Exodus 19

Aus Die Offene Bibel

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Syntax ungeprüft

Status: Studienfassung in Arbeit – Einige Verse des Kapitels sind bereits übersetzt. Wer die biblischen Ursprachen beherrscht, ist zum Einstellen weiterer Verse eingeladen. Auf der Diskussionsseite kann die Arbeit am Urtext dokumentiert werden. Dort ist auch Platz für Verbesserungsvorschläge und konstruktive Anmerkungen.
Status: Lesefassung folgt später – Bevor eine Lesefassung erstellt werden kann, muss noch an der Studienfassung gearbeitet werden. Siehe Übersetzungskriterien und Qualitätssicherung Wir bitten um Geduld.

Lesefassung (Exodus 19)

(kommt später)

Studienfassung (Exodus 19)

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4 Adler (Gänsegeier?)a

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Anmerkungen

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Bild 2: Ausschnitt von der Goldschale von Hasanlu (10./9. Jhd. v. Chr.): Frau fliegt auf Adler gen Himmel; darüber das Reich der Götter. CC-BY-SA-4.0 via Wikimedia
Bild 1: Ausschnitt aus Rollsiegel: Adler trägt Etana in den Himmel (24./23. Jhd. v. Chr.). (c) BM 129480
Bild 4: Faustina die Jüngere reitet auf Adler. Römische Münze, spätes 2. Jhd. (c) BM, R. 14738
Bild 3: Entführung Ganymeds. Gemälde im palmyrenischen „Grab der drei Brüder“ (2. Jhd. n. Chr.). (c) wmf.org
Heb. nescher; trad. „Adler“. Spätestens, seit Tristram 1883, S. 172 erklärt hat, gemeint sein müsse der Gänsegeier, weil in Mi 1,16 („Mache dich kahl und schere dich wegen der Kinder deiner Wonne; mach deine Kahlheit größer wie der nescher, denn sie wurden von dir hinweg exiliert!“) von der Kahlköpfigkeit dieses Vogels die Rede sei und weil das Arabische nissr klar den Gänsegeier meine, wird in Lexika (anders als in Kommentaren) immer häufiger stattdessen „Geier“ vorgeschlagen (z.B. Kronholm in ThWAT V, Sp. 680-689; Keel/Küchler/Uehlinger 1984, S. 154-157; Adler (WiBiLex); auführlich auch Schroer 1996 und nach ihr Wüste 2018, S. 160-163; letztlich zeigt Schroer aber nur, dass im Orient übrigens häufig auch Geier abgebildet wurden). Hier daher auch Dohmen 2004: „Dann habe ich euch auf Geiersflügeln getragen.“ (ebenso Propp 2006. Dagegen z.B. Houtman 1996; Dozeman 2009; Albertz 2015: „Adler“).
Plinius berichtet in NatHist X 3, dass von alten Naturkundlern bisweilen z.B. auch der Lämmergeier zur Gattung der „Adler“ gerechnet wurde; wahrscheinlich lassen sich die beiden Vögel terminologisch also nicht so klar scheiden, wie Exegeten dies gerne hätten. Ob daher jeweils besser mit „Adler“ oder „Geier“ zu übersetzen ist, hängt vom jeweiligen Kontext ab (so am sinnvollsten UBS 1980, S. 82). Und der spricht hier und im parallelen Vers Dtn 32,11 sehr stark für „Adler“:
Dass Menschen von Adlern getragen worden seien, ist ein verbreitetes Motiv in der Mythologie. Der sumerische König Etana etwa wird im gleichnamigen Epos (24. Jhd. v. Chr.?) von einem Adler zum Himmel getragen (Bild 1). Auf der Goldschale von Hasanlu (10./9. Jhd. v. Chr.?) reitet eine unbekannte Frau auf einem Adler hinauf zum Reich der Götter (Bild 2). Aelian berichtet in NA XII.21 davon, „Gilgamosch“ [sic] sei, als er als Säugling aus dem Fenster geworfen werden sollte, von einem Adler gerettet und zu seiner Ziehmutter getragen worden. Henkelman 2006, S. 823-825 vermutet als direkte Quelle Ktesias von Knidos (5./4. Jhd. v. Chr.), der dies wiederum aus mesopotamischen Quellen geschöpft hätte. Zeus entführt Ganymed in Gestalt eines Adlers zum Olymp, und weil dies als Allegorie für den Transport von Seelen in den Himmel verstanden wurde, mauserten sich (Ganymed und) der Adler zu einem der häufigsten Motive in nabatäischen und palmyrenischen Gräbern (Bild 3). Auf römischen Darstellungen reiten Kaiser:innen v.a. des 2. Jhds. sogar häufig auf Adlern (Bild 4); dies steht für ihre „Apotheose“ oder „Vergöttlichung“ (vgl. z.B. Filipek 2023, S. 17), also eine andere Art der Himmelfahrt. Nach vier dieser fünf Zeugnisse dürfte der Transport auf Adlerflügeln also ein aufgeladenes Bild sein, das das gelobte Land auf eine Stufe mit dem Himmelreich hebt (gut Graupner 2021, S. 373).
Genauer: Auch darüber hinaus sind Tristrams Argumente ohnehin nicht sehr stark. Ob auch in den alten arabischen Zeugnissen mit nisr wirklich stets der Gänsegeier gemeint ist, lässt sich gar nicht beurteilen; meist wird es ebenso wie arab. nasr als Bezeichnung sowohl für den Geier als auch für den Adler verstanden. Verwandt ist z.B. akk. našru, ein nur einmal in einem Glossar belegtes Synonym für erû („Adler“). Dass weiter Mi 1,16 auf die Glatzköpfigkeit des nescher abziele, ist auch überhaupt nicht klar. Gerade die Kahlheit am Kopf kann ein nescher ja nicht „vergrößern“. Den Schlüssel zu diesem Vers dürfte Ps 103,5 enthalten: Dieser Vers spricht davon, dass ein nescher „seine Jugend erneut“. Auch das passt am besten zum Adler; vgl. Physiologus 6 (2.-4. Jhd.): „Wenn der Adler alt wird, so werden seine Flügel schwer und seine Augen verdunkeln sich. Dann sucht er eine klare Quelle und fliegt von hier empor zur Sonne, wo er die Flügel und Augen ausbrennt. Darauf lässt er sich herab in die Quelle, taucht dreimal darin unter und wird so verjüngt.(Üs.: Lauchert. Auf diesen Mythos wird gewiss auch im Etana-Epos angespielt, als der federlose Adler Tag für Tag zum Sonnengott Schamasch betet und dieser ihm daraufhin Etana schickt, mit dessen Hilfe ihm neues Gefieder wächst). Alte Ausleger haben daher Ps 103,5 entweder direkt mit diesem Mythos erklärt oder mit der Mauser, mit der Adler ebenfalls ihr Gefieder erneuten und sich so „verjüngten“ (vgl. z.B. Maximus von Turin [4. Jhd.], Sermo 55; Saadja; Raschi; weitere bei Bochart II S. 168f.; zum sich mausernden Adler z.B. auch Wünch 2016, S. 3). Auf beide Weisen würde der Adler seine „Kahlheit“ sogar maximal „vergrößern“, anders als der Geier. Ich (S.W.) bin daher unsicher, ob es überhaupt an einer Stelle sinnvoll ist, von der üblichen Üs. „Adler“ abzugehen.
Bild 6: Oben: Vergleich von Vogel-Apkallu mit Mönchsgeier. (c) Huxley 2000, S. 131.
Unten: Assyrisches Rollsiegel (12./11. Jhd. v. Chr.): Greif und Vogel-Apkallu kämpfen um Bullen. (c) Morgan Seal 608
Bild 5: Nisroch-Apkallu (?). Assyrisches Relief, 9. Jhd. v. Chr. (c) Babylon Chronicles
Ein weiteres schwaches Indiz könnte schließlich auch noch der assyrische Nisroch sein, von dem 2 Kön 19,37 = Jes 37,38 sprechen. Nach Layard 1850, S. 260 wurde er häufig mit dem Götterwesen auf Bild 5, das vor allem auf und an vielen assyrischen Portalen abgebildet ist, und als nišr-ok mit heb. našr, arab. nasr / nisr, akk. našru und weiteren sem. Kognaten in Verbindung gebracht und dann als „Großer Adler“ erklärt. Eingewandt wurde ebenso häufig, dass im Akkadischen das Wort nišr- gar nicht und der Göttername Nisroch nur in der Bibel belegt sei (vgl. zur Diskussion z.B. DDD, S. 630-632; Kraeling 1933). Das für sich wären noch keine starken Argumente: Ersteres ist seit der Veröffentlichung des Glossars mit našru nicht mehr richtig, letzteres hat wenig Schlagkraft, da es für viele kleine Götter und viele Beinamen auch bekannter Götter im Akkadischen nur je einen Beleg gibt. Seit Wiggerman 1992, bes. S. 75f. ist aber klar, dass es sich bei diesem Vogelwesen nicht um einen Gott im engen Sinn handelt, sondern um einen göttlichen Apkallu (hier: „exorzierender Schutzgeist“). Dennoch könnte dieses Wesen mit „Nisroch“ gemeint sein: Josephus fasst Nisroch in JosAnt x 5,1 nicht als Götternamen, sondern als Bezeichnung des Tempels, das dann also das „Nisroch-Haus seines Gottes“ wäre. Das lässt der hebräische Text zu. Wir wissen erstens, dass dieses Vogelwesen erst seit der Zeit Sennacheribs promiment in Tempel und Palästen dargestellt war (vgl. Black/Green 1998, S. 143) und zweitens, dass Sennacherib in der Tat den Tempel „seines Gottes Assur“ mit diesem Vogelwesen ausgestattet hatte (vgl. z.B. Huxley 2000, S. 128-130). Ist „Nisroch“ wirklich der oben abgebildete Schutzgeist und konnte ein Tempel nach diesem als „Nisroch-Haus“ bezeichnet werden – beides unsichere Annahmen –, wären 2 Kön 19,37; Jes 37,38 ironisch zu verstehen: Gerade im erst seit Neuestem nach diesem Schutzgeist benannten und von ihm behüteten „Haus“ wäre Sennacherib mitten im Gebet von seinen beiden Söhnen erschlagen worden. Ist das richtig, wäre auch die Rede vom „Nisroch-Haus“ ein Indiz dafür, dass heb. nescher mindestens auch den Adler bezeichnen konnte: Der Kopf des Apkallu ist klar ein Adlerkopf. Huxley 2000, S. 130-132 hat zwar stark dafür argumentiert, dass das markante Kopfgefieder das Gefieder am Hals eines Mönchsgeiers darstellen soll, aber das Kopfgefieder ist exakt das selbe wie beim assyrischen Greifen, was sehr stark dafür spricht, dass es ein Adlerkopf sein soll. (Zurück zu v.4)