Syntax ungeprüft


Lesefassung (Hohelied 3)
(kommt später)Studienfassung (Hohelied 3)
1 [Frau:]〈a〉 „Auf meinem Lager in den Nächten (in der Nacht)〈b〉 suchte ich (sehnte ich mich nach dem),〈c〉
Den meine Seele liebt (den ich liebe);〈d〉
Ich suchte ihn und (aber) fand ihn nicht.
2 [Da sagte ich mir:] ‚Ich will aufstehen〈e〉 und umhergehen in der Stadt,
Auf den Straßen und auf den Plätzen!
Ich will suchen, den meine Seele liebt (den ich liebe)!‘〈d〉
Ich suchte ihn und (aber) fand ihn nicht.
3 Es fanden (ergriffen)〈f〉 mich die Wächter,
Die in der Stadt umhergingen (Umhergehenden)〈g〉
[Ich fragte sie:] ‚Den meine Seele liebt (den ich liebe),〈d〉 habt ihr [ihn] gesehen?‘
4 [Nur] Weniges [war's], dass ich an ihnen vorbeigegangen war,〈h〉
Bis dass ich fand (ergriff), den meine Seele liebt (den ich liebe).〈d〉
Ich packte ihn und wollte ihn nicht mehr los lassen,
Bis dass ich ihn gebracht hätte ins Haus meiner Mutter〈i〉
Und in die Kammer meiner Gebärerin.
5 Ich beschwöre euch, Töchter Jerusalems,
Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes:〈j〉
Entfacht nicht und facht nicht an〈k〉 die Liebe (Stört nicht den Geschlechtsverkehr?〈l〉),
Bis es ihr gefällt (solange sie begehrt)!“
Anmerkungen
| a | Das Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXX und VUL haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung. (Zurück zu v.1) |
| b | in den Nächten (in der Nacht) - W. „in den Nächten“; entweder also mehrere Nächte hintereinander oder es handelt es sich um einen sog. „pluralis compositionis“ mit Sg.-Bed. (vgl. JM §136b); dann ist nach der Alternativübersetzung zu übersetzen. Auf die Textbedeutung hat das keine Auswirkung. Viele Üss. wählen „(des) Nachts“ und lassen so beide Deutungsmöglichkeiten offen; das ist wohl die sinnvollste Übersetzungsentscheidung. (Zurück zu v.1) |
| c | suchte ich (sehnte ich mich nach dem) - baqasch heißt meist suchen; kann aber in Einzelfällen auch die Bedeutung „sich sehnen“ annehmen (vgl. z.St. Fox 1985, S. 118; Peetz 2015, S. 152 u.ö.). Sicher ist dies in unserem Vers gemeint und wird daher z.B. von Bloch/Bloch 1995 und Falk 1982 als Übersetzung gewählt; andererseits verschleierte aber diese Übersetzungsentscheidung hier, wie oft in Vv. 1-4 das Wort „suchen“ verwendet wird. Man sollte daher besser mit den meisten Üss. bei „suchen“ bleiben. (Zurück zu v.1) |
| d | den meine Seele liebt (den ich liebe) - „Seele“ hier wie meist nur als Wechselbegriff für „ich“; zu übersetzen ist daher nach der Alternativübersetzung. (Zurück zu v.1 / zu v.2 / zu v.3 / zu v.4) |
| e | tFN: Ich will aufstehen - Nicht: „Ich will bitte aufstehen“ (so z.B. Noegel/Rendsburg 2009). na´ („bitte“) ist zwar meistens eine sog. Höflichkeitspartikel, aber zu offenbar bedeutungslosem na´ in Selbstaufforderungen s. noch Gen 18,21; Ex 3,3; 2 Sam 14,15; 1 Chr 22,5. Das „Ich will doch aufstehen“ der meisten Üss. ist recht sicher falsch und darauf zurückzuführen, dass man früher häufig dachte, na´ solle größeren „Nachdruck“ auf eine Bitte legen; dagegen vgl. aber Wilt 1996, S. 239-241. (Zurück zu v.2) |
| f | fanden (ergriffen) - möglicherweise eine Antanaklasis, also die mehrfache Verwendung des selben Wortes („finden/ergreifen“) in unterschiedlichen Bedeutungen (vgl. ähnlich Ceresko 1982, S. 564). S. die Anmerkungen. (Zurück zu v.3) |
| g | die Wächter, die umhergingen - Ebenso bezeichnet in Hld 5,7, wo sie zusätzlich an die Stadtmauer verortet werden. Barbiero 2011, S. 133 und Peetz 2015, S. 155f. denken daher gut an die griechischen Peripoloi („die Umhergehenden“; zu diesen vgl. z.B. Friend 2009, S. 40-45) - eine Art mobilen Grenzschutz, der die zu bewachenden Grenzen abschritt (im Unterschied zu den stationären Wachposten). (Zurück zu v.3) |
| h | tFN: Zur etwas komplizierten Konstruktion vgl. HKL III §387d. Fast stets vereinfacht zu „Kaum war ich an ihnen vorbei, als...“, was sicher die beste Üs. ist. (Zurück zu v.4) |
| i | Haus meiner Mutter wird meist damit kommentiert, dass dieses Gebäude (?) dann verwendet würde, wenn mit der Ehe zusammenhängende Dinge erörtert werden sollten (z.B. Assis 2009, S. 99; Sparks 2008, S. 280). Verwiesen wird dazu auf Gen 24,28; Rut 1,8, unseren Vers und Hld 8,1f.. In Gen 24,28 ist aber von einer Heirat noch gar nicht die Rede. Zu Rut 1,8 s. FN x: Das „Haus der Mutter“ ist dort wohl nur der Gegensatz zum Haus der (weiblichen) Witwe Noomi. Und in Hld 8,1f. bedauert die Liebende sogar, dass ihr Geliebter nicht ihr Bruder ist, dann nämlich könnte sie ihn ins Haus ihrer Mutter bringen - an einen Heiratskontext wird hier also gerade nicht zu denken sein, sondern an Intimität. Das ist dann wahrscheinlich auch hier der Sinn des Ausdrucks: Die weibliche Liebende bringt sich in Kontinuität zu dem Geschlechtsverkehr, der zu ihrer Empfängnis führte, und daher eben mit ihrer Mutter statt ihrem Vater: Sie würde gerne Ähnliches tun (ähnlich Assis 2009, S. 100). (Zurück zu v.4) |
| j | Bei den Gazellen oder bei den Hirschkühen des Feldes - dazu vgl. bes. gut Steinmann 2013. Geschworen wurde im Alten Israel stets bei höheren „Mächten“ wie Gott, Pharao, Hohepriester etc. Zu diesen gehören Gazelle und Hirschkuh nicht. Auch das „des Feldes“ ist auffällig; in der Bibel ist dies ein Idiom für „wilde Hirschkühe“; Hirschkühe wurden aber nicht gezähmt, so dass diese nähere Ausführung überflüssig scheint. tseba´oth („Gazellen“) und ´ajelot haßadeh („Hirschkühe des Feldes“) (צבאות ... אילות השדה) wird hier also wahrscheinlich deshalb verwendet, weil es lautlich und im Schriftbild an die beiden Gottesbezeichnungen [JHWH] tseba´ot („JHWH der Mächte“) und ´el schaddaj (Bed. unsicher; vielleicht „Gott vom Berge“ und „Gott der Wildnis“; vgl. DDD, S. 749f) (צבאות ... אל שדי) erinnert; „ein erstes Zeichen der Tendenz, die in der talmudischen Zeit wichtig wurde, für Namen und Titel Gottes in Schwüren verschiedene, manchmal [gar] bedeutungslose Worte wie [...] ‚beim Fischnetz‘ oder [...] ‚beim Leben der Sommerfrucht‘ einzusetzen.“ (Fox 1985, S. 110). „Gazelle“ und „Hirschkuh“ passen sogar noch recht gut zum Kontext, weil sie auch an anderen Stellen der Bibel mit Liebe in Zusammenhang gebracht werden (s. Spr 5,18f.; Hld 4,5; 7,3; vgl. Steinmann 2013, S. 30). (Zurück zu v.5) |
| k | Entfacht nicht und facht nicht an die Liebe - W.: „Wenn ihr entfacht und wenn ihr anfacht die Liebe...!“; unabgeschlossee Drohformel als häufige Formel für Verbote. Das selbe Verb wird in zwei verschiedenen Konjugationen verwendet: Figura etymologica, die den Ausdruck noch stärker macht. (Zurück zu v.5) |
| l | Stört nicht den Geschlechsverkehr - so einige neuere Exegeten (z.B. Falk 1982, S. 116; Fox 1985, S. 109); aber das Verb kann nicht „stören“ oder „unterbrechen“ bedeuten. (Zurück zu v.5) |