Exodus 19: Unterschied zwischen den Versionen

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und euch zu mir gebracht habe.
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und (meinen Bund bewahren=) den Vertrag mit mir halten wollt,<ref>''Vertrag'' - klassisch: „Bund“; ein Schlüsselwort des Ersten Testaments (''testamentum'' übrigens ist die Üs. der VL dieses Worts). Weil der „Bund“ zwischen Gott und Mensch in der Bibel stets ein Vertrag ''inter impares'' ist (Lohfink 1964, S. 427) – also zwischen den Menschen hier unten und Gott da oben –, bei denen entweder der Ranghöhere sich selbst zur Unterstützung des Untergebenen verpflichtet oder bei der Untergebene wie hier zur Einhaltung von Geboten und Verordnungen verpflichtet wird, ist die klassische Übersetzung aber nicht sehr treffend. Man ist sich heute recht einig, dass die israelitische Bundes-Theologie sich aus antiken Vasallenverträgen heraus entwickelt hat (vgl. zur Stelle kurz z.B. Assmann 2015, S. 19). Was Mose hier im Auftrag Gottes dem Volk Israel antragen soll, ist also nicht per se schon positiv; man könnte paraphrasieren: „Ich habe euch ja jetzt aus Ägypten befreit. Im Gegenzug habt ihr nun die Gebote zu halten, die ich euch im Folgenden mitteilen werde.“ ...
und (meinen Bund bewahren=) den Vertrag mit mir halten wollt,<ref>''Vertrag'' - klassisch: „Bund“; ein Schlüsselwort des Ersten Testaments (''testamentum'' übrigens ist die Üs. der VL dieses Worts). Weil der „Bund“ zwischen Gott und Mensch in der Bibel stets ein Vertrag ''inter impares'' ist (Lohfink 1964, S. 427) – also zwischen den Menschen hier unten und Gott da oben –, bei denen entweder der Ranghöhere sich selbst zur Unterstützung des Untergebenen verpflichtet oder bei der Untergebene wie hier zur Einhaltung von Geboten und Verordnungen verpflichtet wird, ist die klassische Übersetzung aber nicht sehr treffend. Man ist sich heute recht einig, dass die israelitische Bundes-Theologie sich aus antiken Vasallenverträgen heraus entwickelt hat (vgl. zur Stelle kurz z.B. Assmann 2015b, S. 19). Was Mose hier im Auftrag Gottes dem Volk Israel antragen soll, ist also nicht per se schon positiv; man könnte paraphrasieren: „Ich habe euch ja jetzt aus Ägypten befreit. Im Gegenzug habt ihr nun die Gebote zu halten, die ich euch im Folgenden mitteilen werde.“ ...


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Version vom 8. August 2023, 03:20 Uhr

Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Exodus 19)

(kommt später)

Studienfassung (Exodus 19)

1 Zum dritten Neumond (Im dritten Monat), nachdem die (Söhne Israels=) Israeliten aus dem Land Ägypten ausgezogen waren, an diesem Tag (am selben Tag, am ebensovielten Tag)a kamen sie in die Wüste Sinai (Sin).b

2 Sie zogen von Refidim fort, kamen in die Wüste Sinai und lagerten in der Wüste. Israel lagerte dort gegenüber dem Berg;c 3 Mose indes stieg hinauf zu Gott.d
Und JHWH rief ihm vom Berg her zu {wie folgt}:

„So sollst du (zum Haus Jakobs=) zur Familie Jakobs sagen
und den (Söhnen=) Kindern Israelse erzählen:
4 ‚Ihr habt gesehen,
was ich an (in)f Ägypten getan habe
und [dass] ich euch auf Flügeln des Adlers (Gänsegeiers?)g getragen habe
und euch zu mir gebracht habe.
5 (Und nun: Wenn=) Wenn ihr daher {hörend} auf meine Stimme hören wollt
und (meinen Bund bewahren=) den Vertrag mit mir halten wollt,h
sollt ihr unter allen Völkern mein Vasall (Erwerb)i sein,
obwohl mir die ganze Erde gehört: (denn mir gehört die ganze Erde.; Mir gehört zwar die ganze Erde, aber)
6 Ihr sollt mir ein Königtum von Priestern sein
und eine heilige Nation!‘e

Dies sind die Worte, die du sprechen sollst zu den (Söhnen=) Kindern Israels!“

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Anmerkungen

aZum dritten Neumond..., an diesem Tag - Etwas unklare Zeitangabe. Wahrscheinlich ist sie mit der Marotte eines oder mehrerer Autoren der Priesterschrift zu erklären, nicht nur Großabschnitte mit Zeitangabe statt mit Verb zu einzuleiten (vgl. z.B. Booij 1984, S. 17), sondern auch noch diverse Großereignisse der Heilsgeschichte Israels überflüssig mit „an diesem Tag“ hervorzuheben (Gen 7,11: Sintflut; Ex 12,14.17.41: Pesach; Lev 8,34: Priesterweihe; 16,30: Jom Kippur; gut z.B. Ramban; Propp 2006; Leder 2010, S. 296), was hier zu der redundanten Formulierung „zum dritten Neumond, ... an diesem Tag“ führt. In jedem Fall ist auch nach dieser Zeitangabe klar, dass mit dem Auszug aus Ägypten eine neue Ära angebrochen ist, die eine neue Zeitrechnung erforderlich macht: „[Der Vers] lehrt, dass man die Monate/Neumonde vom Auszug der Israeliten an zählte(Mechilta, Baḥodeš 1; s. Ex 12,2: „Dieser Monat [des Auszugs aus Ägypten] soll euch der Erste der Monate [im Jahr] sein!).
Genauer: Die Zeitangabe wurde auch deshalb schon seit frühester Zeit stark diskutiert, weil im Judentum u.a. an dieser Zeitangabe das Datum des Wochenfests festgemacht wurde (s. z.B. die Diskussion im Talmud, j.Meg iii 6). ḥodš könnte entweder der „Monat“ oder der „Neumond“ sein, was zunächst auf Ähnliches hinausliefe, da der Kalender des Alten Israel ein Mondkalender und der Neumond daher der Beginn eines neuen Monats war. Unklar ist dann aber das folgende an diesem / am selben / am ebensovielten Tag:
(1) Muss man ḥodš i.S.v. „Neumond“ nehmen, so dass mit dem Wort von einem bestimmten Tag die Rede wäre, und dieser Tag würde hier unnötigerweise noch einmal hervorgehoben? „Am 1.3. Anno Exodi, an exakt diesem Tag“ (so z.B. Chizkuni; Kass 2021; R-S: „Am dritten Neumond ..., genau auf den Tag“)? Diese Deutung wird im Judentum präferiert (z.B. bei Jacob 1997; Cassuto 1967; Sarna 1991), da sich für das Wochenfest das Datum 50 Tage nach Pesach durchgesetzt hat (Lev 23,15-17). Der 1.3. wäre dann 45 Tage nach dem 15.1., und die Geschehnisse in Kap. 19 kann man mit etwas gutem Willen auf fünf Tage verteilen, so dass die 10 Gebote in Kap. 20 exakt am Datum des Wochenfests offenbart worden wären, an dem Ex 19-20 auch nach der jüdischen Leseordnung jeweils zu lesen ist.
(2) Muss man ḥodš i.S.v. „Monat“ nehmen...
(2a) ... und „an diesem Tag“ heißt ohne Parallelen „am Ersten diesen Monats“, was auf das selbe Datum wie (1) hinausliefe (so TgJ; Sforno; Utzschneider 2017, S. 12; HfA: „Genau am 1. Tag des 3. Monats“)?
(2b) ... und „am selben Tag“ heißt „am ebensovielten Tag wie der Auszug aus Ägypten“, also am „15.3.“ (s. Ex 12,6.18; so z.B. Houtman 1996; Dohmen 2005; BB: „Genau drei Monate nach dem Auszug aus Ägypten“)? Dann wären die Israeliten am 15.1. aus Ägypten ausgezogen, am 15.2. nach Elim gekommen (Ex 16,1) und am 15.3. zum Sinai.
(2c) ... und „am selben Tag“ bezöge sich auf das dritte in „im dritten Monat“, also „am 3.3.“ (so Tirinus, Menochio, Cornelius a Lapide)?
(2d) ... und „an diesem Tag“ funktioniert ähnlich wie das „das ist heute“ in der Gründonnerstagsliturgie und soll zum Ausdruck bringen, dass die Geschehnisse am Sinai nie passé, sondern immer aktuell sind (ganz fernliegend; so aber der Midrasch Tanchuma Buber; Raschi; Jacob 1997 und Markl 2007, S. 61f. gleichzeitig mit (1); auch 80, HER05: „Im dritten Monat ... - am heutigen Tag - ...“)? (Zurück zu v.1)
bSyr: in die Wüste Sin; alle anderen Versionen: Sinai. Nach der Logik von Ex ist Syr natürlich Unsinn; in der Wüste Sin waren die Israeliten schon vor vielen Tagen (s. Ex 16,1). Doch die Variante in Syr ist vielsagend: Wie der Name „Sinai“ zu erklären ist und warum für den „Berg Sinai“ an manchen Stellen „Berg Horeb“ steht, ist umstritten; eine beliebte Erklärung ist aber, dass Sin-ai soviel heißt wie „der [Berg] in der Wüste Sin“ (vgl. z.B. Clifford 1972, S. 109; zur Lage der Wüste s. WiBiLex) und dass man dies in manchen Quellen durch Horeb („Wüstenei, Wildnis“) ersetzt hätte, weil auch der syrische Gott des Mondes „Sin“ hieß, so dass der biblische Gott den Israelten sonst „auf dem [Berg] des [Gottes] Sin“ begegnet wäre (z.B. Wyatt 2001, S. 93). Hat Syr dissimiliert, indem sie zunächst mit „Wüste Sin“ grob das Gebiet des Lagerns umrissen und dann mit „Wüste Sinai“ genauer den Teil der Wüste um den „Berg Sinai“ angegeben hat? Dann würde das die Herleitung des Namens des Berges von der Wüste Sin und seine Lokalisierung in derselben stützen – denn wo der „Berg Sinai / Horeb“, ist nicht einmal ungefähr klar; zu 14 (!) verschiedenen in der Literatur diskutierten Orten s. OpenBible. (Zurück zu v.1)
cVv. 1-2 kann man zur Not so lesen, dass V. 1 eine Kurzfassung der Reise mit Betonung des Zielorts gibt und V. 2 dann noch einmal im Einzelnen auseinanderlegt, woher genau die Israeliten kamen und wo genau sie ihr Lager aufschlugen. Da in Num 10,12 und Num 10,33.35; 12,16 aber auch doppelt von der Wüste Sinai / dem Berg JHWHs aufgebrochen und nach Paran gewandert wird, ist klar, dass Vv. 1.2a aus zwei unterschiedlichen Quellen stammen (vgl. Davies 1983, S. 3f.; => Redaktionskritik).
tFN: Dass V. 1 aus P stammt, ist offensichtlich (s.o.); 2a (dazu vgl. Ex 12,37a; 13,20; 16,1; 17,1 und z.B. Hutzli 2023, S. 267) gehört demnach zu einer älteren Quelle als P – wahrscheinlich aus J, s. im Anliegen. (Zurück zu v.2)
dNach jüd. Auslegung am zweiten Tag, s. Mechilta; Raschi. (Zurück zu v.3)
eFamilie Jakobs ... Söhne Israels - w. „Haus Jakobs“; eine wörtl. Übersetzung verschleiert aber, dass „Haus Jakobs“ eine soziale Größe ist: „Haus“ ist eine häufige Wechselbezeichnung für das „Haus eines Vaters“, also für die Sozialstruktur der Großfamilie, bei der um den Wohnsitz eines Stammvaters herum die Wohnsitze seiner Nachkommen angeordnet sind. Dem entspricht in der nächsten Zeile die Rede von den „Kindern Israels“. Israel ist dabei bekanntlich Zweitname des Patriarchen Jakobs, weshalb auch in 3c Jakob als Wechselbegriff für „Israel“ verwendet werden kann. Gott wendet sich an Israel also zu Beginn dieses kurzen Gedichts mit zwei Familien-Begriffen (ähnlich gut Kass 2021, S. 290: „vor-nationale oder vor-staatliche Bezeichnungen“), was dadurch noch verstärkt wird, dass das Volk näher bestimmt wird als die Nachkommenschaft ihres gemeinsamen Vorfahren Jakob/Israel.
In V. 6 werden am Ende des Gedichts nach der Rede vom „Vertrag“ dagegen demonstrativ zwei politische Begriffe verwendet: heilige Nation statt dem üblichen „heiliges Volk“, weil ´am („Volk“) ursprünglich ebenfalls ein Begriff aus dem Umfeld der Familie ist (gut Hausmann 1999, S. 113), und Königtum (s. dazu dort).
tFN: Weder aus dem im AT singulären Parallelismus „Haus Jakobs ... / Söhne Israels“ noch aus der „heiligen Nation“ statt dem „heiligen Volk“ noch aus „Vasall“ statt „Vasallen-Volk“ darf man daher automatisch Rückschlüsse auf die Entstehungszeit von Vv. 3-8 ziehen (so z.B. Perlitt 1969, S. 169-174; Ska 2009 [=1999], S. 144.146; Gertz 2000, S. 227; Römer 2009, S. 133; => Redaktionskritik), da sie rhetorisch zu erklären sind. Die Vorstellung vom „Bund“ ist auch klar deuteronom(ist)isch und nicht (nach)priesterschriftlich (richtig Perlitt 1969, S. 171; Aurelius 2003, S. 151f.). Das stärkste Argument für eine nach-deuteronomistische Entstehungszeit ist daher zunächst der Ausdruck „Königtum von Priestern“. Dazu s. aber unten und vgl. (wie auch zu anderen Argumenten für nachdeuteronomistische Entstehungszeit) Aurelius 2003, S. 141-151. Zum typisch deuteronomistischen Stil von Vv. 3-8 s. z.B. Dozeman 2009; Oswald 2014, S. 181. (Zurück zu v.3 / zu v.6)
fTextkritik: MT: an Ägypten, d.h. „was ich den Ägyptern angetan habe“, z.B. am Schilfmeer. Viele Handschriften inkl. Tg-Hss. dagegen mit anderer Präp. in Ägypten, was sich nur auf die Plagen bezöge. Zwischen beiden Varianten lässt sich kaum entscheiden; die meisten Vrs. stützen aber MT. (Zurück zu v.4)
g
Bild 2: Ausschnitt von der Goldschale von Hasanlu (10./9. Jhd. v. Chr.): Frau fliegt auf Adler gen Himmel; darüber das Reich der Götter. CC-BY-SA-4.0 via Wikimedia
Bild 1: Ausschnitt aus Rollsiegel: Adler trägt Etana in den Himmel (24./23. Jhd. v. Chr.). (c) BM 129480
Bild 4: Faustina die Jüngere reitet auf Adler. Römische Münze, spätes 2. Jhd. (c) BM, R. 14738
Bild 3: Entführung Ganymeds. Gemälde im palmyrenischen „Grab der drei Brüder“ (2. Jhd. n. Chr.). (c) wmf.org
Heb. nescher; trad. „Adler“. Spätestens, seit Tristram 1883, S. 172 erklärt hat, gemeint sein müsse der Gänsegeier, weil in Mi 1,16 („Mache dich kahl und schere dich wegen der Kinder deiner Wonne; mach deine Kahlheit größer wie der nescher, denn sie wurden von dir hinweg exiliert!“) von der Kahlköpfigkeit dieses Vogels die Rede sei und weil das Arabische nissr klar den Gänsegeier meine, wird in Lexika (anders als in Kommentaren) immer häufiger stattdessen „Geier“ vorgeschlagen (z.B. Kronholm in ThWAT V, Sp. 680-689; Keel/Küchler/Uehlinger 1984, S. 154-157; Adler (WiBiLex); auführlich auch Schroer 1996 und nach ihr Wüste 2018, S. 160-163; letztlich zeigt Schroer aber nur, dass im Orient übrigens häufig auch Geier abgebildet wurden). Hier daher auch Dohmen 2005: „Dann habe ich euch auf Geiersflügeln getragen.“ (ebenso z.B. Propp 2006; Utzschneider 2017, S. 13. Dagegen z.B. Houtman 1996; Dozeman 2009; Albertz 2015: „Adler“).
Plinius berichtet in NatHist X 3, dass von alten Naturkundlern bisweilen z.B. auch der Lämmergeier zur Gattung der „Adler“ gerechnet wurde; wahrscheinlich lassen sich die beiden Vögel terminologisch also nicht so klar scheiden, wie Exegeten dies gerne hätten. Ob daher jeweils besser mit „Adler“ oder „Geier“ zu übersetzen ist, hängt vom jeweiligen Kontext ab (so am sinnvollsten UBS 1980, S. 82). Und der spricht hier und im parallelen Vers Dtn 32,11 sehr stark für „Adler“:
Dass Menschen von Adlern getragen worden seien, ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie. Der sumerische König Etana etwa wird im gleichnamigen Epos (24. Jhd. v. Chr.?) von einem Adler zum Himmel getragen (Bild 1). Auf der Goldschale von Hasanlu (10./9. Jhd. v. Chr.?) reitet eine unbekannte Frau auf einem Adler hinauf zum Reich der Götter (Bild 2). Aelian berichtet in NA XII.21 davon, „Gilgamosch“ [sic] sei, als er als Säugling aus dem Fenster geworfen werden sollte, von einem Adler gerettet und zu seiner Ziehmutter getragen worden. Henkelman 2006, S. 823-825 vermutet als direkte Quelle Ktesias von Knidos (5./4. Jhd. v. Chr.), der dies wiederum aus mesopotamischen Quellen geschöpft hätte. Zeus entführt Ganymed in Gestalt eines Adlers zum Olymp, und weil dies als Allegorie für den Transport von Seelen in den Himmel verstanden wurde, mauserten sich (Ganymed und) der Adler zu einem der häufigsten Motive in nabatäischen und palmyrenischen Gräbern (Bild 3). Auf römischen Darstellungen reiten Kaiser:innen v.a. des 2. Jhds. sogar häufig auf Adlern (Bild 4); dies steht für ihre „Apotheose“ oder „Vergöttlichung“ (vgl. z.B. Filipek 2023, S. 17), also eine andere Art der Himmelfahrt. Nach vier dieser fünf Zeugnisse dürfte der Transport auf Adlerflügeln also ein aufgeladenes Bild sein, das den Sinai auf eine Stufe mit dem Himmelreich hebt (gut Graupner 2021, S. 373; andernfalls müsste man den Ausdruck verstehen als Metapher dafür, dass die vorangegangene Reise schnell und beschwingt wie auf Adlers Flügeln vonstatten ging, was nach den vorangegangenen Kapiteln absurd wäre [so aber z.B. Albertz 2015: „(gesprochen) mit einem kleinen verzeihenden Lächeln“]). Allerdings ist der Sinai nicht der Olymp (zu etwas ähnlichem wird er erst in Ex 24,9f. werden): Gott hat als Adler die Israeliten zu sich gebracht; der Sinai ist olympisch erst durch seine Anwesenheit.
In Dtn 32,11 ist dieses Bild mit einem weiteren verbreiteten Volksglauben verquickt: In „Wie ein Adler sein Nest aufstört, über seinen Jungen schwebt, seine Flügel ausbreitet, es [= Israel] aufnimmt, es trägt auf seinen Schwingen“ spielen die letzten drei Verben auf die selbe Vorstellung wie unser Vers an, die ersten beiden dagegen auf den Glauben, Adler scheuchten ihre Jungen aus dem Nest (wonach sie vom Bartgeier großgezogen würden; vgl. Aristoteles, HistAn IX 23.2; Plinius, NatHist X 3; Ambrosius, Hex V 18.60 u.ö.). Im Gegensatz zum Adler hat Gott die Israeliten aus ihrem Nest gescheucht, um sie dann auf Adlers Schwingen zu tragen.
Genauer: Auch darüber hinaus sind Tristrams Argumente ohnehin nicht sehr stark. Ob auch in den alten arabischen Zeugnissen mit nisr wirklich stets der Gänsegeier gemeint ist, lässt sich gar nicht beurteilen; meist wird es ebenso wie arab. nasr als Bezeichnung sowohl für den Geier als auch für den Adler verstanden. Verwandt ist z.B. akk. našru, ein nur einmal in einem Glossar belegtes Synonym für erû („Adler“). Dass weiter Mi 1,16 auf die Glatzköpfigkeit des nescher abziele, ist auch überhaupt nicht klar. Gerade die Kahlheit am Kopf kann ein nescher ja nicht „vergrößern“. Den Schlüssel zu diesem Vers dürfte Ps 103,5 enthalten: Dieser Vers spricht davon, dass ein nescher „seine Jugend erneut“. Auch das passt am besten zum Adler; vgl. Physiologus 6 (2.-4. Jhd.): „Wenn der Adler alt wird, so werden seine Flügel schwer und seine Augen verdunkeln sich. Dann sucht er eine klare Quelle und fliegt von hier empor zur Sonne, wo er die Flügel und Augen ausbrennt. Darauf lässt er sich herab in die Quelle, taucht dreimal darin unter und wird so verjüngt.(Üs.: Lauchert. Auf diesen Mythos wird gewiss auch im Etana-Epos angespielt, als der federlose Adler Tag für Tag zum Sonnengott Schamasch betet und dieser ihm daraufhin Etana schickt, mit dessen Hilfe ihm neues Gefieder wächst. Abgebildet findet man sie z.B. hier). Alte Ausleger haben daher Ps 103,5 entweder direkt mit diesem Mythos erklärt oder mit der Mauser, mit der Adler ebenfalls ihr Gefieder erneuten und sich so „verjüngten“ (vgl. z.B. Maximus von Turin [4. Jhd.], Sermo 55; Saadja; Raschi; weitere bei Bochart II S. 168f.; zum sich mausernden Adler z.B. auch Wünch 2016, S. 3). Auf beide Weisen würde der Adler seine „Kahlheit“ sogar maximal „vergrößern“, anders als der Geier. Ich (S.W.) bin daher unsicher, ob es überhaupt an einer Stelle sinnvoll ist, von der üblichen Üs. „Adler“ abzugehen.
Bild 6: Oben: Vergleich von Vogel-Apkallu mit Mönchsgeier. (c) Huxley 2000, S. 131.
Unten: Assyrisches Rollsiegel (12./11. Jhd. v. Chr.): Greif und Vogel-Apkallu kämpfen um Bullen. (c) Morgan Seal 608
Bild 5: Nisroch-Apkallu (?). Assyrisches Relief, 9. Jhd. v. Chr. (c) Babylon Chronicles
Ein weiteres schwaches Indiz könnte schließlich auch noch der assyrische Nisroch sein, von dem 2 Kön 19,37 = Jes 37,38 sprechen. Nach Layard 1850, S. 260 wurde er häufig mit dem Götterwesen auf Bild 5, das vor allem auf und an vielen assyrischen Portalen abgebildet ist, und als nišr-ok mit heb. našr, arab. nasr / nisr, akk. našru und weiteren sem. Kognaten in Verbindung gebracht und dann als „Großer Adler“ erklärt. Eingewandt wurde ebenso häufig, dass im Akkadischen das Wort nišr- gar nicht und der Göttername Nisroch nur in der Bibel belegt sei (vgl. zur Diskussion z.B. DDD, S. 630-632; Kraeling 1933). Das für sich wären noch keine starken Argumente: Ersteres ist seit der Veröffentlichung des Glossars mit našru nicht mehr richtig, letzteres hat wenig Schlagkraft, da es für viele kleine Götter und viele Beinamen auch bekannter Götter im Akkadischen nur je einen Beleg gibt. Seit Wiggerman 1992, bes. S. 75f. ist aber klar, dass es sich bei diesem Vogelwesen nicht um einen Gott im engen Sinn handelt, sondern um einen göttlichen Apkallu (hier: „exorzierender Schutzgeist“). Dennoch könnte dieses Wesen mit „Nisroch“ gemeint sein: Josephus fasst Nisroch in JosAnt x 5,1 nicht als Götternamen, sondern als Bezeichnung des Tempels, das dann also das „Nisroch-Haus seines Gottes“ wäre. Das lässt der hebräische Text zu. Wir wissen erstens, dass dieses Vogelwesen erst seit der Zeit Sennacheribs prominent in Tempeln und Palästen dargestellt war (vgl. Black/Green 1998, S. 143) und zweitens, dass Sennacherib in der Tat den Tempel „seines Gottes Assur“ mit diesem Vogelwesen ausgestattet hatte (vgl. z.B. Huxley 2000, S. 128-130). Ist „Nisroch“ wirklich der oben abgebildete Schutzgeist und konnte ein Tempel nach diesem als „Nisroch-Haus“ bezeichnet werden – beides unsichere Annahmen –, wären 2 Kön 19,37; Jes 37,38 ironisch zu verstehen: Gerade im erst seit Neuestem nach diesem Schutzgeist benannten und von ihm behüteten „Haus“ wäre Sennacherib mitten im Gebet von seinen beiden Söhnen erschlagen worden. Ist das richtig, wäre auch die Rede vom „Nisroch-Haus“ ein Indiz dafür, dass heb. nescher mindestens auch den Adler bezeichnen konnte: Der Kopf des Apkallu ist klar ein Adlerkopf. Huxley 2000, S. 130-132 hat zwar stark dafür argumentiert, dass das markante Kopfgefieder das Gefieder am Hals eines Mönchsgeiers darstellen soll, aber das Kopfgefieder ist exakt das selbe wie beim assyrischen Greifen, was sehr stark dafür spricht, dass es ein Adlerkopf sein soll. (Zurück zu v.4)
hVertrag - klassisch: „Bund“; ein Schlüsselwort des Ersten Testaments (testamentum übrigens ist die Üs. der VL dieses Worts). Weil der „Bund“ zwischen Gott und Mensch in der Bibel stets ein Vertrag inter impares ist (Lohfink 1964, S. 427) – also zwischen den Menschen hier unten und Gott da oben –, bei denen entweder der Ranghöhere sich selbst zur Unterstützung des Untergebenen verpflichtet oder bei der Untergebene wie hier zur Einhaltung von Geboten und Verordnungen verpflichtet wird, ist die klassische Übersetzung aber nicht sehr treffend. Man ist sich heute recht einig, dass die israelitische Bundes-Theologie sich aus antiken Vasallenverträgen heraus entwickelt hat (vgl. zur Stelle kurz z.B. Assmann 2015b, S. 19). Was Mose hier im Auftrag Gottes dem Volk Israel antragen soll, ist also nicht per se schon positiv; man könnte paraphrasieren: „Ich habe euch ja jetzt aus Ägypten befreit. Im Gegenzug habt ihr nun die Gebote zu halten, die ich euch im Folgenden mitteilen werde.“ ... (Zurück zu v.5)
iVasall (Erwerb) - Heb. sigulah, ein theologisches Schlüsselwort: Israel ist auch laut Ps 135,4 und Mal 3,17 sigulah Gottes; in Dtn 7,6; 14,2; 26,18; Tit 2,14 heißt Israel sehr ähnlich „sigulah-Volk Gottes“. Sehr nah ist auch der Ausdruck ´am naḥalah („Erb-Volk Gottes“; Dtn 4,20; ähnlich Dtn 9,26.29; 32,9; 1 Kön 8,51.53). sigulah steht dabei entweder für den Gewinn, den Gott sich erarbeitet hat – genauer also dafür, dass Gott sich Israel als Erbvolk für seine Befreiung aus Ägypten und Führung durch die Wüste erworben hat –, oder wegen dem folgenden Vers noch wahrscheinlicher für den Benefizianten-Stand Israels – genauer also dafür, dass Israel sich Gott für seine Wohltaten freiwillig unterworfen hat. Beide Bedeutungen treffen sich am besten im Wort „Vasall“: Israel soll Gott für sein Beneficium der Befreiung aus Ägypten und Führung durch die Wüste die Vasallentreue schwören; im Gegenzug fordert Gott per Vasallenrecht die Einhaltung des Bundesbuchs in den folgenden Kapiteln, und Israel wiederum wird dafür das Land Kanaan als Lehen erhalten.
Genauer: Der Unterschied zwischen den Begriffen sigulah und naḥalah lässt sich aus dem rabbinischen Hebräisch und der Verwendung des verwandten akkadischen Wortes sikiltu(m) erhellen: Es bezeichnet dort präziser Eigentum, das man sich erarbeitet hat, indem man mit geliehenem Geld gewirtschaftet, indem man gespart oder indem man Kriegsbeute erbeutet hat (vgl. ThWAT V s.v.; auch Greenberg 1951; Held 1961, S. 11f.; Speiser 1956b; Stellen auch bei Lohfink 1969, S. 545f. FN 87. Letzteres auch in Pred 2,8). Besonders oft wird das Wort verwendet, wenn minderjährige Kinder, Frauen oder Angehörende armer Bevölkerungsgruppen sich ungewöhnlicherweise eigenes Eigentum erarbeiten. Die LXX übersetzt daher treffend in Mal 3,17 mit peripoiäsis („Gewinn“) und sonst mit periousios („überschüssig“, vgl. periousia: „Überschuss, Überfluss“). Vgl. deutlich Mekilta, Baḥodeš 2 zu unserer Stelle: „[Der Ausdruck bedeutet:] Ihr seid mir genau so kostbar wie jemandem seine sigulah kostbar ist. Aber Rabbi Joschua ben Korcha [2. Jhd.] meinte, der Ausdruck diene nur der Lebendigkeit [der Darstellung]: Gerade dafür, dass man es nicht wirklich so versteht wie ‚Ihr seid msgln [=erarbeiteter Gewinn] für mich wie die Frau von ihrem Ehemann msglt [= die Frau mit der Habe ihres Mannes Gewinn für sich selbst erwirtschaftet], der Sohn von seinem Vater, der Knecht von seinem Herrn und die Magd von ihrer Herrin‘, fährt die heilige Schrift fort mit: ‚Die ganze Erde gehört mir‘.“ Gemeint ist i.d.R. also gerade nicht „kostbares Eigentum“ (Houtman 1996: „precious possession“; Kass 2021, S. 287: „treasure“; Markl 2007, S. 63; Assmann 2015, S. 429: „Juwel“), wie 1 Chr 29,3 nahelegen könnte: Gesagt wird dann dort nach V. 2 wahrscheinlich, dass David nicht nur seine aktuelle Habe für den Tempel aufgewandt hat (V. 2), sondern darüber hinaus (´od + lama´lah, V. 3) hat er auch noch weiteren Besitz nur dafür erarbeitet, um damit ebenfalls den Tempel auszustatten. Der Unterschied der Ausdrücke ´am naḥalah („Eigentumsvolk“) und ´am / goj sigulah wäre danach also genauer der, dass Ersterer beschreibt, dass Israel Gottes Eigentum ist, Letzerer dagegen, dass er sich dieses Eigentumsvolk erworben hat wie hier durch sein Handeln in Ägypten und der Wüste.
Neben dieser ökonomischen Verwendung des Wortes gibt es im Akkadischen und Ugaritischen aber außerdem einen politisch-religiöen Gebrauch: Man ist jemandes sikiltu(m) / sglt, wenn man dessen Untergebener ist. So ist in RS 18.038 für den hethitischen Großkönig der ugaritische König Ammurapi sein sglt, im Mari-Brief ARM XIV 81 fragt Königin Schibtu sarkastisch über eine andere Königin: „Bin ich etwa ihre Dienerin, ihre Magd oder ihre šagiltam!?(29f.). Besonders häufig ist jemand aber sikiltu(m) einer Gottheit – so in den Eigennamen Sikilti-Adad (Sigulah des Hadad“), Sikilti-Uqur (Sigulah des Uqur“) und der Kurzform Sikiltum (Sigulah); auch auf Alalakh-Tafel II wird König Abban mit einer ähnlichen Reihung wie in ARM XIV bezeichnet als „Diener von Haddu, Liebling von Haddu, sikiltum von...(76). Welches Verhältnis genau mit diesem Begriff ausgedrückt wird, ist nicht klar. Bes. nach ARM XIV 81 ist jemandes sikiltum diesem wahrscheinlich untergeben; spielt auch hier die übliche Bed. von sikiltum mit hinein – wovon auszugehen ist –, wird er ihm außerdem untergeben sein wegen einer Leistung des Höhergestellten. Am besten übersetzt man daher wie vorgeschlagen mit „Vasall“. (Zurück zu v.5)