnen nehmen stattdessen d.Ö. das erste Wort für sich, so dass der Beginn von einer der „Mühsal“ des Mannes parallelen „Mühsal“ sprechen würde, also z.B. von Hausarbeit, Care-Arbeit und weiblicher Feldarbeit. Das ist unwahrscheinlich: Hiervon wird ja sonst nichts mehr gesprochen, und der Grund für das Hendyadioin ist offensichtlich: Man beachte, wie hier bei der Rede vom „Vermehren“ gerade dieses Wort und dasjenige, was vermehrt werden soll, durch Verdoppelung und Hendyadioin vermehrt wurde. Das wird durch ein Klangspiel sogar noch verstärkt: Im Hebräischen lautet dies „vermehren, ja vermehren“ genauer harbah `arbeh, das erste Wort beginnt damit ebenso wie haronek („deine Empfängnis“). Das Hendiadyoin „deine Mühsal, deine Empfängnis“ wird dann sogar noch mal vermehrt, indem es in der nächsten Zeile fortgeführt wird durch das sehr ähnliche „Mit Mühe wirst du Kinder gebären“. „Empfängnis“ + „gebären“ sind dabei natürlich als Merismus metonymisch für die ganze Schwangerschaft von Anfang bis Ende zu nehmen. Im hebräischen Wort für „Mühe“, ´iṣṣabon, stecken die Konsonanten des Wortes für „Baum“, ´eṣ; die Strafe „passt“ also zu Evas vergehen. Liest man das Kapitel mit Gen 1 zusammen, wird hier der Vermehrungsauftrag aus Gen 1,26 in einen Fluch verkehrt. (Zurück zu Lesefassung v.16) |
| l | W. „nach deinem Mann wird/soll dein Verlangen [gehen]“, wie sie ähnlich zuvor den verbotenen Baum „begehrenswert“ fand. Auch dieser Part des Fluchs passt also zu ihrem Vergehen. Die letzten Zeilen von V. 16 sind natürlich nicht als Auftrag zu lesen, sondern als Beschreibung der verfluchten Geschlechter- und Familiendynamik, die im Alten Orient ja wirklich der Regelfall war. (Zurück zu Lesefassung v.16) |
| m | Im Hebräischen ohne Artikel, hier also nicht Klassennomen „der Erdling“, sondern schleichend entwickelt sich dieses Nomen zum Eigennamen: V. 20 wird das Wort noch einmal mit Artikel verwendet, V. 21 wieder ohne, den Rest des Kapitels wieder mit, und ab dann ist „Erdling“ konsequent der Eigenname „Adam“, den ich daher ab dem 4. Kapitel auch in der Übersetzung verwenden werde. (Zurück zu Lesefassung v.17) |
| n | Klare Anspielung auf V. 14: Die Schlange wird „Staub essen alle Tage ihres Lebens“, der Mensch dagegen „Erdboden essen alle Tage seines Lebens“. Beim Mann ist dies natürlich Ausdruck dafür, dass er die Erträge des Erdbodens essen wird (s. V. 18). Entsprechend erübrigt es sich auch, darüber nachzudenken, ob man im Alten Israel wohl geglaubt habe, dass Schlangen Staub fressen. (Zurück zu Lesefassung v.17) |
| o | Der Fluchspruch über den Mann zerfällt durch seine Strukturierung in drei Teile: (a) Weil du auf deine Frau gehört hast (b) und von dem Baum gegessen hast, (a') von dem ich dir geboten habe: (b') Iss nicht davon: –
Auch (f)-(f') ist keine Begründung, wie man dies aus deutschen Übersetzungen gewohnt ist („Denn Staub bist du...“), sondern das Wort ki („ja, denn“) leitet hier einen eigenen zweizeiligen Spruch ein (Ego 2015, S. 8), wie das bei den beiden vorangehenden Flüchen ja auch der Fall war. Diese drei Zweizeiler gehören klar zusammen: In allen wird eine Zweier-Paarung erkennbar, in allen wird ein ähnlich klingendes Wort für den zentrale Ausdruck verwendet: (1) V. 15: Kinder der Frau vs. Schlange, die Kinder werden nach der Schlange und die Schlange nach den Kindern tešup („lechzen“). (2) V. 16: Frau vs. Mann; der Mann wird über die Frau herrschen, während nach ihm ihre tešuqah gehen (= sie ihm willens sein) wird. (3) V. 19: Mann vs. Staub. Er ist Staub und wird zu ihm tašub („zurückkehren“). (Zurück zu Lesefassung v.19) |
| p | Komplexes Wortspiel: Das gewohnte „Eva“ ist im Hebräischen Ḥawwah. Die Erklärung in 20b deutet dies als Nebenform von ḥajjah („Leben“); „Eva“ bedeutete also „Leben, Lebewesen“. Daneben gibt es ein Nomen hawwah („Abgrund, Verderben“), ein Verb ḥiwwah („berichten, wissen lassen“, z.B. Ijob 32,17), und im Aramäischen scheint ḥiwwah eine Aussprache des üblichen Wortes ḥiwja` für „Schlange“ gewesen zu sein (Sefire 1.A.31; gut Sarna 2001. Zu diesen und weiteren Namensdeutungen vgl. näher z.B. Napora 2022). Dass hebräische Hörer:innen den Bezug zu ḥajjah hören sollten, ist klar; was sie daneben noch mitgehört hätten, lässt sich unmöglich sagen. Clemens von Alexandrien z.B. berichtet in seinem Protreptikos vom Zusammenhang mit „Schlange“ (2,12.); Ähnliches findet sich wenig später im Midrasch BerR 20,11 – es gab also Hebräisch-Sprechende, die selbst diesen vierten Bezug mithörten. Die Bezeichnung „Mutter alles Lebendigen“ passte eher zu einer Göttin wie Gaia als zu Eva, die „nur“ Urmutter aller Menschen ist. Entsprechend ist dies in Sir 40,1 auch wirklich eine Bezeichnung für die Erde. Mindestens heißt das, dass durch diesen Ausdruck Eva mit Adamah parallelisiert wird: Was Adamah als „Mutter“ Adams für diesen war, wird Eva nun für alle anderen Menschen sein; Adam wurde von der Erde genommen, Eva wurde von Adam genommen, doch von nun an werden alle Menschen von Eva genommen werden. Der Mensch entstand in Gen 2,7 so, dass Gott dem Staub vom Erdboden Hauch des Lebens einhauchte. Nun, am Ende der Erzählung, stehen nebeneinander Erdling und Leben, die beiden Urmenschen – gerade so, als hätte sich der Mensch, nachdem Gott der Erde Leben einhauchte, nun wieder ausdifferenziert. Man beachte, dass der Mann seine Frau gerade dann „Leben“ tauft, nachdem er (!) zum Tod verdammt wurde. In Sir 25,24 wird unsere Erzählung später so ausgedeutet werden: „Die Sünde nahm ihren Anfang bei einer Frau, und ihretwegen müssen wir alle sterben.“. Sirach eröffnet damit einen langen Reigen frauenfeindlicher Auslegungen unseres Kapitels. Es ist an sich nicht falsch, was Sirach hier schreibt; unsere Erzählung lässt sich schon so lesen, wenn man die Lektüre mit Vers 19 abbricht. Aber unser Vers 20 sagt gerade das Gegenteil von dem, was Sirach aus der Erzählung macht: Der Mann wird zum Tod verurteilt, die Frau dagegen bedeutet „Leben“. Entgegen der Darstellung im Sirachbuch ist denn auch im Talmud überliefert, dass Adam spricht: „Weh mir, wegen meiner Sünde (!) wird die Welt in Finsternis gehüllt!“ (b.AZ 8a). (Zurück zu Lesefassung v.20) |
| q | Wörtlich: „Haut-Kleider“. Traditionell wird das übersetzt mit „Kleidung aus Fell“; man pflegte dann schon mit diesem Vers Gewalt gegen Tiere zu rechtfertigen, da ja dann offensichtlich Gott höchstselbst den Menschen Kleidung aus Tier-Fell angefertigt hätte. Da „Haut/Fell“ in der hebräischen Wortfügung „Haut-Kleider“ aber nicht nur das Material, sondern auch das Begünstigte bezeichnen kann (wie 1 Sam 2,17: „JHWH-Opfergaben“ = „Opfergaben für JHWH“) und weil hier von einer Tier-Tötung nichts erzählt wird, liegt diese Annahme recht fern; besser übersetzen daher z.B. Crüsemann 2009, S. 3 und Ebach 2009, S. 10 wie oben und auf eine Weise, wie schon der Midrasch BerR 20,12 und der Talmud b.Sot 14a gedeutet haben. Die erste gottgefällige Tier-Tötung wird zwar gleich in Gen 4,3 geschehen und dort Gott gewidmet sein – der Mensch aber ist nach der Logik der Urgeschichte immer noch Vegetarier (s. Gen 1,29). Im Alten Israel gab es eine ßaq genannte Trauerkleidung, die wahrscheinlich wie der Gürtel in V. 7 nur die Lenden bedeckte: Vom Anziehen eines ßaqs sprach man so, dass man ihn „sich umgürtete“ oder ihn „sich um die Hüften legte“. Es gab außerdem eine Redewendung dafür, dass Gott sich eines Menschen erbarmte und ihm eine Wohltat erwies: „du hast mir den saq ausgezogen und mich stattdessen mit einem Freudengewand bekleidet“ o.Ä. (s. Ps 30,12; Jes 61,3.10; Sach 3,4f.; vgl. auch Jes 52,1; Lk 15,21f.). Exakt ein solcher Bekleidungsakt geschähe hier das erste Mal – kurioserweise gerade zu einer der dunkelsten Stunden der biblischen Menschheitsgeschichte. Es passt aber zum Folgenden: Was V. 23 schildert, ist keine weitere Strafe, siehe dort. Offenbar hat Gott den beiden schon hier wieder vergeben. (Zurück zu Lesefassung v.21) |
| r | Nicht: „von dem“. Der Mensch wird zurückgesandt zu seinem „Geburtsort“. (Zurück zu Lesefassung v.23) |
| s | Ein klarer Rückbezug auf Gen 2,5: Erst jetzt wird dem Menschen die Aufgabe übertragen, für die er von Anfang an bestimmt war. Mit „schicken“ und „nehmen“ werden außerdem die selben Wörter verwendet wie in V. 22 („anschicken“ und „nehmen“); Gottes Handeln in V. 23 ist konkret also v.a. Reaktion auf seine dort geäußerte Befürchtung. (Zurück zu Lesefassung v.23) |
| t |
Besser orientiert man sich daher an frühjüdischen Schriften, nach denen Engel aus Feuer bestehen. Kaduri 2015 hat davon besonders viele Stellen zusammengetragen. Ein Beispiel, das von der Schöpfung der Engel am zweiten Schöpfungstag spricht: „Aus dem Felsen schnitt ich[, Gott,] ein großes Feuer, und aus dem Feuer schuf ich die Heere der körperlosen Armeen – zehn Myriaden Engel –, und ihre Waffen sind feurig und ihre Kleidung sind brennende Flammen.“ (2 Hen 29,3). Dann könnte man die „Flamme des Schwerts“ für einen solchen bewehrten Feuerengel halten, der dann neben den Keruben das Paradies bewacht. Das legt ja auch die Syntax nahe: „die Keruben und die Flamme“. Ähnlich deuten z.B. auch Hendel 1985 und Clifford 2016, S. 280; Hendel weist außerdem noch klug auf die orientalischen Götter Rešep und Išum hin, deren Namen übersetzt „Flamme“ und „Feuer“ lauten. (Zurück zu Lesefassung v.24) |




