Hohelied 1

Aus Die Offene Bibel

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Lesefassung (Hohelied 1)

(kommt später)

Studienfassung (Hohelied 1)

1Das Lied der Lieder,a welche [sind] (welches [ist])b von (für, über, nach Art von) Salomon

t

2 [Frau:]c „Er küsse mich mit Küssen (mit einigen von den Küssen) seines Mundes!d
Oh!, (Denn) deinee Liebkosungenf [müssen] besser [sein] ([sind] besser)g als Wein;h
3 Als der Geruch [deiner] Ölei (deiner Öle)j [müssen sie] besser [sein] (An Geruch/zum Riechen [sind] [deine] Öle gut):
Öl, [das] ausgegossen wird, ist dein Name (bist du selbst)!k
Darum lieben dich die jungen Frauen.


4 Zieh mich! Hinter dirl wollen wir [ja alle] herrennen!
Der Königm bringt miche in seine Zimmer!
Wir wollen [ja alle] jubeln und uns freuen über dich,
Wir wollen deine Liebkosung mehr als Wein preisen.h
Die Gerechten (mit Recht?)n lieben dich.“


o


5 [Frau:]c „Schwarz [bin] ich, aber [trotzdem] (und) schön, [oh] Töchter Jerusalems!p
Wie die Zelte Kedars,q wie die Zelter Salomos!s
6 Seht nicht auf mich herab, (Wollt ihr mich nicht ansehen...!?t) weil ich so schwarzu [bin],
Weil die Sonne auf mich geblickt hat!
Die Söhne meiner Mutterv waren gegen mich entbrannt;w
Sie haben mich zur Hüterin der Weinberge gemacht -
Meinen Weinberg, der mein [ist], habe ich nicht gehütet.“


o


7 [Frau:]c „Sag mir, [du,] den meine Seele liebt,x
Wo du weiden wirst,
Wo du lagern lassen wirst am Mittag,
Damit ich nicht sein muss (werde) als Verschleierte (wie eine Wandernde)y
Bei [den] Herden deiner Gefährten!“


8 [Mann (Töchter Jerusalems):]cz „Wenn du es {dir} nicht wissen wirst,
Schönste unter den Frauen,
Folge {dir} den Spuren der Schafe
Und weide deine Zicklein (Brüste?aa)
Bei den Zelten der Hirten!“


o


9 [Mann:]c „Pferden (meinen Pferden, einer Stute, meiner Stute)ab vor den Wagen des Pharao
Vergleiche ich dich (mache ich dich gleich), meine Freundin!ac
10 Lieblich sind (wären) deine Wangen (Backen) zwischen den Ketten (in Zaumzeug),ad
Dein Hals zwischen den Perlen (?).ae
11 Goldene Ketten (Goldenes Zaumzeug)ad will ich (wollen wir)af dir machen [lassen],
Mit Punkten aus Silber!“ag


o


12 [Frau:]c „Solange (bis [dorthin], wo) der Königm auf seiner Couchah [ist],
Gibt meine Nardeai ihren Duft.
13 Ein Myrrhensäckchenaj [ist] mir mein Geliebter,
Ruhendak zwischen meinen Brüsten.
14 Eine Hennadoldeaj [ist] mir mein Geliebter
Aus den Weinbergen von En-Gedi.“al


o


15 [Mann:]c „Siehe! (Fürwahr!), schön [bist du, (ist)] meine Freundin!ac
Siehe! (Fürwahr!), schön [bist du (ist)]! Deine Augen [sind] Tauben ([wie die von] Tauben)!“am


16 [Frau:]c „Siehe (Fürwahr!), schön [bist du, (ist)] mein Geliebter; ja, lieblich;
Ja, unser Bett [ist] grün:
17 Die Balken unseres Hauses (unserer Häuser)an [sind] Zedern (Zedernholz),
Unsere Täfelung (unser Balken) [sind] Zypressen (Zypressenholz).“

Anmerkungen

Das Hohelied ist eine Sammlung von Liebesliedern, die miteinander nur in „lockerem Zusammenhang“ (Krinetzki 1964Krinetzki, Leo, OSB: Das Hohe Lied. Kommentar zu Gestalt und Kerygma eines alttestamentlichen Liebeslieds. Düsseldorf, 1964., S. 80) stehen. Die vielen Wort-, Satz- und Motiv-Wiederholungen im Verlauf des Hoheliedes legen aber nahe, dass mindestens einige dieser Lieder vom selben Autor stammen. In die selbe Richtung weisen stilistische Züge, die vielen der Lieder gemeinsam sind, z.B. die gehäufte Verwendung seltener, oft aus dem Aramäischen stammender Wörter oder die ungewöhnliche Häufung von Assonanzen.ao Dazu passt auch, dass durch die acht KapitelEin Teil von einem Buch. hindurch nur drei Sprecher-„typen“ identifizierbar sind: Frau, Mann und die immer wieder auftretenden „Töchter Jerusalems“. Und auch die Tatsache, dass viele eigentlich voneinander unabhängige Lieder durch ähnliche Motive mit den jeweils benachbarten Liedern zusammenhängen, führt dann zum selben Schluss: Das Hohelied ist ein einheitliches Werk. „Natürlich handelt es sich hierbei nicht um eine narrative Einheitlichkeit, sondern eine lyrische Einheitlichkeit.“ (Barbiero 2011Barbiero, Gianni: Song of Songs. A Close Reading. Leiden / Boston, 2011., S. 18; ähnlich z.B. Exum 1998Exum, J. Cheryl: Developing Strategies of Feminist Criticism/Developing Strategies for Commentating the Song of Songs, in: David J. A. Clines / Stephen D. Moore: Auguries. The Jubilee Volume of the Sheffield Department of Biblical Studies. Sheffield, 1998., S. 230-232). Dem heutigen Leser legt sich das ohnehin nahe, denn die Überschrift zeichnet das ganze Buch aus als „Lied“ - im Singular.
Für diese Anmerkungen heißt das: Die Lieder sind als selbständige Einheiten zu erläutern. Da sie aber nicht zufällig an dem Ort stehen, an dem sie stehen, ist bei ihrer Erläuterung jeweils auch der nähere und weitere Kontext zu berücksichtigen.


V. 1 nennt man die „Überschrift“ des Hoheliedes. Wahrscheinlich gehört sie wie die Psalmüberschriften nicht ursprünglich zum Text, sondern ist später hinzugefügt worden. Dahin weist vor allem, dass eine andere Relativpartikel („welche“) verwendet wird als im restlichen Hohelied, nämlich ´ascher statt sche. Diese Zuschreibung des Hoheliedes an Salomo ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass dieser mehrfach im Hohelied erwähnt wird, dass er nach biblischer Überlieferung ganze 1005 Lieder verfasst hat (s. 1 Kön 5,12) und ein gewaltiger Frauenheld war (s. 1 Kön 11,3; so gut Exum 2005Exum, J. Cheryl: Song of Songs. A Commentary. Louisville/Kentucky, 2005., S. 89).


Das erste Lied (Vv. 2-4) ist ein Sehnsuchtslied eines „keuschen“ Mädchens, das offenbar noch nicht einmal ihren ersten Kuss von ihrem Geliebten empfangen hat und sich in das Zusammensein mit ihm hineinträumt. Die Tatsache, dass auch viele andere Mädchen in ihren Angebeteten verliebt sind, stört sie nicht; in ihren Augen steigert sie sogar nur noch, wie begehrenswert ihr Geliebter ist. Dieses Motiv findet sich des öfteren in ägyptischen Liebesliedern. Im Lied „Der Spaziergang“ zum Beispiel preist ein Liebender sein Mädchen mit den Worten: „Sie macht, dass alle Männerköpfe sich wenden, wenn sie sie sehen.(Üs. nach COS I, S. 128).


Auch das zweite Lied (Vv. 5-6) ist ein Sehnsuchtslied, allerdings eines ganz anderer Art. Während das erste vor allem im Modus des Träumens vom Geliebten spricht, ist im zweiten Lied von einem Geliebten auf den ersten Blick nicht mal die Rede; die Sprecherin spricht hauptsächlich von sich und ihrer dunklen Hautfarbe.ap „Schwarz bin ich, aber trotzdem schön!“, sagt sie; und: „schaut nicht auf mich herab, weil ich so schwarz bin“, und fügt dann noch eine Erklärung an, wie es zu dieser ihrer schwarzen Hautfarbe kam. Grund dafür ist, dass eine schwarze Hautfarbe nicht dem damals geltenden Schönheitsideal entsprach (s. Hld 5,10; bes. auch Klgl 4,7f.). Auch hierfür finden sich häufig Parallelen v.a. in griechischen Texten. Z.B. heißt es in einem Epigramm von Asklepiades:

Und wenn sie [=Didyme] auch dunkel gefärbt ist: Was macht das? Das gilt auch für Kohlen, doch wenn man jene
entzündet, leuchten sie wie Rosenknospen!(AS V 210)aq

Auf den ersten Blick scheint also das zweite Lied eine Selbstverteidigung zu sein: Man soll doch nicht auf sie herabsehen, weil sie so schwarz ist; sie ist schwarz und trotzdem schön! So versteht das Lied z.B. gut Hunter 2000Hunter, Jannie H.: The Song of Protest: Reassessing the Song of Songs, in: JSOT 90, 2000. S. 109-124., S. 122f. - doch wäre dann schwer verständlich, was ein solches Lied in einer Sammlung von Liebesliedern zu suchen hätte. Der Schlüssel zum richtigen Verständnis findet sich in der Struktur von V. 6, wo auffällig das Pferd scheinbar von hinten aufgezäumt wird: „Ich bin schwarz - das deshalb, weil die Sonne auf mich geblickt hat - das deshalb, weil meine Brüder mir gezürnt und mich zur Weinbergshüterin eingesetzt haben - das deshalb, weil ich „meinen Weinberg, der mir gehört“, nicht gehütet habe.“ Das ganze Lied mündet auf diese Weise in den auffälligen Satz „Meinen Weinberg, der mir gehört, habe nicht gehütet.“ Auffällig ist er erstens wegen der unnötigen Wiederholung der Besitzangabe: „Mein Weinberg, der mir gehört“. Auffällig ist er außerdem, weil es ja Unsinn wäre, wenn die Brüder die Sprecherin zur Weinbergshüterin gemacht hätten, nachdem sie schon ihren eigenen Weinberg nicht gehütet hatte. Und auffällig ist er schließlich, weil eine Frau gar kein Land haben konnte, wenn es in ihrer Familie gleichzeitig erbberechtigte Brüder gab (s. Erbe/Erbrecht (AT) (WiBiLex)). „Mein Weinberg, der mir gehört“ ist daher sicher symbolisch zu verstehen. Hinweis darauf, wie er er zu verstehen ist, ist erstens das „Lied vom Weinberg“ in Jes 5,1-7, wo der „Weinberg“ Symbol für Israel, die Geliebte Gottes, ist, und zweitens Hld 8,8-12, wo gleichfalls von den „Brüdern“ und dem „Weinberg“ die Rede ist und sogar die die auffällige Formulierung „mein Weinberg, der mir [gehört]“ sich wieder findet: Auch dort ist der Weinberg Symbol für den Geliebten der Sprecherin. So ist der Weinberg also wahrscheinlich auch hier zu verstehen;ar Vv. 5-6 und Hld 8,8-12 handeln von den selben Zusammenhängen (s. dort): Die Brüder der Sprecherin haben ihre Schwester „aus dem Verkehr gezogen“, indem sie sie zur Weinbergshüterin machten, weil sie sich aus ihrer Verheiratung Gewinn versprachen. Auf diese Weise haben sie sie auch von „ihrem Weinberg, der ihr gehört“, getrennt: Von ihrem Geliebten. Symbol für diese Trennung ist die dunkle Hautfarbe, die die Sprecherin durch ihren Aufenthalt in den Weinbergen nun hat, und während sie im zweiten Lied vordergründig diese ihre dunkle Hautfarbe beklagt, zeigt die letzte Zeile, wofür diese dunkle Hautfarbe eigentlich steht: Den Verlust ihres Geliebten.


Das dritte Lied (Vv. 7-8) ist ein Rendezvous-antrag einer Ziegenhirtin an einen Schafhirten, mit dem ein mittägliches Stelldichein organisiert werden soll. Schon sprachlich ist der Text als Dialog erkennbar, denn ganz auffällig fehlt hier jegliches Merkmal für hebräische Lyrik; stattdessen wird sehr prosaisch zweimal ein einzelner Satz durch Enjambements in jeweils fünf Zeilen aufgeteilt.
Hirten machten um die Mittagszeit Rast und ließen ihr Vieh weiden; da also wäre es dem Päärchen möglich, sich einander zu widmen - wenn sie nur zueinander fänden. Denn dies war leichter gesagt als getan: Weibliche Hirten konnten ihre Tiere vermutlich nur in Dorfnähe weiden (s. gleich und vgl. AuSDalman, Gustav: Arbeit und Sitte in Palästina I-VI. Links unter https://goo.gl/EceSwG VI, S. 213.232), daher versteht es sich, dass sie nicht weiß, wo sich ihr Geliebter aufhält; zumal Hirten bisweilen beträchtliche Wege zurücklegen müssen konnten, um ihr Vieh vom Nachtlager zum mittäglichen Weideplatz zu bringen.
Damit, dass sie dennoch zu ihm kommen möchte, nimmt sie ein nicht geringes Risiko auf sich: Vor allem unverschleiert umherlaufende Frauen liefen Gefahr, mindestens belästigt zu werden, wenn sie ohne Begleitung auf fremde Männer stießen. Im Koran (Al-Ahzab 33,59) etwa wird das Kopftuchgebot gerade damit begründet: „Oh ProphetDiese Menschen kennen Gott genau. Propheten tun den Willen von Gott. Manche Menschen denken: Propheten können auch Wunder tun.! Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen ihre Übergewänder reichlich über sich ziehen. So ist es am ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und nicht belästigt werden.“ „Erkannt werden“ sollen sie vermutlich als zu einem muslimischen Mann gehörig: Der Brauch, eine Frau bei ihrer Hochzeit zu verschleiern, war im ganzen Alten Orient verbreitet (vgl. gut van der Toorn 1995van der Toorn, Karel: The Significance of the Veil in the Ancient Near East, in: David P. Wright u.a.: Pomegranates and Golden Bells. Studies in Biblical, Jewish, and Near Eastern Ritual, Law, and Literature in Honor of Jacob Milgrom. Winona Lake, 1995.), und die Verschleierung als Zeichen dafür, dass eine Frau vergeben und nicht zu belästigen ist, haben wir uns wohl auch für die BibelDie Bibel ist das Buch über Gott. zu denken. So verschleiert sich Rebekah in Gen 24,65 erst, als sie in die Sichtweite ihres künftigen Ehemanns kommt, und in der Geschichte von Tamar ist der Schleier der Gegensatz zu ihrer Witwenkleidung: Da legte sie die Witwenkleidung ab und bedeckte sich mit einem Schleier und verschleierte sich... Danach ging sie los, legte ihren Schleier ab und zog ihre Witwenkleidung an. (Gen 38,14.19):

„In early Oriental tradition the veil symbolized a state of distinction and luxury rather than feminine modesty. [...] It bespoke woman's inaccessibility not so much in a sexual sense but as a sanctified possession of her husband.“ (Brayer 1986Brayer, Menachem M.: The Jewish Woman in Rabbinic Literature. A Psychological Perspective. Hoboken, 1986., S. 139)

Wahrscheinlich ist dies der Hintergrund für des „als Verschleierte“ in V. 7: Die Hirtin fürchtet, statt auf ihren Geliebten auf andere Hirten zu stoßen, von denen sie als allein durch die Gegend ziehendes, unverheiratetes Mädchen belästigt werden könnte, wogegen sie sich nur schützen konnte, indem sie durch Verschleierung die Verheiratete spielte. In etwa die selbe Bedeutung hätte es, wenn man der Textvariante „wie eine Wandernde“ folgt: Sie hat Angst, auf ihrer Wanderung in die Nähe der anderen Hirten zu kommen.as
Die Lösung ist einfach: Wenn sie seinen Weideplatz bis dahin nicht herausbekommen hat, soll sie den deutlich erkennbaren Spuren des Viehs zu den Zelten der Hirten folgen, also ihren Nachtlagern (AuSDalman, Gustav: Arbeit und Sitte in Palästina I-VI. Links unter https://goo.gl/EceSwG VI, 232.249) - dem einzigen Ort, wo mit Sicherheit um die Mittagszeit keiner der Hirten anzutreffen sein wird. Dort wird ein mittägliches Stelldichein möglich sein, ohne dass das Mädchen von anderen Hirten belästigt wird (so gut Gerhards 2010Gerhards, Meik: Das Hohelied. Studien zu seiner literarischen Gestalt und theologischen Bedeutung. Leipzig, 2010., S. 330f.; Rudolph 1962Rudolph, Wilhelm: Das Buch Ruth. Das Hohe Lied. Die Klagelieder. Gütersloh, 1962., S. 126).


Beduinin mit Kopfschmuck. Fotograf unbekannt.
Vv. 9-11 lassen sich auf zwei Weisen verstehen. In der Regel hält man es für ein Bewunderungslied: der Sprecher preist die durch ihren Schmuck noch unterstrichene Schönheit seiner Geliebten, indem er sie mit prächtig geschmückten Pferden vergleicht. Ab V. 10 spricht er also nicht mehr von Pferden, sondern von seiner geschmückten Geliebten, und begeistert beschließt er in V. 11, ihr noch exquisiteren Schmuck anfertigen zu lassen. Vergleichen könnte man dann z.B. folgendes Liebesgedicht von Nabû und Tašmetu:
[Tašmetu:] „Mein Herr, steck mir einen Ohrring an;
Lass mich dir im Garten Lust bereiten!
Nabû, mein Herr, steck mir einen Ohrring an,
Lass mich dir in der Schreibschule Lust bereiten!“
[Nabû:] „Meine Tašmetu, ich werde dir Reifen aus Karneol anstecken!
... deine Reifen aus Karneol!“ (Üs. nach Nissinen 1998Nissinen, Martti: Love Lyrics of Nabû and Tašmetu: An Assyrian Song of Songs?, in: Manfred Dietrich / Oswald Loretz: „Und Mose schrieb dieses Lied auf“. Studien zum Alten Testament und zum Alten Orient. FS Oswald Loretz. Münster, 1998. S. 585-634., S. 588),

und bei dem geschilderten Schmuck könnte man dann an etwas denken wie den rechts abgebildeten Beduinen-Kopfschmuck.
Dass aber auch im alten Israel solcher Kopfschmuck getragen worden wäre, ist nicht belegt. Und auch das zweimal verwendete Wort tor (s. FN ad) findet sich sonst nicht mehr als Bezeichnung für Frauenschmuck. Dafür findet sich das verwandte Wort tr zweimal in der ugaritischen Literatur im Zusammenhang mit Pferdewägen, es scheint sich dabei also um etwas zu Pferde zu handeln (vgl. Pope 1977Pope, Marvin H.: Song of Songs. A New Translation with Introduction and Commentary. New York u.a., 1977., S. 343).
Das Pferd als Paradigma für Pracht findet sich zwar auch in Ijob 39,19-25; ein Vergleich einer Geliebten mit Pferden findet sich in der altorientalischen Literatur sonst offenbar nicht mehr. Dafür aber häufiger in der griechischen Literatur; man vergleiche z.B. Theokrits 18. Idylle:

Fruchtbarem Ackergefilde zum Schmuck prunkt hochauf die Saatflur,
Und die Kypresse im Garten, das Thessaler-Roß an dem Wagen:
So Lakedämon zum Schmuck ist der Helena rosiges Prangen.(Vv. 30f.; Üs.: Mörike/Notte).

Dies zusammennehmend vergleiche man nun mit unserem Lied Anakreons Gedicht an ein thrakisches Fohlen, mit dem sehr wahrscheinlich ein Mädchen gemeint ist:

Thrakisch Füllen, warum wirfst du doch
auf mich so schräge Blicke?
Grausam fliehst du mich, du traust
mir wohl des Klugen wenig zu?
Aber wisse nur, ich wollte
dich aufs allerbeste zäumen,
Und dich fest im Zügel haltend lenken
um das Ziel der Bahn.
Jetzt noch weidest du im Grünen,
spielst umher in leichten Sprüngen,
Denn es mangelt noch ein Reiter,
der der Schule kundig ist.(Üs.: Mörike)at

Es ist sehr gut möglich, dass unser Lied besser entsprechend diesem Gedicht von Anakreon zu verstehen ist: Der Sprecher möchte seine Angebetene den „Pferden vor den Wägen des Pharao“ - also Kriegspferden; ähnlich wilden Pferden wie thrakische Pferde (die von den Thrakern ebenfalls vor ihre Streitwägen gespannt wurden) - gleich machen (V. 9), nämlich indem er sie sich durch Zügel zähmt (V. 11). Wie gut gefiele sie ihm doch in solchen Zügeln (V. 10)! Zu den „goldenen Zügeln mit Perlen“ vgl. man dann folgende Zeilen aus einem jerusalemer Klagelied auf den Tod einer jungen Frau:

O die junge Stute, unter den Pferden eine schnell eilende,
ihre Zügel sind mit Perlen und Korallen besetzt.(Üs.: Littmann);

außerdem folgende Zeilen aus einem arabischen Lied:

Vor dem Zelte des jungen Fürsten
steht eine junge Stute mit weißem Stirnmal
und angeschirrt mit Gold,
sie wird nicht in die Wüste hinausgelassen.(Üs.: Musil)


Das fünfte Lied (Vv. 12-14) ist ein Bewunderungslied, in dem die Sprecherin den Duft ihres Geliebten preist. Für ein ganz ähnliches Motiv s. das Eigenlob der Weisheit in Sir 24,15; auch oben Hld 1,3. Während man in V. 12 noch denken könnte, die Sprecherin preise ihren eigenen Duft, der bis zum König dringt, machen Vv. 13-14 klar: „der König“, „meine Narde“, „ein Myrrhensäckchen“ und „eine Hennadolde“ sind alles Ausdrücke für den wunderbar duftenden Geliebten, der auf seiner Couch so nahe bei ihr liegt, dass man ihn mit dem „Myrrhensäckchen zwischen ihren Brüsten“ vergleichen kann.


Columbarium in Hirbat Midras
Mosaik, 1. Jh.; Palästina: Ägyptisches Columbarium. (c) Zissu, Boaz: This Place is for the Birds, in: BAR 35/3, 2009.
Die nächsten drei Verse sind die erste Strophe des sechsten Liedes (Hld 1,15-2,7).au Motivisch ist es eng mit dem vorigen Lied verwandt, wo der Geliebte mehrfach als duftende Pflanze beschrieben wurde: auch von Hld 1,15-2,7 ist das vereinigende Motiv die Veschmelzung von menschlicher und „pflanzlicher“ Dimension. In Vv. 15-17 wird das Liebesnest des Päärchens unter Zedern und Zypressen zu ihrem Palast. Vv. 1-3 werden beide Geliebten zu Blumen; Vv. 2-3ab wiederholen dabei auf dieser metaphorischen Ebene die Aussagen von Vv. 15-16a.av Und in Vv. 4-7 wird das „Haus“ noch einmal umdefiniert zum „Weinhaus“ und die Vereinigung des Päärchens zu „Traubenkuchen und Aprikosen“.

Mit dieser Vereinigung in der Wildnis wird natürlich ein Tabu gebrochen; man vgl. z.B., wie die Mutter in 4 Makk 18,7f. ihre eigene Tugend herausstellt:

Ich war eine keusche Jungfrau und überschritt nicht die Schwelle meines Vaterhauses: Im Gegenteil hütete ich die ausgebaute Rippe [gemeint ist der weibliche Körper; s. Gen 2,21f.]: Mich schändete kein Verderber in der Wildnis/an einsamen Ort, kein Schänder auf dem Feld; auch durch Betrug vedarb mir kein Verderber die Keuschheit meiner Jungfräulicheit gleich der Schlange [, als diese Eva verführte, s. Gen 3,13].


Was in Hld 1,15-2,7 geschildert wird, wiederspricht jeder israelitischen Tugendvorstellung. Dass man sich davor hüten muss, diese Strophen als eine Art Hochgesang auf die freie Liebe aufzufassen, zeigen ohnehin deutlich die letzten Verse des Liedes.

Hld 1,15-17 ist sehr ekstatisch gesprochen, sowohl das dreimalige „Siehe/Fürwahr!“ als auch das zweimalige „Ja!“ dienen dazu, die Aussagen noch stärker zu machen: Es handelt sich hier nicht um nüchterne Lobessprüche, sondern jubilierende Lobpreisungen der Schönheit des jeweils anderen.
„Meine Freundin, du bist schön“, beginnt der Mann, und: „Deine Augen sind Tauben“. Wie diese Metapher zu verstehen ist, ist umstritten. „Aus dem Kontext können wir jedenfalls sicher darauf schließen, dass [sie] als Kompliment [gemeint] ist“ (Longman 2001Longman III, Tremper: Song of Songs. Grand Rapids, 2001., S. 108) und offenbar mit der Schönheit der Geliebten zusammenhängt. Das Bild der Geliebten als „Taube“ findet sich noch öfter im Hohelied: In Hld 2,14 wird die Geliebte selbst als „Taube in den Felsspalten, im Versteck in der Felswand“ bezeichnet, und in Hld 4,1 wird unser V. 15 noch einmal auführlicher wiederholt: „Deine Augen sind wie Tauben hinter deinem Schleier.“ Auch in unserem KapitelEin Teil von einem Buch. war wenige Verse zuvor vom Schleier die Rede.
Weil Tauben gefragte Opfertiere waren und zum Beispiel auch bei der Seefahrt verwendet wurden, züchtete man sie in sog. „Columbarien“; zwei schöne Abbildungen kann man rechts betrachten. Entweder sind mit den „Felsspalten, dem Versteck in der Felswand“ diese gemeint oder ihre natürliche Variante, also natürliche Höhlen im Fels, in die Tauben sich zurückziehen. Lässt man sich beim Verständnis unseres Verses von Hld 2,14; 4,1 leiten, müsste man so erklären, dass das Hervorblicken der Augen der Geliebten von hinter ihrem Schleier (natürlich) als schön und reizend empfunden wurde, daher besungen wird und zu diesem Zweck gleichgesetzt wird mit der aus ihrem Felsversteck hervorspitzenden Taube.
Die Geliebte gibt das Kompliment zurück: „Auch du bist schön, mein Geliebter!“. Die folgenden Zeilen machen klar, woher die ekstatische Stimmung rührt: Die Liebenden liegen beieinander in einem Liebesnest unter Bäumen. Passend wird daher im letzten VersEin Teil in einem Kapitel. auch dieses gepriesen und metaphorisch zum Königspalast überhöht (Zu Zedern und Zypressen als königliches Bauholz s. 1 Kön 5,22.24; zu Zedern noch 2 Sam 7,2; zu Zypressen noch 1 Kön 6,15).

aLied der Lieder - Eine der Weisen, im Heb. einen Superlativ zu bilden: „Das schönste Lied“. (Zurück zu v.1)
bwelche [sind] (welches [ist]) - der Nebensatz lässt sich entweder auf das Lied („Salomo hat dieses schönste aller Lieder geschrieben“) oder auf der Lieder beziehen („Dieses Lied ist das schönste von Salomos Liedern“). Diese zweite Auflösung ist wahrscheinlicher, da für die erste Auflösung die Relativpartikel welche(s) unnötig wäre (s. die vielen Psalmüberschriften ohne Relativpartikel; so richtig Rudolph 1962Rudolph, Wilhelm: Das Buch Ruth. Das Hohe Lied. Die Klagelieder. Gütersloh, 1962., S. 121). (Zurück zu v.1)
cDas Hohelied besteht zu einem großen Teil aus Dialogen. Das Verständnis des Textes wird sehr dadurch erschwert, dass im hebräischen Text nie angegeben ist, wer welche Textteile spricht. Schon in der LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. haben daher Schreiber sog. „Rubriken“ eingefügt, also mit roter Tinte geschriebene Angaben darüber, welchem Sprecher welche Äußerung zuzuschreiben ist (vgl. dazu Treat 1996Treat, Jay Curry: Lost Keys: Text and Interpretation in Old Greek "Song of Songs" and Its Earliest Manuscript Witnesses. 1996. Frei zugängliche Penn Dissertation; online unter: http://goo.gl/4iWlL4, bes. S. 399ff.). Zur Förderung der Verständlichkeit der Üs. folgen wir diesem Beispiel; nur dort, wo in der Exegese größere Uneinigkeit über die Zuordnung einer Äußerung zu einem Sprecher herrscht, folgt darauf noch eine Extrafußnote zur Begründung dieser Zuordnung. (Zurück zu v.2 / zu v.5 / zu v.7 / zu v.8 / zu v.9 / zu v.12 / zu v.15 / zu v.16)
dKüsse seines Mundes - die Extra-nennung von „seines Mundes“ ist nicht überflüssig, da im Alten Orient auch der Nasenkuss verbreitet war: das Aneinanderreiben der Nasen als Zeichen der Zuneigung, wie wir das heute noch als „Eskimokuss“ kennen. Intimer war aber der Mundkuss (vgl. Fox 1985Fox, Michael V.: The Song of Songs and the Ancient Egyptian Love Songs. Madison, 1985., S. 97), und dieser wird hier ersehnt.
Das mi- („mit / mit einigen von“) ist daher eher ein sog. „Min instrumenti“ („Er soll mich mit Mund-küssen küssen!“) als ein „Min partitivum“ (Einige der Küsse seines Mundes sollen auch mich treffen“). (Zurück zu v.2)
edeine (V. 2) + der König (V. 4) - Die Wechsel von der 3. zur 2. Person in V. 2 (Er küsse mich“ - „Deine Liebkosungen“) und von der 2. zur 3. Person und wieder zurück in V. 4 (Zieh“ - „Der König bringt“ - „über dich) werden von den meisten Exegeten als P-Shifts verstanden: Im Heb. kann von einer Zeile auf die nächste von einer Person zur nächsten gewechselt werden, ohne, dass dies einen Unterschied in der Bedeutung machen soll. Zu übersetzen wäre dann auch in Vv. 2-3 durchgehend mit der 3. und in V. 4 durchgehend mit der 2. Person. Da aber in Vv. 2f. auch in den nächsten Zeilen mit der 2. Person fortgefahren wird, sind Personenwechsel besser mit Peetz 2015Peetz, Melanie: Emotionen im Hohelied. Eine literaturwissenschaftliche Analyse hebräischer Liebeslyrik unter Berücksichtigung geistlich-allegorischer Auslegungsversuche. Freiburg i.Br., 2015., S. 65f.; Zakovitch 2004Zakovitch, Yair: Das Hohelied. Freiburg/Basel/Wien, 2004., S. 110 zu erklären: Sie sollen das jeweils Folgende als Phantasie erscheinen lassen: „Die Frau träumt im Wachen: Ihre Sehnsucht nach dem ‚König‘, dem Geliebten, ist so groß, dass sie sich bei ihm wähnt“ (Zakovitch 2004Zakovitch, Yair: Das Hohelied. Freiburg/Basel/Wien, 2004., S. 110). (Zurück zu v.2 / zu v.4)
fLiebkosungen - Eher nicht: „Liebe“ (so viele Üss.); dod meint md. im Hohelied recht eindeutig sexuelle Handlungen (vgl. z.B. Bloch/Bloch 1995Bloch, Ariel / Chana Bloch: The Song of Songs. A New Translation with an Introduction and Commentary. New York, 1995., S. 3.137). (Zurück zu v.2)
g[müssen] besser [sein] ([sind] besser) - Dass in der ersten Zeile die Küsse des Geliebten ersehnt werden, heißt wahrscheinlich, dass die Frau ihn zuvor noch nicht geküsst hat. Darauf weist auch, dass die Tatsache, dass seine Küsse besser sind als Wein, Grund für alle Mädchen ist, ihn zu lieben (sie werden es doch wohl nicht alle am eigenen Leib erfahren haben?). S. außerdem noch Hld 8,1, wo die Frau wünscht, ihr Geliebter wäre ihr Bruder, so dass sie ihn küssen könnte: Andernfalls wäre ihr dies nicht möglich. Der verblose Satz ist daher besser als Vermutung zu verstehen (sog. „epistemische Modalität“ (Vermutungen, Einschätzungen etc.) wird im Heb. nicht eigens markiert und muss daher aus dem Kontext erschlossen werden (vgl. z.B. Lauber 2008-2011Lauber, Stephan: Irrealität im Althebräischen als Ausdrucksfunktion der Semantik, in: ZAH 21-24. 2008-2011. S. 55-73.) - anders als im Dt., wo hierfür z.B. Hilfsverben wie „müssen“, „dürfen“ etc. oder Modalpartikel wie „wahrscheinlich“, „vermutlich“ etc. dienen). (Zurück zu v.2)
hWein ist hier ein Symbol für das sehr Gute, das nur durch die „Liebkosungen“ des Geliebten noch übertroffen wird. Zu V. 2 s. ganz ähnlich Sir 40,20. V. 4 meint dann etwas wie „Mehr preisen, als wir Wein preisen würden“, nämlich eben, nachdem der Angebetete ihnen Grund zu diesem Preis gegeben hat. (Zurück zu v.2 / zu v.4)
iÖle - das altisraelitische Pendant zu Parfumen. (Zurück zu v.3)
jTextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.: [deine] (deine) - In 6QCant (der bei Weitem ältesten erhaltenen heb. Handschrift v. Hld 1,3) und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. fehlt das „deine“ (das -ka in schemaneka), das sich im MT und den übrigen alten Üss. findet. Das könnte gut die ursprüngliche Textversion sein: „deine“ wäre dann als BrachylogieEin erwartetes Satzglied wird ausgespart, da es im direkten Umfeld der betreffenden Stelle schon einmal gesetzt wurde und daher aus dem Kontext erschlossen werden kann. Besagtes Satzglied tut dann „double duty“ an beiden Stellen. Zu unterscheiden ist die Brachylogie von der Ellipse, in der ein Satzglied ausgespart wird, ohne im direkten Umfeld schon einmal gesetzt zu sein. aus der vorigen Zeile zu ergänzen; der Effekt dieser brachylogischen Formulierung ist ein Binnenreim: schemanim tobim („Öle gut“). MT und die alten Üss hätten dann das „deine“ zur Vereindeutigung auch im Text ergänzt. Ebenso gut möglich wäre aber, dass ein Schreiber gerade zur Herstellung dieses Binnenreims das -eka durch -im ersetzt hat. Da aber dadurch gleichzeitig der Gleichklang von schemaneka („deine Öle“) und schemeka („dein Name“) zerstört worden wäre, ist das erste wahrscheinlicher. (Zurück zu v.3)
kdein Name - häufiger Wechselbegriff für „du selbst“: Der Geliebte selbst ist „Mr. Parfum“, „Mr. Wohlgeruch“. Im MT wird diese Gleichsetzung unterstrichen durch den Gleichklang von „deine Öle“ und „dein Name“: schemaneka - schemeka.
Ein Nebeneffekt der Formulierung mit „dein Name“ ist, dass in diesen ohnehin schon sehr sinnlichen Versen auch noch eine Synästhesie zu finden ist: „dein Name (akustisch) ist ausgegossenes Öl (olfaktorisch + visuell).“ (Zurück zu v.3)
lZieh mich! Hinter dir... - Meist übersetzt als „Zieh mich hinter dir her! Lass uns rennen!“, so dass „uns“ sich auf die Geliebte und den Geliebten bezöge. Das liegt recht fern: Erstens zeigen die Akzente des MT (d.h. die Zeichen, mit denen die Schreiber des MT angezeigt haben, wie der Satz auszusprechen ist), dass der Text aufzuteilen ist zwischen „Zieh mich“ und „hinter dir“ und nicht zwischen „zieh mich hinter dir [her]“ und „lass uns rennen“. Auch LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. teilt den Text so auf. Und zweitens ist es vor allem sehr unwahrscheinlich, dass die Frau ihren Geliebten im Folgenden dazu auffordern sollte, dass er gemeinsam mit ihr über sich selbst jubeln und seine eigenen Liebkosungen preisen soll. Richtiger daher van EssBibelübersetzung von Leander van Eß, einem Marburger Pfarrer und Professor. 1840 das erste Mal als Vollbibel erschienen.: „Ziehe mich! Dir eilen wir nach!“; z.B. auch Daland 1888Daland, William C.: The Song of Songs. Translated from the Hebrew with Occasional Notes. Leonardsville, 2 1888. online unter: https://goo.gl/lLwv5F, S. , der den Text als Drama aufgefasst hat: „Court Lady: ‚Draw me - ‘ Chorus of Ladies: ‚- after thee will we run.‘ Lady: ‚Oh! that the king would bring me to his chambers!‘.“ Zu absolutem „Zieh mich“ s. Hos 11,4. Alle wollen hinter ihm herlaufen, aber sie soll er ziehen.
Zum Sinn s. dann die Anmerkungen. (Zurück zu v.4)
mKönig - Kosename für den Geliebten. Ähnlich wird der Geliebte z.B. in ägyptischen Liebesliedern als „Prinz“ und in akkadischen Texten als „Herr“ und „Meister“ bezeichnet (vgl. Fox 1985Fox, Michael V.: The Song of Songs and the Ancient Egyptian Love Songs. Madison, 1985., S. 98; Held 1961Held, Moshe: A Faithful Lover in an Old Babylonian Dialgoue, in: JCS 15/1, 1961. S. 1-26., S. 5; Loretz 1963Loretz, Oswald: Gotteswort und menschliche Erfahrung. Eine Auslegung der Bücher Jona, Rut, Hoheslied und Qohelet. Freiburg/Basel/Wien, 1963., S. 78).
Manche verstehen unter dem König in V. 12 auch eine andere Person als den Geliebten; gesagt würde dann: „Mein Geliebter duftet so gut, dass sein Geruch bis in den Palast des Königs dringt.“ (Zurück zu v.4 / zu v.12)
ntFNtechnische Fußnote; der Inhalt ist nur für Erstübersetzer aus dem Hebräischen/Griechischen interessant.: die Gerechten ([mit] Recht?) - Zweifelhaftes Wort. Meist wird es aufgefasst als „Recht, Gerechtigkeit, Geradheit“, konstruiert als adverbialer Akkusativ der Art und Weise: „[mit] Recht“ (z.B. JMJoüon, Paul S.J./T. Muraoka: A Grammar of Biblical Hebrew. Rom, 1996. §126d), was recht schwierig ist (s. gleich). Wir folgen daher stattdessen Ginsburg 1857Ginsburg, Christian D.: The Song of Songs: Translated from the Original Hebrew, with a Commentary, Historical and Critical. London, 1857. online unter: http://goo.gl/7nmdpH, S. 132: Die Zeile steht klar im Parallelismus mit der letzten Zeile von V. 3 und damit der Abstraktbegriff „Gerechtigkeit“ mit dem konkreten Begriff „die jungen Frauen“. Wahrscheinlich haben wir hier also das Stilmittel „Abstractum pro concreto“ vor uns: Ein Abstraktbegriff wird im Parallelismus mit einem konkreten Begriff ebenfalls wie ein konkreter Begriff verwendet. „Gerechtigkeit“ bedeutet also „die Gerechten“ und meint „die jungen Frauen.“ So schon VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr.: „Gerechte lieben dich“; ähnlich SymEine griechische Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische aus dem 2. Jh. n. Chr. Heute nur noch fragmentarisch erhalten in den von Field gesammelten Überresten der Hexapla des Origines. Offenbar einst eine stilistisch besonders schöne Alternative zur LXX.: „Gerecht sind, die dich lieben“; vielleicht auch LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen., die aber wörtlich übersetzen: „Gerechtigkeit liebt dich“. Daneben sind noch viele andere Vorschläge gemacht worden, die sämtlich aber nicht sehr wahrscheinlich sind und von denen auch keine besonders viele Anhänger hat finden können.
Die übliche Auflösung ist schwierig, weil zwar im Deutschen „Recht“ in „mit Recht“ auch „berechtigt“ bedeuten kann, im Heb. für eine ähnliche Synonymie aber jedes Indiz fehlt (so richtig z.B. Fox 1985Fox, Michael V.: The Song of Songs and the Ancient Egyptian Love Songs. Madison, 1985., S. 99). Vom Heb. her sollte man eher vermuten, dass das Wort im adv. Akk. der Art und Weise etwas bedeutet wie „Sie lieben dich auf gerade/gerechte/redliche Weise“. (Zurück zu v.4)
oDas Hohelied besteht aus mehreren, voneinander mehr oder weniger unabhängigen Einzelliedern (s. näher die Anmerkungen). Wo jeweils ein neues Lied beginnt, ist im hebräischen Text nicht erkennbar; wir haben daher zur Steigerung der Verständlichkeit jeweils dort ein Sternchen eingefügt, wo unserer Meinung ein neues Lied beginnt. (Zurück zu v.4 / zu v.6 / zu v.8 / zu v.11 / zu v.14)
pTöchter Jerusalems = „Jerusalemerinnen“. (Zurück zu v.5)
qKedar: Die Kedarener waren ein in Zelten wohnender Beduinenstamm. Zelte wurden damals aus der Wolle schwarzer Ziegen hergestellt, daher sind die „Zelte Kedars“ ein gutes Symbol für Schwärze.
Wortspiel: Die Konsonanten des Wortes qedar sind auch die Konsonanten des Wortes qadar („schwarz werden“). (Zurück zu v.5)
rZelte - Das Wort heißt nicht „Zeltdecken“ oder gar „Wandbehänge“, wie sich das in vielen Üss. findet, sondern ist, wie das aus dieser Stelle und Jes 54,2; Jer 4,20; 10,20; 49,29 hervorgeht, klar ein Synonym zum vorigen „Zelte.“ Wahrscheinlich ist „Zelte Salomos“ ein poetischer Ausdruck für „Salomos Palast“, das Symbol für Schönheit und Pracht schlechthin (vgl. Eidelkind 2012Eidelkind, Yakov: Intended Lexical Ambiguity in the Song of Songs, in: BuB 43/6, 2012. S. 325-368. online unter: https://goo.gl/896ZN9, S. 327).
TextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.: Viele Exegeten und Üss. korrigieren allerdings den Text von schelomoh („Salomo“) zu schalmah („wie die Zelte Salmas“), ein arabischer Beduinenstamm. Diese Korrektur lässt sich mit keiner der alten Üss. stützen und ist daher abzulehnen. (Zurück zu v.5)
sHyperbatonStilmittel: Gezieltes Abweichen von gewöhnlicher Wort- oder Satzteilfolge. S. z.B. Gen 2,5: „Noch wuchs kein wildes Steppengewächs auf der Erde und keine Feldfrucht auf dem Feld, denn der Gott JHWH hatte es noch nicht regnen lassen auf der Erde und es war kein Mensch da, der den Acker bestellte“ = „Noch wuchs kein wildes Steppengewächs auf der Erde, denn der Gott JHWH hatte es noch nicht regnen lassen auf der Erde. Auch keine Feldfrucht wuchs auf dem Feld, denn es war kein Mensch da, der den Acker bestellte.“: = „schwarz wie die Zelte Kedars, schön wie die Zelte Salomos.“ (so z.B. Krinetzki 1964Krinetzki, Leo, OSB: Das Hohe Lied. Kommentar zu Gestalt und Kerygma eines alttestamentlichen Liebeslieds. Düsseldorf, 1964., S. 90). (Zurück zu v.5)
tWollt ihr mich nicht ansehen...!? - Verneinte rhetorische Frage (wie noch häufig) zum Ausdruck einer starken Aufforderung: „Schaut mich an...!“ (vgl. Exum 1981Exum, J. Cheryl: Asseverative ´al in Canticles 1,6?, in: Bib 62/3, 1981. S. 416-419., S. 417f.; Gerhards 2000Gerhards, Meik: Zum emphatischen Gebrauch der Partikel ´al im Biblischen Hebräisch, in: BN 102, 2000. S. 54-73. online unter: https://goo.gl/TCwSxB, S. 63-66; Gerhards 2010Gerhards, Meik: Das Hohelied. Studien zu seiner literarischen Gestalt und theologischen Bedeutung. Leipzig, 2010., S. 208). (Zurück zu v.6)
uso schwarz - Heb. schecharchoret; einzig hier belegte Variante zum üblichen schachor. Solche Verdopplungen von Konsonanten (hier: chr: schecharchoret) machen das so gebildete Wort häufig emphatischer; das ist wohl auch hier die Bed: „so schwarz“. Andere fassen diese Wortbildungsform als Abschwächung: „[nur], weil ich ein bisschen schwärzlich bin“ (so z.B. Zakovitch 2004Zakovitch, Yair: Das Hohelied. Freiburg/Basel/Wien, 2004., S. 119; schon Ibn Ezra). Das seltene Wort ist sicher gewählt, weil sich auf diese Weise am Ende dieser Doppelzeile die Zischlaute sehr häufen, was die beiden inhaltlich verwandten Zeilen auch lautlich zueinander in Zhg. bringt: sche´ani schecharchoret scheschschezafatni haschemesch („weil ich so schwarz [bin], weil auf mich geblickt hat die Sonne“). (Zurück zu v.6)
vSöhne meiner Mutter - d.h. meine Vollbrüder, im Ggs. zu meinen Halbbrüdern, den Söhnen der anderen Frauen meines Vaters. Hier wohl statt „Brüder“ verwendet, weil „Schwester“ im Hld öfter als Kosename für die Geliebte verwendet wird; bei „Brüder“ hätte die Gefahr bestanden, dass man die „Brüder“ als ihre Geliebten missverstehen könnte. S. Hld 8,1, die einzige Stelle im Hld, wo das Wort „Bruder“ fällt: Dort ist es gerade auf den Geliebten bezogen. (Zurück zu v.6)
wentbrannt - nämlich im Zorn. Wortspiel: Das Wort für „entbrannt“ passt eigentlich besser zur Sonne als zu den Brüdern, denn das ist hier ihre Rolle: Sie hat die Frau „verbrannt“, also „gebräunt“ (vgl. Ijob 30,30: „Meine Haut ist schwarz geworden, / mein Leib ist vor Hitze verbrannt“). Auf diese Weise wird der Zhg. der beiden Zeilen auch auf der Ebene der Wortbedeutung ausdrücklich gemacht: Dass die Sonne sie „verbrannt“ hat, ist letztlich darauf zurückzuführen, dass ihre Brüder gegen sie „entbrannt“ sind. (Zurück zu v.6)
xden meine Seele liebt - d.h. „den ich liebe“; „meine Seele“ ist im Heb. ein häufiger Wechselbegriff für „ich“. (Zurück zu v.7)
yTextkritikDer Versuch, aus den überlieferten Bibelhandschriften die ursprünglichste Textversion zu ermitteln. Im AT gilt der sogenannte „Masoretische Text“ als Richtschnur, er ist allerdings teilweise über 2000 Jahre jünger als der zu ermittelnde „Urtext“ und kann daher Überlieferungsfehler enthalten. Atl. Textkritik versucht, durch den Vergleich mit anderen erhaltenen Textversionen solche womöglich fehlerhaften Stellen zu berichtigen. Bisweilen sind dabei Textänderungen nötig, die überhaupt kein Fundament in den alten Textzeugen haben, sondern nur auf Vermutungen basieren. Das NT ist wesentlich besser überliefert: Eine Vielzahl älterer Manuskripte sind erhalten. Allerdings gibt es keinen Ausgangstext mit einem dem Masoretischen Text vergleichbaren Stellenwert. Die ntl. Textkritik wägt daher Textvarianten aus unterschiedlichen Texttraditionen gegeneinander ab, um zu beurteilen, welche Variante die ursprünglichere ist.: als Verschleierte (wie eine Wandernde) - MT, wahrscheinlich 6QCant und LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. haben „Verschleierte“. SyrKurz für „Syrisch“; Bezeichnung für die syrische Bibelübersetzung „Peschitta“ - „die Einfache“. Entstanden ab dem 1. Jh. n. Chr., SymEine griechische Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische aus dem 2. Jh. n. Chr. Heute nur noch fragmentarisch erhalten in den von Field gesammelten Überresten der Hexapla des Origines. Offenbar einst eine stilistisch besonders schöne Alternative zur LXX., VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. und TgKurz für „Targum“, eine frühjüdische Textgattung: Interpretative Übersetzung eines Bibeltextes ins Aramäische. aber übersetzen etwas wie „Wandernde“. Das könnte bedeuten, dass ihnen statt k`th die Konsonanten kt`h vorlagen. Möglicherweise hat aber auch das Wort im MT selbst auch die zweite Bedeutung „herumwandern“, nach der diese Versionen dann übersetzt hätten (vgl. z.B. Ginsburg 1857Ginsburg, Christian D.: The Song of Songs: Translated from the Original Hebrew, with a Commentary, Historical and Critical. London, 1857. online unter: http://goo.gl/7nmdpH, S. 136; so schon Raschbam). Viele Exegeten und Üss. folgen dieser Variante; vgl. z.B. gut Bloch/Bloch 1995Bloch, Ariel / Chana Bloch: The Song of Songs. A New Translation with an Introduction and Commentary. New York, 1995., S. 142. Die Bedeutung wäre so und so aber wahrscheinlich die gleiche, s. die Anmerkungen. (Zurück zu v.7)
zMann (Töchter Jerusalems) - Eine ganze Reihe von Auslegern verstehen diese Anweisung als Aussage nicht des Mannes, sondern der Töchter Jerusalems; die meisten, weil sie die Äußerung als Abweisung der Frau verstehen. Einige wenige halten außerdem die Hirten oder gar den Dichter für die Sprecher. Nichts zwingt zu diesem Verständnis und „da in 7 der Geliebte angeredet wird, ist es natürlich, daß dieser und nicht sonst jemand in 8 antwortet.“ (Rudolph 1962Rudolph, Wilhelm: Das Buch Ruth. Das Hohe Lied. Die Klagelieder. Gütersloh, 1962., S. 125). (Zurück zu v.8)
aatFNtechnische Fußnote; der Inhalt ist nur für Erstübersetzer aus dem Hebräischen/Griechischen interessant.: Brüste - So z.B. Peetz 2015Peetz, Melanie: Emotionen im Hohelied. Eine literaturwissenschaftliche Analyse hebräischer Liebeslyrik unter Berücksichtigung geistlich-allegorischer Auslegungsversuche. Freiburg i.Br., 2015., S. 91, da das Wort hier im Femininum statt wie üblicher im Maskulinum steht. Aber vgl. 11QPs 28,4, wo das Wort ebenfalls im Fem. steht. Es gehört also offenbar zu den Wörtern, die sowohl Mask. als auch Fem. sein können. (Zurück zu v.8)
abPferden (einer Stute, meiner Stute) - Heb. susati, von sus („Pferd“). Das Suffix -ti könnte entweder (1a) als Possessivpronomen „mein“ oder (1b) als bedeutungsloses „Hireq compaginis“ verstanden werden (daher „meine“ vs. „eine“), und das Suffix -a könnte das Wort entweder (2a) als Femininum oder (2b) als Kollektivbegriff markieren (daher „Stute“ vs. „Pferde“). Möglich ist daher jede der vier obigen Deutungen und jede ist schon vertreten worden. Da die folgenden „Wagen“ im Plural stehen, ist (2b) wahrscheinlicher als (2a) (so schon LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr.) und da die Pferde nicht vor die Wagen des Sprechers, sondern die des Pharao gespannt sind, ist (1b) wahrscheinlicher als (1a) (so schon Ibn Ezra). Für (1b) und (2b) z.B. Gerhards 2010Gerhards, Meik: Das Hohelied. Studien zu seiner literarischen Gestalt und theologischen Bedeutung. Leipzig, 2010., S. 331 FN 31. (Zurück zu v.9)
acmeine Freundin - Häufige Bezeichnung für die Geliebte im Hld; s. Hld 1,9.15; 2,2.10.13; 4,1.7; 5,2; 6,4. Außer in Hld 5,2 fällt der Ausdruck stets im Zhg. mit einer Aussage über das Aussehen der „Freundin“; wahrscheinlich hörte ein Israelit bei dem Ausdruck also irgendwie „Schönheit“ mit. (Zurück zu v.9 / zu v.15)
adKetten (Zaumzeug) - Heb. torim; unbekanntes Wort. Wahrscheinlich hängt es zusammen mit dem Verb tur („herumgehen“), daher ist es wohl etwas gemeint, das um den Kopf herumgeht und über die Wangen reicht. Zur Alternative „Zaumzeug“ s. die Anmerkungen. (Zurück zu v.10 / zu v.11)
aePerlen (?) - Heb. charuzim, ein weiteres unbekanntes Wort. Vielleicht hängt es zusammen mit dem arabischen ḫaraz („Perle“). Da sie am Hals getragen werden, wären dann „Perlenketten“ gemeint (so schon Raschi; auch LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen. und VULDie Vulgata - neben der Septuaginta die wohl wichtigste antike Übersetzung der gesamten Bibel - ins Lateinische - von Hieronymus; entstanden zwischen 380 n. Chr. und 400 n. Chr. übersetzen mit „Ketten“). Aber s. noch die Anmerkungen. (Zurück zu v.10)
afwill ich (wollen wir) - W. „wollen wir“. Da niemand sonst in diesem Lied erwähnt wird, handelt es sich vielleicht wie z.B. in Gen 1,26 um einen „Plural deliberationis“ mit Sg.-Bed. (so z.B. Krinetzki 1964Krinetzki, Leo, OSB: Das Hohe Lied. Kommentar zu Gestalt und Kerygma eines alttestamentlichen Liebeslieds. Düsseldorf, 1964., S. 293): Aufgrund der Schönheit seiner Geliebten fasst der Sprecher den Entschluss, ihr noch exquisiteren Schmuck anfertigen zu lassen. (Zurück zu v.11)
agMit Punkten aus Silber! - d.h. wohl „mit Silber granuliert“ (so gut Bloch/Bloch 1995Bloch, Ariel / Chana Bloch: The Song of Songs. A New Translation with an Introduction and Commentary. New York, 1995., S. 146). „Granulation“ ist eine antike Goldschmiedetechnik, bei der Goldflächen mit kleinen Kügelchen aus Gold oder anderen Metallen verziert werden (vgl. Granulation (Goldschmiedekunst) (Wikipedia)) - der Geliebte will ihr das Kostbarste vom Kostbaren anfertigen lassen. (Zurück zu v.11)
ahCouch - Heb. mesab; im Biblischen Heb. hat es sonst die Bed. „Umgebung“. Hier besser nach dem Mischna-Heb. zu verstehen als „Couch, Divan“, die um einen Tisch herum angeordnet waren (daher viele Üss.: „Tafelrunde“; inspiriert von LXXDie Septuaginta - die älteste durchgängige griechische Übersetzung des AT überhaupt; entstanden zwischen 250 v. Chr. und 100 n. Chr. Die LXX folgt vielerorts einer anderen Verszählung als deutsche Übersetzungen. Stellenangaben, die mit diesem Kürzel versehen sind, können von den Angaben im sonst aus dem Hebräischen übersetzten AT abweichen.: „Tisch“); vgl. z.B. Fox 1985Fox, Michael V.: The Song of Songs and the Ancient Egyptian Love Songs. Madison, 1985., S. 105; Pope 1977Pope, Marvin H.: Song of Songs. A New Translation with Introduction and Commentary. New York u.a., 1977., S. 347. (Zurück zu v.12)
aiNarde - teurer Duftstoff aus dem Himalaya-Gebirge. Zur Verwendung von Nardenparfum bei Tisch s. noch Mk 14,3; Joh 12,3. (Zurück zu v.12)
ajMyrrhensäckchen (V. 13) + Hennabündel (V. 14) - Neben dem Auftragen von duftenden Ölen war im Alten Israel eine alternative Weise der Parfumierung das Tragen aromatischer Substanzen um den Hals (vgl. Pope 1977Pope, Marvin H.: Song of Songs. A New Translation with Introduction and Commentary. New York u.a., 1977., S. 351). Das ist mit dem Myrrhensäckchen gemeint; auch die Hennadolden (für eine Abbildung s. hier) wurden wahrscheinlich in solchen Säckchen getragen. Zur Verwendung vom Myrrhenparfum im Bett s. noch Spr 7,17f.. Vgl. auch Sappho 96 D,10-22: „Nun, so will ich dich dran erinnern, weil du's vergißt, wieviel Glück und wie Schönes wir hier erlebt: ... Viel Girlanden aus duftenden Blumen hast du dir um den weichen Hals umgehängt, die geflochten aus Blüten fein; und mit glänzendem Myrrhenöl hast du dir deine schöne Haut eingesalbt und mit Salbe, die fürstliche heißt, und gelagert auf weichem Bett ... hast verströmt du die Sehnsucht nach ...(Üs. nach Treu). (Zurück zu v.13 / zu v.14)
akRuhend - Könnte sich sowohl auf das Myrrhensäckchen als auch auf den Geliebten beziehen. (Zurück zu v.13)
alEn-Gedi - Oase an der Westküste des Toten Meeres, wo auch heute noch Henna wächst. Archäologische Funde lassen vermuten, dass dort früher außerdem Parfums produziert wurden (vgl. Pope 1977Pope, Marvin H.: Song of Songs. A New Translation with Introduction and Commentary. New York u.a., 1977., S. 354). (Zurück zu v.14)
amDeine Augen sind Tauben! - Umstrittene Metapher; s. die Anmerkungen. Alternativ sind zu ihrer Aufschlüsselung die verschiedensten Vorschläge gemacht worden; z.B., dass die Farbe von Tauben gemeint sei (graublau), die Form von Tauben (weil Augen in der antiken Ikonographie manchmal in Taubenform dargestellt wurden), die Konnotation von Tauben (Unschuld), der Symbolwert der Taube (gelegentlich nämlich: Taube=Götterbote; u.a. von Liebesgottheiten, daher „Liebesbote“) usw. (Zurück zu v.15)
antFNtechnische Fußnote; der Inhalt ist nur für Erstübersetzer aus dem Hebräischen/Griechischen interessant.: Häuser: Plural mit Sg.-Bed.; vgl. GKCGesenius, Wilhelm/Emil Kautzsch/Arthur Ernest Cowley: Gesenius' Hebrew Grammar. Oxford, 1909. §124q (Zurück zu v.17)
aoAssonanzen - Verwendung von Wörtern, die ähnliche Laute enthalten; vgl. dazu kürzlich sehr gut Noegel/Rendsburg 2009Noegel, Scott B. / Gary A. Rendsburg: Solomon's Vineyard. Literary and Linguistic Studies in the Song of Songs. Atlanta, 2009., S. 63-127. (Zurück zum Text: ao)
apMan beachte die Häufung der Worte für „ich“, „mich“ und „mein“. Im Heb. ist das noch auffälliger als in der Übersetzung; jedes dieser im Dt. eigenständigen Wörter ist im Heb. nämlich das Suffix -i, so dass neun der 15 Wörter im heb. Text auf -i enden: „Wollt ihr mich nicht ansehen, weil ich so schwarz bin, weil auf mich die Sonne geblickt hat? Die Söhne meiner Mutter waren gegen mich entbrannt. Sie haben mich der Weinberge gemacht. Meinen Weinberg, der mir gehört habe ich nicht gehütet.“ (Zurück zum Text: ap)
aqZwei weitere Beispiele: Im Papyrus Oxyrhynchus XV nr. 1800 heißt es von Sappho: „Von Aussehen scheint sie höchst unansehnlich gewesen zu sein und sehr häßlich, denn ihr Gesicht war von dunkler Farbe, die Gestalt sehr klein.(Üs.: Treu). Und Gerhards zitiert gut auch Theokrits zehnte Idylle: „Anmutige Bombayka, ‚Syrerin‘ nennen dich alle, / verdorrt, sonnenverbrannt, ich allein aber [nenne dich] honiggelb. / Auch das Veilchen ist schwarz und die beschriebene Hyazinthe, / aber dennoch hält man sie in den Kränzen für die besten [Blumen].(Üs.: Gerhards 2010Gerhards, Meik: Das Hohelied. Studien zu seiner literarischen Gestalt und theologischen Bedeutung. Leipzig, 2010., S. 213) (Zurück zum Text: aq)
arEs sei darauf hingewiesen, dass diese Deutung eine Minderheitenmeinung ist; in der neueren Exegese besteht ein recht weiter Konsens darüber, dass der „Weinberg“ hier als die Jungfräulichkeit der Sprecherin zu verstehen ist. Zum Verständnis des Weinbergs als „Geliebter“ s. noch Ehrlich 1914Ehrlich, Arnold B.: Randglossen zur Hebräischen Bibel. Textkritisches, Sprachliches und Sachliches. Band 7: Hohes Lied, Ruth, Klagelieder, Koheleth, Esther, Daniel, Esra, Nehemia, Könige, Chronik, Nachträge und Gesamtregister. Leipzig, 1914. online unter: http://goo.gl/EPyM5D, S. 3; Gordis 1974bGordis, Robert: The Song of Songs and Lamentations. A Study, Modern Translation and Commentary. Revised and Augmented Edition. New York, 1974., S. 79f. Andere verstehen ihn außerdem als Symbol für das Aussehen der Frau (z.B. Assis 2009Assis, Elie: Flashes of Fire. A Literary Analysis of the Song of Songs. New York/London, 2009., S. 42; NET) oder als „weibliche Bedürfnisse“, die nicht befriedigt werden konnten (z.B. Fox 1985Fox, Michael V.: The Song of Songs and the Ancient Egyptian Love Songs. Madison, 1985., S. 102). (Zurück zum Text: ar)
asEinen ähnlichen Zhg. hat kürzlich Giszczak 2015Giszczak, Mark: Song of Songs 1,7 - What Kind of Wrapping?, in: RB 122/1, 2015. S. 58-70. vermutet, der glaubt, „damit ich nicht sein muss wie eine Verschleierte bei den Herden deiner Gefährten“ solle die Angst der Hirtin ausdrücken, einen der anderen Hirten als den Geliebten heiraten zu müssen. Sehr viel verbreiteter ist die Position, die die Verschleierung der Tamar in Gen 38 als Zeichen für ihren Prostituiertenstand lesen möchten und daher diese Stelle so deuten, dass die Hirtin fürchtet, von den anderen Hirten für eine Prostituierte gehalten zu werden. Doch vor dem Hintergrund anderer altorientalischer Gebräuche, wo gelegentlich Prostituierten das Tragen von Kopftüchern sogar explizit verboten ist, ist das unwahrscheinlich; auch ist ja Rebekah in Gen 24 keine Prostituierte. Andere verstehen den Schleier z.B. als Trauerkleidung (z.B. Raschi) oder als Ausdruck der Schüchternheit der Hirtin (z.B. Assis 2009Assis, Elie: Flashes of Fire. A Literary Analysis of the Song of Songs. New York/London, 2009., S. 45). Es ist sogar vorgeschlagen worden, das Wort meine „damit ich nicht mein Gewand ablausen muss“, also mich in Gegenwart der anderen Hirten zu Tode langweile und daher mein Gewand nach Läusen durchsuche (z.B. Emerton 1996Emerton, J.A.: Lice or a Veil in the Song of Songs 1.7?, in: A. Graeme Auld: Understanding Poets and Prophets. Essays in Honour of George Wishart Anderson. Sheffield, 1996.). (Zurück zum Text: as)
atWeitere Beispiele: Im Hippolytus von Euripides heißt es über Phaedra: Das Fohlen aus Oichalia, noch nicht gebunden an ein Hochzeitsbett, noch ohne Ehemann, noch unverheiratet: Vom Hause [ihres Vaters] Eurytios fort, wie eine leichtfüßige Naiade, wie einen heißblütigen Bacchus, band sie Aphrodite [=die Liebesgöttin] ... und übergab sie Alkmenes Sohn. (545-554). Ähnlich stiehlt sich in Anakreons fr. 346 ein Mädchen aus der Sicherheit des Hauses auf eine Hyazinthenwiese, „wo Aphrodite Stuten Zügel anlegte“. Im fr. 360 bezeichnet Anakreon den Jungen, den er liebt, als „Wagenlenker meiner Seele“. Bei Ibycus zittert der Sprecher, als der Gott Eros kommt, „wie ein altes Rennpferd, das das Joch kennt, und unwillig einmal mehr zum schnellen Wagenrennen geht.(fr. 287). Eine schöne Variante dieses Bildes findet sich in einem Epigramm von Rufinus in AC V 22: „Dir gab mich Eros, der Geber süßer Geschenke, oh Boopis: / einen StierFriedolin Stiers NT-Übersetzung von 1989. An den Stil der Buber-Rosenzweig-Übersetzung angelehnte Übertragung des NT von einem großen theologischen Schriftsteller. Allein schon wegen der Text-gestaltung anschaffenswert., der sich freiwillig dem Begehren unterjochte...! (Zurück zum Text: at)
auHld 1,15-17 und Hld 2,1-3 betrachten z.B. auch Assis 2009Assis, Elie: Flashes of Fire. A Literary Analysis of the Song of Songs. New York/London, 2009., S. 60 und Ehrlich 1914Ehrlich, Arnold B.: Randglossen zur Hebräischen Bibel. Textkritisches, Sprachliches und Sachliches. Band 7: Hohes Lied, Ruth, Klagelieder, Koheleth, Esther, Daniel, Esra, Nehemia, Könige, Chronik, Nachträge und Gesamtregister. Leipzig, 1914. online unter: http://goo.gl/EPyM5D, S. 5 als zusammenhängend; Hld 2,1-3 und Hld 2,4-7 z.B. Fischer 2010Fischer, Stefan: Das Hohelied Salomos zwischen Poesie und Erzählung. Erzähltextanalyse eines poetischen Textes. Tübingen, 2010., S. 51 und Fox 1985Fox, Michael V.: The Song of Songs and the Ancient Egyptian Love Songs. Madison, 1985., S. 95. Meistens werden diese drei Teile aber als einzelne Lieder genommen. (Zurück zum Text: au)
av„Du bist schön, meine Freundin“ = „Wie eine Iris unter Disteln ist meine Freundin unter den Töchtern“ und „Du bist schön, mein Geliebter; ja, lieblich“ = „Wie ein Aprikosenbaum unter Waldbäumen ist mein Geliebter unter den Söhnen [...,] seine Frucht ist süß an meinem Gaumen.“ (Zurück zum Text: av)