Gen 2,25-3,24:
Persönliche Fassung (Sebastian Walter)

Aus Die Offene Bibel

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Dies ist eine individuell verantwortete Textfassung. Sie ist Teil der Offenen Bibel, stammt aber in dieser Version nicht vom Gesamt-Team.

Persönliche Fassung

Die Vertreibung des Menschen, Teil II

25 Beide trugen kein Gewand:a
der Erdling nicht und seine Frau auch nicht.
Aber sie mussten sich nicht voreinander schämen.b


1 Die Schlange nun war gewandt,a
mehr als alle wilden Tiere,
die GOTT gemacht hatte.
Sie sprach zur Frau:c
„Obwohl Gott gesagt hat:
Esst nicht vom jedem Baum des Gartens...“
2 Da sagte die Frau zur Schlange:
„Wir dürfen von den Früchten der Bäume des Gartens essen.
3 Von der Frucht des Baums, der in der Mitte des Gartens steht,
von der hat Gott gesagt:
‚Esst nicht davon,
fasst sie nicht an,
weil ihr sonst ersterben würdet‘!“
4 Die Schlange antwortete:
„Ihr werdet nicht ‚durchaus ersterben‘.d
5 Gott weiß vielmehr:
Sobald ihr davon esst,
werden eure Augen geöffnet
und ihr werdet wie Gott sein:
um Gut und Böse wissend.“


6 Da sah die Frau,
dass der Baum gut zu essen war
und dass er eine Lust für die Augen war:
Wie begehrenswert zu erkennen!e
So nahm sie von seiner Frucht und aß.
Dann gab sich auch ihrem Mann bei ihr, und er aß.
7 Da wurden die Augen der beiden geöffnet
und sie wussten: Sie waren ungewandet!a
Da nähten sie Feigenblätter zusammen
und machten sich Gürtel.b


8 Dann hörten sie GOTT, als er in der Brise desselben Tages im Garten umherging.
Da versteckten sich der Erdling und seine Frau vor GOTT in der Mitte der Bäume des Gartens.f
9 GOTT rief nach dem Erdling:
„Wo bist du?“
10 Der sprach:
„Ich habe dich im Garten gehört.g
Da habe ich mich gefürchtet, weil ich ungewandet bin.
Da hab ich mich versteckt.“
11 Er antwortete:
„Wer hat dir erzählt,
dass du ungewandet bist?
Hast du etwa vom Baum, von dem ich dir geboten habe, nicht davon zu essen, gegessen?“
12 Der Erdling gab zurück:
„Die Frau, die du an meine Seite gegeben hast!
Sie hat mir vom Baum gegeben!
Da hab ich gegessen.“
13 Da sprach GOTT zur Frau:
„Was hast du nur getan!?“
Und die Frau antwortete:
„Die Schlange! Sie hat mich getäuscht!h
Da hab ich gegessen.“


14 Da sprach Gott zur Schlange:
„Weil du dies getan hast:
Verflucht sollst du sein,
mehr als alles Vieh
und mehr als alle wilden Tiere!i
Auf deinem Bauch sollst du laufen
und Staub essen
alle Tage deines Lebens!
15 Feindschaft stifte ich zwischen dir und der Frau
und zwischen deinen Nachkommen und ihren Nachkommen!
Diese sollen deinen Kopf zerreißen
und du sollst ihre Ferse beißen!“j

16 Zur Frau sagte er:
„Vermehren, ja, vermehren will ich deine Mühsal, deine Empfängnis:k
Mit Mühe sollst du Kinder gebären;
aber deinem Mann sollst du willens seinl
und er soll über dich herrschen!“

17 Und zu Erdlingm sagte er:
„Weil du auf deine Frau gehört hast
und vom Baum gegessen hast,
von dem ich dir geboten hatte:
‚Iss nicht davon!‘ –
Verflucht sei der Erdboden wegen dir!
In Mühsal sollst du ihn essen
alle Tage deines Lebens!n
18 Dornbusch und Distel soll er dir sprießen lassen,
wo du doch Nutzpflanzen essen musst!
19 Im Schweiße deines Angesichts sollst du essen
bis zu deiner Rückkehr zum Erdboden,
von dem du ja genommen worden bist.
Ja: Staub bist du,
zum Staub sollst du zurückkehren!“o


20 Da nannte der Erdling den Namen seiner Frau „Leben“,
denn sie war die Mutter alles Lebendigen.p
21 Und GOTT machte dem Erdling und seiner Frau Kleidung für die Hautq und zog sie ihnen an.


22 Dann sprach GOTT:
„Siehe, der Erdling wurde wie einer von uns:
wissend um Gut und Böse.
Dass er sich jetzt nur nicht anschicke
und auch vom Baum des Lebens nehme
und esse und ewig lebe!“
23 Also schickte ihn GOTT aus dem Garten Lust,
damit er auf dem Erdboden diene,
von wor er genommen worden war:s
24 Er vertrieb den Erdling.
Dann postierte er östlich des Gartens Eden die Keruben
und den Feuerengel mit seinem lodernden Schwert,t
damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.


Gen 2,4-24 <= | => Gen 4


(Sebastian Walter unter Verwendung von Texten der Offenen Bibel)

aWortspiel: Im Hebräischen gibt es die drei ähnlich klingenden Wörter ´arom („nackt“), ´arum („klug, schlau“) und ´erom („nackt“), eine Nebenform des ersten Worts. In Gen 2,25 wird das erste verwendet – Adam und Eva sind „nackt“ –, in Gen 3,1 das zweite – die Schlange ist „schlau“. Um das Wortspiel noch deutlicher zu machen, ist das erste ´arom sogar mit der Aussprache ´arum an das gleich folgende ´arum angenähert worden, ein Klangspiel namens „irreguläre Assonanz“ (so erklärt schon ibn Ezra). Ab V. 7 wird stattdessen das dritte Wort ´erom verwendet. Offenbar sind Mann und Frau nun „anders nackt“ als zuvor. (Zurück zu Lesefassung v.25 / zu Lesefassung v.1 / zu Lesefassung v.7)
bIn der antiken christlichen Auslegung hat man v.a. aus Gen 2,25 und Gen 3,7 abgeleitet, dass mit der Sünde auch die Sexualität in die Welt gekommen sei (oder sogar: dass als diese Sünde die Sexualität in die Welt gekommen sei). Dies könne man daran erkennen, dass Mann und Frau nackt sind, sich in Gen 2,25 dafür aber nicht schämen, nach ihrem „Begehren“ in Gen 3,6 dann in V. 7 aber schon. Augustinus beschreibt den Unterschied zwischen Gen 2,25 und 3,7 daher so: „(In Gen 2,25) schämten sie sich nicht, weil das Begehren ihre Glieder noch nicht wider die Vernunft beherrschte. Die Zeit war noch nicht gekommen, da die Rebellion des Fleisches (also sexuelle Erregung) von der Rebellion des Menschen gegen seinen Schöpfer zeugte.“ (Gottesstaat 14.17). Das Selbe begegnet in der jüdischen Auslegung, z.B. bei Radak: „Nachdem sie von der Frucht des Baums des Wissens gegessen hatten, erfuhren sie den biologischen Drang, sich einander sexuell hinzugeben. Adams Organ versteifte sich als Folge seines Empfindens von Begehren. Dies wurde zur Quelle der Scham für sie, da es ja bedeutet, das er ein Organ nicht mehr unter Kontrolle hatte.“ Es war diese Auslegung, die mit dazu führen sollte, dass sich im Christentum die „Zucht“ zur Kardinaltugend der temperantia weiterentwickelte.
Ägyptische Ernteszene; die Personen rechts tragen Lendenschurz, die Personen links nur Gürtel. (c) Davies 1900, Plate VII
Zwei sumerische Rollsiegel mit nur Gürtel tragenden Jägern und Kriegern. (c) Ward 1910, S. 43.55.
Das ist hier aber fast sicher nicht gemeint; in Gen 2,25 wird sehr wahrscheinlich kein Zustand sexueller Unschuld geschildert. Wie noch heute bei manchen Ureinwohnern war auch im Alten Orient Nacktheit natürlicher als in unserem Kulturkreis. An antiken Darstellungen lässt sich ablesen, dass daher z.B. Feldarbeiter, Jäger und Krieger unproblematisch nackt oder halbnackt herumlaufen konnten. Petrus fischte nackt (Joh 21,7); nach 1 Sam 19,24 scheinen auch Propheten bisweilen nackt umhergelaufen zu sein.
Nacktheit vs. Bekleidung signalisierte daher weniger Unzüchtigkeit vs. Anstand, sondern niedrigen vs. hohen Status. Im Ersten Testament werden daher v.a. Arme (z.B. Ijob 22,6; 24,7.10; Jes 58,7; Ez 18,7.16; Mt 25,36ff.; 1 Kor 4,11; Jak 2,15) und Besiegte und Kriegsgefangene (2 Chr 28,15; Jes 20,4; Am 2,16) als „nackt“ dargestellt. Nachdem David nackt vor der Lade getanzt hat, beschwert sich denn auch Michal: „Du hast dich vor den Augen der Skavinnen deiner Knechte (sc. vor den Niedrigsten der Niedrigen) enblößt, wie sich nur einer der Wertlosen entblößt!“ (2 Sam 6,20), und ähnlich heißt es in Offb 16,15: „Glückselig der, der wachsam ist und seine Kleider hütet, damit er nicht nackt umherläuft und man seine Schande sieht!“. Nacktheit ist nicht Freizügigkeit, sondern Schande, und deshalb muss man sich für sie schämen. Richtiger als Augustinus erfasst den Sinn der Verse wahrscheinlich Philo: „Sie schämten sich nicht ... wegen ihrer natürlichen Disposition, zu der noch kein Stolz gehörte“ (Fragen und Antworten zur Genesis I 30). Nachdem sie „wie Gott sein“ wollten und nun wirklich über gottgleiche Erkenntnis verfügen, begreifen Adam und Eva jedoch: Sie stehen unter ihrem Schöpfer, und dies zumal, nachdem sie mit ihrem Vergehen sogar noch tiefer gesunken sind.
Der Gegensatz zu Nacktheit ist nicht bekleidet-Sein im heutigen Sinn, sondern gegürtet-Sein – entweder, weil der Gürtel im Alten Orient das Minimum an Kleidung war oder weil der Gürtel ein Statussymbol war. In 2 Kön 3,21 werden daher Erwachsene umschrieben mit dem Ausdruck „jene, die den Gürtel gürten“, wie ähnlich auch in Ägypten „den Gürtel umbinden“ ein Wechsel-Ausdruck für „mannbar und wehrhaft werden“ war (vgl. z.B. Hüften / Lenden (AT) (WiBiLex)). S. auch Ijob 38,3; 40,7: „Umgürte doch wie ein Mann deine Hüften!“, sc.: „Hör doch auf, hier so kindisch rumzuheulen!“. (Zurück zu Lesefassung v.25 / zu Lesefassung v.7)
c
Caravaggio: Madonna und Kind mit einer Schlange. CC0 via Wikimedia Commons

Dass Tiere in diesem Mythos sprechen können, darf nicht überraschen.
Die Schlange ist dennoch das einzige Tier, das in der Bibel von sich aus redet; antike Ausleger haben ihr daher oft besondere Bedeutung beigemessen: Meistens hielt man die Schlange entweder für den Satan in Tiergestalt (z.B. Ambrosius von Mailand, Augustinus) oder dachte, der Satan habe durch die Schlange gesprochen (z.B. Chrysostomus, Severian von Gabala) oder diesem „verschlagenen und verachtenswerten Tier“ (Ephräm der Syrer: Genesis-Kommentar ii 18) immerhin für kurze Zeit die Gabe der Rede verliehen.

In V. 15 wurde außerdem in lateinischen Übersetzungen die letze Zeile so gedeutet, dass der Schlange der Kopf „zermalmt“ würde (was möglich ist); manche lateinische Übersetzungen haben außerdem nicht die Nachkommenschaft der Frau, sondern die Frau selbst der Schlange den Kopf „zermalmen“ lassen (was falsch übersetzt ist). Beides – die Deutung der Schlange als Satan und die Übersetzung von V. 15 mit „zermalmen“ – hat dann dazu geführt, dass in der christlichen Auslegung Gen 3,15 für sehr wichtig gehalten wurde: Hier würde bereits im dritten Kapitel der Bibel verheißen, das dereinst eine Frau „den Satan zermalmen“ würde. Gemeint sei damit, dass die Frau Maria mit ihrem Nachkommen Jesus den Christus auf die Welt bringen sollte, der wirklich „den Satan zermalmen“ sollte, indem er die Welt erlöste. Ein Beipiel: „Christus erneuerte alles, indem er den Kampf gegen unseren Feind aufnahm und ihn zermalmte – ihn, der uns uranfangs in Adam gefangen nahm –, indem er auf seinen Kopf trat, wie du es im Buch Genesis findest... (Irenäus, Gegen die Häresien 5.21.1). Die ursprüngliche Bedeutung von Gen 3,1.15 in der Erzählung Gen 2-3 ist das natürlich nicht. (Zurück zu Lesefassung v.1)
dIn Gen 2,17 hat Gott gesagt, nach dem Essen müsse man „durchaus sterben“, im Hebräischen formuliert wie ein Urteilsspruch. Hier in V. 3 spart die Frau das „durchaus“ aus, verwendet das Verb „sterben“ in leicht abgewandelter Form (hier: „ersterben“) und verwandelt außerdem Gottes Urteilsspruch in eine Begründung. Die Schlange kombiniert darauf Gottes „durchaus“ mit der Verbform der Frau zu ihrem „durchaus ersterben“: Sie lässt sich auf die Frau ein, signalisiert aber gleichzeitig hier, dass sie besser über Gottes Verbot Bescheid weiß als die Frau, und im nächsten Vers, dass sie sich auch grundsätzlich besser mit Gott und dem Baum auskennt als jene. (Zurück zu Lesefassung v.4)
eIm Hebräischen statt „wie“ eigentlich: „der Baum [war]“. Aber V. 6 verdichtet ein Wortspiel: An sich sieht die Frau hier nur, was nach Gen 2,9 für alle anderen Bäume galt:

2,9: Gott ließ außerden sprießen aus dem Erdboden jeglichen Baum,
begehrenswert anzusehen
und gut zu essen.

3,6: Da sah die Frau,
dass der Baum gut zu essen war
und dass er eine Lust für die Augen war:
Der Baum war begehrenswert zu erkennen.

Erstens ist natürlich Reihenfolge der Sätze in 2,9 verdreht und zweitens das „begehrenswert anzusehen“ zur „Lust für die Augen“ entartet. Der entscheidende Unterschied ist aber drittens, dass in Gen 2,9 das Verb ra`ah verwendet wird, in 3,6 dagegen das Verb ßakal. ra`ah heißt nur „(an)sehen“; dieses Wort steht hier auch zu Beginn des Verses. ßakal dagegen meint neben „betrachten“ v.a. auch „Einsicht haben/lehren, verständig sein/machen“. Es scheint, als habe auch hier die Frau „nur“ erkannt, dass der Baum eigentlich wie alle anderen Bäume sei: „begehrenswert anzusehen“. Tatsächlich hat die Schlange sie aber bereits gewonnen: Nun begehrt sie nach Erkenntnis. (Zurück zu Lesefassung v.6)
fWortspiel mit V. 3: Gott verbot den Genuss der Frucht vom „Baum in der Mitte des Gartens“, nun verstecken sie sich „in der Mitte der Bäume des Gartens“. (Zurück zu Lesefassung v.8)
gDoppelsinnig. Wörtlich: „Ich habe deinen Klang / auf deine Stimme gehört“. Nimmt man den Satz in der zweiten Bedeutung, kann nach hebräischer Redeweise auch bedeuten: „Im Garten habe ich deinen Geboten Folge geleistet.“ Das ist nun leider gerade nicht der Fall (Sarna 2001). (Zurück zu Lesefassung v.10)
hKlangspiel: „(Es antwortete) die Frau: Die Schlange! Sie hat mich getäuscht!“ nutzt aus, dass die hebräischen Worte für „Frau“ und „Schlange“ beide viele Hauch- und Zischlaute haben: ha`išša hanaaš hišši`ani! Natürlich: Nicht „Frau“ – „Schlange“! Und Absicht war es auch nicht: sie wurde reingelegt!.
hanaḥaš steht bereits in Gen 2,25-3,1 in der Nähe von ha`išša, was z.B. Rabbenu Bahja zum Fundament seiner etwas unschönen Auslegung nimmt, die Schlange habe sich deshalb an die Frau statt den Mann gewandt, weil diese anfälliger für die Versuchung der Schlange sei (was man u.a. an ihrer Bezeichnung erkennen können soll). (Zurück zu Lesefassung v.13)
iWortspiel mit V. 1: Die Schlange, die ´arum („schlau“) ist, mehr als alle wilden Tiere, ist nun `arur („verflucht“), mehr als alles Vieh und alle wilden Tiere. (Zurück zu Lesefassung v.14)
jzerreißen + beißen - vielleicht ein Wortspiel. Hier scheint zwei Mal ein hebräisches Wort šūp verwendet worden zu sein. Dieses ist relativ sicher nur noch in Ijob 9,17 belegt und scheint dort „zerschmettern“ zu bedeuten. Das passt zur ersten Zeile („sie werden deinen Kopf zerschmettern“), aber wenig zur zweiten (*„du wirst ihre Ferse zerschmettern“). Verben wie šūp sind häufig Nebenformen von Verben wie ša`ap, und dieses Verb ist häufig mit der Bedeutung „schnappen, lechzen“ belegt. Das passt zur zweiten Zeile („du wirst ihm nach der Ferse schnappen“) und einigermaßen zur ersten („sie werden nach deinem Kopf lechzen“); besser passte dort aber wie gesagt šūp = „zerschmettern“. Insgesamt wird hier also entweder zwei Mal das Verb ša`ap in seiner Nebenform šūp verwendet oder nur einmal und das erste Wort ist stattdessen ein anderes šūp mit der Bed. „zerschmettern“, so dass man insgesamt auflösen könnte: (1) „sie werden deinen Kopf zerschmettern und du wirst ihnen nach der Ferse schnappen“; (2) „sie werden deinen Kopf zerschmettern und du wirst ihnen nach der Ferse lechzen“ oder (3) „sie werden nach deinem Kopf lechzen und du wirst ihnen nach der Ferse lechzen“. Wichtig ist aber, dass in jedem Fall das Wort aussieht wie šūp, s. zu V. 16. (Zurück zu Lesefassung v.15)
kdeine Mühen, deine Empfängnis - Hendiadyoin: „deine Mühsal der Empfängnis“, zum Sinn s. gleich. Feministische Auslegerinnen nehmen stattdessen d.Ö. das erste Wort für sich, so dass der Beginn von einer der „Mühsal“ des Mannes parallelen „Mühsal“ sprechen würde, also z.B. von Hausarbeit, Care-Arbeit und weiblicher Feldarbeit. Das ist unwahrscheinlich: Hiervon wird ja sonst nichts mehr gesprochen, und der Grund für das Hendyadioin ist offensichtlich: Man beachte, wie hier bei der Rede vom „Vermehren“ gerade dieses Wort und dasjenige, was vermehrt werden soll, durch Verdoppelung und Hendyadioin vermehrt wurde. Das wird durch ein Klangspiel sogar noch verstärkt: Im Hebräischen lautet dies „vermehren, ja vermehren“ genauer harbah `arbeh, das erste Wort beginnt damit ebenso wie haronek („deine Empfängnis“). Das Hendiadyoin „deine Mühsal, deine Empfängnis“ wird dann sogar noch mal vermehrt, indem es in der nächsten Zeile fortgeführt wird durch das sehr ähnliche „Mit Mühe sollst du Kinder gebären“. „Empfängnis“ + „gebären“ sind dabei natürlich als Merismus metonymisch für die ganze Schwangerschaft von Anfang bis Ende zu nehmen. Solche auf zwei Zeilen aufgeteilte Merismen nenne ich i.F. „hyperbatischer Merismus“.
Im hebräischen Wort für „Mühe“, ´iṣṣabon, stecken die Konsonanten des Wortes für „Baum“, ´eṣ; die Strafe „passt“ also zu Evas vergehen.
Liest man das Kapitel mit Gen 1 zusammen, wird hier der Vermehrungsauftrag aus Gen 1,26 in einen Fluch verkehrt. (Zurück zu Lesefassung v.16)
lW. „nach deinem Mann wird/soll dein Verlangen [gehen]“, wie sie ähnlich zuvor den verbotenen Baum „begehrenswert“ fand. Auch dieser Part des Fluchs passt also zu ihrem Vergehen.
Wortspiel: Jeder der drei Flüche – beim Ausspruch über die Frau fehlt zwar eine Fluch-Einleitung, aber dennoch ist dies ja sicher das, was hier geschieht – endet damit, dass ein Pärchen erkennbar wird: (1) V. 15: Kinder der Frau vs. Schlange, die Kinder werden nach der Schlange und die Schlange nach den Kindern tešup („lechzen“). (2) Hier: Frau vs. Mann; der Mann wird über die Frau herrschen, während nach ihm ihre tešuqah gehen (= sie ihm willens sein) wird. (3) V. 19: Mann vs. Erde/Staub. Er wurde von ihr genommen und soll zu ihr tašub („zurückkehren“).
Die letzten Zeilen von V. 16 sind natürlich nicht als Auftrag zu lesen, sondern als Beschreibung der verfluchten Geschlechter- und Familiendynamik, die im Alten Orient ja leider wirklich der Regelfall war. (Zurück zu Lesefassung v.16)
mIm Hebräischen ohne Artikel, hier also nicht Klassennomen „der Erdling“, sondern schleichend entwickelt sich dieses Nomen zum Eigennamen: V. 20 wird das Wort noch einmal mit Artikel verwendet, V. 21 wieder ohne, den Rest des Kapitels wieder mit, und ab dann ist „Erdling“ konsequent der Eigenname „Adam“, den ich daher ab dem 4. Kapitel auch in der Übersetzung verwenden werde. (Zurück zu Lesefassung v.17)
nKlare Anspielung auf V. 14: Die Schlange soll „Staub essen alle Tage ihres Lebens“, der Mensch dagegen „Erdboden essen alle Tage seines Lebens“. Beim Mann ist dies natürlich Ausdruck dafür, dass er die Erträge des Erdbodens essen soll (s. V. 18). Entsprechend erübrigt es sich auch, darüber nachzudenken, ob man im Alten Israel wohl geglaubt habe, dass Schlangen Staub fressen. (Zurück zu Lesefassung v.17)
oDer Fluchspruch über den Mann zerfällt durch seine Strukturierung in drei Teile:
(a) Weil du auf deine Frau gehört hast
(b) und von dem Baum gegessen hast,
(a') von dem ich dir geboten habe:
(b') Iss nicht davon: –


(c) Verflucht sei der Erdboden wegen dir!
(d) In Mühsal sollst du ihn essen alle Tage deines Lebens.
(e) Dornbusch und Distel soll er dir sprießen lassen,
(e') wo du doch Nutzpflanzen essen musst!
(d') Im Schweiße deines Angesichts sollst du essen bis zu deiner Rückkehr zum Erdboden,
(c') von dem du ja genommen worden bist.


(f) Ja: Staub bist du,
(f') Zum Staub sollst zu zurückkehren!

Unter anderem zeigt das: (c') ist keine weitere Begründung für den ganzen Fluch, sondern der ganze Teil II hat die Logik: Der Erdboden wird verflucht, weil du Erdboden bist, du hast also sozusagen deine Mutter Adamah angesteckt, werter Herr Adam.
Diese Nachzeichnung der Struktur der Verse zeigt außerdem, wie sehr (f)-(f') aus dem Rahmen der anderen Verse herausfällt. Wahrscheinlich hat Ego 2015, S. 8 daher Recht, wenn sie schreibt: „[Es] ist zu beachten, dass das einleitende [ki (‚weil‘ in [a], ‚ja‘ in [c'] und [f])] keineswegs im Sinne einer Begründung gelesen werden muss, welche die Sterblichkeit gewissermaßen als ‚Hintergrundphänomen‘ für die menschliche Lebenszeit darstellt. Eine andere Interpretationsmögllichkeit von Gen 3,19 besteht vielmehr darin, diese Partikel in einem deiktischen Sinen aufzufassen und die Wendung mit den Worten ‚Wahrlich, du bist Erde und sollst wieder zur Erde werden‘ wiederzugeben. Gen 3,19b würde dann den letzten und abschließenden Teil für die drei Fluchworte darstellen, in dem diese noch einmal alle überboten werden.“ (Zurück zu Lesefassung v.19)
pKomplexes Wortspiel: Das gewohnte „Eva“ ist im Hebräischen Ḥawwah. Die Erklärung in 20b deutet dies als Nebenform von ḥajjah („Leben“); „Eva“ bedeutete also „Leben, Lebewesen“. Daneben gibt es ein Nomen hawwah („Abgrund, Verderben“), ein Verb ḥiwwah („berichten, wissen lassen“, z.B. Ijob 32,17), und im Aramäischen scheint ḥiwwah eine Aussprache des üblichen Wortes ḥiwja` für „Schlange“ gewesen zu sein (Sefire 1.A.31; gut Sarna 2001. Zu diesen und weiteren Namensdeutungen vgl. näher z.B. Napora 2022). Dass hebräische Hörer:innen den Bezug zu ḥajjah hören sollten, ist klar; was sie daneben noch mitgehört hätten, lässt sich unmöglich sagen. Clemens von Alexandrien z.B. berichtet in seinem Protreptikos vom Zusammenhang mit „Schlange“ (2,12.); Ähnliches findet sich wenig später im Midrasch BerR 20,11 – es gab also Hebräisch-Sprechende, die selbst diesen vierten Bezug mithörten.
Die Bezeichnung „Mutter alles Lebendigen“ passte eher zu einer Göttin wie Gaia als zu Eva, die „nur“ Urmutter aller Menschen ist. Entsprechend ist dies in Sir 40,1 auch wirklich eine Bezeichnung für die Erde. Mindestens heißt das, dass durch diesen Ausdruck Eva mit Adamah parallelisiert wird: Was Adamah als „Mutter“ Adams für diesen war, wird Eva nun für alle anderen Menschen sein; Adam wurde von der Erde genommen, Eva wurde von Adam genommen, doch von nun an werden alle Menschen von Eva genommen werden.
Der Mensch entstand in Gen 2,7 so, dass Gott dem Staub vom Erdboden Hauch des Lebens einhauchte. Nun, am Ende der Erzählung, stehen nebeneinander Erdling und Leben, die beiden Urmenschen – gerade so, als hätte sich der Mensch, nachdem Gott der Erde Leben einhauchte, nun wieder ausdifferenziert. (Zurück zu Lesefassung v.20)
qTraditionell: „Kleidung aus Fell“. Man pflegte schon mit diesem Vers Gewalt gegen Tiere zu rechtfertigen, da ja dann offensichtlich Gott höchstselbst den Menschen Kleidung aus Tier-Fell angefertigt hätte. Da „Haut/Fell“ in der hebräischen Wortfügung „Haut-Kleider“ nicht nur das Material, sondern auch den/das Begünstigte(n) bezeichnen kann (wie 1 Sam 2,17: „JHWH-Opfergaben“ = „Opfergaben für JHWH“) und weil hier von einer Tier-Tötung nichts erzählt wird, liegt diese Annahme recht fern; besser übersetzen daher z.B. Crüsemann 2009, S. 3 und Ebach 2009, S. 10 wie oben und auf eine Weise, wie schon der Midrasch BerR 20,12 und der Talmud b.Sot 14a gedeutet haben. Die erste gottgefällige Tier-Tötung wird zwar gleich in Gen 4,3 geschehen und dort Gott gewidmet sein – der Mensch aber ist nach der Logik der Urgeschichte immer noch Vegetarier (s. Gen 1,29).
Im Alten Israel gab es eine ßaq genannte Trauerkleidung, die wahrscheinlich wie der Gürtel in V. 7 nur die Lenden bedeckte: Vom Anziehen eines ßaqs sprach man so, dass man ihn „sich umgürtete“ oder ihn „sich um die Hüften legte“. Weil es eine solche besondere Trauerkleidung gab, gab es eine Redewendung dafür, wenn Gott sich eines Menschen erbarmte und eine Wohltat erwies: „du hast mir den saq ausgezogen und mich stattdessen mit einem Freudengewand bekleidet“ o.Ä. (s. Ps 30,12; Jes 61,3.10; Sach 3,4f.; vgl. auch Jes 52,1; Lk 15,21f.). Exakt ein solcher Bekleidungsakt geschähe hier das erste Mal – kurioserweise gerade zu einer der dunkelsten Stunden der biblischen Menschheitsgeschichte. Es passt aber zum Folgenden: Was V. 23 schildert, ist keine weitere Strafe, s. dort. Offenbar hat Gott den beiden schon hier wieder vergeben. (Zurück zu Lesefassung v.21)
rNicht: „von dem“. Der Mensch wird zurückgesandt zu seinem „Geburtsort“. (Zurück zu Lesefassung v.23)
sEin klarer Rückbezug auf Gen 2,5: Erst jetzt wird dem Menschen die Aufgabe übertragen, für die er von Anfang an bestimmt war. Mit „schicken“ und „nehmen“ werden außerdem die selben Wörter verwendet wie in V. 22 („anschicken“ und „nehmen“); Gottes Handeln in V. 23 ist konkret also v.a. Reaktion auf seine dort geäußerte Befürchtung. (Zurück zu Lesefassung v.23)
t
Kerub. Relief aus Samaria, 9./8. Jhd. v. Chr. (c) WiBiLex
Klassische Darstellung eines „Paradies-Engels“. Buchmalerei, 15. Jhd. (c) Getty Museum
Der Feuerengel mit seinem lodernden Schwert ist geraten. Wörtlich übersetzt ist die Rede von der „Flamme des Schwerts, das sich hin und her wendet“ oder „immer wieder verwandelt“. „Flamme des Schwerts“ könnte ein „Flammenschwert“ meinen oder auch nur eine „blitzende Schwertschneide (aus Metall)“ (gut Lichtenstein 2015, S. 54f.), also eine Waffe, die Gott den Keruben gegeben hätte. So wird oft gedeutet; so sieht man es auch regelmäßig auf christlichen Gemälden. Aber Keruben sind keine „Engel“ und haben keine Arme; siehe rechts für die Darstellung eines Keruben. Was wollten außerdem mehrere Keruben mit nur einem Schwert oder einer Schwertschneide? Besser orientiert man sich daher an frühjüdischen Schriften, nach denen Engel aus Feuer bestehen. Kaduri 2015 hat davon besonders viele Stellen zusammengetragen, ein Beispiel: „Aus dem Felsen schnitt ich[, Gott,] ein großes Feuer, und aus dem Feuer schuf ich die Heere der körperlosen Armeen – zehn Myriaden Engel –, und ihre Waffen sind feurig und ihre Kleidung sind brennende Flammen.“ (2 Hen 29,3, apud ebd., S. 143). Dann könnte man die „Flamme des Schwerts“ für einen solchen bewehrten Feuerengel halten, der dann neben den Keruben das Paradies bewacht. Das legt ja auch die Syntax nahe: „die Keruben und die Flamme“. Ähnlich deuten z.B. auch Hendel 1985 und Clifford 2016, S. 280; Hendel weist außerdem noch klug auf die orientalischen Götter Rešep und Išum hin, deren Namen übersetzt „Flamme“ und „Feuer“ lauten. (Zurück zu Lesefassung v.24)

Dieser Text ist wie die Offene Bibel insgesamt frei kopierbar (CC-BY-SA 3.0). Bearbeitungen müssen unter derselben Lizenz stehen und folgende Quellenangabe enthalten: „‹Neuer Autorenname› unter Verwendung von Texten von Sebastian Walter und der Offenen Bibel“ Dieser Text darf in den offiziellen Fassungen der Offenen Bibel (z.B. Studienfassung, Lesefassung, Fassung in Leichter Sprache) verwendet werden. Dann genügt für diese Fassungen sowie für abgeleitete Texte die Quellenangabe „Offene Bibel“.