Rut 2: Unterschied zwischen den Versionen

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{{S|1}} Noomi hatte einen Verwandten (Bekannten)<ref>'''Textkritik''': ''Verwandten (Bekannten)'' - beide Varianten finden sich in der Überlieferung des heb. Textes; u.a. haben Ketiv und LXX „Bekannter“ und Qere und VUL „Verwandter“. Die Bedeutung ist also entweder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann ''verwandt''“ oder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann ''bekannt''“. Fast alle - und deshalb auch wir - folgen der Variante „Verwandter“, aber man sollte doch fragen, was denn dann der Mehrwert des folgenden „er war aus der Sippe Elimelechs“ wäre. Auch lässt sich gerade wegen dieses Nachsatzes ein sekundäres Entstehen der Variante „Verwandter“ sehr viel besser erklären als der Variante „Bekannter“, und schließlich würde „Bekannter“ auch strukturell gut Sinn machen, da Boas im Verlauf des Kapitels verwandtschaftlich immer näher an Rut und Noomi heranzurücken scheint (1a: Bekannter => 1b: aus der Sippe Elimelechs => 20a: Verwandter => 20b: Goel (d.h. maximal um eine Ecke verwandt)), bis er in [[Rut 4#s3 |Rut 4,3]] dann sogar als „unser Bruder“ bezeichnet wird und ihm Goel- und Schwagerehenpflichten und -rechte zugesprochen werden (s. dort), was dann der Knackpunkt des ganzen Kapitels sein wird.</ref> ihres Mannes; einen mächtigen, fähigen Mann<ref>''mächtiger, fähiger Mann'' - W. ''isch'' („Mann“) ''gibbor'' („heldenhaft, stark, mächtig“) ''chajil'' („stark/fähig/wohlhabend“). Häufiger stehender Ausdruck, der fast stets für „mächtige Krieger“ steht. Weil das an unserer Stelle nicht gut in den Kontext passt, geht man meist entweder nicht von diesem stehenden Ausdruck aus, sondern von seinen einzelnen Bestandteilen, ignoriert dann auch noch häufig das ''gibbor'' und macht Boas so zu einem „(sehr) wohlhabenden/angesehenen(? - vielleicht eine Umdeutung von „heldenhaft“?) Mann“ (so z.B. ELB, FREE, H-R, LUT, MEN, NeÜ, SLT, TAF, van Ess, ZÜR), oder man leitet aus [[1Samuel 9#s1 |1 Sam 9,1]] und [[2Könige 15#s20 |2 Kön 15,20]] ab, dass die Wendung ''isch gibbor chajil'' auch für reiche Grundbesitzer stehen könne (so viele Kommentare, auch EÜ) - dabei ist an keiner der beiden Stellen von Grundbesitz die Rede, und auch wenn es sich dort auf Grundbesitzer beziehen würde, darf man daraus ja nicht ableiten, dass die Wendung deshalb auch „vermögender Grundbesitzer“ ''bedeutet''.<br />
{{S|1}} Noomi hatte einen Verwandten (Bekannten)<ref>'''Textkritik''': ''Verwandten (Bekannten)'' - beide Varianten finden sich in der Überlieferung des heb. Textes; u.a. haben Ketiv und LXX „Bekannter“ und Qere und VUL „Verwandter“. Die Bedeutung ist also entweder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann ''verwandt''“ oder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann ''bekannt''“. Fast alle - und deshalb auch wir - folgen der Variante „Verwandter“, aber man sollte doch fragen, was denn dann der Mehrwert des folgenden „er war aus der Sippe Elimelechs“ wäre. Auch lässt sich gerade wegen dieses Nachsatzes ein sekundäres Entstehen der Variante „Verwandter“ sehr viel besser erklären als der Variante „Bekannter“, und schließlich würde „Bekannter“ auch strukturell gut Sinn machen, da Boas im Verlauf des Kapitels verwandtschaftlich immer näher an Rut und Noomi heranzurücken scheint (1a: Bekannter => 1b: aus der Sippe Elimelechs => 20a: Verwandter => 20b: Goel (d.h. maximal um eine Ecke verwandt)), bis er in [[Rut 4#s3 |Rut 4,3]] dann sogar als „unser Bruder“ bezeichnet wird und ihm Goel- und Schwagerehenpflichten und -rechte zugesprochen werden (s. dort), was dann der Knackpunkt des ganzen Kapitels sein wird.</ref> ihres Mannes; einen mächtigen, fähigen Mann<ref>''mächtiger, fähiger Mann'' - W. ''isch'' („Mann“) ''gibbor'' („heldenhaft, stark, mächtig“) ''chajil'' („stark/fähig/wohlhabend“). Häufiger stehender Ausdruck, der fast stets für „mächtige Krieger“ steht. Weil das an unserer Stelle nicht gut in den Kontext passt, geht man meist entweder nicht von diesem stehenden Ausdruck aus, sondern von seinen einzelnen Bestandteilen, ignoriert dann auch noch häufig das ''gibbor'' und macht Boas so zu einem „(sehr) wohlhabenden/angesehenen(? - vielleicht eine Umdeutung von „heldenhaft“?) Mann“ (so z.B. ELB, FREE, H-R, LUT, MEN, NeÜ, SLT, TAF, van Ess, ZÜR), oder man leitet aus [[1 Samuel 9#s1 |1 Sam 9,1]] und [[2 Könige 15#s20 |2 Kön 15,20]] ab, dass die Wendung ''isch gibbor chajil'' auch für reiche Grundbesitzer stehen könne (so viele Kommentare, auch EÜ) - dabei ist an keiner der beiden Stellen von Grundbesitz die Rede, und auch wenn es sich dort auf Grundbesitzer beziehen würde, darf man daraus ja nicht ableiten, dass die Wendung deshalb auch „vermögender Grundbesitzer“ ''bedeutet''.<br />
Beide Lösungen sind also recht problematisch; vielleicht besser so: Ein ''isch gibbor chajil'' zu sein ist im Alten Israel ein stereotyper Bestandteil eines männlichen Tugendkatalogs: König David ist ein solcher, außerdem ist er schön und zudem redegewandt und musikalisch (s. [[1Samuel 16#s18 |1 Sam 16,18]]). Ähnlich auch Jerobeam, der außerdem ein guter Handwerker ist ([[1Könige 11#s28 |1 Kön 11,28]]) und Naaman, der außerdem von seinem Herrn geschätzt und voll der Ehre ist (s. [[2Könige 5#s1 |2 Kön 5,1]]); und wohl aus diesem Grund wird auch von Saul, diesem jungen, schönen und übergroßen Mann (1 Sam 9,2) angegeben, schon sein Vater sei ein ''isch gibbor chajil'' gewesen ([[1Samuel 9#s1 |1 Sam 9,1]]). In [[Jesaja 5#s22 |Jes 5,22]] wird die Fügung sogar metaphorisch-sarkastisch für Trunkenbolde verwendet werden („''heldenhafte Weintrinker und mächtige Alkoholmischer''“). Vielleicht heißt es an unserer Stelle also nur: „Boas ist ein mächtig starker Typ“, und ein „mächtig starker Typ“ ist nach der verbreiteten Ansicht (/dem literarischen Stereotyp?) zu biblischer Zeit stets ein „mächtiger Krieger“.<br />Sehr wichtig ist in unserem Kontext aber außerdem, dass Boas in [[Rut 3#s11 |Rut 3,11]] ''Rut'' als eine ''eschet chajil'' bezeichnet und sie so mit sich auf eine Stufe stellt; es ist daher sehr zu empfehlen, das Wort an beiden Stellen gleich zu übersetzen. Beides zusammennehmend scheint mir hier „mächtiger, fähiger Mann“ die sinnvollste Übersetzung zu sein.</ref> aus der Sippe Elimelechs<ref>''aus der Sippe Elimelechs'' - „Sippe“ = soziale Größe. Die Keimzelle der altisraelitischen Gesellschaft ist die „Familie“ (wörtl.: das „Haus“). Eine Stufe darüber steht die „Sippe“ - die „Großfamilie“ -, von denen es im Alten Israel etwa 60 Stück gab und von denen jede zu bevölkerungsreichen Zeiten wohl durchschnittlich etwa 10.000 Mitglieder hatte (vgl. Andersen 1969, S. 35). Noch eine Stufe darüber stehen die „zwölf Stämme“ (vgl. näher [http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/verwandtschaft-at-3/ch/2bcff87aae2452ebe57713600cd2d476/#h5 Verwandschaft (AT) (Wibilex)]). Dass Boas aus der „Sippe“ Elimelechs stammt, heißt also, dass sie ''irgendwie'' verwandt sind; über den Grad der Verwandtschaft sagt es erst mal nichts.<br />Erwähnenswert ist noch, dass Boas in diesem ersten Vers zweimal über Elimelech ausschließlich der Noomi zugeordnet wird; am Ende des Kapitels (V. 20) dagegen wiederum doppelt ohne die Zwischenschaltung Elimelechs sowohl Noomi als auch Rut - was gut zum in [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_a FN a] erwähnten verwandschaftlich-näher-Heranrücken des Boas an die beiden Frauen passt.</ref>. Sein Name war: Boas (in ihm ist Kraft, der Scharfsinnige)<ref>''Boas (der Kraftvolle, der Scharfsinnige)'' - ein weiterer Name mit umstrittener Bedeutung. Die meisten deuten als ''bo az/oz'' („in ihm [ist] Kraft“), was sehr gut zu seiner Charakterisierung als ''isch gibbor chajil'' passt (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_b FN b]); vorgeschlagen wurde aber auch eine Ableitung vom arabischen ''barzun'' („Geistesstärke“), so z.B. Noth 1928, S. 228. Interessant in unserem Kontext ist vielleicht noch, dass vergleichbare Namen in Moab sehr verbreitet waren (vgl. z.B. die Namensliste in Snyder 2010, S. 669).</ref>.  
Beide Lösungen sind also recht problematisch; vielleicht besser so: Ein ''isch gibbor chajil'' zu sein ist im Alten Israel ein stereotyper Bestandteil eines männlichen Tugendkatalogs: König David ist ein solcher, außerdem ist er schön und zudem redegewandt und musikalisch (s. [[1 Samuel 16#s18 |1 Sam 16,18]]). Ähnlich auch Jerobeam, der außerdem ein guter Handwerker ist ([[1 Könige 11#s28 |1 Kön 11,28]]) und Naaman, der außerdem von seinem Herrn geschätzt und voll der Ehre ist (s. [[2 Könige 5#s1 |2 Kön 5,1]]); und wohl aus diesem Grund wird auch von Saul, diesem jungen, schönen und übergroßen Mann (1 Sam 9,2) angegeben, schon sein Vater sei ein ''isch gibbor chajil'' gewesen ([[1 Samuel 9#s1 |1 Sam 9,1]]). In [[Jesaja 5#s22 |Jes 5,22]] wird die Fügung sogar metaphorisch-sarkastisch für Trunkenbolde verwendet werden („''heldenhafte Weintrinker und mächtige Alkoholmischer''“). Vielleicht heißt es an unserer Stelle also nur: „Boas ist ein mächtig starker Typ“, und ein „mächtig starker Typ“ ist nach der verbreiteten Ansicht (/dem literarischen Stereotyp?) zu biblischer Zeit stets ein „mächtiger Krieger“.<br />Sehr wichtig ist in unserem Kontext aber außerdem, dass Boas in [[Rut 3#s11 |Rut 3,11]] ''Rut'' als eine ''eschet chajil'' bezeichnet und sie so mit sich auf eine Stufe stellt; es ist daher sehr zu empfehlen, das Wort an beiden Stellen gleich zu übersetzen. Beides zusammennehmend scheint mir hier „mächtiger, fähiger Mann“ die sinnvollste Übersetzung zu sein.</ref> aus der Sippe Elimelechs<ref>''aus der Sippe Elimelechs'' - „Sippe“ = soziale Größe. Die Keimzelle der altisraelitischen Gesellschaft ist die „Familie“ (wörtl.: das „Haus“). Eine Stufe darüber steht die „Sippe“ - die „Großfamilie“ -, von denen es im Alten Israel etwa 60 Stück gab und von denen jede zu bevölkerungsreichen Zeiten wohl durchschnittlich etwa 10.000 Mitglieder hatte (vgl. Andersen 1969, S. 35). Noch eine Stufe darüber stehen die „zwölf Stämme“ (vgl. näher [http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/verwandtschaft-at-3/ch/2bcff87aae2452ebe57713600cd2d476/#h5 Verwandschaft (AT) (Wibilex)]). Dass Boas aus der „Sippe“ Elimelechs stammt, heißt also, dass sie ''irgendwie'' verwandt sind; über den Grad der Verwandtschaft sagt es erst mal nichts.<br />Erwähnenswert ist noch, dass Boas in diesem ersten Vers zweimal über Elimelech ausschließlich der Noomi zugeordnet wird; am Ende des Kapitels (V. 20) dagegen wiederum doppelt ohne die Zwischenschaltung Elimelechs sowohl Noomi als auch Rut - was gut zum in [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_a FN a] erwähnten verwandschaftlich-näher-Heranrücken des Boas an die beiden Frauen passt.</ref>. Sein Name war: Boas (in ihm ist Kraft, der Scharfsinnige)<ref>''Boas (der Kraftvolle, der Scharfsinnige)'' - ein weiterer Name mit umstrittener Bedeutung. Die meisten deuten als ''bo az/oz'' („in ihm [ist] Kraft“), was sehr gut zu seiner Charakterisierung als ''isch gibbor chajil'' passt (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_b FN b]); vorgeschlagen wurde aber auch eine Ableitung vom arabischen ''barzun'' („Geistesstärke“), so z.B. Noth 1928, S. 228. Interessant in unserem Kontext ist vielleicht noch, dass vergleichbare Namen in Moab sehr verbreitet waren (vgl. z.B. die Namensliste in Snyder 2010, S. 669).</ref>.  
{{S|2}} Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi: „Ich würde [gerne] aufs Feld<ref name="Feld">''Feld'' (V. 2), ''Feldstück'' (V. 3) - „Feld“: Das gesamte Ackerland um Betlehem herum, im Unterschied zum „Feldstück“, das nur den Anteil des Boas an diesem gesamten Ackerland bezeichnet (vgl. z.B. Köhlmoos 2010, S. 31).</ref> gehen<ref name="würde">''Ich würde [gerne] gehen'' (V. 2) + ''Ich würde [gerne] lesen'' (V. 7) - W. „Ich will gehen/lesen-''na´''“ / „Lass mich gehen/lesen-''na´''“. ''na´'' ist ein sog. „Höflichkeitsmarker“ (vgl. bes. Wilt 1996; z.St. auch Holmstedt 2010, S. 106); die vorgeschlagene Übersetzung trifft den Tonfall von Ruts Äußerung daher wesentlich besser.</ref> und an den Ähren mitlesen<ref>'''tFN''': ''an den Ähren mitlesen'': Nicht „in den Ähren lesen“; die Präposition ''b-'' hat hier die Funktion eines „Beth comitatus“: an den Ähren ''mit''-lesen (so z.B. Gerleman 1965, S. 23; Joüon 1913, S. 200; Zenger 1986, S. 55). Zum Ährenlesen s. näher die Anmerkungen.</ref> hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde<ref>''hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde'' - häufige geprägte Wendung im Heb., die noch zwei weitere Male in diesem Kapitel kommen wird und jedes Mal anders zu übersetzen ist (s.u.). Hier drückt es aus, dass Rut für ihr Nachlesen des Wohlgefallens eines Mannes bedarf (s. die Anmerkungen). Sehr gut daher EÜ: „Ähren lesen, wo es mir jemand erlaubt“; ähnlich de Waard/Nida 1992, S. 22; H-R, HER05, HfA, MEN, NeÜ, NL, OEB. Noch treffender GN: „Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.“, PAT: „bei jemand, der es mir freundlich erlaubt“</ref>.“ Sie sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter!“<ref>''Geh, meine Tochter!'' muss frei übersetzt werden. Das Hebräische hat kein Wort für „Ja“; Zustimmung wird daher ausgedrückt, indem eine vorige Äußerung teilweise wieder aufgegriffen wird (hier also: „Ich würde gerne ''gehen''“ - „''Geh''!“; vgl. bes. Greenstein 1989, S. 53). Noomis Antwort klingt daher wörtlich übersetzt wesentlich knapper und harrscher, als sie eigentlich ist (vgl. z.B. etwas unglücklich EÜ: „Geh, Tochter!“). Besser de Waard/Nida 1992, S. 22; T4T: „Go ahead!“ (=„Mach das“); GN, NeÜ, MEN, NL: „Geh nur, meine Tochter“. Am besten HfA: „‚Ja‘, antwortete Noomi, ‚geh nur!‘“</ref>
{{S|2}} Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi: „Ich würde [gerne] aufs Feld<ref name="Feld">''Feld'' (V. 2), ''Feldstück'' (V. 3) - „Feld“: Das gesamte Ackerland um Betlehem herum, im Unterschied zum „Feldstück“, das nur den Anteil des Boas an diesem gesamten Ackerland bezeichnet (vgl. z.B. Köhlmoos 2010, S. 31).</ref> gehen<ref name="würde">''Ich würde [gerne] gehen'' (V. 2) + ''Ich würde [gerne] lesen'' (V. 7) - W. „Ich will gehen/lesen-''na´''“ / „Lass mich gehen/lesen-''na´''“. ''na´'' ist ein sog. „Höflichkeitsmarker“ (vgl. bes. Wilt 1996; z.St. auch Holmstedt 2010, S. 106); die vorgeschlagene Übersetzung trifft den Tonfall von Ruts Äußerung daher wesentlich besser.</ref> und an den Ähren mitlesen<ref>'''tFN''': ''an den Ähren mitlesen'': Nicht „in den Ähren lesen“; die Präposition ''b-'' hat hier die Funktion eines „Beth comitatus“: an den Ähren ''mit''-lesen (so z.B. Gerleman 1965, S. 23; Joüon 1913, S. 200; Zenger 1986, S. 55). Zum Ährenlesen s. näher die Anmerkungen.</ref> hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde<ref>''hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen finde'' - häufige geprägte Wendung im Heb., die noch zwei weitere Male in diesem Kapitel kommen wird und jedes Mal anders zu übersetzen ist (s.u.). Hier drückt es aus, dass Rut für ihr Nachlesen des Wohlgefallens eines Mannes bedarf (s. die Anmerkungen). Sehr gut daher EÜ: „Ähren lesen, wo es mir jemand erlaubt“; ähnlich de Waard/Nida 1992, S. 22; H-R, HER05, HfA, MEN, NeÜ, NL, OEB. Noch treffender GN: „Ich finde schon jemand, der freundlich zu mir ist und es mir erlaubt.“, PAT: „bei jemand, der es mir freundlich erlaubt“</ref>.“ Sie sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter!“<ref>''Geh, meine Tochter!'' muss frei übersetzt werden. Das Hebräische hat kein Wort für „Ja“; Zustimmung wird daher ausgedrückt, indem eine vorige Äußerung teilweise wieder aufgegriffen wird (hier also: „Ich würde gerne ''gehen''“ - „''Geh''!“; vgl. bes. Greenstein 1989, S. 53). Noomis Antwort klingt daher wörtlich übersetzt wesentlich knapper und harrscher, als sie eigentlich ist (vgl. z.B. etwas unglücklich EÜ: „Geh, Tochter!“). Besser de Waard/Nida 1992, S. 22; T4T: „Go ahead!“ (=„Mach das“); GN, NeÜ, MEN, NL: „Geh nur, meine Tochter“. Am besten HfA: „‚Ja‘, antwortete Noomi, ‚geh nur!‘“</ref>
{{S|3}} [Also] ging und kam<ref>''ging und kam'' - Zu „ging und kam und...“ s. bes. noch [[2Samuel 11#s22 |2 Sam 11,22]]: „''Der Bote ging und kam und sagte David alles''“. Es gibt noch viele ähnliche Stellen in der Bibel: Wenn im Hebräischen von einer Reise berichtet wird, kann der „Reisebericht“ häufig in die beiden „Reise-Episoden“ „(Fort)gehen“ und „Ankommen“ aufgesplittet werden. Oft dient diese Stileigentümlichkeit des Heb. zusätzlich dazu, einen Aspekt der Reise näher zu spezifizieren; z.B. die Reisegruppenkonstellation ([[Richter 13#s11 |Ri 13,11]]; [[1Samuel 28#s8 |1 Sam 28,8]]; [[1Samuel 30#s9 |30,9]]), den Reiseanlass ([[1Samuel 17#s20 |1 Sam 17,20]]; [[1Könige 19#s3 |1 Kön 19,3]]), den Reisemodus ([[1Samuel 19#s18 |1 Sam 19,18]]; [[2Samuel 17#s18 |2 Sam 17,18]]; [[1Könige 20#s43 |1 Kön 20,43]]) oder nähere Angaben zu Ort ([[1Samuel 19#s22 |1 Sam 19,22]]; [[1Könige 17#s10 |1 Kön 17,10]]) und Zeit ([[2Samuel 4#s5 |2 Sam 4,5]]). Aber ebenso häufig - und wichtiger für unsere Stelle - ist, dass diese Stileigentümlichkeit ohne eine derartige Spezifizierung dann angewandt wird, wenn ausgedrückt werden soll, dass die Reise etwas länger dauert ([[Numeri 13#s26 |Num 13,26]]; [[Josua 2#s1 |Jos 2,1]]; [[Richter 19#s10 |Ri 19,10]]; [[1Könige 14#s17 |1 Kön 14,17]]; [[2Könige 4#s25 |2Kön 4,25]]; [[2Könige 8,14 |8,14]]; vgl. außerdem noch die Botenauftragsformel „Geh, komm!“ in [[2Könige 5#s5 |2 Kön 5,5]]; [[Jesaja 22#s15 |Jes 22,15]]; [[Ezechiel 3#s4 |Ez 3,4.11]]). So ist wohl auch unsere Stelle zu verstehen: Rut sammelt nicht auf dem erstbesten Feldstück bei der Stadt, sondern „sie ging und kam“ soll ausdrücken, dass das das Feld etwas abseits liegt und sie eine längere Strecke dorthin zurücklegen musste - und umso größer ist der Zufall, dass es dann gerade das Feldstück des Boas ist, auf das sie gerät. So haben es wohl außerdem schon LXX, Syr und VUL verstanden, die einfach nur mit „sie ging“ übersetzen.</ref> und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit.([Und das kam so: ])<ref>''([Und das kam so: ])'' - Hier müssen wir zu einer unwahrscheinlicheren der möglichen Deutungen greifen, weil wir nach den SF-Kriterien in V. 7 zu einer etablierten Verlegenheitsübersetzung greifen müssen (s. dort): Der Satz ist als einfache Aussage zu lesen, der den Beginn von Ruts Nachlesetätigkeit angibt.<br />Eigentlich wahrscheinlicher: Gar nicht selten finden sich in der Bibel sogenannte „proleptische Summarien“, d.h. Sätze, die nicht eigentlich zur „story“ gehören, sondern zusammenfassend eine folgende Handlung vorwegnehmen (vgl. bes. Ska 1995). Ein solches proleptisches Summarium ist auch „Also ging und kam und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit“: V. 8 legt sehr nahe, dass Rut ihre Nachleseerlaubnis erst von Boas bekommt, sonst wäre sowohl ihre euphorische Reaktion in V. 10 als auch Boas Rede davon, dass Rut auf ein anderes Feld weiterziehen würde, ganz unverständlich; und folgerichtig identifiziert sie in Vv. 10.13 als „den, in dessen Augen sie Gefallen findet“, ja nicht den Aufseher, sondern gleich zwei Mal Boas (so z.St. auch wieder Ska 1995, S. 324; auch Campbell 1975, S. 93; Hubbard 1988, S. 149, Ska 2003, S. 55). Aber da wir nach den SF-Kriterien V. 7 so auffassen müssen, dass Rut schon vor Boas´ Nachleseerlaubnis in V. 8 gesammelt hat, ist diese Deutung hier für unsere Übersetzung nicht gangbar.</ref><br />
{{S|3}} [Also] ging und kam<ref>''ging und kam'' - Zu „ging und kam und...“ s. bes. noch [[2 Samuel 11#s22 |2 Sam 11,22]]: „''Der Bote ging und kam und sagte David alles''“. Es gibt noch viele ähnliche Stellen in der Bibel: Wenn im Hebräischen von einer Reise berichtet wird, kann der „Reisebericht“ häufig in die beiden „Reise-Episoden“ „(Fort)gehen“ und „Ankommen“ aufgesplittet werden. Oft dient diese Stileigentümlichkeit des Heb. zusätzlich dazu, einen Aspekt der Reise näher zu spezifizieren; z.B. die Reisegruppenkonstellation ([[Richter 13#s11 |Ri 13,11]]; [[1 Samuel 28#s8 |1 Sam 28,8]]; [[1 Samuel 30#s9 |30,9]]), den Reiseanlass ([[1 Samuel 17#s20 |1 Sam 17,20]]; [[1 Könige 19#s3 |1 Kön 19,3]]), den Reisemodus ([[1 Samuel 19#s18 |1 Sam 19,18]]; [[2 Samuel 17#s18 |2 Sam 17,18]]; [[1 Könige 20#s43 |1 Kön 20,43]]) oder nähere Angaben zu Ort ([[1 Samuel 19#s22 |1 Sam 19,22]]; [[1 Könige 17#s10 |1 Kön 17,10]]) und Zeit ([[2 Samuel 4#s5 |2 Sam 4,5]]). Aber ebenso häufig - und wichtiger für unsere Stelle - ist, dass diese Stileigentümlichkeit ohne eine derartige Spezifizierung dann angewandt wird, wenn ausgedrückt werden soll, dass die Reise etwas länger dauert ([[Numeri 13#s26 |Num 13,26]]; [[Josua 2#s1 |Jos 2,1]]; [[Richter 19#s10 |Ri 19,10]]; [[1 Könige 14#s17 |1 Kön 14,17]]; [[2 Könige 4#s25 |2 Kön 4,25]]; [[2 Könige 8,14 |8,14]]; vgl. außerdem noch die Botenauftragsformel „Geh, komm!“ in [[2 Könige 5#s5 |2 Kön 5,5]]; [[Jesaja 22#s15 |Jes 22,15]]; [[Ezechiel 3#s4 |Ez 3,4.11]]). So ist wohl auch unsere Stelle zu verstehen: Rut sammelt nicht auf dem erstbesten Feldstück bei der Stadt, sondern „sie ging und kam“ soll ausdrücken, dass das das Feld etwas abseits liegt und sie eine längere Strecke dorthin zurücklegen musste - und umso größer ist der Zufall, dass es dann gerade das Feldstück des Boas ist, auf das sie gerät. So haben es wohl außerdem schon LXX, Syr und VUL verstanden, die einfach nur mit „sie ging“ übersetzen.</ref> und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit.([Und das kam so: ])<ref>''([Und das kam so: ])'' - Hier müssen wir zu einer unwahrscheinlicheren der möglichen Deutungen greifen, weil wir nach den SF-Kriterien in V. 7 zu einer etablierten Verlegenheitsübersetzung greifen müssen (s. dort): Der Satz ist als einfache Aussage zu lesen, der den Beginn von Ruts Nachlesetätigkeit angibt.<br />Eigentlich wahrscheinlicher: Gar nicht selten finden sich in der Bibel sogenannte „proleptische Summarien“, d.h. Sätze, die nicht eigentlich zur „story“ gehören, sondern zusammenfassend eine folgende Handlung vorwegnehmen (vgl. bes. Ska 1995). Ein solches proleptisches Summarium ist auch „Also ging und kam und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit“: V. 8 legt sehr nahe, dass Rut ihre Nachleseerlaubnis erst von Boas bekommt, sonst wäre sowohl ihre euphorische Reaktion in V. 10 als auch Boas Rede davon, dass Rut auf ein anderes Feld weiterziehen würde, ganz unverständlich; und folgerichtig identifiziert sie in Vv. 10.13 als „den, in dessen Augen sie Gefallen findet“, ja nicht den Aufseher, sondern gleich zwei Mal Boas (so z.St. auch wieder Ska 1995, S. 324; auch Campbell 1975, S. 93; Hubbard 1988, S. 149, Ska 2003, S. 55). Aber da wir nach den SF-Kriterien V. 7 so auffassen müssen, dass Rut schon vor Boas´ Nachleseerlaubnis in V. 8 gesammelt hat, ist diese Deutung hier für unsere Übersetzung nicht gangbar.</ref><br />
Zufällig geriet sie<ref>''Zufällig geriet sie'' - unübersetzbare Figura etymologica: „Es fügte sich ihre Fügung“, „es zufällte ihr Zufall“. Wie schon das „sie ging und kam“ unterstreicht diese F.E. den großen Zufall, der zum Zusammentreffen Ruts und Boas führt. Das folgende Wort „Stück“ in „Feldstück“ hat auch die Bedeutung „Los, Schicksal“, was dies noch zusätzlich unterstreicht - man müsste beinahe übersetzen: „Ihr Zufall zufällte das dem Boas zugefallene Feld“.</ref> auf das Feldstück<ref name="Feld" /> des Boas, der aus der Sippe des Elimelech [war].
Zufällig geriet sie<ref>''Zufällig geriet sie'' - unübersetzbare Figura etymologica: „Es fügte sich ihre Fügung“, „es zufällte ihr Zufall“. Wie schon das „sie ging und kam“ unterstreicht diese F.E. den großen Zufall, der zum Zusammentreffen Ruts und Boas führt. Das folgende Wort „Stück“ in „Feldstück“ hat auch die Bedeutung „Los, Schicksal“, was dies noch zusätzlich unterstreicht - man müsste beinahe übersetzen: „Ihr Zufall zufällte das dem Boas zugefallene Feld“.</ref> auf das Feldstück<ref name="Feld" /> des Boas, der aus der Sippe des Elimelech [war].


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Wörtlich übersetzt lautet der Text etwa: „Und-sie-ist-gekommen und-geblieben von dem-Morgen bis-jetzt/gerade eben, dieses/<s>dieses</s> ihr-Sitzen das-Haus kurz/seit-Kurzem.“
Wörtlich übersetzt lautet der Text etwa: „Und-sie-ist-gekommen und-geblieben von dem-Morgen bis-jetzt/gerade eben, dieses/<s>dieses</s> ihr-Sitzen das-Haus kurz/seit-Kurzem.“
# ''geblieben'' - Heb. ''wata`amod''. (a) Auf den ersten Blick scheint dies so gedeutet werden zu müssen, dass Rut nach ihrer Ankunft nur herumgestanden wäre: „Sie ist gekommen und gestanden“. (b) Weil die meisten davon ausgehen, dass die Auskunft des Verwalters ein Hohelied auf Ruts Fleiß beinhaltet, deuten viele das Wort als „bleiben“, was sprachlich gut möglich wäre („Sie ist gekommen und geblieben“), oder (noch häufiger) als „sie war auf den Beinen (d.h. sie war fleißig)“, was sprachlich nicht möglich ist. (c) Alternativ hat schon Houbigant 1777, S. 259 vorgeschlagen, ''wata`amod'' zu emendieren (=> Textkritik) nach ''wata`amor'' („sie las Ähren“; erwogen auch von Rudolph 1962, S. 46): „Sie ist gekommen und hat Ähren gelesen“. Doch ist das Wort sonst nicht belegt. (d) Vorschlagen möchte ich (S.W.) außerdem, dass es sich bei „sie kam und stand“ um eine ähnliche Doppelverb-formel handelt wie bei „sie ging und kam“ in [[Rut 2#s3 |V. 3]] (vgl. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_j FN j]; zu solchen Doppelverbformeln vgl. z.B. Polak 1989) und bei dem ähnlichen Doppelausdruck „sie warf sich auf ihr Gesicht und verneigte sich“ in [[Rut 2#s10 |V. 10]], und dass dieser dann verwendet wird, wenn vom Zurücklegen einer längeren Wegstrecke inklusive der Ankunft die Rede ist („X kam und stellte sich zu Y“ ≠ „X kam und positionierte sich bei Y“, sondern „X legte einen längeren Weg zu X zurück“, s. bes. [[2Könige 5#s15 |2 Kön 5,15.25]]; [[2Könige 8#s9 |8,9]]; [[2Könige 18#s17 |18,17]]; [[Jeremia 7#s10 |Jer 7,10]]; [[Jeremia 17#s19 |17,19]]; [[Ezechiel 9#s2 |Ez 9,2]]; [[Ezechiel 10#s6 |Ez 10,6]]; [[Daniel 2#s2 |Dan 2,2]]). Doch hat die Existenz dieser Formel bisher m.W. noch niemand vorgeschlagen.
# ''geblieben'' - Heb. ''wata`amod''. (a) Auf den ersten Blick scheint dies so gedeutet werden zu müssen, dass Rut nach ihrer Ankunft nur herumgestanden wäre: „Sie ist gekommen und gestanden“. (b) Weil die meisten davon ausgehen, dass die Auskunft des Verwalters ein Hohelied auf Ruts Fleiß beinhaltet, deuten viele das Wort als „bleiben“, was sprachlich gut möglich wäre („Sie ist gekommen und geblieben“), oder (noch häufiger) als „sie war auf den Beinen (d.h. sie war fleißig)“, was sprachlich nicht möglich ist. (c) Alternativ hat schon Houbigant 1777, S. 259 vorgeschlagen, ''wata`amod'' zu emendieren (=> Textkritik) nach ''wata`amor'' („sie las Ähren“; erwogen auch von Rudolph 1962, S. 46): „Sie ist gekommen und hat Ähren gelesen“. Doch ist das Wort sonst nicht belegt. (d) Vorschlagen möchte ich (S.W.) außerdem, dass es sich bei „sie kam und stand“ um eine ähnliche Doppelverb-formel handelt wie bei „sie ging und kam“ in [[Rut 2#s3 |V. 3]] (vgl. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_j FN j]; zu solchen Doppelverbformeln vgl. z.B. Polak 1989) und bei dem ähnlichen Doppelausdruck „sie warf sich auf ihr Gesicht und verneigte sich“ in [[Rut 2#s10 |V. 10]], und dass dieser dann verwendet wird, wenn vom Zurücklegen einer längeren Wegstrecke inklusive der Ankunft die Rede ist („X kam und stellte sich zu Y“ ≠ „X kam und positionierte sich bei Y“, sondern „X legte einen längeren Weg zu X zurück“, s. bes. [[2 Könige 5#s15 |2 Kön 5,15.25]]; [[2 Könige 8#s9 |8,9]]; [[2 Könige 18#s17 |18,17]]; [[Jeremia 7#s10 |Jer 7,10]]; [[Jeremia 17#s19 |17,19]]; [[Ezechiel 9#s2 |Ez 9,2]]; [[Ezechiel 10#s6 |Ez 10,6]]; [[Daniel 2#s2 |Dan 2,2]]). Doch hat die Existenz dieser Formel bisher m.W. noch niemand vorgeschlagen.
# ''bis-jetzt/gerade eben, dieses/<s>dieses</s>'' - ''zéh'' („dieses/diese/jetzt/hier(her)“) kann (a) zu ''`ad-atta'' („bis jetzt“) gezogen werden und ''`ad-atta zeh'' heißt dann „bis gerade eben“ (s. [[1Könige 17#s24 |1 Kön 17,24]]; [[2Könige 5#s22 |2 Kön 5,22]]), (b) zu „ihr Sitzen“ gezogen werden, was dann „dieses ihr Sitzen“ heißt oder (c) für sich genommen und dann auf Rut („diese“), den Zeitpunkt („jetzt“) oder den Ort („hier(her)“) bezogen werden.
# ''bis-jetzt/gerade eben, dieses/<s>dieses</s>'' - ''zéh'' („dieses/diese/jetzt/hier(her)“) kann (a) zu ''`ad-atta'' („bis jetzt“) gezogen werden und ''`ad-atta zeh'' heißt dann „bis gerade eben“ (s. [[1 Könige 17#s24 |1 Kön 17,24]]; [[2 Könige 5#s22 |2 Kön 5,22]]), (b) zu „ihr Sitzen“ gezogen werden, was dann „dieses ihr Sitzen“ heißt oder (c) für sich genommen und dann auf Rut („diese“), den Zeitpunkt („jetzt“) oder den Ort („hier(her)“) bezogen werden.
# ''ihr-Sitzen'', heb. ''schibtah'', ist ein Infinitiv und daher merkwürdig. Viele wollen deshalb emendieren (=> Textkritik): Entweder (a) soll dann umvokalisiert werden zu ''schabthah'' („sie macht(e) Pause“; so LXX) oder (b) es soll nach ''schabah'' („sie kehrt(e) zurück“; so VUL) korrigiert werden. (c) Premnath 1988, S. 55f denkt außerdem, ''jaschab'' könnte auch für das Besitzen von Land stehen; dem folgend könnte man ''schibtah'' deuten als „ihr Besitz“ - aber eigentlich hat das Hebräische hierfür andere Vokabeln.
# ''ihr-Sitzen'', heb. ''schibtah'', ist ein Infinitiv und daher merkwürdig. Viele wollen deshalb emendieren (=> Textkritik): Entweder (a) soll dann umvokalisiert werden zu ''schabthah'' („sie macht(e) Pause“; so LXX) oder (b) es soll nach ''schabah'' („sie kehrt(e) zurück“; so VUL) korrigiert werden. (c) Premnath 1988, S. 55f denkt außerdem, ''jaschab'' könnte auch für das Besitzen von Land stehen; dem folgend könnte man ''schibtah'' deuten als „ihr Besitz“ - aber eigentlich hat das Hebräische hierfür andere Vokabeln.
# ''das-Haus'' ist problematisch: Bei den Feldern standen keine Häuser und „Zelt“ oder „Hütte“ kann ''bajit'' nicht heißen. (a) Sehr viele wollen daher das ganze Wort streichen (z.B. Bush 1996, Gerleman 1965; Köhlmoos 2010; Rudolph 1962; Würthwein 1969; Zenger 1986). (b) BHQ und Weippert 1978, S. 272 haben außerdem erwogen, ob ''bajit'' nicht wie seine akkadischen und arabischen Kognate „Grundstück, Feld“ heißen könne. Im Mischnahebräischen ist das recht sicher so: Vogelstein 1894 listet eine ganze Reihe von Feldbezeichnungen, in denen ''bajit'' „Feld“ bedeutet (s. S. 10.13.16.23.59) und der Besitzer des Feldes heißt in Mischna und Tosefta fast stets ''ba`al habajit'' („Herr des Hauses“). S. dann noch [[Jesaja 5#s7 |Jes 5,7-9]] (dazu Premnath 1988, bes. S. 54f) und [[Jeremia 31#s27 |Jer 31,27]], wo dann vielleicht mit dieser Doppelbedeutung gespielt wird, auch [[Jeremia 32#s15 |Jer 32,15]]; [[Micha 2#s2 |Mi 2,2]]; [[Nehemia 5#s3 |Neh 5,3.11.13]]. (c) Eine weitere Gruppe deutet ''habajit'' als adverbialen Akkusativ mit der Bedeutung „im Haus“ oder „zu/nach Hause“.
# ''das-Haus'' ist problematisch: Bei den Feldern standen keine Häuser und „Zelt“ oder „Hütte“ kann ''bajit'' nicht heißen. (a) Sehr viele wollen daher das ganze Wort streichen (z.B. Bush 1996, Gerleman 1965; Köhlmoos 2010; Rudolph 1962; Würthwein 1969; Zenger 1986). (b) BHQ und Weippert 1978, S. 272 haben außerdem erwogen, ob ''bajit'' nicht wie seine akkadischen und arabischen Kognate „Grundstück, Feld“ heißen könne. Im Mischnahebräischen ist das recht sicher so: Vogelstein 1894 listet eine ganze Reihe von Feldbezeichnungen, in denen ''bajit'' „Feld“ bedeutet (s. S. 10.13.16.23.59) und der Besitzer des Feldes heißt in Mischna und Tosefta fast stets ''ba`al habajit'' („Herr des Hauses“). S. dann noch [[Jesaja 5#s7 |Jes 5,7-9]] (dazu Premnath 1988, bes. S. 54f) und [[Jeremia 31#s27 |Jer 31,27]], wo dann vielleicht mit dieser Doppelbedeutung gespielt wird, auch [[Jeremia 32#s15 |Jer 32,15]]; [[Micha 2#s2 |Mi 2,2]]; [[Nehemia 5#s3 |Neh 5,3.11.13]]. (c) Eine weitere Gruppe deutet ''habajit'' als adverbialen Akkusativ mit der Bedeutung „im Haus“ oder „zu/nach Hause“.
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* ''Sie kam und blieb (1b) von heute Morgen bis gerade eben. Ihr Besitz (3c) an Land (4b; eine Constructus-Verbindung mit zwischengeschaltetem Possessivpronomen, vgl. IBHS §9.3.d.14; zum Infinitiv im Status Constructus vgl. JM §49b, FN 6) [ist] [nur] gering.'', eine Rechtfertigung des Verwalters dafür, dass er Rut die Nachlese gewährt hat; denn zur Nachlese waren nur arme Bürger mit nur wenig oder gar keinem Landbesitz zugelassen. Doch weder die Deutung von ''bajit'' als „Land“ noch von ''jaschab'' als „besitzen“ ist allgemein anerkannt.</ref> vom Morgen bis gerade eben; (bis jetzt, dieses/diese/jetzt/hier/hierher)<ref name="V. 7" /> ihr Sitzen (sie macht Pause?, sie kehrt zurück?, ihr Besitz?)<ref name="V. 7" /> im Haus (das Haus, nach Hause?, das/auf dem Feld?)<ref name="V. 7" /> [ist (währt)] [erst] seit Kurzem.“
* ''Sie kam und blieb (1b) von heute Morgen bis gerade eben. Ihr Besitz (3c) an Land (4b; eine Constructus-Verbindung mit zwischengeschaltetem Possessivpronomen, vgl. IBHS §9.3.d.14; zum Infinitiv im Status Constructus vgl. JM §49b, FN 6) [ist] [nur] gering.'', eine Rechtfertigung des Verwalters dafür, dass er Rut die Nachlese gewährt hat; denn zur Nachlese waren nur arme Bürger mit nur wenig oder gar keinem Landbesitz zugelassen. Doch weder die Deutung von ''bajit'' als „Land“ noch von ''jaschab'' als „besitzen“ ist allgemein anerkannt.</ref> vom Morgen bis gerade eben; (bis jetzt, dieses/diese/jetzt/hier/hierher)<ref name="V. 7" /> ihr Sitzen (sie macht Pause?, sie kehrt zurück?, ihr Besitz?)<ref name="V. 7" /> im Haus (das Haus, nach Hause?, das/auf dem Feld?)<ref name="V. 7" /> [ist (währt)] [erst] seit Kurzem.“


{{S|8}} Und Boas sagte zu Rut: „Höre, meine Tochter:<ref name="Frage">''Höre, meine Tochter:'' (V. 8) + ''Hiermit befehle ich meinen Jungen...'' (V. 9) - W. „Hörst du nicht, meine Tochter!?,...“ + „Habe ich nicht meinen Jungen befohlen...?“, doch rhetorische Fragen werden im Hebräischen auch häufig als Ausrufesätze verwendet (vgl. z.B. Driver 1973). So auch viele Üss, auch Campbell 1975, S. 85f.; Holmstedt 2010, S. 118; Hubbard 1988, S. 154; Köhlmoos 2010, S. 30; Loretz 1963, S. 50; Sasson 1979, S. 49. Eine Übersetzung mit „Lass mich dir einen Rat geben: ...“ (so z.B. de Waard/Nida 1992, S. 26; GN, HfA) ist nicht zu empfehlen: Erstens ist der Aufruf zum Zuhören im Hebräischen eine stereotype Formel, um ein Gespräch oder im Verlauf dieses Gesprächs eine Instruktion einzuleiten (s. z.B. [[Genesis 23#s6 |Gen 23,6.8.11.15]]; schön auch [[2Samuel 20#s17 |2 Sam 20,17]]); zweitens trifft dies hier eher nicht den Sinn von Boas Äußerung, die doch wohl kein Verbot ist, auf ein anderes Feld zu gehen, sondern eine Erlaubnis, hierbleiben zu dürfen (s. die Übersetzungsalternativen). Besser: „Hör mal, meine Tochter:...“</ref> Gehe nicht (du musst nicht gehen) zum Sammeln auf ein anderes Feld und ziehe auch nicht fort (du musst nicht fortziehen) von hier, sondern hänge dich hier (so:) an meine Mädchen (bleibe hier bei meinen Mädchen, du darfst bleiben).<ref>Auffallender Stilbruch: Boas sagt hier gleich drei Mal das selbe; ein starker Kontrast zu seinen beiden Zwei/Drei-Wort-Sätzen in [[Rut 2#s4 |Vv. 4.5]].<br />
{{S|8}} Und Boas sagte zu Rut: „Höre, meine Tochter:<ref name="Frage">''Höre, meine Tochter:'' (V. 8) + ''Hiermit befehle ich meinen Jungen...'' (V. 9) - W. „Hörst du nicht, meine Tochter!?,...“ + „Habe ich nicht meinen Jungen befohlen...?“, doch rhetorische Fragen werden im Hebräischen auch häufig als Ausrufesätze verwendet (vgl. z.B. Driver 1973). So auch viele Üss, auch Campbell 1975, S. 85f.; Holmstedt 2010, S. 118; Hubbard 1988, S. 154; Köhlmoos 2010, S. 30; Loretz 1963, S. 50; Sasson 1979, S. 49. Eine Übersetzung mit „Lass mich dir einen Rat geben: ...“ (so z.B. de Waard/Nida 1992, S. 26; GN, HfA) ist nicht zu empfehlen: Erstens ist der Aufruf zum Zuhören im Hebräischen eine stereotype Formel, um ein Gespräch oder im Verlauf dieses Gesprächs eine Instruktion einzuleiten (s. z.B. [[Genesis 23#s6 |Gen 23,6.8.11.15]]; schön auch [[ 20#s17 |2 Sam 20,17]]); zweitens trifft dies hier eher nicht den Sinn von Boas Äußerung, die doch wohl kein Verbot ist, auf ein anderes Feld zu gehen, sondern eine Erlaubnis, hierbleiben zu dürfen (s. die Übersetzungsalternativen). Besser: „Hör mal, meine Tochter:...“</ref> Gehe nicht (du musst nicht gehen) zum Sammeln auf ein anderes Feld und ziehe auch nicht fort (du musst nicht fortziehen) von hier, sondern hänge dich hier (so:) an meine Mädchen (bleibe hier bei meinen Mädchen, du darfst bleiben).<ref>Auffallender Stilbruch: Boas sagt hier gleich drei Mal das selbe; ein starker Kontrast zu seinen beiden Zwei/Drei-Wort-Sätzen in [[Rut 2#s4 |Vv. 4.5]].<br />


Erwähnenswert ist noch ein neuer Interpretationsvorschlag von Müller 2013: „weggehen“ steht mit der Negationspartikel ''´al'', „fortziehen“ dagegen mit der Negationspartikel ''lo´''. Weil solche Verneinungen mit ''´al'' häufig entweder für Verbote oder für zeitlose moralische Prinzipien verwendet werden (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/?title=Special%3ABibelstelle_aufschlagen&abk=Ob+1#note_ba FN ba] zu [[Obadja #s12 |Ob 12-14]]), folgt Müller Syr und fasst den ersten Satz als ein Sprichwort auf: „Hast du nicht [das Sprichwort] gehört: ‚Man gehet nicht auf eines Andren Felde sammeln‘? - Demnach willst [wohl] auch nicht von hier fortziehen, [oder]? [Na gut,] dann hänge dich hier an meine Mädchen!“<br />Das ist eine schöne Interpretation, aber unnötig: ''´al'' und ''lo´'' werden noch häufiger derart austauschbar nebeneinander verwendet (s. z.B. [[Exodus 23#s1 |Ex 23,1]]; [[Leviticus 10#s6 |Lev 10,6]]; [[Leviticus 11#s43 |11,43]]; [[1Könige 20#s8 |1 Kön 20,8]]; [[Sprichwörter 22#s24 |Spr 22,24]]).</ref>  
Erwähnenswert ist noch ein neuer Interpretationsvorschlag von Müller 2013: „weggehen“ steht mit der Negationspartikel ''´al'', „fortziehen“ dagegen mit der Negationspartikel ''lo´''. Weil solche Verneinungen mit ''´al'' häufig entweder für Verbote oder für zeitlose moralische Prinzipien verwendet werden (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/?title=Special%3ABibelstelle_aufschlagen&abk=Ob+1#note_ba FN ba] zu [[Obadja #s12 |Ob 12-14]]), folgt Müller Syr und fasst den ersten Satz als ein Sprichwort auf: „Hast du nicht [das Sprichwort] gehört: ‚Man gehet nicht auf eines Andren Felde sammeln‘? - Demnach willst [wohl] auch nicht von hier fortziehen, [oder]? [Na gut,] dann hänge dich hier an meine Mädchen!“<br />Das ist eine schöne Interpretation, aber unnötig: ''´al'' und ''lo´'' werden noch häufiger derart austauschbar nebeneinander verwendet (s. z.B. [[Exodus 23#s1 |Ex 23,1]]; [[Leviticus 10#s6 |Lev 10,6]]; [[Leviticus 11#s43 |11,43]]; [[1 Könige 20#s8 |1 Kön 20,8]]; [[Sprichwörter 22#s24 |Spr 22,24]]).</ref>  
{{S|9}} Deine Augen [seien] auf das Feld [gerichtet], das sie abernten<ref>''das sie abernten'' - „sie“: maskulin, also die männlichen Erntearbeiter.</ref>. Gehe hinter ihnen (zusammen mit ihnen)<ref>''ihnen'': feminin. Entweder also die weiblichen Garbenbinderinnen, dann „folge ihnen“, oder die anderen Frauen, die Nachlese halten; dann „gehe an ihrer Seite“ (zu ''´achar'' als „(zusammen) mit“ s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/?title=Special%3ABibelstelle_aufschlagen&abk=Rut+1#note_aq FN aq] zu [[Rut 1#s15 |Rut 1,15]]). Aber der letzte weibliche Referent sind „meine Mädchen“, daher ist die erste Option doch sehr viel wahrscheinlicher.</ref>. [Hiermit] befehle ich meinen Jungen<ref name="Frage" />, dich nicht anzurühren (anzugreifen, mit dir keinen Geschlechtsverkehr zu haben)? Und wenn du Durst hast, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was [auch] die Jungen schöpfen!“
{{S|9}} Deine Augen [seien] auf das Feld [gerichtet], das sie abernten<ref>''das sie abernten'' - „sie“: maskulin, also die männlichen Erntearbeiter.</ref>. Gehe hinter ihnen (zusammen mit ihnen)<ref>''ihnen'': feminin. Entweder also die weiblichen Garbenbinderinnen, dann „folge ihnen“, oder die anderen Frauen, die Nachlese halten; dann „gehe an ihrer Seite“ (zu ''´achar'' als „(zusammen) mit“ s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/?title=Special%3ABibelstelle_aufschlagen&abk=Rut+1#note_aq FN aq] zu [[Rut 1#s15 |Rut 1,15]]). Aber der letzte weibliche Referent sind „meine Mädchen“, daher ist die erste Option doch sehr viel wahrscheinlicher.</ref>. [Hiermit] befehle ich meinen Jungen<ref name="Frage" />, dich nicht anzurühren (anzugreifen, mit dir keinen Geschlechtsverkehr zu haben)? Und wenn du Durst hast, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was [auch] die Jungen schöpfen!“
{{S|10}} Da warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts<ref>''warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts'' - eine weitere gebräuchliche Doppelverbformel (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_j FNn j]. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_t t]; zu dieser speziell vgl. Polak 1989, S. 451. Zur Wiedergabe mit „sie warf sich auf ihr Gesicht“ statt „sie fiel...“ vgl. Péter-Contesse 2013, S. 25); ebenso gedoppelt z.B. in [[Josua 5#s14 |Jos 5,14]]; [[1Samuel 25#s23 |1 Sam 25,23]]; [[2Samuel 9#s6 |2 Sam 9,6]]; [[2Samuel 14#s22 |14,22]]; [[2Chroniken 20#s18 |2 Chr 20,18]]; ähnlich [[1Samuel 20#s41 |1 Sam 20,41]]; [[2Samuel 14#s4 |2 Sam 14,4]]. Die Bedeutung ist nur: „Sie verneigte sich“; eine Geste, aus der gleichzeitig Demut und überwältigte Dankbarkeit spricht. Den Verneigungsgestus hat man sich in etwa vorzustellen wie die im Islam übliche Gebetshaltung: Man kniete sich nieder und beugte seinen Kopf zur Erde hinab (vgl. de Waard/Nida 1992, S. 31). Richtig daher MSG: „Sie sank auf ihre Knie und beugte ihr Gesicht zur Erde“ (ähnlich EÜ, T4T), doch stiltreuer wäre einfach „Da warf Ruth sich vor ihm nieder“ (ähnlich z.B. GN, HfA, NeÜ, NL). Am besten NLT: „Da warf sich Ruth ihm zu Füßen nieder und dankte ihm herzlich [besser: rief überwältigt:]“.</ref> und sagte zu ihm: „Warum [nur] habe ich Gefallen in deinen Augen gefunden,<ref>''Gefallen in deinen Augen gefunden'' ≠ „Wie habe ich das verdient“, sondern „Wie kann das sein, dass du wohlgefällig auf mich blickst - obwohl ich doch Ausländerin bin?“; der letzte Satz ist klar der Gegensatz zu den ersten beiden. Das wird noch zusätzlich betont durch ein unübersetzbares Wortspiel: „... dass du wohlgefällig auf mich blickst und mich beachtest (''lähakireni'', von ''nakar'' „beachten“), obwohl ich doch Ausländerin (''nokrijah'') bin?“</ref> so dass du mich [wohlgefällig] ansiehst, obwohl ich Ausländerin [bin]?“
{{S|10}} Da warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts<ref>''warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärts'' - eine weitere gebräuchliche Doppelverbformel (s. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_j FNn j]. [http://www.offene-bibel.de/wiki/index.php5?title=Rut_2#note_t t]; zu dieser speziell vgl. Polak 1989, S. 451. Zur Wiedergabe mit „sie warf sich auf ihr Gesicht“ statt „sie fiel...“ vgl. Péter-Contesse 2013, S. 25); ebenso gedoppelt z.B. in [[Josua 5#s14 |Jos 5,14]]; [[1 Samuel 25#s23 |1 Sam 25,23]]; [[2 Samuel 9#s6 |2 Sam 9,6]]; [[2 Samuel 14#s22 |14,22]]; [[2 Chroniken 20#s18 |2 Chr 20,18]]; ähnlich [[1 Samuel 20#s41 |1 Sam 20,41]]; [[2 Samuel 14#s4 |2 Sam 14,4]]. Die Bedeutung ist nur: „Sie verneigte sich“; eine Geste, aus der gleichzeitig Demut und überwältigte Dankbarkeit spricht. Den Verneigungsgestus hat man sich in etwa vorzustellen wie die im Islam übliche Gebetshaltung: Man kniete sich nieder und beugte seinen Kopf zur Erde hinab (vgl. de Waard/Nida 1992, S. 31). Richtig daher MSG: „Sie sank auf ihre Knie und beugte ihr Gesicht zur Erde“ (ähnlich EÜ, T4T), doch stiltreuer wäre einfach „Da warf Ruth sich vor ihm nieder“ (ähnlich z.B. GN, HfA, NeÜ, NL). Am besten NLT: „Da warf sich Ruth ihm zu Füßen nieder und dankte ihm herzlich [besser: rief überwältigt:]“.</ref> und sagte zu ihm: „Warum [nur] habe ich Gefallen in deinen Augen gefunden,<ref>''Gefallen in deinen Augen gefunden'' ≠ „Wie habe ich das verdient“, sondern „Wie kann das sein, dass du wohlgefällig auf mich blickst - obwohl ich doch Ausländerin bin?“; der letzte Satz ist klar der Gegensatz zu den ersten beiden. Das wird noch zusätzlich betont durch ein unübersetzbares Wortspiel: „... dass du wohlgefällig auf mich blickst und mich beachtest (''lähakireni'', von ''nakar'' „beachten“), obwohl ich doch Ausländerin (''nokrijah'') bin?“</ref> so dass du mich [wohlgefällig] ansiehst, obwohl ich Ausländerin [bin]?“
{{S|11}} Boas anwortete {und sagte zu}<ref name="Redeeinleitung">''{<s>und sagte zu</s>}'' (V. 11) + ''{<s>indem er sagte</s>}'' (V. 15) - Doppelte Redeeinleitung finden sich sehr häufig im Hebräischen und sind dort ganz gewöhnlich. Im Deutschen können sie ohne Bedeutungsverlust gestrichen werden.</ref> ihr: „Berichtet {berichtet}<ref>''Berichtet {<s>berichtet</s>}'' - Ein sog. „tautologischer Infinitiv“: Ein Verb wird doppelt verwendet; einmal im Infinitiv und einmal als finites Verb. Nicht: „Mir wurde ''genau'' berichtet“ (so viele Üss.); die Funktion dieser Konstruktion ist es, den ''Modus'' der ''gesamten'' Aussage zu betonen (vgl. Jenni §10.3.1.1); hier soll also betont werden, dass Boas ''in der Tat'' von Ruts Handeln berichtet wurde (vgl. IBHS § 35.3.1b), da dieser Bericht von Ruts Handeln für Boas das Gegengewicht zu ihrem Ausländertum darstellt und schwerer wiegt als dieses. Also: „Ich versichere dir: Mir wurde berichtet“, d.h. in idiomatischerem Deutsch: „Weil mir ''[ja/doch/...]'' berichtet wurde,...“ (ebenso [[Josua 9#s24 |Jos 9,24]]).</ref> wurde mir alles, was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast<ref>''was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast'' - Ein „Segens-Update“: Noomi wünscht ihren Töchtern den Segen Gottes für alles, ''was sie ihr und ihren Ehemännern'' getan haben ([[Rut 1#s8 |Rut 1,8]]); Boas nun wünscht Rut Gottes Segen für alles, was sie in der Zwischenzeit, nämlich ''nach dem Tod ihres Mannes für ihre Schwiegermutter'' getan hat.</ref>: [dass] du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du vorher (gestern vorgestern)<ref>''vorher (gestern vorgestern)'' - W. „gestern vorgestern“; ein Idiom für „vorher, früher“.</ref> nicht kanntest.  
{{S|11}} Boas anwortete {und sagte zu}<ref name="Redeeinleitung">''{<s>und sagte zu</s>}'' (V. 11) + ''{<s>indem er sagte</s>}'' (V. 15) - Doppelte Redeeinleitung finden sich sehr häufig im Hebräischen und sind dort ganz gewöhnlich. Im Deutschen können sie ohne Bedeutungsverlust gestrichen werden.</ref> ihr: „Berichtet {berichtet}<ref>''Berichtet {<s>berichtet</s>}'' - Ein sog. „tautologischer Infinitiv“: Ein Verb wird doppelt verwendet; einmal im Infinitiv und einmal als finites Verb. Nicht: „Mir wurde ''genau'' berichtet“ (so viele Üss.); die Funktion dieser Konstruktion ist es, den ''Modus'' der ''gesamten'' Aussage zu betonen (vgl. Jenni §10.3.1.1); hier soll also betont werden, dass Boas ''in der Tat'' von Ruts Handeln berichtet wurde (vgl. IBHS § 35.3.1b), da dieser Bericht von Ruts Handeln für Boas das Gegengewicht zu ihrem Ausländertum darstellt und schwerer wiegt als dieses. Also: „Ich versichere dir: Mir wurde berichtet“, d.h. in idiomatischerem Deutsch: „Weil mir ''[ja/doch/...]'' berichtet wurde,...“ (ebenso [[Josua 9#s24 |Jos 9,24]]).</ref> wurde mir alles, was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast<ref>''was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hast'' - Ein „Segens-Update“: Noomi wünscht ihren Töchtern den Segen Gottes für alles, ''was sie ihr und ihren Ehemännern'' getan haben ([[Rut 1#s8 |Rut 1,8]]); Boas nun wünscht Rut Gottes Segen für alles, was sie in der Zwischenzeit, nämlich ''nach dem Tod ihres Mannes für ihre Schwiegermutter'' getan hat.</ref>: [dass] du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du vorher (gestern vorgestern)<ref>''vorher (gestern vorgestern)'' - W. „gestern vorgestern“; ein Idiom für „vorher, früher“.</ref> nicht kanntest.  
{{S|12}} JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israels, zu dem (weil) du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (um dich unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)<ref>''unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)'' - zur Vorstellung des beflügelten JHWH s. noch [[Psalm 17#s8 |Ps 17,8]]; [[Psalm 36#s8 |36,8]]; [[Psalm 57#s2 |57,2]]; [[Psalm 61#s5 |61,5]]; [[Psalm 63#s8 |63,8]]; [[Psalm 91#s4 |91,4]] - eine geläufige Metapher für JHWH als schützende Gottheit; vergleichbar dem Bild der Schutzmantelmadonna.<br />
{{S|12}} JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israels, zu dem (weil) du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (um dich unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)<ref>''unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)'' - zur Vorstellung des beflügelten JHWH s. noch [[Psalm 17#s8 |Ps 17,8]]; [[Psalm 36#s8 |36,8]]; [[Psalm 57#s2 |57,2]]; [[Psalm 61#s5 |61,5]]; [[Psalm 63#s8 |63,8]]; [[Psalm 91#s4 |91,4]] - eine geläufige Metapher für JHWH als schützende Gottheit; vergleichbar dem Bild der Schutzmantelmadonna.<br />
Allerdings ist nicht leicht verständlich, warum Boas diese Metapher verwenden sollte, denn Rut ist ja gar nicht nach Israel gekommen, um bei JHWH Schutz zu suchen. Der Autor legt Boas diese Formel also sehr wahrscheinlich deshalb in den Mund, um über diese Formel später ([[Rut 3#s9 |Rut 3,9]]) mit JHWH gleichschalten zu können; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.<br />Vielleicht aber auch wirklich so: Ebenfalls geläufig in der Bibel ist die Metapher von JHWH als dem Ehemann des gläubigen Israels, s. [[Jesaja 62#s4 |Jes 62,4f]]; [[Jeremia 2#s2 |Jer 2,2]]; [[Ezechiel 16#s8 |Jer 16,8]]; [[Hosea 2 |Hos 2]], bes. [[Hosea 2#s2 |Vv. 2]].[[Hosea 2#s7 |7]].[[Hosea 2#s16 |16]].[[Hosea 2#s19 |19f]]; so dann auch über Jesus, s. [[Markus 2#s19 |Mk 2,19f]]; [[2Korinther 11#s2 |2 Kor 11,2]]. Noch häufiger wird der Glaubensabfall metaphorisch als Ehebruch geschildert. Bestandteil dieser Metapher ist die Bekleidung der Braut Israel mit einem Kleidungsstück ihres Ehemanns JHWH (wie ja auch in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] der „Mantel, den Boas über Rut decken soll“, wie im Alten Arabien sehr sicher ein Symbol für die Heirat ist; vgl. bes. Kruger 1984; z.B. auch Bohlen 1992, S. 12f.; Smith 1907, S. 105), s. bes. [[Ezechiel 16#s8 |Ez 16,8]]; angedeutet wohl auch [[Jeremia 2#s31 |Jer 2,31f]] (das Vergessen des Gürtels durch die Braut als Symbol für den „Ehebruch“ Israels mit JHWH). Noch häufiger belegt ist das Gegenteil: Die Strafe für diesen „Ehebruch“ ist das Entkleiden des Ehebrechers Israel, s. [[Jesaja 47#s2 |Jes 47,2f]] (vgl. Vv. 8f); [[Ezechiel 16#s39 |Ez 16,39]]; [[Hosea 2#s5 |Hos 2,5.11]]; [[Nahum 3#s4 |Nah 3,4f]]. Vielleicht ist also ''kanap'' hier besser wie in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] als „Gewandzipfel“ und das „Bergen unter diesen Gewandzipfeln“ (Plural auch in [[Jeremia 2#s34 |Jer 2,34]]; [[Ezechiel 5#s3 |Ez 5,3]]) wie dort als Symbol für die Ehe - nämlich zwischen JHWH und Rut - aufzufassen, die widerum Metapher für Ruts Bekehrung zum Judentum ist (wie die Stelle tatsächlich schon TgRut aufgefasst hat: „JHWH, der Gott Israels, unter dessen glorreicher Schechina Schatten du gekommen bist, um bekehrt und beschützt zu werden.“ (Üs. nach Levine 1973, S. 28)). Ähnlich aber nur Gray 1967, S. 414f.</ref>!“
Allerdings ist nicht leicht verständlich, warum Boas diese Metapher verwenden sollte, denn Rut ist ja gar nicht nach Israel gekommen, um bei JHWH Schutz zu suchen. Der Autor legt Boas diese Formel also sehr wahrscheinlich deshalb in den Mund, um über diese Formel später ([[Rut 3#s9 |Rut 3,9]]) mit JHWH gleichschalten zu können; s. die Anmerkungen zu Kapitel 3.<br />Vielleicht aber auch wirklich so: Ebenfalls geläufig in der Bibel ist die Metapher von JHWH als dem Ehemann des gläubigen Israels, s. [[Jesaja 62#s4 |Jes 62,4f]]; [[Jeremia 2#s2 |Jer 2,2]]; [[Ezechiel 16#s8 |Jer 16,8]]; [[Hosea 2 |Hos 2]], bes. [[Hosea 2#s2 |Vv. 2]].[[Hosea 2#s7 |7]].[[Hosea 2#s16 |16]].[[Hosea 2#s19 |19f]]; so dann auch über Jesus, s. [[Markus 2#s19 |Mk 2,19f]]; [[2Korinther 11#s2 |2 Kor 11,2]]. Noch häufiger wird der Glaubensabfall metaphorisch als Ehebruch geschildert. Bestandteil dieser Metapher ist die Bekleidung der Braut Israel mit einem Kleidungsstück ihres Ehemanns JHWH (wie ja auch in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] der „Mantel, den Boas über Rut decken soll“, wie im Alten Arabien sehr sicher ein Symbol für die Heirat ist; vgl. bes. Kruger 1984; z.B. auch Bohlen 1992, S. 12f.; Smith 1907, S. 105), s. bes. [[Ezechiel 16#s8 |Ez 16,8]]; angedeutet wohl auch [[Jeremia 2#s31 |Jer 2,31f]] (das Vergessen des Gürtels durch die Braut als Symbol für den „Ehebruch“ Israels mit JHWH). Noch häufiger belegt ist das Gegenteil: Die Strafe für diesen „Ehebruch“ ist das Entkleiden des Ehebrechers Israel, s. [[Jesaja 47#s2 |Jes 47,2f]] (vgl. Vv. 8f); [[Ezechiel 16#s39 |Ez 16,39]]; [[Hosea 2#s5 |Hos 2,5.11]]; [[Nahum 3#s4 |Nah 3,4f]]. Vielleicht ist also ''kanap'' hier besser wie in [[Rut 3#s9 |Rut 3,9]] als „Gewandzipfel“ und das „Bergen unter diesen Gewandzipfeln“ (Plural auch in [[Jeremia 2#s34 |Jer 2,34]]; [[Ezechiel 5#s3 |Ez 5,3]]) wie dort als Symbol für die Ehe - nämlich zwischen JHWH und Rut - aufzufassen, die widerum Metapher für Ruts Bekehrung zum Judentum ist (wie die Stelle tatsächlich schon TgRut aufgefasst hat: „JHWH, der Gott Israels, unter dessen glorreicher Schechina Schatten du gekommen bist, um bekehrt und beschützt zu werden.“ (Üs. nach Levine 1973, S. 28)). Ähnlich aber nur Gray 1967, S. 414f.</ref>!“
{{S|13}} Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen finden<ref>''Möge ich in deinen Augen Gefallen finden'' - das dritte Vorkommen dieser Formel; wieder in anderer Bedeutung. Nicht: „[weiterhin] Gefallen finden“ (so viele Üss.); gut erklärt von Ehrlich 1908, S. 163f:  
{{S|13}} Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen finden<ref>''Möge ich in deinen Augen Gefallen finden'' - das dritte Vorkommen dieser Formel; wieder in anderer Bedeutung. Nicht: „[weiterhin] Gefallen finden“ (so viele Üss.); gut erklärt von Ehrlich 1908, S. 163f:  
: „[...] Als unabhängiger Satz drückt [die Formel] nicht eine Bitte oder einen Wunsch aus, sondern die Versicherung, dass der Redende einen ihm gewordenen gültigen Zuspruch oder eine Wohltat, die ihm der Angeredete bereits erwiesen hat, zu würdigen weiss und in der Zukunft sich Mühe geben will, sich dafür dankbar oder, mehr wörtlich, ihm gegenüber ein gefälliges Wesen zu zeigen, vgl. [[Genesis 47#s25 |Gen 47,25]]; [[1Samuel 1#s18 |1 Sam 1,18]]; [[2Samuel 16#s4 |2 Sam 16,4]] und besonders [[Rut 2#s13 |Rut 2,13]]. Letztere Stelle ist von besonderer Beweiskraft, weil dort der Grund der Versicherung ausdrücklich genannt ist. [...] Das ist der eigentliche Sinn des fraglichen Ausdrucks, doch erscheint in sämtlichen oben angeführten Fällen, wie bei allen Höflichkeitsformeln zu geschehen pflegt, der ursprüngliche Begriff abgeschwächt, sodass man damit nur sagen will: ''ich danke''.“;
: „[...] Als unabhängiger Satz drückt [die Formel] nicht eine Bitte oder einen Wunsch aus, sondern die Versicherung, dass der Redende einen ihm gewordenen gültigen Zuspruch oder eine Wohltat, die ihm der Angeredete bereits erwiesen hat, zu würdigen weiss und in der Zukunft sich Mühe geben will, sich dafür dankbar oder, mehr wörtlich, ihm gegenüber ein gefälliges Wesen zu zeigen, vgl. [[Genesis 47#s25 |Gen 47,25]]; [[1 Samuel 1#s18 |1 Sam 1,18]]; [[2 Samuel 16#s4 |2 Sam 16,4]] und besonders [[Rut 2#s13 |Rut 2,13]]. Letztere Stelle ist von besonderer Beweiskraft, weil dort der Grund der Versicherung ausdrücklich genannt ist. [...] Das ist der eigentliche Sinn des fraglichen Ausdrucks, doch erscheint in sämtlichen oben angeführten Fällen, wie bei allen Höflichkeitsformeln zu geschehen pflegt, der ursprüngliche Begriff abgeschwächt, sodass man damit nur sagen will: ''ich danke''.“;
der Sinn ist also eher: „Für diesen Zuspruch danke ich Ihnen, mein Herr - möge ich mich ihm als würdig erweisen (=Gefallen finden in Ihren Augen).“ Als Dankesformel deuten auch HfA, MEN, R-S.</ref>, mein Herr<ref name="höflich">''mein Herr'' + ''Magd'' - geläufige Höflichkeitsstrategie: Man spricht von sich und dem Gegenüber nicht als „ich“ und „du“, sondern in der 3. Pers. als „Magd“ und „Herr“ (vgl. z.B. Warren-Rothlin 2007, S. 62f.; z.St. auch de Waard/Nida 1992, S. 34; Gray 1967, S. 415). Der Kontrast ist hier besonders stark, da Boas Rut direkt zuvor als „meine Tochter“ angesprochen hat: Rut ist ganz außerordentlich höflich und demütig. Übersetze besser: „Möge ich Gefallen in ''Ihren'' Augen finden (dazu s. vorige FN), mein Herr, da ''Sie'' mich getröstet und zu ''meinem'' Herzen (dazu s. nächste FN) gesprochen haben.“</ref>, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magd<ref name="höflich" /> gesprochen hast<ref>''zum Herzen deiner Magd gesprochen hast'' - Idiom sowohl für „trösten“ (s. noch [[Genesis 50#s21 |Gen 50,21]]; [[Jesaja 40#s2 |Jes 40,2]]) als auch für „Mut zusprechen“ (s. noch [[2Samuel 19#s8 |2 Sam 19,8]]; [[2Chroniken 30#s22 |2 Chr 30,22]]; [[2Chroniken 32#s6 |32,6]]). Wahrscheinlich ist hier beides im Blick (so auch Campbell 1975, S. 100).</ref>. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?<ref>''Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?'' - d.h. „dabei bin ich ja nur wie eine deiner Mägde!“; ein weiteres Mal wird eine rhetorische Frage als Ausrufesatz verwendet (=> Yiqtol; in Fragesätzen wird Yiqtol des Öfteren wie Qatal verwendet; vgl. ähnlich Driver 1973, S. 108). LXX und VUL haben das wohl richtig gesehen und als positiven Aussagesatz übersetzt, LXX aber das Yiqtolverb zu wörtlich mit Futur wiedergegeben. Eine Umpunktierung von ''lo´'' („nicht“) nach ''lu´'' („wahrlich“, so Houbigant 1777, S. 259; Haller 1940, S. 10) ist unnötig; die Deutung als selbstsichere Einschränkung („Ich danke dir, dass du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - aber ich werde nicht wie eine deiner Mägde sein!“, so Köhlmoos 2010, S. 30.44; Niccacci 1995, S. 86) macht wenig Sinn.</ref>“
der Sinn ist also eher: „Für diesen Zuspruch danke ich Ihnen, mein Herr - möge ich mich ihm als würdig erweisen (=Gefallen finden in Ihren Augen).“ Als Dankesformel deuten auch HfA, MEN, R-S.</ref>, mein Herr<ref name="höflich">''mein Herr'' + ''Magd'' - geläufige Höflichkeitsstrategie: Man spricht von sich und dem Gegenüber nicht als „ich“ und „du“, sondern in der 3. Pers. als „Magd“ und „Herr“ (vgl. z.B. Warren-Rothlin 2007, S. 62f.; z.St. auch de Waard/Nida 1992, S. 34; Gray 1967, S. 415). Der Kontrast ist hier besonders stark, da Boas Rut direkt zuvor als „meine Tochter“ angesprochen hat: Rut ist ganz außerordentlich höflich und demütig. Übersetze besser: „Möge ich Gefallen in ''Ihren'' Augen finden (dazu s. vorige FN), mein Herr, da ''Sie'' mich getröstet und zu ''meinem'' Herzen (dazu s. nächste FN) gesprochen haben.“</ref>, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magd<ref name="höflich" /> gesprochen hast<ref>''zum Herzen deiner Magd gesprochen hast'' - Idiom sowohl für „trösten“ (s. noch [[Genesis 50#s21 |Gen 50,21]]; [[Jesaja 40#s2 |Jes 40,2]]) als auch für „Mut zusprechen“ (s. noch [[2 Samuel 19#s8 |2 Sam 19,8]]; [[2 Chroniken 30#s22 |2 Chr 30,22]]; [[2 Chroniken 32#s6 |32,6]]). Wahrscheinlich ist hier beides im Blick (so auch Campbell 1975, S. 100).</ref>. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?<ref>''Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?'' - d.h. „dabei bin ich ja nur wie eine deiner Mägde!“; ein weiteres Mal wird eine rhetorische Frage als Ausrufesatz verwendet (=> Yiqtol; in Fragesätzen wird Yiqtol des Öfteren wie Qatal verwendet; vgl. ähnlich Driver 1973, S. 108). LXX und VUL haben das wohl richtig gesehen und als positiven Aussagesatz übersetzt, LXX aber das Yiqtolverb zu wörtlich mit Futur wiedergegeben. Eine Umpunktierung von ''lo´'' („nicht“) nach ''lu´'' („wahrlich“, so Houbigant 1777, S. 259; Haller 1940, S. 10) ist unnötig; die Deutung als selbstsichere Einschränkung („Ich danke dir, dass du zum Herzen deiner Magd gesprochen hast - aber ich werde nicht wie eine deiner Mägde sein!“, so Köhlmoos 2010, S. 30.44; Niccacci 1995, S. 86) macht wenig Sinn.</ref>“
{{S|14}} Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“<ref>''Boas sagte zu ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“'' - so löst nur Holmstedt 2010 (gegen die Akzentuation der Masoreten) auf - „weil die masoretischen Akzente Prosodie und nicht Syntax markieren“ (S. 132). Aber Prosodie geht ja mit Syntax Hand in Hand; nach der masoretischen Akzentuation hat man doch nach der Primärübersetzung zu deuten.</ref>)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essig<ref>''Essig'' - Weinessig; aus dem rabbinischen Schrifttum geht das deutlich hervor (vgl. Löw 1928, S. 102ff; auch Dalman 1933, S. 18; Dalman 1935, S. 388). Davon, dass Erntearbeiter bei Hitze ihr Brot in Essig tunken, spricht auch LevR 34,8, da dieser „bei Hitze geeignet“ sei (Shabbat 113b; zitiert nach Zakovitch 1999, S. 120f).</ref>!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichte<ref>''reichte'' - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Offenbar verwandt sind das mischnahebräische Wort für „Henkel“, das akkadische Wort für „festhalten, greifen“ und das ugaritische Wort für „Zange“; vermutlich bezieht sich das Wort also auf den Akt des Greifens und Weiterreichens (vgl. z.B. Zakovitch 1999, S. 121).</ref> ihr Röstkorn<ref>''Röstkorn'' - Über dem Feuer geröstete Getreidekörner; ein im Alten Orient (und noch heute) verbreiteter Snack.</ref>, sie aß, wurde satt und lies übrig.
{{S|14}} Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“<ref>''Boas sagte zu ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“'' - so löst nur Holmstedt 2010 (gegen die Akzentuation der Masoreten) auf - „weil die masoretischen Akzente Prosodie und nicht Syntax markieren“ (S. 132). Aber Prosodie geht ja mit Syntax Hand in Hand; nach der masoretischen Akzentuation hat man doch nach der Primärübersetzung zu deuten.</ref>)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essig<ref>''Essig'' - Weinessig; aus dem rabbinischen Schrifttum geht das deutlich hervor (vgl. Löw 1928, S. 102ff; auch Dalman 1933, S. 18; Dalman 1935, S. 388). Davon, dass Erntearbeiter bei Hitze ihr Brot in Essig tunken, spricht auch LevR 34,8, da dieser „bei Hitze geeignet“ sei (Shabbat 113b; zitiert nach Zakovitch 1999, S. 120f).</ref>!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichte<ref>''reichte'' - Bed. unsicher (-> Hapax legomenon). Offenbar verwandt sind das mischnahebräische Wort für „Henkel“, das akkadische Wort für „festhalten, greifen“ und das ugaritische Wort für „Zange“; vermutlich bezieht sich das Wort also auf den Akt des Greifens und Weiterreichens (vgl. z.B. Zakovitch 1999, S. 121).</ref> ihr Röstkorn<ref>''Röstkorn'' - Über dem Feuer geröstete Getreidekörner; ein im Alten Orient (und noch heute) verbreiteter Snack.</ref>, sie aß, wurde satt und lies übrig.
{{S|15}} Dann stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)<ref name="V. 15">''stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)'' + ''Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)'' - Die meisten Ausleger sehen in diesem Satz eine besondere Bevorzugung Ruts durch Boas: Normalerweise sei es Nachlesern nicht erlaubt, zwischen den Garben zu sammeln; Boas aber erlaubt es ihr nicht nur, sondern verbietet sogar seinen Erntehelfern, sie dafür zu tadeln, deshalb macht Boas Rut auch dieses besondere Zugeständnis, als sie gerade aufsteht und noch in Hörweite ist. Wahrscheinlich ist es aber überhaupt keine besondere Bevorzugung, zwischen den Ähren Nachlese halten zu dürfen (s. Anmerkungen) und die besondere Bevorzugung besteht nur im Verbot des Tadelns. In diesem Falle sollte man nach den beiden alternativen Auflösungen deuten (zur Auflösung von „stand auf, um“ als „begann, zu“ vgl. bes. Dobbs-Allsopp 1995). Zumindest syntaktisch deutet so auch VUL: „Auch, wenn sie zusammen mit euch ernten will, dürft ihr es ihr nicht verbieten“ (auch EÜ; Niccacci 1995, S. 87f), und auch Midrasch Suta sieht im Verbot des Tadels die besondere Bevorzugung: „Schätzt sie nicht gering, da sie eine Königstochter ist, und scheltet nicht mit ihr, noch lasset sie verletzende Worte hören, sondern lasst sie, ohne sie zu beschämen, zwischen den Garben Ähren auflesen!“ (Üs. nach Hartmann 1901, S. 49).</ref>. Und Boas befahl seinen Jungen {indem er sagte}<ref name="Redeeinleitung" />: „Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)<ref name="V. 15" /> sie nicht beschimpfen (beschämen, verletzen)!
{{S|15}} Dann stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)<ref name="V. 15">''stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)'' + ''Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)'' - Die meisten Ausleger sehen in diesem Satz eine besondere Bevorzugung Ruts durch Boas: Normalerweise sei es Nachlesern nicht erlaubt, zwischen den Garben zu sammeln; Boas aber erlaubt es ihr nicht nur, sondern verbietet sogar seinen Erntehelfern, sie dafür zu tadeln, deshalb macht Boas Rut auch dieses besondere Zugeständnis, als sie gerade aufsteht und noch in Hörweite ist. Wahrscheinlich ist es aber überhaupt keine besondere Bevorzugung, zwischen den Ähren Nachlese halten zu dürfen (s. Anmerkungen) und die besondere Bevorzugung besteht nur im Verbot des Tadelns. In diesem Falle sollte man nach den beiden alternativen Auflösungen deuten (zur Auflösung von „stand auf, um“ als „begann, zu“ vgl. bes. Dobbs-Allsopp 1995). Zumindest syntaktisch deutet so auch VUL: „Auch, wenn sie zusammen mit euch ernten will, dürft ihr es ihr nicht verbieten“ (auch EÜ; Niccacci 1995, S. 87f), und auch Midrasch Suta sieht im Verbot des Tadels die besondere Bevorzugung: „Schätzt sie nicht gering, da sie eine Königstochter ist, und scheltet nicht mit ihr, noch lasset sie verletzende Worte hören, sondern lasst sie, ohne sie zu beschämen, zwischen den Garben Ähren auflesen!“ (Üs. nach Hartmann 1901, S. 49).</ref>. Und Boas befahl seinen Jungen {indem er sagte}<ref name="Redeeinleitung" />: „Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)<ref name="V. 15" /> sie nicht beschimpfen (beschämen, verletzen)!

Version vom 5. März 2022, 20:27 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Zuverlässige Studienfassung – Die Übersetzung ist vollständig, erfüllt die Übersetzungskriterien und wurde mit einigen Standards der Qualitätssicherung abgesichert. Verbesserungen sind noch zu erwarten.
Status: Lesefassung kann erstellt werden – Wer möchte, ist zum Einstellen einer ersten Übertragung in die Lesefassung eingeladen, die später als Grundlage für Verbesserungen dient (Weitere Bibelstellen zum Übertragen). Auf der Diskussionsseite ist Platz für Rückfragen und konstruktive Anmerkungen.

Lesefassung (Rut 2)

(kommt später)

Studienfassung (Rut 2)

1 Noomi hatte einen Verwandten (Bekannten)a ihres Mannes; einen mächtigen, fähigen Mannb aus der Sippe Elimelechsc. Sein Name war: Boas (in ihm ist Kraft, der Scharfsinnige)d. 2 Rut, die Moabiterin, sagte zu Noomi: „Ich würde [gerne] aufs Felde gehenf und an den Ähren mitleseng hinter dem, in dessen Augen ich Gefallen findeh.“ Sie sagte zu ihr: „Geh, meine Tochter!“i 3 [Also] ging und kamj und sammelte sie hinter den Schnittern an den Ähren mit.([Und das kam so: ])k
Zufällig geriet siel auf das Feldstücke des Boas, der aus der Sippe des Elimelech [war].

4 Und, siehe da: Da kam [auch schon]m Boas von Betlehem [her]. Er sagte zu den Schnittern: „JHWH [ist (sei)] mit euch!“ Und sie sagten zu ihm: „Es segne dich JHWH!“n 5 Und Boas sagte zu seinem Jungen (Angestellten)o, der über die Schnitter gestellt war: „[Zu] wem [gehört]p dieses Mädchen?“ 6 Der Junge, der über die Schnitter gestellt war, antwortete: „Ein moabitisches Mädchen [ist] sie, das mit Noomi zurückgekehrt ist aus {dem Gebiet} (von den Feldern von) Moabq.r 7 Sie hat gesagt: ‚Ich würde [gerne] lesenf und bei den Garben (in Garben, zu Garben, {bei den Garben}?, Halme?)s hinter den Schnittern [her] sammeln.‘ Und (Also) sie kam und blieb (stand, las Ähren?, kam {und blieb}?)t vom Morgen bis gerade eben; (bis jetzt, dieses/diese/jetzt/hier/hierher)t ihr Sitzen (sie macht Pause?, sie kehrt zurück?, ihr Besitz?)t im Haus (das Haus, nach Hause?, das/auf dem Feld?)t [ist (währt)] [erst] seit Kurzem.“

8 Und Boas sagte zu Rut: „Höre, meine Tochter:u Gehe nicht (du musst nicht gehen) zum Sammeln auf ein anderes Feld und ziehe auch nicht fort (du musst nicht fortziehen) von hier, sondern hänge dich hier (so:) an meine Mädchen (bleibe hier bei meinen Mädchen, du darfst bleiben).v 9 Deine Augen [seien] auf das Feld [gerichtet], das sie aberntenw. Gehe hinter ihnen (zusammen mit ihnen)x. [Hiermit] befehle ich meinen Jungenu, dich nicht anzurühren (anzugreifen, mit dir keinen Geschlechtsverkehr zu haben)? Und wenn du Durst hast, gehe zu den Gefäßen und trinke von dem, was [auch] die Jungen schöpfen!“ 10 Da warf sie sich auf ihr Gesicht und neigte sich erdenwärtsy und sagte zu ihm: „Warum [nur] habe ich Gefallen in deinen Augen gefunden,z so dass du mich [wohlgefällig] ansiehst, obwohl ich Ausländerin [bin]?“ 11 Boas anwortete {und sagte zu}aa ihr: „Berichtet {berichtet}ab wurde mir alles, was du für deine Schwiegermutter nach dem Tod deines Mannes getan hastac: [dass] du deinen Vater und deine Mutter und das Land deiner Geburt verlassen hast und zu einem Volk gegangen bist, das du vorher (gestern vorgestern)ad nicht kanntest. 12 JHWH vergelte dein Tun und dein Lohn sei voll von JHWH, dem Gott Israels, zu dem (weil) du gekommen bist, um unter seinen Flügeln Schutz zu suchen (um dich unter seinen Gewandzipfeln zu bergen)ae!“ 13 Sie antwortete: „Möge ich in deinen Augen Gefallen findenaf, mein Herrag, weil du mich getröstet und weil du zum Herzen deiner Magdag gesprochen hastah. Bin ich nicht [nur] wie eine deiner Mägde!?ai14 Boas sagte zu ihr zur Essenszeit: „Komm hierher (Boas sagte zur ihr: „Komm zur Essenszeit hierher“aj)! Iss von dem Brot und tunke deinen Brocken in den Essigak!“ - Also setzte sich sich an die Seite der Schnitter, er reichteal ihr Röstkornam, sie aß, wurde satt und lies übrig. 15 Dann stand sie auf, um zu sammeln (begann sie, zu sammeln)an. Und Boas befahl seinen Jungen {indem er sagte}aa: „Auch zwischen den Garben darf sie sammeln, und ihr dürft (wenn/auch, [wenn] sie zwischen den Garben sammelt, dürft ihr)an sie nicht beschimpfen (beschämen, verletzen)! 16 Ja, mehr noch: Ihr sollt ihr [durchaus] herausziehen {herausziehen} (herunterwerfen {herunterwerfen}?)ao aus den Handbündelnap, [es liegen] lassen und sie soll [das Liegengelassene] sammeln. Und ihr sollt sie nicht schelten!“ 17 Und so sammelte sie auf dem Feld bis zum Abend; dann kopfte sie das, was sie gesammelt hatte, ausaq - und es ergab ungefähr ein Efa (genau ein Efa, ein ganzes Efa)ar Gerste.

18 Sie hob es auf (wuchtete es hoch)as, kam in die Stadt und zeigte ihrer Schwiegermutter (ihre Schwiegermutter sah)at, was sie gelesen hat und zog heraus und gab ihr, was sie übrig gelassen hatte nach ihrer Sättigung. 19 Da sagte ihre Schwiegermutter: „Woau hast du heute gesammelt und woau gearbeitet? Es sei, der dich [wohlwollend] angesehen [hat]av, gesegnet!“
Da erzählte sie ihrer Schwiegermutter, wer [es war], bei dem sie gearbeitet hatte.
Sie sagte: „Der Name des Mannes, der [es war], bei dem ich heute gearbeitet habe, [ist]: Boas.“ 20 Da sagte Noomi zu ihrer Schwiegertochter: „Gesegnet [sei] jener von JHWHaw, der nicht von seiner Treue zu den Lebenden und den Toten abgelassen hatax (der [in] seiner Treue die Lebenden und die Toten nicht verlassen hat).“ Und dann sagteay Noomi zu ihr: „Der Mann [ist] mit uns verwandt - das heißt: Er ist unser Löser!az21 Da sagte Rut, die Moabiterin: „Dazu [kommt], dassba er zu mir gesagt hat: ‚An die Jungenbb, die mir [sind (gehören)]bc, hänge dich, bis die ganze Ernte beendet ist, die mir [ist (gehört)]bc!‘“ 22 Da sagte Noomi zu Rut, ihrer Schwiegertochter: „Gut (besser) [ist (wäre)] es, meine Tochter, wenn du mit seinen Mädchen gehst (Gut, meine Tochter! Ach, gehe mit seinen Mädchen!), sodass man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen kann (dann wird man dich auf einem anderen Feld nicht bedrängen).“

23 Also hängte sie sich an die Mädchen des Boas, um zu sammeln, bis die Gerstenernte und die Weizenernte beendet war. Dann blieb sie bei ihrer Schwiegermutter.

Anmerkungen

Rut 2 ist zum größten Teil ein Ackerbau-Kapitel. Zu näherem vgl. daher Ackerbau (Wibilex), hier folgt nur eine kleine Zusammenfassung der Abläufe bei der Ernte:
Bei der Ernte durchschritten mehrere Schnitter in einer Reihe das Getreidefeld, bündelten mit ihrer linken Hand mehrere Halme zu einem Handbündel - sog. tsebatim, s. V. 16 - und schnitten sie mit einer Sichel ab. Ihnen folgten auf dem Fuß die Garbenbinder - im Rutbuch offenbar ausschließlich weiblich -, sammelten diese Bündel und banden sie zu Garben - sog. `omarim -, die dann auf das Feld niedergelegt wurden, um am Ende der Ernte zum Dreschplatz gebracht zu werden (vgl. Dalman 1933, S. 46f).
Diesen Garbenbindern folgten dann offensichtlich die Nachleser, um ihr Leqet-Recht wahrzunehmen. Das Leqet-Recht beinhaltet, dass einzelne Ähren, die den Schnittern und Garbensammlern zu Boden gefallen waren, nicht wieder aufgehoben werden durften, sondern den Armen gehörten, die sie dann in einer sogenannten „Nachlese“ sammeln durften (s. Lev 19,9; Lev 23,22). In der Mischnabd wird dies in Pe´ah 4,10 näher ausgeführt, und den Inhalt dieser Ausführungen müssen wir wohl auch für das Rutbuch voraussetzen: Leqet sind dort ausschließlich die zu Boden gefallenen Ähren, die ein Erntearbeiter bereits in der Hand hatte und die ihm dann aus der Hand zu Boden gefallen waren - ausgenommen dann, wenn er nichts dafür konnte, dass sie ihm aus der Hand gefallen waren (z.B., weil ihn ein Dorn gestochen hatte); vgl. z.B. die Üs. im Open Mishnah Project. Aus diesem Grund auch in V. 16 Boas Rede gerade von den tsebatim („Handbündel“) und das schwer verständliche Verb (s. dort) - ob es nun „herausziehen“, „plündern“ oder „fallen lassen“ bedeuten mag: Er will unmissverständlich klar machen, dass die Erntearbeiter Rut eine zusätzliche Menge an Leqet-Ähren zuschustern sollen, indem sie das, was sie bereits in der Hand hatten, zu Boden werfen.be

Schon das ist rechtlich wohl nicht ganz astrein; vermutlich konnte Rut aber sogar prinzipiell diese Armenrechte gar nicht in Anspruch nehmen. Die mit der Ernte zusammenhängende Armenrechte werden u.a. in Lev 19,10 und Dtn 24,19 dem „Asylanten“ (ger, s. FN g zu Rut 1,1), in Dtn 24,19 der „Witwe“ (´almanah) und in Lev 19,10 dem „Armen“ zugesprochen. Frevel 1992, S. 71 denkt daher, dass Rut diese Armenrecht sogar gleich dreifach in Anspruch nehmen durfte. Doch Rut sagt in V. 10 ja selbst, dass sie die Erlaubnis Boas eigentlich nicht hätte erwarten dürfen, da sie eben keine „Asylantin“ ist, sondern eine nokrijah - eine „Ausländerin“: Moabiter hatten im Alten Israel kein Asylrecht (s. die Anmerkungen zu Rut 1). Rut wird auch im ganzen Buch nicht als ´almanah bezeichnet, sondern nur in Rut 4,5 als ´eschet-hammet („Frau des Toten“). Bei beiden Begriffen handelt es sich um Bezeichnungen für zwei verschiedene „Witwen-Klassen“: Eine ´almanah ist eine kinderlose und arme Witwe, eine ´eschet-hammet dagegen eine kinderlose Witwe mit Besitz (und eine ´ischa-´almanah wäre eine Witwe mit Besitz und Kindern; vgl. bes. Steinberg 2004, S. 334). Die Armenrechte galten nur für ´almanah-Witwen, weil diese keine andere Versorgungsmöglichkeit hatten - nicht aber für ´eschet-hammet-Witwen. Schon dieser Begriff zeigt außerdem, dass Rut auch nicht wirklich als „arm“ gelten konnte, und in der Tat sieht man dann in Kapitel 4: Noomi und Rut besitzen sogar ein eigenes Feld.
Schon mit der bloßen Erlaubnis der Nachlese wird also auch in Kapitel 2 eine rechtliche Regelung - in diesem Fall die Nachlesebestimmungen - gebeugt, was durchaus nicht unproblematisch ist: Boas schädigt mit der Gewährung des Nachleserechts ja nicht nur seinen Ertrag, sondern v.a. den derjenigen, die dieses Armenrecht tatsächlich in Anspruch nehmen durften und die darauf angewiesen waren. Und wieder wird dabei eine wesentlich „pro-moabitischere“ Haltung eingenommen, als man es vor dem Hintergrund der biblischen Regelungen eigentlich erwarten dürfte (vgl. ähnlich Braulik 1996, S. 118). Hinzu kommt dann natürlich noch die besondere Bevorzugung durch das Verbot des Anrührens, Scheltens und Schimpfens (Vv. 9.15.16), die Erlaubnis, vom Wasser seiner Knechte trinken und an ihrem Mahl teilhaben zu dürfen (Vv. 9.14) und besonders das Gebot, ihr zusätzliche Ähren zuzuschustern (V. 16).


aTextkritik: Verwandten (Bekannten) - beide Varianten finden sich in der Überlieferung des heb. Textes; u.a. haben Ketiv und LXX „Bekannter“ und Qere und VUL „Verwandter“. Die Bedeutung ist also entweder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann verwandt“ oder „Noomi war über ihren Ehemann mit einem Mann bekannt“. Fast alle - und deshalb auch wir - folgen der Variante „Verwandter“, aber man sollte doch fragen, was denn dann der Mehrwert des folgenden „er war aus der Sippe Elimelechs“ wäre. Auch lässt sich gerade wegen dieses Nachsatzes ein sekundäres Entstehen der Variante „Verwandter“ sehr viel besser erklären als der Variante „Bekannter“, und schließlich würde „Bekannter“ auch strukturell gut Sinn machen, da Boas im Verlauf des Kapitels verwandtschaftlich immer näher an Rut und Noomi heranzurücken scheint (1a: Bekannter => 1b: aus der Sippe Elimelechs => 20a: Verwandter => 20b: Goel (d.h. maximal um eine Ecke verwandt)), bis er in Rut 4,3 dann sogar als „unser Bruder“ bezeichnet wird und ihm Goel- und Schwagerehenpflichten und -rechte zugesprochen werden (s. dort), was dann der Knackpunkt des ganzen Kapitels sein wird. (Zurück zu v.1)
bmächtiger, fähiger Mann - W. isch („Mann“) gibbor („heldenhaft, stark, mächtig“) chajil („stark/fähig/wohlhabend“). Häufiger stehender Ausdruck, der fast stets für „mächtige Krieger“ steht. Weil das an unserer Stelle nicht gut in den Kontext passt, geht man meist entweder nicht von diesem stehenden Ausdruck aus, sondern von seinen einzelnen Bestandteilen, ignoriert dann auch noch häufig das gibbor und macht Boas so zu einem „(sehr) wohlhabenden/angesehenen(? - vielleicht eine Umdeutung von „heldenhaft“?) Mann“ (so z.B. ELB, FREE, H-R, LUT, MEN, NeÜ, SLT, TAF, van Ess, ZÜR), oder man leitet aus 1 Sam 9,1 und 2 Kön 15,20 ab, dass die Wendung isch gibbor chajil auch für reiche Grundbesitzer stehen könne (so viele Kommentare, auch ) - dabei ist an keiner der beiden Stellen von Grundbesitz die Rede, und auch wenn es sich dort auf Grundbesitzer beziehen würde, darf man daraus ja nicht ableiten, dass die Wendung deshalb auch „vermögender Grundbesitzer“ bedeutet.
Beide Lösungen sind also recht problematisch; vielleicht besser so: Ein isch gibbor chajil zu sein ist im Alten Israel ein stereotyper Bestandteil eines männlichen Tugendkatalogs: König David ist ein solcher, außerdem ist er schön und zudem redegewandt und musikalisch (s. 1 Sam 16,18). Ähnlich auch Jerobeam, der außerdem ein guter Handwerker ist (1 Kön 11,28) und Naaman, der außerdem von seinem Herrn geschätzt und voll der Ehre ist (s. 2 Kön 5,1); und wohl aus diesem Grund wird auch von Saul, diesem jungen, schönen und übergroßen Mann (1 Sam 9,2) angegeben, schon sein Vater sei ein isch gibbor chajil gewesen (1 Sam 9,1). In Jes 5,22 wird die Fügung sogar metaphorisch-sarkastisch für Trunkenbolde verwendet werden (heldenhafte Weintrinker und mächtige Alkoholmischer). Vielleicht heißt es an unserer Stelle also nur: „Boas ist ein mächtig starker Typ“, und ein „mächtig starker Typ“ ist nach der verbreiteten Ansicht